Erzählungen aus dem Ries

Part 25

Chapter 253,691 wordsPublic domain

Hans war an einem andern Tisch niedergesessen, den etliche nähere Bekannte von ihm in Besitz genommen hatten. Nach dem Naturgesetz, das auf dem Lande wie in der Stadt, in der niedersten wie in der höchsten Schichte der Gesellschaft gilt, muß jeder, der ein auffallendes Vergnügen blicken läßt, geneckt werden. Dieß geschah denn auch unserem Burschen. Fragen wurden gestellt und Vermuthungen geäußert, die sich alle um den vorhin erörterten Punkt drehten. Hans war indeß nicht in der Stimmung ärgerlich zu werden, im Gegentheil, sein Humor stieg in Folge der Angriffe; er duckte einen, der sich ungeschickt dabei benahm, gehörig in's Wasser und bekam die Lacher auf seine Seite. Als er an einem andern Tisch Bescheid that, sagte einer der Bekannten: »'S ist schon richtig, er hat eine! -- aber wen?« -- Man rieth hin und her, konnte aber nicht schlüssig werden und tröstete sich mit dem Gedanken, daß es jedenfalls wieder eine Hochzeit geben werde und einen lustigen Ansing.

Jeden Tag in der Woche erwartete die Glauning, daß der Vetter im Staat vor sie treten und sagen würde, er müsse über Land gehen; denn ihr saß der Gedanke, der in ihr aufgestiegen war, so fest im Kopfe, wie den Kameraden des Burschen. Als sie sich auch am Donnerstag getäuscht sah, meinte sie: nun wird er am Sonntag gehen. Und in der That, am Vorabend erklärte Hans, er werde morgen über Land -- fahren. »Fahren?« rief die Wittwe betroffen. -- »Warum nicht?« erwiederte Hans lächelnd. »Der Hiesinger leiht mir seinen Braunen und sein Wägele. Und darf sich unser einer nicht auch einmal ein Plaisir machen?« -- »Wegen meiner fahr' du,« entgegnete die Glauning. »Du bist dein eigener Herr und kannst thun was du willst.« -- Sie that ihm aber nicht die Ehr' an oder sie hatte nicht den Muth, zu fragen wohin.

Am andern Tag, im Schein der Morgensonne, als der Bursche von ihr Abschied nahm, geputzt wie nochmal einer, der »auf d'Gschau« geht, hatte sie doch so viel Kraft erlangt, mit einer Art von Lächeln zu sagen: »Nun, Hans, ich wünsch' dir viel Glück! Du wirst dir hoffentlich nicht einbilden, daß ich nicht weiß, worauf du ausgehst?« -- »Nein,« erwiederte Hans gemüthlich. »Vor Euch kann man sich nicht verstellen, Base -- und ich versuch's auch nicht. Was wollt Ihr? einmal muß man doch dran!« -- Er gab ihr die Hand und verließ mit kräftigen Schritten den Hof. Die Base sah ihm nach. »Wie sicher er seiner Sach' ist!« dachte sie. »Nun, wenn er ein Glück macht, ich muß es ihm gönnen -- allein um mich hat er's verdient.« Diese Gedanken konnten aber doch nicht bewirken, daß sie sich über sein Glück freute; im Gegentheil, sie hatte ein Gefühl, als ob ihr der letzte Rest des ihrigen genommen würde.

Hans ging zu dem Bauer, den er Hiesinger genannt. Das Wägelchen stand im Hof, aber der Gaul wurde noch gefüttert. »Mach' »fürsche« (vorwärts),« rief der Bauer dem Handknecht mit Laune zu, »und spann an! In solchen Geschäften will man bald an Ort und Stelle sein.« -- Einige Minuten später, und Hans fuhr im Trab durch's Dorf. »Aha,« rief einer von seinen Kameraden, der ihn sah, »nun werden wir's bald inne werden!«

