Erzählungen aus dem Ries

Part 30

Chapter 303,831 wordsPublic domain

Es gibt auf dem Lande nichts Reizenderes als jene Gänge zwischen lebendigen Hecken, die eben breit genug sind, daß man sich ausweichen kann. In der schönen Jahreszeit, wo die Hecken grünen und blühen, wo der trockene Weg von Gras und Blumen eingefaßt ist, gewährt es ein wahrhaft poetisches Vergnügen, hindurchzuspatzieren, zumal wenn beim Schein der Sonne der Schatten dicht belaubter Gartenbäume drüber fällt. Es ist so traulich und so heimlich darin, daß man nur bedauert, so bald wieder ins Freie zu kommen! --

Ein solcher Gang war es, in dem unser Michel die Geliebte festhalten wollte. Seine großen Schritte hatten bewirkt, daß er noch rechtzeitig kam: die Gret ging erst in der Mitte des Weges. -- Wie schön war sie! Sie hatte an dem warmen Tage keinen Kittel an: in blendendweißen Hemdärmeln, in gestreiftem, farbigem Mieder und rothem Halstuch kam sie ihm entgegen. Die Kleider standen ihr so gut, ihr Gang war so geschickt: das Dienen in der Stadt hat eben doch seine großen Vortheile! -- Dem guten Michel lachte das Herz im Leibe, als er sie ins Auge faßte. Wann aber das Herz lacht, dann schwebt es und kann consequenterweise nicht -- -- -- fallen. Unser Freund behielt seinen Unternehmungsgeist, obwohl die Gret mit schelmisch heiterm Antlitz näher und näher kam; und als sie endlich vor einander standen, sagte er heroisch: »No Margreat, wo kommst denn du hear?« -- »Von der Fischere«, war die Antwort. -- »So! -- Ond wo willst denn he'?« -- »Hoem! -- I ben mit 'm G'strick ausganga' -- ond hab d's Gara' (Garn) vergessa'!«

Unser Bursche machte ein curioses Gesicht. Es schien ihm hier eine vortreffliche Gelegenheit gekommen, die Gret zu foppen und zu plagen, und er beschloß sie zu benutzen. Sich breit auf den Weg hinstellend sagte er mit schlauer Miene: »Doh hommer's (da haben wirs)! An was host ietz doh denkt?« -- Die Gret, seine Gedanken errathend, erwiederte: »Ja, wann e's saga' dät!« -- »No«, versetzte Michel, »des ka'n e mer fürstella': an a Mannsbild!« -- »So?« entgegnete die Gret schnippisch. »Woescht du des so gwihß?« -- »Wamma (wenn man) des net wihßt!« versetzte Michel mit selbstgefälliger Sicherheit. »Des ist ja doch uir (euer) oezengs Dichta'n ond Drachta'!« -- »Doh bildet 'r ui (ihr euch) doch a bisle z'viel ei'«, erwiederte die Gret. -- »Bah«, rief Michel im Hochgefühl des Rechthabens, »wär koe Wonder, des wär net bekannt!« -- Das Mädchen versetzte mit einem Schein von Ernst und Schärfe: »Ma' sakt manchmol, es sei ebbes so, derweil hätt' ma nor geara', daß so wär! Omkeart (umgekehrt) wurd a Schua' (Schuh) draus!« -- »Ho ho!« rief Michel. -- »Uir (ihr) Mannsbilder«, fuhr die Gret fort, »lebet en der Ei'bildeng -- und des ist natürlich. Uir wisset net, was o's (uns, wir) denket; aber o's wisset, was uir denket!« -- »Des wär' der Deufel!« versetzte Michel, verwundert über die kecke Behauptung. »Wie sottet'r (solltet ihr) des wissa?« -- »Wie?« erwiederte die Gret, indem sie ihm heiter ins Gesicht sah; »weil d'r (ihr) uire Gedanka' verrothet, weil d'r o's nochloffet (nachlauft)!« --

