Erzählungen aus dem Ries

Part 26

Chapter 263,647 wordsPublic domain

Als das nette »Gefährt« im Sonnenschein über den trockenen Weg hinrollte, näher und näher dem lieben Ziel, da hatte unser Freund eine glückselige Empfindung, und die Wirkung davon ward sichtbar in seiner ganzen Erscheinung. Man weiß, daß George Sand -- eine Schriftstellerin, der ich gern das heutzutage so sehr mißbrauchte Wort »genial« zuerkenne, ohne darum alles in ihren Werken für wahr und schön zu halten -- Personen in relativer Häßlichkeit auftreten und nach und nach schön, ja unwiderstehlich anziehend werden läßt. Sie kann sich damit auf die Wirklichkeit berufen. Es giebt Gesichter, an denen sich gar manches aussetzen läßt, sofern man sie nach einem Ideal der Formvollendung beurtheilt. Wenn aber die Seele sich entfaltet, wenn das Licht der Liebe, der Güte, des Glücks es durchleuchtet, dann ist ein solches Gesicht nicht nur charaktervoll, sondern schön; die Seele herrscht in ihm und schmelzt in allbelebender Strömung die Theile zum harmonischen Ganzen; die Schönheit der Seele triumphirt über die Form und macht diese zur Trägerin und Verkünderin ihres Glanzes; ihre Flamme bricht durch und überstrahlt die Züge und tilgt alles Widerstrebende darin hinweg. Daß ein solches Gesicht hernach das bloß äußerlich schöne in Schatten stellt, daß eine geliebte Person, die für seine höhere Schönheit empfänglich ist, sich davon entzückt, hingerissen fühlt, das ist durchaus natürlich -- der natürliche Sieg des Innern über das Aeußere, des Geistes über den Stoff.

Wenn eine theilnehmende Freundin unsern Burschen heute gesehen hätte, so würde sie vielleicht gerufen haben: er sieht aus »wie verklärt;« denn dieses Wort ist unter dem Rieser Landvolk bekannt und wird ganz richtig angewendet. Und in der That, verklärt war das Gesicht des Guten, verklärt durch die Liebe, die der Gegenliebe sicher geworden, verklärt durch das Bewußtsein des Sieges, der zu der Liebe die Ehre gebracht hat. -- Es ist eben doch schön, wenn man nicht mehr ganz allein auf sich und seine Tugend angewiesen ist, wenn man der Welt nicht bloß zu verzeihen, sondern auch etwas zu danken hat, wenn die Kraft der Seele getragen wird von der Schwellung des Glücks, wenn zu dem Gefühl, den Sieg zu verdienen, die stolze Freude des wirklich errungenen Sieges kommt. Aus dem Gesicht des Liebenden sprach jetzt nicht allein das Glück und die Freude, sondern auch die Würde des Mannes, der sich endlich auf die Stelle erhoben sieht, nach der er getrachtet hat und die ihm gebührt.

Als der Wagen in das Dorf rollte, lag auf diesem eben das feierliche Schweigen des Sonntags: die Kirche hatte eben begonnen und die Gemeinde horchte dem Worte des Geistlichen. Hans fuhr in's Wirthshaus, versorgte mit dem anwesenden Knecht das Roß und ging dann im Hof umher. Die Glocke, die beim Vaterunser geläutet zu werden pflegt, verkündigte das baldige Ende des Gottesdienstes, Hans erwartete es, sah die Leute des Hauses und der Nachbarschaft von der Kirche heimkehren, und machte sich endlich selber auf den Weg, mit Herzklopfen zwar, aber mit dem überherrschten eines Mannes, der mit tiefer Zuversicht dem Erfolg entgegengeht. Er hatte sich vorgenommen, bei der Geliebten sich nicht ohne weiteres auf die Erzählung der Verwandten zu berufen, er wollte so ruhig, als es ihm möglich war, als Besuch auftreten, zuerst von andern Dingen reden und selber hören und sehen.