Wenn die Glauning gesehen hätte, in welchen Weg der Bursche einlenkte, dann hätte vielleicht ihr Herz zu klopfen und wieder zu hoffen angefangen. -- Die Leser haben das Ziel der Fahrt schon errathen -- sie sind scharfsichtiger als die Bauern. Sie wissen, daß eine Geschichte nach ihrem Anfang und Verlauf nur Einen, d. h. eben nur den Ausgang haben kann, der im Verlauf begründet ist; und zwar nicht, weil es der Erzähler so will, sondern weil es bei den Personen, an denen es überhaupt etwas zu demonstriren liebt, das Schicksal so will, dem der Erzähler folgen muß. Könnte nach allem Bisherigen ein Erfahrener noch in Zweifel sein, wohin das Wägelchen unseres Burschen rollte? Er fuhr dem Dorf zu, in welchem Christine sich befand. Er konnte es, er durfte es -- er mußte es; und das hoff' ich jedem klar zu machen, wenn ich erzähle, was sich unterdessen begeben hatte.

Die Art, wie Christine bei dem Holzbauern ihre Pflicht erfüllte, zusammengehalten mit ihren ungewöhnlichen früheren Erlebnissen, hatte die Aufmerksamkeit des ganzen Dorfs *** auf sie gelenkt. Das Mädchen hatte die Zweifler und Spötter, die sich auch dort aufgethan, beschämt; ihr ausdauernder Fleiß in dem beschwerlichen Dienst hatte ihr nicht Geringschätzung, wie die Mutter gefürchtet, sondern Achtung, bei Einzelnen sogar Bewunderung erworben. -- Mit der Zeit wird jeder Tugend ihr Recht auch in dieser ungerechten Welt. Die Anfeindung stumpft sich ab, das Geklatsche wird langweilig und vergeht, die Anerkennung tritt an seine Stelle und besteht.

Bei Christine kam noch etwas anderes hinzu, was ihr eine besondere Bedeutung gab. Ihr Aussehen hatte sich nicht so geändert, daß man sie nicht mehr für ein ungewöhnlich hübsches Mädchen hätte müssen gelten lassen. Die frühere Fülle allerdings war nicht wiedergekehrt; aber die verhältnißmäßige Schlankheit, mit der sie aus der Stadt heimgekommen war, hatte in Folge der ländlichen Arbeiten einen gesunden Charakter erhalten. Ihre Gesichtsfarbe war keineswegs gelb, wie die Hubel auch für die erste Zeit übertreibend berichtete, sondern der ihr eigene bräunliche Ton war nur kräftiger geworden, hatte dann aber auch wieder einen Hauch frischen Roths erhalten. Sie war noch immer die »schöne Christine,« die ehemalige Lehrersbraut und jetzige Bauernmagd; aber sie war mehr als das. Ihr Gesicht hatte einen eigenen höheren Charakter erhalten -- den Charakter, der das natürliche Erzeugniß innern Lebens und einer Kraft ist, wie sie die Geprüfte besaß und bewies. Eine tiefe Leidenschaft, die man aus Stolz zu verheimlichen entschlossen ist; den Willen, eine Handlungsweise, die man als unrecht erkannt hat, zu büßen und sich in die Folgen seiner Schuld unbedingt zu ergeben; den Willen, seine Pflicht zu thun, wie schwer sie einem auch gemacht werde, und seine Ehre darein zu setzen, gerade da auszuhalten, wo andere nicht die Stärke dazu fänden -- dergleichen kann man unmöglich in Kopf und Herzen tragen, ohne daß der Abglanz davon auf dem Gesicht bemerklich würde. Ob sie nun im Haus, auf dem Felde thätig war, oder ob sie in der Kirche den Worten des Geistlichen horchte, die Magd Christine hatte etwas in ihrem Wesen, dessen sich kein anderes Mädchen im Dorf rühmen konnte. Die Töchter der wohlhabenden Bauern konnten den Kopf hoch halten und an Festtagen in ihrem besten Staat und ihrer Stellung sich bewußt mit fein geschlossenem Mäulchen anmuthig über die Gasse sich schwenken, so fein und so vornehm sah doch keine von ihnen aus, wie unsere dienende Heldin, und aus keinem Auge blickte so viel Seele, als aus den uns bekannten graublauen, die mit dem Gehalt (wenn dieses Wort hier gestattet ist) auch an Umfang zugenommen zu haben schienen.

