Part 27
Mit der Erwähnung der feierlichen Einladung haben wir schon gesagt, daß die Hochzeit im Wirthshause gehalten wurde. So hatte es Hans gewollt. Alle Welt sollte die Christine sehen im bräutlichen »Horbet,« dem jungfräulichen Kopfputz: alle Welt sollte ihn an ihrer Seite erblicken, stolz und glücklich. -- Es war eine große Hochzeit für ein solches Brautpaar, die meisten Geladenen, die zugesagt hatten, waren auch gekommen, und richtig befand sich unter ihnen auch der Holzbauer. Derselbe trank sich nach und nach in eine ausnehmend gute Laune hinein, die sich übrigens, bei gelegentlich an ihn gerichteten Fragen, mehr in ergötzlichen als höflichen Antworten kundgab. Nachdem er einige wirksame Trümpfe ausgespielt und namentlich auch seine Güte und Verträglichkeit in so kräftigen Ausdrücken vertheidigt hatte, daß ihm niemand zu widersprechen wagte, schöpfte die glückliche Christine aus seinem vergnügten Aussehen den Muth, einem neckischen Verlangen nachzugeben und den Wunsch laut werden zu lassen, er möchte doch auch ein paar Reihen mit ihr tanzen. Der Hochzeiterin dies abzuschlagen, ging nicht wohl an, und außerdem konnte er durch Erfüllung des Wunsches am besten beweisen, wie gut man es bei ihm habe und wie vortrefflich sie mit einander ausgekommen seien. Deshalb unterdrückte er die bereits auf seiner Zunge befindliche Frage: ob sie toll geworden sei? führte sie unter allgemeiner Aufmerksamkeit auf den Tanzboden und drehte sich so stattlich herum, als es seine Leibesbeschaffenheit irgend zuließ. Nach den schicklichen drei Reihen wollte er aufhören; Christine, der es Vergnügen machte, den »Wilden« so zahm an der Hand zu haben, bat ihn noch um einen. Aber nun war seine Geduld zu Ende. »Geh zum -- es geht nicht, Mädle! -- Jungfer Braut, wollt' ich sagen!« -- Hans, der heiter zugeschaut hatte, nahm ihm die Tänzerin ab, und statt ihrer trat die Mutter zu ihm und rühmte ihn, wie »feindle« (feindlich) schön er's noch könne und was für eine »grausame Ehr'« er ihnen angethan habe, daß er auf die Hochzeit gekommen sei. Zufrieden setzte er sich zur Kanne, und während er auf den Tanzlorbeeren ruhte, sammelte er sich neue als Zecher und Redner.
Das Fest ging seinen fröhlichen Gang, der Abend kam heran. Die Ehrentänze, die bei solchen Gelegenheiten für das Brautpaar eine Pflicht der Höflichkeit werden können, waren getanzt, der Hochzeiter und die Hochzeiterin setzten sich an den »Bräuteltisch,« an welchem sich dermalen nur die Mutter befand. Die Gäste waren zum größten Theil auf dem Tanzboden, wo der junge, lustige Hochzeitknecht berufsmäßig eine nach der andern in den Reihen geführt hatte und sich eben nach geheim erhaltenem Auftrag mit der Base Hubel herumdrehte, zum Lohn für ihre Verdienste. In der Stube waren nur zwei entferntere Tische mit Zechenden besetzt, die in lebhaften Diskurs gerathen waren und nur Aug' und Ohr für sich selber hatten. Gewissermaßen allein gelassen und von der Festesfreude schon etwas ermüdet, saßen unsere drei Personen stille da und gaben sich ihren Gedanken hin. Die Musik draußen störte sie nicht, die bekannten Töne klangen freundlich in ihre Vorstellungen ein. Das Vergnügen, das Nachmittags hell auf ihren Gesichtern geleuchtet hatte, nahm nach und nach einen ernsteren Charakter an und ihre Mienen wurden feierlich, fast so wie sie in der Kirche gewesen. -- Die Mutter sah zuerst aus ihren Träumen empor; sie ließ ihren Blick liebevoll auf den Beiden ruhen, die so ganz und gar zusammengehörig ihr gegenüber saßen, und sagte dann bedeutsam: »Wie lang hat's dazu gebraucht! Es ist doch wahrlich gerade, als ob's früher nicht hätte sein sollen!« -- Hans erwiederte auf diesen unwillkürlichen Ausruf in dem milden Tone, wie er tieferen Menschen in ernster Empfindung eigen ist: »Es hat auch wirklich nicht sein sollen, Schwieger! In der Welt ist's nicht jedesmal gut, wenn man ohne weiteres bekommt, was man gern möchte: man muß zum rechten Glück erst fertig gemacht werden. Ich hab' die Christine besser bekommen, als es früher möglich gewesen ist, und sie mich. Glücklich wären wir auch früher mit einander geworden, aber wir hätten nicht gewußt, was wir aneinander haben, und jetzt wissen wir's.« Christine sah ihn bei diesen Worten mit feucht glänzenden Augen an und drückte ihm zärtlich die Hand.
