Part 21
Von seinem Sitz emporgefahren, stellte er sich vor sie hin und rief mit dem Ausdruck des Zorns und tiefer Verachtung: »Das ist Unsinn, der abgeschmackteste Unsinn, der je aus dem Munde einer hirnlosen Person gekommen ist! Geh mir! Aus dir wird nie etwas, du bist und bleibst eine Bauerntrutschel, ein einfältiges, dummes Weibsbild! Ich bin verrückt gewesen, ich hab' eine unverzeihliche Thorheit begangen, daß ich --« -- Er hielt inne und -- schämte sich. Christine war aufgestanden und hatte ihn groß angesehen, mit einem Blick, wie die beleidigte Rechtlichkeit, ja der beleidigte wahre Verstand die sinnlose Wuth und Gemeinheit ansieht. Sie hatte die Verachtung in seiner Miene gefühlt, sie hatte in sein innerstes Herz gesehen und den Vorsatz erkannt, mit ihr brechen zu wollen, und in ihrem Gemüth hatte sich auch eine Verachtung erhoben, aber eine, die auf besserem Grund fußte, und mit Blitzesschnelligkeit war ein Entschluß gefaßt. Eben in der Glut dieser Empfindungen zeigte sie ihm das Gesicht, das ihn erschreckte und verwirrte; und wie er nun innehielt, fiel sie ergänzend ein: »Daß du dich mit mir versprochen hast, willst du sagen? Ja, das ist wahr, da hast du Recht! Und ich bin ein schwaches, einfältiges Mädchen gewesen, daß ich dir getraut hab'! Aber glaub' ja nicht, daß du mich jetzt haben mußt. Hab' ja keine Furcht! Du hast mich gesucht, du bist zu mir gekommen, nicht ich zu dir -- das weißt du und das sagt dir dein Gewissen. Aber darum, und weil du mir dein heiliges Versprechen gegeben hast, und weil du mich genöthigt hast, in diese Stadt zu kommen und meinen Stand zu verändern, und weil ich nun wieder nach Haus gehen soll und Schande und Spott erleben von aller Welt, darum will ich dich doch nicht zwingen, dein Versprechen zu halten! -- Nein,« rief sie, indem sie den Verlobungsring schnell von dem schlanker gewordenen Finger zog, »nein, im Gegentheil! Hier ist dein Ring, nimm ihn, und wir sind geschiedene Leute!« -- Forstner sah sie an und entgegnete: »Ich hätte gute Lust --« -- »Freilich hast du gute Lust!« fiel das Mädchen verächtlich ein; »das seh' ich und eben deswegen geb' ich dir den Ring zurück. Her deine Hand und gieb mir den meinigen, und es ist aus mit uns für alle Zeit!«
Als Forstner das Zeichen der Verlobung in ihren Fingern blinken und sich aufgedrängt sah, da zuckte bei dem Gedanken, daß er es nur annehmen dürfe, um einer für ihn unerträglich gewordenen Fessel entledigt zu sein, ein Freudenstrahl aus seinem Auge und er rief: »Ist es wirklich dein Ernst?« -- Wenn sie noch nicht völlig entschlossen gewesen wäre, mit ihm zu Ende zu kommen, so wäre sie es durch die unendliche Kränkung dieser Freude geworden. Mit funkelnden Augen der Entrüstung rief sie: »Ja, es ist mein Ernst, und ich verlang' jetzt meinen Ring für deinen! Ich sage ~dir~ ab, ich künde ~dir~ auf und will nichts mehr mit dir zu thun haben mein Lebenlang!«
Forstners schwache Seele, beschämt, verwirrt, schwankte noch einen Moment; aber eine Stimme rief ihm zu: »benutze das!« und entschied ihn. »Nun,« rief er, indem er selber den Kopf erhob, »wenn du so hochmüthig bist, so soll dein Wille geschehen!« Er zog den Ring vom Finger, gab ihr ihn und nahm den seinen. »So,« sagte sie, indem sie ihn mit eben so viel Stolz als Geringschätzung ansah, »und jetzt halt' ich dich nicht mehr auf in meiner Stub'!« -- Forstner sagte: »Du willst es, gut! Ich geh' und komm nie wieder!« -- »Ich hoff's,« entgegnete sie mit Hohn, indem ihr Gesicht brannte, »ich hoff's, daß du nicht wieder kommst!« Und indem sie mit der Hand auf die Thüre wies, rief sie mit der größten Heftigkeit: »Geh! geh! geh!«
Forstner hatte die Thüre ergriffen, und wie von diesen Worten hinausgeschleudert, war er verschwunden.
