Erzählungen aus dem Ries

Part 24

Chapter 243,833 wordsPublic domain

Das Gesetz der Schwere, wie man weiß, gilt in der geistigen Sphäre so gut wie in der materiellen. Die Schwäche gravitirt nach der Stärke; wer außer sich ist, strebt zu dem Festen und Gefaßten hin und klammert sich an ihn an, und zwar zunächst ganz instinktmäßig, ohne alle Reflexion und trotz aller Anprallungserfahrungen, die man gemacht hat. -- Diesem Instinkt zufolge suchte die Glauning den Vetter auf; sie traf ihn im »Emmenstand« und erzählte ihm die Geschichte. Der Bursche horchte mit großem Ernst und die Mutter, die hierin Uebereinstimmung mit ihren Gedanken erblickte, schloß mit den Worten: »Nun wirst du mir doch Recht geben, wenn ich's nicht mehr leide, daß sie noch länger bei dem Menschen dient? Gleich morgen in der Früh' geh ich hin und nehm' sie mit nach Haus.« -- Hans, nach kurzem Schweigen, versetzte: »Wenn sie nun aber nicht mitgeht?« -- »Nicht mitgehen?« rief die Mutter. »Das will ich doch sehen, ob ich über mein Kind keine Gewalt mehr hab'. Sie ~muß~ mit!« -- »Base,« fuhr Hans fort, »übereilt Euch nicht und macht überhaupt die Sache nicht ärger als sie ist. Wenn man Heu hereinbringen will und durch den Fehler eines Dienstboten wird's verregnet, so ist das für einen Bauern eine sehr ärgerliche Sach'. Der Christine hat was gehört, und wenn der Bosch es ihr nicht geschenkt hat, so ist das begreiflich.« -- »Aber so rasend, so abscheulich thun« -- -- »Das will ich gar nicht loben,« versetzte Hans. »Aber kennt man den Holzbauern denn nicht? Wenn der zornig wird, ist's grad, wie wenn ein Wetter ausbricht. 'S geht nicht anders, es muß raus aus ihm, er kann sich nicht anders helfen, und darum kann man's ihm auch nicht so übel nehmen wie andern Leuten. Das wird sich die Christine wohl auch gedacht haben und drum ist sie geblieben.« -- »In einem Haus, wo man einen so schandbar behandelt hat,« erwiederte die Glauning mit dem Ausdruck der Entrüstung und Geringschätzung, »da bleibt man nicht mehr, wenn man ein ordentliches Mädchen ist. Und die da, die zu mir gesagt hat, daß man vor allem seinen Charakter und seine Ehr' behaupten müss' in der Welt -- die will sich so was gefallen lassen!« -- »Sie wird eben unter Charakter und Ehr' etwas anderes verstehen, als Ihr, Base.« -- »Meinetwegen!« rief die Mutter, erzürnt darüber, den Burschen gegen ihr Vermuthen auch diesmal im Widerspruch mit sich zu finden. »Ich leid's einmal nicht, daß sie noch dort bleibt. Und ich geh hin und hol' sie und mit Gewalt nehm' ich sie mit mir!« -- »Ihr kennt Eure eigene Tochter nicht,« rief Hans mit Nachdruck. »Ich sag' Euch, sie geht nicht mit Euch!« -- »Das wird sich zeigen, -- ich thu's nicht anders und setz' alles in Bewegung.« -- »Dann, Frau Base,« rief Hans mit strengem Gesicht, »dann macht Ihr einen thörichten Streich und kommt doch nicht zu Eurem Zweck. Die Christine, das könnt Ihr nun wohl sehen, hat sich was in den Kopf gesetzt und läßt sich nicht davon abbringen; und ich für meine Person, ich denk', ich kann's errathen. -- Bah,« fuhr er mit einem eigenen Lächeln fort, »an einem Schimpfwort stirbt man nicht -- namentlich wenn man nicht ohne Schuld ist, und je mehr man aushalten lernt, desto besser ist's.« -- »Aushalten!« rief die Glauning; »Schande soll niemand aushalten.« Aber nun wurde Hans aufgebracht. »Base,« rief er, »ich will Euch meine Meinung rund heraus sagen. Ihr seid eine eitle Mutter und wollt nichts als Ehr' haben und flattirt sein und prangen mit Eurer Tochter. Euer Prangen ist Euch aber schlecht bekommen bis jetzt. Wer weiß, wer weiß, ob nicht Euch so gut als Eurer Tochter die Schande gesünder ist.«

