Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 69

Chapter 692,816 wordsPublic domain

In +Indien+ besaß man Bronze schon in der älteren vedischen Zeit, aus der zahlreiche Funde vorliegen sollen, die bemerkenswerterweise sehr zinnarm sind[5986]; da die Indogermanen +vor+ ihrer Trennung noch nichts von der Bronze wußten[5987], so müßten die Einwanderer sie entweder bei der indischen Urbevölkerung schon vorgefunden, oder unterwegs kennen gelernt haben. -- Den alten +Iraniern+ scheint die Bronze unbekannt geblieben zu sein; einige Erwähnungen im „Avesta“ sind fragwürdiger Natur, zudem läßt sich ihre Abfassungszeit nicht ermitteln[5988]. In späteren Epochen waren dagegen die Perser wie mit metallurgischen Verfahren aller Art, so auch mit der Gewinnung und Verwendung der Bronze wohlvertraut; noch 629 n. Chr. berichtet der chinesische Pilger ~Hiuen-Thsang~ von den Platten, aus denen die riesigen Statuen des ~Buddha~ zusammengesetzt werden, und sagt, daß zu ihrer Herstellung der „Stein“ Teou-Schih von goldgelber Farbe diene, der angeblich in Persien gefunden werde[5989]. Zur Zeit des Khalifats waren persische Bronzen, nach dem Haupthandelsplatze auch Mossul-Bronzen genannt, ein wichtiger Gegenstand der Ausfuhr[5990].

Was die +Namen+ der Kupfer-Zinn-Legierung anbetrifft, so stehen ganz abseits das irische créd-uma = „Zinn-Kupfer“ und das deutsche Erz (althochdeutsch aruz, erezi; altnordisch arud, so auch in Ortsnamen; mittelhochdeutsch erz), das ~Hehn~ von „aes arretium“ ableiten will, da Arezzo lange Zeit hindurch einen der wichtigsten Erzeugungsorte der über die Alpen gehenden Waren bildete[5991]. Alle anderen neueren Sprachen bedienen sich aber der Bezeichnung „Bronze“, die bei den alten Griechen und Römern unbekannt war, und über deren Herkunft schon eine ganze Anzahl sehr verschiedener Vermutungen ausgesprochen worden sind.

~Ducange~ im 17. Jahrhundert und ihm folgend ~Muratori~ im 18. und ~Diez~ im 19., nahmen als Stammwort das spätlateinische bruntus und brunus an, das bald soviel wie braun besagen soll, bald so viel wie glatt oder glänzend[5992]; diese Vieldeutigkeit entspringt nach ~Eastlake~ dem Umstande, daß das Wort ursprünglich die Farbe des armenischen Bolus bezeichnete, den man im Kunstgewerbe als Untergrund für das Auflegen von Gold zu benützen pflegte[5993]. Hiernach scheint es erklärlich, daß z. B. schon in älteren Schriften des Mittelalters, aus denen dann noch mehr als ein halbes Jahrtausend schöpfte, „brunire“ = deaurare (vergolden) und „or bruni“ = aurum politum (glänzendes, poliertes Gold) ist[5994], daß ~Boileaus~ erstes Pariser Statutenbuch, das „Livre des métiers“ von 1254, unter brunti oder bruni nichts weiter als poli versteht[5995], und daß die mittelhochdeutschen Dichter und Schriftsteller brunit auf Waffen, Schmucksachen, Gläser usw. abwechselnd im Sinne von braun, von glatt, oder von glänzend anwenden[5996]. Aus „aes brunum“ oder „brunum aes“ soll dann nach ~Rossignol~[5997], der als „verkürzte Sprechweise“ „brunses“ annimmt, sowie nach ~Schrader~[5998], das mittellateinische bronzium hervorgegangen sein, sowie das italienische bronzo, bronza (auch = glühende Kohle), das französische bronce und braise, das deutsche Bronze, wohl auch das angelsächsische braes, das englische brass, das albanesische brunto, das russische bronza usf.; desgleichen aus dem mittellateinischen brunitius das italienische brunizzo, bruniccio, bronzino[5999]. Mit brunus bringt ~Rossignol~ auch das von ~Ducange~ für 804 nachgewiesene „brunia“ in Verbindung, d. i. der erzene Küraß[6000]; hiermit befindet er sich aber jedenfalls im Irrtum, denn dieses Wort, gotisch brunjo, altnordisch brynja, angelsächsisch byrne, altfranzösisch broigne und brunie, provençalisch bronha, althochdeutsch brunja und bronja, mittelhochdeutsch bruyna, neuhochdeutsch Brünne, leitet sich vom keltischen und irischen „bruisne“, d. i. Brust, ganz ebenso ab, wie altfranzösisch harnais, französisch harnois, italienisch arnese, spanisch arnes, altnordisch hardneskja, mittelhochdeutsch harnasch, neuhochdeutsch harnisch, vom keltischen und irischen „iarn“ oder „haiarn“, d. i. Eisen[6001]. -- Obwohl sich nun der Zusammenhang vieler der angeführten Worte mit bruntus und brunus nicht bezweifeln läßt, so erscheint es doch auffällig, daß nach ~Schrader~ diese selbst wieder in letzter Linie vom germanischen bruno = braun herkommen sollen[6002]; denn da die Spätlateiner die Bronze nicht von den Germanen kennen lernten, sondern umgekehrt, und die braune Farbe auch nicht wohl als die für Bronze charakteristische anzuerkennen ist, so behält hierdurch die ganze Erklärungsweise etwas Gezwungenes.

