Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 59
Das Werk „Von den Farben und Künsten der Römer“[5014], überliefert als das des ~Heraklius~, -- in welchem Namen aber einige nur eine Anspielung auf den „herakleïschen Stein“ = Probierstein sehen wollen --, gliedert sich in drei Abschnitte, deren erster und zweiter, in Hexametern abgefaßte, vermutlich von einem zu Rom lebenden (geistlichen?) Autor des 10. Jahrhunderts herrühren, während der dritte, in Prosa geschriebene, erst zu Anfang des 12. oder 13. Jahrhunderts in Frankreich entstanden und nachträglich hinzugefügt sein dürfte[5015]. Auf Grund der verschiedenen Handschriften, die schon ~Lessing~ 1774 in der Abhandlung vom „Alter der Ölmalerei“ erwähnte, jedoch erst ~Giry~ 1877 kritisch verglich, stellte zuerst ~Merrifield~ einen korrekten Text her[5016], und 1873 ließ ~Ilg~ eine neue verdienstliche Ausgabe mit (unzuverlässiger) Übersetzung und eingehenden Erklärungen folgen[5017].
Die beiden älteren Abschnitte besprechen hauptsächlich die Vergoldung mit echtem Flitter- und Blatt-Gold oder mit den Ersatzmitteln, wie Auripigment und Gallenfarben, ferner die Herstellung goldener und farbiger Miniaturen und Verzierungen auf Glas- und Tonwaren, das Anbringen weißen, schwarzen, grünen und bunten Emails auf Tongefäßen, die Bereitung des Grünspans und einiger anderer Präparate, das Erweichen von Glas und Krystall (u. a. mit dem für besonders heiß angesehenen Bocksblute, das auch zum Härten des Stahles empfohlen wird), sowie die Gewinnung künstlicher Edelsteine durch Färben des Glases. -- Die dritte, weit reichhaltigere Abteilung erörtert u. a.: die Feststellung des Goldgehaltes von Gold- und Silber-Legierungen unter Benützung der hydrostatischen Wage (sehr unklar!); das Löten von Gold, Silber und Messing mittelst eines Lotes aus Messing und Zinn nebst Borax; das Vergolden von Silber, Kupfer, Erz, Messing und Eisen mittelst des Amalgams aus Gold und Quecksilber, welches letztere sich in den Zinnober-Bergwerken vorfindet; das Vergolden der Zinnblätter (Auripetrum); die Anfertigung von Goldschriften aus Gold oder aus Oker, Karmin u. dgl.; das Verzieren des Silbers mit Niello (Nigellum), einer schwarzen Masse aus Kupfer, Blei, Quecksilber und Schwefel; das Schmelzen des Glases aus weißem Sand und Asche, z. B. der aus Farnkraut[5018], ferner die Herstellung sog. biegsamer Gläser[5019], Glasspiegel mit Metall-Folien[5020], farbiger Gläser (hell- und dunkelroter, rosiger, grüner, gelber, ...), bunter Edelsteine, sowie mittelst Kupfer, Messing oder Eisenrost gefärbter Bleigläser; das Schneiden von Edelsteinen mittelst der Bleiplatte, das Schleifen und das Polieren (auch mit Nußöl); das Versehen der Tonwaren mit farbigen Glasuren, auch schon mit Bleiglasuren. An Materialien werden u. a. genannt: Salz, Alaun, Chalkanthum, Lasur, Auripigment, Sandarach, Bleiweiß, Mennige, Zinnober, Chrysokolla (hier eine Art Malachit), Grünspan, Indigo [seines Metallglanzes halber für ein Metall angesehen] und verschiedene Erden; Waid, Krapp (sandix, garancia), indisches Drachenblut [rotes Harz], indisches Braxillium oder Brasilium [Rotholz]; Vermeil [vermiculum, vom arabischen Kermes = Würmchen, d. i. die Eichenschildlaus Coccus ilicis; daher auch Carmoisin, Karmin]; Purpur aus dem Safte der Schnecke, Purpur aus dem Blute des Fisches Ostrea; Vernix (= Firnis), Leinöl, Nußöl, Glassa (= Bernstein).
Daß ein erheblicher Teil dieser Verfahren und Präparate bereits arabischen Einfluß verrät, bedarf wohl kaum der Hervorhebung.
d) Theophilus.
