Erzählungen aus dem Ries

Part 33

Chapter 333,652 wordsPublic domain

Wie vorsichtig die gute Frau war, und wie sehr sie eine Scheu empfand, über ihren Michel ein Gerede zu veranlassen, das ihn erzürnen würde -- den Widerspruch zwischen der Erzählung des Nachbars und dem Benehmen des Burschen konnte sie doch nicht verwinden. Sie erkundigte sich gelegentlich bei dem Kameraden. Dieser spürte kein Verlangen, die Wahrheit zu sagen und unter Umständen die Kraft der Michelschen Fäuste zu empfinden; er erwiederte, sie hätten allerdings eine Ansprache mit dem Maurer und seiner Tochter gehabt, aber diese hätte dem Michel ein paar spöttische Reden hinausgegeben, das habe ihn geärgert und nun sei sie ihm zuwider. -- Die Mutter seufzte und resignirte noch einmal. Zum Nachbar sagte sie: »Desmol hont 'r falsch gseha'!« Der Alte meinte: »Nocht wurd's halt d's brau' Bier gwesst sei', was 'n so monter gmacht hot!« -- »Des glob' e ehr«, entgegnete die Mutter -- und die Frage war abgemacht für sie.

Die Erndte ging ihren Gang. Das letzte Fuder Hafer war ins Dorf gefahren, und das Verhältniß zwischen Michel und der Gret noch das alte. Mit dem Maurer wechselte der Bursche die gewöhnlichen Grußformeln. Begegnete er dem Mädchen, so spielte er mit Erfolg einen Menschen, der ganz in seine Gedanken verloren hinwandelt, und sie ging mit dem Ernst der Ergebung an ihm vorüber, mit wiederholtem innigem Bedauern über ihr unglückseliges Lachen und mit erneuertem Vorsatz, bei der nächsten Gelegenheit, wenn ihr ja das Glück noch einmal wollen sollte, sich so gut, so klug und so lieb als möglich gegen ihn zu benehmen.

Der Schneider hatte unterdessen seine Besuche und Huldigungen nicht ausgesetzt, obwohl die Erntezeit, die ihn in einen Schnitter verwandelte, sie nicht in solcher Häufigkeit zuließ wie früher. Er sah zu seiner Verwunderung, daß sein Bäschen mehr und mehr ihre Munterkeit verlor, sich hie und da in einem sonderbaren traurigen Nachdenken, zuweilen auch in einer sehr ärgerlichen Stimmung betreffen ließ. Dieß erschien ihm nicht wohl begreiflich, da sie doch nach seiner Ansicht Alles hatte, was sie wünschen konnte, namentlich einen Liebhaber, der deutlich genug zu verstehen gegeben, daß er sich, wenn es sein mußte, in einen Ehemann verwandeln könnte. Er setzte ihr Betragen indeß auf Rechnung der bekannten weiblichen Launen und tröstete sich, daß sie gehen würden, wie sie gekommen.

Auf den ersten Dienstag nach der Ernte fiel eine Hochzeit, die, zum Vergnügen der jungen Leute des Dorfes, im Wirthshaus gefeiert wurde. Unsre Leser haben schon aus den frühern Erzählungen gesehen, welche Rolle in der Sphäre ländlicher Ergötzungen die Hochzeiten spielen. Die Dorfjugend mitten im Ries hat im ganzen Jahre nur zwei regelmäßig wiederkehrende Tanzgelegenheiten: die Ortskirchweih und die Nördlinger Messe. Zur Ergänzung der eignen Kirchweih machten ehedem Solche, die Belieben darnach trugen oder von Verwandten eingeladen waren, die eines und des anderen Nachbardorfes mit, was vorläufig durch die büreaukratisch angeordnete Verlegung sämmtlicher Kirchweihtänze auf Einen Tag, ins Reich der Unmöglichkeit verwiesen ist. Da ein paar Tanztage im ganzen Jahr einer lebenslustigen Jugend nicht genügen können, so werden natürlich die wirthshäuslichen Hochzeitsfeste mit Freuden begrüßt und als ein Gnadengeschenk der Verhältnisse um so dankbarer hingenommen, als auch sie schon seltener zu werden anfangen.