Fußnoten:
[1] No, nocht, nochta = nachher, dann.
[2] Ursprünglich Heiligenbilder, dann Bilder überhaupt bis zum farbigen Papier herab.
Ende gut, Alles gut.
Der Michel und die Gret.
Wenn der Rieser nicht gerade zu der größten und stärksten Menschenart im deutschen Vaterlande gehört, so wird man ihm das Prädikat »wohlgewachsen« nicht versagen können. Begreiflicherweise gibt es in dem volkreichen Gau allerhand, kleine und große, »wie's der Hirt zum Thor naustreibt«; in der Regel begegnen wir aber doch schlanken Personen von guter Mittelgröße und darüber. Enakssöhne -- Bursche, die eine Verbindung von Größe, Schulterbreite und Gliederstärke zeigen, die wir mit Staunen betrachten -- sind selten und kommen in andern deutschen Gauen häufiger vor; zuweilen gelingt aber auch im Ries ein solches Erzeugniß, und es wächst, sofern der Geist mit dem Körper nicht geradezu in Widerspruch steht, eine Person heran, die sich in ihrer Umgebung eines besondern Respekts zu erfreuen hat. Wenn so einer freilich keinen Verstand, keine Würde und am Ende gar auch keine »Schneid« hat, dann hilft ihm sein Körperbau nichts; man belegt ihn mit den despectirlichen Namen eines »Drieschlags,« eines »unklamperen Kerls,« verspottet und hänselt ihn. Sind ihm aber jene Eigenschaften, namentlich die letzte, in merklichem Grade verliehen, dann ist er in seiner Art eine Macht; man fürchtet ihn und schmeichelt ihm.
Zu den leiblich außerordentlichen Erscheinungen im Ries gehörte auch der Held der Erzählung, womit wir dießmal die Leser zu unterhalten gedenken. Wir sagen mit Bedacht: der Held. Denn obwohl unsre Geschichte keineswegs eine Reihe von Thaten vorführen wird, bei welchen die Stärke des Armes die Hauptrolle spielt, so hoffen wir jene, für einen Bauernburschen sonst nicht wohl passende Bezeichnung doch zu rechtfertigen.
Michel Schwab wurde im ersten Zehntel unsres Jahrhunderts geboren. Der Vater, ein wohlhabender Söldner und auch schon ein ungewöhnlich großer und gliederstarker Mann, erlag einer hitzigen Krankheit in seinen besten Jahren. Die Wittwe, die gut mit ihm gehaust hatte und den zehnjährigen Sohn über alles liebte, beschloß nicht mehr zu heirathen, damit ihr Einziger das ganze »Sach« bekäme, wie es der Vater gehabt hatte. Sie war selbst eine stattliche Frau, froher Gemüthsart und regierte gern -- ein Grund mehr, um als ehrsame Wittib fortzuleben und die erste Person im Hause zu spielen, bis sie die Herrschaft an den Sohn abtreten mußte.
