Part 29
Recht schön fügte sich's, daß er das Mädchen eines Abends, als ihn ein Geschäft auf den Fußweg hinter den Dorfgärten geführt hatte, ganz allein gegen sich herkommen sah. Die Gelegenheit konnte nicht günstiger sein, er mußte sie benutzen. Was er zuerst zu ihr sagen wollte, wußte er genau, nämlich: »Godda'n Ohbed (guten Abend) Margret!« Das Uebrige gab sich dann von selbst. Entschlossen ging er vorwärts. Wie er aber die Gret näher und näher kommen sah, machte er eine seltsame Erfahrung. Sein Herz fing an zu klopfen, vor den Augen begann es ihm zu flimmern, und die Lippen wurden so schwer, als ob Gewichte daran gehängt worden wären. Es schien ihm unmöglich, sie zu bewegen -- und da halte einer eine Ansprache! Vor der Gret angekommen, machte er eine unerhörte Anstrengung und rief mit grimmiger Freundlichkeit: »Godda'n Ohbed, Margret!« -- »Godda'n Ohbed, Michel,« antwortete die Gret mit heller Stimme und mit einem Ausdruck auf ihrem Gesicht, als ob sie recht gut wüßte, in welchem Spittel der arme Bursche krank läge. Dieser nahm indeß nichts wahr. Nach der Leistung, die er sich abgerungen, trieb es ihn mit unwiderstehlicher Macht an ihr vorüber -- weiter und weiter. Nachdem er hundert Schritte gemacht hatte, athmete er auf; aber erst als er um eine Ecke bog und nicht mehr gesehen werden konnte, wurde er leichter und ruhiger. -- Er hielt an, dachte nach -- -- und sein Benehmen stand klar vor seinen Augen. Er hatte sich nun doch gefürchtet -- und die schönste Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen! Unmuth erfüllte seine Brust und sehr ärgerlich rief er: »Ietz möcht' e mer glei (gleich) selber a'n Ohrfeig' geba' daß mer der Kohpf somsa' dät! Fürcht' me wärle, und zitter' am ganza Leib, als wann e oen ombrocht hätt! Sott ma' denn globa', daß ma' so domm sei' ka'?« --
Die Sache war indeß nicht anzufechten, sie war geschehen und der Verdruß konnte nichts daran ändern. Für Michel gab es nur Einen vernünftigen Entschluß: sie zu vergessen und sich vorzunehmen, es ein andermal besser zu machen. Dazu verstand er sich denn auch. »I ben a Narr,« sagte er, »daß e me verzürn'! Verloara'n ist no nex, und so wurd's net allmol ganga' (gehen).« -- Er stellte sich vor, wie er das nächstemal reden werde, er hatte Einfälle, wie man sie nach einer versäumten Gelegenheit zu haben pflegt -- und so von weitem schien ihm die Sache ganz leicht zu machen. »Bah,« meinte er endlich, »des ist ha'et nor so a dommer A'fall g'wesa'! 'S müeßt ja beim Deufel sei', wann ih net könnt', was jeder ander' ka'!« -- Er tröstete sich und ging beruhigt und mit neuem Muthe nach Hause.
Wieder verstrich einige Zeit. Es war in der letzten Woche des Monat Mai, und unter dem Wehen der Ostluft kam ein wunderschöner Tag herauf. Ein leichter Reif hatte auf der Landschaft gelegen, die Sonne, in den wolkenlosen Himmel sich erhebend, sog ihn weg und goß den Silberglanz des Morgens über die Erde. Die Lerchen sangen, die Landleute, die sich an ihre Arbeit begaben, zeigten vergnügte Gesichter, das Vieh, das zum Saufen getrieben wurde, brüllte vor Lust und sprang rechts und links in die Höhe. Das Alles war so fröhlich, so ermuthigend! Es war einer von den Morgen, wo im Herzen so wenig eine Sorge aufkommen kann, wie am Himmel ein Wölkchen -- wo im Innern der Frohsinn regiert und draußen der Sonnenschein.