Das nämliche gilt von einer anderen, durch ~Pott~[6003] und später durch ~Karabacek~[6004] aufgestellten, der gemäß die Stammworte der Bronze das armenische plinj, das kaukasische pilindz und spilendzi, das mittelpersische barnidz und beredsch, vor allem aber das neupersische baradsch und birindsch sein sollen[6005]; als ihre eigentliche Bedeutung wird „leuchtend, glänzend“ angegeben, und aus dieser dürfte es sich erklären, daß die Perser mit Birindsch u. a. auch gewisse Pflanzen und Pflanzenteile bezeichnen, z. B. die Reiskörner[6006]. Die Frage aber, wann, wo, und unter welchen Umständen gerade dieses persische Wort zur Benennung der Bronze auserkoren und für sie maßgebend geworden wäre, läßt sich vorerst nicht in überzeugender Weise beantworten.

In den von ~Berthelot~ unter dem Namen „Technische Abhandlungen“ zusammengestellten, meist spätgriechischen Vorschriften findet sich auch eine zur Herstellung des für Gußsachen dienlichen βροντήσιον (Brontésion) „aus einem Pfunde cyprischen Kupfers und zwei Unzen Zinn“[6007]. ~Berthelot~ glaubt, sie stamme aus der Zeit gegen 1100 und war zunächst der Meinung, daß hier zum ersten Male das wahre Ursprungswort der Bronze, βροντήσιον, auftauche; von Gegenständen ἀπὸ βροτισίων (Brotisíon) spricht aber schon eine Stelle bei ~Zosimos~[6008], und wenn sie auch angeblich erst ein byzantinisches Einschiebsel aus dem 8.-10. Jahrhundert sein soll[6009], so bezeugt sie doch ein bereits erheblich höheres Alter des Ausdruckes. Daß dieser bereits vor 800 wohlbekannt war, ergibt sich aus zwei von ~Berthelot~ zuerst nachgewiesenen Rezepten: die im 8. Jahrhundert verfaßten „Compositiones ad tingenda ...“, derer schon weiter oben eingehend gedacht wurde, beschreiben als „compositio Brandisii“ und „alia compositio Brandisii“ Legierungen aus 2 Teilen Kupfer, 1 Teil Zinn, 1 Teil Blei, oder aus 2 Teilen Kupfer, ½ Teil Zinn, 1 Teil Blei und ½ Teil Glas (vitrum)[6010]; die desgleichen oben erwähnte „Mappae clavicula“ enthält ebenfalls die „Compositio Brindisii“, und zwar nach ~Giry~ allein im älteren Schlettstädter Texte, während der jüngere ~Way~sche die betreffende Vorschrift, jedoch mit 1 Teil statt ½ Teil Zinn, als „compositio brondisono“ nur unter den einzelnen Rezepten aufweist, die die letzten Blätter der Handschrift ausfüllen[6011]. ~Berthelot~ wirft nun die Frage auf, +wonach+ eigentlich die Kupfer-Zinn-Legierung βροντήσιον heiße? Die Benennung nach der Farbe, also nach bruntus, scheint ihm wenig zutreffend; ihr Befürworter, ~Ducange~, führt eine „Compositio Brundi“ an (2 Teile Kupfer, 1 Teil Zinn, 1 Teil Blei), deren das nicht näher ermittelte alte Werk eines Autors