Part 34
Von da an war unser Bursche kein aufmerksamer Hörer der Predigt mehr, und auch die Rede des Schullehrers ging ungewürdigt an ihm vorüber. Es begann ihn zu reuen, daß er der Mutter nachgegeben; und nur mechanisch ging er mit andern Zuschauern auf den Tanzboden. Was er da sah, war gleichfalls nicht geeignet, ihn aufzuheitern.
Als das Brautpaar die drei Reihen getanzt hatte, wirbelten bald zwölf Paare herum -- und unter diesen der Schneider mit der Gret. -- -- Alles was recht ist: der Schneider tanzte vortrefflich. Er kam dabei sogar ein bischen größer heraus, sintemal er städtisch hüpfte; er hatte die Gret fest am Kittel gefaßt und drehte sie kräftiger herum, als man's ihm zugetraut hätte. Dabei schimmerte sein glattes Gesicht in dem Vergnügen seines Herzens und in anmuthiger Selbstgefälligkeit, so daß er allgemein gefiel. Nur unserm Burschen mißfiel er. Namentlich war diesem das selbstgefällige Lächeln des kleinen Kerls in einer Art zuwider, daß er's ihm gerne durch eine Ohrfeige vertrieben hätte, wobei ihm Hören und Sehen vergangen wäre. Allein das ging nicht an, er mußte seinen Verdruß hinunterschlucken. Er wäre in die Stube zurückgegangen, wenn er nicht der Gret hätte zeigen wollen, daß ihn diese Tanzerei durchaus nicht schenire! Das schien ihm aber seiner Würde gemäß. Indem er ein gleichgültiges Gesicht zu machen suchte, gelang es ihm wenigstens ein freudloses hervorzubringen, das an ihm Niemand auffiel.
Eine Tänzerin wie die Gret ließ man dem Schneider nicht allein. Ein andrer Lediger nahm sie ihm ab und drehte sich, wenn auch mehr auf dem Boden, ebenso lustig mit ihr im Reihen. Michel hatte wenigstens die Genugthuung zu sehen, daß das Mädchen mit diesem just so vergnügt, ja fast noch vergnügter aussah, wie mit dem Nebenbuhler. Es kam ihm der Gedanke, sie könnte den Schneider auch nur für'n Narren halten; und das war ihm ergötzlich und erheiterte seine Züge. Ein Schmunzeln der Schadenfreude umspielte seine Lippen, als er das Bürschchen aus einer Ecke, und zwar mit einem gewissen Ernst im Gesicht, auf das Paar schauen sah. Er verzieh ihm und konnte nicht umhin, die Tänzerin wohlwollender und unbefangener zu betrachten.
Die Gret, obwohl sie ihm nicht ins Gesicht sah, mußte doch etwas gemerkt haben. Als sie wieder im Reihen an ihm vorüberging, glänzte ein Lächeln auf ihrem Gesicht, das ihm galt -- ein Lächeln, wie es gefallen muß, kein falsches, sondern ein gutes Lächeln. Das Herz unsers Burschen begann aufzuthauen. Aber es sollte noch besser kommen. Das Wirthsmädchen hatte wiederholt zum Essen gerufen, die Musik verstummte, mit einer Art von Gedränge gings der Thüre zu. Die Gret kam in die Nähe des Burschen, sie schaute ihm ins Gesicht und sagte mit einem Tone, aus welchem die Seele klang, zugleich heiter, weich und süß: »Godden Dag, Michel! Bist oh auf d'r Hoaxet?« Michel konnte in der Ueberraschung allerdings kein ebenso freundliches Gesicht machen -- gewissermaßen brummte er nur sein Ja. Allein die Gret schien das nicht schlimm zu deuten; vielmehr sagte sie: »No, mach de nor recht lusteng«, nickte ihm aufmunternd zu und setzte sich an ihren Tisch.