Michel war betroffen. »D's Ohs hot Rehcht,« dachte er in einem Moment des Schweigens. Es blieb ihm indeß noch der Ausweg, die Thatsache zu läugnen -- und das that er tapfer. »Bah«, rief er geringschätzig, »wear duet des? A rechter Kerl net!« -- »Ih«, setzte er mit Stolz hinzu, »ben mei' Lebteng no' koer nochgloffa'!« -- »Ist des wohr?« fragte die Gret lächelnd. -- »So wohr i dohstand«, sagte der Ehrliche. Die Gret, die recht wohl gesehen, wie der Enakssohn zu dem Durchgang geeilt war, hätte bei dieser naiven Behauptung beinahe gelacht; allein sie unterdrückte die Anwandlung und sagte scheinheilig: »Doh ist d'r also oh gar net drom z'doa', daß d' mit oer redst?« -- Michel ahnte, wo sie hinaus wollte; aber er hatte A gesagt und mußte B sagen, und ohnehin wollte er sie ja uhzen (foppen)! Heroisch erwiederte er: »Gar net! -- I wihßt oh net, worum!« -- »So«, sagte die Gret, »doh mueß e m'r ja nocht a Gwissa' draus macha', doß e de mit mei'm Gschwätz aufhalt. -- Bhüet de Gott!« Sie wollte vorbei. Michel war aber nicht gemeint, eine Unterhaltung, die bis jetzt so schön gegangen war, so schnell abbrechen zu lassen; er rief mit Eifer: »So wart nor no' a weng! -- Du wurscht doch Gspaß verstanda'?« -- »Des scho',« versetzte die Gret; »aber i muß ietz zu meina' Kamrädenna'!« -- »Gang weiter«, entgegnete Michel, »lauter Weibsbilder! Was wurd des für a'n Onderhalteng sei'!« -- »O«, rief die Gret, »o's onderhalta' se recht guet!« -- »Was net no'!« erwiederte Michel seinerseits ironisch. Und selbstgefällig setzte er hinzu: »Von was hont'r (habt ihr) ietz gredt?« -- Die Gret sah ihn an und ihre Lippe zuckte unmerklich. »Von was redt ma'«, sagte sie dann, vor sich hinschauend, »wamma' se guet onderhalta' will: von da' ledenga' Burscht'!« -- Michels Gesicht klärte sich auf. »No, was hab' e gsakt?« rief er. »Ietz gibst m'r doch selber Rehcht!« -- »I hab me verschnappt«, erwiederte die Gret. -- »Ja, ja«, fuhr Michel fort, »d'Mannsbilder stecket ui (euch) em Kopf -- des woeß e ja!« -- »No«, setzte er in behaglichem Stolz hinzu, »en was für 'r Art hont 'r von es (uns) gredt?« -- »Mer hont g'rotha«, erwiederte das Mädchen nach kurzem Zögern, »weller (welcher) ietz wol d'r G'scheidtst ist em Doraf!« -- »So«, versetzte Michel. »Send 'r oeneng (einig) woara'?« -- »Noe«, erwiederte die Gret. »Jeda' hot 'n andera' a'geba'!« -- »Natürlich«, bemerkte unser Bursche, indem ihn das Vergnügen über die entlarvte Schwäche der Mädchen verhinderte zu sehen, welche Gefahr er selber lief. »Wean host denn aber du a'geba'?«

Es giebt eine Mischung von Unschuld, Ungeschicklichkeit und Selbstgefälligkeit, die auch wohlwollende Naturen reizt, den Träger derselben, was man sagt, anlaufen zu lassen. Die Absicht, necken zu wollen, fordert heraus, und das Unvermögen, das in keiner Art zur Sache kommt, erweckt ein Verlangen, zu strafen. Unsre Gret fühlte einen Antrieb dazu und konnte ihm diesmal nicht widerstehen; sie erwiderte: »I hab no' gar koen a'geba' -- i hab koen gwißt. Aber ietz -- ietz woeß e oen -- ond ietz muß e eila', daß e widder z'ruck komm. Mei'r (meiner) wurd gwihß alla'n ei'leuchta'!« -- Nach einem Blick, dessen Bedeutung nicht zu verkennen war, schlüpfte sie an ihm vorbei und ging rasch weiter.

