Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 58

Chapter 583,215 wordsPublic domain

Was die erwähnte Übermittlung chemischer und vor allem chemisch-technologischer Traditionen durch die Araber betrifft, -- die schon seit Beginn des 8. Jahrhunderts ihre Herrschaft und ihren Einfluß über Sizilien, Süditalien, Spanien und Südfrankreich zu erstrecken begonnen hatten --, so steht sie zwar als +Ganzes+ fest, und an ihrer Tatsächlichkeit und hohen Bedeutung ist nicht zu zweifeln; ihre +Einzelheiten+ hingegen liegen noch so gut wie gänzlich im Dunkeln, und nur in Ausnahmefällen lassen sich die Fragen beantworten, welche Vorbilder zunächst Nachahmung fanden, oder wo, wann und durch wen dies zuerst geschah? Überlegt man, daß die einschlägigen Verfahren nach Tunlichkeit geheim gehalten wurden, weshalb selbst die spätere Litteratur nur selten einige dürftige Winke über sie gibt, daß ferner deren ausschließliche eigene Verwertung größte Wichtigkeit für Handel und Verkehr der Eroberer besaß, daß aber die Arabisierung der besetzten Länder nur eine oberflächliche war und blieb (selbst in weiten Teilen Spaniens), so ist wohl allein an eine unverhütbare allmähliche Aneignung seitens Mitbeschäftigter und Lernbeflissener zu denken, nicht aber an eine gewollte Lehrtätigkeit der Araber. Ebenso sind auch gewisse, wie in älterer so noch in neuerer Zeit mit lebhaften Farben ausgemalte Schilderungen abzuweisen, denen gemäß, etwa vom 11. Jahrhundert an, junge Leute mitteleuropäischer Herkunft die arabischen Universitäten Spaniens aufgesucht hätten, um dort neben anderen Geheimwissenschaften auch Alchemie zu studieren und sie in den Laboratorien der großen Meister praktisch zu betreiben[4922]. In Wirklichkeit[4923] waren nämlich diese „Universitäten“ teils eine Art Seminare und als solche unmittelbar den Moscheen angegliedert[4924], teils eine Art Stifte oder Kollegien und als solche in eigenen, „Medreseh“ genannten Schulgebäuden untergebracht. Unterrichtsgegenstände bildeten in ersteren ausschließlich Theologie und ihre Nebenzweige, namentlich Jurisprudenz, in letzteren aber auch Philosophie, Philologie, sowie zuweilen Medizin, Astronomie und Mathematik[4925], und zwar wurden, wie noch heutzutage etwa in den entsprechenden Anstalten zu Konstantinopel oder Kairo, die Paragraphen des von einer „anerkannten Autorität“ verfaßten Lehrbuches durch den Vortragenden abgelesen und erklärt, die Lehrstoffe aber durch die Zuhörer nachgeschrieben und memoriert; nur die „Vorlesung“ kam also in Betracht, nicht eine selbständige und praktische Forscherarbeit der Lehrer, geschweige denn der Schüler, am allerwenigsten aber eine auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, die als solche noch gar kein Sonderdasein führten, in den Lehrplänen keine Stätte besaßen und in den Augen der Strenggläubigen immer noch mit Magie und Zauberei zusammenhingen, also für „verdächtig“ galten. Endlich waren aber auch diese Schulen, angesichts der gerade in Spanien großen Intoleranz der Geistlichkeit und ihrer regen Eifersucht gegen alles Fremde[4926], für Ungläubige völlig unzugänglich, so daß schon allein dieser Umstand der angeführten Hypothese jeden Boden entzieht. Infolgedessen wurde sie dahin abgeändert, daß nicht die arabischen Hochschulen Ziel der Alchemie-Studierenden gewesen seien, sondern die aus ihnen schon seit der Rückeroberung Toledos (1085) hervorgegangenen spanischen. Aber auch diese sog. Universitäten pflegten, gleich sämtlichen mittelalterlichen, ausschließlich die Geisteswissenschaften (in weiterem Sinne), -- in erster Linie natürlich die Theologie --, während die Naturwissenschaften für sie überhaupt nicht vorhanden waren und auch späterhin nicht die geringste Beachtung erfuhren; wer niemals Anlaß hatte, sich mit den Erzeugnissen ihres rein scholastischen Betriebes zu befassen, schöpft die richtigste Vorstellung von ihrer starr konservativen und orthodoxen Gesinnung in früheren Jahrhunderten aus einer Antwort, die noch 1771 die vornehmste Universität, Salamanca, auf Vorschläge König ~Karls~ III. zu einer zeitgemäßen Umgestaltung der Lehrweise erteilte: „~Newton~ lehrt nichts, was einen guten Logiker oder Metaphysiker bilden könnte, und ~Gassendi~ oder ~Descartes~ stimmen nicht mit der Wahrheit der Offenbarung überein, wie das ~Aristoteles~ tut[4927].“ Von einem Studium der Chemie an den spanischen Universitäten und von alchemistischen Arbeiten in deren Laboratorien, kann also ernstlich gar nicht gesprochen werden. Wie sich indessen die großen Übersetzer arabischer Werke aller Art in das Lateinische, z. B. ~Gerhard von Cremona~ (1114-1187)[4928] und andere, gelegentlich ihres Aufenthaltes in Toledo und sonstigen spanischen Städten nicht etwa der Mithilfe akademischer Kreise bedienten, sondern jener gelehrter sach- und sprachkundiger Juden, so dürften sich auch die auf Kenntnis der Geheimwissenschaften und der Alchemie Ausgehenden unmittelbar an Personen gewendet haben, die im Rufe standen, selbst mit diesen Dingen Bescheid zu wissen. Das werden aber, wie jederzeit und allerorten, vorwiegend Schwindler, Betrüger und allenfalls betrogene Betrüger gewesen sein, die teils einzeln im verborgenen wirkten, teils jenen mystischen, magischen und nekromantischen Geheimzirkeln angehörten, die z. B. nach ~Del Rio~ und ~Gesner~ noch um 1600 in Toledo, Granada, Cordova, Sevilla und Salamanca ihr Wesen trieben[4929], und es kann daher nicht wundernehmen, daß das im Dunkeln Ausgeübte auch im Dunkeln verblieb, und schriftliche Aufzeichnungen darüber nicht vorliegen. -- Im ganzen scheint man jedoch überhaupt die Rolle des eigentlichen Spaniens als Ausgangspunkt der Verbreitung und Vervollkommnung chemischer und alchemistischer Kenntnisse und Verfahren bisher überschätzt zu haben, und die maßgebenden arabischen Anregungen fielen vermutlich in der Provence, in Italien und in Sizilien auf fruchtbareren Boden. Die einschlägige arabische Litteratur dieser Länder ist leider noch sehr ungenügend erforscht, doch steht es z. B. fest, daß schon ~Ibn Badschrun~, ein sizilischer Autor (des 11. Jahrhunderts?), ein Buch „Sirr Alkîmijâ“ (= Geheimnis der Chemie) verfaßte, und sizilischen Ursprunges scheint auch eine ausführliche Anweisung zu sein, behandelnd die Herstellung von Tinten in verschiedenen Farben, von Goldtinte mittelst Auripigment, von Silbertinte mittelst Zinnamalgam, sowie die Vergoldung von Papier und Pergament[4930].