VI.
Christine sah noch eine Zeitlang auf die Thüre, die Forstner hinter sich zugeschlagen hatte. Ein heroisches Gefühl glänzte auf ihrem Gesicht. Er war es nicht, der ihr den Abschied gegeben, sie war ihm zuvorgekommen, sie hatte ihn weggeschickt, sie hatte das Recht behauptet und ihre Ehre gerettet! Das Bewußtsein, dem Ungetreuen die Thüre gewiesen und ihn nach Verdienst behandelt zu haben, erfüllte sie mit süßem Stolz, und sie kostete diesen in der Aufregung des Sieges von Grund ihres Herzens.
Endlich trat sie zurück. Die Fluth ihrer Empfindung war gesunken und Gedanken tauchten auf, die andere Bilder vor ihre Seele riefen. Es war also aus mit ihm, wirklich aus und für immer! Und nun? -- Sie mußte wieder in die Heimath, in ihr Dorf zurück. -- Wie sie diese unausweichliche Nothwendigkeit zum erstenmal klar erkannte und die Folgen überschaute, fühlte sie einen kalten Schauer im Herzen und sank erschöpft auf einen Stuhl.
Wir wissen, Christine besaß einen Ehrgeiz -- eine Art desselben, die auf dem Lande häufig vorkommt: den Ehrgeiz, der sich Andern möglichst immer in Würde und Wohlergehen darstellen und dem ganzen Dorfe damit Respekt einflößen will. In volkreicher Stadt kann man leicht dahin kommen, nach der Meinung Anderer gar nichts mehr zu fragen, weil diese Andern eben zum größten Theil Fremde sind und die Befreundeten keine Zeit haben, sich mit Einem viel abzugeben. Auf dem Dorf hingegen, wo man Alle kennt und von Allen gekannt ist, bildet sich natürlich das Verlangen aus, auch von Allen geachtet zu sein. Man wahrt die Außenseite, man »prangt,« man fragt sich bei einem absonderlichen Vorhaben in der Regel, was die Leute dazu sagen werden, man fürchtet sich vor dem Schaden, aber häufig mehr noch vor dem Spott, der dem Schaden folgt. Diese Rücksicht auf Andere kann zur Schwäche werden und macht gar oft auch kleinlich und lächerlich; aber auf der andern Seite ist sie die Mitursache guter Sitte, rechtmäßigen Handelns und stattlicher, angenehmer Lebensformen. Der Kenner des Dorflebens wird sie auf ihre Stelle beschränkt, aber gewiß nicht vertilgt, ja nicht einmal gemindert wünschen.
