Part 22
In Folge des Lebens in der Stadt und der Leiden, die sie darin ausgehalten hatte, war die Gestalt des Landmädchens um vieles schlanker geworden; die Fülle des Gesichts war geschwunden, die Farbe, die ihr auf dem Dorf ein so frisches Aussehen gegeben hatte, war gewichen und die jetzige Blässe nur von einem bräunlichen Hauch und in Folge des Gehens von einer leichten, flüchtigen Röthe bedeckt. Da sie den gestreiften »Kittel« (das Gewand des Oberkörpers) offenbar nicht mehr ausfüllte, so sagte sich jeder, daß sie krank gewesen sein und viel ausgestanden haben müsse. Aber das war es nicht allein, was auffiel. Ihr bleiches Gesicht hatte einen Glanz, aus ihren feuchten Augen, wenn sie damit aufsah, ging ein Blick, und der ganze Kopf hatte ein Gepräge und einen Ausdruck, daß jeder augenblicklich sah, nicht nur daß es ein schönes Mädchen sei, sondern auch daß es mit ihr eine ganz besondere Bewandtniß haben müsse.
Es war die Erfahrung ihres Geistes, welche dem Gesicht diesen Ausdruck lieh, es waren die Empfindungen und Bilder ihrer Seele, die es verklärten. Die Erdenschwere des Leides war ihr abgenommen, aber sein Schein und sein Duft waren geblieben. Die Freude des Lebens, ja die Hoffnung auf sie waren geflohen, aber ein stiller Friede, gegründet auf das Bewußtsein, endlich recht und gut gehandelt zu haben, waren eingezogen in sie. Eine Wehmuth erfüllte sie, die etwas Süßes hatte, weil sie durchdrungen war von holdem Licht und getragen von einem erstarkten Geist. Alles das weckte und nährte das Spiel der Phantasie, eine Träumerei, welche das Mädchen weiter und weiter zog und neue, wunderbare Welten ihrem Blick öffnete. -- Die Poesie der Lieder, die sie in schönen Tagen auf dem Dorfe gelernt und gesungen hatte, lebte wieder in ihr auf. Traurige und fröhliche summten durch einander in ihr und feuchteten bald ihre Augen und regten zarte, süße Schauer in ihr an. Sie hörte die Melodien ordentlich in ihrer Seele, und Stimmen in der Luft, nahe und ferne, schienen in sie einzuklingen. -- Die gute Christine! Jetzt war sie fein, und ihr Gesicht war geistig und ihr ganzes Wesen von einem Reiz übergossen, daß es auch der eitle Pedant in der Stadt hätte anerkennen müssen. -- Zu spät! -- Aber zu ihrem großen Glück! -- Jener hätte sie nicht verdient, auch wenn es ihm möglich gewesen wäre, sein Versprechen zu halten und seine Treue zu bewahren.
Wir haben damit erklärt, was die Vorübergehenden Absonderliches an Christine wahrnahmen. Hübsche Mädchen in Rieser Tracht kann man viele sehen, wenn man durch die gesegnete Ebene wandert -- und Glück hat. Aber Bilder, wie Christine in ihrer jetzigen Seelenstimmung eines darbot, wird man unter allen Umständen nur selten bemerken können.
In der Einsamkeit eines Waldthals nahmen die Gedanken der Fußgängerin eine bestimmte Richtung. Ein Verhältniß, wie sie es mit Forstner gehabt, läßt sich nicht abthun und vergessen; die Seele wird eine Zeitlang immer wieder zurückschauen und sich den Verlauf und den Ausgang zu erklären suchen. -- Christine ließ das Handeln Forstners wieder an ihrem Geist vorüberziehen. Wie billig sie war und wie viel sie sich selber zur Last legen mochte, nahm sie alles zusammen und hatte sie ihn in den hauptsächlichsten Momenten vor Augen, so konnte sie sein Benehmen zwar begreiflich finden, aber auch nicht der leiseste Hauch von Achtung dieses Mannes war ihr möglich. Im Besitz dessen, was Natur und Geschick ihr an Einsicht verliehen hatten, kam ihr die ängstliche Sorge und die Wichtigkeit, womit er ihr den Flitterkram seiner Bildung aufdrängen wollte, über alle Maßen kleinlich vor; und daß er diesen als die Hauptsache ansah, für die wirkliche Hauptsache dagegen, welche sie jetzt auf's allerklarste anschaute, keine Augen und kein Gemüth hatte, das erfüllte ihre Seele mit einer Geringschätzung, in welcher sie ihn zu einem Nichts hinschwinden sah.
