Part 18
Christine ging in ihre Stube hinauf, zündete ein Talglicht an, setzte sich an den Tisch und versuchte in einem Buche zu lesen, das ihr Forstner als unterhaltend empfohlen hatte. Bald legte sie's weg. Wie sollte sie sich für die geschriebenen Sachen interessiren, während ihr Herz so voll und so aufgeregt war von Unmuth und Sorge! Schweigend, die Arme auf die Lehne des alten Stuhls gelegt, sah sie auf den Boden und verharrte in formlosem Gedankenspiel eine Zeitlang in dieser Stellung. Es fröstelte sie; aber sie wollt' es nicht anders haben und rührte sich nicht. Wie traurig und öde war es in dieser Stadt! -- wie unheimlich war es in der Stube, die eigentlich nie recht warm gemacht werden konnte! Ihre Phantasie ging in die Heimath zurück, sie stellte sich das Dorf und die Stube ihrer Mutter vor, und alles Liebe und Heimliche baute sich nach und nach vor ihr auf. -- Wie schön war es dort -- auch im Winter! die Stube so warm den ganzen Tag, weil man im Rohr des eisernen Ofens kochte und das Holz nicht sparte. Welch ein angenehmer Geruch, wenn am Sonntag ein paar Tauben gebraten wurden oder ein frisches Stück Fleisch vom selbstgeschlachteten Schwein. Wie heimlich war es des Abends, wenn sie mit ihrer Mutter spann und mit ihr und dem braven Hans einen Rath hielt oder »ihren Gedanken Audienz gab« und die runde Hauskatze hinter dem Ofen dazu »durnte!« Wie traulich war es, wenn ein paar Freundinnen mit dem Rocken kamen, wenn man mit einander schwatzte und lachte, und nicht eines besser zu reden glaubte als das andere, und nicht eines das andere mit seiner Sprach' aufzog. Dort waren die Leute gut, und auch die schlimmen hatten etwas an sich, was man gern haben mußte. Es war eben dort alles lustiger, und auch die schlimmen meinten's nicht so bös; und so hochmüthige gelbe Gesichter, wie die Adelheid eines hatte, gab es dort gar nicht.
Indem die Träumende von diesen Vorstellungen aufsah und sich in ihrem düster erhellten, todtenstillen Zimmer erblickte, hatte sie das Gefühl eines verlorenen Paradieses. Dort war alles so gut und so schön, dort konnte sie glücklich werden. Hier hatte sie keine einzige Gespielin, keine einzige vertraute Seele! Hier war sie verachtet und verspottet, sie, die in ihrem Dorfe geehrt und gepriesen war. Hier wurde sie mißhandelt! Und er, der ihr Trost und ihre Stütze sein sollte, er, der ihr ewige Liebe geschworen hatte, wurde mit jedem Tage härter und liebloser gegen sie! Er hatte keine Geduld mit ihr, er »kappte sie herab,« er beschimpfte sie, er schämte sich ihrer! Das mußte ~sie~ erleben! -- und das mußte sie von ~ihm~ erleben! Und wenn er nun schon als Bräutigam so gegen sie handelte, was hatte sie zu erwarten, wenn er ihr Mann war und ihr Herr? Welchen Ehestand sollte das geben?
Der Gedanke, daß sie das Unrechte gewählt habe, daß ein unglückliches, verfehltes Leben ihrer warte, und daß sie selber daran Schuld sei, begann den Geist des Mädchens zu überwältigen. In ihrem Herzen fing ein Zittern und Beben an, das sich über den ganzen Körper verbreitete, das nicht mehr zurückgedrängt werden konnte und nicht mehr enden zu können schien. Der Sturm der Verzweiflung war über ihre Seele gekommen. Wenn dieser einmal im Innern zu sausen und zu brausen beginnt, dann helfen keine Einreden des Verstandes mehr. Alle Gründe, die dagegen sprechen sollen, fallen kraftlos zu Boden, das Toben der Angst geht weiter mit der Gewalt eines übermächtig gewordenen Feuerbrandes, man hat nur noch Ein Gefühl und Ein Wort: Verloren! verloren!