Die „Schedula diversarum artium“ (Verzeichnis verschiedener Künste) genannte Schrift, die u. a. 1530 ~Cornelius Agrippa~[5021] und 1688 ~Morhof~[5022] erwähnten, über die 1774 ~Lessing~ in der Abhandlung „Vom Alter der Ölmalerei“ ausführlich berichtete, deren in neuerer Zeit ~Bucher~[5023] sowie ~Guareschi~[5024] gedachten, und die ~Ilg~ in berichtigtem Wortlaute herausgab[5025], stammt in der vorliegenden Form vermutlich aus der Zeit um 1100. Ihr Verfasser, dessen Namen und Heimat sicher zu ermitteln noch nicht gelungen ist, schöpfte aus einer großen Anzahl zum Teil weit älterer Vorgänger und beabsichtigte, alles zu beschreiben, was Italien (besonders Tuscien = Toscana), Frankreich, Deutschland und Arabien auf dem Gebiete der Künste und Kunstgewerbe zu leisten vermögen, und so auch „alles, was nur Griechenland an verschiedenen Gattungen von Farben und deren Mischungen besitzt“[5026]. Die Benützung ursprünglich griechischer, richtiger byzantinischer Quellen erhellt u. a. aus der Nennung von griechischem Pergament[5027], griechischen Blättern (folia graeca) aus Niello[5028], griechischem Glas (Mosaïk)[5029], griechischem Salz oder Nitron[5030], Affronitron (Aphronitron)[5031], Ematis (= Hämatit)[5032], Marmor porphyriticus (= Porphyrstein)[5033], Olivenöl-Pressen[5034] usf.; auf spanische Herkunft deuten spanisches Gold, spanisches Messing, spanisches Grün (Viride hispanicum = Grünspan)[5035], auf deutsche der Leim vom Fische Huso (= Hausen)[5036] und vielleicht auch die Glassa (Bernstein)[5037], auf orientalische der Barabas (= Borax)[5038] und möglicherweise auch die Namen Posch oder Pox sowie Menesch für zwei Farbstoffe[5039].
Im Vordergrunde stehen die kunstgewerblichen Arbeiten aus Metallen, deren Gewinnung nur andeutend, deren Verarbeitung aber ausführlich beschrieben wird[5040].
Von den Arten des +Goldes+ ist die schönste das arabische, deren prächtiges Rot die Neueren (moderni) durch Verschmelzen von ⅘ Blaßgold mit ⅕ Kupfer nachzuahmen suchen, -- doch hält die auf solche betrügerische Weise hergestellte Mischung dem Feuer nicht stand[5041]; zu manchen kunstgewerblichen Zwecken sind indessen Gemische von ⅔ Gold mit ⅓ Rotkupfer sehr geeignet[5042]. Gold wird, teils für sich, teils mit Quecksilber [d. h. nach der Abscheidung aus dem Amalgam], zu „Staub“ gemahlen[5043], zu Blättchen gehämmert und in dünne Fäden ausgezogen[5044] und läßt sich mittelst gebrannten Kupfers [Kupferoxydes], Zinns und eingedickter Lauge aus Buchenasche (laxiva; französisch lessive) auch gut löten[5045]. Um es von Silber zu trennen schmilzt man das Gemisch so oft mit Schwefel, bis sich kein schwarzes Schwefelsilber mehr bildet, -- aus welchem letzteren man das Silber durch Schmelzen mit Kohle, Buchenholzasche und Blei zurückgewinnen kann[5046]. Zur Trennung von Kupfer wickelt man das Schabsel in Bleiblech, schmilzt erst mit Holzasche und gebrannten Knochen [Kohle, Phosphaten], sodann mit Blei und setzt dies so lange fort, bis alles Kupfer ausgeschieden ist[5047]. Zu Vergoldungen aller Art, namentlich auch von Schriften und Büchern[5048], verwendet man feine Goldblättchen (auripetula), die sich aber je nach Bedarf auch durch Oker oder Auripigment, gefirnißte Zinnblättchen, Ochsengalle, Safran und den safrangelben Farbstoff gewisser Rinden ersetzen lassen[5049]. Bestreicht man dünne Blättchen reinsten Rotkupfers beiderseits mit einer Mischung aus scharfem Essig, getrocknetem Blut eines Rothaarigen und Asche des Basilisk genannten Tieres (das die Heiden aus den Eiern alter Hähne großzuziehen verstehen), glüht sie im Feuer und löscht sie in der nämlichen Mischung, so nehmen sie völlig Farbe und Gewicht des Goldes an und taugen so gut wie dieses zu jeglicher Verwendung[5050]. -- +Silber+ reinigt man durch wiederholtes Schmelzen mit Blei und Abschöpfen des aufsteigenden Schaumes; sollte es hierbei kochen und