Part 20
Forstner hatte sich an jenem Abend geradeswegs zu Dobler begeben, um dort, wo nicht Aufheiterung, doch Zerstreuung zu finden. Das Band, das ihn an Christine knüpfte, beruhte nur noch in dem Versprechen, das er ihr gegeben und in einer Mischung von Gewissenhaftigkeit und Zaghaftigkeit, es zu brechen. Die Liebe und die auf sie gegründete Achtung waren aus seinem Herzen entflohen; die Hoffnung auf eine Aenderung war aufgegeben. In der Klemme, in der er sich befand, konnte er einer theilnehmenden Erkundigung von Seiten Wilhelminens nicht widerstehen; er erzählte den Auftritt mit der Verlobten und machte seinem Herzen in Klagen Luft. Das Herz der Bewerberin klopfte; aber sie hielt ihre Empfindung stark zurück und war so klug, mit bedauernder Miene Trost und freundschaftlichen Rath zu ertheilen. »Zwingen Sie das gute Kind nicht, zu uns zu kommen,« sagte sie mit sanfter Stimme, »und haben Sie Geduld mit ihr. Wenn man von Kindheit an auf dem Land gelebt und sich an seine Manieren gewöhnt hat, da fällt's einem schwer, sich in andere zu finden. Lassen Sie ihr Zeit dazu.« Forstner seufzte. »Ich will Geduld haben, ich muß es, denn es ist das Einzige, was mir übrig bleibt. Ich hab' mich mit ihr versprochen, sie ist meine Braut -- ich muß sie nehmen, wie sie ist.« -- Für Wilhelmine hatte diese Erklärung viel mehr Ermuthigendes als Niederschlagendes. Sie erwartete neue, heftigere Auftritte zwischen den Verlobten, und in Folge davon die Auflösung des Verhältnisses.
Zunächst kam es doch weder zu dem Einen, noch zu dem Andern. Forstner hatte eben in der Resignation, die sich nun auf alle seine früheren Erwartungen ausdehnte, wieder die Ruhe gefunden, seinen Unterricht und seine Unterhaltung mit Christine, äußerlich und obenhin, fortzusetzen. Er that es, weil er angefangen hatte, weil die Zeit ausgefüllt werden mußte; einen innern Grund gab es nicht mehr. Es waren graue, leere Tage der Unentschiedenheit, des Hinwartens, des Gehenlassens. In der Verlobten der stille Trotz, in Forstner die Gleichgültigkeit. Nur selten und nur auf Momente thauten die Herzen ein wenig auf. Wenn er ihr aber dann auch die Hand reichte, so fühlte sie doch nicht mehr den Druck der Liebe, und wenn er ihr zum Abschied einen Kuß gab, so war es eben eine Ceremonie, ohne wahres Verlangen ertheilt, ohne Glauben empfangen.
Dieser Stand der Dinge konnte den Hausgenossen und Bekannten des Mädchens natürlich kein Geheimniß bleiben. Man zeigte bedenkliche Mienen, man schüttelte den Kopf, und auch die Magd Susanne und Mamsell Adelheid konnten sich nicht enthalten, zuweilen mit Blicken wirklichen Bedauerns auf sie zu sehen. Man erfuhr, daß der Lehrer immer häufiger zu Dobler komme; man sah Wilhelmine vergnügt und stolz über die Straße gehen, wie Eine, die ihrer Sache gewiß ist, und man erwartete nicht anders, als daß es in kurzem heißen werde: der Herr Forstner hat dem Bauernmädchen abgeschrieben.
