Erzählungen aus dem Ries

Part 32

Chapter 323,969 wordsPublic domain

Die Sonne zerschmolz eben am Horizont -- der Alte mahnte zum Aufbruch. Die Gret, um den Michel für sein Ungeschick zu strafen, ging zuerst hinunter und that, als ob er gar nicht mehr da wäre. Natürlicherweise fühlte nun er, dem es doch schwante, daß er sie »geärgert« habe, einen Trieb, ihr nachzugehen und sie wieder gut zu machen. Nachdem sie alle auf dem schon thauigen Rasen angekommen waren, führte Kasper, der des Kameraden Absicht merkte, den Alten im Gespräch links um den Felsen. Unser Paar sah sich allein. Der Bursche sagte ihr etwas Schönes wegen der Geschwindigkeit, womit sie den Felsen herabgestiegen war. Sie, noch ein wenig schmollend, aber seines guten Willens halber schon wieder auf dem Weg zur Güte, entgegnete: »Ja, a bisle gschwender ben e freile als du! Bei dir hoeßt's eba': komm' e ha'et net, komm' e morga'. I sorg', du wurscht überal z'spät komma'!« -- »Oho,« erwiederte Michel und lächelte, denn das Gesicht, womit ihm dieser Vorwurf gemacht worden, hatte nichts Beleidigendes. Das Mädchen sah ihn an -- und nochmal fühlte sie eine Regung, für ihn etwas zu thun. Sie sagte: »Globsch (glaubst du), du ka'st me net fanga', wann e spreng (springe, laufe)?« -- »Ih dih?« versetzte Michel und konnte nicht umhin, über so eine Behauptung die Achseln zu zucken. -- »Ja, du mih,« erwiederte die Gret mit Nachdruck. Das hieß den Michel bei der Ehre angreifen; und im Gefühl seiner langen Beine rief er mit stolzer Sicherheit: »Loß de net auslacha'!« -- »Ja,« sagte das Mädchen, »pranga' ka'n a'n ieder; aber i glob's net!« -- »Du bist net gscheidt!« entgegnete Michel. »No, so zoeg's,« fuhr die Gret fort, »ond fang me, wann d' ka'st!« -- Sie faßte ihren Rock auf beiden Seiten, hob ihn ein wenig in die Höhe, um den Beinen mehr Freiheit zu gewähren, und lief -- aber nicht links, den Andern nach, sondern rechts um den Felsen, einer Grube zu, die sich auf der nördlichen Seite des Felsens befindet. Michel, so herausgefordert, hatte sich bereit gemacht; er ließ ihr einen Vorsprung, dann fing er an auszugreifen, daß er sie schon im Eingang der Grube erreichte. Aber der Triumph, sie nun zu fassen und zu halten, war ihm ein viel zu geringer -- er lief einige Schritte über sie hinaus, bis sie schnaufend zurückblieb, drehte sich um und rief siegesfreudig: »No, was hab e gsakt? Ka'n e's oder ka'n e's net?« -- Die Gret sah ihn mit einem fast wehmüthigen Blick an, und mit dem Doppelsinn, den ihr die Situation aufdrängte, versetzte sie: »Ja, ja, i hab' me g'irrt en dir -- ond mueß me schäma'!« -- Michel, weit entfernt zu begreifen, trat näher und sagte mit dem Tone wohlwollender Ueberlegenheit: »No, no, z'schäma brauchst de grad net, wann ih über de nausloff!«

Der absolute Mangel an Verständniß machte die Gret lächeln und die grundehrliche Meinung des Burschen versöhnte sie wieder. In der Grube war es schon dämmerig; der Spaziergang, auf den sie so viele Hoffnung gesetzt, nahte sich seinem Ende, und daß die beiden Burschen mit ihr heimgehen würden, konnte sie nicht als gewiß annehmen. Wer wird es ihr nun verdenken, wenn sie bei der Redlichkeit ihrer Absichten die Gelegenheit ergriff, mit dem Burschen noch einen Versuch zu machen? Am Ende -- sie that damit ihre Schuldigkeit, und wenn gleichwohl an ihm nichts half, so brauchte sie sich wenigstens keinen Vorwurf zu machen.

