Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 70

Chapter 703,025 wordsPublic domain

Was nun die angebliche Erfindung des campanischen Bischofs ~Paulinus~ von ~Nola~ anbelangt, so handelt es sich hierbei offenbar um eine Sage, wie schon die Tatsache zeigt, daß bereits bei dem spätrömischen Dichter ~Avienus~ (um 350) das Glöckchen am Hundehalsbande „nola“ heißt[6062]; aber völlig dürfte sie des geschichtlichen Hintergrundes nicht ermangeln. Wie schon oben erwähnt, hatte nämlich die römische Bronze-Industrie ihren Hauptsitz in Campanien, insbesondere aber in Capua. Diese Stadt, um 600 v. Chr. von den Etruskern ins Leben gerufen und über 150 Jahre lang ein rein etrurisches Gemeinwesen, scheint u. a. auch die Kunst des Bronzegusses von ihren Begründern übernommen und in den folgenden Jahrhunderten sorgfältig und unter ausschließlicher Verwendung der besten Rohstoffe gepflegt zu haben[6063]; von maßgebender Einwirkung war hierbei jener in Süditalien („Groß-Griechenland“) stets mächtige griechische Einfluß, der Capua zu einem Mittelpunkte der Kunstindustrie überhaupt und zur berüchtigten Stätte des Luxus und Wohllebens machte, die noch ~Cicero~ ein zweites Rom (Roma altera) benannte[6064]. Capuanische Bronzewaren fanden bereits seit dem 5. Jahrhundert v. Chr., in größerem Umfange aber seit der Begründung Aquilejas zu Beginn des 2., ihren Weg nach dem Norden (teils über den Brenner, teils durch Pannonien) und bleiben unter den dortigen Funden, trotz allen Wechsels der Verhältnisse, bis in das 3. nachchristliche Jahrhundert hinein nachweisbar, namentlich in Gestalt charakteristischer Bronze-Eimer[6065]. Aber auch im Inlande waren sie hochberühmt[6066]; der alte ~Cato~ (gest. 149 v. Chr.) rät, Bronzegefäße nur in Capua einzukaufen, zur Zeit des ~Augustus~ bewirkten griechische Künstler daselbst einen neuen Aufschwung der Industrie[6067], ~Horaz~ preist sein campanisches Bronzegeschirr (campana supellex)[6068], ~Plinius~ lobt das campanische Erz als das beste, reinste, von Blei freie[6069], und wenn auch im späteren Verlaufe der Kaiserzeit ein Rückgang in künstlerischer Hinsicht eintrat, so dauerte doch die Massenerzeugung stets weiter fort, wie u. a. noch der ~Horaz~-Kommentator ~Porphyrio~ im 3. Jahrhundert bezeugt[6070]. Um diese Zeit hatte aber das Christentum schon seit langem in Capua Boden gefaßt, die Stadt besaß bereits eine größere christliche Gemeinde[6071] und eine „Basilika der Apostel“[6072], und es ist daher durchaus glaublich, daß sich die Umgestaltung der Lärmtafel oder des oben erwähnten Schallgefäßes (vas) zur eigentlichen Glocke hier vollzog[6073]; gehörten doch „glockenförmige“ Eimer und Mischgefäße zu den althergebrachten Erzeugnissen der dortigen Künstler, denen auch die zum Gusse der ersten Glocken erforderliche, keineswegs gering zu veranschlagende Geschicklichkeit und Erfahrung zuzutrauen ist[6074]. Ob nun, wie anzunehmen, die Glocken den Namen „Campana“ nach dem des Landes Campanien und Capuas empfingen, -- denn ~Varro~ sagt ausdrücklich, daß das richtige Wort für alles aus Capua stammende campanus ist und nicht capuanus[6075] --, oder etwa nach dem campanischen Erze, dem aes campanum des ~Plinius~, oder nach der Art ihrer Aufhängung, d. i. jener der längst gebräuchlichen „statera campana“, der campanischen Schnellwage[6076] usf., muß vorerst dahin gestellt bleiben; jedenfalls erhielten sie ihn aber erst gelegentlich ihrer Weiterverbreitung, also schon außerhalb Campaniens oder Capuas. In dieser Stadt selbst aber, in der, wie in ganz Süditalien, der griechische Einfluß jederzeit ein herrschender und die griechische Sprache eine allgemein gebräuchliche blieb[6077], dürften die Künstler, die zum ersten Male die Glocken „dumpf zusammen hallen“ ließen, dem Glockengute die Bezeichnung χαλκὸς βροντήσιος oder κρᾶμα βροντήσιον, „donnerschallendes Kupfer oder Erz“, erteilt haben, sei es, daß sie sie selbst erdachten, oder schon samt den unvollkommeneren Vorbildern vom Osten her übernahmen; aus diesem Brontesios oder Brontesion gingen dann, als seine Bedeutung und Herkunft in Vergessenheit gerieten oder nicht mehr verstanden wurden, die entstellten Namen Brandisium, Brindisium, Brondisono usf. hervor, und aus diesen wieder, oder mit ihnen zugleich, die im Volksmunde vermutlich längst gebräuchlichen Abkürzungen Brontea oder Brontia[6078], die unmittelbar zu „Bronzo, Bronza, Bronze“ hinüberleiten. Diminutiva technischer Namen auf -ίον sind nach ~Schmidt~ charakteristisch für die späte, vulgär-griechische Arbeitersprache[6079], und dieser Umstand spricht daher gleichfalls für die Ableitung des Wortes βροντήσιον von βροντή, dem Donner; aus ihr erklärt sich auch ~Ducanges~ Angabe, daß Bronzina, neben „vas bronzinum“ die älteste der einschlägigen, frühmittelalterlichen Bezeichnungen, ein „tormentum bellicum“ bedeutet[6080], also eine jener Kriegsmaschinen, die bei Angriffen und Belagerungen nach zahlreichen Berichten „unter donnerartigem Getöse“ mächtige Steine und Felsblöcke schleuderten. Des weiteren macht der dargelegte Zusammenhang verständlich, daß nicht nur „Bronzo“ bis in das 17. Jahrhundert hinein ohne weiteres als Synonym von „Glockenspeise“ gebraucht wird, -- so noch von ~Becher~ (1635 bis 1675)[6081] --, sondern auch umgekehrt „Glockenspeise“ jederlei Bronzeguß bezeichnet; so z. B. sagt ~Vitalis de Furno~ (1247-1327), „unter Erz verstehe man das, woraus die Glocken gegossen werden“ (aes vocamus, unde fiunt campanae)[6082], und ~Veranzio~ spricht um 1595 von der zum Bau einer Brücke erforderlichen Glockenspeise[6083]. Doch sei hervorgehoben, daß in Deutschland, wo im 9. Jahrhundert Kirchenglocken schon allgemein gebräuchlich wurden und Glockengießer u. a. in Aachen urkundlich nachgewiesen sind[6084], der Name Bronze erst spät auftaucht; er fehlt z. B. in den zahlreichen von ~Schlosser~ gesammelten Dokumenten frühmittelalterlicher Kunst[6085], sowie bei ~Theophilus Presbyter~, der um 1100, und angeblich in Deutschland, in seiner „Schedula diversarum artium“ (Verzeichnis verschiedener Künste oder Kunstgriffe) auch ausführliche Vorschriften über Glockenguß bringt[6086], die er jedoch zum Teil unzureichend wiedergegeben oder auch selbst nicht richtig aufgefaßt hat[6087]. Eine genaue und zutreffende Beschreibung findet sich auffälligerweise erst 1540 in der „Pirotecnia“ des ~Biringucci~[6088], der aber wieder vielfach aus deutschen Quellen geschöpft zu haben scheint.