Daß diese nach und nach zur Ueberzeugung gewordene Ansicht im Gespräch mit Christine durchschimmerte, und die Andeutungen, die man gab, nicht so fein waren, um nicht verstanden werden zu können, begreift sich. Die Base hielt es für ihre Pflicht, noch weiter zu gehen und ihrer Verwandten geradezu mitzutheilen, was man in der Stadt über Forstner und sein Verhältniß zu Wilhelmine sagte. Christine sah sie einen Moment an; dann erwiederte sie: »Ich kann es nicht glauben. So schlecht handelt er nicht an mir!« -- Sobald sie aber von der Tagesarbeit frei war, suchte sie die Einsamkeit ihrer Stube auf. Sie dachte über die Möglichkeit nach, daß es wirklich aus sein könne zwischen ihr und ihrem Bräutigam -- aus für alle Zeit. Wird er es thun? wird er sein Wort brechen? wird er mich -- -- Der Gedanke, verschmäht und verlassen zu werden, trat zum erstenmal in vollster Bestimmtheit vor ihre Seele. Und so sehr sie durch Alles, was sie bisher erfahren, darauf hätte vorbereitet sein müssen, sie empfand nun doch alle Pein und alle Bitterkeit desselben.
In jenem schönen Winter, in welchem sie die Bekanntschaft des Lehrers gemacht hatte, war sie von seiner Liebenswürdigkeit in Wahrheit bezaubert und seiner Bewerbung zuletzt in leidenschaftlichem Verlangen entgegengekommen. Sie war an die Vorstellung gewöhnt, ihm zu gehören und ihm treu sein zu müssen, und ihre Liebe hatte alle Anfechtungen bestanden, die sie in den letzten Monaten erfahren. Als sie nun in ihrer einsamen Erwägung zu dem Schlusse kam: ja, er bricht sein Wort, er verläßt dich, er nimmt ~sie~ -- da flammte mit dem Schmerz auch all ihre Liebe und Leidenschaft wieder auf. Sie fühlte ein glühendes Verlangen, ihn wieder zu gewinnen, ihn zu halten, und sie fragte sich mit angstvoller Seele, wie sie's anfangen solle, das Unglück und die Schande abzuwenden, die ihr drohten. Sie wollte Alles thun, was in ihren Kräften stand, sie wollte lernen, wollte in Gesellschaft gehen, wollte sich Tadel und Spott gefallen lassen. Sie wollte dem Bräutigam ihre Schuld bekennen, wollte ihn bitten, sie auf die Probe zu stellen und ihr das Schwerste aufzugeben. -- Wie sehr sie sich aber zu Allem bereit fühlte und welche Wirkung sie sich von ihren Anerbietungen auf ihn versprach -- es wollte kein Vertrauen in ihr Herz kommen. Mitten in der Selbstermuthigung rief es in ihr: er liebt dich nicht mehr -- er schätzt dich nicht mehr -- du bist ihm nicht mehr gut genug! -- Sie sah vor sich hin und athmete hörbar. Es war die Bewegung der Angst, verbunden mit dem Gefühl der Ohnmacht, welche die Brust der Verlassenen regelmäßig hob und senkte. Es waren Verzweiflung und Ergebung, die ihr Herz erfüllten -- Verzweiflung an ihrem Glück, Ergebung in ihr unvermeidliches Elend.
Nach und nach war es dunkel geworden. Die Stille der Nacht wirkte heimlicher auf das verwundete Gemüth, als die Oede des grauen Tages. Die Ergebung wuchs in dem Herzen der Unglücklichen; sie wurde ruhiger, gefaßter. Sie fühlte sich in ihrer dunkeln, einsamen, lautlosen Stube der Welt, die ihr so viel Schmerzen gemacht hatte, entrückt und vor ihren Angriffen gesichert. Ihre Seele wurde frei zu Vorstellungen, die mit ihrem Leide zusammenhingen und traurig waren, aber doch auch etwas Wohlthuendes hatten.
