Part 19
Forstner hatte jedoch nur auf Eines resignirt bei Christine: auf ihre Geistesbildung. Die Hoffnung, daß sie das Benehmen lernen werde, mit dem sie in der Stadt als seine Frau durchkommen könnte, hatte er noch nicht aufgegeben. Und wenn seine Neigung zu ihr gesunken war, so bestand doch noch das Wort, das er ihr gegeben und das er sich nicht zu brechen getraute. Er faßte sich kurz und entwarf einen andern Plan. Er wollte nicht zuerst ihren Geist bilden und das feinere Benehmen als natürliche Folge davon erwarten; er wollte nun praktischer verfahren und sie in bessere Gesellschaft bringen, damit sie zunächst das Leichtere lerne. Stellte sie sich am Anfang auch ungeschickt, mit der Zeit lernte sie doch die nöthigen Formen, und es erfüllte sich ihm wenigstens Eine Hoffnung.
Nachdem er dieß beschlossen hatte, war auf die Frage: wohin zuerst? bald geantwortet. Welches Haus lag ihm zu jenem Zweck näher, als das seines Collegen? Von wem konnte die Verlobte mehr lernen als von Wilhelmine? Hatte die Mamsell (in jener Zeit mußte sich auch die Schwester des Stadtlehrers noch mit diesem Titel begnügen) doch zwei Jahre bei Verwandten in Nürnberg gelebt und war seit ihrer Zurückkunft eine Zierde der bürgerlichen »Erheiterung« ihrer Stadt! -- Christine konnte nun zeigen, ob sie für ihn auch etwas zu thun im Stande sei, und ob sie sich mindestens das Nothdürftigste anzueignen vermöge. Sie mußte ihm gehorchen. Ihr alles zu erlassen, ihr alles nachzusehen, das war nicht von ihm zu verlangen.
Er fragte bei Dobler an, ob er die Verlobte bringen dürfe, ob er Mamsell Wilhelmine nicht damit belästige? »Im Gegentheil,« erwiederte diese, »Sie machen mir die größte Freude.« -- Und das war ganz richtig. Sie empfand die größte Freude, sich neben dem Dorfmädchen sehen zu lassen, ihre Ueberlegenheit beweisen und sie vor dem Bräutigam tief in Schatten stellen zu können.
Als dieser die Braut aufforderte, mit ihm einen Besuch bei seinem Collegen zu machen, fand er zuerst entschiedenen Widerstand. Fühlte sie überhaupt eine Scheu, zu »fremden Leuten« zu gehen, so war ihr der Gedanke, gerade mit diesen anzufangen, besonders fatal. Wilhelmine hatte schon von weitem einen unangenehmen Eindruck auf sie gemacht. Sie hatte von den häufigen Besuchen Forstners in ihrem Hause gehört, und wenn sie nach den letzten Erfahrungen nicht an seiner Treue zweifelte, so mußte sie doch in ihr eine Nebenbuhlerin argwöhnen. Der Ruf der Feinheit und Geschicklichkeit, den die Mamsell sich erworben, flößte ihr Furcht ein, und sie hatte eine sehr deutliche instinktmäßige Ahnung von ihrer Gesinnung in Bezug auf sie. Der Verlobte redete ihr aber zu, er unterstützte seine Gründe mit einer ernsten Willenserklärung; sie wußte ihm zuletzt nichts mehr zu entgegnen und sagte mit Ergebung: »Nun meinetwegen!« -- Zu ihrer Einwilligung hatte doch auch die Neugierde beigetragen, diese Wilhelmine näher kennen zu lernen und den Bräutigam bei ihr zu sehen.
