Part 28
Auf dem Lande heirathet man verhältnißmäßig früh, und früh knüpfen sich auch Liebesbündnisse. Zwei junge Leute, die sich gefallen, gedeihen eben darum bald zum Liebespaar, weil sie auch bald zum Ehepaar gedeihen können; und der Dorfgeschichten-Erzähler wird nicht leicht in den Fall kommen, seine Leser für das Verhältniß eines Vierzigers mit einem zwanzigjährigen Mädchen interessiren zu müssen, was der Novellist der höhern Stände immer seltner wird umgehen können. Daß ein Sohn zu spät oder zu wenig nach den Mädchen fragt, ist ein Unglück, welches bäurischen Eltern selten begegnet. Oefter kommt es vor, daß einer in jungen Jahren zuviel darnach fragt und dann natürlicherweise Folgen sich ergeben, die den Eltern viel Verdruß machen können, in der Regel aber auch wieder eine gute Ausgleichung finden. Vernünftige Eltern wünschen niemals, daß ihr Sohn eine Liebschaft anfange, wenn er kaum ein paar Jahre aus der Schule ist. Aber wenn ein Jahr ums andere vergeht, wenn er in die Zwanzige eintritt und immer noch thut, als ob's gar keine Mädchen auf der Welt gäbe, dann findet man das auf dem Lande nicht natürlich.
Als Michel das zwanzigste Jahr hinter sich hatte, achtete es die Schwabin für ihre Pflicht, ihm in dieser Beziehung Ermahnungen zu geben -- freundliche, liebevolle Ermahnungen: sie wußte ja, daß andere bei ihm nicht anschlugen! -- Bei Gelegenheit eines Tanzes forderte sie ihn auf, ins Wirthshaus zu gehen und sich auch einmal ein Vergnügen zu machen. Er habe ja die letzte Zeit her genug geschafft, und für Leute seines Alters wären ja solche Gelegenheiten da. Michel antwortete, er wolle sich schon ein Vergnügen machen. Die Mutter schüttelte den Kopf und sagte: »I moe (meine) net, daß de widder he'setzst und rohchst aus dei'm Pfeifa'kopf -- i moen, daß d'oh a Mädle nemmst und danzst mit 'r, wie ander' jung Leut'.« -- Michel schwieg einen Moment, dann sagte er: »du woescht (weißst), Mueter, d's Danza' frät me net.« -- Hier konnte die Mutter ihre Ungeduld nicht bemeistern. »Kott's Blitz, red net so! Fang's nor a', 's wurd de scho' fräa'!« -- Und in freundlicherm Ton setzte sie hinzu: »Ha'et kommt dei' Bäsle von ** ins Wirthshaus, a saubers Weibsbild -- ka' alle Arbet und hot ebbes! Des wär' a Dänzere für di! Mach de lusteng mit 'r (ihr), nemm's mit in d' Stub' nei' und loß 'r ebbes auftraga'. Kott's Kreuz nei', a Mensch, der ins oenazwanzengst Johr got.« -- »Aber i ka' ja net danza«, entgegnete Michel. »D'Leut lachet me aus.« -- »Wie wursch (wirst du's) denn aber learna', wann's net probierst?« versetzte die Alte. »Learngeld hommer (haben wir) alle geba' müssa' -- des verstot se. Aber die Bäbe, die wurd de scho' regiera'; die brengt de rom -- doh ka'st de drauf verlossa'. -- Komm, versprich mer's!« -- »Ach Gott«, erwiederte der gute Bursche mit einer Miene, als ob er Arznei nehmen sollte -- »i due's recht o'geara'.« -- »Ietz verzürn' me net«, entgegnete die Mutter, »oemol mueß sei',« -- »I hab' koe Gloech (Gleich, Gelenk) derzue,« versetzte der noch immer Bedenkliche. -- »Dommheita'! du host dei' grade Glieder! Und du ka'st ja doch bei der Arbet sprenga' (springen, laufen) wann's sei' muß!« -- »Ja bei der Arbet!« erwiederte Michel, als ob er hinzusetzen wollte: »das ist auch was ganz Anders!« -- »Beim Danza' got's no' (noch) besser!« versicherte die Mutter; und indem sie ihn schmeichelnd auf die Schulter klopfte, setzte sie hinzu: »komm, sei brav, versuch's und due (thu) oh amol ebbes, was e (ich) geara' hab'!« -- Der gute Michel verspürte bei diesen bittenden Worten einige Rührung, und um der Sache ein Ende zu machen und loszukommen, sagte er: »No, i will seha'!« -- »Also du willst?« rief die Mutter. -- »Ja, ja«, erwiederte Michel, »i will seha'!« --