Michel sah ihr nach -- -- er fühlte mit einemmal, was die Gret ihm angethan, und die Röthe der Scham überströmte sein Gesicht. Bald erhob sich der Zorn in ihm und verstärkte das Roth zu düsterem Braun. »Wann de nor der Deufel holla' dät,« rief er -- »du Hex du! -- Hot ihren Spoht (Spott) auf m'r und stellt me he' wie'n Esel! -- O wann e's nor doh hätt' --« Er hielt inne. Es fiel ihm ein, daß er hier gehört werden konnte, und die Furcht, dem ganzen Dorf zum Gespött zu werden, hieß ihn abbrechen. -- Langsam ging er zurück. Er dachte nach, wie er zu diesem Verdruß gekommen sei -- und lachte bitter. »I hab's foppa wölla'! Die do, d's ärgst Ohs em ganza' Dorf! Doh ben ih d'r recht Ma' derzue!« -- Nach einer Pause setzte er unmuthsvoll hinzu: »Der Kapper ist a'n Esel gwesa' mit sei'm Roth, und i a Narr, daß e'm gfolgt hab! -- Des hot grad no' gfehlt! Des hot d'Butt bonda (die Bütte gebunden, die Sache fertig gemacht)!« -- Am Ende des Ganges blieb er stehen und ließ eine Zeitlang gedankenvoll sein Haupt hängen. Endlich murmelte er: »'S soll amol net sei'! I gib m'r alle Müa ond dua', was e ka' und hab nex als Verdruhß ond Onear (Unehre) dervo'. Noe, noe -- i loß d's Heiricha sei'! Aus isch ond gar isch! --«

Als er bei diesem desperaten Satz angekommen war, hörte er Tritte in der Nähe und schaute auf. Es war die Gret, die mit dem Garn zurückkam. Daß sie's dem guten Michel so arg hinausgegeben, hatte sie doch ein wenig gereut, und ihr Gesicht drückte jetzt Wohlwollen und Freundlichkeit aus. Wie sie ihn aber dastehen sah mit der trotzig verlegenen Miene, da änderte sich ihre Stimmung etwas. Sie konnte sich nicht enthalten, mit neckischer Verwunderung zu fragen: »No Michel, stost (stehst du) no' allweil doh?« -- Der Bursche, auf's neue gereizt, erwiederte: »Dirdawega (deinetwegen) net!« -- »O,« versetzte Gret, »des bild e m'r oh net ei'! Kott's Blitz! doh mueß e nor macha', daß e d'r bald aus da'n Oga' komm!« -- »I halt de net auf!« rief Michel. -- »Hu hu!«, erwiederte die Gret, und rasch verschwand sie in dem Gange.

Michel, in dem Gefühl, daß es nun wirklich aus sei, verließ mit langsamen Schritten den Anger. Er suchte den Kasper auf und traf ihn allein in seinem Garten. »No,« sagte er unmuthig zu ihm, »du host m'r 'n schöana' Roth geba', des mueß e saga'! Du bist a gscheidter Kerl!« -- Der Kamerad sah ihn verwundert an und fragte: »Wie so?« -- »No doh mit dei'm Foppa'n und Ploga', wo d'me a'glearnt host! -- Des ist a Dommheit gwesa'!« -- Kasper ahnte was vorgefallen war; er forderte ihn auf zu erzählen, was passirt sei, und Michel gab ihm, so gut er konnte, ein Bild von dem Verlauf der Ansprache.