Unter denen, die das Mädchen und ihr Verhalten zu taxiren wußten, stand eine Familie obenan, und zwar eine Bauernfamilie. Der Vater war ein Landmann der besten Art -- einer von denen, die ihren Stand hoch halten, aber noch höher die Tugenden, die den ächten und rechten Bauer machen. Er führte mit Weib und Kindern einen musterhaft geregelten Haushalt, und die Folge war, daß er, der mit Schulden begonnen hatte, jetzt unter die Wohlhabendsten des Orts zählte. Der Kinder waren nur zwei, ein Sohn und eine Tochter, jener siebenundzwanzig, diese neunzehn Jahr alt, beide noch unverheirathet. Der Sohn, ein Abbild seines Vaters und nur etwas weniger lustig, als der Alte im ledigen Stand gewesen, befand sich wohl unter dem Regiment der Eltern, und darum und weil er einigermaßen scheu war und wählerisch, hatte er noch keine Frau gefunden und noch nicht den ihm gebührenden und bestimmten Hof erhalten. Die Tochter, ein angenehmes, gutes Geschöpf, trug schon ein Bild in ihrem Herzen, d. h. ein Mannsbild. Ein Bauernbursche, der alle Qualitäten besaß, die sie und ihre Eltern nur verlangen konnten, war ihr gewogen, und ihre Hochzeit stand in Aussicht, sobald der Vater des Liebhabers sich entschloß, den Hof zu übergeben.

Diese Familie war es, die unsere Christine von allen zuerst mit günstigen Augen betrachtete. Der Alte, der an ihr die guten Eigenschaften wahrnahm, die er von einem rechten »Bauernweibsbild« verlangte, rühmte sie, und Mutter, Kinder und Ehehalten stimmten mit ein. Was man von ihrem Schicksal erfuhr, konnte dem Mädchen bei wohlwollenden Beurtheilern nicht schaden. Hatte sie schon als halbe Mamsell in der Stadt gelebt, so war es um so verdienstlicher, daß sie eine so brave Magd wurde, und die Gerüchte, welche zuerst über sie umliefen, wurden durch ihren streng ehrbaren Lebenswandel vollkommen widerlegt. Sie war noch nicht sechs Wochen im Dienst, als der Alte schon zu seinem Weib sagte: »Wenn das Mädchen eine Bauerntochter wäre, eine bessere für unsern Sohn könnten wir nicht bekommen.« -- Nach und nach erfuhr man, was die Glauning der einzigen Tochter immer noch mitgeben konnte, und wenn es auch nur den vierten Theil dessen betrug, was der Alte gab, so verfehlte es doch nicht, das Haupt der Magd in seinen Augen mit einem gewissen Schein zu umgeben. Endlich kam es dahin, daß der wackere Mann sich fragte: »Muß es denn gerad' eine Bauerntochter sein? Und wenn sie weniger hat als mein Sohn, ist ihr Fleiß, ihre Geschicklichkeit und ihre Tugend nicht mehr werth als Geld und Gut?« Weib und Tochter, denen er seine Gedanken mittheilte, traten ihm lebhaft bei. Gutmüthig, wie sie waren, hatten sie das Mädchen in's Herz geschlossen, und die Tochter namentlich interessirte sich für den Heirathsplan mit dem ganzen Eifer einer liebesglücklichen Jungfrau. Sie sprach mit dem Bruder und brachte aus ihm heraus, daß er ganz im Stillen selber schon ein Auge auf Christine geworfen! -- Allgemein war die Zufriedenheit über diese Entdeckung; nach der Ernte hielt man nochmal einen Familienrath und das Projekt gedieh zum festen Beschluß.