Als er am andern Morgen in die Stube trat, fragte die Schwabin: »No, wie hot's ganga'?« -- »Ganz guet«, versetzte Michel. -- »Bist z'recht komma'?« -- »Des will i moena'«, erwiederte der Sohn mit Selbstgefühl. -- »No«, sagte die Alte erheitert, »des hab' i ja g'wißt! -- Host aber oh ebbes auftraga' lossa'?« -- »Des net.« -- »Wie, 'r Dänzere, zu der ma' Froed (Freund) ist?« -- »Ja so«, versetzte Michel, »du red'st vom Danza'?« -- »No, von was soll i denn reda'?« -- »Ja, lieba' Mueter«, erwiederte der Sohn mit einer Art von Bedauern, »des muß i d'r scho' saga': danzt hab' e net.« -- »Was? Aber du sakst ja --« »Ja«, entgegnete der Enakssohn, »i hab denkt, du moest ebbes andersts. 'S hot nämlich bald 'n kloena' Handel geba', und doh hab' e ausg'wehrt. Doh ist so a kloener Grippel (Krüppel; bedeutet hier bloß die Kleinheit) g'wesa', der gar koen Fried hot geba' wölla'. I hab' wärle Earnst macha' müassa'! -- Aber ietzt«, setzte er mit Befriedigung hinzu, »ietzt, hoff' i, wurd er oh an mi denka'!« -- Die Mutter, ärgerlich, versetzte: »Aber des wurd doch net eweng daurt haba'? Später wurd's doch oh no Zeit geba' haba' zum Danza'?« -- »Ja«, sagte Michel, »doh hab i nocht (nachher) mei' Unterhalteng scho' g'hett (gehabt), und i hab denkt: für ha'et isch gmuag!« -- Die Alte wußte nicht, sollte sie weinen oder lachen über so einen Menschen. »No«, sagte sie endlich, »i sig scho', an dir ist Hopfa'n und Malz verloara'!« -- »Desdawega' (deßwegen) no net«, erwiederte Michel behaglich, und ging langsamen Schrittes an seine Arbeit.
Trotz des schlechten Erfolges dieser ersten Ermahnung richtete die Mutter ähnliche noch zu wiederholtenmalen an den Sohn. Die gute Frau meinte: »'s ist doch a Vergnüaga, was i von 'm haba' will! 's ka' ja net sei', daß 'r gar koen G'falla' dra' fendt! 'S ist doch no a'n ieder endle drauf komma'!« -- Allein ihre Bemühungen blieben fruchtlos. Einmal ließ sich Michel bewegen, noch einen Tanzversuch zu machen; aber abgesehen davon, daß er nicht das geringste Vergnügen dabei empfand, hörte er auch aus einer Ecke von zwei Mädchen ein »Kuttern« (gedämpftes Lachen), das er nur auf sich beziehen konnte, und in dem Aerger, den »Fratzen« zum Gespötte zu dienen, sagte er zu seiner Tänzerin: »So, ietz ist gmuag, ietz ka'st widder ganga'!« und kehrte in die Stube zurück, um seinen Unmuth zu vertrinken. Ein Kamerad, den er auf's Gewissen fragte, wie er eigentlich tanze, erwiederte mit bedeutungsvollem Blick: »Loba' ka'n e's net!« Michel nickte schweigend; und als er heimkam und seine Mutter wieder fragte, ob er »sich lustig gemacht« habe, antwortete er mit Unmuth: »Ja, danzt hab' e; aber desmol und mei' Lebteng net widder! Aus isch! Globst du, doß i da' Leuta' da' Narra' ahgib? doh bild' i mer doch z'viel ei'! Kott's Kreuz-Taused« -- -- »Aber« -- »Ietz hör' auf oder du machst me falsch! I will endlich 'n Fried' haba' mit dem Sakermentsdanza' doh! -- 'S wär koe Wonder, 's käm' ebbes dabei raus!« -- -- Die Mutter sah den Burschen achselzuckend an und schwieg. Sie mußte sich überzeugen, daß an so einem Menschen kein Reden was helfen kann! In Gottes Namen! Sie hatte ihre Schuldigkeit gethan; und wenn er nicht mehr auf den rechten Weg zu bringen war -- ihr konnten keine Vorwürfe gemacht werden. Hatte sie sich doch auch schon erboten, ihn selber tanzen zu »lernen« (lehren)! Aber was hatte er drauf gesagt? »Mit mei'r Mutter z'danza', kommt mer so öad für, daß mer übel wurd, nor wann e dra' denk'!« Mit so einem Menschen fang' eines was an! Nein! -- er soll thun, was er will! Und wenn er »a'n alter Esel« wird und keine kriegt, soll er's haben!