Die Alte war von diesen Worten getroffen -- und entwaffnet. Sie ging niedergebeugt ins Haus zurück und sagte zu sich selber: »Der ist nun auch ein Satan geworden. -- O ich unglückliche Mutter!« -- Als die neue Base Abschied nahm, erhielt sie keinen andern Auftrag, als der Christine zu sagen, sie solle doch ja heimkommen oder in einen andern Dienst gehen und nicht mehr bei dem Menschen bleiben; es wär' ja ein Schimpf und eine Schande für die ganze Freundschaft.

Die Mahnung hatte aber denselben Erfolg wie die erste. Christine blieb und ließ bei Gelegenheit herunter sagen, es sei Alles wieder in Ordnung und Alles vergessen.

Mit der Satanschaft, welche die Glauning dem Vetter beilegte, war es freilich nicht weit her. Ich glaube, daß es an der Zeit ist, die Leser nun ein wenig mehr in das Herz des Burschen blicken zu lassen, damit sie das Verhalten desselben vollständiger begreifen und würdigen können.

Hatte die Natur den Hans nicht zu einem Satan bestimmt, so war er doch eben so wenig zu einem sogenannten »guten Menschen« geschaffen, d. h. zu einem, der aus Schwäche gegen andere und ihre Prätensionen die Pflichten verletzt, die er gegen sich selber hat. Unser Freund sollte werden, was man auf dem Land einen rechten Mann -- einen Ehrenmann nennt. Zu einem solchen gehört die Güte und die Großmuth, die in seinem Wesen lag, als nothwendiges Element, aber eine Güte und eine Großmuth, die weiß, was sie will, und sich nicht beikommen läßt, mit ihren Vorzügen den eiteln Trieben der Welt zu dienen. Die Lehre, die ihm das Schicksal gegeben, war nicht fruchtlos geblieben; er hatte etwas profitirt von seinem Leid und sich ein Benehmen vorgezeichnet, das er streng einhalten wollte. Er hatte sich vorgenommen, sich selbst höher zu achten, nicht zu thun, was andere, sondern was er selber für gut ansah, und den größten Schatz, den er besaß, nimmermehr an ein Wesen zu verschleudern, das seiner nicht werth war.

Als die Glauning ihm den Brief mittheilte, worin Christine das Auseinanderkommen mit Forstner meldete, war er zuerst hoch überrascht; denn auch er hatte an einen solchen Ausgang nicht mehr gedacht. Das Benehmen und die Ausdrücke des Mädchens gefielen ihm; er freute sich, daß sie den Menschen, dem er freilich nie recht getraut, nach Verdienst behandelt habe; er freute sich an ihrem Stolz und daß sie sich achtungswerther zeigte, als er von ihr erwartet. Zugleich hatte er aber ein Gefühl der Genugthuung, und er unterdrückte es nicht. Sie war gestraft -- er gerechtfertigt. Sie hatte erfahren, wie viel mehr ein braves Herz werth ist, als ein glattes Gesicht, und das war ihr gut und heilsam. Sie hatte das Schicksal, das sie gewollt -- sie mußte es hinnehmen.