An diesem Morgen fühlte sich unser Michel frisch und munter, wie seit langer Zeit nicht. Er dachte an die Gret -- mit stillem, ruhigem Vergnügen. Es war ihm, als könnte er heute schwätzen und Spaß machen nach Belieben, und wenn's sein müßte, gelegentlich auch ein ernstes Wort reden -- kurz, er fühlte sich aufgelegt. Indem er sich's lebhaft vorstellte, empfand er ein Verlangen, sein Vermögen in's Werk zu setzen. Er faßte sich kurz und machte sich auf den Weg durch die Gasse, in der Hoffnung, die Geliebte zu sehen. Im Nothfall, wenn er sie nämlich vor ihrem Hause nicht traf, konnte er hineingehen und den Maurer bestellen; denn an seinem Hause war ein Stück weit der Mörtel abgefallen, und wenn es auch auf dem Lande nicht grad nothwendig war, ihn wiederherzustellen, so konnte es doch auch nicht schaden.
Sein guter Muth und seine Laune minderte sich nicht, als er der Wohnung des Maurers sich näherte. Er hatte ein paar Vorübergehende gegrüßt und die gewöhnlichen Formeln waren ihm so leicht und lustig vom Munde gegangen, daß ein junges Weib sagte: »Du bist aber ha'et alert, Michel!« -- Darin lag für ihn ein neuer Beweis, daß er heute seinen guten Tag habe, und rüstig ging er vorwärts. In dem kleinen Hofe sah er die Gret nicht; aber im Wurzgärtlein, von der Gasse nur durch einen niedrigen Zaun getrennt, war sie über ein Beet hin gebückt. Wie er sie hier unvermuthet erblickte, war er doch betroffen. Es hieß nun wieder: »Vogel friß oder stirb,« und vor dem strengen Antlitz der Nothwendigkeit entfloh der leichte Humor in seinem Herzen, um den Anwandlungen von letzthin Platz zu machen. Es mahnte ihn etwas, zu thun als ob er sie nicht gesehen hätte, und sachte weiter zu gehen. Aber heute war er nicht gemeint, auf die Stimme des Kleinmuthes zu hören; er unterdrückte die Bewegungen seines Innern, blieb stehen und rief entschlossen: »Godda' Morga', Margreat!« -- Das Mädchen sah auf und erwiederte: »Ei, godda' Morga', Michel! Bist oh scho' en der Höa' (Höhe, d. h. aufgestanden)«? -- Diese Frage kam ihm ungelegen; denn eigentlich hatte er selber fragen wollen: »Oh scho' auf?« -- und wenn sie dann, wie es nicht wohl anders möglich war, mit Ja antwortete, so hätte er ihr was Schönes gesagt über ihr frühes Aufstehen, ihren Fleiß u. s. w. Das konnte er nun, wenigstens in der zuerst ausgedachten Weise, nicht mehr, und dieser Umstand machte ihn ein wenig verwirrt. Er antwortete zögernd: »Ja wohl,« und da er sich auf diesen Fall nicht vorgesehen hatte, so entstand eine kleine Pause. Allein mit Recht hatte er geglaubt, daß er heute seinen guten Tag habe. Nicht lange besann er sich, und ein neuer Einfall war da. Er drehte seinen Kopf in der Luft herum und sagte: »Ha'et hommer (haben wir) amol a schöas Wäder (Wetter)!« -- Die Gret erwiederte heiter: »Ja Gottlob! Mer (wir) könna's aber oh braucha'!« Und ohne Unterbrechung und würdig setzte er hinzu: »Descht (das ist) wohr! -- Des könna' mer!«
Bis hieher war's gut gegangen, trotz der nothwendig gewordenen Aenderung, und Michel konnte sich dessen bewußt sein. Aber nun war eine neue Rede nöthig, und nichts wollte ihm einfallen. Es entstand eine längere Pause. Ein besserer Beobachter als Michel hätte an dem Gesicht des Mädchens wahrnehmen können, daß sie gar wohl im Stande gewesen wäre zu reden und dem Burschen aus der Noth zu helfen -- daß sie aber aus irgend einem Grunde nicht wollte! Michel besann sich, und ein neuer Einfall kam. Er sagte: »Bischt allweil g'sond und wollauf?