Um es kurz zu machen -- unser Bursche hatte das sechsundzwanzigste Jahr hinter sich -- und noch konnte er das Tanzen nicht und noch hatte er keinen Schatz, geschweige denn ein Weib. Er näherte sich dem, was auf dem Dorf ein »alter Jungg'sell« heißt; denn wenn der Bursche einmal in der zweiten Hälfte der Zwanzige steht, dann kann er sich nicht mehr viel auf seine Jugend einbilden und es ist Zeit, daß er seine Wahl trifft. Hat er einmal »drei Kreuz auf'm Buckel (Rücken)«, dann ist er schon sehr anrüchig, und er muß andere Qualitäten bedeutender Art haben, falls er auf eine Dorfschöne noch Eindruck machen will.
Bei seiner Weise zu leben wurde Michel natürlich ein eigenthümlicher Kauz. Von Herzen gutmüthig, konnte er doch leicht und schnell böse werden, wenn man ihn durch eine Zumuthung belästigte oder durch Widerspruch reizte. Der kurze, befehlende Ton unter Kameraden wurde ihm zur andern Natur, er gebrauchte ihn ganz gemüthlich und hatte keine Ahnung davon, daß er einen Andern damit in einer Art ansprach, die er von ihm sehr übel aufgenommen hätte. Wer ihn zu behandeln wußte, konnte gleichwohl Alles mit ihm anfangen. Auf eine gute Rede, für einen guten Freund wär' er in's Feuer gegangen. Natürlich wurde er bei alledem kein großer Menschenkenner. Er bildete mehr die Gabe des Glaubens, als das Talent der Prüfung und Unterscheidung aus, glaubte an seine eigenen Einfälle und anderer Leute Versicherungen und handelte in diesem Vertrauen oft sehr naiv. Er gab im Dorfe zu manchem Spaß Anlaß, der gute Michel, und man lachte bei solchen Gelegenheiten weidlich über ihn -- aber hinter seinem Rücken! Denn ihm ins Gesicht zu lachen, wollte doch Niemand räthlich finden! --
Die Mutter ließ ihn gehen. Am Ende, wenn er nicht heirathete, blieb sie die Herrin im Haus bis an ihr letztes Stündlein; und wir wissen, sie regierte gern. Aber ihr Muttergefühl überwog doch. Eine rechte Söhnerin ins Haus und für sie »Enkala'« zu wiegen, wär' ihr doch lieber gewesen. -- Wenn sie daran dachte, verlor sich ihre Zufriedenheit; sie schüttelte den Kopf und seufzte. Zuweilen tröstete sie sich selbst mit den Worten: »Was ka'n i macha'? 'Sist eba'n a Blohk (Block) und bleibt oer!«
Damit aber that sie ihrem Sohn unrecht. Die Fähigkeit, die sie so gern bethätigt gesehen hätte, fehlte nicht, sie schlief nur und harrte ihrer Zeit. Und die Zeit kam endlich und eine neue Periode begann für Michel -- die geschichtliche. Kurz: er sah »die Rechte« -- die bestimmt war, sein Herz zu rühren. Und bei dem ersten Anblick schon wurde ihm höchst seltsam zu Muthe, und was die Mutter ihm vorgepredigt und was er niemals verstanden hatte, das begriff er mit einem Schlag.