Die Rückkehr des Mädchens änderte seine Empfindung in etwas, aber nicht in der Hauptsache. Ihr Aussehen, die Folge der erduldeten Krankheit, regte sein Mitleid an; er fühlte, wie es ihr zu Muthe sein mußte, und bedauerte sie von Herzen. Indem er überlegte, wie er sich gegen sie benehmen sollte, hielt er es in jeder Hinsicht für das Beste, sie mit Fragen ganz zu verschonen und zu thun, als ob nichts vorgefallen wäre. In seinem Herzen mußte freilich auch er sich fragen: was soll aus ihr werden? was soll am Ende aus uns allen werden? Er fühlte das Bedenkliche und Aengstliche des gegenwärtigen Zusammenlebens und dachte darüber nach, wie es allenfalls geändert werden könnte. Aber die Auskunft, die andern eingefallen war und die in jenem Bauernhause den Streit zwischen Knecht und Tochter hervorgerufen hatte, stellte sich nicht einmal als Möglichkeit vor seine Seele. Ein Mädchen aus Mitleid zu heirathen und gar die Untreue zu belohnen mit dem Besten, was er hatte, das war nicht die Sache unseres Burschen. -- Er konnte vergeben und vergessen, er konnte Freund und Vetter sein, er konnte Hülfe leisten und Wohlthaten erzeigen; aber Christine zum Weib zu nehmen, wär' ihm jetzt nicht eingefallen, auch wenn er sie noch geliebt hätte. Er verlangte von der Seinen, daß sie ihm in Lieb' und Treue anhänglich sei und ihn zu schätzen wisse nach Verdienst. Und wenn er auch aus der Noth eine Tugend machte, wenn er eine nahm, die er selber nicht liebte, wie er Christine geliebt hatte, dann mußte es doch eine sein, die ihn gern und an ihm ihre Freude hatte und die ihn höher achtete, als jeden andern in der Welt.

Daß ihn bei dieser Gesinnung die Erzählung der Mutter von ihrem Streit mit der Tochter, d. h. die Ansicht und die Hoffnung der Alten selbst, wie verzuckert sie ihm präsentirt wurde, empören mußte, leuchtet ein. Er empfand eine solche Wuth in seinem Herzen, noch einmal für den Gutgenug gehalten zu werden, daß er ein ungewöhnliches Zucken in seiner Rechten verspürte und die größte Anstrengung nöthig hatte, gegen die »dumm unverschämte Zumuthung« nicht loszuplatzen. Dagegen was ihm von den Reden der Christine mitgetheilt wurde, gefiel ihm und er freute sich ihrer »Einsicht.«

Seinen ganzen Beifall hatte der Entschluß des Mädchens, als Magd zu dienen. Die Fragen, die ihn belästigten, fanden damit ihre Erledigung und das gegenwärtige bängliche Beisammensein ein Ende. Er mußte sich sagen, daß in Christine doch ein Geist wohne, der nach mehr aussehe, als er ihr bisher zugetraut hatte. Es war ihm recht, daß sie gerade zum Holzbauern kam, und er rechnete es ihr als Tugend an, daß sie ihn nicht scheute. »Bei dem,« sagte er zu sich selber, »ist sie am rechten Platz, um das Frauenzimmer ganz wegzucuriren und wieder etwas nutz zu werden für das Dorf.«

Die Berichte, die nach einander von den zwei Basen gemacht wurden, konnten seine Achtung vor ihr nur erhöhen und seinen innerlichen Beifall nur verstärken. Er überzeugte sich, daß Christine einen Zweck habe, so zu handeln, und er glaubte ihn zu kennen. Da es nun gerade nicht nöthig ist, Philosoph oder Theolog zu sein, um zu wissen, daß eine unter gewissen Umständen, mit Fleiß und aus guten Gründen erduldete Beschimpfung keine Schande, sondern vielmehr Ehre bringt; da es zu dieser Einsicht genügt, nur kein Geck zu sein und das Herz auf dem rechten Fleck zu haben, so konnte Hans auch bei der zweiten Meldung nicht mit der Entrüstung und dem Lamento seiner Base harmoniren. Nachdem er dieser seine Meinung gesagt und in der Einsamkeit das Vernommene wieder überdacht hatte, rief er im Gegentheil zufrieden für sich hin: »Bravo!«