« -- Diese Frage schien der Gret so curios hinterdrein zu hinken und so sehr eine bloße Geburt der Noth, daß sie mit Mühe das Lachen halten konnte. Sie nahm sich indeß zusammen und erwiederte ruhig, aber nicht ohne eine gewisse schelmische Heiterkeit durchblicken zu lassen: »Dank der Nochfrog (Nachfrage)! Mir fehlt Gottlob nex!« -- Michel, wie uns bekannt ist, war im eigentlichen Sinn weder dumm noch blind. Die Bedeutung dieses Vergnügens auf dem Gesicht der Gret blieb ihm nicht ganz verborgen; er hatte eine Ahnung, daß sie ihn eigentlich auslache, und schwieg, indem eine Wolke der Verstimmung seine Züge beschattete. Die Gret erkannte, was in ihm vorging, sie fühlte, daß sie etwas gut zu machen habe, und einen Schritt vortretend sagte sie zugleich mit gutmüthigem und schlauem Lächeln: »Host vielleicht so'st ebbes g'wöllt (gewollt)?« -- Diese Frage fiel wie eine Bombe auf den guten Michel. Es war klar: er hatte sich verrathen; sie wußte, wie's ihm um's Herz war, und forderte ihn heraus! Er konnte -- er sollte reden -- da war kein Zweifel! Aber diese Möglichkeit, reden zu können, und diese Nöthigung, reden zu sollen, traf ihn mit solchen Schrecken der Ueberraschung, daß er dastand wie vom Donner gerührt und nicht ein Wort hätte vorbringen können um die ganze Welt! In der Verwirrung, die ihn überkam und ihn zu übermannen drohte, nahm er instinktmäßig seine Zuflucht zu dem einzigen Mittel, das ihm noch übrig blieb -- zur Grobheit! Mit trotzigem Gesicht und wie beleidigt rief er endlich: »Was sott (sollte) i denn wölla'? I wißt net was! -- Godda' Morga'!«
Und mit starken Schritten ging er seines Weges.
Die Gret sah ihm nach und lachte -- nicht laut -- dafür aber, wie man zu sagen pflegt, mit dem ganzen Gesicht. Als er hinter dem Nachbarhaus verschwunden war, sagte sie zu sich selber: »Ietz so o'g'schickt hätt' i mer'n doch net vorg'stellt! -- I sig scho' -- doh mueß i mi der Sach selber a'nemma', wann ebbes draus weara' soll!«
Michel ging nach Hause. Der Unwille, zu dem er gekommen war, er wußte selber nicht wie, verging, eine dumpfe Ruhe trat an seine Stelle. In dieser Ruhe erhielt er bald eine deutliche Anschauung von der Art seines Betragens -- eine gelinde Verzweiflung fiel ihn an und brachte sein Blut auf's neue in eine schlimme Gährung. Er entlastete sein Herz in unarticulirten Lauten; dann, die Einsamkeit seines Stadeltennen aufsuchend, bildete er bestimmte Gedanken und konnte nicht umhin, ihnen Worte zu geben. »Also widder nex,« rief er, -- »widder a Dommheit! Isch denn net grad, als wann's verhext wär'? W'rom ka'n e denn ietz net reda', wann e vor dem Ohs (Aas) dohstand? W'rom got's mit m'r em Reng rom, als wann e g'suffa' (betrunken) wär'? Der Deufel mueß g'macht haba'!« Er stöhnte vor Verdruß und strampfte den Boden, daß es schallte. Nach einer Weile fuhr er fort: »Host so'st ebbes g'wöllt -- hot's me g'frogt. Des ist doch offa'bar, daß g'wöllt hot, i soll d's Maul aufdoa'! W'rom hab' e denn ietz net g'redt? Hätt'e net saga' könna': Mädle, du g'fällst mer, i will de heiricha' (heirathen) -- willst me? -- oder so'st ebbes! No (nachher) hätt's reda' müessa', ja oder noe, ond i wihßt ietz, wie e dra' ben! Aber so stand e doh wie a'n Ochs, der mit 'm Beil oes naufkriegt hot auf's Hihra' (Hirn, Stirn), und nocht mach e a G'sicht ond due an se na', als ob's m'r ebbes do' (gethan) hätt'! Die wurd se 'n schöna' Begriff macha' von mir! Die hält me doch g'wihß für da' dommsta'n ond o'g'hobelsta' Menscha'n em ganza' Ries? Ond wann's me vorhear oh g'möcht hätt, ietz mag's me g'wihß nemmer ond ka' me nemmer möga'! So'n Esel! I bedanket' me selber, wann e a Mädle wär!«