Als er in den Hof trat, sah er das »Mädle«, d. h. die zweite Magd der Bauers. Er fragte nach Christine, indem er hinzufügte, er sei ein Verwandter und hätte mit ihr zu reden. Die Gefragte erwiederte, die Magd sei im Garten, und wies ihm den Eingang. Hans trat hinein und sah Christine von weitem Gemüse abschneiden, das ihr die Bäuerin zu bringen aufgetragen hatte. Sie war in der Kirche gewesen, hatte aber an dem warmen Tage den Kittel ausgezogen und bückte sich zu Boden in blanken Hemdärmeln, die indeß nur den Oberarm bedeckten. Als sie jemand gehen hörte, schaute sie auf. Sie erkannte den Vetter und sah erröthend vor sich hin.

Hans trat näher und sagte treuherzig: »Guten Tag, Christine!« -- Die Gegrüßte dankte und erwiederte mit erkenntlichem Blick: »Du kommst herauf? Das hätt' ich wahrlich nicht erwartet!« -- »Nun,« sagte Hans, »ich muß doch auch einmal sehen, wie's dir geht.« -- Die Brust des Mädchens hob sich und ein leichter Strahl der Freude ging über ihre Züge. Sie versetzte: »Gottlob, mir geht's gut, ich bin gesund und zufrieden.« Und in der That, so sah sie aus. Hatten Sonnenschein und Regen in Frühling und Sommer sie erfrischt und gestärkt, so war sie in den letzten, weniger »unmüßigen« Wochen schon wieder auch etwas runder geworden und ihre ganze Erscheinung hatte den Charakter einer größeren sinnlichen Ruhe erhalten. Hans lächelte. »Das freut mich,« erwiederte er. »Du scheinst den Holzbauern nicht so schlimm zu finden, wie deine Vorgängerinnen?« -- »Er ist auch nicht so schlimm,« versicherte Christine. »Hitzig ist er freilich, und wenn er in seinen Zorn kommt, weiß er nicht mehr, was er sagt; aber im Grund seines Herzens ist er ein ehrlicher Mann und meint's besser als so ein glatter, süßer Schwätzer. Seit dem letzten Sturm im Heuet« -- setzte sie lächelnd hinzu -- »kommen wir ganz gut mit einander aus. Ich paß' aber auch besser auf.« Nach einem Moment des Schweigens ernster geworden, sagte sie: »Was macht denn aber meine Mutter? Ist sie doch wohlauf?« -- »Ja wohl,« versetzte Hans, »und auch zufrieden -- bis auf die Gedanken, von denen sie zeitweis geplagt wird. Sie kann sich immer noch nicht drein finden, daß ihre Christine, ihre einzige Tochter bei einem andern dienen soll.« -- »O,« rief das Mädchen, »daran wird sie sich eben doch gewöhnen müssen! Mir gefällt das Dienen, und ich bin lange nicht so vergnügt gewesen, wie jetzt.« -- Der Bursche betrachtete sie mit innigem Wohlgefallen. »Ja,« sagte er, »du bist auch wieder eine ganze Magd geworden.« Und mit gutmüthigem Stolz setzte er hinzu: »Das Bauernhandwerk ist halt doch das schönste und gesündeste, und über den Bauernstand geht nichts in der Welt!« »Das ist wahr,« erwiederte Christine, durch seine Anerkennung geschmeichelt und erfreut. »Drum will ich auch fortarbeiten, weil ich seh', daß ich's doch nicht ganz vergessen hab', und dazu lernen, was ich noch nicht versteh', und das kann ich am besten auf so einem großen Hof wie hier. Sag' das meiner Mutter, sag' ihr nur, ich bin gern eine Bauernmagd und hoff's noch lange zu bleiben.«