Sie hatte gemerkt, daß sie beim Laufen die Glufe, womit das Halstuch des Rieser Bauernmädchens auf dem Rücken angeheftet wird, um daselbst ein regelrechtes Dreieck zu bilden -- verloren und ihr schönes seidenes Halstuch sich verschoben hatte. Indem sie eine Glufe von der Brust auszog, wo sie minder nöthig war, sagte sie zu Michel: »Ietz muß e de no' om a Gfälligkeit bitta'! I spür, daß mei' Gluf rausgfalla'n ist aus mei'm Halstuch, ond's wär mer lieb, wann d' mers widder nei'stecka' möchtst, vor mer zrückgont (zurückgehen).« Während sie dieses sagte, hatte die Phantasie ihr vorgezaubert, was ihr Herz wünschte. Michel fand während dieser Beschäftigung den Muth der Liebe, folgte ihm freudig und hielt jene Anrede an sie, die wenn auch noch so kurz, doch vom Munde des Mannes gehen muß, um von dem Mädchen bejaht den Bund der Herzen thatsächlich zu knüpfen.

In diese Seelenmusik ertönte plötzlich die Antwort des wirklichen Michel: »I will's versuacha'! Muß d'r aber scho' saga', daß e mit deana (diesen) Sacha' net recht omganga' ka'!« -- wodurch die Gret belehrt wurde, daß es noch nicht an dem sei. Der Bursche nahm die Gluf und stellte sich hinter sie; er wollte ihr nun auch wirklich gefällig sein und genau thun, was sie haben wollte. Als er anfing, das Halstuch zurechtzurücken, wurde ihm doch sehr curios. Sein Herz fing an zu schlagen, vor seinen Augen begann es zu schwimmen; er fühlte ein außerordentliches Verlangen, just das zu thun, was sie wünschte und ihr Phantasiebild wortwörtlich zu erfüllen. Allein zu rechter Zeit noch mahnte ihn die Pflicht und sein Vorsatz. Ihr die Gluf anzustecken, das hatte sie verlangt, darum war es ihr zu thun, und darin mußte er ihr zu Willen sein. In der Verwirrung seiner Lebensgeister zog er das Tuch rechts und links, ohne ihm die gehörige Lage geben zu können. Die Gret rief: »Daß 's fei' recht en d' Mitt nei' kommt!« Denn grad in der Mitte des Rückens muß die Spitze befestigt werden, wenn das schöne Dreieck herauskommen soll. Dieser Zuruf des offenbar etwas ungeduldigen Mädchens traf den Burschen. Das Tuch hing eben zu weit rechts. In seiner Confusion that er instinktmäßig einen Riß gegen die Mitte, wobei er die Kraft seiner Finger nicht erwog, und -- ein Fetzen des Halstuchs blieb in seiner Hand.

Nun riß aber auch die Geduld der guten Margret! Nachdem sie so weit gegangen -- nachdem sie ihm auf eine Art entgegen gekommen war, daß der Einfältigste hätte begreifen müssen -- ihr, anstatt ihren Wunsch zu erfüllen und ihr um den Hals zu fallen, das schöne neue Halstuch zu zerreißen -- das war denn doch in Wahrheit »dümmer, als verlobbt ist.« So einen Menschen zum Mann zu kriegen, ist am End auch kein großes Glück, und -- -- sie hatte sich umgedreht, sah den Fetzen in seiner Hand, sah das Gesicht halb verlegen, halb lächelnd gegen sie gewendet, und rief erzürnt: »Du bist aber doch o'gschickter als der Deufel! So a Mannsbild! Gang nor glei (gleich) morga' zom Schulmoester ond loß d'r dei' Schuelgeld widder rausgeba'; denn des ist net verdeat (verdient) woara!« -- Das war auch nicht höflich, und so etwas hatte Michel noch nie gehört. Er wurde seinerseits ärgerlich und entgegnete: »I hab d'r ja gsakt, daß e mit deam Zuig (Zeug) net omganga ka' -- w'rom trägst mer's auf?« Und mit stolzem Selbstgefühl setzte er hinzu: »I hab ebbes anderst's z'doa' en der Welt, als da' Mädla' d'Halstüacher na'zmacha!« -- Die Gret sah ihn achselzuckend an und sagte: »Ja, des glob' e!« -- Der Bursche fühlte einen Drang, sich von jedem Vorwurf rein zu waschen; deswegen, den Fetzen emporhaltend, bemerkte er: »Des Tuech doh, nemm mers net übel, ist aber oh nex nutz gwesa'! 'S ist eba' widder so a nuimodischer Lompazuig (Lumpenzeug), so dent (dünn) wie Spennawett (Spinnweb)! Mei'r Mueter ihr Halstuch wär' m'r net in der Ha'd blieba'.« --