Der gute Bursche versank nach dieser desperaten Selbstanklage in eine dumpf-düstere Stimmung. Er war unerfahren, unschuldig, aber ein Mensch, der in seiner Art Anlage zum Reflectiren hatte. Diese Anlage begann unter den obwaltenden Umständen sich zu entwickeln und seinem Wesen einen neuen charakteristischen Zug zu verleihen. Je mehr er von sich hielt, je mehr Ansehen er bisher unter seinen Kameraden genossen, um so mehr forderte er von sich einem Mädchen gegenüber auch das rechte würdige Benehmen. Je weniger er aber im Stande war, sich so zu benehmen, wie ers seiner für würdig hielt, desto mehr kapitelte er sich hinterdrein selber, stellte sich vor wie er sich hätte benehmen sollen und können, ärgerte sich, daß er sich nicht so benommen habe etc. etc. -- kurz, er wurde ein denkender Mensch. Er unterhielt sich mit sich selber, er strafte sich, er quälte sich selber. Daß das Letztere nicht zu weit ging, dafür sorgte als guter Genius die Bauernnatur, die sich auch hier in natürlichen Gränzen bewegt und sich aus dem Quell der unbewußten Lebenskraft immer selber wieder herstellt.
Für jetzt sank er gleichwohl in Abgründe der Verzagtheit. Mit der Gret wieder eine Ansprache zu versuchen, kam ihm unmöglich vor. Er hatte eine stille Wuth gegen sich, eine stille Wuth gegen sie -- wie sollte er da reden? Und wenn er sich nöthigen wollte, müßte es nicht tausendmal ungeschickter herauskommen, als dießmal, wo er vergnügt war und im Grunde ganz gut angefangen hatte? -- Nein -- es half nichts. Einem Mädchen zu gefallen, hatte er nun einmal keine Gaben -- es ging nicht -- er mußte es aufgeben! --
Als er so weit gekommen war, ging er in den Hof, um sich an einer Arbeit zu erholen. Hier begegnete ihm seine Mutter. Sie sah ihn an und sagte: »Was machst denn du ha'et für a G'sicht?« -- »Ih, a G'sicht?« versetzte Michel. -- »Wie ka'n e des wissa'? Guck i ebba' en Spiegel?« -- »Gang weiter«, entgegnete die Schwabin, »du host ebbes! Hot d'r ebber (etwer, jemand) ebbes do'?« -- »Mir?« erwiederte Michel, indem er mit einer heroischen Miene aufsah, -- »mir ebbes do'? I wott's koem rotha'!« -- Er ging weiter, indem er bei sich dachte: »du därfst lang warta', bis e dir ebbes sag'!« -- Die Mutter sah ihm kopfschüttelnd nach. »Er ist halt doch net vergnüagt«, dachte sie, »und des ist natürlich! In deam Alter muß a'n ordentlichs Mannsbild a Weib haba' -- so'st isch nex!« -- Sie ahnte nicht, wie Michel sich schon abgemüht hatte, um ihre Herzenswünsche zu erfüllen.
Einige Tage ging unser Bursche melancholisch umher und wenn ihn beim Zurückdenken an seine Niederlagen ein Zorn anwandelte, so ließ er ihn an irgend einer Arbeit aus. Er bot denen, die seiner wahrnahmen, ein neues und eigenthümliches Bild. Schweigend hatte man ihn oft gesehen; jetzt sah man ihn »sinnirend« und vernahm hie und da grimmige Ausrufungen, wozu man keinen Grund wußte. Fragte man ihn darnach, so war die Antwort, sofern eine erfolgte, keine höfliche. Man wußte nicht, was man aus ihm machen sollte. Den Zustand seines Herzens ahnte Niemand im ganzen Dorf. Die einzige Person, die außer ihm davon Kenntniß hatte, schwieg nicht nur selber -- sie hatte auch jener Kamrädin ihre Vermuthung wieder auszureden gewußt und ihr das Versprechen abgenommen, sie mit dem Michel nicht in's Geschrei zu bringen. Es giebt Mädchen, die das Genie der Verschwiegenheit haben, d. h. die ohne besondern Vorsatz und mit Lust verschwiegen sind und sich an dem Geheimniß weiden. Die Gret war heiter und hoffte mit Zuversicht, ihre Wünsche gekrönt zu sehen -- sie brauchte nicht zu schwätzen.
