Erzählungen aus dem Ries

Part 23

Chapter 233,844 wordsPublic domain

Die Alte schwieg, seufzte tief und verließ die Stube. In ihrer Herzensangst ging sie in den Stall und traf dort den Vetter, der eben vom Felde heimgekommen war. Sie sah ihn traurig an und schüttelte den Kopf. Hans fragte, was ihr wäre, und sie erwiederte: »Ich bin betrübt über meine Tochter. Nicht nur daß sie unglücklich heimgekommen ist -- sie ist auch bös heimgekommen. Wenn ich etwas sag' und ihr einen guten Rath geben will, fährt sie mich an wie rasend. Als ob ich eine Schlechtigkeit von ihr verlangte! Guter Gott, wer hätte das gedacht! Wer hätte geglaubt, daß ich noch so was erleben müßte!« Hans fragte, um was es sich denn eigentlich handle, und die Mutter, die ihr Herz erleichtern mußte, erzählte ihm den ganzen Auftritt mit Christine, indem sie nur in Bezug auf ihn die zu seiner Ehre nöthigen, schmeichelhaft klingenden Veränderungen anbrachte. Allein das fruchtete sehr wenig. Hans war bei ihrer Erzählung braunroth geworden und ein Blitz zuckte aus seinen Augen. Es kostete ihn Gewalt, den Zorn hinunterzudrücken, den er empfand; aber es gelang ihm und er entgegnete mit einer gewissen Ruhe: »Die Christine hat Recht gehabt. Mit uns beiden ist's aus. Je freundlicher sie gegen mich wäre, um so weniger möcht' ich sie, und Ihr würdet mich dann nicht lang mehr bei Euch sehen.« -- Die Mutter sah ihn tief betroffen an und rief: »Kann's denn wahr sein! ist wirklich alle Lieb' vergangen in dir?« -- »Alle,« erwiederte Hans mit Nachdruck. »Und ich muß Euch nur sagen, Base, auch mir wär's lieb, wenn Ihr davon nicht mehr reden wolltet.« -- »Ach,« rief die eben so von der Liebe des Hans wie von der Schönheit ihrer Tochter überzeugte Frau in ihrer Noth, »ich kann's nicht glauben, daß es dir ernst ist! Geh weiter! Mit der Zeit --« -- Aber nun sah Hans, dem die Stirnader schwoll, mit einem Gesicht auf sie, daß sie schleunig rief: »Sei ruhig, sei ruhig! ich will nichts mehr sagen!« -- Hans drehte ihr den Rücken zu und ging an eine Arbeit.

Nun war die Reihe zu verzweifeln auch an die Alte gekommen. Wenn die Sachen so standen, dann war alles verloren; die letzte Hoffnung war ihr geraubt und die Schande, die auf sie herabgefallen war, blieb auf ihr sitzen. Ein ehrbarer, vermöglicher Mann, das fühlte sie, meldete sich jetzt schwerlich mehr um ihre Tochter. Einen armen Teufel, einen Liederlichen konnte sie nicht brauchen, um so weniger, als ihr Vermögen im letzten Jahr ohnehin eine ziemlich bedeutende Einbuße erlitten hatte. Und wenn auch einer von der Mittelgattung kam, war zu glauben, daß die »bockbeinige« Christine ihn nehmen würde? -- Ihr ganzes Leben war verdorben, durch die Schlechtigkeit eines Menschen, dem sie getraut hatte. Sie konnte nichts dagegen thun, sie mußte ruhig dasitzen und alles über sich ergehen lassen, Schadenfreude, Spott und Verachtung. -- Als sie sich das recht deutlich machte, stand ihre Seele, die vor allem auf eitler Ehre Glanz gerichtet war, Folterqualen aus. Sie weinte und wehklagte und rief zu wiederholtenmalen: »Warum muß denn ~mir's~ grad so gehen? Warum muß denn ich grad so unglücklich sein?«