Christine konnte nicht mehr glauben und nicht mehr hoffen. Es war ihr, als ob sie auf und davon müßte; aber wohin sollte sie? Sie konnte nicht fort, sie mußte bleiben und alles erdulden, was ihr auferlegt war. Sie hatte ein Gefühl, als wenn sie in einen Brunnen gefallen wäre und nicht mehr heraus, ja nicht einmal um Hülfe rufen könnte. Welch eine Noth! -- welche Bangigkeit! Und hätte sie nur weinen und Erleichterung finden können in Thränen! Aber in solchem Zustande des Herzens kann auch das Weib nicht weinen; nur leiden kann es, leiden und beben, wie das Lamm in den Klauen des Raubthiers.
Endlich erhob sich die Unglückliche mit entschlossener Anstrengung. Sie legte sich nieder, ob ihr vielleicht der Schlaf ein Erlöser würde; aber die empörten Wogen der Seele ließen sie nicht schlafen. Sie verbrachte die schwerste, peinvollste Nacht ihres Lebens und sank endlich nur aus Mattigkeit in einen unruhevollen Schlummer.
V.
Die Verzweiflung, von der eine leidende, gedrückte Seele befallen wird, trägt oft am meisten zu ihrer Wiederauflebung und Stärkung bei, wenn die Verhältnisse, in denen sie lebt, nicht an sich desperat, sondern von ihr nur so empfunden worden sind. In dem Wirbel der Sinne übertreibt sie und sieht im schlimmsten Licht; und wenn der Hauptanfall ausgehalten ist, kann sie diesen Irrthum erkennen, zur Betrachtung der bessern Seite hingedrängt und dadurch wieder beruhigt werden. Bleibt noch so manches Unebene zurück, so liegt der Gedanke nahe: ob denn auch alles so accurat sein müsse, ob denn bei andern alles so accurat sei? Und sie ermuthigt sich, sie bescheidet sich, sie hofft wieder.
Ein Sturm, der im Herzen sich erhebt, fegt dieses ohnehin, ich möchte sagen physisch aus. Er nimmt manchen phantastischen Anspruch, den man an die Welt und ihr Glück zu haben glaubt, mit sich hinweg und läßt erkennen, daß man in ihr vielmehr dulden und etwas leisten müsse. »Thu' was du kannst, in's übrige füge dich!« -- mit diesem Vorsatz tritt man den Anfechtungen des Lebens entgegen und findet dann auch wieder, daß es doch nicht so schlimm ist, als man sich's vorgestellt.
Bei Christine war es aber nicht mit einem Tage abgemacht. An dem folgenden ging sie körperlich erschöpft, im Innern gebrochen einher und die Quelle der Verzweiflung strömte ruhiger, aber stetig in ihr fort. Sie trug alle Merkmale einer qualvoll durchwachten Nacht an sich; doch war ihr Mund still und ihre Miene ergeben, so daß die Base wahres Bedauern mit ihr empfand und auch Susanne und Adelheid nicht ganz ungerührt blieben. Forstner kam auch an diesem Tage nicht. Christine mußte an das Schlimmste denken; sie that es mit schauerndem Herzen; aber das Schlimmste war eine Entscheidung und hatte für ihr jetziges Gefühl auch wieder etwas Beruhigendes. Ermüdet legte sie sich zu Bette und fand bald das Heilbad des Schlafes.
Kräftiger stand sie auf und erfreute die Base beim Frühstück durch eine getröstete Miene. Sie hatten von häuslichen Dingen gesprochen und waren eben daran, die Arbeiten des Tages zu erwägen, da trat der Verlobte herein -- mit allen Zeichen der Eile und einem entschiedenen Ausdruck der Reue, die wieder gut machen will.