spratzen, so war es mit Zinn oder Messing versetzt, und man überstreut es dann mit feingepulvertem Glase, setzt neues Blei zu und fährt mit dem Schmelzen fort, bis sich kein Schaum mehr abscheidet[5051]. Aus Silber gewinnt man ebenfalls „Staub“ und feine Fäden[5052], sowie durch Verschmelzen mit Kupfer, Blei und Schwefel das schwarze Nigellum [Niello][5053]. -- +Kupfer+ stellt man durch Brennen gewisser in der Erde wachsender Steine mit Kohle dar, und das Reinste ist schön rot[5054]. Beim Verbrennen gibt es „flos aeris“ [Kupferoxyd][5055]; beim Eingraben dünner Platten nebst Essig, Harn oder auch Salz in Mist das schön grüne Viride salsum und hispanicum [Grünspan u. dgl.][5056]; beim Verschmelzen mit Calamina [Galmei] und Kohle das prächtige Aurichalcum[5057] [Messing; irrtümlich auch mit aes = Bronze bezeichnet][5058]; beim Verschmelzen mit Zinn endlich „das Metall, aus dem man die Glocken gießt“[5059] [aes, d. i. Bronze, welcher Name sich aber nicht genannt findet]. Auch aus Kupfer und Messing verfertigt man Staub und Fäden, sowie dünne Blättchen (laminae), die sich leicht schön vergolden und versilbern lassen[5060] (z. B. mit flüssigem Zinn). -- +Zinn+ dient, entweder für sich, oder mit Blei und zuweilen auch mit etwas Quecksilber versetzt, zum Gießen von Kännchen und ähnlichen Geräten, zum Ziehen feiner Drähte, zur Herstellung von Lötmetall[5061], sowie zur Bereitung dünner Blättchen zwecks Vergoldung und Versilberung[5062]. -- +Eisen+ geht aus den in der Erde wachsenden Eisensteinen durch Erhitzen, Schmelzen und Bearbeiten hervor und läßt sich mit Kupfer (oder Kupfer und Zinn) nebst gebranntem Weinstein und Salz löten[5063] und auch dauerhaft verzinnen[5064]; durch Glühen und Härten, am besten im Harn eines mit [angeblich sehr hitzigem] Farnkraut gefütterten Bockes oder eines rothaarigen kleinen Knaben, wird es zu Stahl, der „Calibs“ heißt, „von dem Berge, wo er zumeist gebraucht wird“[5065]. -- +Blei+ ist weich, leichtflüssig und schwarz, ergibt aber die schön weiße Cerosa [Bleiweiß], die beim Erhitzen in gelbe Bleiglätte übergeht und beim Brennen in rotes Minium[5066]. -- +Quecksilber+ und namentlich sein erstickender Rauch (foetor) sind furchtbare Gifte; erhitzt man es mit Schwefel in einem gut verschlossenen, mit Ton lutiertem Gefäße (ampulla), bis man ein starkes Geräusch hört, so entsteht Zinnober (cenobrium)[5067].
Von +Farbstoffen+ werden genannt: Sinopis [Rötel], gebrannter Oker, Zinnober[5068], Minium[5069], Karmin [Carmoisin, Kermes][5070], Rubrica [Krapp][5071]; Bleiglätte[5072], Auripigment[5073], Croceum [Safran], safrangelbe Rinde[5074]; Indicum [Indigo], Lasur[5075]; Grünspan und grünliches Prasinum[5076], sowie die Säfte von Sambucus [Holunder], Schwertlilie, Lauch und Kohl[5077]; Ruß und der auch als Tinte (incaustum) dienliche Saft der Spina [Schwarzdorn][5078]; Gips, Bleiweiß und die aus Weiß und Schwarz gemischte Veneda[5079]; die Mischfarben (?) Posch und Menesch, die bläulichen, rötlichen, grünlichen und anderen Ton besitzen können[5080]; die Säfte der Folium-Arten [Croton tinctorium], die sich als rot, purpurn und sapphirblau beschrieben finden[5081]. -- Aus der Reihe der +Binde-+ und +Verdickungs-Mittel+ sind anzuführen: Tannenharz, die Harze Drachenblut und Glassa [Bernstein][5082]; Nuß-, Mohn-, Lein- und Oliven-Öl[5083]; Eikläre und Eidotter[5084]; Käsestoff (gluten casei)[5085]; Kleister aus Weizenmehl[5086]; Wachs und Pech[5087]; arabisches, Kirsch- und Pflaumen-Gummi[5088]; Leim aus Knochen, Leder und Pergament, sowie Fischleim aus der Blase (vesica) des Huso [Hausen][5089]; Vernitio [Firnis][5090]. -- +Chemikalien+, die gelegentlich sonst noch genannt werden, sind Schwefel[5091], Atrament [auch = Colcothar, Cothus?][5092], Alaun[5093], Nitron und Aphronitron[5094], Pflanzenasche[5095], roher und gebrannter Weinstein[5096] und Barabas [Borax][5097].