Wie lächerlich die Geschichte dem Erfahrenen und Gewandten auch vorkam, so hielt er es im Moment doch weder für rathsam zu lachen, noch das Benehmen des Burschen zu tadeln. Er richtete seine Kritik gegen das Mädchen und sagte: »'S ist a'n Ohs!« -- »So,« erwiederte Michel, für welchen diese Zustimmung etwas Angenehmes hatte, »siksch ietz oh ei'? -- Freile isch a'n Ohs, d's ärgst em ganza' Doref! Für da' Narra' hot's me ghett; -- ond für da' Narra' dät's me halta, so ofts könnt' -- wann i net gscheidter wär! Aber doh wurd a Riegel fürgschoba'! Koe Wöartle mea' (mehr) red e mit'r. Nemmer a'seha' du e's (thu ich sie)!« -- »No, no,« warf der Kasper ein, »gar z'hitzeng muest oh net sei'. Durch des, was d'mer verzählt host, ist no' net bewiesa', daß's de net mag!« -- »Was,« rief Michel, »doh isch no' net bewiesa?« -- »Noe,« bemerkte Kasper. »Du host sie foppa' wölla'n aus Lieb, ond sie hot di gefoppt -- vielleicht oh aus Lieb!« -- Der Bursche konnte sich bei diesen Worten nicht enthalten, ein wenig zu lächeln und rasch loderte in Michel der Zorn empor. »Willst du me oh no' für da' Narra haba'?« rief er, indem er ihn grimmig anschaute. »Des net,« erwiederte Kasper. »Aber d' Mädla' deant (thun) oft grad d's Conträre von deam, was denket! Der Spoht« -- »Mach me net wild,« fiel Michel ein. »Wean e verspott, auf dean halt' e nex! Du bist a'n Esel, wann's anderst sakst!« -- Kasper zuckte die Achseln. »Du bist halt a grober Kerl,« versetzte er. -- »Weil e Rehcht hab,« entgegnete Michel. »Doh ben e doch a weng z'guet dafür, doß e so'm Fratza' da' Narra'n ahgib! -- Nex doh! Aus isch ond gar isch!« --

Beim braunen Bier.

Ein Mädchen wie die Gret gefiel natürlich mehreren ledigen Burschen. Zwei oder drei Handwerker hätten gern mit ihr anbinden mögen, aber sie erfuhren, daß sie schon angebunden war -- sehr kurz nämlich ihnen gegenüber, die etwas dreist vorgehen wollten. Auch ein paar Bauernsöhne schauten sie mit großem Wohlgefallen an und einer schien gute Lust zu haben, sie zu dem Rang seiner Geliebten zu erheben. Es lag indeß nicht in der Art des Mädchens, nach einer solchen Verbindung zu streben. Sie war zu fröhlich, um ehrgeizig zu sein, und verspürte keine Neigung, zwischen Sohn und Eltern Streit zu veranlassen und sich durch Händel und wüsten Lärm zu einer höhern Stellung durchzukämpfen. Die Liebe, die ihr den heroischen Muth dazu vielleicht gegeben hätte, meldete sich nicht, und so erfuhr der junge Bursche bei dem zweiten Annäherungsversuch eine lachende, aber deutliche Abweisung.

Wenn sie die sämmtlichen Dorfbursche durchging, war und blieb es eben unser Michel allein, bei welchem ihr Herz sich regte. Zu ihm verspürte sie nachgerade einen Zug, über den sie sich selber wunderte. Sie hatte gesehen, daß es der ärgste »Lackel« sei im ganzen Dorf -- unerfahren wie ein Kind, und so ungeschickt, daß er einen ordentlich dauerte. Aber der ungeschickte Kerl war ihr der interessanteste! Sie mußte immer wieder an ihn denken; sie fühlte einen Trieb zu überlegen, ob ihm nicht zu helfen sei, ob er nicht doch am Ende gescheidter sei als er aussehe, und ob ihm der Verstand nicht noch kommen könnte, wenn auch spät, u. s. w. -- Wer in Herzensangelegenheiten erfahren ist, der weiß, was dieses Spiel der Gedanken für Folgen hat. Eben im Scheine solcher Vorstellungen entwickelt sich der Keim einer Neigung; die heitere Beschäftigung mit dem Bilde kommt dem Original zu Gute, und dieses ist zuletzt in der Lage, erndten zu können, wo es persönlich gar nicht gesät hat. Die Gret gewöhnte sich an die Vorstellung des Michel und an den Gedanken, daß er für sie bestimmt sei. Bald war sie mehr verstrickt, als sie selber ahnte; und während der gute Bursche glaubte, seine Sache sei verloren, stand sie just so gut als möglich.

