Part 31
Wenn sie in andern Momenten wieder dachte, Michel könnte sich am Ende doch bessern, so erfüllte dieser ihre Erwartung fürs erste nicht. Er trutzte weiter -- er wollte in der That nichts mehr von ihr wissen; d. h. er wollte im Grunde immer noch gar viel von ihr wissen, aber er gab es nicht zu erkennen. Die Besuche des Schneiders und die Reden, die darüber im Dorf umzugehen anfingen, brachten in seinen Gedanken keine Aenderung hervor. Daß ein Mädchen wie die Gret so einen »Krampen« wie den Schneider möge, konnte er fürs erste nicht glauben. Wenn sie ihn aber mochte, wenn sie so einen »miserabeln Kerl« lieber haben könnte, als ihn, dann sollte sie ihn nur nehmen und zum Gespötte werden mit ihm! Unser Bursche hatte über die »Weibsbilder« schon soviel nachgedacht und vernommen, daß er wußte: sie seien eigentlich »d's Deufels« und auskennen werde sich so leicht keiner in ihnen. Als er sich aber vorstellte, daß die Gret sich wirklich dergestalt verirren und den Schneider nehmen könnte, wo doch Er, der Michel, zu haben war, da stieg ein Gefühl der Geringschätzung gegen ihren Verstand, ihren Charakter, ihre ganze Person in ihm auf, welche die Liebe für den Moment gänzlich überdeckte. »Wanns so komma dät, wanns dean lieber hätt' wie mih, nocht dät e me doch schäma', doß e nor a Menutt ebbes von 'r ghalta' hab!« -- Es war ihm aber auch bei diesem Ausruf noch, als obs eigentlich doch nicht so sein könnte.
Unterdessen hatte die Ernte begonnen, und in dieser Zeit können es Leute, die in einem Dorfe, zumal in einer Gasse wohnen, nicht vermeiden, sich öfter zu sehen. Michel traf die Gret eines Tages mit dem Maurer, dieser grüßte, und unser Bursche konnte nicht so sehr die Lebensart außer Acht setzen, daß er nicht dankte. Wie er nun mit ehrbarem Ton »Godda'n Ohbed« sagte, benutzte das Mädchen die Gelegenheit, um mit etwas gedämpfter Stimme gleichfalls ein »Godda'n Ohbed« anzufügen. Was sie sich dabei gedacht, konnte zweifelhaft sein; gleichwohl empfand Michel diesmal bei dem Ton ihrer Stimme ein wohlthuendes Zucken in seinem Herzen, und es schien ihm unmöglich, daß dieses nachträgliche »Godda'n Ohbed« nicht etwas zu bedeuten habe, und zwar etwas Gutes. -- Das nächstemal kam sie ihm allein entgegen. Sie grüßte nicht, weil sie jetzt eben von ihm gegrüßt zu werden hoffte. Als er aber wieder stumm blieb, sah sie ihn von der Seite mit einem Blick an, der auch einen Härtern, wie er war, in die Seele hätte treffen müssen. Dieser Blick sagte: »O du dommer Kerl, willst du a Mädle net grüeßa', die so viel auf de hält?« -- Michel konnte sich der Wirkung dieses Blickes nicht entziehen. Als er einige Schritte weiter gegangen war, sagte er ernsthaft zu sich: »Ietz isch m'r doch so fürkomma'n, als ob -- -- am End hot doch der Kapper Rehcht!«
Denselben Abend noch suchte er den Kameraden auf und machte ihn mit seiner Erfahrung und seiner Vermuthung bekannt. Wie Kasper ihn auf solchem Wege sah, rief er: »No, was hab' e denn g'sakt? Die Great hot dih em Kopf, des hab' e scho' lahng gwißt; aber du loscht (lässest) ja net mit d'r reda'!« -- »No no,« erwiederte Michel begütigend; und nach einem Moment des Nachdenkens setzte er hinzu: »Du moest also, i hätt' Hoffneng -- 's ist dei' Earnst?« -- »Freile isch mei' Earnst,« entgegnete Kasper. »Wer ka' doh no zweifla'! -- Aber ietz mach amol 'n Fried mit dei'm oefältenga' Trutza' doh und dua', was se für a rechts Mannsbild g'höart!« -- Michel stand mit tiefsinnigem Gesicht da. »Wann's d'Glegenheit git (gibt),« erwiederte er endlich, »will e seha'!«
Dieser abendliche Diskurs fand gegen Ende der Woche statt. Nachdem am Samstag noch ein tüchtiges Gewitter sich entladen und die Luft abgekühlt hatte, kam ein schöner und nicht allzuheißer Sonntag. Das Wintergetreide war größtentheils zu Hause, die Gerste der Sichel entgegengereift, und da sich die Ernte so gut angelassen, glaubte man, sie werde auch gut zu Ende gehen. In solchem Vertrauen entwickelt sich in der Seele des Bauers ein gründliches Behagen und er fühlt das Bedürfniß, sich ein Plaisir zu machen.