Um den Mund des Burschen spielte ein fast unmerkliches schelmisches Lächeln. »Nun,« erwiederte er endlich, »auf einem Bauernhof kann man auch etwas anderes sein als Magd. Du bist keine Magd, wie die erste beste, du bist das einzige Kind deiner Mutter, und wenn das der Rechte erfährt und wenn er sieht wie du schaffen kannst in einem großen Werk, dann könnten wir auf einmal hören, daß die Magd eine Bäuerin geworden ist.« -- Christine, des an sie ergangenen Antrages gedenkend, wechselte die Farbe und sah den Vetter scharf an; aber dieser hielt aus und verrieth seine Kenntniß der Sache mit keinem Zug. Das Mädchen entgegnete mit Ernst: »Ich trachte nicht so hoch hinaus; ich begnüge mich mit dem, was ich bin, und bleib' im ledigen Stand.« Eine sanfte Heiterkeit verbreitete sich über ihr Gesicht mit einem Hauch von Trauer gemischt, der sich indeß im Ausdruck wahrer Theilnahme verlor. Sie sagte: »Aber von dir hört man jetzt, daß du an's Heirathen denkst. Nun, wundern wird sich niemand darüber. Du weißt ja, wie oft ich dir selbst früher zugeredet hab'.« Und plötzlich erröthend rief sie: »Am End hast du schon eine? und willst mich zur Hochzeitmagd?« -- »Eins ist wahr,« erwiederte Hans, »heirathen will ich.«

Das Mädchen erschrak bei diesen Worten, ihr Gesicht wurde blaß und im Augenblick darauf purpurroth. Aber nun war es zu Ende mit der Zurückhaltung des Burschen. Wie er die Zeichen der Liebe an dem Mädchen erblickte, die er sich erkoren hatte, als sie fast noch im Kindesalter stand, wie er das Bild, das ihn im Spiegel der Seele entzückt hatte, mit Augen schaute, da schlug die Flamme seiner Leidenschaft durch, und mit jenem Blick unendlicher Liebe, den er früher nur verstohlen auf sie zu richten gewagt hatte, sah er ihr muthig und gerade in die Augen. Und sie verstand ihn -- mit der Schnelle des Blitzes erleuchtete sie die Erkenntniß, daß er alles wisse, und erschüttert und beseligt stand sie vor ihm. Hans ergriff ihre Hand und sagte im herzlichsten Ton: »Ja, Christine, heirathen will ich: aber ich brauch' keine Hochzeitsmagd, sondern eine Hochzeiterin!« Und als sie bei diesen Worten zuckte, als ob sie sich ihm entziehen wollte, rief er: »Laß mir die Hand! -- Die Base hat mir alles gesagt. Ich bin heraufgekommen, um dich zu fragen, ob du mein Weib werden willst -- und nun red' und sag' es!«

Das Herz des Mädchens drehte sich im Busen um vor Wonne; aber noch wagte sie nicht, das ihr vom Himmel gefallene allzugroße Glück anzunehmen und sie rief: »Wie! -- mich, die so gegen dich gehandelt hat -- mich willst du zum Weib?« -- »Still!« entgegnete Hans mit einer Bewegung, als ob er ihr den Mund zuhalten wollte; »das ist vorbei und vergessen, und nun thu' dir nicht selber Unrecht. Ich kenne kein Mädchen in der ganzen Welt, die ich für besser und für rechtschaffener halte und die ich höher schätze, als dich.« -- Nach dieser Ehrenerklärung, welche die Liebeserklärung diesmal ergänzte und sanctionirte, sah das Mädchen mit dem rührendsten Blick der Liebe und des Dankes auf ihn. »Ja,« rief sie mit Thränen in den Augen, »du bist eben immer der beste der Menschen! Wie viel hab' ich erfahren, wie viel hab' ich leiden müssen, um das einzusehen.« Und während die Thränen über ihre Wangen rollten, vergaß sie alles und fiel im Drang ihres Herzens dem Guten und Treuen um den Hals und küßte ihn und weinte an seinem Gesicht.