Man würde unsern Freund mißverstehen und ihm Unrecht thun, wenn man glauben wollte, die Achtung, die er empfand, sei der Art gewesen, daß sie in natürlicher Steigerung zum Wiederaufleben seiner Liebe führen mußte und nicht mehr weit davon entfernt war. Er fühlte Respekt vor dem Respektabeln, er freute sich an dem Erfreulichen -- nichts weiter. Alte Liebe rostet nicht, sagt das Sprüchwort; aber gerade bei den liebefähigsten Menschen kann sie unter Umständen doch etwas rostig werden. Die liebefähigsten sind nämlich in der Regel auch die liebeklarsten und fühlen und wissen, daß an der Geliebten eben ihre Liebe die höchste und schönste, d. h. die liebenswürdigste Eigenschaft ist. Wenn diese ihre Liebe nun dahinschwindet oder als bloßer Schein erkannt wird, dann schwindet für einen solchen Menschen eben das Höchste, das Licht und Leben der Schönheit hinweg, und die Flamme, die von der Anschauung dieses Höchsten genährt war, muß zu Boden sinken.

Unser Bauernbursche hatte treu geliebt in Hoffnung, wenn auch anfangs mit schüchterner Hoffnung; er hatte verziehen und wieder geliebt, als er in der Geliebten Reue und Liebe zu sehen glaubte; er hatte das Leid der unglücklichen Liebe im Grund seines Herzens durchgelebt und überwunden. Damit war's aber auch zu Ende.

In seiner jetzigen Gesinnung und in der Freude, daß eine Jugendfreundin, eine Verwandte von ihm sich so über Erwarten hielt, hätte er übrigens der Christine gern seinen Beifall kundgegeben und sie dadurch in ihrer Handlungsweise bestärkt; aber das ging unter den bestehenden Verhältnissen nicht an. Da bot ihm der Zufall unverhofft eine Gelegenheit, für sie doch gewissermaßen etwas zu thun und zugleich, einem alten Grolle genügend, sein Müthchen zu kühlen.

Eines Sonntags nach Tisch begab er sich nach Oettingen. Er hatte dort Einkäufe zu machen, ging hin und her und stärkte sich endlich durch ein Maß kühlen und kräftigen Sommerbiers. In rüstiger Stimmung und etwas unternehmungslustiger als vorher trat er aus der Wirthsstube auf die Straße. Kaum war er ein paar Schritte gegangen, als er von weitem eine Gestalt erblickte, die ihm bekannt war. Seine Augen täuschten ihn nicht, denn er hatte gute Augen -- es war der Mann, der ihm sein ganzes Leben verdorben -- der, welcher ihm das Liebste abwendig gemacht und es dann gekränkt und unwürdig behandelt hatte: es war der Lehrer Friedrich Forstner, der in Begleitung eines andern ihm entgegenkam. Als er ihn erkannte, so daß er nicht mehr zweifeln konnte, fuhr ein Zorn und ein Geist der Rache in ihn, der für den Menschen, der ihm sein Glück gestohlen, eine exemplarische Züchtigung verlangte. Allein er hatte Zeit zu überlegen; eine andere Stimme ließ sich in ihm hören und er sagte sich unmuthig und geringschätzig: »Ich kann's ihm nicht machen, wie er's verdient -- der Kerl blieb' mir in der Hand.« Das gute Glück hatte gleichwohl eine Art Genugthuung für ihn bereit. Forstner war mit seinem Begleiter -- seinem künftigen Schwager Dobler -- in eifrigem Gespräch; er erkannte den Hans nicht und sah nur im Allgemeinen, daß ein Bauernbursche auf ihn zukam. Von einem Gönner, den er besucht hatte, besonders freundlich behandelt, fühlte er sich noch etwas höher als gewöhnlich, und daß nun ein Bauernbursche, wenn er ihm begegnete, mit Respekt auf die Seite treten müsse, das verstand sich von selbst. Hans aber ging fest und gerade auf ihn zu; er wich, im Gefühl der Gleichheit, nur zur Hälfte aus, Forstner im Bewußtsein des Höherstehens gar nicht, und so stießen sie aneinander. Diesen Moment benutzte der Brave, um dem Zierlichen einen Ruck zu geben, daß er und sein Begleiter drei Schritte weit auf die Seite flogen und sich mit Mühe auf den Beinen hielten. Dobler raffte sich zuerst auf und rief zornig: »Was ist das für ein unverschämter« -- -- Aber Forstner hielt den Vordringenden bei der Hand zurück und rief ihm ein gedämpftes, warnendes »Ruhig« zu. -- Er hatte den Vetter erkannt, sein Gewissen hatte sich gerührt und seinen Muth beschwichtigt. -- Hans richtete seinen Kopf stolz empor und fragte: »Ist den Herren was gefällig?« Es mußte ihnen wohl nichts weiter gefällig sein, denn sie wichen der »brutalen Gewalt« und gingen ruhig weiter. Der Sieger schritt befriedigt und in männliche Gedanken verloren vorwärts. Plötzlich stieß er wiederum an und eine gewaltige Baßstimme rief: »Kreuzmillionen, was ist denn das?« Er sah auf, erkannte den stärksten Burschen seines Dorfs, lachte gutmüthig und sagte: »Nichts für ungut, Bruder, ich bin in Gedanken gewesen!« -- Der Stattliche, wieder begütigt, sagte mit Achselzucken: »Du bist aber »ebbes« in Gedanken! Will das gar kein End' nehmen?« -- Unser Freund hätte zur Erklärung gern sein kleines Abenteuer erzählt; er fühlte aber, daß es ihm nur unliebsame Bemerkungen zuziehen würde, und schwieg und sprach auf dem Heimweg mit dem Kameraden nur über Gegenstände des Feldbaus.