Heute stellte sich bei Michel nach dem Essen der Kamerad ein und machte den Vorschlag, »zum braunen Bier zu gehen.« Zu den Eigenheiten unsres Burschen gehörte es, auch dann, wenn er etwas zu thun geneigt war, sich nöthigen zu lassen. Er sah dermalen den Andern mit einer Miene an, die weit entfernt war, Beistimmung auszudrücken. Die eben anwesende Mutter rief indeß: »Gang mit! Kommst doch oh widder amol aus'm Doraf naus ond unter d'Leut!« -- »Ha'et wurd's vohl (voll),« bemerkte Kasper. »D's Bier soll gar fei'dle guet sei' ond d's Wäder ist schöa'!« -- »Wer woeß,« sagte er lächelnd zu Michel, »ob d'net ha'et oena sikscht, die d'r gfällt!« -- Die Mutter zuckte die Achseln und entgegnete für Michel: »Gang weiter! Deam gfällt oena'! Dia' Hoffneng hab e lang aufgeba'!« -- Sie verließ die Stube. -- Kasper machte ein pfiffiges Gesicht und sagte zu Michel: »Die merkt no' nex!« -- Auch unser Bursche verrieth auf seinem Gesicht einige Schlauheit; dann aber erwiederte er: »Sie soll oh nex merka', bis d'Sach klor ist!« Und mit einem bedeutungsvollen Wink setzte er hinzu: »Woescht no', was e d'r g'sakt hab?« -- »Ja wohl,« entgegnete Kasper mit Lachen. »Aber ietz mach!«
»Zum braunen Bier gehen«, hieß auf den Dörfern in der Nähe von Wallerstein so viel als: auf den Keller der fürstlichen Brauerei gehen. Diese Bezeichnung datirt ohne Zweifel aus einer Zeit, wo in jenen Dörfern ausschließlich weißes Bier gesotten und das braune (das in Norddeutschland s. g. bayrische) zunächst nur von der »Herrschaftsbräu« geliefert wurde. In den Jahren, in denen unsre Geschichte spielt, verdiente aber das hier producirte Getränk die Auszeichnung einer solchen Benennung immer noch durch seine Güte, wie es denn auch jetzt noch unter den Bieren des Rieses einen ehrenvollen Rang behauptet.
Die Kameraden legten die mäßige Strecke von ihrem Dorf nach Wallerstein in gemüthlichem Diskurse zurück. Die Zahl der »Schöber,« die sie schon eingeführt hatten und die sie noch zu bekommen hofften, der Stand des Sommerkorns und die Hoffnungen des Brachfeldes bildeten den Hauptinhalt ihrer Ansprache. Im Markt angekommen, schlugen sie den nächsten Weg zu der Anhöhe ein, auf welcher die fürstliche Brauerei liegt und nebst den ausgedehnten Oekonomiegebäuden den grauen Felsen, der das alte Schloß getragen, kranzartig umschließt. Sie fanden noch Platz auf einer der Bänke vor der Brauerei, ließen sich jeder eine Maaß geben, würdigten den schäumenden Trank, der aus dem gepichten Bauche der hölzernen »Bitsch« in ihre Kehlen floß, mit tiefem Zuge und theilten bald, schmauchend und nach entsprechenden Intervallen die Zungen befeuchtend, das Vergnügen der zechenden Versammlung.