Bei dieser Gelegenheit müssen wir bemerken, daß eben diese Festlichkeiten für das gesellige Leben des Rieser Landvolks eine Bedeutung haben, die wir gehörigen Ortes anerkannt zu sehen wünschten. Es sind Mittelpunkte, wo sich Gäste aus den verschiedenen Dörfern treffen, in fröhlichem Verkehr einander ihr Herz aufschließen und neue Verhältnisse sich entspinnen, die auseinander wohnende Familien wieder mit einem Bande der Verwandtschaft umschlingen können. Die Thatsache, daß das Rieser Landvolk derselben Confession gewissermaßen eine große Familie bildet, wird hier anschaulich gemacht und zu ihrer Erhaltung immer wieder beigetragen. Wer dieß zu schätzen und die guten Folgen solcher Mischung sich vorzustellen weiß, der wird um einiger Rohheiten willen, die dabei vorfallen können, die aber meist nur dem verzärtelten Geschmack als solche erscheinen, nicht die Axt an eine Sitte gelegt zu sehen wünschen, die so viel Gutes mit sich bringt -- von der Rekreation, welche der Bauer in Folge seiner ununterbrochenen Thätigkeit doch ebensosehr bedarf als verdient, ganz abgesehen. Es ist immer nur Schwäche, die, um den Mißbrauch zu verhüten, den Gebrauch aufheben will; Schwäche und Unfähigkeit, die sich bewußt ist, auf positive Weise nicht helfen zu können, wo zu helfen wäre. Durch die Vernichtung der überlieferten Sitte würde das Landvolk zur Charakterlosigkeit, zur socialen Nullität gebracht werden -- und mehr werth als diese, sollte man glauben, wäre ein selbstständig ausgeprägtes Leben doch bei weitem, auch mit etwelcher Rohheit, die ohnehin der fortschreitenden Cultur schon vielfach gewichen ist und immer mehr wird weichen müssen. Wolle man doch ja sociale Zahmheit und Dürre nicht gewaltsam herbeiführen! Es ist möglich, daß sie von selber kommt, früher und vollständiger kommt, als es sogar ihren jetzigen Liebhabern lieb sein wird! --

Die Hochzeit war die eines wohlhabenden jungen Söldners mit der Tochter eines kleinen Bauern. Die Familie Schwab gehörte zur »Freundschaft« des letztern -- es war daher unumgänglich nöthig, daß ein Glied derselben als Gast an der Feier theilnahm, um so mehr, als der Bauer vor Zeiten auch den Ehrentag der Wittib mitgefeiert hatte und die Schicklichkeit eines Ersatzes in die Wagschale fiel. Wenn der Brauch will, daß ein Geladener dem Freund oder guten Bekannten »auf die Hochzeit gehe« und »auf die Hochzeit schenke«, d. h. einen verhältnißmäßigen Geldbeitrag zum Beginn der Wirthschaft liefere, so will er nicht minder, daß dem Gaste bei Gelegenheit seiner eigenen Verbindung oder der eines Blutsverwandten die Ehre und das Geschenk wieder zurückgegeben werden. Der Brauch übt einen sanften Zwang zur Wiedervergeltung und fördert so den Austausch reeller Höflichkeiten, indem er jedem abwechselnd das Wohlgefühl des Empfangens und Gebens verschafft. Denn es bleibt natürlich dem Rieser unbenommen, das, was die Sitte gebietet, aus freien Stücken zu thun und in der Wiedervergeltung nicht eine bloße Pflichterfüllung, sondern einen natürlichen Erweis der Großmuth zu sehen, deren Freude es ist zu schenken und glücklich zu machen! --