An einem Sonntag Abend fand der Besuch statt und verlief ungefähr so, wie Christine gefürchtet. Wilhelmine war beim Empfang seelenvergnügt, das Gefühl der Ueberlegenheit strahlte ordentlich aus ihrem Gesicht; aber sie nahm sich zusammen und milderte es zu einer herablassenden Freundlichkeit, die freilich für den damit Begnadeten auch gerade nichts Schmeichelhaftes hat. Christine trat befangen und gezwungen auf, und der Ausdruck in dem Gesicht der Mamsell, den sie wohl verstand, machte sie confus. Man setzte sich, und Wilhelmine begann die Unterhaltung mit allerlei Erkundigungen. Sie fragte das Dorfmädchen aus, wie man ein Kind ausfragt, und belächelte ähnlich ihre naiv klingenden Antworten. Christine sah gleich, wie sie mit ihr daran war; sie erkannte in ihr eine Art Adelheid, die zwar feiner, aber im Grunde ihres Herzens viel schlimmer sei als die Sticklehrerin. Gewissermaßen Hülfe suchend richtete sie ihre Augen auf den Verlobten. Dieser stand ihr auch bei und antwortete für sie; aber er that ihr's viel zu höflich und versäumte die Gelegenheit, der vornehmen Person bei ihren unnützen Fragen etwas hinauszugeben. Sie bemerkte überhaupt zwischen beiden einen vertrauten Ton, der ihr nicht gefallen wollte, und überdieß in den Reden ihres Bräutigams gegen die Mamsell einen Respekt, der für sie etwas Kränkendes hatte, weil er im Gespräch mit ihr nicht zum Vorschein kam. Es wurde ihr sehr unbehaglich zu Muthe und sie war froh, als Wilhelmine sich zum Klavier setzte und die Unterhaltung, so weit sich Gelegenheit dazu bot, dem Bruder überließ, der ihre Rolle in milderen Formen, und wir können sagen auch mit mehr Gutmüthigkeit fortsetzte. Die Wirthin spielte und sang; sie that beides gut, und Christine freute sich endlich daran und lobte sie aufrichtig, obwohl die Lieder selbst ihr nicht so schön vorkamen, wie die, welche man in ihrem Dorfe sang. Die Musik löste ihre Seele dennoch und sie fing an sich wohler zu fühlen. Als aber Forstner ein neues Lied der Sängerin beklatschte und ihren Vortrag mit großer Wärme für ganz vortrefflich erklärte, da fühlte sie sich wieder getrübt und gedrückt und war durch nichts mehr zu erheitern. Beim Abschied reichte Wilhelmine der Stadtnovize die Hand und erklärte mit lächelndem Wohlwollen, es würde ihr sehr angenehm sein, wenn sie ihr recht oft die Ehre geben wollte. Christine fühlte den Spott, der sich das Wohlwollen als Maske vorgenommen hatte, sagte aber doch den schicklichen Dank, und athmete tief auf, als sie mit Forstner auf der Straße war.