Diese Rechte war Margareth, zweite Tochter eines Söldners und Maurers, dessen Haus in der nämlichen Gasse lag. Als »Greatle« war sie aus dem Dorf gekommen, um zu dienen -- als »Great« kam sie wieder, da ihre ältere Schwester sich verheirathet hatte und der verwittwete Maurer sie im Haushalt brauchte. Vor vier Jahren, wo sie das elterliche Haus verließ, hatte sie noch wenig »gleichgesehen« (vorgestellt); jetzt verwunderte sich Alles über ihre »Aussicht.« Sie war stattlich und groß -- um ein Gutes kleiner freilich als Michel, aber doch das größte Mädchen im Dorf. Zugleich war sie ein sehr hübsches Mädchen. Sie gehörte zu jenen gesunden, kräftigen Blonden, welche das heiterste Bild froher Weiblichkeit gewähren. Ihre Züge waren regelmäßig, die Gesichtsfarbe hell; die Backen hatten nur einen leichten rosigen Anhauch, aber desto röther waren ihre Lippen; und wenn sie lachte, war es ein Vergnügen, ihre weißen Zähne durchblinken zu sehen. In gemüthlicher Aufregung pflegten die Flügel ihrer wohlgebildeten Nase sich etwas in Bewegung zu setzen, was auf ein lebhaftes Temperament schließen läßt. Allein wer ihre ziemlich hohe, klare Stirn sah und ihre hellen blauen Augen, der erkannte in ihr ein Mädchen, die zu gescheidt war, um ihrem Temperament die Zügel schießen zu lassen. In der That war sie ein fröhliches, aber unverdorbenes Geschöpf; vielleicht eben darum unverdorben, weil sie fröhlich war und nach der Arbeit in Scherz und Spiel ihre Erholung und Befriedigung fand. Sie war das letzte Jahr zu Nördlingen im Dienst gewesen, und es hatte ihr an verliebten Nachstellungen durchaus nicht gefehlt. Allein Margareth war ein ächtes Bauernmädchen -- ein rechter »Bauernburscht« ging ihr über Alles, und da sie so einen noch zu bekommen hoffte, so konnte ein »Nearlenger Da'le (Daniel; Spottname der Nördlinger unter den Bauern)« keine Macht über sie gewinnen. Im Uebrigen war das Schaffen ihr Vergnügen. Sie gehörte zu den Personen, denen nach dem Rieser Ausdruck »etwas aus der Hand geht« -- die nicht lange fackeln und herumtappen, sondern die Sache gleich recht angreifen, und die gerne arbeiten, weil sie immer etwas Ordentliches fertig sehen.
Gewiß ein Mädchen, der es zustand, das Herz unsres Burschen in Bewegung zu setzen! Wäre Michel geschickter gewesen, so hätte man sagen können: sie war unter den Mädchen des Dorfs, was er unter den Burschen. Allein unter den gegenwärtigen Umständen ragte sie über ihn empor, und das war auch nöthig, wenn sie dem Stolzen einleuchten und den Selbstgenügsamen zu der Erkenntniß bringen sollte, daß ihm doch noch etwas fehle und daß er sich um etwas zu bemühen habe.