Schon acht Tage vor diesem Fest hatte zwischen Michel und seiner Mutter ein kleiner Kampf über die Frage begonnen, wer es mitmachen solle. Michel wollte die Last der Mutter aufbürden, die Mutter wollte die Lust dem Sohne gönnen. Die gute Frau kam eben, wenn auch nur im Stillen, immer wieder auf den Wunsch und die Hoffnung zurück: es möchte ihm Eine gefallen! Da nun im Dorfe selbst offenbar Keine so glücklich war, so wünschte sie um so lebhafter, der Sohn möchte auf dieser Hochzeit Jungfrauen aus andern Orten sehen, die nicht fehlen konnten. -- Das Bewußtsein, als Mutter für sein Bestes sorgen zu müssen, gab ihr diesmal in der That die Kraft zu widerstehen und seine Einwendungen zu entkräften. Wie oft er auch wiederholen mochte: es mache ihm keine Freude, er habe gar »keinen Luhst« dazu, es sei ihm grausam zuwider! -- am Ende mußte er sich den Ermahnungen, womit die Alte ihm zuzusetzen nicht müde wurde, dennoch fügen und in den sauern Apfel beißen. Zur Verzweiflung gebracht rief er endlich: »No mei'daweg, i will ganga'! Aber du wurscht seha', 's gibt widder ebbes. Denn der Deufel ist loas ond loßt m'r koe Rua'!« -- Die Mutter war zu vergnügt über seinen Entschluß, als daß sie dieser Rede weiter nachgedacht hätte.

Ob Michel sich deswegen so lange sträubte, weil er erfahren hatte, daß auch die Gret auf die Hochzeit kommen würde -- oder ob er deswegen endlich nachgab -- wer konnte es wissen? -- Der Kamerad, den er von dem Streit mit der Mutter in Kenntniß gesetzt, machte ihm gelegentlich und vorsichtig jene Mittheilung, indem er hinzufügte, nun würde er gerade auch darauf gehen und dem Mädchen zum »Tort« sich um eine andere herummachen, was sie gewiß recht ärgern würde. Michel hatte indessen geantwortet, er kümmere sich um das Mädchen überhaupt gar nichts mehr, und später diesen Gegenstand nicht wieder berührt. -- Sei dem, wie ihm wolle -- er folgte der Alten, und mußte sich am Hochzeitsmorgen mit dem Gedanken der Nöthigung doch schon einigermaßen versöhnt haben, denn er wusch und putzte sich nach Kräften und zog sich so stattlich an, als es der Kleiderkasten zuließ. Wie er endlich vor seine Mutter trat in schwarzen Hosen von Hirschleder, die kein Fältchen warfen und fast bis eine Spanne über das Knie von den Stiefeln bedeckt waren, -- in manschesternem Leibchen mit versilberten Knöpfen, im neuen, schwarzen, baumwollbehaarten Barchentkittel mit flachen, thalergroßen Knöpfen -- über das wohlgebundene dunkle Halstuch den feinsten Hemdkragen gezogen und den Kopf mit dem landesüblichen Schaufelhut bedeckt -- da ging der guten Frau das Herz auf und undenkbar schien es ihr, daß so ein Mannsbild sollte durchs Leben gehen können, ohne ein braves Weib glücklich zu machen und ohne eine würdige Nachkommenschaft zu hinterlassen. -- Sie hatte eben in das Papierkäpselchen des Gesangbuchs, das ihm auf dem Weg zur Kirche übergeben werden mußte, einen großen Kupferzweier gesteckt, den er als »Opfer« in den Klingelbeutel werfen sollte; nun wünschte sie ihm von Herzen gute Unterhaltung und gab ihm geschwind noch ein paar Schicklichkeitsregeln mit, ihn besonders ermahnend, daß er zu den Brautleuten sagen sollte: »Ich gratuliere«, nicht: »Ich condoliere,« wie es einmal einem zu seiner großen Schande passirt sei. Michel zuckte die Achseln und ging, da es eben zehn Uhr schlug, in langsamen Schritten dem Wirthshaus zu.