Das Mädchen wußte nicht, sollte sie lachen oder weinen. Sie hielt an sich und erwiederte: »Du host natürlich Rehcht! Ma' woeß ja, doß d'r Gscheidtst bist en der ganza' Gmoed (Gemeinde). -- So, ietz ka'n e mit 'm verrissenga' Halstuech hoemganga'!« -- Michel, der einmal in den Schuß der Dummheit gekommen war, verstand die letzte Rede wieder falsch. Er trat mit ritterlicher Intention einen Schritt näher und sagte tröstend: »Doh brauchst de net z'kränka'! -- ih ka' d'r scho' a nuis kohfa!« -- Das gab ihm bei dem Mädchen den Rest. Wahrhaft beleidigt, riß sie ihm den Fetzen aus der Hand und rief; »So viel Geld hab' e no' übreng, um m'r a nuis Halstuch z'kohfa! I brauch nex von dir, du oefältenger Mensch!« -- Sie wandte sich rasch ab und ging fort.

Michel stand verdutzt. Er hatte eine dumpfe Ahnung, daß er doch nicht ganz richtig gehandelt haben könnte. Ein Aerger erhob sich in seiner Brust -- über sein Unglück, über die Hitze der Gret, über das Mißgeschick, das ihn überall verfolgte. Indem er nachdenken wollte, fühlte er, daß ihm heute auch das Denken nicht mehr geriethe. Er spürte eine ziemliche Mattigkeit in seinen Gliedern, setzte sich auf ein Felsstück und überließ sich der formlosen Bewegung seiner unmuthvollen Seele. Endlich erhob er sich rasch und trat den Rückweg an; er wollte doch sehen, wie's stehe und was zu thun sei!

Als er an seinen Tisch trat, waren der Maurer und die Gret schon fort; Kaspar erwartete ihn, unwissend, was er denken sollte, und höchst neugierig was denn passirt sei. Die Gret sei zurückgekommen, sehr ernsthaft und ärgerlich, und habe erzählt: sie hätte ihren Fürwitz gebüßt, sie wäre in einer Grub am Felsen hingegangen und ein spitziger Stein hätte ihr das Halstuch zerrissen. Er, Kasper, habe nicht begreifen können, wie das zugegangen sei, und nach ihm, dem Michel, gefragt; worauf sie zur Antwort gegeben, sie wisse nicht wo er hingelaufen sei. Dann habe sie an ihrem Vater getrieben, sie müßten nach Hause, sie habe noch etwas herzurichten auf morgen früh -- und der Maurer sei mit ihr fortgegangen. »Was hot's denn geba'?« rief der gute Bursche zuletzt mit dem Antheil eines Freundes, der das Seine gethan. »Send'r (seid ihr) oeneng woara'n oder« -- »Jo«, rief Michel mit dem Humor der Verzweiflung, »oeneng! -- Aus isch!« -- Kaspar fuhr empor. »Was! -- aus?« -- »Aus«, erwiederte Michel, »wie'n e der sag!« -- »Aber wie hot's denn ganga'? So verzähl m'r doch!«

Unser Bursche war gedrückt von dem Unstern, den er gehabt, von dem Unwillen, der in seiner Seele emporschwoll -- er mußte sein Herz erleichtern, und er wollte dem treuen Kameraden Alles vertrauen. Wie er erzählte, daß er in der Grube über die Gret hinausgelaufen sei, machte Kaspar Bewegungen, als ob er das Gliederreißen hätte. »Nausgloffa?« wiederholte er mit unwilligem Staunen; und den Zorn des Gewaltigen riskirend, setzte er entrüstet hinzu: »O du dommer Kerl! Host denn net gseha', wos die gwöllt hot?« -- »No, was denn?« fragte Michel. Und Kaspar fuhr fort: »Fanga' hättsch (hättest du sie) solla' -- ond d's Maul hättst aufdoa' solla, wann's ghett hättst! Desdawega' hot's de rausgfoadert!« -- Michel war betroffen; die Sache leuchtete ihm ein, und nur kleinlaut sagte er: »Moest?« -- »Ach, i bitt' de!« rief der Kamerad höchst verdrießlich. -- »No, verzähl weiter!«