namens ~Palladius~ gedenke[6012]; ferner kommt ein Mineral βροντήσινος (Brontésinos), vermutlich eine Art Pyrit, auch im sog. „Lexikon“ vor[6013], das einen Bestandteil schon der ältesten alchemistischen Handschriften bildet, aber allerdings einen erst nachträglich beigefügten und nicht einheitlichen. Eine Beziehung zu dem anklingenden βροντή (Bronté) = Donner ist auch nicht anzunehmen, ebensowenig eine solche zu einem Erfindernamen. Die größte Wahrscheinlichkeit spricht daher für die zu einem Ortsnamen, nämlich zu Brundisium (= Brindisi), dem wichtigsten und hervorragendsten Fabrikationsorte römischer Bronzewaren[6014]. Wie es nach ~Plinius~ ein korinthisches, aeginetisches, delisches Erz gab, so vermutlich auch ein brundusisches, „aes brundusinum“, das die Bronze im Gegensatze zum „aes cyprium“, dem Kupfer, bezeichnet haben mag, und das wohl schon ~Plinius~ im Sinne hatte, als er von der Vortrefflichkeit der „brundisina specula“ sprach[6015], d. i. der brundusischen (also bronzenen) Spiegel; in diesem Zusammenhange scheint es beachtenswert, daß auch der ~Way~sche Text der „Mappae clavicula“ im Abschnitt 89, der von Versilberung handelt, der „brundisini speculi, tusi et cribellati“ Erwähnung tut, der „zerstoßenen und gesiebten [Masse] der brundisischen Spiegel“[6016].

Nach ~Festus~ (4. Jahrhundert n. Chr.), der seine etymologischen Darlegungen dem ~Verrius Flaccus~ (einem Autor der beginnenden Kaiserzeit) entnahm, den selbst wir aber wieder nur aus kärglichen Auszügen des ~Paulus Diaconus~ (um 800) kennen, hieß Brundisium ursprünglich Βρεντήσιον (Brentésion), abgekürzt auch Βρέντη (Brénte), Brenda, Breonda, Brendum, Brentium, und zwar nach den Worten βρέντη, βρέντον, βρέντιον, die bei den Gründern der Stadt, -- es sollen Kreter oder Messapier gewesen sein --, Hirsch und Hirschgeweih bedeuteten; der Name des Handelshafens hätte also eine Anspielung auf seine vielfach verzweigte Gestalt und Ausbreitung gebildet[6017]. Dies bestätigen auch im 5. Jahrhundert ~Hesychios~[6018], im 7. ~Isidorus~[6019] und zu Beginn des 9. ~Warnefried~, der in seiner „Geschichte der Longobarden“ bemerkt, „nach der Gestalt des Hirschkopfes hießen die griechischen Gründer den Ort Brondisium“[6020]. Von diesem Namen, der sich bis in die Neuzeit hinein erhielt, -- sagt doch z. B. noch 1538 ~Hollanda~ in den „Gesprächen über die Malerei“[6021], daß die Via Appia „bis Brondusio“ führt --, wäre also der des brundisischen oder brondisischen Erzes abzuleiten, dessen verschiedene Formen Brunzo, Brunzi, Bronze, Bronza, Bronsa, Brense gleichfalls bis in das 15., ja bis in das 17. Jahrhundert hinein nachweisbar bleiben[6022].