In Sizilien wurden um 1150 alchemistische Schriften auch +ohne+ den Umweg über das Arabische unmittelbar aus dem Griechischen übersetzt[4931]. Daß dies möglich war, kann nicht überraschen, wenn man bedenkt, daß große Teile Italiens, namentlich Süditaliens, seit ihrer Wiedereroberung durch die oströmischen Kaiser jahrhundertelang in engster Verbindung mit dem byzantinischen Reiche standen, so daß die griechische Sprache bis tief in das Mittelalter hinein eine allgemein verstandene, ja in vieler Hinsicht eine herrschende blieb: daher zeigen zahlreiche süditalische Münzen des 8. bis 11. Jahrhunderts griechische Aufschriften[4932], und noch Kaiser ~Friedrich~ II. erließ im 13. Jahrhundert seine Gesetze zugleich in lateinischer und griechischer Fassung[4933]. Diese Umstände sind namentlich sehr beachtenswert betreffs der Überlieferung der chemisch-technologischen Kenntnisse und der auf ihnen beruhenden kunstgewerblichen Verfahren. Schon während der Kaiserzeit war die römische Kunst „nur eine von Nicht-Römern geleitete Fortbildung hellenistischer Motive“, wie dies schon allein die Tatsache zeigt, daß für die im Kunstgewerbe beschäftigten kaiserlichen Freigelassenen und Sklaven in sämtlichen bekannten Inschriften, mit einer einzigen Ausnahme, nur griechische und orientalische Namen erscheinen[4934]; nach dem Sturze des weströmischen Reiches gingen dann die Traditionen der Kunst, die am getreuesten und längsten die Werkstätten der ägyptischen Edelschmiede bewahrt hatten, zunächst ganz an die Byzantiner und später an die Araber über und wurden durch sie erhalten und weiter verbreitet[4935].