Eine Rieser Hochzeitsfeier hatte in jenen Tagen einen andern Verlauf als jetzt, wo dem Geiste der Zeit verschiedene Glieder der alten Ordnung zum Opfer gefallen sind. Wir müssen unsre Leser schon ersuchen, zunächst eine Schilderung und Charakteristik derselben freundlich aufzunehmen, da wir ohne eine solche in der Erzählung nicht so verständlich sein könnten, als wir gerne wären. Abgesehen davon möchte es den künftigen Riesern von Interesse sein, das, was die Alten fromm und fröhlich getrieben, wenigstens aus einem Buch kennen zu lernen. -- --

Wenn das »Ander gelitten«, d. h. wenn mit Einer Glocke das zweite Mal vor dem Beginn der kirchlichen Handlung geläutet wurde, begaben sich Bräutigam und Braut, Hochzeitknecht und Hochzeitmagd und die nächsten Verwandten ins Wirthshaus. Der Hochzeitknecht trug einen Säbel mit breitem farbigem Seidenband; er ist der Beschützer der Braut -- eine Sitte, die aus Zeiten datirt, wo thatsächlicher Schutz noch erfordert werden konnte. In der obern Stube angekommen nahmen sie Platz am Bräuteltisch zunächst der Thüre und erwarteten die nach und nach anlangenden Gäste, deren jeder zum Brautpaar trat und in würdigem Ernste »zum Ehrentag und zum fröhlichen Kirchgang« gratulirte. Hatten sich die Gäste eingefunden, so beschenkte die Hochzeitmagd sie mit Rosmarin, und das Frühmahl wurde aufgetragen: Suppe, Rindfleisch und ein Viertellaib des schmackhaften »Hochzeitbrodes.« Weißbier und Branntwein (und zwar jenes den ganzen Tag durch) gehörten zum »Mohl« (Mahl); Wein und braunes Bier wurden gegen Bezahlung gereicht. Den behaglichen Genuß des Frühstücks erhöhten die Musikanten -- deren es bei kleinen Hochzeiten viere, bei größeren sechse gab -- durch Aufspielen ihrer schönsten Arien. Endlich wurde »zusammengeschlagen,« d. h. mit zwei Glocken zum Kirchgang geläutet, Pfarrer und Schullehrer kamen im Ornat zum Wirthshause und empfingen je eine Citrone und einen Rosmarinstrauch, die männlichen und weiblichen Gäste, mit Rosmarin schon geputzt, sonderten sich, und unter dem Vortritt der Musikanten, die einen Marsch bliesen, begann der Zug vom Hofe des Wirthshauses in die Kirche; die Männer mit Pfarrer und Schullehrer voran, die Braut an der Spitze der Weiber vom Hochzeitknecht mit blankem Säbel geleitet. Am Thore des Kirchhofs machten die Musikanten Halt, die weltliche Musik verstummte, und der Zug ging über den breiten Weg des Kirchhofs, wo die Gäste durch die Ihrigen mit Gesangbüchern versehen und von Verwandten und Bekannten mit leckereigefüllten »Guckern« beschenkt wurden, in das Gotteshaus. Bei der Trauung hatte der Hochzeitknecht seinen Stand zur Seite des Paares, um die Braut nach Beendigung der kirchlichen Feier sogleich wieder in Empfang zu nehmen. In derselben Ordnung, wie er angekommen, ging der Zug zurück und vor dem Kirchthor stellten sich die Musikanten, stattlich blasend, wieder an die Spitze. Im Hofe des Wirthshauses bildete man einen Kreis, der Pfarrer nahm Glück wünschend Abschied, und nun trat der Schullehrer in die Mitte, um seinerseits in feierlichem Ton eine gereimte Anrede zu halten, worin er nach der kirchlichen Ermahnung als Repräsentant des praktisch-moralischen Sinnes die Bedeutung des Tages beleuchtete und mäßigen Genuß und ehrbare Fröhlichkeit empfahl.