Auf diese Fragen gab es eine Antwort, und auch das in moralischen Dingen nichts weniger als fein empfindende Weib kam endlich auf ihre Spur. Nach einer Weile des Zurückdenkens in die Vergangenheit sagte sie sich: »Ja, ja! -- hätten wir nicht immer weiter getrachtet, wären wir beim Hans geblieben -- hätt' ich selber das Maul aufgethan damals, wie ich's hätte thun können und müssen, dann wär' alles anders jetzt. Wir wären geachtet, wohlhabend und glücklich alle mit einander.« Und nun, in Noth und in Schaden und in der Erkenntniß ihrer Mitwirkung dazu klopfte auch bei ihr das Gewissen an. Es ging ein Licht auf in ihrem Kopf und ein Feuer durch ihr Herz und sie rief: »Ich bin selber Schuld an meinem Jammer, ja ja, ich selber! -- ich hab's nicht anders haben wollen!« -- Sie stöhnte unter dem doppelten Druck des Unglücks und der eigenen Anklage, und nur in Thränen fand sie einige Erleichterung.

Christine ließ sie weinen. Sie verrichtete die Arbeiten des Tags und schien für nichts anderes mehr Sinn zu haben. Hie und da sah sie zu der Betrübten auf; aber ihr Gesicht verrieth eher Befriedigung als Bedauern. Es war, als ob sie sagen wollte: »Fühl' es nur! Das kann dir nur gut sein, wie es mir gut gewesen ist!«

Der Sonntag kam und brachte einen Besuch. Es war wieder eine Base (deren jede gestandene Person im Ries eine ungezählte Menge hat), zugleich mit der Glauning und mit Hans verwandt, eine Söldnersfrau aus dem Dorf des Holzbauern, die einem Hiesigen Zins bezahlt hatte. Nach geschehener Einweihung in das erlebte Unglück und der Empfangnahme von Worten des Bedauerns und Trostes kam die Rede auf die Angelegenheiten der Freundin, auf ihr Dorf und auf den genannten Bauern, der unter allen durch Reichthum, Verstand, Heftigkeit und Grobheit hervorragte. Frau Hubel (so hieß die Base) erzählte, daß dieser sonst so gescheidte Mann eben je älter, je ärger würde, daß er wieder eine Magd wegen einer kleinen Vergeßlichkeit ausgeschimpft habe »für's Vaterland,« daß die Magd ihm auch »ein rechtes Maul angehängt« habe und davon gelaufen sei. »Und nun,« setzte sie hinzu, »kann er sehen, wo er eine kriegt. Seit einem Jahr ist das die vierte, die er weggejagt hat, und schon ist eine Woche vorbei und noch immer hat er keine. Er kriegt auch keine, sag' ich, wenigstens keine ordentliche.« Christine, die der Erzählung aufmerksam zugehört hatte, erwiederte: »Doch, Base, er kriegt eine, und ich hoff' auch eine ordentliche.« -- »Wen denn aber?« fragte die Base verwundert. -- »Mich selber,« versetzte das Mädchen. »Ich will zu ihm gehen und mich anbieten, und ich hoff', er wird mich nicht wieder fortschicken. Gleich heute will ich mit Euch nach *** -- Ihr werdet so gut sein, mich über Nacht zu behalten.«

Man kann sich denken, welches Staunen diese Erklärung bei der Hubel, welchen Sturm sie bei der Mutter hervorrief. Aber alle Einwendungen und alle Vorstellungen, die man ihr machte, wurden beantwortet und blieben fruchtlos. Das Mädchen sagte zuletzt: »Auf so eine Gelegenheit hab' ich gepaßt, und wenn ich sie jetzt nicht benutzen wollte, wär's eine Sünde.«

In ihrer Aufregung suchte die Alte wieder den Hans auf, theilte ihm ihr Leid mit und rief: »Nun, was sagst du dazu? Was hältst du von diesem neuen Einfall?« -- Hans bemerkte ruhig: »Ich find' ihn ganz vernünftig. Wir haben hier nicht auf sie gerechnet und brauchen sie nicht. Da sie aber doch schwerlich mehr in die Stadt heirathet, so wird's gut sein für sie, wenn sie die Bauernarbeit wieder recht lernt; und beim Holzbauern ist sie in der besten Schule.« -- »Aber denk nur,« rief die Glauning, »dieser jähzornige Mensch, der nach niemand was fragt! Wenn er in seiner Wuth ist, wird er sie herstellen vor allen Leuten wie ein Bettelmädchen!« -- »Bah,« versetzte Hans, »so arg ist's nicht! Und am Ende,« setzte er lächelnd hinzu, »kann's ihr nicht schaden, wenn sie ein bischen unter die Fuchtel genommen wird.«