Kasper hatte Recht gehabt. Das in dem Felsenkeller gelagerte Bier war heute ganz besonders wohlschmeckend und der Trinkplatz, der die Aussicht in den nordöstlichen Theil des Rieses darbot, vollständig besetzt. Wallersteiner Herren -- fürstliche Beamte und Bürger -- etwelche Nördlinger, »kadollische« und »luttrische« Bauern saßen größtentheils standesmäßig vereinigt, hie und da aber auch zufällig gemischt um die hölzernen Tische, die heute für die »Herrn« durch einige hübschere aus der Zechstube vermehrt waren. Das schöne Geschlecht war nicht zahlreich vertreten; doch sah man außer der französischen auch noch katholische und protestantische Rieser Tracht nicht ganz unwürdigen Inhalt umschließend. Alles war vergnügt. Die Hauptsache war unerschöpflich vorhanden, und wer Appetit nach etwas Eßbarem hatte, für den war nicht nur durch die Wirthschaft, sondern auch durch Wallersteiner Buben gesorgt, die Rettiche und »Würst' siedhoeße« ausriefen und die letztern auch dann noch mit dem lockenden Prädikat schmückten, wenn sie schon zwei Stunden hin und hergetragen waren.
Unsre Kameraden tranken sich nach und nach in jenen angenehmen Dusel hinein, in welchem die jetzigen Sterblichen eine Ahnung von dem Gefühl erhalten, durch das die Menschen des goldenen Zeitalters beglückt worden sein mögen. Michel hatte einen Blick auf das Dorf Birkhausen und auf das Fasanenwäldchen geworfen, das ihm so hübsch gegenüber lag; er hatte die Gäste gemustert und nach flüchtiger Betrachtung der anwesenden Bauernmädchen die Ueberzeugung gewonnen, daß Kasper in dieser Beziehung nicht gut prophezeiht habe! Jetzt ließ er die Augen ruhen und verharrte im Gegensatz zu dem Kameraden, der sich von Zeit zu Zeit umsah, in unveränderter Stellung, sichtlich in Nachdenken versinkend. Ohne aufzusehen, murmelte er endlich: »Wann e's nor gwihß wihßt'!« -- Kasper sah ihn an und sagte lächelnd: »Bist scho' widder doh mit deina' Gedanka'?« -- »Hol's der Deufel,« rief Michel, »i ka' net dervo' loaskomma'! Wann's ietz doch nex wär'? Wann's doch da' Schneider lieber hätt'? Gestert ist der Kerl a'mer verbeiganga', als ob's scho' sei' wär'! I hätt 'm glei oena' stecka' könna', so hoaffärteng hot 'r ausgseha', der Grippel!« -- »Da' Schneider, glob' e, host net z'färchta',« erwiederte Kasper. -- »I sott's oh net moena,« sagte Michel; und mit großartiger Verachtung setzte er hinzu: »So a Krack -- so a Stump von 'm Menscha'! -- net gröaßer als a Säustallthürle! I schmieß 'n über a Haus nüber, wann's sei' müeßt'! -- 'S ka' net sei'!