In Christine war eine starke Dosis dieses Triebes, und wie wir gesehen haben, war da, wo ihr Herz gewonnen wurde, immer auch ihr Ehrverlangen mit im Spiele; der Reiz des Glanzes wirkte mit dem der Schönheit und Liebenswürdigkeit zusammen auf sie. Dieses Ehrverlangen bezog sich aber gerade auf ihr Dorf, gerade auf ihre Freunde und Bekannte. In ihren Augen hervorzustrahlen war ja ihr Streben, ihr beglückendster Gedanke. Und nun sollte sie, die das Vaterhaus ehrenvoll und beneidet, an der Seite des Bräutigams verlassen hatte -- sie, die Gesuchte, Gefeierte -- sie sollte zurückkehren als eine, die den Laufpaß bekommen (denn das war und blieb sie in den Augen der Leute trotz ihres Redens), sie sollte zurückkehren beschimpft und erniedrigt für ihr ganzes Leben! Sie sollte vor ihren Vetter treten als eine Verschmähte, die Mitleid und Geringschätzung einflößen mußte! Sie sollte vor ihre Mutter treten in Schmach und Schande -- vor die gute Mutter, deren Stolz und einzige Freude sie gewesen, die keine Ahnung hatte von ihrem Unglück und in kurzem ihren »Ehrentag« mitzufeiern hoffte! -- Sie sollte den Spott und die übeln Nachreden der bösen Zungen über sich ergehen lassen! Sie sollte erleben, wie man mit Fingern auf sie zeigte, sollte es in ihre Ohren hören, wie man sagte: »Da seht sie, die so hoch hinaus wollte! Nun ist sie wieder da! Ihr Stadtlehrer hat sie fortgeschickt, und nun mag sie auch kein ehrlicher Bauernbursch mehr!«
Die Erlebnisse der letzten Tage hatten das Mädchen im Tiefsten erregt, ihre Seele gerüttelt und geschüttelt, ihr Gefühl krankhaft gereizt. Wie sie nun bei der Vorstellung, so kläglich in ihre Heimath zurückkehren zu müssen, alle Marter empfand, welche die Schmach der Niederlage dem Ehrgeiz auferlegt, da folgte auf den heroischen Stolz, den die Verabschiedung des Bräutigams in ihr erweckt hatte, der Zweifel, das Zagen, die Reue. Hab' ich auch wirklich Ursache gehabt, ihm aufzukünden? Bin ich nicht zu hitzig gewesen? Hab' ich nicht am Ende unrecht gesehen und gemeint, er wolle mit mir brechen, bloß weil ich in der Zeit davon habe schwatzen hören? Kann er nicht bloß übler Laune gewesen sein, und sind meine Antworten nicht am Ende so ungeschickt gewesen, daß er nicht anders konnte als zornig werden? -- Solche Fragen traten in ihr hervor und konnten es wohl; denn ein Dorfmädchen ist an eine derbere Sprache und Handlungsweise von Jugend auf gewöhnt und mußte die vernommenen Schmähworte nicht für so beweiskräftig halten als eine gebildete, zarte Städterin. In ihrer Gemüthslage wurden ihr nun auch die andern deutlichen Zeichen wieder zweifelhaft, und als sie bedachte, daß sie das Elend, welchem sie entgegen ging, hätte vermeiden können, da wandelten sie wieder Schrecken und Verzweiflung an. Sie raffte all ihre Kraft zusammen und überlegte, wie Forstner sich die letzte Zeit her und heute gegen sie benommen. Endlich aber rief sie fest und entschlossen: »Nein, ich hab' mich nicht getäuscht! Nein, ich hab' recht gehandelt! Was ich gethan hab', das hab' ich thun müssen -- ich hab' ein gutes Gewissen -- und nun mag mir's auch gehen, wie's will!«
Sie stand auf, in der Meinung zur Base hinunterzugehen, denn es war noch nicht die gewöhnliche Schlafenszeit. Allein sie fühlte sich überaus müde, die Glieder zitterten ihr. Sie hielt es für besser, sich niederzulegen.
Ihr Schlaf war unruhig, sie fuhr mehrmals auf in schweren Träumen. Als sie Morgens erwachte, waren ihre Glieder wie gelähmt, ihr Kopf brannte, die Zunge klebte ihr am Gaumen. Sie war krank -- ein Fieber hatte sie ergriffen.
Die Base, die sie vergebens zum Frühstück erwartet hatte, ging hinauf, um nachzusehen. Sie wußte noch nicht, was geschehen war. Gestern hatte sie freilich ein paarmal die Stimmen herunter gehört und auf einen Wortwechsel geschlossen; aber das war ja schon öfter vorgekommen, und da Forstner ruhig aus dem Hause, Christine zu Bett gegangen war, so glaubte sie nicht an einen Ausgang, wie er stattgefunden hatte.