Das ist leicht zu erklären. Die Base hatte gestern in der Nacht noch Vetter Kahl zu ihm geschickt, und dieser hatte ihn von dem Stande der Dinge unterrichtet und ihm ins Gewissen geredet. Eindrucksfähig wie er war, hatte sich Forstner die Worte zu Herzen genommen, sein Gewissen hatte sich gerührt und ihn zu dem Entschluß gebracht, Christine noch vor der Schule zu besuchen.
Er ging auf sie zu, drückte ihr die Hand und entschuldigte sein Ausbleiben mit unaufschieblichen Arbeiten, die ihn leider abgehalten hätten, zu ihr zu kommen u. s. w. Christine, durch sein Erscheinen erfreut, ließ alles gelten, und es kam zu einer vollständigen Versöhnung. Als sie vom Unterricht zu reden begann, nahm er Gelegenheit, sich selbst anzuklagen. Er sei offenbar in der letzten Zeit zu ungeduldig gewesen und habe mehr verlangt, als sie leisten konnte; er müsse sie wirklich um Verzeihung bitten; aber sein Amt und die Plage mit seinen Kindern mache ihn eben auch zuweilen verdrießlich und ungerecht. Das Mädchen entgegnete: daß er mit ihr die Geduld verloren habe, sei ganz natürlich, sie komme auch gar nicht weiter. Aber nun solle er sehen, nun werde sie sich recht zusammennehmen, und es werde gewiß besser gehen. -- Von seiner Seite Geduld, von ihrer Seite Fleiß und Mühe -- was brauchte es mehr zur Eintracht und zum Glück?
Als Forstner in die Schule ging, dachte er: wenn sie auch nicht alles hält, was ich mir von ihr versprochen habe, so giebt es doch eine gute Frau. Sie ist fügsam, das ist schon etwas werth. Nach und nach wird sie auch lernen, was nöthig ist; ich darf nur nicht zu viel von ihr verlangen.
Die nun folgenden Unterrichtsstunden gingen bei solcher Stimmung des Lehrers und der Schülerin ganz wohl vorüber. Es waren zunächst nur wenige. Die Christfeiertage kamen heran und machten eine Unterbrechung nöthig. Die Verlobte hatte mit Hülfe der Mamsell Adelheid einen zierlichen Tabaksbeutel zu Stande gebracht, sie kaufte noch ein schönes Buch, das der Bräutigam zufällig einmal gewünscht hatte, und machte somit eine ganz hübsche Bescheerung. Forstner beschenkte sie mit einem Shawl und einem kleinen galanten Gedicht. In dem Vergnügen dieser Tage hatte Christine auch Susanne und Adelheid mit Gaben bedacht, welche die mäßigen Erwartungen derselben übertrafen, und bessere Gesichter dafür erhalten. Alles ließ sich erfreulicher an, und Christine konnte ein verspätetes kleines Präsent an die Mutter mit einem Brief absenden, worin die Versicherung, daß sie recht fröhliche Weihnachten gefeiert habe, durchaus von Herzen kam. Sie hatte jetzt auch den Muth gefunden, einer wiederholten Aufforderung der Base nachzukommen und die Mutter zum Besuch einzuladen; ja sie hatte auf ihre Faust hinzugefügt, daß sie sich durch Vetter Hans herführen lassen solle. Die Erwartung eines frohen Wiedersehens trug dazu bei, daß sie das neue Jahr unter heiterem Austausch von Gratulationen und vertrauensvoll antrat.
Die Hoffnung auf das Wiedersehen trog sie nicht. Frau Glauning war neugierig, ihre Christine in der Stadt zu sehen, und da nach Neujahr eine Masse Schnee fiel, dann kalte, trockene Witterung eintrat, so riskirte sie's, die Bahn zu benutzen und den Besuch mit Hans in einem entlehnten Schlitten zu machen. Am heiligen Dreikönigstage saßen alle unsere Personen bei Herrn Kahl um den Mittagstisch, der lange nicht so reichlich besetzt gewesen war. Man hatte sich ausgewundert, ausgegrüßt, ausgelobt und unterhielt ein behagliches Gespräch, das Forstner zu männiglichem Ergötzen mit seinen besten Einfällen zierte, so daß man sich endlich auch in dieser Hinsicht gesättigt und vergnügt vom Tisch erhob.