Michel war es nicht; er war unmuthig und verzweifelte am Erfolg -- er spürte einen Trieb zu reden und konnte endlich einer Gelegenheit, sei Herz zu entlasten, nicht widerstehen.
Unser Enakssohn hatte einen Kameraden, der ihm unter allen Burschen, die zu ihm hielten, der liebste war. Kaspar, der Sohn eines Webers, hing mit aufrichtiger Theilnahme an Michel und wußte sich auch am besten in seine Manieren zu fügen. Obschon drei Jahre jünger, hatte er in Bezug auf das weibliche Geschlecht eine hinreichende Summe von Erfahrungen -- er wußte, wie man sie behandeln mußte, und galt darum auch »seinen Batzen« bei ihnen. Mittelgroß, »rahneng,« von angenehmer Gesichtsbildung hieß er bei ihnen nur »a nett's Bürschtle« und »a lustengs Männdle,« dem man gut sein müsse. Trotz der Gunst, die er bei den Spenderinnen der Lebensfreude erfuhr, hatte er doch nicht mehr Selbstgefälligkeit als allenfalls natürlich war; er genoß das Lob eines fleißigen Menschen und wußte sich unter den Mannsbildern ebenso den Ruf eines guten Kameraden zu bewahren. -- Dieser Bursche, zum Vertrauten wie geschaffen, wußte durch eine wohlgemeinte und geschickte Frage dem Michel sein Geheimniß zu entreißen. Allein mit ihm sah er den düster vor sich Hinstarrenden theilnehmend an und sagte dann: »Michel, di drückt ebbes! Wannd' mer's net geara' sakst, will e de net weiter froga'. Wann's aber ebbes ist, wo i d'r vielleicht helfa' ka', so red! -- Du woescht, wie e's moe (ichs meine).«
Diese treuherzig gesprochenen Worte machten des Leidenden Herz weich und folglich geneigt zur Mittheilung. »Ach,« erwiederte der Verliebte nach kurzem Schweigen mit einem riesenmäßigen Seufzer, »mi drückt freile ebbes!« -- »Was isch?« fragte Kasper. »Sag's, wann e's (ich es) wissa' därf!« -- »Am End,« erwiederte Michel, »bist du grad der Recht', der mer'n Roth (Rath) geba' könnt! -- No mei'dawega' (meinetwegen), i will der's saga'!« -- Er schwieg. -- »Nossa' (nun so dann),« mahnte Kasper. -- »Z'erst mueß e der saga',« erwiederte Michel mit tiefem Ernst, »daß koe Mensch ebbes davo'n enna' weara' (inne werden) därf!« -- »Gang weiter! Ben i a Schwätzer?« -- Die Möglichkeit, daß Kasper es doch unter die Leute bringen könnte, hatte aber den Michel schon aufgeregt. »Kerl,« rief er eine Faust machend, »wann d'ebbes sakst -- 's got d'r schlecht!« Der Andere kannte seinen Mann; er zuckte die Achsel und erwiederte: »Du bist net g'scheidt!« -- »Guet,« versetzte Michel. »Ietz woesch (weißt dus) -- und ietz will i der's saga'!« -- Wieder eine Pause. »I höar,« erwiederte der Andere, indem seine Mienen sich ahnend erhellten. -- »No,« begann endlich Michel mit neuer Anstrengung, »doh (da) die Great -- d's Maurers seine moen' e« -- Kasper sah den wiederholt Innehaltenden mit gutmüthig schlauem Lächeln an und rief, ihn ganz durchschauend: »Fehlt's d'r doh?« -- »Ja, Bruder,« ging's endlich aus Michel heraus, »doh fehlt's m'r! Des Mädle g'fällt m'r, die mueß e haba -- -- und Kreuzdonner ond's Wetter: i woeß net, wie e's a'fanga' soll!«
Kasper unterdrückte das Lachen, das ihn bei diesem Bekenntniß anwandelte, und forderte ihn auf, ihm zu sagen, wie's eigentlich stehe. Michel, einmal im Zuge, erzählte Alles, und zwar mit einer Naivität, bei welcher der Erfahrene, wenn er nicht lachte, doch wenigstens zu »schmöhzeln« (schmunzeln) nicht umhin konnte.