Als Michel ihr das erstemal begegnete und sie ihm guten Tag bot, sah er sie verwundert an und erwiederte stehen bleibend: »I muß scho' saga'« -- Das Mädchen, ihm zu Hülfe kommend, rief: »Du kennst me g'wiß nemmer, Michel? I ben d's Maurers Margret!« -- »Kott's Blitz«, erwiederte Michel, »'s ist wohr! -- Aber du bist ja a Fetza'mädle woara!« -- Der Ausdruck »Fetza'mädle«, obwohl eine tüchtige Person bezeichnend, klang doch von einem Burschen zu einem hübschen Mädchen nicht besonders zierlich und rief auf dem Gesicht der Gret ein Lächeln hervor. Sie sagte ein wenig schnippisch: »Uir Mannsbilder moenet wohl, uir könnet alloe groaß wäara'? Aber manchmal g'rothet (geräth) von o's doch oh oena'! -- No, godda' Morga'!« -- Sie ging weiter. Michel hatte mechanisch das »godda' Morga'« wiederholt und sah ihr jetzt mit einer curiosen Empfindung nach. Endlich sagte er: »Des ist ja a verfluacht saubers Weibsbild woara, die Great! Wer hätt' des g'lobt (geglaubt)!« Er drehte sich um und ging weiter; aber das Bild der Gret stand immer vor ihm und seine Gedanken konnten nicht von ihr loskommen. Es gährte und »grubelte« in seinem Herzen, und nachdem sein Mund eine halbe Stunde geschwiegen, verrieth er die Beschäftigung seiner Seele, indem er plötzlich murmelte: »A saubers Weibsbild, wärle! A Mädle, wie von Wachs!«
Der Keim war in unsern Burschen gelegt. Bei weiterem Nachdenken erkannte er immer mehr, daß die Gret diejenige sei, die er haben möchte, zum Schatz -- zum Weib! Er begriff, wie man einem Mädchen nachlaufen könne; denn eigentlich wäre er der Gret jetzt selber gern nachgelaufen! Was ihm früher zuwider gewesen, das erschien ihm jetzt lieb und angenehm. Es dünkte ihn schön, sehr schön, mit der Gret eine »Ansprach« zu halten, sie zum Tanz zu führen, sie ordentlich herumzudrehen und ihr tüchtig auftragen zu lassen! Was die Mutter früher umsonst gewünscht hatte, jetzt hätte er's ausführen können Alles miteinander! -- -- Allein er wäre nicht Michel gewesen, wenn er die Sache nun so angegriffen hätte, daß er zu seinem Zwecke gelangen mußte.
Zuerst überlegte er, und dabei kam ihm ein Skrupel, der ihn höchst bedenklich machte. »Wann's de aber no net möga' dät? Wann's de auslacha' dät und du ständest doh« -- -- Es ging ihm heiß durch die Brust bei diesem Gedanken und er sah gewaltig düster für sich hin. Michel hatte nichts von der Eitelkeit, die junge Bursche glauben läßt, jedes hübsche Mädchen müsse sich in sie verlieben; aber um so mehr besaß er jenen Stolz, für welchen der Gedanke, sich verachtet zu sehen, empörend ist. Wenn Er, der niemals nach den Mädchen was fragte, der ihnen auswich, der zu wiederholten Malen erklärte, er könne ihr »G'säg« nicht leiden -- wenn er, der Michel, vor dem Alles Respekt hatte, nun plötzlich einer nachginge und schlecht ankäme! Wenn sie ihn verspottete und es käme heraus und das ganze Dorf spottet über ihn -- -- Ein Kernfluch entrang sich bei dieser Vorstellung seinen Lippen. Nein, so durfte er sich nicht in Gefahr begeben. Das mußte klug und vorsichtig -- sehr vorsichtig angefangen werden.
Er faßte den Entschluß, keinem Menschen zu sagen, wie's ihm war. Zur Mutter zu gehen und ihr zu beichten, er hätte ein Mädchen gern, wäre ohnehin nicht in seinem Charakter gelegen; nachdem er aber so lange ihren Ermahnungen widerstanden hatte, wäre sie die letzte gewesen, der er seine Bekehrung hätte vertrauen mögen. »Vor der Hand« sagte er endlich zu sich selbst, »will i seha', wie's got! -- Und was will e? Z'erst muß e ja doch oh d's Mädle nommol (nochmal) betrachta': vielleicht g'fällt's m'r nemmer so.«
Mit dieser Hoffnung täuschte er sich freilich. Als er sie wieder sah, gefiel sie ihm nicht weniger, sondern noch viel besser als das erste Mal. Sie hatte just ihren schönsten Tag, war in ihrer heitersten Laune und glänzte vor Vergnügen! -- Das Herz des Guten klopfte, als er sie grüßte, und er hätte jetzt nicht stehen bleiben und mit ihr ein paar Worte reden können! Eine höchst ungewohnte Aufregung trieb ihn an ihr vorbei, und erst als er ein paar hundert Schritte gegangen war, beruhigte er sich wieder. -- »Des ist nex g'wesa',« sagte er endlich zu sich selbst und schüttelte höchst ernsthaft den Kopf.