Aus einer Mischung von 2 Teilen bester Buchenholzasche und 1 Teil reinster Kiesel, die man in gut gebrannte Töpfe aus weißem Ton füllt, stellt man das +Glas+ dar, und zwar durch andauerndes Schmelzen in großen eingewölbten Werköfen, zu denen auch Kühlöfen und Öfen zum Ausbreiten des mit der Pfeife erblasenen Tafelglases gehören[5098]; man kann es klar und durchsichtig belassen, oder auch weiß, gelb, rotgelb, purpurn, sapphirblau, grün usf., in hellen und dunklen Tönen färben, und so zur Zusammensetzung der kostbaren bunten oder mit Glasgemälden gezierten Fenster verwenden[5099]. Nicht durchsichtig, sondern fest und dicht wie Marmor sind die bunten, schon bei den Heiden zur Herstellung von „opus musivum“ [Mosaïk] gebrauchten, aber auch für die des Elektrons [hier = Email] dienlichen Glaswürfel[5100], die sich mit Gold- oder Silber-Blättchen auch schön zu „vitrum graecum“ [griechischem Glase] vergolden oder versilbern lassen[5101]. Durch Blasen und Schwingen des Glases formt man ferner Gefäße, Flaschen, Schalen, Ringe und vieles andere, in den verschiedensten Gestalten[5102], weiß, bunt, vergoldet, mittelst vorsichtigen Einbrennens feinst gemahlenen Glases jeglicher Farbe bunt verziert, mit weißen und bunten Fäden oder Stäbchen umwunden[5103], usf. Aus bunten Glasflüssen bestehen ferner die gläsernen Edelsteine, die man (ebenso wie die natürlichen und wie das „Krystall“ genannte, durch vieljährigen scharfen Frost zu einer Art Eis verhärtete Wasser) erst mit Feinsand oder mit Ismaris [Schmirgel], sodann auf der Bleiplatte mit bestem Ziegelstaube und Speichel (saliva), zuletzt aber mittelst feinster Hirschhaut poliert[5104], jedoch auch durch Einlegen in frisches [überaus heißes] Bocksblut erweicht, und dann durch Sägen (unter Benützung äußerst zarten und scharfen Sandes) nach Belieben zerschneidet[5105].
In ähnlicher Weise wie Glaswaren verziert man auch +Tonwaren+, bemalt sie mit bunten Glaspulvern oder anderen passenden Farben, belegt sie mit Gold- oder Silber-Blättern usf. und setzt sie dann vorsichtig zum Brennen in die Öfen[5106].
e) Marcus Graecus.
Unter den chemischen Schriften des frühen Mittelalters, die man auf griechischen Ursprung zurückzuführen pflegt, gebührt dem sog. „Feuerbuche“ des ~Marcus Graecus~ eine hervorragende Stelle, schon weil es u. a. eine der ersten Vorschriften zur Darstellung des Schwarzpulvers enthält, die sogar unbestritten als überhaupt erste gelten müßte, wenn (wie man lange, ja vielfach bis in die neueste Zeit hinein glaubte) das „Feuerbuch“, so wie es uns heute vorliegt, als ein Erzeugnis des 8. oder 9. Jahrhunderts anzusehen wäre.