Das war denn doch freundlich! Da gebe sich einer nicht erneuerter Hoffnung und glücklichen Empfindungen hin! -- Michel setzte sich an seinen Tisch, und da er dem Frühmahl wenig Theilnahme geschenkt hatte, so aß er jetzt im Verhältniß zu seiner Statur -- so ziemlich mit dem Appetit eines Herkules. Ländlich, sittlich. Ein romantisch Gebildeter hätte vielleicht nach einem so holdseligen Gruße der Geliebten lange nichts gegessen und nur von dem geistigen Leben seines Herzens gezehrt; -- unsern Burschen trieb eben die Seelenfreude auch zur Erfreuung des Leibes. Das Mahl war vortrefflich -- die Schöpfung einer Wirthin, die mehr nach Lob als nach Gewinn trachtete -- und er ließ es sich schmecken, so lange der Appetit seine Kraft behauptete. Dies war lange, da das braune Bier, das er sich geben ließ, sie wiederholt erneuerte. Er fügte auch noch dem Braten eine ziemlich bedeutende Wunde zu und konnte nur wenig »einwickeln« lassen, um es der Mutter heimzubringen.
Die Genüsse des Mahles und das Glück der Liebe und der Hoffnung harmonirten in ihm durchaus. Die Blicke, die er zu dem Tisch hinüber warf, an dem die Gret saß, wurden immer herzhafter, und er fühlte sich so wohl wie seit langer Zeit nicht. In seinem Behagen erfüllte er sogar die Unterhaltungspflicht an seinem Tisch und sprach über die Preise, die das Korn, der Roggen und die Gerste im Herbst haben und im Winter behaupten würden, Gedanken aus, die, wenn sie nicht unfehlbar waren, doch mit einer Miene gegeben wurden, als ob sie es wären, und bei den ältern Männern lächelnde Zustimmung fanden.
Der Tanz begann wieder. Michel hatte sich erhoben, und als die Gret von einem dritten Burschen an ihm vorbeigeführt wurde, hatte er schon den Muth, ihr mit einem gewissen väterlichen Wohlwollen zuzurufen: »Scho' widder auf da' Da'zboda'! O uir (ihr) Weibsbilder!« -- »Was will e doa'?« erwiederte die Gret. »Wer a'fangt, mueß furtmacha'!« Und nach einem freundlichen Blick auf ihn ließ sie sich hinausführen.
Michel ging nach Hause. Die Mutter sah ihn an und sagte: »No, es schei't doch, 'sgfällt d'r!« -- »No ja,« erwiederte der Sohn, »'s ist am End doch a Vergnüaga! -- Aber,« setzte er, das Eingewickelte auf den Tisch legend, hinzu, »i hab' en Gedanka' verfluecht zuag'langt ond breng d'r weng mit!« -- »Wann's d'r nor gschmeckt hot!« rief die gute Alte; und heiter sagte sie: »Du host de am End gar oh scho' recht lusteng gmacht (d. h. getanzt)?« Michel erwiederte: »Bis ietz no' net. Aber wer woeß? Der Letscht hot no' net gschossa'!« -- Die Mutter bemerkte: »Wie d'r (ihr) en d'Kirch ganga' send, hab e a baar Mädala' gseha', die wära' wohl wearth, daß ma's romdreha' dät!« -- »I wills net verreda',« erwiederte Michel. »Aber z'erst muß e no' a weng zecha'.«
Als er wieder dem Wirthshause zuging, begegnete ihm Kasper vor einem ochsenbespannten Pflug, durch dessen Lenkung er sich heute das Vergnügen des Ansings verdienen wollte. Die Ochsen wurden zum Stehen gebracht, der Kamerad fragte, wie sich die Hochzeit anlasse. Michel, in der frohen Aufregung seines Herzens, erzählte, wie die Gret sich gegen ihn benommen. Kaspers Gesicht erhellte sich. »Willst ietz no' allweil zweifla',« rief er aus, »daß des Mädle a'n Og (Aug) auf di hot? O wann e an dei'r Stell wär!« -- »Was soll e doa'?« fragte Michel. -- »Danza' muest mit'r, wanns oh nor a baar Roea' wära't! Schwätza' muest -- en d'Stub muasch (mußt du sie) füara', a Bodell (Bouteille) Wei' muest komma' lossa -- Kott's Heidablitz! Wann's doh net got, nocht got's sei' Lebtag nemmer!«
Unser Bursche war bedenklich geworden. »I ka' d's Danza' net rehcht«, entgegnete er, »ond du woescht, i hab' O'glück!« -- »O'glück!« versetzte der Kamerad etwas ärgerlich. »Ietz kommt 'r widder mit dear Ei'bildeng!« -- »Ja, ja,« sagte der gute Bursche, »'s ist doch so. Mir got nex naus!« -- »Gang weiter! A Kerl, dem d'Mädla' nochloffet!« -- Michel, obwohl von dieser Vorstellung erheitert, erwiederte: »Du wurscht seha', 's wurd nex!« -- »Ja freile«, rief Kasper, »wann's widder so machst, wie d's Wallerstoe!« -- »Ietz doh hab koe Sorg«, versetzte der Bursche mit einem gewissen Selbstgefühl. »Des passiert m'r nemmer!« -- Kasper knallte den Ochsen und rief im Abgehen: »Ha'et Ohbed, hoff' e, ka'st m'r ebbes Nuis verzähla'!« -- »'S ka' sei'«, erwiederte Michel und folgte den Tönen der Clarinette, die vom Tanzboden herunter in die Gasse drangen.