In der Laune, die das Mahl in ihr angeregt hatte, nahm die Glauning ihre Tochter in eine Ecke und sagte: »Hör', Mädchen, du bist doch ein wenig »schmalbackeder« geworden, seit du hier bist. Man ißt wohl bei der Base nicht alle Tag' so gut wie heut?« -- Christine lächelte und sagte: »Ach, liebe Mutter, je weniger ich esse, desto besser ist's! Denn ich bin für die Stadt noch lange nicht »schmalbacked« genug.« -- »So, so?« erwiederte die Alte. »Nun, du siehst wenigstens gesund und vergnügt aus. Aber das kann ich dir nicht verschweigen, recht närrisch kommst du mir vor in dem Kleid da.« -- »Ist andern auch passirt,« versetzte Christine. -- »Aber diese haben sich dran gewöhnt, wie's scheint, und dir wird's auch so gehen.« -- Wie die Mutter hier den Bräutigam auf sich zukommen sah, fragte sie: »Wie macht sich denn aber meine Christine in der Lehr', Herr Forstner? Geht's recht vorwärts?« -- »Jeden Tag,« erwiederte dieser heiter. -- »Verspotte mich nicht,« rief ihm Christine zu; »ich weiß recht wohl, daß ich einen langsamen Bauernkopf hab'.« -- »Nein,« fuhr er zur Mutter fort, »in der letzten Zeit bin ich sehr zufrieden gewesen, und wenn's so fortgeht, wird sie noch eine ganze Gelehrte werden.« »O Jerum,« rief die Gelobte mit komischem Ausdruck. Die Alte sah mit Vergnügen auf das Paar, das Arm in Arm vor ihr stand.
Vor dem Abschied fand Christine noch Gelegenheit, eine vertrauliche Zwiesprach mit Hans zu halten. Sie dankte ihm und rühmte ihn wiederholt wegen seiner Freundschaft und Herzensgüte. Dann fragte sie mit einem Lächeln, in dem neben wirklicher Theilnahme ein Hauch von Scham nicht zu verkennen war: »Hast du noch immer keine, Hans? Ist noch keine Aussicht, daß ich dir auf die Hochzeit gehen kann?« Hans ging auf die Unterhaltung ein und versetzte nicht ohne Laune: »'S hat sich noch nicht machen lassen. Gut Ding will Weile haben!« -- »Ja wohl,« erwiederte sie schon heiterer. »Aber man muß doch auch anfangen. Du thust dich nicht um!« -- »Kommt drauf an,« entgegnete Hans. »Aber du weißt ja, ich wart' auf deine Hochzeit.« -- »Da kannst du vielleicht noch lange warten.« -- »Wie so?« -- »Bis zum Frühjahr sicher, vielleicht aber auch bis in den Sommer hinein -- ich muß noch gar viel lernen.« -- »Lernen? Was fehlt dir denn noch?« -- »Ach, Hannesle,« sagte das Mädchen mit einem humoristischen Seufzer, »noch gar viel! Das verstehst du nicht.« -- Hans dachte: »Was so ein Schulmeister doch heutzutag nicht alles verlangt!« Aber er sagte das natürlich nicht, sondern wünschte dem Bäschen alles Glück und drückte ihr in freundschaftlicher Theilnahme die Hand. Christine sah, daß er noch immer etwas auf sie hielt und daß er ihr nichts nachtrug; beides freute sie.