In jeder Beziehung geistig versehen, begaben sich die Gäste in's Haus, der Hochzeiter nahm die Hochzeiterin bei der Hand, führte sie auf den Tanzboden und tanzte mit ihr drei Reihen allein, worauf der Hochzeitknecht mit der Hochzeitmagd, und die übrigen schon bereitstehenden Paare sich anschlossen. Wenn der Aufwärter zum Mittagessen rief, setzte man sich in bunter Reihe an die Tafeln. Jeder Gast fand bei seinem Gedeck einen »Hochzeitlaib« vor, und nach einander wurde aufgetragen: Suppe mit weißen Semmel- und braunen schmalzgebackenen »Knöpfen«, Rindfleisch mit Reis, Blut- und Leberwurst, Leberkuchen und Bratwurst, endlich Braten. Nach dem Mahl begann der Tanz wieder und dauerte bis zum Abendessen. Die ältern Leute unterhielten sich trinkend und diskurirend oder zuschauend; die Braut -- oder wenn sie tanzte, eines der ihrigen -- nahm Hochzeitsgeschenke in Empfang, die ihr von Dorfbewohnern gebracht wurden, und wartete ihnen mit Schnaps oder Wein auf. Die Dorfbewohner nämlich -- so verlangte es die schöne Sitte -- waren ~alle~ geladen, auch den ärmsten nicht ausgenommen, und wenn so einer nicht als Gast erscheinen konnte, so schenkte er wenigstens nach Verhältniß seines Vermögens.

Das Abendessen vereinigte Alle wieder in der Stube. Es gab zum drittenmal Suppe -- Rindfleisch mit süßer Rosinenbrühe, Braten und für jede Person ein Viertel Torte. Das »Mohl« war damit vollendet; und jetzt nahm der Schullehrer die Aufmerksamkeit der Versammlung noch einmal in Anspruch. Er hielt eine Rede, worin er (der gleich dem Geistlichen seinen Antheil vom Bräutigam in's Haus gesendet erhalten hatte) Gott pries, der sie so reichlich gespeist habe, die Summe namhaft machte, die je ein Gast zu entrichten hatte, und den Brautleuten mit einer feinen Anspielung auf das Läuten der Taufglocke alles Glück und allen Segen wünschte. Während dieser Rede hatten sich die ältern Schulbuben um ihren Meister gesammelt, die Musikanten in der Nähe sich aufgestellt, und es ertönte zum Beschluß mit Instrumentalbegleitung der Choral: »Nun danket Alle Gott!«

In der feierlichen Stimmung, welche dieses Lied erweckte, sammelte der Schullehrer mit einem Blutsverwandten des Brautpaars die »Hochzeitschenk« ein, die von jedem erhaltene Summe genau notirend; und der einmal geöffnete Geldbeutel durfte sobald nicht wieder geschlossen werden. Zunächst folgte der Wirth, um die Bezahlung für das Mahl (damals anderthalb Gulden und etwas darüber, jetzt über zwei!) in Empfang zu nehmen. Dann erschienen nach einander der Aufwärter, die Köchin, die Magd und das Mädchen, um die Gäste zu brandschatzen, die aber ihrerseits auch zu immer kleinerer Münze griffen, bis zuletzt in das Pfännchen des Mädchens Kreuzer und nur ausnahmsweise Groschen geworfen wurden. Während diese Schaar sich entfernte, um schnell die Beute zu überzählen und sich nach Verhältniß entweder zu freuen oder zu ärgern, hielten die Musikanten ihren Umgang bei den Tischen, spielten, was ihnen vorgesungen wurde, und zogen das Honorar ein, das in jener Zeit um ein Ziemliches bedeutender ausfiel, als heutzutage. Die Hochzeitgäste, vor allen die aus andern Dörfern, nahmen Abschied. Die Brautleute begaben sich mit befreundeten Paaren in den Haustennen, wo unter Absingung bezüglicher Liedchen nochmal getanzt und Wein gezecht wurde. Der Bauer liebt die Gründlichkeit auch in der Ergötzung -- wenn er sich einmal darauf einläßt -- und das Austrinken des Vergnügens bis zum letzten Tropfen. Darum ließ sich nun der Bräutigam von den Musikanten auch noch »heimmachen«, und in seiner Stube erst wurde der Kehraus getanzt. Dehnte sich dieser zu lang, dann konnte Murren unter den jungen Leuten des Dorfes entstehen, die sich zum »Ansing« versammelt hatten. In der Regel aber hatte man diesen schon früher ein paar Musici überlassen, und während in der Wohnung des Bräutigams die Hochzeit endigte, war auf dem Tanzboden die freie Lustbarkeit der Ledigen schon in vollem Gange, die früher erlaubtermaßen bis zum Morgen dauerte.