Er war gefangen, der arme Michel. Er hatte seinen Theil -- und konnte sehen, wie's ihm ging. -- Zu dem schönen Aussehen der Gret kamen zuletzt noch die Urtheile, die er von Andern über sie hörte. In diesem Punkte sind wir Alle Menschen! Wir lieben die Geliebte um ihrer selbst, um der Schönheit und Tugend willen, die uns aus ihr entgegen leuchtet. Allein wenn sie nun auch von Andern gerühmt wird, so hat das nicht zur Folge, daß unser Wohlgefallen an ihr sich mindert -- im Gegentheil; das Lob, was ihr gesungen wird, ist ein Hauch, der die Flamme unsres Herzens oft noch viel stärker anblasen kann. Michel horchte herum, indem er mit gutem Erfolg den Gleichgültigen spielte; denn die Liebe schärft den Verstand aller Wesen. Und wie er nun hörte: »a g'schickt's Mädle -- a schöas Mädle -- a bravs Mädle« -- ja, von einem alten Kenner »a Staatsmädle,« da war's ihm zu Muthe als wenn er dieses Mädle kriegen müsse, koste es was es wolle. Er fühlte einen unwiderstehlichen Trieb, sie wieder zu sehen -- und ging ihr nun extra zu Gefallen.
Nachdem er sich ein paarmal umsonst bemüht hatte, kam sie ihm eines Nachmittags mit einer Kamrädin entgegen. Er wollte sie diesmal recht darauf ansehen, ob sie denn wirklich eine solche sei, wie die Leute sagten; deshalb ließ er seine Augen während des Grußwechsels tiefprüfend auf ihr ruhen, indem er, den Blick zu verlängern, auch noch den Kopf nach ihr drehte. Als er vorüber war, sagte die Kamrädin zur Gret: »Aber der hot a baar Oga' g'macht auf dih hear! Kommt mer grad für, als ob er -- no des wär' aber zom Lacha'!« -- »Was moest (meinst) denn?« fragte die Gret lächelnd. -- »Gang,« erwiederte die andere, »du verstost me wol net!« -- »Du moest, er wär'« -- »Oh (auch) in di verliebt, ja, so kommt's mer für!« -- Die Gret versetzte: »Sei g'scheidt! Dean kennt ma' ja! -- Mir isch gar net so fürkomma'!«
Natürlich log hier das hübsche Mädchen. Ihr war's erst recht so vorgekommen -- und heute nicht das erste Mal. Schon bei der zweiten Begegnung hatte sie »ebbes gnissa'« (bemerkt), und jetzt war's klar, oder Alles mußte trügen. -- Die Gewißheit, die sie erlangt hatte, machte einen sehr wohlthuenden Eindruck auf sie. Fürs erste wars eine Ehr', den verrufenen Sünder zu bekehren und den Mädchenverächter dahin zu bringen, daß er auch daran glauben mußte. Aber das war das Geringste. Michel gefiel ihr! Seine Statur und der Ruhm seiner Stärke hatten ihr schon früher Achtung eingeflößt; gegenwärtig kam ihr sein Gesicht für ein Mannsbild hübsch genug vor, die Gutmüthigkeit, die ihm aus den Augen sah, rührte ihr Herz -- und das »B'sondere« und »O'gschickte,« das er an sich hatte, erheiterte sie, ohne ihm bei ihr zu schaden. Als sie wieder allein war, lächelte sie für sich hin. »Es ist oft guet,« sagte sie endlich, »wann der Ma' net gar z'g'scheidt ist!« --
Wie man sieht, gingen ihre Gedanken ebenfalls ziemlich rasch. Das ist natürlich und -- ländlich. -- Aber ihre Sache war es nicht, ihm nachlaufen; wenn es ihm ernst war, mußte er kommen -- sie konnte zusehen. Ihr Gesicht klärte sich schelmisch auf. »Wie er se a'stella' wird derzue?« fragte sie sich. »I bin wirkle neugiereng!« Er hatte ihren Beifall, der gute Michel, sie konnte ihn zum »Burscht,« sie konnte ihn zum Manne nehmen, wenn's sein mußte, -- ja es regte sich der Wunsch in ihr, daß es so ausgehen möchte; -- aber sie bereitete sich doch vor, ihn auszulachen, und freute sich darauf! -- Sie war ein Mädchen.