Nach diesem letzten festlichen Tag wurde der unterbrochene Unterricht wieder fortgesetzt. Forstner nahm es zuerst wieder leicht und führte das Spiel nur sachte zum Ernst hinüber. In der Zwischenzeit hatte aber Christine von ihrem Talent, Gelerntes zu vergessen, wieder ziemlich Gebrauch gemacht, so daß Fortschritte nirgends sichtbar werden wollten, und bald stacken sie wieder in der Prosa des Lebens. Geschmack an geistiger Beschäftigung, ein Trieb, selber vorwärts zu gehen, etwas zu thun und zu suchen, wollte sich eben in der Schülerin nicht melden. Sie lernte nie einsehen, wozu das alles eigentlich gut sein sollte; die Kopfarbeit blieb ihr beschwerlich und sie konnte darin nicht einmal eine rechte Arbeit sehen. Neigung, angeborener und anerzogener Respekt drängte sie zur Arbeit mit der Hand, und nur wenn sie hier etwas fertig gebracht, glaubte sie wirklich etwas gethan und ihre Pflicht erfüllt zu haben.
Forstner überzeugte sich jeden Tag mehr von der Unmöglichkeit, der Verlobten das beizubringen, was er an Geistescultur von seiner Frau glaubte fordern zu können. Aber die Wirkung war nun eine andere auf ihn als früher: er wurde nicht mehr erzürnt -- er entsagte seiner Hoffnung. Er that es mit Seufzen und tröstete sich mit dem Gedanken, daß Christine jedenfalls eine gute Hausfrau sein werde. -- Damit war ein bedeutender Schritt zum Glück des Paares hin gethan; denn das Glück wird dann erst möglich, wenn man von sich und von andern nur das fordern lernt, was die einmal gegebene Natur zu leisten im Stande ist, und sich dabei genügen läßt. -- Aber nun zog ein Wetter, das schon lange am Horizont gestanden hatte, rasch am Himmel auf und hing bald drohend über dem Haupte des Dorfmädchens. -- Um dieß zu erklären, muß ich in der Geschichte um mehrere Monate zurück gehen.
Jener College Forstners, der sich im Oettinger Kränzchen so eng an ihn angeschlossen und dessen Betriebsamkeit er hauptsächlich seine jetzige Stelle verdankte, war bei seinen Bemühungen von wirklicher Freundschaft zu dem talentvollen, liebenswürdigen jungen Mann geleitet. Der Eifer, den er zu seinen Gunsten anwandte, beruhte aber doch nicht ausschließlich auf diesem persönlichen Wohlwollen; er war zugleich, und zwar nicht minder stark, durch sein eigenes Interesse getragen. Gustav Dobler (denn er muß jetzt mit seinem Namen in unsere Erzählung eintreten) hatte zwei Schwestern, die bei ihm, dem noch unverheiratheten Manne, wohnten. Die jüngere war noch nicht aus der Schule, die ältere, Wilhelmine, führte seinen Haushalt. Diese befand sich in den Jahren, wo sich ein vorsichtiges Mädchen schon einige Jahre um eine Partie umgesehen hat -- sie war in der Mitte der Zwanziger, dabei schlank, hübsch, gebildet, mit einem Geiste begabt, der gern das Regiment führte und es liebte sein Licht leuchten zu lassen. Was war natürlicher, als daß der schon in den Dreißigen stehende Dobler wünschte ihr einen Mann zu verschaffen? Er konnte dann selbst heirathen, was bei der Anwesenheit der herrschaftgewohnten Schwester nicht zu rathen war, und sie hatte für ihr Talent den rechten Boden und das Glück ihres Lebens gefunden. In Forstner hatte der sorgliche Bruder gleich den Mann erkannt, der für seine Schwester in jeder Hinsicht passend war, den liebenswürdigen, begabten, im Hause zu leitenden Mann, und in dieser Ueberzeugung hatte er gehandelt.