Michel fühlte, daß er nach dem offenbaren Entgegenkommen der Gret einen Versuch machen und als tüchtiger Bursch handeln müsse. Bei der Vorstellung indeß, wie er nun zu ihr gehen und sie zum Tanz auffordern sollte, spürte er doch wieder eine eigenthümliche Bewegung in seinem Herzen. Es fiel ihm ein, daß er beschlossen hatte, fürs erste zu trinken und zu rauchen; er trat in die Stube, setzte sich, zündete seine Pfeife an, und führte seinen Vorsatz männlich aus. Nachdem er schweigend und diskurirend zwei fernere Maaß Braunes in sich aufgenommen hatte, fühlte er sich gekräftigt -- muthig, lustig und in einer Stimmung, wo er glaubte, daß ihm nichts fehlen könne. -- Der Wirth und Bräuer war ein solider Mann und die Gerste seit einem Jahr billig.
Er ging auf den Tanzboden. Da er die Gret, die sich nicht in der Stube befand, auch hier nicht erblickte, so war sie offenbar nach Hause gegangen. Die Vertagung seines Unternehmens, welche dieser Umstand nothwendig machte, war ihm nicht unlieb. Er sah den Paaren zu, die es am besten konnten, und überzeugte sich, daß dieses Tanzen am Ende auch kein Hexenwerk sei. Nachdem er genug gesehen, wollte er in die Stube zurück; im Vorbeigehen warf er einen Blick auf die Stiege -- und siehe, an der Seite einer auswärtigen Freundin stieg die Gret herauf.
Bei diesem Anblick fühlte er sich etwas überrascht. Auch sie erröthete lieblich; aber in ihrem Herzen regierte der Muth der Liebe und der Wille, einen begangenen Fehler wieder gut zu machen. Sie ging auf ihn zu und sagte gutmüthig fröhlich: »No, Michel, host no' net danzt?« Der Bursche, der zu seiner Verwunderung fühlte, daß ihm wieder etwas von seinem Unternehmungsgeist abhanden gekommen war, versetzte: »Allweil no' net!« -- Er spürte einen gewissen Trieb, wieder in die Stube zu kommen, und hatte schon seinen Fuß auf die Schwelle gesetzt; aber das Schicksal hatte es anders beschlossen. Die Gret fuhr fort: »Willst denn aber gar net a'fanga'? Willst da' ganza' Dag dohsitza', ond romstanda' auf 'r Hoaxet?« -- »Wie soll i danza'«, entgegnete Michel; »d's ganz Doraf woeß ond du wursch (wirst es) oh wissa, daß e's net ka'!« -- »I hab de aber doch früher scho' amol danza' seha'!« bemerkte die Gret. -- »Ja wohl,« versetzte der Bursche mit einer gewissen Laune, -- »aber wia?« -- »Auf oemol got nex en der Welt«, erwiederte das Mädchen tröstend und ermuthigend. »Wamma'n ebbes lerna' will, mueß ma's öfter probiera'!« -- Michel, dem in Abwehrungsfällen die Gründe nicht so leicht ausgingen, versetzte: »Manch Sacha' ka' ma'n oh ganz bleiba lossa, wamma' z'alt derzue ist!« -- »Kott's Blitz«, rief die Gret, »wann e nor so ebbes höar! Z'alt zom Danza! A jonger Burscht wie du! Schäm de doch!« -- Und indem sie ein wenig näher trat, sagte sie mit aller Güte und Liebe -- mit einer Stimme, welcher der Durchbruch ihrer Empfindung eine honigsüße Weichheit verlieh: »Komm Michel! -- probiers mit mir!« Dem Burschen war es seltsam durch's Herz gegangen, er wußte nichts zu entgegnen. »Komm!« rief das Mädchen heiter und zärtlich, indem sie ihn bei der Hand faßte. Michel begriff, daß es im höchsten Grade feig und in jeder Beziehung unschicklich gewesen wäre, jetzt nicht zu folgen. Er wollte handeln wie ein Mann, er wollte sein Bestes leisten -- und entschlossen führte er sie in den Reihen.