Michel wuchs heran -- die Augenweide und der Stolz der Mutter. In der Schule zeichnete er sich nicht besonders aus; sein Verstand war etwas langsam zum Begreifen, sein Gedächtniß zum Behalten von Sachen, deren Nutzen ihm zweifelhaft erschien, nicht sehr bereitwillig, und Ehrgeiz, der ihn hätte stacheln können, besaß er nicht. Er lernte nur, was nicht zu umgehen war, ging lieber auf's Feld als in die Schulstube, und empfand eine dunkle Sehnsucht nach der Zeit, wo er gar nicht mehr hineinmußte, außer an Sonntagen. Um so besser gedieh sein Körper. Er war offenbar der stärkste von den Buben seines Alters; die Mutter hielt ihn überdieß für den schönsten und war nach dörflichen Begriffen wohl dazu berechtigt. Auf dem Dorf ist es vorzugsweise die derbe, robuste Schönheit, die eine ungemischte Bewunderung erweckt. Der Bauer hat auch ein Auge für zarte, feine Schönheit; aber wenn ein Kind mit einer solchen von ihm Lob erhält, so wird doch aus seinem Ton zugleich ein gewisses Mitleid herauszuhören sein, zumal wenn es ein Bube ist. Kennt er die Eltern gut, so erlaubt er sich in diesem Fall hinzuzusetzen: »a bisle kräftenger könnt' 'r freile sei'! No, 's kommt vielleicht no' (noch)!« Im Stillen denkt er aber: »Schad für des Büeble, daß er gar so elend ist!« Bei dem hübschen Jungen dagegen, der zugleich rothe Backen und tüchtige Gliedmaßen aufweist, geht die Gratulation durchaus von Herzen und das Lob wird mit den Zeichen der Achtung ausgesprochen. »Kott's Blitz,« ruft hier der Freund, während seine Augen im Glanze des Wohlgefallens blinken, -- »des ist a Kerl! Des gibt a Mannsbild! Des weara't a' baar (paar) Aerm' zum Garba' naufgeba'!« Und er lächelt dabei mit Würde und nickt den Eltern seine volle Anerkennung zu.
In solcher Art wurde der junge Michel gerühmt, namentlich von Gästen aus andern Dörfern, die ihn längere Zeit nicht gesehen hatten, und am lebhaftesten von Weibern. So eine sagte wohl im Doppeleifer der Höflichkeit und der wirklichen Empfindung zu der Mutter: »Aber wie uir (euer) Michel widder g'wachsa'n ist! Doh muße me nor so aufwondera' (aufwundern)! Und a Boschdur (Positur) und a G'sicht hot er grad wie sei' Vader! Wie ra'grissa' (herabgerissen, d. h. vom Vater)! Und die roth' Backa', die er hot! Und die schöa' brau' Oga'! Doh müsset 'r aber doch a rechta' Fräd (Freud) haba' mit so'm Buaba' -- net wohr, Bas?« -- u. s. w. -- Die Mutter suchte derartiges Lob, wie es der Brauch verlangte, wieder zu dämpfen, indem sie einwarf, daß in dem Alter alle Buben rothe Backen hätten, wenn ihnen grad nichts abginge, oder in Bezug auf besseres Lernen in der Schule und Angewöhnung besserer Manieren klagend ihre Wünsche aussprach. Aber solche Einwendungen erfuhren natürlich die gehörige Widerlegung; und wer konnte es der Glücklichen nun verdenken, wenn sie, den schönen Versicherungen in ihrem Innern beistimmend, an ihrem Michel eine Art Wunderkind zu haben glaubte?
Als das ersehnte Ziel erreicht und der Bursche »in die Zahl der Erwachsenen aufgenommen war,« entwickelte er sich indeß mehr nach seinen natürlichen Anlagen, als nach den Gesamtwünschen der Mutter; und die gute Frau mußte ihrerseits erfahren, daß es nichts Vollkommenes gebe unterm Monde!