Das Verhältniß des neuen Freundes zu einem Bauernmädchen seines Dorfes konnte ihm begreiflicherweise nicht verborgen bleiben. Allein er faßte es nicht so ernst auf, als es war; er glaubte nicht, daß ein solches Mädchen dem feinen Mann genügen könne, und nahm an, es sei gut für beide, wenn die Bekanntschaft rechtzeitig abgebrochen würde. Da nun in seiner Geburtsstadt eine Stelle vacant wurde, so spannte er alle Segel auf, die Ernennung Forstners durchzusetzen. War er nur erst hier, dachte er, so löste sich das Verhältniß mit Christine von selbst, und das ihm wünschenswerthe knüpfte sich.
Als Dobler nach der Uebersiedlung des Collegen das erste vertraute Gespräch mit ihm hatte, mußte er sich freilich überzeugen, daß er sich getäuscht. Er hatte mit einiger Deutlichkeit auf den Busch geklopft, hatte von einer Frau gesprochen, die sich der angestellte hübsche junge Mann unter den schönen Mädchen des Orts auswählen könne, und Forstner war genöthigt gewesen, ihm zu sagen, daß er ernstlich verlobt sei und daß er seine Braut hieher berufen habe, um sich im Frühjahr mit ihr trauen zu lassen.
Christine kam an, und die Hoffnung des Stadtlehrers, den Freund zu seinem Schwager zu machen, schien gänzlich gescheitert. Dobler hatte der Schwester den Phönix unter den Rieser Lehrern schon vor seiner Ankunft gerühmt, ihr seinen Plan mitgetheilt, und Wilhelmine war sehr neugierig gewesen, ihn kennen zu lernen. In der That gewann Forstner auch gleich bei der ersten Zusammenkunft ihren vollen Beifall und konnte aus ihrem Benehmen wohl schließen, daß unter andern Umständen eine Bewerbung von seiner Seite hier keine ungünstige Aufnahme gefunden hätte. Aber seine Treue gegen Christine wurde auch in Gedanken nicht erschüttert. Wilhelmine hatte offenbare Vorzüge der Gestalt und der Bildung; aber wie artig sie war und wie zuvorkommend sie ihn behandelte, so ahnte der junge Mann in ihr doch den herrschenden Geist und konnte nicht umhin, eine gewisse Scheu vor ihr zu fühlen. Sein Herz und seine Phantasie hingen an der Verlobten; ihr naturfrisches Bild erschien ihm unvergleichlich poetischer, als die Eleganz der Städterin; er blieb bei seiner ersten ernstlichen Neigung und hielt sein Wort.
Dobler und Wilhelmine bewerkstelligten einen anständigen Rückzug. Sie, von ihren Vorzügen durchdrungen, konnte nicht alle Hoffnung aufgeben und freute sich zu hören, daß Forstner seinen Dorfschatz erst noch bilden wolle, bevor er Hochzeit machte. Ehe so Eine gebildet wurde, konnte gar manches geschehen. Der sonst so verständige Mann werde Vergleichungen anstellen und Augen bekommen für den Unterschied zwischen ihr und einer Bäuerin, und dann werde sich zeigen, wer den Platz behaupte. Natürlich fühlte sie durch die Zurückhaltung Forstners auch ihren weiblichen Stolz gekränkt und ihre Ehre herausgefordert. Das Versagte reizte sie und ihr Wohlgefallen an ihm steigerte sich zum leidenschaftlichen Wunsch, ihn zu erobern. Sie war indeß klug genug, ihre Gefühle zu verbergen, zu warten und ihre Zeit zu ersehen.
Als sie durch Mamsell Adelheid gelegentlich hörte, wie plump Christine im französischen Kleid aussehe und wie ungeschickt sie sich zu aller feineren Arbeit anlasse, hatte sie die erste freudige Empfindung. Eine süße Hoffnung schwellte ihr Herz. »Er wird mir kommen!« rief sie, als sie allein war, mit der Zuversicht des Stolzes. Und auch sie rechtfertigte ihren Plan und ihr Verhalten durch die Annahme, es sei für das Bauernmädchen viel besser, wenn sie wieder in ihr Dorf zurückginge und das Weib eines Bauern würde.