In der Ordnung des eigentlichen Festes, wie man sieht, waren Geistliches und Weltliches verbunden wie zwei Elemente, die sich zur Bildung eines Ehren- und Freudentages wechselseitig ergänzen sollen. Jeder Moment war ausgefüllt mit dem, was den Bauer ergreift und über die Prosa des Daseins erhebt. Nach der Weihe der kirchlichen Handlung leitete ihn Musik zu dem Orte, wo er fröhlich den Tag verbrachte, der Schullehrer, als Mittelsmann zwischen Geistlichem und Weltlichem, sorgte für den Uebergang und lenkte nach der letzten Mahlzeit die Herzen noch einmal zu einer ernsten Betrachtung des Tages zurück. Die Naivität und, um es nur zu sagen, die geistige und gemüthliche Gesundheit früherer Zeiten nahm an dieser Verflechtung der beiden Elemente kein Aergerniß, und Schreiber dieses erinnert sich noch wohl der ernsten, ja feierlichen Gesichter der Hochzeitgäste beim Absingen des Kirchenliedes. Man muß die Natur des Bauers, die Derbheit seiner Empfindungsorgane, die Hingebung an die Gegenwart -- und auf der andern Seite die Einfachheit seines geistigen Lebens im Auge behalten, wenn man über eine solche Ordnung gerecht urtheilen will. Der Bauer quält sich nicht mit dem Gedanken, ob er nicht vielleicht Gott beleidige, wenn er sich nach der kirchlichen Handlung dem Vergnügen überläßt; er tanzt ohne Arg, dem Gebrauch und seinem Drange folgend. Und wenn er nach der Lustbarkeit den Choral singen hört, so stört ihn nicht die Frage, ob dies wohl auch in's Wirthshaus gehöre; er läßt, die Lustbarkeit vergessend, den Gesang auf sich wirken, nimmt sich's dann aber auch in keiner Weise übel, wenn die ernste Stimmung, in die er versetzt war, nach dem Schlusse des Liedes selbst wieder ein Ende nimmt und erneuter Fröhlichkeit Platz macht. Für ihn ist die sittegeregelte Fröhlichkeit eben selbst eine Erhebung! Was ihm ein solcher Tag bietet, ist ihm Kunst und Poesie; und so wenig man diese der gebildeten Menschheit rauben darf, so wenig darf man dem Bauer nehmen, was sie ihm ersetzt.

In den letzten Jahrzehnten hat das Ganze dieser ländlichen Hochzeitsfeier die Begleitung des Zuges durch die Musikanten -- die förmlichen Reden des Schullehrers und das Absingen des Chorals nach der Abendmahlzeit -- endlich das Tanzen im Haustennen und den Heimgang der Brautleute mit Musik -- verloren. Das erste hat die Geistlichkeit anstößig gefunden, das zweite scheint den jungen Lehrern, die das Seminar gebildet hatte, nicht mehr gepaßt zu haben, das letzte untersagte die Polizei. Das besondere Tanzen nach dem Abendessen hat sich der Bauer indeß nicht nehmen lassen. Die Brautleute tanzen jetzt in der untern Wirthsstube und lassen sich beim Abschied wenigstens zum Hause hinaus blasen!