Frau Glauning schüttelte bedeutend den Kopf, kehrte seufzend zurück und hatte keine Widerrede mehr. Christine packte Wäsche und Kleider zusammen und verließ gegen Abend mit der Base das Haus.

Am andern Morgen ging sie in den großen, stattlichen Hof des Holzbauern. Sie traf diesen vor dem Haus und eröffnete ihm ihr Begehr. Der Bauer, hochgewachsen, breitschultrig, von rothbraunem Gesicht und mit dem Gebiß eines Wolfs, schien von ihrem Aussehen nicht sehr erbaut zu sein und fragte, wer sie wäre. Christine nannte ihren Namen und ihr Dorf. »So,« erwiederte er mit verdrießlicher Geringschätzung, »du bist die? Hab' vorgestern von der Geschichte gehört. -- Nun, und du glaubst, du könnt'st wieder eine Bauernmagd abgeben?« -- »Ich hoff's, Herr Bosch,« antwortete Christine dem Manne, der schon zweimal an der Spitze seiner Gemeinde gestanden hatte. -- »Verstehst du denn die Arbeiten noch?« -- »Was man von Jugend auf getrieben hat, verlernt man nicht in einem Winter.« -- »Kommt darauf an,« erwiederte der Bauer. Und ihre Hand fassend und betrachtend sagte er: »Das Händle da scheint mir die Arbeit schon recht verg'wöhnt zu haben.« Er drehte sie hin und her und schüttelte mürrisch den Kopf. Das Mädchen konnte nicht umhin zu lächeln. Ihre Hand, die man in der Stadt zu groß gefunden hatte, sollte nun wohl zu klein und zu fein sein. In der des Holzbauers war sie freilich klein; aber das war auch eine darnach, nicht sowohl eine Hand, als eine »Doap« erster Größe. -- Doch sie mußte antworten und sagte so ernsthaft als möglich: »Die Hand da wird so viel schaffen als eine andere, und bei Euch, glaub' ich, wird sie bald wieder gröber werden. Uebrigens will ich mich Euch nicht aufnöthigen. Wenn Ihr mich wollt, so versucht's mit mir; steh ich Euch nicht an, so sagt's, und ich geh meiner Wege.« -- Die entschlossene Sprache gefiel dem Holzbauern, der ohnehin nicht gemeint war, ein Mädchen, das er so nothwendig brauchte, wieder gehen zu lassen. »Der Teufel!« sagte er, »dein Maul geht ja wie ein Mühlrad. -- Nun, probiren will ich's mit dir. -- Viel trau ich dir nicht zu, das muß ich dir aufrichtig sagen; aber am End' -- No, so komm 'rein zur Bäuerin', da wollen wir den Handel richtig machen.«

Christine ging mit ihm in's Haus, bestand die Prüfung auch der würdigen Ehehälfte des Gewaltigen und war gedungen. Als sie, dem ersten Befehl gehorchend, die Stube verlassen hatte, sagte die Bäuerin: »Eigentlich ist das doch »a rechts Häa'le« (Hühnchen)! Ich glaub' nicht, daß wir die lang haben werden.« -- »Wenn's ihr nicht gefällt bei uns,« brummte der Bauer, »dann kann sie meinethalben wieder zum Teufel gehen!«

VII.

Nachdem die Fluth der Ereignisse, wie wir sie im letzten Kapitel zu schildern versuchten, abgelaufen war, trat in dem Leben unserer Personen eine Ebbe ein, die für sie wohlthuend und nöthig war, uns aber als geschichtslose Epoche wenig zu sagen bietet. Das Außerordentliche hatte für jetzt ein Ende gefunden und alles ging seinen gewöhnlichen Gang. Hier und dort wurden die Arbeiten des Frühlings die Hauptsache, und hier und dort sah man seine persönlichen Angelegenheiten durch sie in den Hintergrund gedrängt.