Auf dem Heimweg fragte sie dieser, wie es ihr gefallen habe. Sie erwiederte: »Ich muß dir aufrichtig sagen, mir hat's nicht gefallen.« -- »Und warum nicht?« -- »Ich passe nicht für solche Leute und komme nur in Verlegenheit bei ihnen.« -- »Das wird sich geben,« bemerkte der Bräutigam tröstend, »und dann wirst du den Umgang mit gebildeten Frauenzimmern angenehm finden.« -- »Das mag sein; aber dann müssen die gebildeten Frauenzimmer besser sein, als diese Wilhelmine.« -- »Wie so? Ist sie unhöflich gegen dich gewesen?« -- »Das nicht, aber sie hat gegen mich ein Wesen angenommen, wie eine gnädige Frau, und das ist sie doch noch lange nicht. Ich hab' auch wohl gemerkt, daß sie mich ausgelacht hat.« -- »Warum nicht gar!« rief Forstner dagegen. »Nun ja, ein paar von deinen Antworten sind freilich von der Art gewesen, daß so Eine sie curios finden mußte. Aber das muß man sich gefallen lassen, sonst lernt man nichts. Und wenn sie lacht, so lache du wieder!« -- »Das kann ich nicht,« erwiederte Christine. »Ich seh' schon, bei der da wird's mir nie wohl zu Muthe werden.« -- Forstner kam in Eifer. »Das ist wieder kindisch!« rief er mit strafendem Ton. »Ich sage dir, gerade die ist das Muster, das du vor Augen haben mußt, wenn du das rechte Benehmen lernen sollst! Du mußt zu ihr gehen, und wenn es dir zehnmal nicht wohl bei ihr zu Muthe wird. Umsonst hat man nichts in dieser Welt und ohne Mühe und Anstrengung kommt niemand vorwärts.«
Sonderbare Empfindung, auf der sich unser Lehrer an diesem Abend ertappt hatte! Die Verwirrung, das Ungeschick, die naiven Antworten, durch welche die Braut einigemal in der That komisch wurde, beschämten ihn nicht so, wie sie es früher gethan hätten. Er gönnte ihr den Spott, der ihm begreiflicherweise nicht entgangen war, als gerechte Strafe für ihre Mängel. Mußte er doch auch die Folgen einer Verpflichtung tragen, die er einmal eingegangen hatte, und zum bösen Spiel gute Miene machen!
Nach Verfluß einer Woche forderte er Christine mit einer Art von Genugthuung auf, den Besuch bei Dobler zu wiederholen. Er hatte fest beschlossen, sie nicht zu schonen. Sie mußte entweder etwas profitiren oder den verdienten Spott hinnehmen. Zog sie sich ihn zu, so war er ihr auch gesund, und es war Schwäche, ihr ihn ersparen zu wollen. -- Als Christine zagend erwiederte, sie thue es ungern, recht ungern, kam wieder eine Reihe von Gründen zum Vorschein, denen zu widerstehen sie keine Macht hatte. Sie ging mit, wie das Opfer zur Schlachtbank.
Wilhelmine war diesen Abend in bester Laune. Sie hatte den Verlobten ausgeholt und glaubte annehmen zu dürfen, daß er im Innersten seines Herzens wünschte, das Verhältniß mit Christine aufgelöst zu sehen. Als diese nun mit ihm ankam und in ihrem ganzen Wesen ihre Stimmung offenbarte, zeigte sich auf dem Antlitz der Sicheren jene Heiterkeit, welche demüthigen soll, und mit dieser Absicht wahrhaft beleidigt. Die Reden waren dagegen um so freundlicher und schmeichelhafter, und die gute Christine war gezwungen, dankende Antworten darauf zu geben, die ihr nicht von Herzen gingen und ihr durchaus nicht zu Gesichte standen. Forstner konnte nicht umhin, bei diesen Erwiederungen zu lächeln; er sah Wilhelmine an und ihre Blicke tauschten ihre Gedanken aus. Christine sah diese Blicke, ahnte ihre Bedeutung, und setzte sich, einen Pfeil im Herzen, zur Gesellschaft.