Die Hypothese ~Berthelots~ haben indessen schon ~K. B. Hofmann~[6023] sowie ~Schrader~ abgelehnt[6024], und in der Tat sprechen vielerlei Gründe gegen sie. Vor allem war Brundisium gar nicht „der wichtigste und hervorragendste Fabrikationsort für Bronzewaren“, als welcher vielmehr, wie oben erwähnt, Capua in Betracht kommt; der Behauptung, die Bronze sei gerade nach den Spiegeln Brundisiums benannt, die zwar schon ~Plinius~ rühmt, die aber doch immerhin nur eine beschränkte Spezialität bildeten, wohnt daher nicht viel Wahrscheinlichkeit inne. Wenig glaubhaft ist es ferner, daß sich von der Stadt Brundisium auch das spätgriechische oder frühbyzantinische βροντήσιον der „Technischen Abhandlungen“ und des Zusatzes bei ~Zosimos~ herleite, welches Wort in den folgenden Jahrhunderten noch weiter entstellt wird, wie denn z. B. nach ~Ducange~ von einem Gebäude zu Konstantinopel (?) die Rede ist, das πόρτας προύτζινες (prútzines) = bronzene Türen hatte[6025]. Endlich läßt sich auch das Mineral βροντήσινος nicht wohl mit Brundisium in Verbindung bringen, und daß die brundisischen Spiegel der „Mappae clavicula“ aus Bronze bestanden, ist gewiß sehr möglich, aber nicht erweisbar. Was schließlich die Zusammensetzung der verschiedenen „Compositiones“ anbelangt, so spricht der hohe Bleigehalt von 25% zwar für spätrömischen Ursprung der Rezepte, er erscheint aber, sobald die Herstellung der vortrefflichen brundisischen Spiegel in Betracht kommt, als so ungeeignet wie möglich, da ein derartig starker Zusatz an Blei die Härte und Politurfähigkeit der Legierung ganz erheblich beeinträchtigt, dem angestrebten Hauptzwecke also völlig zuwiderliefe; nach ~Bibra~[6026] enthält daher gutes antikes Spiegelmetall ebenso wie das heutige etwa 70% Kupfer und 30% Zinn, und entweder gar kein Blei, oder nur geringe Mengen, allenfalls 5-6%.

Sämtliche Vorteile von ~Berthelots~ Annahme lassen sich indessen wahren, wenn man zwar mit ihm Bronze von βροντήσιος (Brontésios) ableitet, dieses Wort aber nicht mit dem verführerischen Brundisium in Verbindung bringt, sondern mit dem von ihm nur im Vorübergehen erwähnten und ohne weiteres abgelehnten βροντή (Bronté) = Donner. In der griechischen Mythologie ist Bronte der personifizierte Donner, der Donner- und Blitzschlag, -- schon ~Olympias~ empfing ~Alexander~ den Großen von dem unter Donnergerolle, βροντή, in der Schlangengestalt des Blitzes niedergefahrenen Zeus[6027] --, und ~Brontes~ heißt ein Gewitter- und Vulkan-Dämon, der später zum Cyklopen und Schmiedegehilfen des ~Hephaistos~ wird[6028]. Aus den Donnerwolken herab (e tonitribus) fällt nach ~Plinius~ und ~Isidorus~ der wunderbare Donnerstein Brontea oder Brontia, der das vom Blitz gezündete Feuer zu löschen vermag[6029], dessen Zauberkräfte das gesamte Mittelalter rühmt, ja dem noch 1648 ~Aldrovandi~ in seinem trefflichen, von wissenschaftlichem Geiste erfüllten „Museum metallicum“ eine ausführliche, mit vielen Abbildungen ausgestattete Abhandlung widmet[6030]. ~Zeus Brontos~, ~Brontaios~ oder ~Brontesios~ endlich ist „~Zeus~ der Donnerer“, der ~Jupiter tonans~, tonitrator oder tonitrualis der Römer[6031]. An den Namen des Donnersteines Brontia und des ~Zeus Brontesios~ läßt sich völlig ungezwungen jener der Bronze anknüpfen, also des χαλκὸς βροντήσιος des donnernden, einen mächtigen Donnerschall verbreitenden Erzes; dieser Voraussetzung gereicht es zur Bestätigung, daß nach den spätantiken Autoren die Donnermaschine der Theater βροντεῖον (Bronteíon) hieß und aus einem λέβης χαλκοῦς, einem bronzenen Kessel, bestand, der mit großen Kieseln gefüllt war[6032]. Auch bezeichnet das Italienische mit „Bronzino“ noch jetzt gewisse Steine, z. B. venetianische Marmorarten, deren Platten, vermöge ihrer eigenartigen Struktur, beim Anschlagen einen starken, lange nachhallenden Klang von sich geben[6033]; in ähnlicher Weise mag das der pyritähnliche Stein βροντήσινος getan haben, dessen Namen ~Berthelot~ mit „fulgurante“ übersetzt[6034], -- soferne für seine Benennung nicht schon seine bronzeartige Farbe maßgebend war.