Von dem Frieden, den eine solche Epoche mit sich bringt, genoß übrigens am wenigsten die Wittwe Glauning. Sie mußte zugeben, daß unter den obwaltenden Verhältnissen das Dienen ihrer Tochter eine Auskunft war; aber den gewaltigen Sprung von der Lehrersbraut und künftigen Oberlehrerin zur Bauernmagd konnte sie nicht verwinden, und es war ihr eine ängstliche Sache, das Mädchen, die ihre einzige Freude war, bei dem »Wilden,« d. h. beim Holzbauern zu wissen und sich vorzustellen, wie er sie anfahren und heruntermachen werde.

Zu der Plage, die sie sich mit ihren Gedanken selber anthat, gesellte sich noch eine andere. Das Schicksal der Christine war zu merkwürdig, zu seltsam, als daß in den guten Freundinnen der Mutter und der Tochter sich nicht ein unwiderstehliches Verlangen hätte regen sollen, das Nähere darüber zu erfahren. In den Stunden der Muße kam nun eine um die andere angeschlichen, und den Versicherungen der Theilnahme folgten regelmäßig Fragen, welche die gute Frau sehr inkommodirten. Sie erklärte zwar die Vorgänge durchaus zur Ehre ihrer Tochter; aber was half das? Ein Gesicht wie beim Erzählen eines glücklichen Ereignisses konnte sie doch nicht machen. Und wenn die Freundinnen Christine lobten und hinzufügten: das hätten sie an ihrer Stelle auch gethan, und sie hätte sich benommen wie ein rechtes Mädchen, so klang dies in den Ohren der Mutter lange nicht so gut, als die Ausrufungen und Gratulationen geklungen hätten beim Verkündigen der Nachricht: ihre Tochter sei Frau Lehrerin. -- Und wenn gar erst eine von der schlimmen Sorte kam und ein ungläubiges Gesicht machte und eine gewisse Schadenfreude nicht verbergen konnte und von den unschuldigen Fragen zu den spitzigen überging, da wurde die Situation der ehrgeizigen Mutter höchst fatal. Sie konnte nur mit Mühe die Ungeduld ihres Herzens bemeistern; ein paarmal, gegenüber von besonders Zudringlichen, gelang ihr dies nicht und sie mußte sich mit entschieden unhöflichen Antworten helfen. Damit gewann sie aber nichts; die Weiber entschuldigten sich heuchlerisch und lächelten dabei noch viel beglückter als vorher.

Doch die Zeit verging, das Mißgeschick der Familie wurde altmodisch, in einem Bauernhause des Orts gab es ein Aergerniß, das bedeutend von sich reden machte, obwohl es lange nicht so außerordentlicher Natur war, und die Glauning bekam endlich Ruhe. -- Christine hatte schon zweimal Grüße geschickt und der Mutter zuletzt noch herunter »verbieten« (entbieten) lassen: sie sei gesund und es gehe ihr gut; der Holzbauer wäre nicht so bös, als man ihn mache, zum wenigsten meine er's nicht so bös, und ihr selber sei alles recht bei ihm. Diese Nachrichten trugen dazu bei, das Herz der Mutter zu beschwichtigen, so daß sie hie und da sogar wieder behagliche Stunden hatte. Sie wußte freilich nicht, was aus ihr und ihrer Tochter werden sollte. Sie wußte nicht, ob Hans gesonnen war, bei ihr zu bleiben, oder was er sonst im Sinn hatte. Der sonderbare Mensch arbeitete weiter, als ob er der Sohn des Hauses wäre. Er hatte von dem Ankauf des Gutes nicht mehr gesprochen, sagte überhaupt sehr wenig und wollte offenbar nicht gefragt werden. Aber konnte er nicht jeden Augenblick zu ihr kommen und sagen: er hätte nun eine gefunden, die ihm passe, er wolle heirathen und müsse nun entweder sein Geld oder das Gut haben? Diese Unsicherheit der Zukunft hatte nichts Tröstliches, aber vor der Hand war dem Herzen doch eine wirkliche Last abgenommen, und ein's in's andere gerechnet, konnte man sich in sein Schicksal ergeben. Die Wittwe nahm sich ein Beispiel an dem Vetter, und so hauste man zusammen weiter und ließ es, auf gut deutsch und auf gut ländlich, gehen, wie's eben ging.