Sowohl ~Eastlake~ als ~Merrifield~ heben in ihren oben genannten Werken nachdrücklich und an vielen Stellen die Bedeutung der byzantinischen Übermittlung hervor, die teils auf mündlichem, teils auf schriftlichem Wege, bald an geistliche, bald an profane Künstler, und in vielen Fällen auch außerhalb Italiens weit früher erfolgte, als man sehr allgemein anzunehmen pflegt[4936]: sind doch z. B. „griechische“ Glasmaler, die nicht nur die Malereien auszuführen, sondern auch die erforderlichen Farben zu bereiten verstanden, schon 687 in Frankreich nachweisbar[4937] und um die nämliche Zeit nach ~Beda Venerabilis~ auch in England[4938]. Sehr bezeichnend für die „innige Kontinuität“ der hellenistischen, byzantinischen und italienischen Vorschriften erweisen sich nach ~Wessely~ auch die frühmittelalterlichen Rezepte für „Chrysographie“ (Goldschrift), denn unter 17 von ihm angeführten gehen 8 auf die bewährten alten Verwendungen echten Goldes zurück (Grundieren; Auftragen von Goldstaub, Goldblättchen, Goldamalgam, nebst Gummi u. dgl.; Polieren mit dem Tierzahn) und 9 auf die ebenso bekannten der Ersatzmittel (Auripigment, Zinnober, Safran, Galle, ...)[4939]. Charakteristische, den hellenistischen und byzantinischen Quellen entlehnte Züge sind ferner u. a. die folgenden: die Herstellung von „Auripetrum“[4940] durch Vergolden von Zinnfolie mittelst eines Firnisses aus Sandarach (oder anderen Harzen) und Leinöl oder Nußöl (dieses nach ~Aëtios~, 6. Jahrhundert), sowie mittelst Gallenfarben[4941]; das Feinreiben von Gold und anderen Materialien auf ägyptischem Porphyrstein, so daß „porphyrisiert“ überhaupt so viel wie „feingerieben“ bedeutet, -- eine Benennung, die sich im französischen „porphyriser“ dauernd erhalten hat; die Verwendung von Zusätzen, z. B. Bleiweiß, zur „Multiplicatio“ (Vervielfachung) des Azurs, dessen violette Sorte den Namen „Manghanese“ führt[4942], sowie des Zinnobers, der sich auch in Italien findet und dort Hämatit heißt [d. i. in Wirklichkeit Roteisenstein][4943]; das „Ausbrüten“ von Quecksilber in einem „Ei“ zu Gold von der richtigen „Goldfarbe“[4944]; die Anfertigung künstlicher Perlen und ihre Reinigung durch Verfüttern an Tauben oder Hühner[4945]; die Benützung von Ätzkalk zu Mischungen, die sich in Berührung mit Wasser entzünden[4946]; das Aufsagen von Gebeten (Paternoster, Miserere, Ave Maria) zwecks Zeitmessung[4947], usf. Wie völlig bewußt sich die frühmittelalterlichen Autoren dieser Zusammenhänge waren, beweist u. a. auch die „Schedula diversarum artium“ des sog. ~Theophilus Presbyter~, die im 11. oder 12. Jahrhundert auf Grund weit älterer Überlieferungen abgefaßt ist und sich nicht nur wiederholt auf „griechische“ Rezepte zur Darstellung von Gold (aus Zinn und Safran), Farben, Präparaten und Gläsern beruft, sondern auch ausdrücklich versichert, „alles zu enthalten, was nur die Griechen an verschiedenen Gattungen von Farben und Mischungen besitzen“[4948]. Nach Deutschland, besonders auch nach Norddeutschland, scheinen „griechische Meister“ nicht selten bereits im 10. Jahrhundert, unter der Regierung Kaiser ~Ottos~ II., gekommen zu sein, dessen Gemahlin ~Theophano~ bekanntlich eine byzantinische Prinzessin war; in Verbindung hiermit steht vielleicht die Erwähnung eines byzantinischen Alchemisten bei einem Kommentator der „Kirchengeschichte“ des ~Adam von Bremen~ aus der Zeit ~Ottos~ III. (983 bis 1002), während dessen Minderjährigkeit seine Mutter ~Theophano~ die Würde der Reichsverweserin bekleidete[4949].