Noch bleibt aber die Frage zu beantworten, an welche Form des Erzes der Beiname des „donnernden“ mit besonderer Berechtigung zu knüpfen war, und ob sich in der Zeit, zu der der Name Bronze gebräuchlicher wurde, d. i. jedenfalls schon +vor+ dem 8. Jahrhundert, ein bestimmter Anlaß zu einer derartigen Anknüpfung geboten hatte? In dieser Hinsicht sei die Vermutung ausgesprochen, daß als solcher die Ausbildung oder Vervollkommnung des +Glocken+-Gusses zu betrachten ist.

Bronzene Glocken sollen in China schon um 1000 v. Chr. im Gebrauch gestanden, ursprünglich, wie ~Beckmann~ bereits 1799 anmerkte, aus den hölzernen sog. Lärmbrettern und Lärmtrommeln hervorgegangen und deshalb auch, gleich diesen, durch äußeres Anschlagen zum Tönen gebracht worden sein[6035]. Eine kleine bronzene Glocke mit Klöppel (9 cm hoch), etwa von 860 v. Chr., kam bei den Ausgrabungen nächst Ninive zum Vorschein[6036], und daß man ähnliche kleinere Glocken, sowie Glöckchen, Schellen, Cymbeln u. dgl. mehr auch in Persien, Vorderasien, Ägypten, Griechenland und Rom sehr wohl kannte, ist vielfach bezeugt, und kann der Natur der Sache nach nicht wundernehmen[6037]; völlig fehlt es dagegen an Berichten über große Glocken im Sinne der unsrigen, sowie an Überresten von solchen. Ebenso alt wie die Glocken, ja vermutlich noch älter, waren in China die gleichfalls durch Umwandlung der hölzernen Lärmbretter entstandenen Gongs, runde, meist zum Aufhängen, oft aber (durch Anbringen eines schrägen Randes) auch zum Aufstellen eingerichtete Bronzeplatten, denen man mittels eines Schlägels laute, weithin hörbare Töne entlockte[6038]; auch derlei Vorrichtungen genossen im westlichen Asien weite Verbreitung und können daselbst ebenso selbständig erfunden worden sein wie in China. Nach der „Glockenkunde“ ~Bossis~[6039], des gelehrten Mitgliedes der päpstlichen „Liturgischen Akademie“, steht es nun fest, daß sich die ersten christlichen Gemeinden im Orient, ihnen nachfolgend aber auch die des Okzidentes, zur Berufung ihrer Versammlungen, sowie zu anderen liturgischen Zwecken anfänglich großer hölzerner Tafeln bedienten, die entweder gegeneinander gestoßen oder mit schweren hölzernen Hämmern bearbeitet wurden[6040]. Im Orient blieb diese Sitte sehr allgemein lebendig und wurde in späteren Jahrhunderten, als nach Ausbreitung des Islams den Christen das Glockenläuten verboten war, sogar wieder alleinherrschend; aber auch das katholische Ritual bewahrte „als Erinnerung an die alte, noch glockenlose Zeit“ den Gebrauch, daß während der Passionszeit, wenn die Glocken zu schweigen haben, „statt ihrer das Crotalum, d. i. eine starke Holzplatte, mittels schwerer Holzkugeln geschlagen wird“[6041]. Vielfach trat jedoch, sowohl im Osten wie im Westen, an Stelle der hölzernen Tafel eine bronzene oder eiserne, die man in der Nachbarschaft der Versammlungsstätten an hohen Bäumen, an passenden Gerüsten, oder an eigenen freistehenden Türmchen befestigte und mit metallenen Hämmern anschlug[6042]; derlei Vorrichtungen zum Geben gewisser, bürgerlichen und häuslichen Bedürfnissen dienlicher Signale, daher „Signa“ genannt, besaß übrigens schon das spätere Altertum[6043]. Im Okzident