Zum Theil zwar erfüllte der junge Michel nicht nur ihre Erwartungen -- er übertraf sie. Er wurde größer als sein Vater und ragte bald ein andrer Saul über seine Altersgenossen hervor. Gestalteten sich die Züge verhältnißmäßig derb, so waren sie doch regelmäßig. Die bräunlich rothe Gesichtsfarbe paßte zu den Formen, die dunkeln Augen und das dunkle Haar waren untadelich, und mit alledem konnte ihn die Mutter immer noch für den Schönsten im Dorf halten, wenn auch minder befangne Augen einigen andern Burschen den Vorzug geben mußten.
Das Bauernhandwerk lernte er gern und gut. Die Mutter hatte zur Besorgung der Feldarbeiten ihres Vaters Bruder, einen alten Bauernknecht, ins Haus genommen. Dieser weihte den Burschen nach und nach in alle Künste der Landwirthschaft ein, und der Zögling machte sie sich ein wenig langsam, aber gründlich zu eigen. Er gewöhnte sich eine stetige Art zu schaffen an, die ohne Uebereilung auch zum Ziele kommt. Falls es aber gerade sein mußte -- z. B. in der Erntezeit, wenn man vor dem drohenden Regen noch schnell ein Fuder hereinbringen wollte -- da konnte er auch arbeiten »wie ein Roß!« Durch den trunkenen Eifer beflügelt, den im ächten Landmann die Nothwendigkeit aufzuregen pflegt, leisteten die gewaltigen Gliedmaßen Staunenswerthes; und wenn zufällig ein alter Bauer vorüberging, konnte er sich überzeugen, daß die jetzige Zeit doch auch noch Mannsbilder aufzuweisen habe und die tüchtigen Leute im Ries nicht aussterben würden!
Unter den ledigen Burschen im Dorf erwarb sich Michel eine außergewöhnliche Stellung. Schon als Bube hatte er im »Moestern« (Meistern), d. h. im Ringkampf, nicht nur seine Mitschüler, sondern auch ältere Bursche bezwungen und die Kniffe, womit die Schlaueren über ihn Herr zu werden suchten, durch überlegene Kraft wett gemacht. Er hatte verschiedene unverschämte Kerle in die Grenzen des Anstandes zurückgeprügelt, und die Partei, die ihn bei Schläghändeln auf ihre Seite bekam, durfte sich für geborgen halten. Wie er als Lediger zuletzt »auf die Gass' ging,« glaubten ihn zwei ältere Bursche, die bis dahin für die Stärksten gegolten, »für'n Narren halten« und vornehm behandeln zu können. Das »Geträtze« reifte zu einem nächtlichen Kampf, und dieser verlieh jedem die Ueberzeugung, daß die Gefürchteten ihren Meister gefunden hatten. Michel, von einem Kameraden secundirt, schickte die Gegner jämmerlich zerdroschen heim! -- Von da an ließ man ihn nicht nur in Ruhe, sondern wich ihm bescheiden aus und behandelte ihn mit Rücksicht. Er kam nicht mehr in den Fall, die Stärke seines Armes geltend zu machen, außer wenn er sich bei einer entstandenen Prügelei bewogen sah, »auszuwehren,« d. i. thatsächlich Ruhe herzustellen. Die Veranlassung dazu bot sich ihm nicht oft, aber vor etwa dreißig Jahren doch öfter, als es jetzt sein könnte, wo der kriegerische Geist der Rieser Bauernburschen durch die fortschreitende Bildung und die Gendarmerie auffallend zurückgedrängt ist. Bei solchen Gelegenheiten pflegte Michel die Bursche, die sich ihm nicht fügten und immer wieder angriffen, mehr als just nöthig war zu puffen und dadurch den Glauben an seine Ueberlegenheit so aufzufrischen, daß zuletzt das ganze Dorf davon durchdrungen war.