Es war unvermeidlich, hier nicht an das Benehmen des Vetters Hans zu denken. Obwohl sie eine Scheu davor empfand, so konnte sie dem Reiz doch nicht widerstehen, sich zu vergegenwärtigen, wie sich dieser von der ersten Zeit an gegen sie betragen hatte. Seine treue Liebe, die sich erst so bescheiden verbergen wollte und sich doch verrieth; seine Freude an ihr und das Vergnügen, das aus ihm leuchtete, wenn er sie bei der Arbeit loben konnte und sie dabei ansah; die stete Sorge für sie und ihre Mutter, der Eifer für ihr Wohlergehen und ihre Ehre; seine Großmuth, als er erfahren hatte, was ihn auf's tiefste schmerzen, auf's bitterste kränken mußte; der Stolz, der sich vor den Leuten nichts anmerken ließ und alles vergessen zu haben schien; die unendliche Gutmüthigkeit, womit er sie später als Verwandte und Jugendfreundin behandelte, als ob sie ihn nie beleidigt hätte -- alles das stellte sich vor ihre Seele und verband sich zu einem einzigen Bilde. Die ganze Schönheit eines von Gott und Natur mit gleicher Liebe beschenkten Gemüths glänzte vor ihr und sie war jetzt in der rechten Stimmung, sie zu erkennen und nach ihrem Werth zu schätzen. Thränen stürzten aus ihren Augen, die nur der edlen Seele galten. Sie fühlte die Liebe und Treue eines solchen Mannes als das Liebste und Holdeste, was es geben könne auf der Erde; in ihrem Herzen gährte und bebte es und eine Glut entzündete sich und loderte empor und übergoß ihr bleiches Gesicht urplötzlich mit brennender Röthe.
Es war geschehen. Sie hatte ein Gefühl, als ob nichts wahr gewesen wäre in ihrem ganzen Leben, als diese Liebe zu dem besten Menschen auf der Welt. Alles, was ihr an andern schön vorgekommen war und reizend und vornehm, erschien ihr jetzt wie gar nichts, wie Rauch, den ein Windhauch verjagte. Sie begriff nicht, wie man sich davon blenden lassen, wie man daran sein Herz hängen, wie man darauf bauen und vertrauen könne.
Und sie hatte sich zweimal davon blenden lassen! Sie war von dem, der allein aller Lieb' und Treue werth gewesen, zweimal abgefallen! -- Das Gesicht, auf welchem sich die Blässe wieder gelagert hatte, wurde auf's neue überströmt -- von der Röthe der Scham; und diese blieb länger auf ihm als die Farbe der Liebe und des Entzückens. -- »Du hast keine Augen gehabt,« rief sie sich strafend und leidvoll zu, »du hast nichts gesehen -- du Blinde, Dumme, Sinnlose!« -- Sie fühlte ihre ganze Unwürdigkeit dem braven, uneigennützigen, unendlich liebevollen Manne gegenüber. Das Licht der Erkenntniß, das ihr zuerst in schwachem, vorübergehendem Aufzucken, dann im klaren, hellen Scheine zu Theil geworden war -- jetzt flammte es vor ihr empor und leuchtete und brannte vor ihr und faßte und durchloderte sie, und drohte sie zu verzehren. -- Das war das Maß, mit dem ihr gemessen werden sollte -- das volle, gerüttelte und geschüttelte, überfließende Maß.
In der Qual dieser Flamme gab es nur Eine Rettung für Christine, und sie griff darnach. »Er soll's nie, nie erfahren, wie es mir zu Muth ist! Kein Sterbenswörtchen soll er von mir hören, aus keiner Miene, keinem Zuck soll er's errathen können! Im Herzen will ich ihn tragen Tag und Nacht -- todtschlagen will ich mich lassen für ihn, wenn's sein muß -- aber sterben will ich, ohne daß er weiß, wie ich gesinnt gewesen bin!« -- Nun brachen wieder Thränen aus ihren Augen und rollten die Wangen hinab; aber es waren lindernde Thränen. Sie und das Gelübde, das sie gethan, halfen zusammen, der Tieferregten nach und nach die Ruhe wieder in's Herz zu flößen, in der sie still ergeben, aber zugleich mit einem gewissen Stolz der Entsagung fortwanderte.