Sie hatten Glück, die Glücklichen. Kein Wesen sah diesen Vorgang, der am hellen Tag und unter freiem Himmel auf dem Dorf höchst ungewöhnlich ist, ein einziges paar Schwalben ausgenommen, die auf dem Stadeldache saßen und die Flügel streckend neugierig herunterzulugen schienen.

Aber nicht lange mehr sollten sie ungestört bleiben. Indem der Erschütterung auf beiden Gesichtern innige Heiterkeit folgte und das Mädchen ihre Thränen mit der Sonntagsschürze trocknete, vernahmen sie von der Gartenthür her plötzlich den Ruf: »Aber was Kreuzblitz ist denn das?« -- Sie sahen hin, in höchst eigener Person und in voller Autorität des Richters kam der Holzbauer auf sie zu. »So?« rief er zu Christine, »die Bäuerin wartet auf dich und du unterhältst dich mit einem -- wer ist der Bursch da?« -- Hans trat mit festem Schritt vor den Gefürchteten hin und sagte: »Mein Nam' ist Hans Burger.« -- Der Bauer betrachtete ihn und rief sich erinnernd: »Ah so, du bist ~der~!« -- »Ja,« sagte Hans, »und die Christine hier ist mein Bäschen, und seit einigen Minuten -- meine Hochzeiterin.«

Der Holzbauer stand überrascht und sah ihn groß an. Er war zu gescheidt, um nicht einzusehen, daß seine Autorität jetzt ein Ende hatte; so schnell indeß konnte er das nicht einräumen. »Das Donnerwetter,« polterte er mit einer eigenen Mischung von wirklichem Unwillen und gespieltem Zorn, »was ist denn aber das für eine Art? Du kommst so mir nichts dir nichts her zu mir und heirathest mir meine Magd weg? Da soll ja doch gleich« -- Hans, von diesem Spaß des Holzbauern ergötzt, entgegnete: »Ja, da kann ich nicht helfen, das Heirathen geht Allem vor.« -- »Hol's der Teufel!« brummte der Bauer. »Die bösen Weibsbilder laufen einem weg, und hat man eine, die ein wenig ordentlich wäre, dann kommt so ein verfluchter Kerl und nimmt sie einem zum Weib! -- Nun,« setzte er mit einem satyrischen Blick hinzu, »und du willst's also wirklich riskiren? -- mit der Feinen?« -- »Ja, Holzbauer,« versetzte Hans mit der Laune des Glücklichen. »Nachdem sie ein halbes Jahr bei Euch gedient hat, mein' ich, kann ich's riskiren.« -- Der Bauer, der heute einen Sonntagshumor hatte und von Natur Spaß verstand, lachte. »Ja, ja,« sagte er dann, »hast auch Recht -- jetzt kannst du's. Ich hab' sie dir gezogen und du kannst dich bei mir bedanken.« -- Indem er seine Zornanfälle auf diese Art sich als Tugend anrechnete, konnten die beiden Liebenden nur mit Mühe den Ausdruck ihres Vergnügens zurückhalten. Hans nahm sich indessen zusammen und sagte: »Ich dank' Euch auch, Holzbauer, von Herzen.« -- »Und ich desgleichen,« setzte Christine hinzu, »bei Euch hab' ich grade gelernt, was mir fehlte, und ohne Euch wär' ich meiner Lebtag nicht glücklich geworden.«