An einem Sonntag in der zweiten Hälfte des Mai kam unerwartet eine Einkehr, in der Person der Base Hubel. Diese gehörte zu den Weibern, die gerne Neuigkeiten einsammeln und verbreiten, und deswegen auch öfter über Land gehen, wenn sie gerade Zeit und dem Mann gegenüber einen Vorwand haben. Diesmal hatte sie im Dorf eigentlich nichts zu thun; sie wollte nur erzählen und hören, und sehen, wie's bei der Glauning stehe. Zunächst richtete sie recht schöne Grüße von Christine aus. Auf Befragen der Mutter, was diese mache und wie ihr das Dienen anschlage, legte sie ihr Gesicht in bedenkliche Falten und bemerkte: »Ja, da wär' viel zu sagen! 'S geht ihr eben recht hart bei dem Menschen, recht hart!« -- »So?« erwiederte die Mutter. »Aber sie hat mir ja sagen lassen, sie sei wohl zufrieden?« -- »Ja seht, Base, das ist eben zum Verwundern. Sie selbst thut, als ob ihr nichts zuviel und alles recht wär'. Sie schafft mehr als die andern, und besser. Aber anstatt nun ein Einsehn zu haben und sie zu schonen, verlangt der alte Bär immer mehr von ihr, und wenn sie »in der Acht« (unversehens) ein kleines Fehlerle gemacht hat, schnurrt er sie an. 'S ist grad, als wenn der Teufel in ihn gefahren wär'! Eine andere wär' schon lang davongelaufen. Aber wenn die Christine noch so meint, es müßt' sein, sie wird doch auch nicht bleiben können: sie macht's nicht aus auf die Läng'.« -- »Du lieber Gott!« rief die Mutter, »was sind das für Sachen! Aber wie steht's denn mit ihrer Gesundheit? Wie sieht sie denn aus dabei?« -- »Wie wird sie aussehen, Base! Wie man eben aussieht, wenn man alles thun muß! Mager ist sie und »schwarz« (braun) und gelb im Gesicht.« -- »Meine Christine!« rief die Alte, wie von einer Schlange gebissen. »Aber das kann so nicht fortgehen, sie kann's nicht aushalten, und ich darf's nicht leiden.« -- »Das hab' ich ihr auch gesagt, erst heut früh noch. Mädle, hab' ich gesagt, das kannst du nicht prästiren, du bist's nicht gewohnt und du schaffst dir die Schwindsucht an den Hals. Wenn du deinen Sinn nicht ändern und mit Gewalt dienen willst, so such dir wenigstens einen andern Platz; 's giebt ja bessere. Aber was hat sie mir darauf gesagt? Grad ~der~ Platz ist mir recht und grad da will ich bleiben!«

»Da seh eins den eigensinnigen Kopf! Guter Gott! 's ist ja grad, als ob sie sich expreß zu Grund richten wollte?« Und die unglückliche Mutter wendete sich zu dem Vetter, der am Ofen »Speikel« schnitzte zum Festmachen einer Hacke am Stiel, und rief: »Nun, Hans, was sagst denn du zu der Neuigkeit? Soll ich das dulden? Ist's nicht meine Schuldigkeit, sie mit Gewalt von dem Menschen wegzubringen?« -- »Base,« erwiederte Hans nach kurzem Besinnen, »Ihr wißt, daß ich nicht gern in anderer Leut' Sachen rede; aber weil Ihr mich gefragt habt, will ich Euch doch meine Meinung sagen. Daß man sich die Schwindsucht an den Hals ärgert, mag sein, zum wenigsten sagt man so; aber daß man sie sich an den Hals schafft, hab' ich noch nie gehört. Ich glaub' auch nicht, daß es mit dem Aussehen der Christine grad so arg ist, wie's die Bas Hubel macht. Die Bas red't manchmal gern ein Bischen mehr, als an der Sach' ist; und natürlich, wenn man über zwei Stunden Wegs macht, um etwas zu erzählen, so muß es doch auch der Müh' werth sein.«