Die Zeit der Ernte kam heran und gab auch im Hause der Glauning vollauf zu thun. Es war sehr heiß diesen Sommer, man hatte viel auszustehen beim Schneiden und Sammeln; die Beschwerden der Mutter wurden aber dadurch noch vermehrt, daß sie sich die Leiden der Tochter vorstellte. »Gott,« rief sie einmal aus, als die Sonne gewaltig niederbrannte, »wie wird es meiner Christine gehen! Die schwindet mir ganz zusammen diesen Sommer und wird alt vor der Zeit!« -- Hans, dem sie diese Worte zu Gehör geredet, lächelte und schwieg. Die Alte fuhr fort: »Wie sie wieder heimgekommen ist von der Stadt, bin ich froh gewesen, daß ich ihre Bauernkleider und sonstige Ausstaffirung nicht verkauft gehabt hab', denn ich dacht' mir: wer weiß, was geschieht! Aber jetzt, wenn sie so zusammengeht, wie ich höre, kann sie die Sachen ja doch nicht brauchen, und es wär' gescheidter gewesen, ich hätt' sie weggegeben.« -- Hans zuckte die Achseln; dann sagte er: »Was der Sommer nimmt, das bringt die Winterszeit wieder. Wenn's kühl wird und die Arbeit nicht mehr so scharf geht, dann wird sie schon wieder runder werden, Eure Christine. Und dann wird auch gewiß bald ein Hochzeiter da sein. Wenn sie ein Jahr beim Holzbauern gedient hat, dann hat sie die Prob' gemacht, und dann werden Bursche, die ein sauberes und fleißiges Weib suchen, von allen Seiten kommen. Verliert den Muth nicht, Base! Solche Mädchen bleiben nicht übrig im Ries!« -- Ein tiefer Seufzer war die Antwort. Die Wittwe hatte ihre frühere Sicherheit ganz verloren; sie konnte nicht mehr glauben an ein Glück, und die Worte des Hans, die ihr wie Spott klangen, waren nicht geeignet ihren Geist aufzurichten.

Mühevoll -- denn auf die heißen Tage folgte noch Regenwetter -- und freudlos -- denn sie wußte nicht, für wen sie sich eigentlich so plagte -- ging die Erntezeit für die Glauning vorüber. Als die Feldfrüchte, auf die es hauptsächlich ankam, im Stadel gesichert waren, hatte sie doch wieder eine frohere Empfindung. Sie berechnete, daß sie vorwärts kam in diesem Jahr und von dem Ausfall des letzten etwas zu decken vermochte, und so etwas muß einer Person, die von Kindesbeinen an auf's »Hausen und Sparen« gerichtet wird und nur durch die Ehre zu außergewöhnlichen Ausgaben vermocht werden kann, immer wohl thun.