Je mehr Ernst in die Neigung kommt, desto weniger läßt man dem Gegenstand etwas thun, desto weniger will man Scherz mit ihm treiben. Als die Gret bedachte, wie sie den Michel bei dem letzten Diskurs doch abgeführt hatte, fühlte sie Gewissensbisse und auch eine plötzliche Sorge, er könnte so bös geworden sein, daß er gar nichts mehr von ihr wissen wollte. Dies Letztere schien ihr bei näherer Betrachtung nicht gerade wahrscheinlich; aber doch nahm sie sich vor, bei nächster Gelegenheit sich nicht wieder vom Uebermuth hinreißen zu lassen, sondern mit seinem guten Willen vorlieb zu nehmen und ihm wohlmeinend unter die Arme zu greifen.

Eine Reihe von Tagen war vergangen und sie hatte den Burschen nicht wieder gesehen, außer von weitem. Daß er jetzt keinen neuen Versuch machte, mit ihr zu reden, begriff sie, und es war ihr lieb, daß sie sich in der ersten Zeit nach jenem Auftritt im Heckengang nicht zufällig begegneten. Der Aerger in Michel sollte erst verdampfen und der Liebe wieder Platz machen; dann wollte sie ihn so freundlich grüßen, daß er gewiß wieder Muth bekam und mit ihr ein erwünschtes Gespräch anfing. Sie hatte eine sehr angenehme Empfindung bei der Vorstellung, das er dann das rechte Wort finden könnte, sie ihm sagen müßte, wie's ihr um's Herz sei -- und Alles zu gutem Ende käme.

Endlich führte sie der Zufall einander entgegen. Sie kam von der Wiese, er ging hinaus. Als das Mädchen seiner ansichtig wurde, erröthete sie etwas und sah lieblich heiter aus; sie wollte ihn grüßen so schön wie sie's nur konnte! Allein in ihm hatte der Anblick derjenigen, die ihn für'n Narren gehabt, schon den Unmuth wieder angeregt; und wie er nun gar ihr Vergnügen wahrnahm, das nach seiner Meinung nur Spott sein konnte, loderte ein ganz ehrlicher Zorn in ihm auf. Er machte ein Gesicht so »wild« als möglich; die Gret, bei dem Anblick etwas verhofft, sagte guten Tag lange nicht so schön wie sie sich's gedacht hatte -- und der Gegrüßte ging vorüber, ohne zu danken. Ihrerseits verletzt, sah das Mädchen ihm nach und schüttelte den Kopf. »Also doch,« sagte sie einigermaßen verlegen und ging langsam weiter. Bald aber tröstete sie sich. »Er moent eba', d's erstmol muß er doch no' trutza'! 'S ist a Mensch ohne Manier! Aber er moet's doch net böas -- ond d's nächstmol wurd er scho' danka'!« --

Bei der nächsten Begegnung schaute das Mädchen den Burschen erst erwartend an; ihre Wünsche hatten die Hoffnung schon so sehr wieder belebt, daß sie meinte, er könnte zuerst grüßen. Als er sich aber mit düsterm Gesicht näherte, ohne eine Miene zu verziehen, rief sie: »Godden Tag, Michel« in dem Ton einer Gekränkten, als ob sie hinzusetzen wollte: »Worom grüescht me denn net? Hab' e d'r denn ebbes do'?« Dieser Ton traf unsern Burschen; aber da er beschlossen hatte, trutzend an ihr vorüberzugehen, so war nicht von ihm zu verlangen, daß er in dem einzigen noch übrigen Moment diese Bestimmung änderte. Er führte demnach seinen ersten Gedanken aus, weil er einmal im Schuß war, und beleidigte nun freilich die wohlmeinende Gret in einer Weise, die ihrerseits einen Entschluß hervorrufen mußte. Sie schaute sich diesmal nicht um, sondern ging mit rötherem Gesicht weiter und murmelte für sich: »'S ist a Dommkopf ond bleibt oer! Mit deam ist nex a'zfanga'! No meit'weg! Vo' mir soll'r net weiter encommodiert weara'!« --