« -- »Sie müeßt se ja schäma', wann's mit 'm geang (ginge),« setzte Kasper hinzu. »D'Leut dätet lacha 'n über so a Baar!« -- »'S ist wohr,« sagte Michel. »Aber auf der andera' Seit; reda' ka'n er, schwätza' ka'n er, ond d'Mädla' send Mädla'. Wer'n (ihnen) flattirt, der hot scho' halb gwonna'.« -- »Des ist freile oh widder wohr,« bemerkte Kasper. »Ond a'n Ohs ist der Schneider! Allweil woeß er ebbes Nuis. Ond manch's Mädle hot scho' so'n Kerl gnomma', weil's geara' d'Hosa'n a'ghett hätt! Vielleicht daß d'Great« -- -- Aber eine solche Zustimmung war es nicht, was unser Bursche jetzt wünschte. Seine Züge hatten sich verdüstert und unmuthig fiel er ein: »Schwätz net so domm! I glob's mei' Lebteng net! A Mädle wie d'Great will'n rechta' Ma'! Ond i woeß net, was grad do' (gethan) hot, daß d' so elend von 'r denkst!« -- Kasper schwieg. Er wußte wohl, daß er nichts profitirte, wenn er nachwies, daß er nur Michels eigne Meinung wiederholt hatte! -- Der Gewaltige ertränkte den unliebsamen Gedanken durch einen tüchtigen Zug aus der Bitsch und beide sahen stumm vor sich hin. Auf einmal erhellte sich das Gesicht Kaspers -- man hätte sagen mögen schadenfroh -- und Michel rief: »Aber kommt denn doh net -- hol me der Deufel, sie send's!«
Sie waren's in der That, nämlich die Gret und ihr Vater. Sie kamen von der Westseite, denn sie waren auf Besuch bei der Schwester gewesen, die in dem nächsten württembergischen Dorfe verheirathet war, und fanden sich darum auch erst zu einer Zeit ein, wo der Nachmittag in den Abend überging. Als sie den Kameraden sich näherten, rief Kasper: »Godda'n Ohbed, Maurer!« und hielt ihm die Bitsch entgegen. Man wechselte Grüße und der Maurer that Bescheid. »Doh ist no' Plahtz,« sagte Kasper auf die Bank deutend. Der Maurer besorgte sich auch eine Bitsch, und man setzte sich zusammen.
Michel war überrascht gewesen und hatte die mit langsamen Schritten herbeikommende Gret sonderbar angestarrt. Sie war eben wieder sehr schön in ihrem Sonntagsstaat und namentlich in einem neuen seidnen, prächtig glänzenden Halstuch feinster Qualität! Der Gang in der Sonne hatte ihr Gesicht höher gefärbt, und ein guter Beobachter hätte bemerken können, daß ihre Augen, sobald Michel sich ihnen darbot, durch ein reizendes Funkeln belebt wurden. -- Zu anderer Zeit hätte sich der erste Eindruck in dem Burschen vielleicht länger erhalten und eine verhängnißvolle Confusion der Gedanken zur Folge gehabt; allein zwei Maaß Lagerbier trinkt man nicht ohne Wirkung! Michel saß bald mit ruhiger Würde neben dem Maurer und nahm gemüthlich an dem Gespräche Theil, das sich entspann.