An einem Sonntag im September, nach dem Essen, saß die Gute mit Hans an dem abgedeckten Tisch. Sie hatten eben zusammen eine Geldzählung vorgenommen, die zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen war, und erfreuten sich daher einer Stimmung, in der sie eine gemüthliche Ansprache hielten. Die Wittwe hatte dem Vetter eben wieder bedeutendes Lob gezollt, als die Thüre aufging und mit den Worten: »Grüß euch Gott miteinander!« die Hubel in die Stube trat. Ihr Aussehen fiel dem Burschen im ersten Moment auf. Sie war nicht nur vergnügter als gewöhnlich, sondern zeigte auch eine eigenthümliche Feierlichkeit, wie eine Person, die sich bewußt ist, etwas in der Hand zu haben. Nach den ersten allgemeinen Fragen und Antworten rief die Glauning gastfreundlich: »Dasmal muß ich aber der Bas einen Kaffee machen -- ich thu's nicht anders!« -- Die Hubel versetzte: »Ich hab' nichts dagegen; denn ich hab' heut' früher gegessen als sonst, von wegen weil ich bald wieder zu Hause sein will, und mir ist's »wäger« (wahrlich) schon wieder »a bisle eitel« im Magen.« -- »Der Hans da,« bemerkte die Wittwe, »kann dir unterdessen was Neues verzählen, oder du ihm.« -- »Wie's kommt,« erwiederte die Hubel. »Gott sei Dank, jetzt sieht er doch wieder aus, daß man sich ein Wort mit ihm zu reden getraut!« -- »Ja,« sagte die Glauning, »ein wenig hat er sich gebessert,« und verließ die Stube.

Sie wollte was Rechtes machen, denn ihre verständige Ansicht war immer: entweder gar keinen Kaffee oder einen guten. Gebrannte Bohnen waren in einem Haus, wo das Kaffeetrinken zu den Ausnahmen gehörte, natürlich nicht vorräthig, und ihr war das lieb; frischgebrannte gaben ein besseres Getränk, und wenn sie ein wenig später fertig wurde, was schadete das?

Freilich dauerte es nun geraume Zeit, bis sie die blanken zinnernen »Kanden« (Kannen) füllen konnte. Als sie diese mit glücklicherweise vorhandenen Schneckennudeln in die Stube trug und auf den Tisch setzte, fiel ihr, die sich bei dem Auftreten der Base nichts Besonderes gedacht hatte, doch das Ansehen des Hans auf. Glänzend saß er da, ein freudiger und ein stolzer Blick ging aus seinen Augen, und noch dazu schien es, als ob er das Vergnügen, das er empfand, gar nicht alles heraus lassen wollte. -- Verwundert sah die Wittwe von dem einen zur andern und sagte dann: »Ihr müßt euch ja recht gut unterhalten haben. Seit langer Zeit hab' ich den Hans nicht so hellauf gesehen!« -- Dieser nahm sich zusammen und erwiederte: »Man spricht von allerhand. Und die Base da kommt unter die Leute und wird immer was Neues inne.« -- »Das ist wahr,« sagte die Hubel, »und »ebbania'« (etwanje, zuweilen) ist's recht gut, wenn man was erfährt, und manchem geschieht ein Gefallen damit, wenn man ihm zu rechter Zeit was sagt.«