a) „Compositiones ad tingenda musiva ...“.

~Muratori~, der im Laufe des 18. Jahrhunderts eine große Reihe wichtiger, die politische und Kultur-Geschichte Italiens betreffender Abhandlungen und Sammelwerke herausgab, entdeckte diese, dem 8. Jahrhundert angehörige Schrift „Über das Färben der Mosaïke ...“ in der Bibliothek zu Lucca und veröffentlichte sie zum ersten Male in seinen „Antiquitates Italicae medii aevi“[4950], jedoch nach ~Guareschi~[4951] anscheinend nicht ganz vollständig. Sie besteht aus einer Sammlung von Rezepten zu praktischen, meist kunsttechnischen Zwecken, die verschiedenen Quellen entlehnt und ziemlich regellos aneinander gereiht sind, und ist in einem barbarischen Latein abgefaßt, das deutlich die mindestens teilweise Übersetzung aus dem Griechischen und den byzantinischen Ursprung erkennen läßt; letzteren bezeugt sie auch durch die Bewahrung gewisser griechischer und ägyptischer Überlieferungen, die sich in späteren gleichartigen Werken z. B jenen des sog. ~Heraklius~ und ~Theophilus~ (aus dem 10. bis 12. Jahrhundert?), nicht mehr erhalten haben. ~Kopp~, ~Hoefer~ und anderen Historikern der Chemie, blieb ihr Vorhandensein unbekannt[4952], obwohl ~Lessing~ in der Schrift „Vom Alter der Ölmalerei“ (1774)[4953], ~Beckmann~ in den „Beiträgen zur Geschichte der Erfindungen“ (1792)[4954], ~Berthollet~ in den „Elements de l’art de la teinture“ (1804)[4955], und in neuerer Zeit ~Eastlake~ (1847)[4956], ~Merrifield~ (1849)[4957] und ~Bucher~ (1875)[4958] ihrer gedachten. Der wesentliche Inhalt, soweit chemische Fragen in Betracht kommen, ist nach ~Berthelot~ der folgende[4959]:

Die Metalle, wie Gold, Silber, Kupfer, Orichalcum (= Messing), Blei usf., werden aus verschiedenen Erzen gewonnen, Blei z. B. aus männlichen und weiblichen, und miteinander durch Löten vereinigt[4960]. Aus Gold macht man zarte Fäden, aus Gold und Silber feinen „Staub“, und aus Gold, Silber und Zinn auch äußerst dünne Blätter[4961], die man mit Leinöl oder ähnlichen Mitteln auf unedle Metalle, Glas, Stein, Holz und Gewebe aufklebt, um diese zu vergolden oder zu versilbern[4962]. Blattgold ersetzt man nach Bedarf durch Zinnfolie, die man mit einem [bereits im Leidener Papyrus erwähnten] Firnis aus Safran, Chelidonium und Auripigment überzieht[4963], doch versteht man Metalle, besonders Kupfer, überhaupt so zu „färben“, daß sie wie Gold aussehen[4964]. Das Blattgold löst man ferner in Quecksilber und gebraucht das Amalgam zur Herstellung von Goldschrift, doch können auch hier Safran und andere gelbe Farbstoffe [wie im Leidener Papyrus] zur Aushilfe dienen[4965].