Michel hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß die Leute ganz recht hatten mit dem, was sie über die Gret sagten. Aber wenn dies seine Liebe noch mehr schürte, so fachte es auch seine Sorgen an. Die Gret hatte ihn diesmal gar nicht angesehen (er hatte noch keine Kenntniß davon, daß die Mädchen nicht sehen und doch sehen können!) und es war ihm beinahe vorgekommen, als ob sie ein etwas spöttisches Gesicht gemacht hätte. Was sollte er thun? Sollte er warten und stillschweigen? Dann kam vielleicht ein Anderer und nahm sie ihm weg. Oder sollte er ihr nachgehen und reden mit ihr? Dann sagte sie vielleicht, er könne wieder gehen, woher er gekommen sei, und er wurde das Gespötte des ganzes Dorfes. -- Die Klemme war verwünscht und guter Rath theuer.
In der Unterhaltung.
Jede Versäumniß rächt sich. Man soll in jungen Jahren nicht denken: Wozu hab' ich das nöthig? Wozu könnte das gut sein? -- Man soll Kenntnisse sammeln und sich Fertigkeiten aneignen, wie die Gelegenheit sich bietet, auch wenn zunächst keine Neigung dazu vorhanden und Anstrengung erforderlich wäre; denn man weiß nie, wozu man sie später brauchen kann! --
Davon überzeugte sich jetzt auch Michel. Die Liebe trieb ihn hin und her, sie ließ ihm keine Ruhe, und er sah ein, daß er etwas unternehmen müsse, geh es, wie es wolle. Er mußte mit der Gret reden -- er mußte erfahren, was er zu hoffen habe -- sonst wurde er toll! -- Aber wie sollte er's anfangen? Wie sollte er sein Anliegen vorbringen?
Er dachte darüber nach und nichts fiel ihm ein, was er für anwendbar und gut gehalten hätte. Es dünkte ihn so närrisch, von der Liebe zu reden; es war ihm, als würde es nicht herausgehen aus ihm, als würde er stecken bleiben und dastehen, wie d's Kind beim -- -- Da hatte er's nun! Gab's nicht Kerle im Dorf, denen bei den Mädchen das Maul ging »wie geschmiert?« die nicht nur sagen konnten, was sie auf dem Herzen hatten, sondern noch viel mehr dazu lügen? Hatte er nicht gehört, daß mancher schon eine, die ihn zuerst gar nicht leiden konnte, durch bloßes Reden soweit gebracht, daß sie endlich zu Allem Ja sagte? -- Aber so geht's! Hätte er in jüngern Jahren auch mit den Mädchen diskurirt, mit ihnen getanzt und sich lustig gemacht, -- hätte er sich das bischen Mühe gegeben und gelernt, wie man mit ihnen umgehen muß -- dann könnte er's jetzt und müßte sich nicht den Kopf zerbrechen! -- Er fühlte ganz ernstlich Reue, der gute Michel! Er wurde verdrießlich, sehr verdrießlich. »I ben a'n Esel g'west, und des a großer,« sagte er zu sich selbst. »Aber,« setzte er hinzu, »wie hab i oh wissa könna, daß mer no' so ganga' wurd!«
Ein paar Tage ließ er vorbeigehen. Zuletzt, durch den Kampf der Leidenschaft mit der Furcht gequält und geärgert, rief er zornig: »Hol der Teufel alles! So ka'n e's nemmer aushalta' -- i muß woga', komm's raus wie's will!« -- Die Gret stand vor seiner Seele so schön und mit einer Miene, die nichts Abschreckendes hatte! »Dommheit«, rief er beherzt. »I sott me wohl vor'm Mädle färchta' (fürchten)? Des wär' ja zum Lacha'.« -- Er faßte den Entschluß, bei nächster Gelegenheit mit der Gret zu schwätzen und sein Anliegen vorzubringen oder wenigstens »drom rom« (darum herum) zu reden, zu sehen, was sie für ein Gesicht dazu mache, und dann ein andersmal weiter zu gehen.