Das Mittel der Liebeswerbung konnte unter den gegenwärtigen Umständen allerdings nicht in Anwendung kommen. Wäre unser Freier auch der Mann gewesen, ein Mädchen durch Schmeichelreden zu gewinnen, so hätte er von dieser Fähigkeit gegenüber einer Magd beim Holzbauern doch keinen Gebrauch machen können. Aus allen Gründen mußte man den bewährten alten, auch jetzt noch immer praktischen Weg der Unterhandlung durch eine dritte Person gehen, und wandte sich an Base Hubel.

Hilf Himmel, welch einen Eindruck machte die Eröffnung auf die nicht sehr bemittelte Söldnerin! Ihr Bäschen eine Bäuerin -- und was für eine! Sie selber zur Freundschaft einer der ersten Familien im Ries gehörig! Und sie hatte das in der Hand! sie sollte das machen -- sie wurde darum gebeten! Das Entzücken der guten Frau war so groß, daß sie für den ersten Augenblick sprachlos dastand, weil sie ganz eigentlich den Mund nicht mehr zusammenbringen konnte, um Worte zu bilden, so daß Mutter und Tochter, welche die Eröffnung gemacht hatten, sich Mühe geben mußten, das Lachen, das sie ankam, zu einem Lächeln zu mildern. -- Natürlich versprach die Gebetene, als sie endlich sprechen konnte, Alles. Die Sache war schon gemacht -- sie brachte das Jawort der Christine heut Abend noch. Gott, welche Ehre war es für diese und welche Freude! Welche Ehre und welche Freude für die Base Glauning und für sie alle miteinander!

Mit brennendem Kopfe lief sie zu dem glücklichen Mädchen. Es war an einem Feiertag nach der Betstunde, und Christine konnte ihrer Einladung zu einer wichtigem Unterredung in ihrem Hause ungehindert folgen. Als sie allein waren, bedachte die Erfahrene, daß das Mädchen vielleicht vor Freude in Ohnmacht fallen könnte, wenn sie ohne weiteres ihren Auftrag ausrichtete; sie begann daher mit Reden, welche sie auf das beispiellose Glück, das ihrer wartete, vorbereiten sollten. Christine, ungeduldig, fragte, was es denn wäre. Die Unterhändlerin machte ihre Eröffnung triumphirend und in der sichern Erwartung, die Glückliche würde, außer sich, ihr um den Hals fallen, mit Freudenthränen »ja, ja« rufen und des Dankes kein Ende finden. Welch ein Erstaunen, ja welch ein Schrecken, als Christine nach vorübergehendem, leichtem Rothwerden ernst und ruhig erwiederte: »Die Leute sind gut gegen mich und thun mir eine große Ehr' an. Ich dank' ihnen auch von Herzen dafür, aber ich kann's nicht annehmen, Base.« -- Die Hubel sah starr auf sie, wie auf eine plötzlich toll Gewordene. »Du willst's nicht annehmen?« rief sie endlich. -- »Ich kann nicht,« war die Antwort. -- »Bist du rasend, Mädchen?« -- »Nein, ich bin bei gutem Verstand. Geht zu den Leuten und dankt ihnen in meinem Namen recht schön, und sagt ihnen, ich kann nicht heirathen -- weil ich überhaupt nicht heirathen will!«

Zu dem Erstaunen der Base gesellte sich jetzt die Entrüstung, der Geist und die Autorität einer Mutter fuhr in sie, und sie stellte dem Mädchen vor, welch unsinnigen Streich sie mache, wenn sie eine der ersten Bäuerinnen im ganzen Ries werden könne und nicht wolle. »Hast du etwas gegen die Leute? Hast du etwas gegen den Menschen? Ist er nicht brav und geschickt und häuslich und ein sauberer Bursch obendrein?« -- Christine mußte das zugeben. -- »Und du willst nicht? Du willst so ein Glück versäumen, mit Füßen von dir stoßen? Warum? weßwegen?« -- Das Mädchen, bewegt, geängstigt, rief: »Um Gotteswillen, Base, fragt mich nicht! -- es geht nicht!«