Endlich fühlte sie sich müde und erschöpft, und im nächsten Dorfe ging sie in das Wirthshaus, das an der Straße lag. Sie nahm ein einfaches Mahl zu sich, ruhte aus und erholte sich. Als sie nach der Zeche fragte, sah die schon ziemlich bejahrte, stattliche Wirthin sie prüfend an. »Du bist wohl im Dienst gewesen und krank geworden?« fragte sie theilnehmend. -- Christine richtete merklich verletzt den Kopf auf und erwiederte: »Krank gewesen bin ich, aber im Dienst nicht.« -- Der theilnehmende Blick der Wirthin verwandelte sich in einen spöttischen. »Ah,« sagte sie, »da bitt' ich um Verzeihung, daß ich der Jungfer Unrecht gethan hab'!« Sie überlegte ein wenig, nannte die Summe, erhielt das Geld, bedankte sich und ging hinaus. Die Zeche war ziemlich groß, und Christine fühlte, was sie gethan hatte. »Du bist wieder dumm und am unrechten Ort empfindlich gewesen,« dachte sie. »Die Frau ist gut und wollte dir eine kleine Zeche machen, und du bist ihr lächerlich vorgekommen mit deinem Stolz, und sie hat Recht gehabt, dir eine Lehre zu geben. Im Dienst! 'S wär besser, du wärst im Dienst gewesen und könntest jetzt nach Hause gehen --« -- Ihr Geist verlor sich in Gedanken, dann erhellten sich plötzlich ihre Züge; mit einem Aussehen, als ob sie einen Vorsatz gefaßt hätte, erhob sie sich und verließ die Stube. Im »Haustennen« stand die Wirthin. »Geht's schon weiter, Jungfer?« war die noch immer spöttische Frage. »Ja,« erwiederte Christine. »Lebt wohl, Frau Wirthin, und haltet mich nicht für einfältiger als ich bin!« Das behaglich breite Gesicht lächelte und der Spott darin erhielt einen Zusatz von Wohlwollen. »O bewahre!« rief sie, »ich seh' schon, wen ich vor mir hab'. Glück auf den Weg!«
Es war nothwendig, daß Christine sich gestärkt und erholt hatte -- sie kam dem Ries näher und näher. -- Eine Stunde darauf und sie war eingetreten in seinen Kreis und ihr Herz klopfte, ihr Kopf schwindelte. Sie sah, was ihr bekannt war von Jugend auf, aber das Bekannte erschien ihr wie ein Mährchen. Dort rechts der Felsen von Wallerstein im Kranze von Häusern und Bäumen, geradeaus der graue Thurm von Nördlingen, und jetzt in dem Schein der Sonne, die vorübergehend aus den Wolken trat -- ihr Geburtsort. -- War es nicht ein Traumgesicht? Waren die Bilder, die vor ihren Augen flimmerten, nicht aus Luft gewoben und hergezaubert, um auf einmal wieder zu verschwinden? -- Nein, sie standen fest und blieben stehen und traten immer größer und deutlicher hervor. Sie hatten gezittert und gegaukelt vor ihr, weil ihren eigenen Kopf eine Art von Trunkenheit ergriffen hatte, und in der Schwärmerei des Staunens hatte das Altgewohnteste den Charakter des Wunders angenommen.
Sich endlich besinnend und fassend, ging sie weiter und weiter, ihrem Dorfe zu. Sie freute sich an der Heimath, an den Leuten, die ihr begegneten, an den Arbeitern auf dem Felde, die sie von weitem sah, und an der schönen und traulichen Rieser Tracht; aber sie fürchtete sich, daß irgend Jemand sie erkennen und bei ihrem Namen rufen möchte. Unangefochten langte sie indeß an der Feldung ihres Geburtsortes an. Sie schlug einen Fußweg ein. Je näher sie dem Ziele kam, desto mehr entsank ihr der Muth. Sie konnte nicht anders -- sie mußte sich wieder vorstellen, was die Leute von ihr denken, was sie sagen und ihr nachsagen würden. Alle Schmach, als eine Verstoßene, der Verläumdung Preisgegebene heimzukehren, stieg wieder vor ihrer Seele auf. Da fiel ihr aber auch wieder ein, daß sie Leid und Beschwer ja gewünscht und gut gefunden hatte. Sie lächelte mitleidig über sich selber und ging mit neuer Entschlossenheit vorwärts.