In der angenehmen, behaglichen Stellung, die sich unser Mann erobert, bildete sich folgerichtig ein eigenthümlicher Geist in ihm aus. Obwohl von Natur nicht anmaßend, gewöhnte er sich doch einen kurzen, befehlenden Ton an, weil ihm nach seinem Gefühl kein anderer zustand. Er saß beim Bier unter seinen Kameraden in der Regel mit schweigsamer Würde, ließ sich unterhalten, belohnte den Spaß, der einem »Narra'sager« gelungen war, mit beifälligem Lachen, und spielte nur hie und da selbst einen Trumpf aus, der dann gerade nicht der feinste zu sein brauchte, um günstig aufgenommen zu werden. Wenn aber ein Streit entstand über Dinge, die er zu verstehen glaubte, so pflegte er zu entscheiden. Auch andern Disputen machte er zum öftern ein Ende, nicht durch ein siegreiches Argument, sondern durch die einfache, kräftig betonte Erklärung, daß man »d's Maul halten« solle! -- Er war kein Liebhaber von vielen Worten, unser Michel -- selbst nicht, wenn Andere sie machten; und wenn seiner Ansprüche im Umgang immer wenige blieben, so wollte er diese doch auch befriedigt sehen. Dank sei es dem Namen, den er sich erworben -- unter seinen Kameraden setzte er seine Wünsche durch!
Das wäre Alles gut und schön gewesen, und eine Mutter hätte Ursache gehabt, mit so einem Buben zufrieden zu sein; aber das Bild hatte seine Kehrseite. -- Michel nahm keine Manier an! Er konnte sich nicht abgeben mit Vettern und Basen, wie die Schwabin es wünschte -- er lernte keine Höflichkeit! -- Schon als kleiner Junge, wenn ihn die Mutter in die Stube rief, um ihn einem besonders werthen Besuch vorzustellen, pflegte er ein »wildes« Gesicht zu machen, auf die gewöhnlichen Fragen, halb verlegen, halb trotzig, kurze, zum Theil verkehrte Antworten hervorzustoßen und sobald als möglich das Weite zu suchen. Dem Knaben wurde das verziehen, weil man doch sah, daß er's eigentlich so bös nicht meinte, und auch die etwas beschämte Wittwe konnte über irgend eine komisch-alberne Antwort achselzuckend mitlächeln. Als er aber heranwuchs und seine Sache immer noch nicht besser machte, wurde sie höchst verdrießlich.
Der Bauer hat keine Zeit, die Unterhaltung als Kunst zu betreiben, und Gesellschaften im städtischen Sinn giebt es auf dem Dorfe nicht. Allein man empfängt doch Besuche und macht welche, es giebt fröhliche Zusammenkünfte, und dem jungen Burschen fehlt es keineswegs an Gelegenheit, sein Licht leuchten zu lassen, wenn er eines hat, oder sich wenigstens in herkömmlicher Weise schicklich zu benehmen. -- Bei Michel waren dem Erlernen auch solchen Benehmens zwei Eigenschaften hinderlich, die sich in ihrem Bunde unüberwindlich zeigten: Ehrlichkeit und -- Faulheit. Seiner geraden Seele widerstrebte es, Dinge zu bewundern, die er nicht besonders, ja nicht einmal gewöhnlich gut fand; und in den Eifer, wo einem derartige Versicherungen allenfalls vom Munde gehen, sich hineinzureden, war ihm unmöglich; denn dazu hätte es einer Anstrengung bedurft, die ihm schon beim bloßen Gedanken abschreckend vorkam! So blieb es in der Regel bei einem schweigsamen Gesicht -- einem »Hm,« »Ja,« »Jo« (ja doch), »Freile« und andern lakonischen Aeußerungen, womit sich Leute seines Gleichen aus der Affaire ziehen. Bei ungelegenen Fragen kam noch das im Ries sehr gebräuchliche »Bah« hinzu, das mit stark ablehnender, unter Umständen verächtlicher