Nach der Lehre der katholischen Kirche, wie sie im Abschnitte „De benedictione Signi vel Campanae“ (Über das Weihen des Signum oder der Campana) des „Pontificale romanum“ niedergelegt ist, besitzt die Glocke, das „vasculum ad invitandos filios sanctae Ecclesiae“, das „Gefäß, das die Kinder der heiligen Kirche zusammenruft“, die Kraft, böse Geister und Gespenster aller Art zu verscheuchen, Unwetter und Stürme hinweg zu treiben, Blitz- und Donnerschläge abzuwenden[6089]. Diese Anschauungen sind ein Erbteil der Antike. Allgemein war in ihr der Glaube, den die Glöckchen, Cymbeln, Erzbecken und Sistren der Priester, Hierophanten, Schwärmer und Mysten bezeugen, daß der Klang des angeschlagenen Erzes als der einer Götterstimme anzusehen sei, daher reinige und sühne, Beschwörungen und Zauber breche, Dämonen und böse Geister banne[6090]. Auf ihn gründete sich die Überzeugung der Kirche und des gesamten Mittelalters, daß der Teufel und seine höllischen Heerscharen den Schall geweihter Glocken fliehen müssen, daß man sie daher durch Glockenläuten vertreiben könne und samt ihnen, durch „Wetterläuten“, auch die durch ihre Bosheit erregten Wirbelwinde und Stürme, Nebelschwaden und Gewitter[6091]. Ebendeshalb sollte es dem Blitze völlig unmöglich sein, in eine Glocke zu schlagen, namentlich in eine tönende[6092]; „fulgura frango“ ist daher der Wahlspruch, der so recht eigentlich der Glocke geziemt, der sie als echte Erbin jenes das Blitzesfeuer löschenden Donnersteines Brontia kennzeichnet und der abermals, von wiederum anderer Seite her, die Abstammung der Bronze vom donnerschallenden Erze Brontésion bestätigt.