Der Holzbauer, wie alle Großen, war darum, weil er Schmeichelworte als etwas ihm Zukommendes betrachtete, für ihre Süßigkeit keineswegs unempfindlich. »Freut mich,« erwiederte er, »daß ihr das einseht.« Und in dem Gefühl seiner unleugbaren Güte setzte er hinzu: »Da sagt man immer, ich sei bös und schimpfe die Leute. Dummköpfe, Ochsen, alberne Weibsbilder sind's, die so was sagen. Ich schimpfen! Einfältiges Lumpenpack verfluchtes! -- Ich verlang' was recht ist, und wenn etwas Dummes geschieht, laß' ich's nicht durchgehen; und so muß man's auch machen, sonst wird nie etwas aus den Leuten. Da hat man nun das Beispiel! -- Und's freut mich doch, daß ihr das einseht und daß man auch einmal seinen Dank bekommt in der Welt.« Im vollen Genusse des Selbstgefühls hielt er ein bischen inne, ließ seinen Blick auf dem Mädchen ruhen und sagte dann zu Hans: »Noch ein Jährle, wenn ich sie hätt' -- dann solltest du sehen!« -- »Nein, nein,« versetzte Hans lachend, »man muß nicht zu viel verlangen. Von jetzt an will ich sie schon selber ziehen.« -- Der Bauer sah ihn an, wie etwa ein Kaiser einen jungen Grafen ansieht, der sich auch fühlen zu können glaubt. Durch seinen guten Leumund, der auch zu ihm gedrungen war, schon für ihn eingenommen, fühlte er sich von seinem Wesen angesprochen und sagte daher mit der Miene huldvoller Approbation: »Nun, die Postur hast du dazu.« -- Hans bemerkte: »Vor der Hand, nämlich bis wir uns zusammengeben lassen, bleibt die Christine ohnehin noch bei euch, wenn Ihr nichts dagegen habt. Heute freilich möcht ich bitten, daß Ihr sie mit mir zu ihrer Mutter fahren lasset.« -- »Alles was Recht ist,« versetzte der Bauer mit Würde. Und mit der Freundlichkeit, deren sein Gesicht überhaupt fähig war, fügte er hinzu: »Seid vergnügt mit einander und macht bald Hochzeit und ladet mich auch darauf. Ich komm', ich versprech's euch, und wär's nur, um die dummen Weiber zu ärgern. Dann sollen sie mir nochmal sagen, keine Magd könnt's aushalten bei mir und jede käm' in Unfrieden von mir weg! -- Aber Sapperment!« rief er, sich plötzlich unterbrechend, »jetzt müssen wir in die Küche!« Und zu Christine gewandt, setzte er hinzu: »Klaub das Zeug da zusammen und schneid' noch ein wenig ab. Ich will indeß zur Bäuerin gehen und dich entschuldigen; denn die könnt' am End' nicht so Spaß verstehen wie ich!« Und in einer Laune, wie man ihn seit langer Zeit nicht gesehen, schritt er hinweg.

Als das Mädchen zur Bäuerin kam, erhielt sie für die Scheltworte, die sie sonst zu erwarten hatte, einen freundlichen Glückwunsch.

Eine halbe Stunde später trat unser Paar in die Stube der Hubel, die natürlich augenblicklich wußte, woran sie war. Christine rief: »Ihr habt nicht Wort gehalten -- Ihr habt mich verrathen!« -- »Sei still, du dummes Ding,« entgegnete die Base. »Wo wärt Ihr jetzt, wenn ich das Maul nicht aufgethan hätt'?« -- »Ihr habt Recht gehabt,« erwiederte die Glückliche und drückte ihr die Hand. Hans sah die Base heiter an und sagte dankbar: »Mir habt Ihr Wort gehalten.« -- Die Hubel versetzte würdig: »Wo ich reden muß, da red' ich, und wo das Schweigen nothwendig ist, da kann ich auch schweigen.«