Hier verzog die Hubel bedeutend die Oberlippe; Hans aber, ohne sich daran zu kehren, fuhr fort: »Runde und rothe Backen muß man grad nicht haben, sonst wär's bös für viele Leut' in der Welt. Im Uebrigen ist die Christine ein Mädchen, die ihren Verstand hat und selber am besten wissen muß, was sie vertragen kann; ich mein' also, daß Ihr sie lassen sollt, wo sie bleiben will.« -- »Geh weiter!« rief die Hubel, »du bist mir auch der rechte geworden! Wenn das die Christine hörte, daß du dich jetzt so gar nichts mehr um sie bekümmerst, dann thät' sie's kränken, recht in der Seel' kränken, das kann ich dir sagen.« -- »Ich glaub's nicht,« erwiederte Hans, der unterdessen aufgestanden war; »übrigens müßt' ich's mir gefallen lassen, ich kann mich nicht anders machen, als ich bin.« -- Dann verließ er die Stube und hämmerte draußen die Speikel ein. Die beiden Weiber sahen sich an und schüttelten den Kopf. »Wer hätte das geglaubt?« rief die Hubel. Und die Glauning jammerte: »Alle sind verhext! Ist das ein Elend!«

Manches wurde noch hin und her geredet. Endlich rüstete sich die Base zum Aufbruch und fragte, was sie der Christine sagen solle. »Sie soll sich schonen,« rief die Glauning eifrig; »und wenn ihr's der »Unmassel« zu arg macht, soll sie zu ihrer Mutter kommen. Das sag ihr!« -- »Sagen will ich ihr's,« versetzte die Base; »aber ich sorg', es wird nichts helfen.«

Und es half nichts. Christine hörte es, dankte der Base -- und blieb. Gelegentlich ließ sie der Mutter sagen: sie werde das Schaffen immer mehr gewöhnt, und man solle doch ja keine Sorge haben um sie.

Mehrere Wochen gingen vorüber. Die Glauning war wieder ruhiger geworden, da sie nichts Besonderes von ihrer Tochter erfuhr, und ihr Herz hatte sich wieder einigermaßen der Lebensfreude geöffnet. Nun brachte aber das Schicksal eine andere, stärkere Prüfung an sie. An einem Sonntag in der Heuernte kam ein Besuch von ***, der sich mit einem Gruß der Hubel einführte. Es war eine Nachbarin derselben, etwas verwandt mit ihr, weswegen sie auch die Glauning sofort mit dem Titel Frau Base anredete. Als die letztere nach den ersten Höflichkeiten und nachdem sie ein gutes »Vorbrod« auf den Tisch gesetzt hatte, die Frau genauer ansah, merkte sie an einer gewissen bedenklichen Ernsthaftigkeit derselben alsbald, daß sie etwas Neues bringen werde von Christine, aber nichts Gutes. Sie erkundigte sich etwas kleinlaut, was ihre Tochter mache, und ob sie's noch aushalte in ihrem Dienst. »Noch immer, Frau Base,« war die Antwort; »aber ich kann's Euch wohl sagen, 's wundert sich alle Welt drüber.« -- »Wie so?« fragte die Glauning; »wird sie noch alleweil so hart gehalten?« -- »Frau Bas,« erwiederte die Andere, »ich hätt' mir nicht getraut zu erzählen, was vorgefallen ist; aber die Bas Hubel hat gesagt, weil ich hier grad etwas zu thun hätt', sollt' ich zu Euch gehen und Mittheilung machen, denn Ihr müßtet's wissen.« -- »Guter Gott,« rief die Mutter, »was werd' ich wieder hören müssen!«