6. Messing.

Da es mit Gewißheit feststeht, daß metallisches Zink in Asien nicht vor dem späteren Mittelalter, in Europa aber erst gegen 1600 bekannt wurde (s. unten), so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Messing genannte Kupfer-Zink-Legierung ursprünglich allein durch gemeinsames Verschmelzen von Kupfer oder Kupfererzen mit zinkhaltigen Mineralien, namentlich Galmei (Zink-Carbonat, zuweilen auch -Silikat), gewonnen wurde und daher keine gleichbleibende Zusammensetzung und Färbung besaß, vielmehr, je nach der Höhe des Zinkgehaltes, einen rötlichen, gelblichen, goldgelben bis weißen Farbenton zeigte[6093].

In welchem Lande oder welchen Ländern und zu welcher Zeit das Messing zuerst dargestellt wurde, steht bisher nicht fest; in Babylonien, in der Ägäis, in Troja und während der älteren mykenischen Periode scheint es nicht, während der jüngeren nicht sicher nachgewiesen zu sein[6094]; aber auch betreffs Ägyptens bleibt es fraglich, ob Messing unter jenem Kupfer zu verstehen sei, das unter der Regierung ~Ramses~ III. (1269-1244) „mit der Färbung des Goldes dritter Feinheitsgüte“ aus Etek (im Sinaï?) kam, oder unter jener Kupfermischung „von der Farbe des guten Wüstengoldes“, die nach Angabe des „Papyrus ~Harris~“ (13. Jahrhundert) erst gegossen und dann gehämmert wurde[6095].

Frühzeitig sollen die Perser die Kunst der Messing-Gewinnung betrieben haben, und aus Messing bestanden nach aller Wahrscheinlichkeit die Trinkschalen des Königs ~Darius~, von denen die „Wundergeschichten“ des ~Pseudo-Aristoteles~ berichten, daß sie glänzend, leuchtend, unverrostbar wie Gold und von diesem nicht der Farbe, sondern nur dem Geruch nach unterscheidbar gewesen sein[6096]; daß nämlich, abweichend vom Golde, die unedlen Metalle tatsächlich einen gewissen, besonders beim Reiben und Erwärmen hervortretenden Geruch zeigen, bestätigten schon im 16. Jahrhundert ~Las Casas~, im 17. und 18. ~Becher~ sowie ~A. von Haller~ und noch neuerdings (1907) ~Gruhn~[6097]. Persien ist sehr reich an dem zur Herstellung des Messings unentbehrlichen Galmei; dessen Benennung „Tutia“, die schon im frühen Mittelalter auftaucht, ist nichts anderes als das persische „Dûd“ = Rauch und bezog sich ursprünglich auf die für die Galmeiöfen charakteristische Wolke zartesten weißen Zinkoxydes, das zufolge augenblicklicher Verbrennung des zunächst in feinsten Tröpfchen abgeschiedenen metallischen Zinks entsteht und in dichten Massen an die Ofendecke emporsteigt[6098]. Der chinesische ~Buddha~-Pilger ~Hiuen-Thsang~ erzählt 629 n. Chr. von der Darstellung des Messings in Persien aus Kupfer und Galmei, dem Steine Yu-Schih[6099], der daselbst in vielen Gegenden vorkomme[6100]. Aus Persien soll diese Kunst nach Indien gelangt sein, wo man angeblich erst im 6. Jahrhundert an Stelle der älteren kupfernen oder bronzenen ~Buddha~-Statuen messingene zu setzen begann[6101] und das Messing seither schon ebenso zu Schmucksachen verarbeitete, wie dieses ~Somadeva~ noch ein halbes Jahrtausend später erwähnt[6102]; nach ~Hiuen-Thsang~[6103] gab es auch in Indien viel Galmei, besonders im Sind, -- doch läßt dieser Bericht Zweifeln Raum, da die Übersetzung des betreffenden chinesischen Wortes mit „Galmei“ nicht ganz sichersteht. Den Chinesen soll die Darstellung des Messings nach einigen ebenfalls aus Persien zugekommen sein, und zwar nicht vor dem 8. Jahrhundert[6104], während andere sie als eine einheimische Errungenschaft hohen Alters betrachten. Jedenfalls gelangte im Mittelalter Tutia nicht nur aus Kerman und Ispahan in Persien, sondern auch aus Indien und China nach den östlichen Mittelmeer-Ländern, und es bestand namentlich zu Damaskus eine ausgedehnte und technisch höchst vollendete Fabrikation von Messingwaren, was aber nicht hinderte, daß solche gleichzeitig auch aus Europa in den Orient kamen, besonders nach Ägypten[6105].