Kasper hatte gefragt, wo sie herkämen -- nicht um es erst zu erfahren, sondern um vor ihnen und Michel zu verbergen, daß er es schon wußte. Nach der Antwort des Alten fragte Michel, wie's den Eheleuten ginge und wie der jungen Frau die Haushaltung anschlüge! Hierauf gab die Gret erfreulichen Bescheid: sie kämen gut fort und hausten recht gut zusammen. Anknüpfend an dieses gute Zusammenhausen nahm der Diskurs eine heitere Wendung. Kasper ging voran, und Michel bewies, daß er auch einen Spaß machen konnte, wenn's drauf ankam. In dem Behagen, das er empfand, war es ihm geradezu unbegreiflich, wie ihm vor der Gret jemals das Reden hatte schwer werden können! Beim Teufel! Heut konnte er schwätzen mit ihr wie mit seiner Mutter! Fragen -- Antwort geben -- Alles dünkte ihn ein Spaß! -- was war das doch für ein Unsinn früher? -- Der Umstand, daß er sich endlich in der Stimmung fühlte, nach der er getrachtet hatte und die er allein seiner würdig hielt, erfüllte ihn jetzt mit einem gewissen Stolz und einer eigenthümlichen Sicherheit. Die Gret war auch so vergnügt, daß ein Blinder hätte sehen müssen, wie sie sich freute, bei ihm zu sitzen! Die Furcht, als könnte sie den Schneider gern haben, war eine Dummheit, die größte, die ihm jemals vorgekommen! Den Schneider! So ein Mädchen! -- Nein! Er -- er selbst war der Glückliche! -- Das war klar, daran konnte nur ein Narr zweifeln! -- -- Aber heute wollte er auch sein Wort anbringen! heut auf dem Heimweg wollte er sich an sie machen, Alles frisch weg heraussagen -- das stand fest -- und -- auf den Herbst sollte die Hochzeit sein! --
Unterdessen hatte man das Bier nicht warm werden lassen. Auch die Gret, die sich durstig gelaufen, that aus der Bitsch, wo man's nicht sah, etwas bessere Züge, als sie's aus einem Glase gewagt hätte. Sie war in der That von ganzer Seele vergnügt. Michel in seiner Unbefangenheit, seiner guten Laune, gefiel ihr ausnehmend. Er war schöner als er ihr sonst vorgekommen, und offenbar auch viel gescheidter! Die Neigung, die sie immer für ihn gehegt hatte, steigerte sich diesen Abend zu dem ernstlichsten Wohlgefallen, und sie empfand das lebhafteste Verlangen, ihn endlich zur Erklärung zu bringen. Daß sie ihm gleichfalls heute nicht weniger gefiel, als früher, davon erlangte sie gewisse Ueberzeugung, und in der Hoffnung, einen solchen Prachtburschen zum Mann zu bekommen, wuchs ihr Vergnügen zu einer Art von Uebermuth. Sie neckte den Glücklichen von wegen weil er auf die Mädchen nichts gebe, was ein Unglück und eine schlechte Ehre sei für alle. Michel erwiederte: auf ihn käme nichts an, da gebe es andere, z. B. den jungen Schneider, der in der Fremd' gewesen sei und draußen Dinge gelernt habe, wo sie im Dorf nichts davon wüßten. Das wäre ein Kerl, der könne den Mädchen sagen, was sie gern hörten! Worauf die Gret versetzte: Der Schneider sei allerdings »a gallants Bürschtle,« an dem könnte sich mancher ein Exempel nehmen; aber es gebe eben so vornehme Bursche, die der Meinung seien, für sie wäre keine gut genug etc. etc. -- Diesem kleinen Gefecht hörte Kasper mit Vergnügen zu, weil er seinen Plan dem Gelingen zureifen sah; der Maurer ergötzte sich daran, ohne den Ernst hinter dem Spaß gewahr zu werden. Zuletzt, nachdem sie einen Moment vor sich hingesehen, sagte das Mädchen: »Wie wär's, wammer (wenn wir) auf da' Felsa' naufgeanget, so lang d'Sonn no' schei't? Mir isch, als ob's ha'et bsonders schöa' sei' müeßt do droba'!« -- Der Maurer wand ein, es möchte doch zu spät sein; sie müßten heim. Allein die Gret bat, die Kameraden traten dem Vorschlag bei und der Alte fügte sich.