In Folge dieser niederdrückenden Erfahrung gerieth das gute Mädchen in einen Gemüthszustand, der ihr neu war, den sie aber eben darum sorgfältig geheim zu halten suchte. In die Heiterkeit ihres Innern war ein Schatten gefallen. Sie wurde leichter ärgerlich als früher, sie fühlte sich in andern Augenblicken weicher als sonst und eine Art von Trauer wandelte sie an, so daß sie ein Verlangen empfand, ihr Herz einer Kamerädin aufzuschließen. Allein das zu thun, schämte sie sich doch allzusehr; sie fühlte, daß es ihr nicht anstand, und schwieg. Auf sich selber beschränkt, gab sie sich stillen Erwägungen hin. Es begegnete ihr, daß sie überlegte, welcher von den übrigen Burschen wohl derjenige sei, der sich am besten für sie passen würde. Sie konnte sich für keinen entscheiden; aber indem sie sich vorstellte, wie einer »mit ihr ging«, erquickte sie sich an dem Gedanken, daß der Michel sich recht darüber ärgerte. Denn das wußte sie: ärgerlich war es ihm doch, wenn sie einen Andern hatte, so ein dummer und einfältiger »Stoffel« er auch war. --

In dieser Zeit kam ein junger Mensch in's Dorf zurück, der auswärts gearbeitet hatte. Es war der Sohn eines der zwei Schneider, die der Ort nährte -- selbst Künstler mit der Nadel und das, was man auch auf dem Land, wenigstens im Ries, »a gallants Bürschle« nennt. Weder groß noch stark, sondern eher klein und schmächtig, war er doch gut gewachsen; und wenn sein helles, glattes Gesicht etwas zu mädchenartig ließ, so war das für gewisse Jungfrauen kein Grund, weniger davon zu halten. Bei viel natürlicher Gutmüthigkeit besaß er eine bedeutende Portion Selbstgefühl, das sich auf die Ansicht gründete, daß ihm an Feinheit, Geschicklichkeit und höherem Anstand keiner der gegenwärtigen Burschen des Dorfes gleich käme. Er hatte in der kleinen Stadt, in der er sich aufgehalten, allerlei Redensarten gemerkt, die er bei Gelegenheit zum Besten gab, sprach ein wenig »hochdeutsch,« wenn's drauf ankam, und hatte für sich eine Mischung von bäurischer und städtischer Kleidung erfunden, die seiner Erscheinung etwas besonders Nettes gab. Einmal war ihm der Gedanke gekommen, ob er nicht vielleicht zu etwas Höherem bestimmt sei und in der weiten Welt sein Glück suchen sollte. Aber sein Vater wurde alt, er hinterließ ihm ein Haus und Feldgüter, und in diesem Betracht schien es doch gerathen, auf sein ehrgeiziges Projekt zu verzichten und als Geselle des Alten die Zeit zu erwarten, wo er sich als Meister im Dorf setzen konnte.

Jakob -- so hieß unser Schneider -- war mit dem Maurer befreundet und kehrte bald nach seiner Ankunft bei ihm ein. Die stattliche Schönheit der Gret überraschte ihn und machte auf sein leicht erregbares Herz sogleich einen mächtigen Eindruck. Er nahm sich zusammen, setzte die Reden und sagte dem Bäschen Schmeicheleien, die ihr nach seiner Meinung unendlich wohlthun mußten. Die Gret lächelte, halb schelmisch, halb wirklich vergnügt, und nun kam sie ihm so reizend vor, daß eine Stimme in ihm rief: »Dieses Mädchen mußt du kriegen!« -- Die Gret konnte ebenfalls hochdeutsch reden, wenn sie wollte, und es hatte bei ihr überhaupt Alles einen andern Furm (Form) als bei den Mädchen, die nie aus dem Dorf hinaus »geschmeckt« hatten: waren sie beide nicht recht eigentlich für einander geschaffen? -- Freilich war sie fast einen halben Kopf größer wie er, und dieses Verhältniß hätte er umgekehrt lieber gehabt; allein im Grunde, schadete das was? Es gab Exempel, wo eine große Frau und ein etwas kleinerer Mann recht gut mit einander gehaust hatten. »Wenn sonst nichts fehlt,« dachte der gute Bursche, »das kann man sich gefallen lassen!« Und darin hatte er ganz Recht: wenn sonst nichts fehlte, dann stand es vortrefflich.