In Griechenland erwähnen die dem ~Hippokrates~ zugeschriebenen Werke gewisse medizinische Instrumente aus „weißem Kupfer“[6106], im Gegensatze zum gewöhnlichen „roten“[6107], und versichern, „das weichste und leichteste Kupfer sei das geeigneteste zur ausgiebigen Mischung“[6108], als deren Ergebnis zweifellos Messing anzusehen ist. Fraglich bleibt dagegen, ob man dieses auch als von Anfang her identisch mit dem ὀρείχαλκος (Oreíchalkos, Orichálcum) zu betrachten habe, einem u. a. bei ~Hesiod~[6109], in der sog. homerischen Hymne an ~Aphrodite~[6110], sowie im „Kritias“ des ~Platon~ erwähnten, diesem aber schon nicht mehr näher bekannten, goldähnlichen Metalle von angeblich ganz außerordentlichem Werte[6111]. Die „Wundergeschichten“ des ~Pseudo-Aristoteles~ melden, daß man aus ihm zu Chalcedon auch ganze Statuen anfertigte, und halten es offenbar für das nämliche wie das „Erz der Mossinöken“ (am Südostufer des Schwarzen Meeres), die eine „vom Erfinder geheim gehaltene Legierung“ (κρᾶμα, κρᾶσις) nicht aus Kupfer und Zinn, sondern aus Kupfer und einer in ihrem Lande vorkommenden „Erde“ darzustellen verstanden[6112]; das Röstprodukt dieser Erde, die sog. „phrygische Asche“ [unreines Zinkoxyd], wird zugleich als vortreffliches Augenheilmittel gerühmt[6113]. Vermutlich beruhten die Berichte über das Vorkommen des Orichalcum in der Natur auf bloßen Sagen, die dadurch entstanden, daß man die zuerst wohl in Kleinasien auftauchende Legierung nicht als solche erkannte, sie vielmehr als ein einheitliches Metall unbekannter Herkunft ansah[6114]. Die Bezeichnung Oreíchalkos leiten einige vom „Erz des ~Oreios~“ ab[6115], welcher Erfinder aber sichtlich nur ein Heros eponymos ist, andere, gemäß der wörtlichen, aber ganz nichtssagenden Übersetzung der Worte ὄρος (Oros) und χαλκός, von „Berg-Erz“, noch andere endlich von ὀρεύς (Oreús), dem Berg- oder Maultier, das durch Vermischung von Pferd und Esel ganz ebenso entstehe, wie das Orichalkum durch die von Kupfer und Galmei[6116].