Als „Compositio brandisii“ wird die Bereitung einer Legierung aus 2 Teilen Kupfer (aeramen), 1 Teil Blei und 1 Teil Zinn, oder aus 2 Teilen Kupfer, 1 Teil Blei, ½ Teil Zinn und ½ Teil „Vitrum“ [wörtlich Glas, hier wohl ein krystallinisches Flußmittel] beschrieben[4966]; sie ist also eine bleihaltige und daher minderwertige +Bronze+, und letzterer Name soll nach ~Berthelot~ von dem dieser Legierung abgeleitet sein (siehe weiter unten).

Von Mineralien und Präparaten finden sich genannt: Schwefel und Auripigment[4967]; Hämatit (Roteisenstein), Oker und Rötel[4968]; das Kupfererz Chalkitis, gebranntes Kupfer, Kupferblau (?) und Jarin [Grünspan] aus Kupfer und Essig[4969]; Bleiglätte, Bleiweiß aus Blei und Essig, sowie Siricum [Mennige, zuweilen aber auch Rötel][4970]; Kathmia, auch kupferhaltige[4971]; natürliches und künstliches Quecksilber, sowie Zinnober, bereitet aus Quecksilber und Schwefel[4972]; Lasurstein (?), Koralle und Gagat[4973]; Salz, Alaun und Vitriol [ein unreines, eisenhaltiges Kupfersulfat aus zersetztem Pyrit], durch Einkochen der wässerigen Lösung dargestellt und nach ~Berthelot~ hier zuerst unter dem Namen „vitriolum“ erwähnt[4974], [der aber sicherlich sehr viel älter ist, da z. B. schon ~Plinius~ die Ähnlichkeit der krystallisierten Substanz mit blauem Glase hervorhebt]; Nitron und Aphronitron (Schaumnitron)[4975].

Durch Erhitzen von Nitron und Glassand in den Glasöfen schmilzt man das Glas zurecht und verleiht ihm zugleich durch gewisse Zusätze beliebige Farben: Zinn macht es weiß, Bleiglätte gelb, Zinnober, gebranntes Kupfer und Kathmia hell- bis dunkelrot, usf., und aus solchem buntem sowie aus vergoldetem und versilbertem Glase verfertigt man die Glasmosaïken, die auch eine schöne Politur annehmen[4976]; prächtig gelbe, purpurne und andere Färbungen lassen sich aber auch mittelst geeigneter Firnisse bewirken, z. B. mittelst des „antimio di damia“ (?) genannten[4977].

Zum „Färben“ [Bemalen; Anstreichen] von Pergament, Holz, Knochen, Horn, Mauerwerk usf. bedient man sich zahlreicher Farbstoffe[4978], teils der oben genannten mineralischen, die sich auch zu Beimischungen eignen, teils tierischer, z. B. des Purpurs[4979], teils pflanzlicher. Zu diesen zählen u. a. die der Rinden und Früchte von Nußbäumen, Ulmen und Eichen [Galläpfel], der Blüten von Veilchen, Mohn, Lein, blauen Lilien usf., der Wurzeln des Krapps, ferner Vermeil, Ficarin, Lazurin, Lulazin oder Lulax, u. dgl. mehr[4980]. Als Lösemittel gebraucht man Regenwasser, Seewasser, Essig oder gefaulten Harn, als Bindemittel aber, je nach der Natur des Untergrundes, Öl, Leinöl, Harze, Mastix, Gummi, Fett, Wachs, Bitumen, Fischleim, die „amor aquae“ (?) genannte schaumige Masse usf.[4981].

Stoffen und Geweben erteilt man ebenfalls alle möglichen Farben, z. B. purpur, zinnoberrot, dunkelgelb, hellgelb (melium), grün, blaugrün (venetum)[4982] und „pandium“, zu dem Bleiweiß, Zinnober, Grünspan und gewisse blaue, grüne und purpurne Farbstoffe verwendet werden[4983].

b) „Mappae clavicula“.