Unwillkürlich summte sie ein Lied, und ein schmerzliches Lächeln ging über ihr Gesicht. Es war eines der schönsten Volkslieder, das ihr in den Sinn kam, ein Lied der Liebe und des Leids, der schlichten Entsagung und der Erhebung zu einer ahnungsvollen Vision. Im Schwabenlande heimisch und verbreitet, hatte es Christine schon in ihrer frühen Jugend gelernt. Da war es freilich nur ein Lied mehr für sie, das unter andern gesungen wurde; aber schon damals verfehlte es auf einem einsamen Gange oder in der Stille der nächtlich erhellten Stube seines Eindrucks nicht. Jetzt sang sie es mit tiefer Empfindung und jedes Wort hatte Bedeutung für sie:
Jezt gang i an's Brünnele, trink aber net: Da such' i mein herztausenda Schatz, find'n aber net,
Da laß i meine Aeugelein rund ummi gehn, Da seh i mein herztausenda Schatz bei'm Andre stehn.
Und bei'm Andre stehn sehn, ach das thut weh! Jezt b'hüt di Gott, herztausender Schatz, seh di nimmermehr!
Jezt kauf i mir Federn und Dint' und Papier, Und schreib mei'm herztausenda Schatz einen Abschiedsbrief.
Jezt leg' i mi nieder auf Heu und auf Stroh, Da fallen drei Röselein mir in den Schooß.
Und diese drei Röselein sehn blutigroth; Jezt weiß i net, lebt mei Schatz oder ist er todt!
Ihre Augen waren feucht geworden bei dem Lied; aber wer sie gesehen, würde doch einen Glanz darin bemerkt haben, der noch etwas anderes ausdrückte als Verlust und Schmerz. Das Gebilde der Poesie hatte seine Wirkung geübt; das Leid war der Bedrängten gegenständlich geworden und ihre Seele hatte eine Macht darüber erlangt, die immer einen gewissen Trost mit sich führt. -- Die Trauer verschwindet freilich nicht in einem solchen Falle, sie erhält nur ein milderndes Licht, und das Gemüth wird fähig, ihren Gegenstand ruhiger und wie von einer höheren Sphäre herab anzusehen.
»Und bei'm Andre stehen sehn, ach, das thut weh!« wiederholte sie und setzte hinzu: »Ja, das erfahr' ich nun auch, wie es schon manches erfahren hat!«
Sie versank in Stillschweigen. Sie hatte an ihren guten Vetter gedacht und fühlte nun plötzlich auf's genaueste, wie es ihm gewesen und was er gelitten. -- Ihre eigene Richterin, nickte sie zu wiederholten Malen traurig ernst mit dem Haupte und sagte: »Du guter Hans -- du hast's auch erfahren -- und ich bin daran Schuld gewesen! Ich hab' deinem treuen Herzen weh gethan, hab' deine Lieb' und Freundschaft mit Undank vergolten!« -- Sie folgte einem innern Drange, sich vorzustellen, wie es damals gewesen, und wie sie jetzt ihr Leid empfand, sah sie ihr damaliges Unrecht im hellsten Licht und auf eine Weise, daß das Bild davon in ihrem Geiste blieb und nicht wieder ausgelöscht werden konnte. Sie übertrieb ihre Schuld und empfand eine Lust, sich damit zu strafen und zu quälen. »Ja,« sagte sie, »ich hab' gewußt, wie du gesinnt warst gegen mich, ich hab' gewußt, daß du der beste Mensch bist von der Welt -- eine so treue, grundgute Seele, wie mir keine sonst vorgekommen ist! Du hast an meiner Mutter gehandelt wie ein Sohn, und an mir wie ein Bruder, und wir haben deine Wohlthat angenommen, als hätten wir ein Recht darauf -- und zum Lohn dafür hab' ich dich betrogen und an der Nase herumgeführt. Du warst mir der Gutgnug, wenn kein anderer da war; sobald ein anderer kam, ließ ich dich fahren! Ich hab' damals zu mir gesagt: »Warum redet er nicht? Er ist selber daran Schuld.