Bei den Römern wurde der Name Oreíchalkos durch eine Volksetymologie zu Aurichalcum (= goldiges Kupfer, Goldkupfer) umgestaltet und bezeichnete eine Legierung aus Kupfer und Kadmia (Galmei), Kupfer und „cadmischer Erde“[6117], Kupfer und [zinkhaltigem] sog. „Ofenbruch“ der Silberhütten[6118]. Im Anfange des hellenistischen Zeitalters schwankte die Bedeutung allerdings zwischen Messing, Bronze und Kupfer[6119], wovon die Aufzählungen der 6 (oder 7) Metalle bei ~Pollux~[6120] (2. Jahrhundert n. Chr.), ja noch bei ~Albertus Magnus~[6121] (um 1260) eine Spur bewahrt haben, indem sie an Stelle des Kupfers, oder neben ihm, Orichalcum anführen; spätestens vom 2. Jahrhunderte v. Chr. an war aber Aurichalcum ausschließlich = Messing[6122] und gilt daher bei ~Plautus~, ~Cicero~, ~Horaz~ und anderen für billig und wertlos. Was ~Vergil~ als „orichalcum album“ erwähnt[6123], ist vielleicht als χαλκὸς λευκός, aes candidum (eine Kupfer-Silber-Legierung) anzusehen[6124], vielleicht aber auch nur als ein sehr helles Weißmessing, identisch mit dem vielgedeuteten χαλκολίβανος (Chalkolíbanos) der „Apokalypse Johannis“[6125]. ~Plinius~ erwähnt das Orichalcum nur ziemlich flüchtig[6126], ~Festus~ bespricht seinen Namen, nennt es eine Mischung oder Legierung (κραματινά) und weiß, daß „cadmische Erde in Kupfer geworfen wird, damit es entstehe“[6127]. Ähnlich äußern sich ~Hesychios~[6128], für den Messing ein bronzeähnlicher Stoff ist, sowie ~Isidorus~[6129], der seine goldgelbe Farbe auf die Beimischung eines „medicamen“ zum Kupfer zurückführt; ὀριχαλκεύς im Sinne von Messingschmied kommt um die nämliche Zeit (um 600) im byzantinischen Ägypten vor, jedoch nur ganz vereinzelt[6130].

Wie die als „Periplus“ bekannte, etwa um 40 n. Chr. verfaßte Handelsbeschreibung der Gestade des Roten Meeres erwähnt, führten die Küstengegenden Ostafrikas schon damals Orichalcum = Messing ein, das als Schmuck sowie an Geldesstatt diente, zu welchem Zwecke man es in passende Stücke zerschnitt[6131]. Etwas später, zur Zeit des ~Plinius~[6132], wurden die Galmeilager des niederrheinischen Gebietes entdeckt, und alsbald entwickelte sich dort, hauptsächlich in der Gegend von Juliacum (Jülich), eine ausgedehnte Messingindustrie, deren Blütezeit um 150 anzusetzen ist und deren Erzeugnisse durch die römischen Großkaufleute erst in alle Nordsee-, später aber auch in die Ostsee-Länder verhandelt wurden[6133]; als gegen 300 die Barbaren einbrachen, ging sie zwar unter, aber das Vorhandensein der Galmeilager daselbst, in der Aachener und Stolberger Gegend, sowie im Maastale scheint niemals völlig in Vergessenheit geraten zu sein und veranlaßte jedenfalls die Wiederaufnahme dieses Gewerbszweiges vom 11. Jahrhundert an[6134].

Was den Namen „Messing“ betrifft, so wollte man ihn u. a. von einem slavischen *mosengju ableiten, dieses vom spätpersischen miss, miess, moess (= Kupfer) und dieses wieder vom pontischen *moss oder mossu, dem Erze der Mossynöken[6135]. Viel näher liegt aber als Stammwort das mittellateinische massa = Klumpen, Klotz (als „Massel“ noch jetzt für die Roheisen-Luppen gebräuchlich), das als mass, mess, meze, messe nachgewiesen ist[6136], im mittelhochdeutschen mösch, möschnic, missinc, messinc, messing lautet[6137], auch in der „Sarepta“ des ~Mathesius~ als „messinc, messnic, messen“ nachklingt[6138], in niederländischen Dokumenten von 1517 und 1579 als myssink und massener Ware[6139], und noch im Basler Zeughaus-Inventare von 1666 als Mössinc, Möschnic, Mösschinen[6140]. Im Niederländischen, Flämischen und Holländischen wird aber Messing oft auch mit „Kupfer“ bezeichnet (s. das französische cuivre blanc), indem es für eine bloße Art gefärbten Kupfers galt[6141]; auf Gleichsetzung mit Bronze wiederum deutet wohl das angelsächsische braes und das englische brass[6142].