Die Sonne war hinter dichtere Wolken getreten; es war trübe und kühler geworden und die laublosen Gärten des Dorfes sahen nicht gerade erfreulich aus. Als sie eine Hecke entlang ging, um auf die Südseite zu kommen, wo ihr Haus stand, bemerkte sie in einem Garten eine Jugendfreundin, die ein Beet umhackte. Die Tritte der Vorübergehenden vernehmend, schaute diese auf und Christine erwartete einen Zuruf; aber er blieb aus. »Sie kennt mich nicht mehr,« dachte das Mädchen. »Nun, das ist ja natürlich!«
An der kleinen Thüre, die von ihrem Garten auf den Fußweg hinaus führte, stand die Mutter. Sie hatte sich, von ihren eigenen Gefühlen einen Schluß ziehend, eben hier aufgestellt, um die Tochter zu erwarten. Christine ging rascher und gab ihr mit leis gesprochenem Gruße die Hand. Die Wittwe sah kummervoll und blaß aus, aber ihr Gesicht war nicht ohne eine Art von Würde. »O Christine!« rief sie mit gedämpfter Stimme -- weiter nichts. Man konnte sie sehen und hören vom Haus oder Garten des Nachbars, und niemand sollte wahrnehmen, wie's ihr um's Herz war. -- Sie führte die Tochter an der Hand durch den Garten in den kleinen Hofraum. Hier stand Hans. Er sah Christine an mit einem Gesicht, in welchem das Mitleid hinter tiefem Ernst verborgen war, und sagte ruhig: »Guten Abend, Christine!« Sie dankte, ohne ihn anzusehen, und ging mit der Mutter in's Haus.
Als sie allein waren, öffnete die Mutter ihr Herz und ließ den Klagen, die sie bis jetzt zurückgepreßt hatte, freien Lauf. »Wer hätte das gedacht!« rief sie mit tiefer Betrübniß. »Wer hätte das diesem Menschen zugetraut! -- Ich hab' gemeint, ich müss' umsinken vor Schrecken, wie ich deinen Brief gelesen hab'. Nicht glauben hab' ich wollen, was du geschrieben hast! Aber jetzt, wenn ich dich ansehe, muß ich freilich alles glauben! -- Du armes Mädchen,« setzte sie hinzu, indem sie die Tochter in zärtlichem Mitleid bei den Händen faßte, »so elend, so verfallen! -- Das ist nun das Glück, das du gemacht hast! Das ist die Freude, die ich an meinem einzigen Kind erlebt hab'!« -- Ihre Thränen flossen, das Schluchzen ließ sie nicht weiter reden. Christine tröstete sie und sagte: »Sei ruhig, Mutter! Laß dir's nicht so zu Herzen gehen! -- Ich bin gesund und werde bald wieder aussehen wie sonst.« -- »Ja,« entgegnete die Wittwe, »dein elendes Aussehen wird vergehen auf dem Land, aber die Schande wird dir bleiben. Was wird man von dir jetzt alles sagen im Dorf! Was werden wir uns gefallen lassen müssen! Das Unglück, das einem widerfährt, ist ja den Leuten nie groß genug, sie müssen's noch größer machen. Und wir, denen ohnehin so manches Feind ist im Dorf -- was werden erst wir hören müssen! Ich trau' mir gar nimmer unter die Leute -- ich schäme mich zu Tod!«
Als die Tochter die von ihr überwundene Furcht an der Mutter sah, kam sie ihr in keiner Art würdig vor, und sie erwiederte mit Ernst: »Was die Leute sagen, liebe Mutter, ist mir einerlei, und dir kann's auch so sein. Eine Zeitlang wird man schmähen, dann kommt wieder etwas anderes auf, und wir sind vergessen. Und wenn man auch spottet über uns und uns ausrichtet -- haben wir's nicht verdient? Ist uns mit unserm Hochhinauswollen nicht Recht geschehen? -- Von ~der~ Seite muß man die Sache auch betrachten. So oder so ist das Gerede der Leute gleichgültig. Wenn sie lügen über mich, so geht's mich nichts an, und wenn sie die Wahrheit sagen, muß ich's aushalten. Und am Ende -- wenn's mir hier wirklich zu arg würde, giebt's nicht noch einen Dienst anderwärts? Man kann sich immer helfen, wenn man noch zu was gut ist in der Welt, und alles ist noch lang nicht verloren.«
Diese gefaßte Sprache des Kindes that der Mutter wohl und flößte auch ihr wieder Trost und neuen Muth ein. Sie sah schweigend auf das blasse, aber feinere und vornehmere Gesicht und fühlte, daß ihre Tochter in der Stadt nicht nur verloren, sondern auch etwas gewonnen hatte. Ihre Mienen klärten sich auf und es war, als ob sie etwas auf der Zunge hätte. Sie schwieg aber. Sie hatte, wie es schien, nicht den Muth zu sagen, was sie dachte.