Wenn Forstner in ihr Haus kam, zeigten Bruder und Schwester, die sich mit einander verständigt hatten, nur freundschaftliche Theilnahme an ihm und seinem Verhältniß. Man erkundigte sich, wie Christine sich in der Stadt gefalle; man begriff, daß er sie jetzt noch nicht unter die Leute bringen wolle, man fragte nach ihren Fortschritten u. s. w. Als der Lehrer, zutraulicher gemacht, sich über die Langsamkeit beklagte, womit die Schülerin lernte, und über die sonderbaren Antworten, die er von ihr zuweilen erhalte, tröstete man ihn. Das sei begreiflich, würde bei jeder andern auch der Fall sein, und er solle darum den Muth nicht verlieren; zuletzt werde alles auf einmal kommen. War er über Christine betrübt, ja konnte er einen ernstlichen Unmuth nicht verbergen, dann ließ man ihn wohl auch reden und hörte mit bedauerndem Antheil zu. Man bot alle Freundlichkeit und Herzlichkeit auf, ihn zu beruhigen, und man entfaltete alle geselligen Talente, ihn zu entschädigen. Er sollte nicht anders können, er sollte sich genöthigt sehen, Vergleichungen anzustellen, die zu Gunsten der Prätendentin ausfallen mußten.
Die Folge war, daß Forstner, so oft er Verdruß empfand und Trost bedurfte, das Haus der Freundschaft aufsuchte. Die Scheu vor Wilhelmine hatte sich verloren; denn er mußte sich ja überzeugen, daß sie nur sein Bestes wollte und wahrer Anhänglichkeit fähig war. Der Umgang mit ihr und Dobler wurde ihm Bedürfniß.
Er war der Gefährlichen schon sehr nahe gekommen. Er hatte in der That und wiederholt Vergleichungen angestellt; er hatte sich gesagt, daß die gebildete Städterin doch in jeder Hinsicht besser für ihn passen würde -- und das Verhältniß zu Christine war ihm eine Fessel geworden, die ihn beengte und drückte. Da kam, durch Vetter Kahl eingeleitet, nach dem letzten Streit mit der Verlobten die Versöhnung; es kamen die Feiertage und die wechselseitige Beschenkung; es kam der Besuch und das Mittagsmahl, wo man insgesammt wieder Ein Herz und Eine Seele wurde.
Als er nun aber in Folge erneuerter vergeblicher Versuche mit Christine dazu gekommen war, auf ihre Ausbildung, wie er sie sich erst gedacht hatte, zu resigniren, machte er eine eigene Erfahrung, eine Erfahrung, die Kennern des menschlichen Herzens nichts neues ist und die, wie er einmal war, in seine Beziehungen überhaupt eine Veränderung bringen mußte. Das stärkste Band, das uns an eine werthe Person knüpft, ist die Hoffnung, sie werde die Herzenswünsche, die wir für sie und für uns hegen, erfüllen und dem Bild entsprechen, das wir im Geist ihr vorhalten. Zaudert sie dieß zu thun, und glauben wir uns getäuscht, dann wird an die Stelle der entflohenen Hoffnung zunächst die Beschämung, der Unmuth und der erzürnte Vorwurf treten. Aber der Unmuth ist immer noch ein Band, das uns an die Erkorene fesselt. Immer ist unser Blick auf sie gerichtet; sie wollen wir strafen, sie wollen wir bessern, sie wollen wir zwingen, unserem Willen sich zu fügen, und wir haben kein Auge für andere. Endet aber der Unmuth in Entsagung, dann droht der Existenz des Verhältnisses selber Gefahr. Wir sind nicht mehr beschäftigt, weder durch Hoffnung und Freude, noch durch Verdruß und Schmerz, und es ist Raum geworden für die Gleichgültigkeit.
Eine ähnliche Erfahrung war es, die unser Lehrer machte. Eben in der Resignation wurde er frei gegen die Verlobte, seine Augen wurden aufgethan für die Vorzüge der Freundin, und die Wagschale neigte sich wieder und viel stärker zu ihren Gunsten.