Der nächste Weg vom Keller zum Felsen geht hinter dem Brauhause vorbei. Man gelangt, wenn man eine Treppe emporsteigt, auf einen grasigen Platz, der meist eben um den Felsen herumläuft -- ehemals der innerste Hof des Schlosses.[4] Als unsre kleine Gesellschaft auf ihm der südwestlichen Seite zuging, neigte sich die Sonne schon den fernen Anhöhen zu. Vom Keller an hatte sich Michel zu dem Maurer gesellt. Wir wissen, daß er den Entschluß gefaßt, seine Wünsche auf dem Heimweg anzubringen; er folgte daher um so eher einem instinktmäßigen Trieb, nach der geschehenen Annäherung sich wieder ein Bischen zurückzuziehen, die Gret dem Kasper zu überlassen und zur Hauptaction neue Kräfte zu sammeln. Das war aber nicht die Rechnung des Mädchens, die das Besteigen des Felsen eben vorgeschlagen hatte, um dem Michel zu weiterer Annäherung Gelegenheit zu bieten, in der Hoffnung, einen Moment herbeiführen zu können, wo ihm, der einmal im Zuge war, das Schloß vom Munde fallen sollte. Wie sie nun, am Felsen angekommen, ihn ernsthaft mit dem Vater diskuriren und zurückbleiben sah, warf sie einen Blick des Bedauerns auf den Liebhaber, der die gute Gelegenheit versäumte, mit ihr aufzusteigen und ihr allenfalls dabei zu helfen. Damals war der Weg (er befindet sich auf der Südwestseite) noch nicht so bequem wie jetzt, wo neue Treppen in den Felsen gehauen sind. Kasper, der mit der Gret hinan stieg, kam einmal im den Fall, ihr die Hand reichen zu müssen, um sie einige Schritte zu führen; und es ist zu vermuthen, daß sich diese Nothwendigkeit für Michel öfter ergeben hätte. »'S ist doch a'n o'gschickter Mensch«, sagte sie sich. Aber ein Gedanke beruhigte sie wieder: »Vielleicht will er se bei mei'm Vader wohl dra' macha', des ghöart oh zor Sach, obwohl der nex dagega' haba' wurd -- o conträr!« --
Alle waren endlich auf dem Gipfel angekommen. Man ging hin und her und schaute. »Ei wie schön!« rief die Gret und hing mit freudigem Blick an der Landschaft. »Du host Rehcht,« setzte der Maurer hinzu. »'S ist wärle der Müh wearth gwesa', daß mer (wir) raufganga' sind.«
Der Bauer ist kein schwärmerischer Bewunderer der schönen Natur. Zunächst weil er überhaupt nicht so leicht schwärmt; dann aber weil er gewissermaßen selber zur Natur, zur Landschaft gehört und mit ihr auf zu vertrautem Fuße lebt, um über ihre Erscheinungen außer sich zu kommen. Ein recht schöner Anblick verfehlt aber auch auf ihn seine Wirkung nicht; er freut sich darüber herzlich und kindlich -- und das Ries im Schein der Abendsonne ist ein Bild, dessen Reiz auch die substantiellere Natur eines eingebornen Dorfbewohners zu ergreifen vermag.
Die Luft war klar, auf der nordwestlichen Seite kein Wölkchen am Himmel. Die gelben oder noch grünlichen Getreidefelder -- die schon »geschnittenen« Aecker, zum Theil noch mit »Sammelten« bedeckt -- die lichtgrünen Wiesen, die Brachfelder mit verschiedenen Abstufungen von hellerem und dunklerem Grün -- die zahlreichen Orte in der Nähe und in der Ferne -- Alles das stand vor den Augen in deutlichen Umrissen und durch den zarten sommerlichen Duft gleichwohl zu einem schönen landschaftlichen Ganzen verbunden. Unter ihnen lag der Markt Wallerstein mit den beiden fürstlichen Schlössern und den Parkanlagen; am nordwestlichen Horizont ragte das hochgelegene Schloß Baldern über Hügel ins Ries herein; nach Westen zu erhob sich das ehemalige Lanenkloster Kirchheim auf mäßiger Höhe, und weiterhin stieg der Langenberg und der Nipf bei Bopfingen