Bekanntlich hat der Mensch nicht leicht eine angenehmere Empfindung, als wenn er an einem Andern, der ihm bisher Respekt abgenöthigt hat, plötzlich eine Schwachheit entdeckt. Es gibt deren, die eine solche Wahrnehmung geradezu beseligen kann und die das so erlangte Wohlgefühl zu den höchsten Genüssen zählen, womit der Himmel die armen Sterblichen begnadet hat. Sogar Freunde, will man wissen, sollen in diesem Fall erheitert werden und aussehen, als ob ihnen ein Glück widerfahren wäre! Und ihr Benehmen gegen den Träger dieser Schwachheit soll nach der Entdeckung ein vielfach anderes sein, als vorher! -- Wir lassen diese Behauptung in ihrer Allgemeinheit auf sich beruhen, müssen aber der Wahrheit gemäß bekennen, daß unser wackrer Kasper bei der Erzählung seines Kameraden eine ziemlich lebhafte Genugthuung empfand und in seinem Gesicht einen Ausdruck heiterer Ueberlegenheit zeigte, den er vorher nie gegen ihn hatte blicken lassen.
»Des isch, was me drückt,« schloß Michel seinen Bericht. »Schlechter, des wurscht selber saga', hätt's net ganga' könna', und Alles ist verspielt. I ben eba' zom O'glück geboara', und mit mei'r Fräd isch aus auf der Welt!« -- »So,« versetzte Kasper, indem er ihn mitleidig ansah; -- »willst de net lieber glei gar versäufa'?« -- Michel schaute ihn an. »Du bist a Narr,« fuhr Kasper fort, »des sag d'r ih! Nex ist verspielt, gar nex!« -- »So,« erwiederte Michel, »wamma' se so o'gscheidt benemmt ond« -- »Dei' Benemma' schad't d'r gar nex,« fiel Kasper ein. »Des ist eba' d'Liab! D'Liab macht verwirrt, ond wamma' verwirrt ist, macht ma' Dommheita'. Aber d'Liab ist ja eba', was d'Mädla' haba' wöllet! ond wann oer vor lauter Liab duet als ob 'r narred wär, globst, des nemmt d'r oena'nübel? Ja bis Wuch (auf die Woche d. h. niemals)! Fräa' duet se's ond geara' hont's so oen!« -- Dem Michel schien dieß einzuleuchten. »Du ka'st Rehcht haba',« sagte er getrösteter. »'S ist wohr, i därf me no' net ahschrecka' lossa'!« -- »Wie moest,« setzte er mit neuerwachtem Muthe hinzu, »soll e glei rausrucka' mit der Farb? Soll e saga', daß e's heiricha' will?« -- »Des got net,« entgegnete Kasper mit der Miene der Autorität. »Ma' mueß net mit der Thür en's Haus falla'! Allweil oes noch'm Andra'! -- Z'erst muescht doch oh seha', ob's de haba' will!« -- »Ja so,« versetzte Michel wieder etwas herabgestimmt. »Was soll e denn aber so'st doa' (thun)?« -- »G'späß macha',« erwiederte Kasper munter. »Siksch (siehst du), des ist d'Hauptsach. Da' Mädla' g'fällt nex besser, als Narrheita! Z'erst G'spaß und nocht Ernst -- des ist der recht Weg! Foppa' mueß ma's ond ploga', wamma' zo ebbes komma will! Je meaner (mehr) as (als) ma's plogt, je lieber as oen hont (haben)!« -- Dem geradsinnigen Michel schien diese Behauptung sehr gewagt; er sah den Rathgeber fragend an. »Du globsch wohl net?« sagte dieser; und als der Bursche den Kopf schüttelte, fuhr er fort: »Weil d'eba' koe Erfahreng host en deana' (diesen) Sacha'! Siksch, des ist so! Wann e a Mädle fopp ond plog, no sikt's, daß e ebbes mit 'r haba' will, no sikt's, daß e's liab -- ond 'n Spaß hot's obadrei'! Ond so went (wollen) se's grad haba'!« -- Michel begriff; er sagte mit Anerkennung: »Kapper (traulich: Kasper), du bist a verfluechter Schlengel!« -- »No,« erwiederte Kasper behaglich, »wann e des net wihßt!«