Unser Bursche gehörte vermöge seiner Größe, seiner Stärke und seines besonderen Wesens noch immer zu den ausgezeichnetsten Persönlichkeiten des Dorfs. Dergleichen in eigenthümlichen Situationen zu sehen, ist interessant, besonders wenn man hoffen kann, daß die Schadenfreude ihre Rechnung dabei findet. Wie nun einer in die Stube kam und sagte, der »Schwoba-Michel« tanze mit des Maurers Gret, da verfügten sich schnell noch etliche zu den auf dem Tanzboden schon befindlichen Zuschauern -- begierig der Dinge, die da kommen sollten.
Der Gang im Reihen war vollendet, das Tanzen begann. Die Gret wußte sehr gut, welcher Aufgabe sie sich unterzogen hatte, und war nun darauf bedacht, alle Kraft und Geschicklichkeit anzuwenden, um das Wagniß gut hinauszuführen. Den Tänzer festhaltend leitete und drehte sie ihn, so viel sie konnte. Daß ihre Arbeit nicht gering war, merkte sie freilich bald. Micheln wohnte nur eine sehr schwache Ahnung vom Takte bei und zu gleicher Zeit wirkte in ihm eine gewisse Centrifugalkraft, die ihn immer der Wand zutrieb, so daß ihn die Gute nur mit Mühe im Reihen halten konnte. Trotz alledem -- es ging. Die Kunst und die Liebe des Mädchens triumphirten, und sie war sich dessen nach Beendigung des Reihens mit Freude bewußt.
Michel war sehr vergnügt. Jeder Spur von Furcht entledigt blickte er frisch umher -- er begriff gar nicht, wie er diese Lumperei für so schwer hatte halten können! »Siksch, es got!« rief die Gret, indem sie ihn freundlich ansah; und er erwiederte allerdings: »Ja freile, wamma' so a Dänzere hot!« -- aber er war doch überzeugt, daß er's konnte, und sein Gesicht schrieb einen guten Theil des Erfolgs auf seine Rechnung.
In dieser Stimmung wollte er's das zweite Mal noch besser machen. Er wollte sich Mühe geben und alle die Kraft und Stärke anwenden, die er in seinen Gliedern fühlte; denn das erstemal hatte er eigentlich nur gespielt! -- Er arbeitete nun wie an einer Schanze und machte Bewegungen, als ob er Centnersteine vom Boden lupfen wollte. -- Der Gret wurde es saurer als das erstemal, ihn im Geleise zu erhalten, und die Schadenfreude, die aus den Ecken lugte, fand eine reichere Ausbeute. Man lächelte sich an und zuckte die Achseln. »Descht a Mannsbild!« rief eine Bäuerin mit gedämpfter Stimme einem Nachbar zu, -- »der macht widder a'n Arbet (Arbeit)!« Und der Andere versetzte: »Er schafft, als ob er mit 'm Danza' sei' Brod verdiena' müßt! Gommer (gehen wir) a bisle z'ruck, daß 'r es (uns) net doat (todt) tritt!« --