Miene hingeworfen wurde. Es war in der That unmöglich, in einer unvermeidlich gewordenen Unterhaltung sich kürzer auszudrücken als unser Michel, zum großen Leidwesen seiner Mutter, die ihn gern auch im Diskurs, wo nicht musterhaft, doch löblich gesehen hätte. Manchmal blieb es aber nicht dabei -- manchmal, wenn man seine Ehrlichkeit allzustark reizte, platzte er direkt mit der Wahrheit heraus und beging damit eine Unschicklichkeit, bei der es der Mutter grün und gelb vor den Augen wurde. Sie gab sich alle erdenkliche Mühe, die grobe Rede zu vertuschen; wenn es aber nicht gelang und die beleidigte Person sichtlich böse dastand, dann übernahm sie die Rache selber, indem sie den Schuldigen für einen einfältigen Schwätzer erklärte, der nichts verstehe und ein Esel bleiben werde »all sein Lebtag!«
In der ersten Zeit folgte solchen Unterhaltungen in der Regel ein Zwiegespräch, in welchem die Mutter dem Sohn in's Gewissen redete und ihn mit dem Nachdruck der gerechten Entrüstung über seine Mängel aufzuklären suchte. Als er sich einmal durch düstre Schweigsamkeit und kurze Antworten ausgezeichnet hatte, begann die Alte: »Aber ietz sag mer nor, Michel, wie isch (ist es) mögle, daß ma' se so benemma' ka' vor da' Leuta'! Ka'st denn ietz net oh a weng reda', wie's der Brauch ist, und a froendle's (freundliches) G'sicht macha'? Fällt der denn gar nex ei', daß d'alleweil dohstost (dastehst), als ob d'r d's Maul zuag'wachsa' wär'?« -- Michel, etwas unmuthig, fragte wie er schon öfter gethan: »No, was soll i denn saga'?« -- Die Schwabin kam in Eifer. »Was er saga' soll, frogt er me! -- Was ander Leut' saget -- Badde (alberner Mensch)! Merkst denn gar net auf? Host denn gar koe Hihra' (Hirn)?« -- Michel über diesen Ausdruck verdrießlich, erwiederte: »I ka' des domm' G'säg (Gesage, Gerede) net leida'.« -- Aber nun wurde die Alte hitzig. »Wer sakt denn, daß d' a domm's G'säg haba' sollst, o'verständenger Mensch? Ebbes G'scheidt's sollst reda', daß ma'n a'n Unterhalteng hot und vergnügt ist! Gang weiter. A Kerl so stark und so groaß wie a' Bohm (Baum), und hot net amol soviel Versta'd wie a' Schuelbüable! An dir wear' e no' a rechta' Fräd (Freud) verleba', daß Gott erbarm'!« u. s. w.
Kräftiger noch war die Rüge, wenn Michel seiner Ehrlichkeit freien Lauf gelassen und die Wahrheit gesagt hatte, wo Höflichkeit an der Stelle gewesen wäre. Nach dem ersten auffallenden Verstoß dieser Art kam es zu folgender Scene.
~Mutter.~ No ha'et (heut) host widder a Dommheit g'macht! Du bist doch der Dipplengst[3] em ganza' Doraf (Dorf)! Sakt ma'n oem so ebbes en's G'sicht? Setzt ma' d'Leut so en Verlega'heit?
~Michel~ (trutzig). S'ist nor d'Wora't (Wahrheit) g'wesa', was e g'sakt hab'!
~Mutter~ (bitter lachend). D'Wora't! O du o'sennenger (unsinniger) Mensch! Sakt ma' d'Wora't, wann's o'gschickt rauskommt und d'Leut verdrießt? -- Was weara'n ietz die von der denka'? Und was weara's von d'r verzähla', wann's hoem (heim) kommet!
~Michel.~ Mei'twega' was went (was sie wollen)! I frog' nex dernoch!
~Mutter.~ Oh rehcht (auch recht)! Du frogst nex dernoch, wamma' de für'n Esel hält und dei' Mueter für a Weib, die de net zoga' hot? Du wurscht a saubers Mannsbild weara'! Du wurscht schöa' durch d' Welt komma'! -- Ietz möcht' i nor wissa, w'rom ih grad so gstroft ben und so'n Narra' zum Soh' hab!