« Aber jetzt erkenn' ich, was das für eine elende Ausrede gewesen ist! Als ob ich nicht gesehen hätte, wie du's mit mir gemeint, als ob ich nicht in dein Herz gesehen hätte und in jedes Winkele davon! Ich hab' gewußt, daß du mich lieber hast als alles in der Welt, und ich hab' dir das Maul gemacht eine Zeitlang, und dann bin ich dir untreu geworden, weil der andere schöner und geschickter und vornehmer war, und weil er besser schwätzen und schmeicheln konnte. Und wenn ich mich dann auch ein wenig geschämt hab', so hab' ich's doch bald wieder vergessen und hab' gethan, als ob nichts vorgefallen wäre. O, ich hab' schlecht gehandelt -- schlechter als manche, die in's Zuchthaus gekommen ist! Aber ich hab' meine Straf' auch gekriegt! So hat's mir gehen müssen, das hat mir gehört -- und ich darf mich nicht beklagen, nein, und ich will mich auch nicht beklagen. Ich würde nur eine neue Sünde begehen, wenn ich's thäte, und ich hab' an denen genug, die ich begangen habe.«
Während dieser Anrede, die sie an den guten Vetter und sich selber hielt, waren ihr Thränen in die Augen getreten und herunter gelaufen über ihre Wangen, die Worte begleitend, die ihr vom Munde gingen. Endlich behaupteten sie allein das Recht und flossen reichlich und lange und begossen die Saat einer neuen Erkenntniß.
Das Bauernmädchen hatte den Unterricht eines andern Lehrers empfangen, als der gute Forstner ihr sein konnte. Die wahren Einsichten, die fruchtbar sind und Macht und Gewalt haben, in ein neues Leben zu führen, werden dem Menschen nur durch Schicksale, die er erdulden muß, durch Schmerzen, die über ihn verhängt werden und ihm die Augen öffnen. Das Unrecht, was wir gethan, wird uns dann klar durch das Unrecht, das wir leiden. Haben wir damit aber die Kraft erlangt, uns selber zu richten, dann wird uns eben die Strafe und die Buße zur Staffel, auf der wir hinansteigen können zu einem höheren Leben. Wo nichts ist freilich, da kann auch nichts herauskommen; aber für diejenigen, die, wenn auch unter eiteln und selbstsüchtigen Trieben, den Stoff zur Erhebung in sich bergen, für diese ist die Züchtigung im eigentlichsten Sinn ein Werk der Liebe -- das einzige Mittel ihrer Rettung.
In Christine lag ein Keim, der sich der rettenden Hand darbot -- ein Keim der Gutmüthigkeit, ein Keim der Fähigkeit, Reue zu fühlen und sich selber das Urtheil zu sprechen. Sie hatte ihr Leid verdient, in Wahrheit verdient; aber jetzt, nachdem sie es getragen, verdiente sie auch seine Hülfe und sein Heil.
Als sie ausgeweint hatte, fühlte sie eine Stille in ihrem Gemüth, die sie vorher nie gekannt, eine Stille nicht blos gedankenlos ruhigen Lebens, sondern vereint mit klarer Anschauung ihres Seelenzustandes. Sie athmete leicht, als ob sie eine Last abgeworfen hätte; ihre Züge waren verwandelt, sie waren lichter und geistiger geworden. Sie war gefaßt auf alles, was ihr begegnen mochte. Was über sie kam, es war gut, und vielleicht nur um so besser, je schlimmer und schmerzlicher es war.
Das ist die heilspendende Kraft, die in der wirklichen Erkenntniß, nicht in der bloß vorübergehenden Empfindung begangenen Unrechts liegt. Das Leid, das uns unerträglich schien und trostlos machte, nimmt, wenn wir eine gerechte Strafe darin erblicken, eine andere Gestalt, ein anderes Wesen an. Aus dem Gegner wird ein Helfer zur Freiheit, die wir durch Erduldung der Strafe gewinnen. Die Last, die uns zu Boden drückte, fällt in unsere Wagschale und hilft unsern wahren Feind aufwiegen. Und wir müssen segnen, wo wir geflucht, wir müssen lieben wo wir gehaßt haben.