Der Bursche merkte davon nichts. In dem Bewußtsein der Mühe, die er sich gegeben, meinte er seine Sache vorzüglich gemacht zu haben. Er lächelte mit Stolz und erkannte in dem satyrischen Zuschmunzeln einiger Kameraden nichts als den verdienten Beifall. Da die Gret diesmal schwieg, um auszuschnaufen, so sagte er selbst zu ihr: »'S got doch besser, als e gmoet hab!« -- Die Gret dachte in ihrem Herzen: »daß Gott erbarm'!« -- behielt aber diese Meinung wohlweislich für sich und erwiederte: »W'rom sott's net ganga'? Was ander' Leut könnet, wäara' mer doch oh könna?«
Gern hätte sie ihn gebeten, sich dessen ungeachtet etwas weniger anzustrengen, die Sache sich leichter zu machen; aber sie wußte, daß er nicht in der Stimmung war, diesen Rath gut aufzunehmen -- und für den Moment wär's ohnehin zu spät gewesen. In dem Vergnügen, das ihn belebte, in der Kühnheit, die sein Herz rasch emporwachsend erfüllte, hatte er ein Lied begonnen. Ein Andrer war ihm zuvorgekommen; aber dieser, ein kleiner Kerl, schwieg auf der Stelle, als er die Stimme des Gewaltigen vernahm, und Michel sang das seine zu Ende, mehr kräftig als schön, aber für seinen Zweck immer passirbar. Dann nahm er die Gret bei der Hand, strampfte, daß der Tanzboden zitterte, »juxte«, daß seine Nachbarn an die Ohren langten, faßte die Tänzerin und drehte sich mit ihr »was host, was geift« (was hast du, was gibst du, so schnell etc. als möglich). -- Und besser gings als das letzte Mal -- nach seiner Meinung. Die Bethätigung des Kraftüberschusses, der in ihm wogte -- die Freude, die Herzallerliebste herumzudrehen und es zu ~können~ -- durchgoß ihn mit einem Wohlgefühl, wie er es nie empfunden. Herrlich wars und prächtig gings -- bei weitem besser, als er sich's zugetraut hätte! -- Jedenfalls hatte die Gret dafür gesorgt, daß er einmal die Wand, an die er streifte, nicht einstieß und dann ein Paar, das vor ihm den gewöhnlichen Bauernschritt einhielt, nicht über den Haufen tanzte.
Die Heiterkeit der Zuschauer war bei dieser neuen Leistung nicht geringer geworden. Ein sonnverbrannter Alter nickte ihm seine Anerkennung mit gemüthlichem Faungesicht zu und rief: »Kreuzschwernoth, Michel! du bist ja der erst' Dänzer em ganza' Land!« -- Michel, in der Freude seines Herzens, entgegnete: »Net wohr, des hättet 'r m'r doch net zuatraut!« -- »Wärle net«, versetzte der Alte. »So ebbes mueß ma' seha, wamma's globa' soll!« -- Die gute Gret begann es zu reuen, daß sie den Geliebten auf eine Bahn gelenkt hatte, wo er so schlechte Ehre gewann. Aber vielleicht schlug er nun selber eine andere ein, wo er Aussicht hatte, besser zu bestehen. Schon hatte die ungewohnte Anstrengung seine Lungenflügel in Bewegung gesetzt und der Schweiß rann von seiner Stirn. Vielleicht hörte er auf, nahm sie in die Stube -- setzte sich zu ihr -- und es ereignete sich, was ihr alle Mühen und Leiden tausendfach vergütete.