Man giebt mir zu, daß ich im Verlauf dieser Erzählung den Leser nicht mit der bekannten Versicherung behelligt habe, dieses oder jenes könne nicht geschildert werden, der Autor müsse die Ohnmacht der Darstellung bekennen, müsse es der Einbildungskraft der Leser überlassen, sich die Dinge auszumalen u. s. w. Eigentlich ist ja doch alles zu schildern, was lebt und sich offenbart und angeschaut werden kann, und jene Versicherung bedeutet darum auch in der Regel nur so viel als: ich bin nicht im Stande meine Schuldigkeit zu thun. -- Zuweilen dürfte der Autor aber doch befugt sein, an die Phantasie des Lesers zu appelliren -- der Kürze halber. Ich möchte darum jetzt die Freunde unseres Paares ersuchen, sich vorzustellen, mit welchen Gefühlen sie, nachdem sie im Wirthshaus die von Hans bestellte Mahlzeit eingenommen hatten, auf dem Wägelchen der Heimath zufuhren. -- Es giebt Momente, wo sich eine solche Fülle von Glück zusammendrängt, daß wir ein ganzes Leben voll Schmerzen dadurch aufgewogen sehen, Momente, wo in überschwänglicher Liebe zu Gott und zu der Welt der letzte Hauch von Leid, der letzte Hauch von Schuld hinweggetilgt, in Seligkeit verschlungen ist.

Im Schwunge der Freude geberdet sich der natürliche Mensch frisch und lustig. In's Dorf einlenkend knallte unser zum Hochzeiter gediehene Freund, daß es eine Art hatte, und ließ das wohlgefütterte Roß traben, daß die Leute ihnen nur nachsehen und ein paar am Wege stehende Freunde nur die einfachsten Laute des Staunens ausrufen konnten. -- Der Gute eilte der Mutter zu, die trotz alledem und alledem nun auch wieder einmal eine Freude haben sollte.

Als er am Fenster des Hauses vorbei fuhr, erkannte die Glauning nur ihn, der Kopf der Christine war verdeckt. Der Wagen rollte in den Hof. »Da haben wir's!« rief die Wittwe, in's Herz getroffen; »nun bringt er sie mir gar in's Haus.« Allein es galt ihre Ehre, sie drückte die Betrübniß in's Innerste ihres Herzens zurück und hatte eine würdig freundliche Miene zu Stande gebracht, als sie zur Begrüßung heraustrat. »Da ist nun die Hochzeiterin,« rief Hans, »das heißt, wenn Ihr nichts dagegen habt!« Die Mutter, Christine erkennend, stieß einen Schrei aus und fing das vom Wagen steigende Kind in ihren Armen auf. »Gott sei Dank!« rief sie, und Thränen der Freude stürzten aus ihren Augen.

Bei dem besten Kaffee, den man jemals in diesem Hause trank, wurde die Mutter in das Geheimniß der letzten Vorgänge eingeweiht. Wenn ein moralisch ästhetischer Knauser vielleicht denken sollte, die Wittwe hätte das Glück, solche Kinder zu besitzen, eigentlich nicht verdient, so beschämen wir ihn mit der Thatsache, daß sie bei Erwähnung der abschlägigen Antwort, die Christine dem reichen Bauernsohn gegeben, nur ein Augenblickchen eine curiose Empfindung hatte, sich aber durchaus nichts ansehen ließ und aufrichtigst ihren Dank gegen Gott wiederholte für den glücklichen Ausgang, und den Kindern gerührt ihren Segen gab.

Im Dorfe freilich wurde über Hans zunächst gar manches Näschen und manches Mäulchen gerümpft, wovon eigentlich nicht jedes die zierliche Benennung verdiente. In Kurzem war aber auch hier von dem wahren Sachverhalt Einiges durchgesickert, wir wollen ununtersucht lassen, durch wessen Vermittlung. Ein Name zwar wurde nicht genannt, bald aber sagte eines dem andern: die Christine hätte gar einen Reichen und Großen haben können, wenn sie gewollt hätte, aber sie hat ihn ausgeschlagen, weil ihr der Hans lieber ist als Alle. Man begriff endlich das Paar, und an die Stelle der Kritik, die nicht mehr sachgemäß war, trat allgemein freundliche und achtungsvolle Theilnahme.