Obwohl die äußere Lage unseres Dorfkindes gegenwärtig um vieles schlimmer war als in jener trüben Zeit vor den Feiertagen, so wurde sie doch nicht mehr ein Raub der Angst und Verzweiflung. Sie sah genau wie es stand und was sie zu fürchten hatte, aber sie blieb ruhig. Sie stellte sich vor, daß der Mann, dem zu Liebe sie das beste Herz beleidigt und für immer verloren, dem zu Liebe sie ihr Vaterhaus verlassen hatte, in die Stadt gezogen und ihrem Stand untreu geworden war, in den nächsten Tagen zu ihr kommen und sagen könnte: »es ist aus mit uns Zweien, wir taugen nicht zusammen, geh wieder heim in dein Dorf!« Aber wie groß die Schmach war, die ihrer dann wartete, und wie schmerzlich bei dem Gedanken, ihr ganzes Leben zerstört zu sehen, ihr Herz erzitterte, sie faßte sich doch wieder. Sie legte sich nieder und sank in dem Frieden der Ergebung in tiefen Schlaf.
Am andern Morgen erschien sie in der untern Stube mit einer Sanftmuth, und wir können sagen mit einer Würde in dem etwas blässeren Gesicht, daß es allen Hausgenossen auffiel. Es war unmöglich, ihr nicht mit Rücksicht zu begegnen. Die Reden beim Mittagessen waren darauf berechnet, sie zu erheitern und ihren Geist von ihren Zuständen abzulenken, und sie lächelte ein paarmal gutmüthig dazu. Selbst Vetter Kahl strengte sich an, eine Geschichte zu erzählen, die er für ergötzlich hielt, und freute sich an den Zeichen des Erfolgs. Das Verlangen der Schadenfreude, das die Magd früher empfunden hatte, war schon lange mehr als gesättigt. Was dem armen Bauernmädchen widerfuhr, war ihr gar zu arg, und da sie nun auch so freundlich, so bescheiden mit ihr sprach, so empfand sie wahres Mitleid mit ihr.
Als Christine Nachmittags allein in der untern Stube war, machte die Bekehrte sich an sie, und jene merkte gleich, daß sie etwas auf dem Herzen habe. Auf ihre Frage, was es Neues gebe, begann Susanne mit einer scharfen Kritik der Männer im Allgemeinen und fuhr dann fort: »Liebe Jungfer Christine, ich hab' mich besonnen, ob ich Ihnen sagen soll, was ich heute früh gehört hab'; aber es ist mir doch vorgekommen, als ob's besser wäre, wenn Sie es wüßten; denn wenn's wahr wäre und Sie es plötzlich erfahren würden -- vielleicht ist's aber nicht wahr, man schwätzt gar viel, wenn der Tag lang ist -- aber ich glaub' doch, es ist besser, wenn Sie's erfahren« -- -- »Nun,« fiel Christine ein, »was ist es denn?« Die Magd sah sie mit großem Bedauern an und erwiederte: »Ich hab' heut gehört, daß Herr Forstner mit der Mamsell Wilhelmine ganz im Reinen sei, daß sie sich heimlich schon mit einander versprochen hätten, und daß Sie sich gefaßt machen müssen, -- Sie verstehen« -- -- »Ja wohl,« entgegnete Christine. »Vorläufig ist das aber nur ein Gerede, das boshafte Leute ihm aufgebracht haben können. Ich werd' es nur dann glauben, wenn ich es von ihm selber höre!« -- »Es kann ja sein, daß nichts dahinter ist,« versetzte die Magd; »aber es kann auch Grund haben, und gewiß werden Sie mir's nicht übel nehmen --« -- »Durchaus nicht, gute Susanne,« erwiederte Christine, »ich dank' Ihr dafür. Mag kommen, was da will -- ich hoff' es mit Gottes Hülfe zu ertragen.«
Dem Herannahen der immerhin peinlichen Entscheidung vermochte das Mädchen doch nicht zu widerstehen. Ihr Geist konnte die Ruhe und Stärke nicht behaupten, die er erlangt hatte, und je weiter die Zeit vorrückte, je mehr klopfte ihr das Herz im Vorgefühl des Schlages, den sie für unvermeidlich hielt. Als sie in der Abendstunde, wo der Verlobte heute kommen sollte, in ihrer Stube saß, rang ihr Wille mit ihrer Aufregung, und als sie plötzlich seinen Tritt auf der Treppe hörte, war es ihr, als ob die Sinne ihr vergehen müßten.