~Michel~ (ärgerlich). »No, ietz isch gmuag! -- -- A'n andersmol du' es (thu ich es) nemmer!« --
Diese Zusage, die ihm das Verlangen nach dem Schluß erpreßt hatte, konnte der gute Michel indessen nicht immer halten. Wenn er aber auch in weitern Verstößen sich selbst übertraf -- wenn er, zum Sprechen genöthigt, in seinem Widerwillen vollständig »aus dem Weg naus« redete oder, durch sein eigenes Schweigen belästigt, in der Zerstreuung und ohne Kenntniß des eben Gesprochenen eine Frage that, daß man ihn für »meschucka'« (hebräisch: verrückt) hielt -- kurz wenn er auf dem eingeschlagenen Wege consequent fortging, so hörten die Predigten der Mutter doch nach und nach auf. Einmal wurde die wackre Frau müde, stets dasselbe zu sagen für nichts und wider nichts. Dann regte sich, je mehr er heranwuchs und Autorität unter den Dorfburschen erlangte, in Michel ein Geist der Widersetzlichkeit, der sich das »Repermandiren« nicht mehr gefallen lassen wollte. Die Schwabin beschränkte sich zunächst auf einzelne kurze Bemerkungen, wie z. B.: »No, ha'et host widder a Schluap (großes Maul) rahgh'ängt, des muß i saga'! Wann de nor em Spiegel g'seha' hätt'st -- du hätt'st der gwiß selber g'falla'!« Oder: »Ha'et host widder 'n Einfall g'hett (gehabt)! Wie d'nor drauf komma' bist! A'n Anderer brächt's net raus, er därft' se Müa' geba'!« -- Aber Michel wurde endlich auch dadurch verletzt und sagte einmal unmuthsvoll: »Ietz laß me amol ganga'! I ben wie'n e ben, und durch dei' ewengs (ewiges) G'schimpf wear' e net anderst! Weam e net g'fall, der soll derhoemt (daheim) bleiba', oder -- -- i hätt' schier ebbes g'sakt!«
Die Mutter seufzte. Sie mußte einsehen, daß sie sich in einem Punkte geirrt und ihr Sohn eben doch einen Fehler habe, und zwar einen großen, den er vielleicht nie ablegen werde. Aber noch blieb ihr eine Hoffnung. Michel war noch jung, es konnte noch werden. »Vielleicht got's 'm«, dachte die Gute, »wies scho' manchem ganga'n ist! -- vielleicht wurd 'r zoga', wann 'm a Mädle g'fällt!« -- Dieser Gedanke leuchtete ihr ein und rief eine Art von Lächeln auf ihr Gesicht. Es gab manche im Dorf, die ihr als Söhnerin nicht unlieb gewesen wäre. Wenn Michel an einer seine Freud' hätte, sich »um sie herummachte« und sie zum Tanz führte, dann müßte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn ihm der Verstand nicht kommen und das Maul nicht aufgehen sollte! -- Die gute Frau stellte sich das so hübsch und natürlich vor, daß sie recht erheitert wurde und auf diese Medizin das vollste Vertrauen setzte. Sie beschloß, ihn gehen zu lassen und zu warten.
Michel wurde neunzehn, er wurde zwanzig Jahre alt -- und noch gefiel ihm keine. Die Mutter schüttelte den Kopf. Nicht nur, daß er keiner den Vorzug gab -- er machte sich aus den Mädchen überhaupt nichts. Er lief ihnen nicht nur nicht nach, er wich ihnen aus oder that wenigstens, als sähe er sie nicht. An Lustbarkeiten nahm er Theil, aber nur, um sich zu Mannsbildern zu setzen, die ohne Schatz waren, wie er. Mit diesen zechte, dampfte und diskutirte er in der schon beschriebenen Art und ging endlich zufrieden nach Hause. Ein paarmal ließ er sich von einer Nachbarin, die einige Jahre älter war als er und ihm gegenüber eine Art von Erziehungstrieb spürte, zum Tanzen verleiten. Als aber nach dem zweiten Versuch eine alte Base zu ihm sagte, er tanze, daß »dem Teufel dran grause«, und er müsse es besser lernen, sonst wärs g'fehlt -- da hatte dies nicht zur Folge, daß ers besser lernte, sondern ganz und gar aufsteckte. -- Die Mutter wurde recht bedenklich, und an die Stelle der Hoffnung trat das Mißvergnügen und die Sorge.