Fürs erste ging diese Hoffnung nicht in Erfüllung. Michel tanzte aufs neue; und der Umstand, daß es wieder ohne Unglück ablief, steigerte seine Lust und Sicherheit. Sein Hintermann, ein begüterter junger Bauer, klopfte ihn auf die Schulter und rief: »Aber Michel, sag m'r doch, wo host denn d's Danza' so glearnt?« -- »Was woeß ih«, erwiederte der Bursche mit stolzem Behagen -- »auf oemal got's halt! -- Aber Sapperment«, setzte er, die Augen sich wischend, hinzu, »doh stobbt's (staubt's) ja, daß ma' kamm (kaum) sei' Dänzere sicht! -- ond des ist doppelt schad', wamma' so a schöana' hot, wie'nih! -- He, Mädle!« -- Er schaute sich nach dem Wirthsmädchen um, die den Staub mit Wasser zu löschen pflegt; und da er sie nicht gleich erblickte, schrie er aus Leibeskräften und jede Silbe breit ausdehnend: »Mädleh! Auf da' Da'zbodah'! Spretzah'!« -- Unter allgemeiner Heiterkeit erschien die Herbeigerufene, ein schnippisches Ding von sechzehn Jahren, mit einem Kübel Wasser, und die Tanzenden traten auf die Seite. »So«, rief Michel ihr zu, »spretz (spritz, sprenge) nor rehcht! D'r Deufel mag doh danza'!« -- Das Mädchen sah ihn von der Seite an, murmelte was von einem »Drieschlag«, langte mit der Rechten in den Kübel und schleuderte herumgehend das Wasser auf den Boden. »Meaner, meaner (mehr)«, schrie unser Bursche, der als ächter Bauer alles gründlich haben wollte. Das Mädchen, durch den herrischen Ton gereizt, spritzte wahre Lachen. »So, ietz isch gmua!« rief Michel, stellte sich fest hin, sang ein Lied und tanzte auf dem erfrischten Boden mit erhöhter Lust, in einer wahren Trunkenheit des Eifers und der Liebe zur Sache. Es ging besser und immer besser. In dem Jubel seines Herzens, unwillkürlich sich selber bewundernd, rief er mit strahlendem Gesicht: »Hopp hopp! hopp hopp! Juhu!« -- -- Plautsch lag er da. Auf der nassesten Stelle war er ausgeglitscht, in dem Schwunge des Tanzens war es auch der Gret unmöglich gewesen, ihn zu halten; sie mußte ihn fahren lassen, um nicht mitzufallen -- und der riesige Bursche »schlug hin« (wie der Rieser in solchem Falle treffend sagt), daß der Boden krachte und ein Zuschauer nur durch einen raschen Seitensprung sich vor Zerquetschung rettete. Nach dem triumphirenden Hopphopp dieser Sturz, der Länge nach, auf die Hinterseite des Leibes -- es war unmöglich, das Lachen zurückzuhalten. Von allen Seiten des Tanzbodens, aus allen Winkeln, sogar von der Treppe herauf (wo sich ebenfalls Zuschauer befanden) erschallte es laut und selig; und nicht wurde es beschwichtigt, als Michel nach einem grimmigen Fluch mit der Physiognomie der Wuth und der Scham aufstand, wozu die Gret ihm behülflich war. Diese hatte mit etwas erschreckter Miene einen Augenblick auf den Liegenden geschaut; jetzt, als sie ihn wieder strack dastehen sah, wandelte sie das Lachen hinterdrein an, und nur den eigentlichen Ausbruch zurückhaltend rief sie: »Komm, des macht nex«, und wollte zum Weitertanzen seine Hand fassen. Aber Michel zog sie heftig zurück.
Der Bursche hatte die Empfindlichkeit des Sonderlings und Anfängers. Ein flotter Tänzer wäre aufgesprungen, hätte mitgelacht und weiter getanzt. Aber den Schüler dünkte der Sturz unauslöschliche Schande -- das Selbstbewußtsein des Gewaltigen hatte einen Schlag erlitten, der ihm schrecklich vorkam. Hinzufallen -- ausgelacht zu werden von »einfältigen Weibsbildern, alten Eseln und elenden Buben«, und nicht dreinschlagen zu dürfen -- das nehme ein Michel von der lustigen Seite! -- Er trat in eine Ecke, seiner Ansicht nach für sein ganzes Leben beschimpft. Und als die Gret ihm nachging und ihn aufs neue ermahnte, doch fortzutanzen, entgegnete er hochverdrießlich: »Gang weiter! I hab' d'r ja gsakt, daß e net danza' ka'! Du hätt'st me en Rua' (Ruhe) lossa solla'!« -- Die Gret erwiederte begütigend: »'S ist ja ganz guet ganga'! Für d's Falla' ka' ma' nex, des ka' n'm G'schicktsta' passiera'! Komm! Wer net omwirft, der lernt net fahra'!«
Bei ihrem heitern Wesen hatte das Mädchen nicht umhin gekonnt, ihm diese Ermahnung mit einem Lächeln zu ertheilen, in welchem die Schelmerei über die Gutherzigkeit den Sieg davon trug. Michel, dies gewahrend, fühlte den schlimmsten Argwohn, den er haben konnte; und im Unmuth desselben rief er: »Höar amol? -- suach d'r 'n andera' Narra' -- ih mach d'r 'n net zom zwoetamol! -- Moest, i ben doh, daß e me auslacha' ond da' Spoht auf m'r haba' loß?« -- Das Mädchen, durch diese unerwartete Sprache betroffen und ihrerseits verletzt, erwiederte mit vorwurfsvollem Ausdruck: »Wer hot denn da' Spoht auf d'r?« -- »Du!« rief Michel, für den sein Argwohn schon eine bewiesene Sache war, mit erzürntem Ton. »Falsch send 'r all mita'nander -- ond du bist die fälscht (falscheste)!« -- Das war zuviel! Das Mädchen trat zurück und sagte mit Verdruß: »Du bist halt a grober Kerl! Gang he' wo d' willst -- ih mueß de wärle net haba' -- ih krieg scho' n andera' Dänzer!« -- »Mei'thalb danz mit 'm Deufel«, rief Michel und ging mit starken Schritte in die Stube.