Forstner trat ein und grüßte. Sie nickte nur mit dem Kopf und starrte ihn an, in der Meinung, daß die Worte, die sie sich selber schon gesagt hatte, ihm ohne Verzug vom Munde gehen müßten. Bald erkannte sie, daß sie sich getäuscht. Er nahm an ihrer Seite Platz, um den gewöhnlichen Unterricht fortzusetzen. Sein Gesicht hatte einen Ausdruck, als ob er Verdruß gehabt, aber den Vorsatz gefaßt hätte, sich nichts merken zu lassen. Doch sah sie wohl, daß er sich Mühe geben mußte, mit ruhigem und einigermaßen freundlichem Tone zu beginnen.
Forstner hatte sich nicht mit Wilhelmine verständigt. Was die Magd Susanne gehört, beruhte auf einer Annahme und einer darauf gebauten Versicherung. Er war freilich jeden Tag zu Dobler gekommen und Bruder und Schwester hatten ihn mit großer Klugheit nach der Forderung ihrer Absichten behandelt. Wilhelmine nahm an, daß er ihr eigentlich schon gehörte; sie hatte darum alle direkten Bestrebungen unterlassen, sich durchaus in der Rolle einer theilnehmenden Freundin gehalten und nur dafür gesorgt, daß ihre Kenntnisse, ihre Zierlichkeit nebst den schönsten Geistes- und Herzensgaben dem Verehrer immer deutlicher würden. Forstner war auch in der That ganz von ihr eingenommen: die feste Ueberzeugung, daß sie die Frau sei, die ihm durch ihren Geist und ihre Gaben zu Hause Freude, im Umgang mit Andern Ehre machen würde, hatte seine Bezauberung vollendet. Wenn er sich aber dachte, wie er mit Christine brechen sollte -- wenn er sich vorstellte, welchen Lärm es geben würde, sowohl hier in der Stadt als im Ries unter seinen und ihren Bekannten, dann konnte er doch nicht zu einem Entschluß gelangen. Er war talentvoll, der gute Forstner, strebend, klug und gewandt; aber ein Mann war er nicht und als Mann konnte er nicht handeln. Endlich nahm er sich in seiner Verlegenheit vor, mit Christine und ihrer Bildungsfähigkeit nochmal einen Versuch zu machen, nochmal zu prüfen, was ihr möglich sei oder nicht, und darnach einen Entschluß zu fassen. Mit diesem Gedanken war er heute gekommen.
Man sagt sich selbst, daß die letzte Zeit nicht darnach angethan war, unserer Christine die Schulaufgaben des Verlobten besonders wichtig erscheinen zu lassen und einen erhöhten Lerneifer in ihr anzufachen. Die innere Aufregung, die erfahrene Kränkung, das Nachdenken über die beängstigende Lage hatten ihr Herz und ihren Geist beschäftigt, und wenn sie Zerstreuung bedurfte, konnte sie diese nur in der Haus- und Handarbeit finden. In der innern Umwandlung, die an dem einsamen Abend mit ihr vorgegangen war, in der gewonnenen Einsicht in ihre Schuld, in der Erkenntniß, daß ihr nur mit demselben Maße gemessen würde, mit dem sie gemessen hatte, und in dem Troste, den sie daraus geschöpft, in der ganzen für sie tiefbedeutsamen Erfahrung dieser Tage war ihr der Bildungsflitter, mit dem sie gegen ihre Natur und ihre Bedürfnisse behängt werden sollte, in seiner ganzen Seelenlosigkeit und Armseligkeit erschienen, und es war ihr, trotz der wohlgemeinten Vorsätze, welche die Angst geboren hatte, nicht möglich geworden, auch nur ernsthaft daran zu denken.