An's Bett des Mädchens getreten, erkundigte sie sich theilnehmend nach ihrem Befinden. Christine erklärte sich für unwohl und erzählte ihr alles. Die gute Frau war tief betroffen. »Ich hab' mir's gedacht,« rief sie aus, »aber nun bin ich doch erschreckt! Was wird deine Mutter dazu sagen, die an so etwas gar nicht denkt? Ich muß ihr's zu wissen thun, Alles und Jedes, und das heute noch.« -- Christine verbot das. »Ich will's selber thun, wenn ich wieder auf bin -- ich allein kann's recht thun.« -- »Aber wenn du ernstlich krank würdest,« entgegnete die Base, »wenn du --« -- »Sterben würdest, meinen Sie? Das wäre vielleicht das Beste für mich; aber eben darum glaub' ich nicht daran. Wenn Gefahr kommt, dann können Sie schreiben, aber jetzt nicht -- Ihre Hand darauf!« -- Die Base beruhigte die Kranke durch ein ausdrückliches Versprechen und ging hinunter, einen Arzt holen zu lassen.
Dieser kam und erklärte den Zustand des Mädchens für den Anfang einer Krankheit, vor deren ernstlichem Ausbruch sie vielleicht noch bewahrt werden könnte. -- In Befolgung dessen, was er vorschrieb, und im strengster Diät verging eine Reihe von Tagen. Zuletzt siegte die gute Natur des Dorfkindes, das Fieber wich, ihr Blut wurde ruhiger, ihr Appetit regte sich wieder, sie erholte sich und hatte das Gefühl der Genesung, jenes leichte, süße Gefühl, um dessentwillen es wohl der Mühe werth erscheint, eine Krankheit ausgehalten zu haben. In der Genesung ist von dem Zustande des Leidens nichts mehr übrig, als eine körperliche Schwäche, in der ein innerliches Leben um so reicher sich entfalten kann, eine Schwäche, die alle Gefühle mildert und uns die ganze Welt in sanftem Licht erscheinen läßt. Und zu dieser Poesie der Krankheit gesellt sich eine stille Lust des Aufstrebens und Fortschreitens zu neuem Wohlsein und Glück, das ahnungsreich vor der Seele webt. Der Genesende kann nicht verzweifeln. Auch nach dem größten Verlust muß er wieder hoffen auf eine Entschädigung, sei es auch nur die Kraft, den Verlust ohne Schmerz ertragen zu können.
Während Christine sich leiblich erholte, genas sie auch geistig. In ihrem stillen, helleren Seelenzustande sah sie zurück auf ihre Erlebnisse und dachte jenes Moments wieder, wo sie in ihrem Unglück eine gerechte Strafe erkannt und es in diesem Sinn willkommen geheißen hatte. Und es fiel ihr ein, daß sie später doch wieder verzweifelt war, als sie sich vorstellte, wie sie verachtet und verlassen zur Mutter heimkehren -- das heißt doch eigentlich: die heilvolle Strafe zu Ende dulden sollte. -- Sie lächelte ernst über sich selbst und sagte: »Ich hab's wieder vergessen gehabt! -- Das geht nicht auf einmal, wie's scheint!« -- Nun faßte sie aber in Wiederholung jener Anschauung den Entschluß, alles zu dulden, was an Schmach und Beschimpfung über sie verhängt sein sollte. Und nun konnte sie hoffen zu triumphiren, denn zu ihrer Erhebung und Selbstüberwindung half ihr die Natur.
In ihrer Leidenszeit hatte sie die sorgsamste, wir können sagen liebevollste Pflege erfahren, und diese setzte sich während ihrer Genesung fort. Die Base und der Vetter thaten alles, was in ihren Kräften stand. Susanne war wie verwandelt, ganz Aufmerksamkeit und Güte für sie, und nichts schien sie mehr zu beglücken, als wenn ihr Christine freundlich die Hand gab und sie dabei mit erkenntlichem Blick ansah. Auch Mamsell Adelheid kam täglich, sich zu erkundigen und sie zu trösten. Die Vornehmheit der Lehrerin war verschwunden und hatte ganz einer würdigen, mütterlichen Theilnahme Platz gemacht. Auf Christine in ihrer jetzigen Weichheit machte das alles einen rührenden Eindruck. Mit Thränen im Auge sagte sie sich: »Die Menschen sind doch viel besser, als man denkt! Man sollte eigentlich niemand für schlecht ausgeben, sondern warten, bis er wieder gut wird.« Sie dachte daran, daß auch die Leute in ihrem Dorf nicht so schlimm sein würden, als sie sich zuerst vorgestellt, und der Gedanke der Heimkehr verlor auch aus diesem Grunde mehr von seinem Peinlichen und Schreckhaften.