Die Sitte des Volks ist ein natürliches Gewächs; wenn ihre Zeit vorüber ist, läßt sie sich durch Befehle nicht mehr erhalten, und kein Vernünftiger wird darüber klagen, daß das, was kein inneres Leben mehr hat, dem Untergang verfällt. Was aber an überlieferten Gebräuchen vom Volke selbst erhalten, mit Lust und Liebe erhalten wird, das sollte weder von der geistlichen noch von der weltlichen Macht angetastet werden, sofern es nicht einer männlichen, über Nervenschwachheit und Pedanterei erhabenen Sittlichkeit widerspricht. Wollte man dem Bauer die öffentliche Hochzeitsfeier mit Musik und Tanz verbieten, in der Meinung etwa, daß ein solcher Tag in ernster Stille begangen werden müsse, so würde das, außer dem schon erwähnten Uebelstand, für das Rieser Landvolk insbesondere noch die Folge haben, daß die bäurische Natur an Essen und Trinken Ersatz nähme und sich den Magen überladend in dumpfer Gedankenlosigkeit hinbrütete, was nach der Angabe eines glaubenswerthen Mannes in Tyrol geschehen soll, wo die geistlichen Väter das Landvolk auch dem höhern Leben zu gewinnen glauben, wenn sie ihm das Tanzen ausreden. -- Man veredle und bereichere den Geist der Landleute, man befähige sie durch Bildung zu höheren und feineren Genüssen, namentlich zu jenen würdigen und tiefsinnigen Gesprächen, wie sie die Gebildeten bei ihren Diners zu führen pflegen -- dann werden sie auf ihre Gebräuche und ihre noch immer beliebten Vergnügungen von selber verzichten. Bis dahin aber lasse man ihnen ihre Sitten, ihre Freuden und, was auch eine gar schöne Sache ist -- ihren Humor!

Als Michel in die obere Wirthsstube kam, waren außer dem Brautpaar und seinen Angehörigen nur erst wenige Gäste dort. Er trat stattlich zu den beiden Glücklichen und sagte die Gratulation ohne Anstoß, worauf der Dank mit einem gewissen ernsten Lächeln ausgesprochen wurde, welches namentlich auf dem Gesicht der Braut zu bedeuten schien: Nimm dir ein Exempel dran! An einem benachbarten Tisch hatten schon ein paar ältere Männer aus dem Dorfe und eine Matrone von auswärts Posto gefaßt; er setzte sich zu ihnen, um, da er nicht tanzte, wenigstens eine vernünftige Ansprache zu haben.

Die Gäste mehrten sich. Auf einmal trat auch die Gret ein, die in der schwarzen Spitzenhaube und in dem dunkeln Anzug, wie ihn das protestantische Landvolk bei ernsten Gelegenheiten zu tragen pflegt, ein eignes feierliches Aussehen hatte. Allein nachdem das Auge rasch die Tische überflogen, stimmte das helle Antlitz nicht mehr zu dem ernsten Gewand; es glänzte froh dem Brautpaar entgegen und wünschte schon Glück, ehe die Lippen sich öffneten.

Michel hatte bei ihrem Eintritt in seinem Herzen einen kleinen Ruck empfunden und konnte sich nicht enthalten, sie in der Stellung des Gratulirens anzusehen -- und sie wieder schöner zu finden als alle andern Mädchen und Weiber! -- Plötzlich verdunkelten sich seine Züge; der Schneider war angekommen in funkelnagelneuem Tuchrock und sehr vergnügten Gesichts. Er sprach einen Glückwunsch, der nur den Sinn der alten Bauernformel enthielt, und setzte sich an die Tafel, an welcher die Gret Platz genommen hatte, um sofort mit ihr einen Diskurs zu beginnen.

Das Fest begann und verlief nach der Regel, und die Gäste fühlten sich bald wohl und wohler -- mit Ausnahme eines Einzigen.

Michel hatte den Entschluß, die Gret nicht mehr anzusehen, während ihrer vergnügten Unterhaltung mit dem Schneider erneuert. Beim Aufstellen des Zugs ging er an ihr vorbei, ohne irgend von ihr Notiz zu nehmen. In der Kirche sah er sich aber unwillkürlich zur Uebertretung des von ihm aufgestellten Gesetzes verlockt. Der Pfarrer hob in seiner Predigt die Bedeutung des Ehestandes so schön hervor; er sprach über den Segen, der an diesen Bund geknüpft sei, mit solcher Weihe, daß Michel instinktmäßig den Kopf nach der Gegend hinkehrte, wo die Gret saß. Diese hatte den ihrigen just in entgegengesetzter Art gewendet -- die Blicke trafen aufeinander. Obwohl er nun sein Haupt rasch wieder in die alte Stellung zurückdrehte und eine Miene annahm, als ob nichts geschehen wäre, so fühlte er sich doch ertappt, die Gret konnte von ihm denken, Gott weiß was, ihn auslachen und ihn verspotten. -- Er war sehr ärgerlich.