Als am andern Tag die große Neuigkeit in dem Dorf bekannt wurde, gab es freilich ein Geschrei, das dem, welches die Verlobung des Mädchens mit dem Lehrer hervorgerufen hatte, in keiner Weise nachstand. Im Gegentheil, die Ausrufungen waren jetzt noch leidenschaftlicher, das Gewunder größer und nachhaltiger, weil die Nachricht wirklich ganz unerwartet gekommen und wie ein Blitz aus wolkenlosem Himmel hernieder gefahren war. Welch ein Ohrenschmaus für die ehemaligen Mitbewerberinnen! Welch ein Triumph für diejenigen, die in ihrer sittlichen Entrüstung einen schlimmen Ausgang vorhergesagt hatten! -- Die Partie der Weiber und Mädchen hatte gesiegt; das Schicksal hatte ihnen Recht gegeben. Und nun ließen sie's die jungen Bursche, die ihnen früher widersprochen hatten, gehörig empfinden und kosteten den Ruhm bewährter Prophetengabe von Grund aus. »Hab' ich's nicht gesagt? Hab' ich's nicht vorher gewußt? Du hast mit mir gestritten, aber nun siehst du, wer Recht gehabt hat. Mit Schand und Spott ist sie heimgekommen, die eitle Närrin! Und nun wird's aus sein mit ihrer Vornehmheit -- aus für alle Zeit!«
Die große Frage war nun: wie werden die Leute mit einander forthausen? Ist's denn möglich, daß sie beisammen bleiben? Und wenn sie's thun, was soll am Ende draus werden? -- In einer zahlreichen Bauernfamilie, wo dieser Punkt beim Abendessen erörtert wurde, meinte der Oberknecht: »Am End' nimmt sie der Hans doch noch zum Weib.« -- Da fuhr aber die älteste Tochter, die nicht zu den Schönsten gehörte und ihre Sechsundzwanzig hinter sich hatte, empört auf und rief: »Red nicht so dumm, alter »Gischpel«! Ein Mensch wie der Hans, der etwas hat und andere kriegen kann, wenn er will, der wird wohl eine nehmen, die ein halbes Jahr mit einem Schulmeister herumgefahren ist! Schäm dich! 'S ist sündlich, einem braven Burschen so was zuzutrauen!« -- »No, no,« versetzte der in der That schon etwas bejahrte Knecht phlegmatisch lächelnd, »man kann nicht alles so genau nehmen, und 's hat sich schon gar manches noch g'macht in der Welt.« -- »Und ich wett', was du willst,« erwiederte die erzürnte Person, »er nimmt sie nicht mehr!« -- »'S kann auch sein,« versetzte der Knecht. »Ich kenn' den Hans nicht so genau, daß ich weiß, was er in einem Jahr thun wird. Ich weiß nur, was ich thät' -- und ich thät' sie nehmen, wenn sie mich möcht'.« -- »Du!« entgegnete die Tochter des Hauses mit verächtlichem Blick, während die andern Ehehalten lachten und die Magd schließlich meinte: »Du wärst »net blöad« (blöde), Heiner! So eine könnt' dich aufrichten!«
Einige Tage später, und die Frage, die so viele Zungen in Bewegung gesetzt hatte, war entschieden. Man erfuhr, die Christine sei in *** (einem zwei Stunden entfernten, westlich gelegenen Dorfe) beim Holzbauern in Dienst gegangen. Damit erhielt das Gerede einen Kehraus, der den bisherigen Lärm würdig abschloß. »Die Lehrersbraut eine Bauernmagd! Und bei dem, wo's noch keine auf die Läng' hat aushalten können! -- bei dem gröbsten aller Menschen im ganzen Ries! Die hat's zu was gebracht, das muß man sagen! Die kann sich freuen!« -- Zur Ehre des Dorfs muß ich übrigens bemerken, daß auch gar mancher die Sache von einer andern Seite ansah. Als ein ehrenhafter alter Bauer davon hörte, sagte er zu seiner Ehehälfte: »Wenn das in ihrem Kopf gewachsen ist, dann fang' ich wieder an etwas zu halten von dem Mädchen.«
Allerdings war es in dem Kopf der Christine gewachsen, und zwar ging es so zu.