Wenn sich übrigens Mamsell Adelheid in der That über Erwarten theilnahmvoll gegen ihre Schülerin erzeigte, so war sie damit noch nicht ein Muster von Zartheit geworden, und dem Drange, Gericht zu halten über irgend jemand, konnte sie nicht unbedingt widerstehen. -- Eines Vormittags kam sie mit hastigeren Schritten als gewöhnlich in die Stube, wo sich die Reconvalescentin befand, und man sah gleich, daß sie etwas Wichtiges auf dem Herzen hatte. Sie zögerte nicht, es los zu werden, und rief nach ihrem Gruße der anwesenden Frau Kahl zu: »Nun, liebe Frau Base, haben Sie's auch schon gehört? -- Ich habe manches erlebt in der Welt, aber das geht doch über alle Begriffe! So schnell -- und in dieser Zeit! Nein, für so schlecht hätt' ich diesen Menschen doch nicht gehalten!« -- »Was gibt's denn?« fragten Christine und die Base zu gleicher Zeit. Adelheid sah theilnehmend auf das Mädchen und sagte: »Sei froh, Christine, und wünsche dir Glück, daß du ihn nicht bekommen, daß du ihn noch zu rechter Zeit kennen gelernt hast! Besser vor der Hochzeit als nachher!« -- »Ah so,« erwiederte das Mädchen, indem eine leichte Röthe über ihr blasses Gesicht flog; »nun kann ich's errathen! Er hat sich mit ihr versprochen?« -- »Das hat er gethan, gute Christine, und zwar an demselben Tag, wo du im ärgsten Fieber lagst.« -- Frau Kahl sah die Mamsell vorwurfsvoll an und rief: »Das hättest du nicht sagen sollen! Wenn sie nun wieder schlimmer wird?« Aber Christine hatte sich von dem Canapee, worauf sie gesessen, rasch erhoben und rief: »Nein, das macht mich gerade gesund!« -- Sie sah in der That genesen aus und athmete leicht, als ob sie von einer großen Last befreit worden wäre.
Und das war sie. Die Meldung hatte sie befreit von der letzten Ungewißheit in Bezug auf den Lehrer, von dem letzten Grunde, sich selbst mit der Vorstellung einer übereilten Handlung zu quälen. Was sie gedacht hatte, war nun bewiesen. Wenn er nur von ihr weggehen und mit jener sich versprechen konnte, dann hatte er schon lange keine Liebe mehr zu ihr, sondern zu jener; dann war er mit der Absicht zu ihr gekommen, Händel zu suchen, um sie los zu werden; dann hatte sie ganz recht gehandelt und das beste Gewissen. Nun war sie frei von ihm ganz und gar; sie war frei von Achtung und Liebe zu ihm, sie war frei von Haß gegen ihn und von Eifersucht gegen sie. -- »Mag er glücklich sein! mögen sie glücklich sein alle beide!« das waren ihre Gedanken. -- Wen man nicht achtet, den kann man nicht hassen und nicht beneiden. Man fühlt ihn unter sich und machtlos und dürftig bei allem äußern Glück.
Christine erklärte sich für gesund. Der Arzt, der bald darauf im's Zimmer trat, bestätigte dieß und erlaubte ihr, an einem der nächsten Tage nach Hause zu reisen.