Es erfolgte eine kleine Pause, in der Michel auf's neue bedenklich wurde. »Ja,« begann er zögernd, »wann e aber nocht G'späß macha' will ond 's g'rothet mer net? Wann e me widder o'gschickt a'stell -- wie doh?« -- »Des wär freile fehlerhaft,« erwiederte Kasper mit Ernst. »Eweng därfa't (dürfen) Dommheita' net daura', so'st verliera't d'Mädla' da' Respekt!« -- »Doh hosch (hast du's)!« versetzte Michel mit einem Ausdruck, als ob nun er wieder Recht hätte. »Ond mir isch grad so, als ob's mer net g'rotha' könnt! Was ietz?« -- »No,« erwiederte Kasper mit einer Art von Unmuth, »doh ka'n e d'r koen andera' Roth geba', als daß d'r eba'n a bisle meaner ei'bildst! Kott's Heidablitz! A Kerl wie du! Ist des koe Ehr' für so a Mädle, wann du 'n G'falla'n an 'r host? Mueß (sie) doh net stolz drauf sei'?« -- »Ih sott's (sollt' es) beinah globa',« bemerkte der Enakssohn mit entsprechendem Selbstgefühl. Und Kasper erwiederte: »No, ond wann d'net vergischt, wer du bist, nocht wurscht oh reda' und G'späß treiba' könna' mit so'm Deng doh!« Ruhiger setzte er hinzu: »Ma' mueß se net gar z'viel macha'n aus da' Mädla' -- des ist a Fehler! Drom wamma'n amol a bisle z'hitzeng g'wesa'n ist, no mueß ma'n extra widder a weng huf (zurück) ganga' und doa' als ob ma' gar wohl ohne se leba' könnt! Nocht kriega' sie widder 'n Luhst! -- Also, bei d'r nächsta' G'legenheit duast, was e d'r g'sakt hab', ond i garantir d'r, sie kommt d'r!« -- »I will seha',« erwiederte Michel. Dann, nach kurzem Schweigen, setzte er hinzu: »Also nommol (nochmal)! D's Maul g'halta'n oder« -- Er machte mit der Faust eine verständliche Bewegung. Kasper lachte. »Du wärst am End em Stand und brächst mer da' Hahls, zom Dank für mein' gueta' Roth?« -- Michel, wieder auf seinem Boden stehend und sich fühlend, erwiederte: »Wann de dernoch aufführa' dätst -- 's käm m'r net drauf a'! -- No, ietz b'hütet de Gott!« -- -- --
Michel war durch die Aufklärung des gewandten Kameraden in der That getröstet und faßte wieder frischen Muth. Das Gefühl seiner Kraft und das Vertrauen auf sich selbst kehrte zurück. Es war ihm zuweilen, als ob er nur hingehen dürfte zu der Gret, um Spaß zu machen nach Noten! Aber extra zu ihr gehen, das wollte er nicht: da würde sie ja glauben, daß er's gar zu nothwendig hätte -- und das sollte sie nicht! -- Er wollte die Gelegenheit abwarten, dann aber auch benutzen.
Eines Nachmittags schlenderte er gemüthlich auf dem Anger hinter seinem Garten. Es war ein Sonntag; er hatte gut gegessen, ein wenig »gedurmt« (geschlummert), sich dann schön angezogen, die Pfeife in den Mund gesteckt und war hieher gegangen, um zu sehen, was ihm weiter belieben werde. An einem solchen Nachmittag fühlt sich der Bauer immer behaglich, sogar wenn er verliebt ist. Michel ging langsam, blieb zuweilen ein bischen stehen -- er dachte an die Gret. Er war heute so unternehmungslustig und dabei so sicher! »Jetzt wann's mer käm',« dachte er -- »Sapperment nei'!« -- Er ging wieder einige Schritte und sah umher -- und wie's denn manchmal geht, dort, den Weg von der linken Gasse zum Anger herunter, kam die Gret! Michel eilte mit großen Schritten zum Ausgang des Wegs, um sie noch eben zwischen den Gärten zu treffen. Sie sollte ihm nicht entwischen -- sie sollte ihm Rede stehn und nicht mit einem bloßen Gruß davon kommen!