Als „Mappae clavicula de efficiendo auro ...“, „Schlüssel zur Anweisung Gold zu machen“ (zunächst zu Zwecken der Malerei und des Kunstgewerbes) führt nach ~Becker~[4984] das Bibliotheks-Verzeichnis des Klosters Reichenau aus dem Jahre 821-822 eine (jetzt verlorene) Schrift an, in der ~Berthelot~ die älteste, noch sämtliche Rezepte der „Compositiones ad tingenda musiva ...“ mitenthaltende Vorlage der bis auf uns gekommenen „Mappae clavicula“ vermutet[4985]. Von dieser ist ein kürzerer Auszug in einer nach ~Giry~ spätestens dem 10. Jahrhundert entstammenden (noch ungedruckten) Handschrift in Schlettstadt vorhanden, sowie ein ausführlicherer, dem 12. Jahrhundert angehöriger, das sog. „~Way~sche Manuskript“, in England[4986]; für den Verfasser des letzteren erklärt ~Berthelot~ (oder sein nicht klar ersichtlicher Gewährsmann) den ~Adelhard~ von ~Bath~, einen hochgebildeten englischen Mönch, der um 1130 von weiten Reisen zurückkehrte, die ihn bis in den Orient führten, und unter dessen Werken sich eine „Mappae clavicula“ erwähnt findet[4987]. Hiernach würde es sich erklären, daß der ~Way~sche Text einige Worte altenglischen und arabischen Ursprunges zu enthalten scheint[4988], und daß allein in ihm an die Stelle der zum Teile weggefallenen Rezepte der „Compositiones“ verschiedene Zusätze späterer Herkunft getreten sind, die teils arabischen Einfluß verraten (wie die über Zucker, Stärke, Seife, ... handelnden), teils auf die sog. „Schedula“ des ~Theophilus~ (12. Jahrhundert?) oder deren Quellen zurückweisen[4989]. -- Die ursprüngliche „Mappae clavicula“ ist als eine nach ~Berthelot~ in Italien, nach ~Diels~[4990] eher im karolingischen Frankreich um 800 verfaßte Sammlung von Rezepten anzusprechen, die entweder griechischen und byzantinischen Schriften entnommen wurden, oder (was wahrscheinlicher ist) älteren lateinischen Auszügen aus solchen; Spuren, die diese Entstehungsart verraten, sind eine Anzahl griechischer Lehnworte[4991], gewisse Übereinstimmungen mit Vorschriften des Leidener Papyrus und des ~Pseudo-Moses~[4992], Reste heidnischen Götterglaubens[4993], Empfehlungen von „Gebeten“ um gutes Gelingen der Operationen[4994] usf. -- Die hauptsächlichen Angaben, die chemische Kenntnisse und Verfahren betreffen, sind die nachstehenden[4995]:

Silber und Gold bereitet man durch Herstellung entsprechend gefärbter Legierungen aus edlen und unedlen Metallen, auch unter Benützung von Auripigment, Sandarach und anderen Zutaten[4996]; gefördert werden diese verschiedenen Methoden der „Diplosis“ oder „Duplicatio auri“ (= Verdopplung des Goldes) durch Beifügen kleiner Mengen fertigen Silbers oder Goldes[4997] und durch Bittgebete während des Schmelzens[4998]; dieses setzt man fort „donec hilare fiat“, „bis die Masse hellen Blick zeigt“ (s. unser „Silberblick“), -- „καὶ γένηται ἱλαρός“ heißt es im Leidener Papyrus[4999]. Zum Versilbern und Vergolden bedient man sich auch des „Magnesia“ genannten Quecksilber-Amalgams, das aber nicht identisch mit der Magnesia der Glasmacher ist[5000], oder gewisser silber- und goldfarbiger Firnisse[5001]; mittelst solcher Firnisse, die Auripigment, Galle verschiedener Tiere, Drachenblutharz u. dgl. Bestandteile enthalten, -- die Vorschriften kommen teils schon im Leidener Papyrus und bei ~Pseudo-Moses~ vor, teils scheinen sie erst aus dem ~Heraklius~ und ~Theophilus~ interpoliert zu sein --, bringt man auch Gold- und Silberschrift auf Pergament, Stein oder Metall da an, wo die Verwendung echter goldener oder silberner zu teuer wäre[5002].