Außer der Familie Dobler waren noch zwei Freundinnen Wilhelmines da, gleich ihr belesen, und namentlich bewandert in der städtischen Leihbibliothek. Man fragte sich, wie eines und das andere der neueren Bücher gefallen habe, man lobte und tadelte, und es entwickelte sich ein Gespräch, das gerade nicht von Geist übersprudelte und keineswegs mit gerechten und feinen Urtheilen geziert, aber vielleicht eben darum für unser Dorfkind zu hoch war. Die Gute blickte stumm für sich hin und horchte in der Hoffnung, daß man zuletzt doch auf etwas kommen müsse, wo sie auch mitreden könne. Endlich leuchtete ihr ein Ausspruch im Allgemeinen ein: sie glaubte zeigen zu müssen, daß sie ihn verstanden habe, und nickte beistimmend. Wilhelmine, die gebotene Gelegenheit ergreifend, fragte: »Haben Sie die Erzählung auch gelesen, Jungfer Christine?« Diese mußte mit Nein antworten, und um sich zu entschuldigen, fügte sie hinzu, daß sie zum Lesen immer noch nicht recht kommen könne. -- »Was thun Sie denn aber den ganzen Tag?« fragte die Gebildete. Christine erwiederte: »Ich lerne -- ich nähe, stricke, ich sticke und helfe kochen.« -- »Das Nähen und Stricken,« warf die andere hin, »ist Ihnen wohl lieber als das Lesen?« -- »Ich kann's nicht leugnen,« war die ehrliche Antwort. »Was man von Jugend auf getrieben hat, was man versteht und was einem leicht geht, das thut man gern.« -- »Nun,« versetzte Wilhelmine lächelnd, »da würden Sie wohl auch lieber Korn schneiden und dreschen als lesen?« Ein spöttisches Vergnügen belebte bei dieser Frage die Gesichter der Freundinnen. Christine fühlte die Absicht derselben, die Galle stieg ihr auf und sie entgegnete: »Warum nicht? Das Dreschen ist zwar eine grobe Arbeit und verträgt sich nicht recht mit feiner Lebensart; aber das Lesen, scheint's, macht auch nicht immer fein und höflich.« -- Damit hatte die Gebildete auch ihren Hieb. Sie schwieg und lächelte. Es war aber nicht mehr das überlegene, sondern das aushelfende Lächeln, das den Mangel einer treffenden Erwiederung decken soll, bis die Gelegenheit zur Rache kommt.
Zunächst lenkte sie das Gespräch auf einen andern Gegenstand, wobei sie zu ihrem Vortheil erscheinen mußte und Christine zum Schweigen verurtheilt war. Sie sprach von Nürnberg und erzählte, was sie dort gesehen und welche Bekanntschaften sie gemacht. Der edle Gegenstand machte auch das Herz des gereizten Frauenzimmers wärmer und honetter; sie rühmte die Schönheit der Stadt, die Gastlichkeit und die Geselligkeit der Bewohner so gut, daß Christine im Verlauf der Erzählung ihren Groll vergaß und ihr mit Vergnügen zuhörte. Forstner und der Bruder, welche die Perle der vaterländischen Städte kannten und liebten, gaben ihre Bemerkungen dazu, und die Spannung löste sich in allgemeine Vertraulichkeit.
Christine gehörte zu den Naturen, die verzeihen können, wenn sie in denen, die sie verletzt haben, nur auch wieder etwas Gutes sehen. Sie setzte sich zu Wilhelmine, lobte sie und suchte dadurch ihren Stich von vorhin wieder auszugleichen -- das arme Kind! Wilhelmine nahm die Anerkennung als etwas auf, das ihr gebühre, und schritt, nur ihre Erhöhung im Auge, zur Entfaltung eines neuen Vorzugs. Sie hatte mit Forstner in den letzten Tagen ein vierhändiges Stück eingeübt, besonders gefällige und reizende Musik. Von ihren Freundinnen gebeten, etwas zu spielen, forderte sie den Lehrer auf, und beide setzten sich an's Clavier. Das Spiel ging vortrefflich zusammen und die Zuhörer waren bald voll Bewunderung. Christine war aufgestanden und näher getreten. Sie sah die beiden, wie sie Ein Herz und Eine Seele waren und zusammen paßten, als ob sie für einander geschaffen wären. In ihre Bewunderung mischte sich ein demüthigendes, niederschlagendes Gefühl: sie erkannte, daß ihr gerade das fehlte, was an Wilhelmine zu Forstner so besonders paßte. Nachdem ein brillanter Schluß den musikalischen Vortrag gekrönt hatte, brach die Gesellschaft in den lautesten Beifall aus. Die beiden dankten, sahen sich in's Auge und lächelten sich an, zufrieden und glücklich. Eifersucht -- zum erstenmal helle, klare Eifersucht loderte in dem Herzen der Verlobten auf. Eine peinliche Empfindung lastete auf ihr, zum geringsten Theil auf Neid, zum größten auf der klaren Anschauung eigenen Unvermögens und Unwerthes beruhend. In ihrem Herzen fing es wieder an zu gähren und zu beben; aber sie bezwang sich, wie viel es sie auch kostete, trat mit Fleiß zu der Gefeierten und sprach ihren Dank und ihre Bewunderung auf ihre Art aus. Es sei doch wahrhaftig zum Erstaunen, wie schön sie's könne und mit welcher Geschwindigkeit! Sie begreife nicht, wie man so schnelle Finger bekommen und ein so langes Stück spielen könne, ohne einen Fehler zu machen. Wilhelmine erwiederte: das lerne sich durch Uebung; man müsse sich eben recht dran halten, dann gebe sich alles.