In einer Stimmung, die ihr selber auffiel, mit einer Ruhe, die nur selten durch lebhaftere Empfindungen unterbrochen wurde, machte sich Christine zur Heimkehr bereit. Sie schloß mit ihrem Stadtleben ab und hatte das Gefühl eines Wanderers, der sich nach langem Irrgehen wieder zurecht findet. Er hat Zeit und Mühe verloren, er wird zu spät kommen, aber er ist doch wieder auf dem rechten Weg.
Nun war die Zeit gekommen, den Brief an ihre Mutter abzufassen. Sie meldete kurz, was in den letzten Wochen geschehen war, fügte aber dann Alles hinzu, was sie für die Mutter Tröstliches zu sagen wußte. Sie hob hervor, daß sie für die Stadt nicht passe, daß sie mit Forstner nie glücklich geworden wäre und dem Himmel danken müsse, noch zu rechter Zeit seinen Charakter kennen gelernt zu haben. Sie unterstrich die Nachricht, daß sie ~ihm~ aufgesagt habe, und daß sie ihn nicht mehr gemocht hätte, wenn er auch wiedergekommen wäre. Jetzt sei er mit seiner Wilhelmine versprochen, und das sei gut, denn die beiden taugten für einander und wären einander werth. Sie selber habe ihren Entschluß gefaßt, sie wolle nach Hause gehen und mit der Mutter überlegen, was zu thun sei. Glücklich wolle sie nicht mehr werden, aber verzagen wolle sie deßwegen auch nicht. Sie wolle schaffen und arbeiten, wie sie's gelernt habe, sie wolle ihre Schuldigkeit thun und als ein rechtschaffenes Mädchen leben und sterben.
Vorsichtshalber trug sie den Brief selber auf die Post. Durch die Aufschrift hatte sie dafür gesorgt, daß er sicher einen halben Tag vor ihrer Ankunft in die Hände der Mutter gelangte.
Als sie am zweiten Morgen nach ihrer Wiederherstellung aufgestanden war, ging sie im Unterkleid zu der alten Commode, zog das oberste Fach heraus und lächelte, mit einer seltsamen Mischung von Freud und Leid. Die Bauernkleider, in denen sie hergekommen war, lagen darin. Sie nahm ein Stück nach dem andern heraus, betrachtete sie, als sie auf dem Tisch ausgebreitet waren, mit einer Art von Feierlichkeit, und kleidete sich damit an. Als sie fertig war und in den Spiegel sah, schüttelte sie erst den Kopf, dann hing sie mit zufriedenen Blicken an dem Bild. Die Kleider waren ihr zu weit geworden und kamen ihr so im ersten Moment doppelt ungewohnt vor. Aber es waren doch die Kleider, in denen sie schöne Tage gesehen hatte -- jetzt das Wahrzeichen einer verständigen Umkehr und eines neuen Lebens.
Groß war die Verwunderung, als sie in diesem Anzug, allen unerwartet, in die untere Stube trat. Und sie minderte sich nicht, als die kaum Genesene der Base erklärte, da das Wetter so gut sei, wolle sie nicht nach Hause fahren, sondern gehen. An ihrer Krankheit sei Schuld gewesen, daß sie sich zu wenig Bewegung gemacht habe; das Gehen würde ihr gesund sein und sie würde sich's jetzt um keinen Preis abkaufen lassen. Alle Einreden der Sorglichkeit waren umsonst, und man fügte sich endlich in ihren wiederholt erklärten Willen.
Nach dem Frühstück nahm sie die Base mit auf ihre Stube, wo ihre Stadtkleider in drei verschiedenen Partien auf dem Canapee lagen. Sie bat ihre Verwandte, die erste mit den werthvollsten Stücken zum Andenken von ihr anzunehmen und die beiden andern der Mamsell Adelheid und der Susanne zu übergeben. Das Sträuben der guten Frau wurde überwunden und die Einwilligung erzwungen. Die Geschenke, die sie von Forstner erhalten hatte, lagen auf einem Ecktisch. Sie nahm der Base das Versprechen ab, ihm alle zusammen heute noch in's Haus zu schicken. Wenn er dafür die ihrigen zurücksende, so bäte sie den Herrn Vetter, sie zu behalten. Sie würde kein Fäserchen von diesem Manne bei sich dulden können. -- Die Kiste, in der sie ihre Habseligkeiten vom Dorf mitgebracht hatte, stand bepackt in einer Ecke. Man sollte sie dem Fuhrmann übergeben, der am folgenden Tage die Stadt passirte. Es blieb nichts mehr übrig, als von der letzten Geldsendung der Mutter die kleine Schlußrechnung der Base zu bezahlen. Dieß geschah, und das Landmädchen war fertig mit der Stadt.