Der in älteren Aachener Urkunden vorzufindende Namen „Latven“ kommt vom französischen laiton (span. laton; ital. lottone, oder, unter Hinweglassung des vermeintlichen Artikels, ottone), und dieses nach ~Dietz~ von plata, latta, latte (engl. latten), der Bezeichnung für das allezeit so beliebte dünngeschlagene Weißmessing-Blech[6143], nach ~Rossignol~ von „aes luteum“ (= gelbes Erz)[6144], nach der zweifellos richtigen Erklärung ~Ducanges~ aber von „Elektron“[6145]. Das französische „archal“, von dem neben laton ~Boileau~ schon 1254 spricht[6146], geht auf Orichalcum zurück; noch 1575 heißt in Stolberg das Rohmessing Arko[6147]. -- Ganz abseits stehen das neugriechische τούντζυ (Túntzy) und das rumänische Tuciu, die offenbar mit Tutia zusammenhängen und nicht mit Tumbac oder Tombacco, d. i. das malayische Wort tambâja = Kupfer[6148]. Daß das Westfinnische ein eigenes Wort für Messing besessen habe, ist ein Irrtum; Messing war im alten Finnland ebensowenig bekannt wie Bronze und taucht erst im „Kalewipoeg“ auf, der aber auch sonst vieles sehr junge erwähnt, z. B. Branntwein und sogar Tabak[6149].

7. Blei.

Da Bleierze in den verschiedensten Gegenden weit verbreitet sind und sich, wie namentlich das wichtigste unter ihnen, der Bleiglanz (d. i. Schwefelblei), glatt reduzieren lassen, da ferner der niedrige Schmelzpunkt und die große Leichtflüssigkeit des Metalles einfache Abscheidungs- und mannigfaltige Anwendungsweisen ermöglichen, so ist das Blei in manchen Ländern schon seit früher Zeit wohlbekannt und steht in dieser Hinsicht zuweilen dem Kupfer nur wenig nach.

Seit wann die +Ägypter+ es zu benützen verstanden, läßt sich des genaueren nicht angeben, im 2. Jahrtausend, besonders in dessen zweiter Hälfte, kommen aber größere Barren und Ziegel aus Blei (teht, tacht) schon sehr häufig vor und scheinen auch bereits aus Spanien eingeführt worden zu sein[6150]; in den sog. Tribut-(richtiger Handels-)Listen ~Thutmosis~ III. (um 1500) ist wiederholt von bedeutenden Mengen die Rede, da sich aber ~Ramses~ III. (um 1200) rühmt, den Göttern neben anderen kostbaren Metallen auch 9000 Pfunde Blei zum Geschenke dargebracht zu haben[6151], so muß sein Wert auch damals noch ein recht erheblicher gewesen sein. Daß es späterhin massenhaft vorhanden war, als billige und gemeine Ware vielerlei Verwendung fand, seiner leichten Schmelzbarkeit halber dem ~Osiris~, dem „Herrn alles Flüssigen“, beigesellt wurde und schließlich als Grundlage aller übrigen Metalle galt, hat bereits in früheren Abschnitten Erwähnung gefunden; in ptolemäischer Zeit sprechen die Urkunden öfters vom Bleiarbeiter (μολυβδουργός) und vom Bleilöter (κολλητής), der Wasserleitungen anlegt und ausbessert und die beschädigten Rohre (σωλῆνες) der Badeöfen wieder herstellt[6152].

Auch bei den +Sumerern+ ist die Kenntnis des Bleies uralt, und einige sehen es als das schon dem Gotte ~Ea~ von Eridu zugehörige Metall an, während andere als solches allerdings das Kupfer betrachten[6153]. Seiner Verwendung im Laufe des 3. Jahrtausends, sowie der Statue des Königs ~Bur-sin~ von Ur (um 2600), die aus Bleibronze mit 18% Blei (abâru) besteht[6154], ist schon weiter oben gedacht worden[6155]; aus der Zeit um 2300 wird von einem prächtigen Bassin aus Stein und Blei berichtet, das König ~Gudea~ für einen Tempel stiftete[6156]. Die Assyrer nannten das Blei ebenfalls abâru[6157], besaßen große Mengen davon und verwandten es u. a. zu nicht näher aufgeklärten kultischen Zwecken, so daß sich z. B. in einigen Gräbern des 13. Jahrhunderts schwere Bleitafeln, darunter solche bis zu 500 kg Gewicht, vorgefunden haben[6158].

Auch in der +Ägäis+ ist Blei bereits während des 3. Jahrtausends nachgewiesen, desgleichen in +Troja+, woselbst aus einer tiefen Schicht (von etwa 2500) die noch sehr rohe Bleifigur einer Göttin zutage gefördert wurde[6159]; ebenfalls wohlvertraut war das Blei der +mykenischen+ Kultur, und bleierne Drähte, Ringe usf. zählten nach Beginn des 2. Jahrtausends nicht mehr zu den Seltenheiten[6160].