Michel erzählte das Uebrige. Kaspar sah ihn an, wie einen, bei dem's nicht recht richtig ist, und brach in ein lautes Gelächter aus. »Lieber Michel«, sagte er endlich, »nemm mer's net übel, aber dir muß ma' da' Dippel boara' (der Düppel bohren)! Was! doh host no' nex gmerkt?« -- Unser Bursche, einmal auf dem Wege der Selbsterkenntniß, begriff -- und ein dumpfes Schamgefühl begann in ihm aufzuquellen. Allein seine Handlungsweise hatte doch auch ihre Gründe, und zu seiner Rechtfertigung mußte er sie geltend machen. »Aber i sag d'r«, entgegnete er etwas verlegen -- »ihr Halstuech ist wärle verschoba' gwesa'! Ond i hab gmoet« -- -- »Ietz höar auf«, rief Kaspar »ond ärger' me net! Die hot se ebbes om ihr Halstuech kümmert! Des ist 'r aufglega'! -- no' derzue bei der Nahcht, wo's koe Mensch sicht!«

Bei dieser Hinweisung auf die Nacht ward es Tag in unserm Burschen. Er schämte sich in den Tiefen seiner Seele, und ein großer Verdruß über sich selbst erhob sich in ihm. Indessen wenn man angegriffen ist, muß man sich doch vertheidigen, und darum sagte er: »'Smag sei'! Aber 'sist vielleicht besser, daß's so komma'n ist! Mit dem Mädle hab e amol nex acks (als) O'glück -- und wear woeß« -- Kasper fiel ihm in die Rede: »O'glück haba' nennt 'r des! Ietz wurd's mer zviel! Glück host tausedmol meaner (mehr) as der Brauch ist -- -- aber (auf die Stirn deutend) ~doh~ fehlt's!« -- Nach kurzem Schweigen setzte er hinzu: »Ietz bitt' e de nor om oes! Verzähl m'r koem Menscha' nex dervo'! Ih as dei' Kamrad mueß me schäma' für di! Du host de benomma, daß a wahra' Schand ist! Wie a Dommkopf, wie a Sempel, wie a -- --«

Der gute Kaspar wollte die Gelegenheit der Vernichtung Michels benutzen und sich für die Grobheiten, die er von ihm schon anzuhören gehabt hatte, entschädigen. Aber nun wurde es dem Enakssohn zu bunt. Er richtete sich empor in seiner ganzen Macht und rief mit dunkelbraunem Gesicht: »Ietz sei mer still, oder i schmeiß de onter da' Dihsch (Tisch) nonter, doß d's Aufstanda' vergischt! Kott's Höllablitz! -- Willst me du oh no' verzürna'? -- I hab mei' Lebteng mit deana Lueders-Weibsbilder nex z'doa ghett -- wie sollt' ih ihr' Ränk ond Schwänk kenna'?« -- Kasper, zur Mäßigung gemahnt, versetzte mit Humor: »So got's eba'! Wer nex lernt, der ka' nex!« -- »Was doh«, rief Michel unmuthig. »Falsche Ohser sends alle mit anander! I ben froa', daß so ganga'n ist, ond meiner Lebteng loss' e me ietz mit koer mea' ei'! Aus isch!« -- Er ergriff die Bitsch, leerte sie auf einen Zug, stand auf und rief mit dem alten Herrscherton: »Ietz komm!« -- Er ging. Kasper folgte.

Auf dem Heimweg schüttelte der Erfahrene noch zu wiederholtenmalen den Kopf. Es war freilich beinahe nicht zu glauben, wie der Kamerad sich benommen hatte. Aber abgesehen von den Gründen, die er selber angab, war er ein Deutscher und hieß Michel. Er war ein Schwabe und erst sechsundzwanzig Jahre alt.

Beim Tanze.