In dem Uebermuth, den der Beifall in ihr angeregt, in der Erinnerung an die kleine Schlappe, die sie von dem Dorfmädchen erlitten hatte, fuhr der böse Geist in ihr Herz. Sie suchte ihren sanftesten Ton, gab ihrem Gesicht den mütterlichsten Ausdruck und sagte: »Sie müssen das auch lernen, liebe Christine. Wenn man einen so geschickten Musiker zum Bräutigam hat, wie Sie, darf man die Gelegenheit nicht versäumen, sich in die Kunst einweihen zu lassen.« -- »O,« rief Christine, »das würde nicht gehen!« Die Mamsell hatte unterdessen ihre Hand ergriffen, welche die ländliche Derbheit immer noch bedeutend zur Schau trug, und betrachtete sie und drehte sie hin und her. »Die Finger,« sagte sie mit anmuthigem Kopfwiegen, »sind freilich noch etwas zu stark und zu schwer, sie verrathen noch zu sehr die Arbeit mit der Sichel und der Heugabel und würden vorläufig zum Klavierspiel noch nicht ganz geschickt sein. Aber man muß an nichts verzweifeln, mit der Zeit ändert sich alles, und auch diese Glieder können noch leicht und gelenkig werden.« Die Gesichter der Freundinnen zeigten bei diesen Worten zugleich Schadenfreude und Spannung -- die Hand der Verhöhnten zuckte. Wie gern hätte sie der boshaften Person gezeigt, daß ihre Finger, wenn auch nicht zum Klavierspiel, doch zur Ertheilung einer wohlverdienten, tüchtigen Ohrfeige ganz vortrefflich paßten! Aber sie mußte sie ruhig zurückziehen und sich alle Mühe geben, ihre Gekränktheit sich nicht anmerken zu lassen. Ihren Unmuth hinunterschluckend erwiederte sie aber: »Meine Finger sind eben wie sie sind, und wenn sie nicht zum Klavierspielen passen, so ist das mein geringster Kummer. Ich bekomme einen Mann und eine Haushaltung und werde nicht nöthig haben, mir mit Singen und Spielen die Zeit zu vertreiben.« -- Das war auch nicht ganz übel. Forstner, der bei der Verhöhnung der Hand, die noch immer seinen Verlobungsring trug, eine entschieden mißbilligende Miene gezeigt hatte, ergötzte sich an der Replik und die Freundinnen der Getroffenen dachten im Stillen: da seht mir die Bäuerin! Wilhelmine aber hielt aus und sagte lächelnd: »Das ist freilich wahr!« Bei sich aber dachte sie: wir wollen sehen, du Rieser Gänschen! -- College Dobler begann einen andern Discurs, der das Vorgefallene in Vergessenheit zu bringen bestimmt war, und man trennte sich unter höflichen Redensarten.