Es war nach neun Uhr, als sie der kleinen Zahl ihrer städtischen Bekannten Lebewohl sagte. Die gute Frau Kahl und Susanne weinten, der Vetter hatte feuchte Augen und Mamsell Adelheid widerstand mit Mühe dem Drang ihres Gefühls. Christine war über diese Zeichen wahrer Theilnahme zu erfreut, um gleich den andern weich werden zu können. Sie gab allen die Hand, sah mit glänzenden Blicken der Liebe und des Dankes auf sie, und jetzt endlich standen Thränen auch in ihren Augen. -- »Lebwohl, lebwohl, du gutes, liebes Kind!« rief die Base, indem sie ihre Hand zärtlich gefaßt hielt. »Du hast hier keine guten Tage gehabt, du hast viel gelitten; aber dir wird's auch noch gut gehen!« -- »Mir wird's gehen, wie ich's verdiene,« erwiederte Christine, »und anders verlang' ich's nicht!«
Wenige Minuten später, und sie ging allein, wie sie sich's erbeten hatte, durch die Hauptstraße der Stadt. Ein paar Vorübergehende kannten sie, starrten sie an und sahen ihr kopfschüttelnd nach. Christine that, als ob sie nichts gemerkt hätte, und ging ruhigen Schrittes weiter; aber doch war sie froh, als sie die Stadt endlich hinter sich hatte.
Es war in der zweiten Hälfte des März und der Tag wie zu einer Fußwanderung geschaffen, Frühlingsanfang, nicht nur dem Kalender nach, sondern in der That. Der Winter hatte schon seit einigen Tagen weichen müssen, der Lenz hatte das Feld behauptet, und schmetternde Lerchen verkündeten seinen Sieg dem Himmel und der Erde. Die Luft war milde, die Sonne von leichten Wolken umzogen, so daß ihr Schein durchdringen konnte, wenn auch nicht ihr Bild, und der Weg trocken, hie und da noch gefeuchtet und weich, dort schon bedeckt von Märzenstaub. Und Gras und Laub, welche dieser bringen soll, waren reichlich verheißen in dem frischeren Grün der Wiesen, in den Knospen der Bäume und Gesträuche.
Christine wanderte still weiter, die Straße weiter, auf welcher sie hergefahren war und die sie nun zum erstenmal wieder sah. Ihr Mund sog die lau frische Gottesluft ein, ihre Augen schweiften umher auf dem Feld und den Waldstücken, die in der Landschaft hervortraten, und ihr Gesicht ward heller und freundlicher bei diesem Anblick. Bald fühlte sie sich wieder hineingezogen in ihr Inneres, sie überließ sich den Gedanken ihrer Seele und ging dahin, wie eine, die im Traume wandelt.
Ein Rieser Bauernmädchen ist im benachbarten Frankenlande nichts Seltenes und kann schon darum nicht bemerkenswerth erscheinen, weil ihre Tracht von der dortigen ländlichen nur wenig unterschieden ist. Aber Christine hatte in ihrem Wesen etwas, das auffallen mußte und wirklich auffiel. Die Landleute, die ihr begegneten, der Steinklopfer am Wege sahen sie an und grüßten sie theilnehmend. Als einer sie nach erhaltenem Dank fragte: »Wohin denn noch heute?« und mit sanfter Stimme die Antwort erhielt: »In's Ries,« da betrachtete er sie noch einmal genau, bevor er weiter ging, schien aber doch nicht mit sich einig werden zu können, was er aus ihr machen solle.