Und die Andere begann: »Wie Eure Christine, die's doch wahrhaftig nicht nöthig hätt', alles thun muß beim Holzbauern, wie er ihr mehr aufhängt als andern, und wie sie auch wirklich mehr schafft als andere, das wißt Ihr schon; 's ist zum Verstaunen! Da ist nun »vodertags« (vorgestern) zum »Häat« (Heuernte) schön's Wetter kommen, und der Bauer ist wieder gewesen wie der »Massich« und hat gemeint, alles müss' auf einmal drin sein. Er hat gethan und gewirthschaftet auf der Wies, daß »a Graus« gewesen ist. Am Himmel ist a Wölkle gestanden, ganz klein und unscheinbar; aber er hat doch gesehen, das könnt' ein Wetter geben, denn gescheidt ist er, das muß man ihm lassen. Wie nun ein Fuder heimgefahren und die Christine mitgegangen ist zum Abladen, hat er ihr noch nachgerufen, sie sollt' des Nachbars Wagen »verdleihen« (entlehnen) und rausschicken. Nun, wie's einem eben geht -- entweder hat sie's nicht recht verstanden oder sie hat's vergessen -- du lieber Gott, was passirt einem nicht in der Unmuß', wenn alles auf einen hineinschreit? Die Bäuerin hat auch noch schnell was haben wollen von ihr, und wenn die red't, muß auch gleich alles laufen und springen; kurz, der Bauer wartet und der Wagen bleibt aus, aber das Wetter kommt am Himmel rauf. Da hättet Ihr den Mann sehen sollen! Reingelaufen ist er wie »wüadeng« (wüthend), und wie er erst vom Nachbar gehört hat, daß der Wagen gar nicht bestellt worden ist, da ist's gar aus gewesen. Herrgott, Frau Bas, wie hat der die Christine hergestellt! Ich bin grad am Hof vorbei gegangen und stehen geblieben; mein Lebtag hab' ich keinen Menschen so lästern hören. »Du dummes Thier! Du einfältiger Mensch! Bist »do'sohrad« (taub), he'! oder denkst an dein' Schulmeister, wann ich was sag'? Ich hätt' n' guten Lust und nähm' die Karbatsch und thät' dir die Gedanken austreiben, daß sie deiner Lebtag nimmer kommen.« -- Ach, Frau Bas, ich will nicht sagen, was er alles noch geschrieen hat. 'S ist so arg gewesen, daß die andern Ehehalten ganz blaß dagestanden sind und ordentlich verstarrt, und zuletzt auch die Bäuerin gerufen hat: »Jetzt sei still einmal und schäm dich vor den Leuten. Geschehen ist geschehen!««

Die Mutter war bei den Schimpfreden, womit ihr Kind befleckt worden, von der Bank aufgesprungen mit einer Miene, als ob sie das Schrecklichste vernommen hätte, und sogar die uns bekannte pflanzenruhige Taglöhnerin, die hinter dem Ofen gestrickt hatte, war herbeigeeilt. »Das ist meiner Tochter passirt?«, rief die Alte zitternd vor Entrüstung, »~meiner~ Christine? und sie hat dem Schandmenschen nicht augenblicklich den Dienst gekündigt und ist auf und davon gegangen?« -- »Jede andere hätte das gethan,« versetzte das Weib, »keine hätte sich das gefallen lassen.« -- »Ich wahrhaftig auch nicht,« rief die Taglöhnerin, deren Backen sich gefärbt hatten, ordentlich aufgebracht. -- »Die Christine,« fuhr die Erzählerin fort, »hat sich's gefallen lassen und ist geblieben. Zuerst ist sie bestürzt gewesen und hat ihn mit großen Augen angesehen. Je mehr er aber gewüthet hat, je ruhiger ist sie geworden; und wie er endlich aufgehört hat, weil ihm ganz der Schnaufer ausgegangen ist, da hat sie gesagt: »Herr Bosch, ich seh's ein, ich hab' gefehlt. Verzeiht mir's -- es soll nimmer geschehen.«« -- Die Glauning war empört. »Das hat meine Tochter gesagt?« rief sie. »Mit der muß was vorgegangen sein. Es ist nicht anders möglich -- bei der ist's nicht mehr richtig im Kopf!«