Diese Reden und die beiden Gesichter dazu kamen der Glauning seltsam vor. Hatte die Hubel eine ausfindig gemacht, die den Hans wollte, eine schöne und eine reiche -- am Ende eine Bauerntochter? Darnach sah er wahrhaftig aus! Und einem Burschen mit seinem Geld und mit dem Lob, das er hatte, konnte auch gar wohl ein solches Glück anstehen. -- Ihr Herz war bei diesen Gedanken plötzlich schwer geworden; es kostete sie Mühe, die schickliche Freundlichkeit aufzubringen, mit welcher zum Trinken und Zulangen ermahnt werden mußte. -- Nach einer längeren Pause, die mit dem Genuß und Lob des Kaffees ausgefüllt wurde, begann die Wittwe: »Aber nun erzähl' mir doch noch etwas von meiner Christine. Ist sie immer noch so schmal?« -- »Stark ist sie nicht geworden,« erwiederte die Base, »aber sie ist gesund und wohlauf.« -- »Gott sei Dank!« versetzte die Mutter, »das ist doch das Best'. Und ist derweil nichts mehr vorgefallen mit dem Bauern?« -- »Nichts was der Rede werth wäre zu sagen. Du weißt ja, der ist eben, wie ihn unser Herrgott erschaffen hat, und wenn er bös ist, wird er auch wieder gut.« -- Die Mutter erwiederte: »Was hilft's, wenn man einem den Kopf herunter gerissen hat und will ihn dann wieder aufsetzen! -- Aber was sagt man denn bei euch im Dorf über sie?« -- »Nichts als Gutes, Base. Man sieht, wie sie schafft und aushält, und alle ordentlichen Leute schätzen sie und loben sie.« -- »Nun, das ist doch ein Trost,« erwiederte die Mutter. Und mit einem Selbstgefühl, das ihrem gedrückten Wesen eine Art Würde verlieh, setzte sie hinzu: »Ein braves Mädchen ist sie eben doch, die Christine. Und wer weiß, am End' gibt's auch für sie noch ein Glück in der Welt.« -- Nach kurzem Schweigen bemerkte sie: »Nun sag' ihr aber, sie soll mich endlich einmal besuchen, jetzt, wo die Hauptarbeit doch gethan ist.« -- Die Andere schüttelte den Kopf: »Darüber hat sie ihre eigenen Ansichten, Base, ich glaub' nicht, daß sie jetzt schon kommt. Besuch du lieber mich einmal, dann kannst du sie bei mir sehen.« -- »Ist das eine Welt jetzt!« rief die Wittwe. »Die Kinder folgen ihrem Kopf und die Alten sollen ihnen folgen! -- Nun, ich will sehen.«

Das Gespräch wandte sich andern Gegenständen zu, wobei auch Hans wieder mitreden konnte. Endlich erklärte die Hubel, es sei die höchste Zeit, sie müsse fort. Die Mutter gab ihr die Hand, dankte für den Besuch und trug ihr Grüße an ihre Tochter auf. »Habt auch von mir Dank,« fügte Hans hinzu, »und kommt gut heim.« Die Wittwe sah ihn mit einem Blick an, der wahre Gekränktheit verrieth. »Nun,« sagte sie, »läßt du die Christine nicht auch grüßen? Einen Gruß ist sie doch wohl noch werth, sollt' ich glauben!« -- »Meinethalb,« rief Hans, »grüßt sie auch von mir!«

Am Abend ging der Bursche in's Wirthshaus. Der mannhafte Schritt, mit dem er auftrat, das Glück, das aus seinem Gesicht leuchtete, konnten nicht unbemerkt bleiben. »Was Teufel ist denn mit dem Hans?« rief ein junger Mensch an einem Tisch zu seinen Zechgenossen; »der sieht ja aus, als ob er das große Loos gewonnen hätt'!« -- »Wird wohl endlich eine gefunden haben, die ihm ansteht,« warf ein anderer hin. »Kannst Recht haben,« versetzte jener Gewaltige, an den Hans in Oettingen in seinen Siegesgedanken angestoßen war. Und mit einer gewissen großartigen Geringschätzung setzte er hinzu: »'S ist doch merkwürdig, was der Mensch auf d'Weibsbilder gibt! So'n Kerl, und läßt sich von der einen traurig und von der andern wieder vergnügt machen! Bah! das könnt' mir einfallen!« -- Der erste bemerkte: »'S ist so ein Stiller, der Hans, die sind alle so.« -- Und der zweite sagte: »Am End' ist's ihm auch zu gönnen, wenn er eine kriegt nach seinem Sinn. Die Christine hat ihm doch Verdruß genug gemacht.«