In dem Kopf der Hubel blitzte ein Gedanke. »Wär's möglich,« begann sie, »hättest du einen andern im Kopf? Denkst du vielleicht« -- (die Wangen des Mädchens begannen sich zu färben) -- »kannst du deinen Schulmeister nicht vergessen?« Die Farbe verging wieder auf dem Gesicht der Gefragten und ihre Lippe verzog sich geringschätzig. Da ging der Base ein Licht auf wie eine Fackel; sie rief bestimmt: »Du hast den Hans im Kopf!« -- Eine glühende Röthe überströmte das Gesicht der Armen, sie zitterte -- Thränen stürzten ihr in die Augen. -- »Der ist's also! der Vetter! Himmel, was ist das!« -- »Ja,« rief das Mädchen, die jetzt wirklich außer sich gebracht war, »der ist's! der beste Mensch, der bravste Mensch, und mir der liebste auf der Welt! Ich hab' schändlich gehandelt gegen ihn, er haßt mich, er verachtet mich, und er hat Recht, und ich will's nicht anders haben. Aber nun wißt Ihr, warum ich auf Euch nicht hören kann! Ihn krieg' ich nicht und verdien' ich nicht, einen andern will ich nicht und mag ich nicht, und darum heirath' ich nicht und will als Bauernmagd leben und sterben!«

Die Frau, von der Leidenschaft des Mädchens überwältigt, verstummte. Sie kannte den Wunsch der Glauning, ihre Tochter an Hans verheirathet zu sehen; sie wußte, daß er der Mann war, ein Weib glücklich zu machen; aber wenn er sie nicht mehr wollte, war's nicht ganz widersinnig, wegen seiner ein ganzes Lebensglück aufzuopfern? Sie mußte doch noch ein Wort reden, die erfahrene Mittelsmännin, und sie sagte daher, mit größerer Ruhe zwar, aber mit Nachdruck: »Mädchen, Mädchen, bedenke, was du thust! Ein solcher Antrag wird dir nicht wieder gemacht! Und wenn du ihn ausschlägst um eines Menschen willen, der nichts mehr nach dir fragt -- aus Eigensinn, aus Tollheit -- es wird dich reuen, all dein Lebtag wird's dich reuen.« -- Aber hierauf erwiederte Christine bestimmt und entschlossen: »Base, ich hab' Euch gesagt, wie ich denke, und nun ist's genug. Streiten will ich nicht mit Euch. Redet also nichts mehr, es hilft Euch nichts, jedes Wort ist umsonst.« -- »Gut,« versetzte die Hubel, »dann hab' ich wenigstens meine Schuldigkeit gethan und kann dich deinem Schicksal überlassen. Ich hätt' nicht geglaubt, daß ich von einem Mädchen, wie du bist, mit so einer Antwort zu solchen Leuten gehen müßt'. Aber sie warten darauf, ich hab' ihnen versprochen, die Antwort heute noch zu bringen, und ich will hingehen und sagen, daß du nicht willst und warum du nicht willst.«