Als die Gret am andern Morgen in ihrem Bett erwachte, überlegte sie bei dem heitern Schein der eben aufgegangenen Sonne die Vorfälle des gestrigen Abends in ihrem Zusammenhang und ihrer Steigerung -- und brach in ein helles Gelächter aus. Nichts in der Welt kam ihr so närrisch vor wie der gute Michel in seiner Einfalt. Was sie gestern erzürnt hatte, das erschien ihr heute unendlich lustig, und um keinen Preis hätte sie sich ihr zerrissenes Halstuch abkaufen lassen. »O ist des a gueter Kerl!« rief sie, Lachthränen in den Augen. »Ist des a dommer Mensch!«

Mit dem Unmuth war aber auch die Geringschätzung, die sie gegen ihn empfunden hatte, völlig aus ihr gewichen. Die Heiterkeit stimmte sie zur Milde, zur Gerechtigkeit. Sie fühlte, wie gut ers eigentlich meinte, wie durch und durch ehrlich er war, und wie ihm nur die rechte Art fehlte. Ihre Seele hing an seinem Bilde, wie das Aug einer Mutter an ihrem Kind, mit liebend mitleidigem Antheil. »G'scheidt ist er freile net,« sagte sie endlich, »ond wie ma' mit da' Mädla'n omgot, des woeß er gar net. Aber was schadt's? 'S ist am End besser, er lernt's von mir, als wann ers scho' von 'r andra' glernt hätt!«

Da sie die Schwäche des Burschen von der schönern Seite betrachtete, so leuchtet ein, zu welchem Schlusse sie kam. Sie wollte ihn durchaus nicht aufgeben, ihm vielmehr Alles verzeihen und bei der nächsten guten Gelegenheit sich alle Mühe geben mit einem neuen Versuch. »'S ist freile net en der Oarneng (Ordnung),« sagte sie mit etwas bedenklichem Gesicht, »daß d's Mädle widder a'fangt. Aber was ka'n e macha'? 'S got amol net anderst, ond a jeds mueß doa', was eba' ka'! -- So o'stearisch (unsternisch, unglücklich), wie desmol,« setzte sie erheitert hinzu, »wurds ja doch net allmol ganga'!«

Es hatte einen ganz absonderlichen Reiz für die muntere Gret, den dummen prächtigen Michel zu gewinnen. Sie lächelte holdselig für sich bei diesem Gedanken, ihre Augen glänzten und schelmisch verlangend rundeten sich die schönen rothen Lippen.

Vergnügt kam sie in die Stube. Als sie nach der Begrüßung des Alten wieder an Michel und sein Benehmen dachte, konnte sie sich nicht enthalten, für sich hinzulachen. Ihr Vater sah sie verwundert an und sagte: »Was host denn? Du bist ja gwihß net gscheidt?« -- Die Gret erwiederte: »'S ist m'r grad ebbes ei'gfalla'!« -- »Gang weiter,« sagte der Maurer, der nicht zu den scharfsichtigsten Menschen gehörte, »du bist a verruckts Mädle! Mach lieber, daß mer a Supp krieget ond zom Schneida' kommet!«

Anders war die Nachwirkung des gestrigen Abends bei dem Burschen. Auch er sah klar an dem hellen Morgen, aber bei ihm erzeugte die Klarheit nicht Heiterkeit und Milde, sondern grimmigen Verdruß und Wuth über sich selbst. Schon ~Göthe~ hat hervorgehoben, wie der arme Mensch, des Morgens im Bette erwachend, in der Passivität des Daliegens den Pfeilen der Selbstanklage und der Reue wehrlos preisgegeben ist. Michel, in dem Nachtheil seiner Lage, erkannte aufs deutlichste, wie dumm er sich gestern benommen; Scham färbte sein Gesicht, er strampfte mit dem Bein, daß die Bettstatt krachte. »O du Ochs«, rief er aus und gab sich einen Schlag vor die Stirn, der einer minder harten gefährlich werden konnte. »So domm sei'! -- net seha', was d's Ohs will, ond globa', sie will des, was sie sakt! Als ob's net grad allmol ebbes andersts wölla' dätet, die -- --! -- Ietz kenn e's (ich sie) auf oemol -- ietz, wo's nex mea' hilft!«

Michel, wie der Leser schon gesehen, war hinterdrein immer um ein Gutes klüger als vorher; er machte sich seine Erfahrungen in Wahrheit zu nutze, er ging vorwärts, und es war darum keineswegs an der Durchbildung seines Verstandes zu verzweifeln, wenn man ihm nur Zeit gab, die hiezu nöthige Zahl von Erfahrungen zu machen. Das ist aber eben das Schlimme bei dieser gründlichen Art der Entwicklung, daß man oft gewisse Einsichten erst zehn Jahre später erlangt, als wo man sie brauchte, und unter solchen Verhältnissen gar vieles unwiederbringlich verloren bleibt.