Am andern Tage nach der Heimkehr ihrer Tochter hatte die Glauning schon einen großen Theil ihrer Ruhe und Besonnenheit wieder erlangt. Gedrückt war sie noch immer und traurig ging sie im Hause umher; aber ihr Geist richtete sich allmählig auf und überlegte, wie sie das Unglück, das sie betroffen hatte, wieder gut machen könne. Leute wie sie überreden sich leicht, daß sich alles auf eben die Art wieder ausgleichen lasse, die ihnen erfreulich dünkt. Als sie nun ihre Tochter in der Stube und Küche wieder arbeiten sah wie ehedem, als sie den Vetter mit ihr umgehen sah, wie wenn nichts vorgefallen und sie höchstens von einem längeren Besuch zurückgekehrt wäre, da beurtheilte sie die beiden nach sich und glaubte, alles könnte noch recht werden. Als erfahrene Frau mußte sie am besten wissen, was man alles zu thun habe, um in dieser Welt etwas zu erreichen; als Mutter hatte sie die Pflicht, für ihre Tochter zu denken und zu sorgen. Die Scheu, die sie gestern noch gefühlt hatte, wich daher einer Entschließung.
Nachmittags fing sie gegen Christine auf's neue an zu klagen und ihre Bekümmerniß auszusprechen; es geschah dieß aber in einem Ton, daß die Tochter gleich fühlte, der eigentliche Schmerz sei schon vorüber und eine ernstliche Tröstung nicht mehr vonnöthen. Sie entgegnete mit Ruhe, daß diese Reden jetzt zu nichts mehr führen könnten. Man müsse das Geschehene geschehen sein lassen und nicht mehr daran denken, dann werde vielleicht alles wieder besser in's Gleiche kommen, als man glaube. »Da kannst du auch Recht haben,« erwiederte die Mutter begütigt. Und nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: »Man glaubt oft, man müsse ein recht großes Glück machen und deßwegen ein kleineres, das einem entgegenkommt, verschmähen. Aber das große ist einem nicht bestimmt und bleibt aus; und wenn man das sieht und gescheidt ist, nimmt man das kleinere an und lebt auch zufrieden dabei.« -- Christine sah ihre Mutter befremdet an: diese glaubte, sie müsse sich deutlicher erklären, und sagte: »Du hast Recht, Christine, alles kann wieder in's Gleiche gebracht werden, und du hast's in deiner Hand. Mir kannst du wohl glauben, denn ich versteh' mich darauf -- der Hans hat dich noch immer gern! Er ist einer von den guten Menschen, die alles verzeihen und denen es nicht möglich ist, etwas nachzutragen. Wenn du dich wieder freundlich gegen ihn benehmen und ihm ein wenig schönthun wolltest, so bin ich überzeugt.« --
Das Gesicht des Mädchens hatte sich während dieser Rede, nach dem ersten deutlichen Wort, mit tiefer Röthe bedeckt; jetzt funkelten ihre Augen und mit erzürnter Heftigkeit rief sie: »Red' nicht weiter, Mutter! -- ich bitte dich! -- Wenn der Hans mich jetzt noch nähme, so wär' er ein Tropf -- der jämmerlichste Mensch, der auf Gottes Erdboden herumwandelt! Und wenn er's wäre und wenn er mich wollte, so möcht' ich ~ihn~ nicht, weil ich ihn verachten würde! Pfui! wie kannst du an so etwas denken und einem ehrlichen Mädchen solche Vorschläge machen!« -- Die Mutter war betroffen; sie faßte sich indeß wieder und sagte: »Nun, ich rathe dir nichts, als was gar manches Mädchen schon gethan hat, die jetzt als Frau hoch in Ehren steht. Du kennst die Welt nicht. Ich bin deine Mutter, ich muß für dich sorgen, ich muß dich wieder auf den rechten Weg weisen --« -- »Red nicht weiter,« rief Christine am ganzen Leibe zitternd, »oder es geschieht ein Unglück! -- Noch ein Wort davon -- und ich geh' fort und spring' in's Wasser!« -- Die Alte starrte sie an. »Um Gotteswillen,« rief sie, »thu nur nicht gleich so wild! Ich hab' nur gemeint --« -- »Du sollst nichts meinen, was eine Schande wäre für mich und für ihn. Glücklich sein muß man nicht in der Welt, aber seinen Charakter muß man behaupten und seine Ehre! Und das sag' ich dir jetzt: wenn du nochmal von dieser Sache anfängst, wenn du nur noch eine Sylbe davon sprichst, dann geh' ich aus deinem Haus und deiner Lebtag wirst du mich nicht wieder sehen!«