Die Verlobten legten den Weg zu Kahl schweigend zurück, da beide keinen Beruf in sich spürten, die Erlebnisse des Abends zu besprechen. Christine hatte sich überzeugt, daß die Mamsell darauf ausgehe, sie vor ihrem Bräutigam zu beschämen und zu beschimpfen; sie nahm sich vor, nie wieder in ihr Haus zu gehen. Wie es mit ihr und ihm stehe, das wollte sie doch erfahren und dann sehen, was zu thun sei. -- Forstner hatte das Haus mit einer sehr gemischten Empfindung verlassen. Die Absicht Wilhelminens war deutlich genug. Obwohl nun ihr heutiges Betragen gegen seine Braut ihn wirklich verletzt hatte, so lag in dem letzten Endzweck, ihm besser gefallen zu wollen als diese, für ihn doch immer noch etwas, das einen mildernden Schein auf ihr Benehmen warf und keine rechte Entrüstung in ihm aufkommen ließ. Er faßte den Entschluß, zu ihr zu gehen, ihr die unpassende Art, Christine zu necken, vorzuhalten und sich die gehörige Rücksicht für sie auszubitten.
Gleich am andern Tag führte er seinen Vorsatz aus. Als man an der Einleitung sah, wohin er wollte, ließ man ihn gar nicht ausreden. Die Mamsell hatte sehr wohl gefühlt, daß sie zu weit gegangen war, und der Bruder hatte ihr zu Gemüthe geführt, daß das nicht die Art wäre, seinen Collegen zu gewinnen. Der Verstand hatte über das gereizte Gefühl gesiegt, und die Gewandte fiel nun dem Freund mit zerknirschter Miene ins Wort: »Ich habe sehr gefehlt -- es ist wahr und ich weiß es! Sie selber können mich nicht schärfer anklagen, als ich es schon gethan habe. Ich hab' einen Scherz machen wollen, aber ohne daß ich bedachte, was ich that, hab' ich Dinge gesagt, die ihrer lieben Braut weh thun mußten. Verzeihen Sie mir! Ich hab' es gebüßt, und es soll nie wieder geschehen!«
Damit war Forstner entwaffnet. Er erwiederte: »Wenn Sie so denken, dann ist's um so besser; und ich will Ihnen nicht verbergen, daß Sie mir damit eine Freude machen. Wohin sollt' ich Christine bringen und wo sollte sie die rechte Art lernen und den gehörigen Muth in der Unterhaltung, wenn nicht in diesem Hause?« -- »Nun,« sagte Wilhelmine mit halbem Lächeln, »an Muth und auch an Geistesgegenwart fehlt es ihr gerade nicht. Haben Sie gesehen, wie sie mir gestern geantwortet hat? Sie hat mich fühlen lassen, daß ich nicht so glücklich bin wie sie!« -- Forstner verwirrte sich einigermaßen und sagte um so rascher: »Ich werde also nächstens wieder mit ihr kommen, und danke Ihnen für Ihre Gefälligkeit.«
Ein paar Tage darauf gewann es die Schwester des Stadtlehrers über sich, der Verlobten einen Besuch abzustatten. Christine war zufällig nicht zu Hause. Als sie später davon hörte, sagte sie ruhig: »So, die ist dagewesen? Sie wird nimmer kommen, schätz' ich.« Die Base sah das Mädchen verwundert an, machte dann aber ein Gesicht, als ob sie den Sinn ihrer Worte begriffe.