Christine stand erschreckt. Das Geheimniß, das sie bewahren wollte vor jedermann, war ihr entrissen, und jetzt erst merkte sie's. Scham und Angst bemächtigten sich ihrer und im dringendsten Tone rief sie: »Nein, das dürft Ihr nicht! Sagt, daß ich überhaupt nicht heirathen will, daß ich mich für solche Leute nicht gut genug achte, sagt was Ihr wollt, nur sagt nichts vom Hans! Es könnte herum kommen -- er könnt's erfahren, und (setzte sie heftig hinzu) er soll's nicht erfahren! Ich geh' nicht von Euch, Base, bis Ihr mir's versprecht! Gebt mir die Hand darauf, ich bitt' Euch, ich beschwör' Euch!« -- »Gott,« entgegnete die Frau, »ist das ein Kreuz mit dem Mädchen! Nun gut, ich versprech' dir's.« -- »Ich dank' Euch, Base,« rief das Mädchen herzlich und gerührt; »ich dank' Euch für all Eure Güte und Freundschaft! Sagt den braven Leuten alles Schöne und Gute in meinem Namen; sagt, ich wolle gar nicht heirathen, und sie würden sehen, daß ich auch keinen andern nehme. Sagt ihnen, ich würde keine Seele etwas merken lassen von ihrem Antrag, und sie sollten sich jetzt eine bessere aussuchen, als ich bin, denn mit mir wäre ihr Sohn doch niemals glücklich geworden.« Sie faßte die Frau bei der Hand und sah ihr in's Gesicht. Ihre Augen waren feucht geworden und füllten sich mit Thränen. Wehmüthig lächelnd, in liebevollem Ton sagte sie: »Ihr seid brav -- ich kann mich auf Euch verlassen!« Und ihr die braune Wange streichelnd setzte sie hinzu: »So, nun geht und macht Eure Sache gut!« -- Sie schüttelte ihr die Hand und verließ die Stube, nachdem sie ihr nochmal einen bittenden Blick zugeworfen hatte.

Die Base Hubel gehörte indeß nicht zu jenen Personen, die, wenn sie ein Versprechen gegeben haben, nun auch glauben, es unter allen Umständen halten zu müssen. Im Gegentheil, sie hatte eine heroische Ader in sich, und wenn sie gutmüthig genug war, auf eine dringende Bitte ja zu sagen, so besaß sie doch auch den Muth, sich »nach Gestalt der Sach« von der übernommenen Verpflichtung selber zu dispensiren und ihr Wort zu brechen. Als sie allein war, rief sie daher: »Du einfältiges Mädchen! Nichts sagen vom Hans? Das ist ja das Einzige, was in deine Antwort ein bischen Sinn bringt und Verstand, so daß ich nicht ganz in Schand' und Spott dastehen muß vor diesen Leuten, und du mit mir! Augenblicklich sollen sie's erfahren!« -- Um vieles langsamer dennoch, als sie es verlassen hatte, ging sie in das Haus des Bauern zurück, traf die Eltern und die Tochter und erzählte alles, indem sie nicht versäumte, über den Wahnsinn des Mädchens entrüstet ihr Verdammungsurtheil auszusprechen. Die wackern Leute bedauerten die Antwort von Herzen; aber -- offen zu reden -- ihre Betrübniß wäre doch größer gewesen, wenn der Korb von einer in jeder Hinsicht Ebenbürtigen ertheilt worden wäre. Sie hatten doch daran denken müssen, welches Aufsehen die Verheirathung ihres Sohnes mit der Magd des Holzbauern machen würde, und der Umstand, daß nun dieses Aufsehen mit all seinen Unbequemlichkeiten wegfiel, erleichterte ihnen die Tröstung ihrer Seelen bedeutend.