erhielten sie sich bis gegen Ende des Mittelalters zu allerlei Zwecken, und zwar namentlich zum „Schlagen“ der Stunden durch besondere Wächter und durch die mit Zeitmessern und Uhren verbundenen „Schlagwerke“[6044]; aber auch der Orient bediente sich ihrer, so z. B. spricht schon der arabische Dichter ~Ibn Almuʿtazz~ (861-909) vom Schlage „der den Morgen verkündet“ und „durch den die Christen ihren Ruf ergehen lassen“[6045], die Erzählungen „1001 Nacht“ berichten vom Schlagen der Metallplatte auf dem Dache einer christlichen Kirche[6046], und die Schriften der „Treuen Brüder“ erörtern die Fortpflanzung solchen Schalles durch die Luft. Wo und wann zuerst der Gedanke verwirklicht wurde, mehrere metallene Bleche zu einem schallgebenden Gefäß (vas) zusammen zu nieten, ist bisher nicht ermittelt, doch scheint dies bereits in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung geschehen zu sein[6047], da ein angeblich 613 angefertigtes, jedenfalls aber außerordentlich altes Exemplar, bestehend aus drei mit Bronzenägeln vernieteten Eisenplatten, in Köln erhalten geblieben ist[6048]. Den weiteren Fortschritt, derartige „vasa“ in +einem+ Stück zu +gießen+, knüpft die Überlieferung an den Bischof ~Paulinus~ von ~Nola~ in Campanien, um 400, und findet es hiernach erklärlich, daß bald darauf eigentliche große Glocken unter dem Namen „signum“ oder „campana“ und kleine unter der Bezeichnung „nola“ bekannt zu werden beginnen[6049]. Erwähnungen der Campana aus dem Anfange des 6. Jahrhundert[6050] sind nicht ausreichend sicher bezeugt[6051], 580 aber kennt der Geschichtsschreiber ~Gregor~ von ~Tours~ die Glocke schon am Seile hängend[6052], 613 läutet man bei der Belagerung von Sens durch den merowingischen König ~Chlotar~ I. die Glocke der Kirche, „um das Volk zusammen zu rufen“[6053], und um etwa die nämliche Zeit wird des Signums oder der Campana auch in Paris gedacht[6054]. ~Beda Venerabilis~ (gest. 735) nennt den Schall der Glocken, „der die Gemeinde versammelt“, einen wohlbekannten (notum campanae sonum)[6055]. ~Alkuin~ (gest. 804) sagt in „De divinis officiis“, „es sei nicht neu, die Glocken zu weihen, zu ölen und zu benennen“[6056]; ~Karl der Grosse~ verbietet diese Taufe der Campanae, „deutsch Clocae genannt“[6057], und 874 stellt die Kirche das Läuten gegossener Glocken als rituale Vorschrift auf[6058], obwohl noch Papst ~Leo~ IV. (gest. 855) „eine Glocke mit einem bronzenen Hammer“ gestiftet hatte (campana cum malleo aereo)[6059]. Bemerkenswert ist es, daß 864 der Doge ~Orso Patritiaco~ dem Kaiser ~Michael~ zwölf große Glocken für die Sophien-Kirche als Geschenk zusandte, denn da die Byzantiner mit dem Erzgusse sehr vertraut waren und den Venetianern viele seiner Feinheiten erst beibrachten[6060], so muß man annehmen, daß sie selbst sich damals der Glocken nicht bedienten; dies scheinen sie auch später nicht getan zu haben, denn noch gegen 1200 meldet ~Antonius~ von ~Nowgorod~ in seinem „Pilgerbuche“: „... in der Sophien-Kirche haben sie [die Griechen] keine Glocken, sondern kleine Handklopfer aus Eisen (?), ... die man gemäß der Vorschrift eines Engels gebraucht; ... die Lateiner hingegen läuten mit Glocken“[6061].