Die Gret war ernstlich böse. »So a'n o'gschickter Mensch -- ond so grob ond so hochmütheng! Noe mit deam ist nex a'zfanga' -- i mueß 'n aufgeba'!« -- Während sie diese Gedanken hatte, machte sie mit weiblicher Geistesgegenwart gleich wieder gute Miene. In die Heiterkeit, welche die letzten Worte Michels und sein wüthender Abgang erregten, hatte sie halb mit eingestimmt. Nun zeigte sie ein Gesicht, daß es schien, als ob sie ihn mit ihrem Tanzen wirklich nur zum Besten gehabt hätte; und als eben der Schneider von Hause zurückkam, reichte sie ihm, der sie schnell aufzog, ihre Hand und tanzte so gut und so schön, als ob sie heute noch an nichts Anderes gedacht hätte. Als der Zierliche von der Affaire des Michel hörte, rief er in seinem Mischmasch von Dialekt und Hochdeutsch: »'S ist nicht z'globa', daß es so ongschickt Menschen geba' ka'« -- lächelte selbstzufriedener als je, begann noch flotter den neuen Reihen, rief ebenfalls Hopphopp und Juhu, fiel aber nicht, sondern machte es so gut, daß ihm alle mit Vergnügen zusahen.
Das Gelächter, das unserm Burschen vom Tanzboden nachgeschickt worden war, hatte nicht besänftigend auf ihn gewirkt. Tief ergrimmt setzte er sich an seinen Tisch und patschte gewaltig mit seinem Bierkrug wegen erneuter Füllung. Der Aufwärter eilte, ihn zu befriedigen. Einer der beiden Alten, die in gemüthlichem Diskurs dagesessen hatten, schaute zu ihm auf und rief: »No, Michel, w'rom machst denn du so a Gsicht auf oemol?« -- Der Bursche, statt aller Antwort, that einen tiefen Zug aus dem Maaßkrug. Ein dritter Alter, der mit dem Faungesicht, war von dem Tanzboden hereingekommen und begann lächelnd: »Du host a kloes O'glück ghett, Michel? -- No, no, desdawega' brauchst de net z'kränka'! 'S ist scho' oft oer g'falla' beim Danza'!« -- »So so?« versetzte der erste mit schlauem Gesicht, »des ist 'm passiert?« Und mit der Bosheit, die sich ein alter Bursch gegen einen jungen wohl erlauben kann, setzte er hinzu: »W'rom host denn aber dei' Dänzere net mit rei'brocht? Die hot gwihß 'n rechta' Schrecka' ghett und hätt oh 'n Tro'k (Trunk) zor Stärkeng braucha' könna', so guet wie Du!« -- »Oh«, antwortete der dritte für Michel, der in stiller Wuth vor sich hinsah, -- »die g'fohrts net (achtets nicht)! Sie danzt scho' widder!« -- »Welle isch denn?« -- »Welle wurds sei'!«, erwiederte der dritte, »d's Maurers Great!« -- »So!« bemerkte der erste mit einer Miene, als ob ihm ein Licht aufgegangen wäre. Und kopfschüttelnd setzte er hinzu: »Ietz gfällt m'r die Gschicht nor halb! -- Die hätt' de zor Noath halta' könna', Michel, -- wann's gwöllt hätt'!«