Die Rezepte zur Herstellung und Bereitung von Metallen (und auch von Gläsern, s. unten) sind im Schlettstädter Manuskript nur dem Titel nach erhalten[5003], dagegen findet sich nach ~Giry~ +allein+ in diesem, und +nicht+ in der ~Way~schen Handschrift, eine Angabe über die „Compositio brindisii“ aus 2 Teilen Kupfer und 1 Teil Blei, sowie (unter den Zusätzen, die auf einigen der letzten Blätter eingetragen stehen) über die „Compositio brondisono“ aus 2 Teilen Kupfer, 1 Teil Blei und 1 Teil Zinn[5004]; ~Berthelot~ zieht auch diese Stellen als Stütze seiner Vermutung über den Ursprung des Namens „Bronze“ heran (s. unten).

Nur im ~Way~schen Manuskripte vorhanden sind die das Niello (nigellum) betreffenden, allerlei arabische Worte aufweisenden Vorschriften[5005], eine ganze Anzahl den „Compositiones ad tingenda musiva“ entlehnte[5006], sowie einige auf Glas bezügliche: diese berichten vom Callaïnum oder Calaino, das wohl als ein grünes Krystallglas anzusehen ist[5007], -- da auch der „Papyrus ~Kenyon~“ (im 3. Jahrhundert) von Smaragd und Kallaïs als „grünen Steinen“ spricht[5008] --, sowie von dem schon bei den antiken Autoren oft erwähnten „unzerbrechlichen Glase“[5009], dessen Bereitung auch „ein rätselhaftes und mystisches, Drachenblut enthaltendes Rezept“ dienen soll, das sich weiterhin bis auf den sog. ~Raymund Lull~ und andere spätere Alchemisten forterbte. ~Berthelot~ vermutet, es habe sich hierbei im Grunde doch um eine wirkliche, schon zu Beginn der römischen Kaiserzeit gemachte Erfindung gehandelt, ebenso wie bei dem gleichfalls angeführten Verfahren „ad cristallum comprimendum in figuram“ (Krystallglas in Formen zu pressen).

Auf griechische und byzantinische Quellen zurück geht die Schilderung der Feuerpfeile und Brandsätze aus Harzen, Erdölen u. dgl. (+nicht+ aber aus Salpeter)[5010], sowie die Beschreibung der hydrostatischen Wage, die sich auch bei ~Heraklius~, sowie im Pariser Sammel-Manuskripte 12292 (aus dem 10. Jahrhundert) findet[5011].

Allein im ~Way~schen Manuskripte ist endlich anhangsweise eine anagrammatische Vorschrift zur Darstellung von Weingeist erhalten: sie befiehlt, 1 Teil alten und sehr starken Wein nebst ⅓ Teil Salz in den hierzu gebräuchlichen Gefäßen zum Sieden zu bringen, wodurch man ein „Wasser“ erhält, das sich zur Flamme entzündet, ohne seine Unterlage zu verbrennen [also einen noch stark wasserhaltigen Weingeist]; in dem Anagramm sind die Buchstaben jedes Wortes durch die ihnen im Alphabete nachfolgenden ersetzt, xkok, qbsuf, tbmkt bedeuten also vini, parte, salis, usf. Wie in den Schriften anderer späterer Autoren des 13. Jahrhunderts (s. unten), so soll nach ~Berthelot~ auch in der hier besprochenen das angeführte Rezept einer arabischen Quelle entnommen sein[5012]; diese Behauptung ist indessen ganz irrtümlich, der Alkohol ist vielmehr eine Erfindung des Abendlandes, die vermutlich erst im 11. Jahrhundert gemacht wurde, und wahrscheinlich in Italien[5013].

c) Heraklius.