Mit gewohntem Scharfsinne verfocht indessen bereits 1805 ~Beckmann~ die Meinung, daß dieses Werk in der Form, in der wir es gegenwärtig besitzen, nicht vor etwa 1250 niedergeschrieben sein könne[5107]; nach ~Kopp~[5108] weicht überdies die ältere Fassung, d. i. jene der 1438 vollendeten Münchener Handschrift, in vielen Punkten sehr erheblich von der jüngeren ab, die z. B. das Pariser Manuskript Nr. 7156 bietet. Im 16. und 17. Jahrhundert kennen den ~Marcus Graecus~ u. a. ~Porta~, ~Biringucci~, ~Cardanus~ und ~Scaliger~, letzterer wohl auf Grund seiner Studien in der Pariser Bibliothek. Den in Nr. 7156, sowie in noch einem anderen Pariser Manuskript enthaltenen Text gab aber erst 1804 ~La Porte du Theil~ heraus, jedoch nur in ganz wenigen Exemplaren, die nicht in den Handel gelangten, so daß ihn ~Hoefer~ 1842 in seiner „Geschichte der Chemie“ zum ersten Male vollständig zu veröffentlichen glaubte[5109]; ~Beckmann~, und später auch ~Kopp~[5110], war indessen die Publikation ~La Porte du Theils~ bekannt.
~Berthelot~ nennt bei Besprechung dieser Verhältnisse[5111] die Namen ~Beckmanns~ und ~Kopps~ nicht und übergeht es auch mit Stillschweigen, daß letzterer die Verschiedenheiten der jüngeren Pariser und der älteren[5112] Münchener Handschrift bereits erwähnt und betont[5113]. Auf Grund der von ihm selbst vorgenommenen Prüfung und Vergleichung beider Manuskripte bezeichnet er den ~Hoefer~schen Abdruck als fehlerhaft und flüchtig[5114] und beschuldigt ~Hoefer~ auch, die (vermutlich bei ~Dutens~ vorgefundene) falsche Behauptung wiederholt zu haben, daß ~Marcus Graecus~ schon seitens des arabischen Arztes ~Mesue~ zitiert werde[5115]; hierzu ist jedoch zu bemerken, daß die Schriften mindestens des älteren der beiden unter diesem Namen berühmten Ärzte (aus dem 9. und 11. Jahrhundert) von sehr zweifelhafter Echtheit sind, daß ~Hoefer~ es dahingestellt sein läßt, ob ein dort angeblich genannter ~Marcus~ gerade ~Marcus Graecus~ sei, und daß ~Kopp~ diese Bemerkungen ~Hoefers~ in seinen „Beiträgen“ auch ausführlich wiedergibt[5116].
~Berthelot~ selbst neigt zur Annahme, das „Feuerbuch“ sei ursprünglich in griechischer Sprache abgefaßt, sodann in die arabische und schließlich in die lateinische übersetzt worden, wobei es zahlreiche Ergänzungen und Einschiebungen erfahren haben mag, die letzten im Laufe des 13. Jahrhunderts[5117]; sein eigentlicher Verfasser könnte vielleicht der nämliche Chemiker gewesen sein, der als ~Markos~, ~Markusch~, „König ~Marchus~“ und „~Markusch~, König von Ägypten“ in einigen späten und unklaren orientalischen und lateinischen Überlieferungen auftaucht[5118], dessen „Gespräche“ die syrischen Manuskripte, und dessen „Künste“ die von ~Carra de Vaux~ übersetzten arabischen „Wundergeschichten“ rühmen[5119]. Das Vorhandensein eines Manuskriptes mit dem +griechischen+ Titel „περὶ τῶν πυρῶν“ in einer englischen Bibliothek erwähnte schon 1733 ~Jebb~, der erste und sehr willkürliche Herausgeber von ~R. Bacons~ „Opus majus“, doch zitiert er aus ihm nur lateinische Sätze, deren genaue Übereinstimmung mit den in anderen lateinischen Vorlagen enthaltenen den Schluß rechtfertigt, daß auch der Text, den er benützte, ein +lateinischer+ war[5120]. Weiteres über jenes Manuskript scheint auch nicht wieder verlautet zu sein, wir besitzen ferner weder eine Handschrift aus früherer griechischer, noch aus späterer byzantinischer Zeit, während wiederum von einer +selbständigen+ litterarischen Produktion der jüngeren Byzantiner auf naturwissenschaftlichem Gebiete allen neueren Forschungen zufolge überhaupt nicht die Rede sein kann[5121]; endlich wurde bisher auch keine arabische Übersetzung aufgefunden, und die gegenwärtig bekannten lateinischen Texte stammen erst aus der Zeit gegen 1300, der auch die meisten anderen im Pariser Codex Nr. 7156 enthaltenen angehören[5122]. Die Hinweise auf arabische Quellen, deren Benützung ~Kopp~ sowie ~Berthelot~ annehmen[5123], müssen übrigens Zweifeln begegnen, denn Worte wie Alkitran (= Pech), Zambac (ein flüchtiges Öl), Kampher u. dgl.[5124], oder Anschauungen wie die von ~Aristoteles~ als magischem Künstler und Erfinder[5125], können sehr wohl auch auf spanische, provençalische oder italienische Vermittlung zurückgehen; ganz irrtümlich ist endlich ~Berthelots~ Identifikation[5126] des ~Hassan al Rammah~, angeblichen Verfassers eines arabischen Feuerwerksbuches um 1300, mit ~Ibn Amram~, einem gelehrten arabischen Botaniker und Arzte (?) gegen 900.