Die Bildung ist, wie jeder wahrhaft Gebildete weiß, nur Gewinn, wenn sich die Materialien, die sie uns zuführt, organisch mit dem Geiste verbinden und, in sein Leben sich einfügend, ihn bereichern. Kommt es dazu nicht, bleiben diese Materialien ihm äußerlich, dann ist die Bildung nur eine sogenannte und Verlust, wie die Speisen, die den Leib nähren, wenn sie verdaut werden, unverdaut seine Schwächung und Verkümmerung herbeiführen. In solchem Falle ist es dann viel besser, jene Stoffe abzuweisen und in seinem Leben und seiner Einheit zu bleiben, in einer schlichteren, beschränkteren Einheit, aber in einer Einheit. Denn nur die Einheit gewährt ein Bild, und nur die Bereicherung, welche die Einheit festhält, verdient in Wahrheit den Namen der Bildung.
Christine sagte sich das freilich nicht, aber sie hatte ein Gefühl davon und sie handelte darnach. Voll von ihren Anschauungen und Gedanken, die wahrlich ohne Vergleich mehr Inhalt und Bedeutung hatten, konnte sie es nicht dahin bringen, von der gerühmten Weisheit des Pädagogen viel zu halten, und sie hatte darum wieder einen Theil der schon eingetrichterten, dem keine Verbindung mit ihrem Innern gelungen war, verdunsten lassen.
Der Lehrer, der sie auszufragen begann, sah bald, wie es mit ihr stand. Bei der ersten daneben treffenden Antwort, die er bekam, zuckte er und konnte nicht verhindern, daß der Blick, mit dem er sie ansah, eine ziemliche Dosis Geringschätzung enthielt. Er nahm sich indeß zusammen, um die Prüfung fortzusetzen. Er fragte nach einer geschichtlichen Thatsache, die er ihr schon wiederholt eingeprägt hatte. Christine wurde ängstlich; sie wußte, daß ihr das schon einmal bekannt gewesen, und da er nun doch wieder gekommen war und es am Ende nicht so bös meinte, als sie gefürchtet, so hätte sie ihn gar zu gern mit der richtigen Antwort erfreut. Je hastiger sie aber nach dem Abhandengekommenen suchte, desto weniger konnte sie es entdecken; sie mußte ihre Unwissenheit eingestehen. »Das wird gut!« sagte Forstner mit dem Ausdruck eines Mißmuths, der nur in Folge innerer Anstrengung nicht als erzürnte Heftigkeit hervortrat. Endlich richtete er eine Frage an sie, die mehr durch den Verstand als das Gedächtniß zu beantworten war. Christine, durch das Bisherige verwirrt, hatte ihn kaum gehört und gab in ihrer Confusion eine geradezu verkehrte Antwort. Nun war der letzte Rest von Kraft und Willen, den aufkochenden Unmuth zurückzuhalten, in ihm verzehrt, und es kam zum Ausbruch. Der Pedant, der die Perlen seiner Lehre so schlecht gewürdigt sah, fühlte sich beleidigt; die Unwissenheit und Unfähigkeit, die er in dieser Antwort erblickte, hatte tiefen Widerwillen in ihm erweckt; allein er folgte doch keineswegs bloß dem Drange dieser Empfindungen! Die Charakterschwäche, die nicht den Muth hatte, offen zu erklären: »wir passen nicht für einander und es ist gut, wenn wir uns trennen,« diese Schwäche sah die Möglichkeit, eine Auflösung des peinlich gewordenen Verhältnisses gelegentlich beizuführen, und zu dem empörten Gefühl gesellte sich nun instinktmäßig der Wille, diese Gelegenheit zu benutzen.