Der alte Bauer klärte sich endlich auf und sagte zu der Hubel: »Nun habt Ihr Euer Geschäft aber erst halb gemacht.« -- Die ihrer vornehmen Freundschaft beraubte und darum niedergeschlagene Söldnerin sah ihn fragend an. -- »Die Hauptsach' ist jetzt, daß Ihr die Christine und ihren Vetter zusammenbringt.« -- »Aber wie soll ich das anfangen?« rief das Weib. Der Bauer fuhr fort: »Hat nicht der Hans sein Bäschen für sein Leben gern gesehen?« -- »Ja wohl,« erwiederte sie; »aber jetzt will er durchaus nichts mehr von ihr wissen.« -- »Ganz natürlich! -- weil sie ihn aufgegeben hat und er glauben muß, sie halte nichts von ihm und habe keine Zuneigung zu ihm. Geht aber jetzt nur hinunter und erzählt ihm, was die Christine gesagt hat und was geschehen ist, und dann seht zu, ob er noch immer nichts von ihr wissen will. Ich bin der Meinung (setzte er lächelnd hinzu), daß ihr noch immer Euern Kuppelpelz verdienen könnt.« -- Das Gesicht des Weibes erhellte sich bei diesen Worten. »Ihr könnt wahrhaftig Recht haben! -- Aber darf ich denn auch alles sagen?« -- »Alles,« versetzte der Bauer, »mit der Bedingung, daß es unter der Familie bleibt.« -- »O, das versprech' ich mit Freuden! Kein Mensch weiter soll etwas davon erfahren!« -- Beim Abschied reichte die Bäuerin der Guten die Hand und sagte: »Habt Dank für die Mühe, die Ihr Euch unsretwegen gemacht habt. Wenn auch nichts draus geworden ist, so bleiben wir doch gute Freunde.« -- »O,« rief die Hubel, »das ist eine große Ehre für mich! -- Und wer weiß, vielleicht kann ich Euch doch noch einmal auf eine andere Art dienen!«

»Was für gute Leute das sind!« rief sie mit einem Seufzer, als sie ihrem Hause zuging; »'s ist doch Jammerschade!« -- Etwas indeß war ihr geblieben. Sie faßte nun das neue Geschäft in's Auge und ihre Seele erheiterte sich wieder. »Wenn das geräth, wenn die Zwei zusammen kommen und glücklich sind, dann bin's eben doch ich, die's gemacht hat und der sie danken müssen für ihr Glück, so lang sie leben.«

Am nächsten Sonntag trat sie die Wanderung bei Zeiten an, um den Vetter sicher zu treffen, und erzählte ihm, während die Glauning den Kaffee machte, Alles und Jedes. Hans konnte nicht zweifeln; die Base beschwor ihre Aussagen bei allem, was heilig ist, und gab ihm in jeder Hinsicht die beruhigendsten Versicherungen. -- Und nun erstand die entschlafene Liebe plötzlich, wie wenn ihr ein neues schöpferisches Werde zugerufen worden wäre. Der Deckel des Schreins, in dem sie verborgen lag, flog auf und sie glühte hervor und durchloderte und durchleuchtete ihn mit wonnevoller Glut. -- Nun war's also doch geschehen, woran er nicht mehr glauben, worauf er nicht mehr hoffen konnte. Das Mädchen, das ihm lieber war als Alles, war sein! Sie war zur Erkenntniß gekommen, sie verstand ihn -- sie liebte ihn -- ihn allein und über alles! -- O, nun war es besser als vorher -- tausendmal besser! Er mußte ihr nicht nur vergeben -- nein, Gott danken mußte er für den Weg, den sie geführt worden -- Gott danken für ihr Leid und ihre Erkenntniß, und sie lieben und ehren und ihr Leben versüßen und sie glücklich machen -- glücklicher, wenn's möglich wäre, als er selbst wurde! -- Die Empfindungen des Glücks und des Dankes strömten durch sein Herz und erschütterten ihn so gewaltig, daß ihm Thränen in die Augen traten und die gute Verwandte in gerührter Theilnahme sich freute, daß ihr dieses zweite Werk gelungen war, und nicht das erste. Eine innere Stimme rief dem Glücklichen zu, vor der Mutter die Kunde noch geheim zu halten; er gebot der Hubel auf's strengste, seiner Base nichts zu sagen und sie auch nichts merken zu lassen, und eben so der Christine alles geheim zu halten. Die Hubel versprach beides. Sie kam der Mutter gegenüber der Forderung auch sogleich nach; der Liebende selbst aber vermochte es nicht, und die Glauning hätte das Geheimniß errathen müssen, wenn ihre Gedanken nicht schon vorher auf falscher Fährte gewesen wären.

Das war es, was unsern Freund bewog, heute dem Dorfe zuzufahren, in welchem Christine lebte. -- Und nun kein Wort mehr zur Erklärung seines Handelns.