Wieder ein paar Tage und Forstner kam zu Christine und sagte: »Heute ist Gesellschaft bei Dobler und wir sind eingeladen. Halte dich bereit. Nach sechs Uhr komm ich und hole dich ab.« -- Christine erwiederte: »Ich geh' nicht hin.« -- »Wie soll ich das verstehen?« entgegnete der Verlobte. »Willst du gar nicht mehr« -- -- »Allerdings,« rief Christine, indem eine leichte Röthe ihr Gesicht überzog -- »ich will gar nicht mehr in dieses Haus gehen!« -- »Und warum nicht?« -- »Weil ich zu gut dazu bin, um mich von einer boshaften Person aufziehen und verspotten zu lassen.« -- »Du nimmst den kleinen Spaß, den Wilhelmine sich gemacht hat, viel zu ernsthaft. Ueberdies bereut sie ihn und wird dir von jetzt an alle Ehre anthun, die du erwarten kannst.« -- »Ich glaub's nicht.« -- »Sie hat mir's selber gesagt.« -- »Das mag sein, aber ich glaub's doch nicht. Die mag sich vornehmen und versprechen was sie will, sie wirds doch nicht halten und es bei nächster Gelegenheit ärger machen als vorher. Aber dafür thu' ich ihr!«
Dem Verlobten stieg nun gleichfalls das Blut ins Gesicht. »Wenn du so denkst,« rief er in seinem Hofmeisterton, »dann wirst du niemals die Manieren lernen, niemals die Bildung, die« -- Aber das Mädchen fiel ihm in gerechter Entrüstung in die Rede: »Geh mir doch mit deiner Bildung! Wenn das Bildung ist, Leute, die einen besuchen, so zu behandeln, wie diese Mamsell mich behandelt hat, dann will ich lieber ungebildet sein und bleiben mein Leben lang. Wenn die Bildung die Leute nicht besser macht und aufrichtiger, dann geb' ich keinen Pfifferling um sie!«
Forstner schwieg; er war von der ungewohnten Entschlossenheit und Heftigkeit betroffen. Endlich sagte er: »Du bist empfindlich und machst aus einer Mücke einen Elephanten!« -- Christine sagte: »Ich mach mir nichts aus den Dingen, die geschehen sind; aber ich mach' mir alles aus der Person, die mir's gethan hat. Die ist falsch gegen mich und wirds bleiben, und mit ihr will ich nichts mehr zu thun haben.« -- »Du irrst dich,« erwiederte Forstner nochmal im Ton der Ueberredung. »Sei klug, geh heute noch mit hin und überzeuge dich selbst, daß du Unrecht hast.« -- »Nie!« versetzte Christine mit dem Ausdruck eines unerschütterlichen Gefühls; »zu der geh' ich nie mehr, um keinen Preis der Welt!« -- »Aber ich bitte dich« -- -- »Ich will nicht und ich mag nicht. Du kannst mich hinführen, wohin du willst, und ich will's nirgends genau nehmen; ich will mir etwas gefallen lassen und Geduld haben -- ich bin gar kein solches Christkindle, wie du meinst, und kann auch etwas aushalten; aber von Der laß ich mir nichts gefallen, von Der will ich auch nichts lernen, und damit gut für heut.«
Forstner war verstummt. Der eigentliche Grund der Weigerung seiner Verlobten war ihm klar. Er fühlte, was dafür sprach, er begriff sie, und widersprechende Gefühle stritten in ihm. Aber der Verdruß, sie wider alles Erwarten gegen seinen ausgesprochenen Willen unbeugsam zu finden, überwog zuletzt doch. Er sagte: »Nun, wenn du so eigensinnig bist und alles Reden nicht hilft, so bleib zu Hause!« -- »Das will ich thun,« erwiederte Christine ruhig. »Und du geh hin zu der gebildeten Mamsell und unterhalte dich gut.« -- »Das will ich auch thun,« antwortete er und verließ die Stube.
Es giebt eine Schickung in der Welt, die in das Leben der Menschen eine gewisse Methode bringt. Ueber den Grund und die mitwirkenden Ursachen kann man streiten, über die Thatsache schwerlich. Das Geschick unseres Landmädchens war es, in einer Stadt und unter einem Menschenschlag, wie es so viele gutmüthige, ehrenhafte, fröhliche und freundliche Leute giebt, nur solche näher kennen zu lernen, die sie verletzten und ihr das Leben daselbst verleideten. Sie war nun beinahe vier Monate in der Stadt, und nicht ihre Hoffnungen, nur ihre Befürchtungen waren in Erfüllung gegangen. Doch auch für sie sollte ein Tag der Entscheidung kommen.