Hans hatte die Braut an jenem Sonntag wieder zum Holzbauern zurückgeführt. Hier, wo sie nun mit auffallender Rücksicht behandelt wurde, schrieb sie an die gute Base Kahl und meldete ihr Glück und den wunderbaren Weg dazu, und ließ an alle ihre Bekannten in der Stadt, an den Herrn Vetter, an Mamsell Adelheid und Susanne die schönsten Grüße ausrichten. Nach einer Woche lief die Antwort ein. Die Schreiberin freute sich unendlich, daß ihre Prophezeihung so schnell eingetroffen sei, und konnte die Theilnahme der Bekannten nicht warm und lebhaft genug schildern; ihr sei's gewesen, als ob eine Tochter, der Adelheid und Susanne, als ob eine Schwester das Glück gehabt hätte. Jetzt könne sie übrigens ihrem lieben Bäschen auch melden, was sie bisher sich nicht zu schreiben getraut, daß Herr Forstner schon seit drei Wochen mit der Wilhelmine verheirathet sei. Diesen könne sie aber, nach Allem was sie höre, keinen glücklichen Ehestand prophezeihen. Die Wilhelmine habe ihren jetzigen Mann schon ganz unter dem Pantoffel; außerdem sei sie eifersüchtig und hüte ihn wie ein Drache. Wenn das schon in der ersten Zeit geschehe, was würde der Mann erst später zu erdulden haben! Im Uebrigen müsse sie sagen, was wahr sei: vorgestern habe in der »Erheiterung« ein Concert stattgefunden und Herr Forstner habe auf der Violine gespielt, daß Alles Bravo gerufen und Beifall geklatscht habe.

Bei dem letzten Satz lächelte Christine; es schien, als ob sie sich nicht unglücklich fühle, daß ihr künftiger Mann dieser Qualität entbehrte. Die Vorhersagung eines unglücklichen Ehestandes anlangend, dachte sie: die Base wird wohl übertrieben haben und meint mir vielleicht einen Gefallen damit zu thun; aber da kennt sie mich schlecht. Ich habe nicht das Geringste gegen diese Leute und gönne ihnen von Herzen alles Glück, das sie sich verschaffen können.

Aus der Zeit ihres Dienstes beim Holzbauer haben wir nur noch weniges zu berichten. Eines Abends, als sie eben vom Felde heimging, begegnete ihr vor dem Dorf jener Alte, der ihr die ehrenvolle Stelle einer Söhnerin zugedacht hatte. Dem Mädchen klopfte das Herz in Dank und Achtung, und als sie ihm nahe kam, grüßte sie ihn mit einem Blick der liebevollsten Erkenntlichkeit und -- Abbitte. Der Bauer lächelte und sagte, indem er ihr freundlich wie einem Kinde zunickte: »Ich gratulire, Christine!« Das vollendet heitere Aussehen des Alten hatte, wie wir gestehen wollen, noch einen andern Grund als seine Gutmüthigkeit. Christine war ersetzt. Der Hubel, der ihre Niederlage gegenüber den guten Leuten keine Ruhe gelassen, war eine große That gelungen; sie hatte für den Sohn eine ausgemittelt, ihm an Stand und Vermögen völlig gleich und in jeder Hinsicht wundersam passend für ihn, und die Unterhandlungen waren bereits dahin gediehen, daß der Heirathstag in naher Aussicht stand. Christine erfuhr es etliche Tage später, und diese Ausgleichung trug dazu bei, ihr die letzte Zeit bei dem Holzbauern zu der angenehmsten zu machen.

Im Oktober lud Hans mit seinem Bruder, dem Schmied, und mit dem jetzigen Dorflehrer Freunde und Bekannte im Ries herum zu seiner Hochzeit ein. Er lernte den letzteren, den die Vereinigung der Seminarbildung mit einem wackern, schlichten, zufriedenen Sinn für eine Schulstelle auf dem Lande ganz besonders qualificirte, bei dieser Gelegenheit näher kennen und freute sich, an ihm künftig einen guten Freund zu haben und an der braven, muntern Frau desselben eine richtige, nützliche Bekanntschaft für Christine.