Vor der Hand fehlte indeß noch die Hauptsache: die Gret hatte von ihm keineswegs eine ähnliche Ansicht erlangt, wie er von ihr, und ihr war es gar nicht so vorgekommen, als ob sie für einander geschaffen wären! -- Als ein kluges und natürliches Mädchen durchschaute sie den Burschen sogleich. Er war gutmüthig und eitel -- so recht einer von denen, die eine Gescheidte am Narrenseil führen kann, ohne daß sie's merken. Ein »Männdle«, mit dem eine Lustige zu ihrer Unterhaltung spielt, von dem sie sich flattiren und Gefälligkeiten erweisen läßt und den sie dann ohne große Gewissensbisse nach Hause schickt, wenn sich ein Besserer meldet. Wie hätte die Gret vor so einem Respekt haben können? Wenn sie aber keinen Respekt haben konnte, dann konnte sie auch nicht lieben. -- Das lag in ihrem Wesen und das merkte sie auch nachgerade selbst.

Unser Schneider hätte sich eher alles Andre einfallen lassen, als daß die Gret über ihn solche Gedanken hegte. Er hatte den besten Muth; denn Alles zusammengenommen, konnte so ein Mädchen nicht von Glück sagen, wenn sie ihn bekam? Er war eifrig, dieß lag in seiner Natur; aber er war eifrig mit Zuversicht. Zunächst kehrte er beim Vetter Maurer ein, so oft es anging, und wenn er der Gret einen Gefallen thun konnte, so ergriff er die Gelegenheit mit Begierde. Als sie in diesen Tagen einen neuen kattunenen Kittel zu haben wünschte, fertigte er denselben (denn er war Männer- und Frauenschneider) in kürzester Zeit und brachte darin eine sinnreiche Neuerung an, indem er behauptete, ein Mädchen, die in der Stadt gewesen sei, müsse sich feiner tragen als eine gewöhnliche Bauerntrutschel! Er brachte ihr von Hause Sträußchen mit und spitzte dabei seine Complimente so fein zu, daß er selber daran seine Freude hatte. Kurz er huldigte der Schönen auf eine Weise, der man ansehen mußte, daß er sie anderswo gelernt habe, als zu Hause bei seinem Vater.

Nach und nach fand die Gret doch Gefallen daran. Der Schneider hatte aber auch eine günstige Zeit getroffen. Die Spannung zwischen ihr und Michel dauerte fort. Bei einer dritten Begegnung hatte sie, wie natürlich, ihn nicht gegrüßt, und er war mit einem nur um so »wildern« Gesicht an ihr vorübergeschritten. Die Grobheit eines Menschen, dem sie vor Allen den Vorzug gegeben hätte, verdroß das Mädchen im Innersten ihres Herzens, und in diesem Zustande hatte die Höflichkeit des Schneiders etwas Wohlthuendes für sie. Sie brauchte einen Ersatz, der junge Vetter gewährte ihr ihn, und sie konnte sich nicht enthalten, ihn freundlich dafür anzusehen. Einmal, in weicherer Stimmung, dankte sie mit besonderer Wärme, und dem Blick, mit welchem sie die Worte begleitete, gab die Dankbarkeit der gerührten Seele einen Glanz und einen Schmelz, wie ihn der Schneider noch nicht gesehen. Jetzt konnte er sich nicht mehr täuschen; das schöne Bäschen gehörte ihm, sie hatte sich verrathen! Jetzt durfte er nur reden und die Sache war fertig! -- Er redete zunächst doch nicht; vielleicht weil er des Sieges gewiß war, oder weil ihn der schelmische Genius, der sein Loos zu weben hatte, davon abhielt. Das konnte er sich aber nicht versagen, beim Abschied die Zuversicht seines Herzens mit wohlgefälliger Miene fein anzudeuten.

Die Gret sah ihm trübe lächelnd nach. »Du guts Bürschtle« rief sie für sich und zuckte die Achseln. -- Ihre Gedanken nahmen den Lauf wieder zu dem Enakssohn. Nach einer Weile sagte sie: »Könnt' ietz der Michel net oh höflich sei' und dischgeriera' und flattiera' wie der Schneider? Mueß denn grad der, den e möcht', der gröbst und der dommst sei' em ganza' Doraf? 'Sist doch nex en der Welt, wies sei' soll!« --