»So a Glegenheit«, murmelte der Bursche für sich hin. »Moets so guet mit m'r, richt't mers na' -- a'n oezengs Wöartle, ond mei' wär's! -- Ond ih ben so hihra'dippleng und verreiß 'r d's Halstuech! Noe (und er brach selber in ein Lachen aus) so 'n oefältenga' Menscha' gibts en der Welt nemmer! Des ist gar net möglich! -- Natürlich isch wüadeng woara', des begreift se -- über so'n Esel! Die möcht' i oh seha', die doh d'Geduld net verliera' dät!« --

Er versank in tiefes Nachdenken. »'Sist verloara'«, begann er aufs neue, »ganz ond gar verloara'! So'n domma' Menscha muß ma verachta', 's got net anderst; ond wo amol koe Respekt mea' ist, doh hot's mit d'r Liab a'n End! -- O, i wott glei« -- --

Er sprang auf, zog sich an, und murrte dabei fortwährend über sich selbst. -- Als er in die Stube trat und der Mutter guten Morgen bot, sah ihn diese an und sagte: »Wie sikscht denn du ha'et aus? -- Du host g'wiß gestert z'tief en d'Bitsch nei'guckt!« -- Michel war froh, die Alte auf dieser Fährte zu sehen, und dichtete sich einen Katzenjammer an, obwohl mindestens das doppelte Quantum des gestern Getrunkenen erforderlich gewesen wäre, ihm eine Andeutung davon zu geben. »Ja«, erwiederte er, »i ben a bisle z'weit ganga'! Aber (setzte er mit saurem Gesicht hinzu) i hab a Lear (Lehre) kriegt, ond wear me a'nandersmol hüeta'!«

Als er nach dem Frühstück auf's Feld hinausging, dachte er: »Ietz nor Alles ha'et, als dem Mädle net begegna'!« Er empfand eine grausame Scheu, das Gesicht zu sehen, das er sich nicht anders als höhnisch denken konnte und dessen bloße Vorstellung ihm schon einen Stich ins Herz gab. Unbehelligt kam er an seinen Acker, und froh über dieses Glück schnitt er rüstig in Gesellschaft seiner Mutter und einer Taglöhnerin die zeitgemäße Gerste. Aber seine Furcht war doch eine Ahnung dessen, was kommen sollte! Da sie den Acker noch fertig schneiden wollten, so gingen sie erst spät zum Mittagessen heim. Michel blieb in Gedanken zurück, und wie er in die Gasse einlenkte, kam ihm die Gret entgegen. Er erschrak, und sein Gesicht zeigte eine so komische Mischung von Verlegenheit, Verdruß und Empfindlichkeit, daß das Mädchen, als er ohne zu grüßen an ihr vorüberschritt, sich nicht anders helfen konnte -- sie mußte grad hinaus lachen.

Es that ihr unendlich leid, sobald es geschehen war. Sie fühlte, daß es jetzt zu Ende sei mit ihm, und daß ein Wunder geschehen müßte, wenn er ihr dieses Lachen verzeihen sollte! -- Sie schalt sich selbst, wurde sehr ernsthaft und beruhigte sich endlich nur in dem Vorsatz: für jetzt sich zurückzuhalten und Alles in Geduld zu erwarten.

Ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht. Michel war im Tiefsten beleidigt. »I habs ja gwißt«, sagte er schamerglühend zu sich selbst, -- auslacha' wurd's me! -- No, ietz isch aber verbei, -- ietz sig e's nemmer a' meiner Lebtag! I ben a'n Esel gwesa', daß e denkt hab', sie hält doch ebbes auf mi! Wean ma' so auslacht, auf dean hält ma'n ebbes, ja wohl! -- Nia hot ma'n ebbes auf 'n ghalta'!«

In seiner gerechten Entrüstung ging er zu dem Kameraden und erzählte ihm, was ihm passirt sei und was er nun denken müsse. Kasper wollte die Schlußfolge Michels nicht gelten lassen; aber dieser machte ein Gesicht, daß er seine Einwendung gern fallen ließ und meinte: es könnte doch so sein! -- Gewisse Leute finden immer Beistimmung.