empor. Eine halbe Meile entfernt, gegen die südlichen Hügel hin, war die Stadt Nördlingen gelagert mit ihren vielen ansehnlichen Gebäuden, Zwingern, Gärten und Alleen -- und rechts und links wohlhäbige Dörfer über die Ebene hingesät. Die Ruine Hochhaus schimmerte aus Wäldern hervor; auf den südöstlichen Höhen prangten das Schloß Reimlingen und die ehemalige Benedictiner-Abtei Deggingen, weiter nach Osten die Schlösser Harburg und Lierheim und die Reste von Allerheim. Kehrte man sich nach der nördlichen und nordöstlichen Seite, so erblickte man die stattliche Kirche von Zipplingen, das Kloster Maihingen und den langen Hesselberg -- die Schlösser Hochaltingen und Spielberg, den uralten Thurm von Hohentrüdingen, die Städte Oettingen und Wemdingen. Die nordwestlichen Anhöhen standen in grünlichem Duft, unter der Sonne golden überhaucht; die südwestlichen erquickten das Auge mit wenig gedämpftem Waldesgrün; die entfernteren südlichen und östlichen glänzten in wundervollem Blau, hie und da von helleren Partien der Getreidefelder durchzogen. Eben die Anhöhen, welche die Ebene rings umgeben, erwecken in dem Eingebornen das Gefühl, daß er in einem Paradiese lebt -- in dem landschaftlich eingeschlossenen und abgeschlossenen, fruchtreichen, schönen Ries!
Unsere Leute genossen das Malerische des Anblicks auf ihre Weise, in großen Linien, und verwendeten deshalb weniger Zeit darauf als wir auf die Beschreibung. Sie gingen zu einer sachlichen Unterhaltung -- zur Hervorhebung einzelner Gegenstände über. Sie zeigten sich Orte, die das Merkwürdige hatten, daß darin Freunde von ihnen hausten; sie machten Anhöhen namhaft, die sich dadurch auszeichneten, daß sie von ihnen schon bestiegen worden waren. Die Gret deutete das Haus ihrer Schwester an, welches leider von einem großen Bauernhaus verdeckt sei; und zuletzt concentrirte sich die Aufmerksamkeit auf dem interessantesten Dorf -- auf dem eigenen. Man zeigte sich seine Häuser, Wiesen und Aecker, und Anblick und Besprechung dieser traulichen Objekte versetzten die Landleute wieder in eine muntere und fröhliche Stimmung.
Michel hatte sich hie und da an die Seite der Gret gestellt, allein nach seinem Plane sich nicht mehr mit ihr abgegeben, als mit den Andern, obwohl der Kamerad den Maurer ein paarmal abseits geführt hatte, ihm Gelegenheit zu verschaffen. Die Gret, dadurch gereizt und in der erhöhten Laune des Tages, beschloß ihm einen Schreck einzujagen und -- ihm entgegen zu kommen. Als die Andern in die östlich gelegene Spalte hinabgestiegen waren und Michel schweigend neben ihr stand, that sie einen Schritt gegen den Rand des Gipfels, von dem es hier schroff abwärts ging, zuckte und »grillte« (kreischte), daß es eine Art hatte. Michel erschrak in der That und versäumte, rasch zuzugreifen; als er sah, daß sie selber feststand, hielt er es nicht mehr für nöthig und schaute sie beruhigt an. Die Gret verzog den Mund. »Du bist a schöaner Nochber,« sagte sie; »du ließest me nonterfalla' ond sächtest (sähest) ganz ruheng zua'!« -- Der Ehrliche war etwas beschämt, weil er selbst fühlte, daß er zu langsam gewesen; aber eben darum wollte er den Vorwurf zurückweisen. »No, no,« erwiederte er, »du host de ja selber ghalta'. -- I hab' eba' denkt, du wurscht Versta'd gmuag haba' ond net z'weit nausganga!« -- Für einen Liebhaber keine galante Rede! Die Actien des Burschen, insbesondere seiner Gescheidtheit, sanken wieder, und das Mädchen, etwas empfindlich geworden, suchte die Andern auf.