Michel faßte den Entschluß, die Gret nicht nur ihres Weges gehen zu lassen, sondern gar nicht mehr an sie zu denken. Zunächst wurde er aber doch noch an sie erinnert. Seine Mutter erfuhr nämlich im Lauf der Woche von einem Nachbar, Michel sei am Sonntag beim Maurer und seiner Tochter gesessen, er sei recht »lebendeng« gewesen, und es habe just so ausgesehen, als ob ihm die Gret gefiele. -- »Des gäb' a rechts Baar«, hatte der Wohlwollende hinzugesetzt, -- »doh müsset 'r a Bisle helfa'!« -- Die Alte war sehr erfreut über diese Nachricht und nahm sich gleich vor, bei guter Gelegenheit auf den Busch zu klopfen und zum Zwecke zu reden.

Als sie einen Tag darauf nach dem Essen allein in der Stube waren, begann sie mit jenem Lächeln, das nur Müttern eigen ist, wenn sie auf eine ihnen genehme Liebschaft des Sohnes anspielen: »Des mueß ma' doch saga', d's Maurers Margret ist doch ietz d's erst' Mädle em ganza' Doraf! Wie die so gschickt ist ond wie der Alles aus der Ha'd got! 'Sist wärle zum Verwondra'!« -- Michel blieb stumm. -- »No, isch net wohr?« fuhr die Alte fort und sah ihn an. -- »'S ka' sei'«, entgegnete Michel. -- »Die Gschwendne (Geschwindigkeit)«, begann die Mutter wieder, »hab' e no' net leicht gseha' bei 'm Mädle! Sie schafft für zwua (zwo, zwei).« -- »Mei'daweg für drei!« versetzte der Bursche. Die Alte wollte aus dieser Antwort entnehmen, Michel schäme sich zu bekennen, und fuhr fort: »Wer die zom Weib kriegt, deam isch net gfehlt -- der hots troffa' -- noch mei'r Moeneng!« -- »I wensch 'm Glück derzue«, bemerkte der Sohn ohne aufzusehen und mit einem Ton, der der Alten doch befremdlich klang. »No, was host denn ietz?« rief sie; und lächelnd setzte sie hinzu: »bist net amol aufrichteng mit dei'r Mueter? I will der's nor saga': die Great wär a Mädle für dih, ond wann de a Bisle om se rommacha' dätst« -- --

Michel sah auf mit unmuthigem Gesicht. »Die Great«, erwiederte er kurz, »wär die Letscht (Letzte), die i näam (nähme)!« -- »Aber worom denn?« rief die erstaunte Alte. -- »Weil's a'n Ohs ist«, war die Antwort, »ond weil e's net leida' ka'!«

Die Mutter wollte ihren Ohren nicht trauen. »Aber du sollst de ja beim brauna' Bier recht guet mit 'r onderhalta' haba'!« -- »Descht (das ist) a domma' Schwätzerei -- weiter nex!« entgegnete Michel. Und indem alle Schmach, die er erfahren, in seiner Seele brannte, rief er mit Nachdruck: »Von deam Mädle red m'r nex mea' -- i will nex von 'r höara'!« -- Die Alte war bestürzt und schwieg einen Moment still. Dann sagte sie mit einem Klageton, der aus der Seele kam: »Aber sag m'r nor, willst denn ietz barduh (partout) net heiricha'? Magst denn gar koena'? Soll e meiner Lebteng koe Söhnere mea' ens Haus kriega'?« -- Dieser Ton traf den Burschen; -- und da es die Mutter doch so gut meinte und vielleicht die einzige Person in der Welt war, die es gut meinte mit ihm, so ging er auf sie zu, nahm sie bei der Hand und sagte von Herzen: »Mueß denn aber grad gheiricht sei'? I hab ja a brava' Mueter, die m'r nex ahganga' (abgehen) loßt and bei ders m'r wöller ist, als bei so 'r jonga Butzdock (Putzdocke)!« -- »Ach«, erwiederte die Alte, die sich doch etwas geschmeichelt fühlte, »wann e aber stirb, was nocht?« -- »Du lebst länger als ih«, rief Michel, nickte versichernd -- und suchte das Weite.