Immerhin ist es nicht unmöglich, daß das „Feuerbuch“ tatsächlich zuerst von einem Griechen ~Markos~ und in griechischer Sprache geschrieben wurde; in diesem Falle dürfte es jedoch anfänglich +allein+ von Brandsätzen, allenfalls auch vom sog. „griechischen Feuer“ des ~Kallinikos~ (7. Jahrhundert) u. dgl. gehandelt haben, worauf schon der Titel „Liber ignium ad comburendos hostes“ hinweist, der vom „Verbrennen der Feinde“ spricht, und nicht etwa vom „Erschießen“. Die Anwendung von Zündmassen und Brandsätzen aus leicht entflammbaren Bestandteilen war schon der Kriegskunde des frühen Altertums durchaus geläufig[5127], später aber kannte man insbesondere auch solche, die Ätzkalk, Schwefel, Erdöle usf. enthielten und sich beim Benetzen (infolge der Wärmeentwicklung beim Ablöschen) entzündeten; zu diesen zählen u. a. auch die von ~Livius~ (aus dem Jahre 186 v. Chr.) erwähnten „Fackeln der Bacchantinnen“, die sich beim Eintauchen in Wasser entflammten[5128], die Brandsätze, deren ein Einschiebsel des 7. (?) Jahrhunderts in den „Kesten“ des ~Sextus Julius Africanus~ gedenkt[5129], sowie ähnliche Zündmassen, deren Rezepte sich bis auf das Sammelbuch des ~Jehan le Begue~ von 1431 fortgeerbt zu haben scheinen[5130]. Angeblich konnten ihre durch Wasser nicht zu erstickenden Flammen allein durch den mit so besonders kalter Natur begabten Essig gelöscht werden[5131].
Das „griechische Feuer“, das der byzantinische Architekt ~Kallinikos~ (aus Heliopolis in Syrien) im Jahre 678 in Konstantinopel einführte, bestand aus Mischungen von leichtflüchtigen Erdölen (oder aus Lösungen von Harz, Asphalt, Teer u. dgl. in solchen Ölen) mit feingepulvertem gebranntem Kalk, und entzündete sich beim Aufspritzen auf Wasser infolge der heftigen Reaktionswärme des sich ablöschenden Ätzkalkes. ~Berthelots~ Behauptung, „die Basis des griechischen Feuers, das die Araber den Byzantinern entlehnt und gegen 1300 nach dem Westen gebracht hätten, sei Salpeter gewesen“, und das „sal coctum“ (gekochtes Salz) in den einschlägigen, bei ~Marcus Graecus~ wiedergegebenen Rezepten bedeute Salpeter[5132], ist völlig irrtümlich und unhaltbar[5133]. Abgesehen davon, daß Salpeter, nach allem was man bisher weiß, im Abendlande vor dem 13. Jahrhundert nicht bekannt war, und daß dem Schwarzpulver analoge Mischungen, selbst wenn man sie schon 678 zu bereiten verstanden hätte, auf Wasser gespritzt oder gegossen nicht in Brand geraten wären, ist auch das „sal coctum“ nichts weiter als ein feinkörniges, aus Sole gekochtes Salz, im Gegensatze zu dem im nämlichen Abschnitte erwähnten grobkörnigen gewöhnlichen „sal commune grossum“[5134]; im Münchener Manuskript +fehlt+ überdies die Vorschrift seines Zusatzes[5135], der wohl allein deshalb erfolgte, weil man die intensiv gelbe Kochsalzflamme auch für ganz besonders heiß hielt[5136].
Erst in späterer Zeit wurden in den Text des ~Marcus Graecus~ jene Rezepte eingeschoben, die die Bereitung des Schwarzpulvers aus Kohle, Schwefel und Salpeter, sowie dessen Benützung zur Herstellung von Raketen (ignis volans = fliegendes Feuer) und anderen Feuerwerkskörpern zum Gegenstande haben[5137], und die zudem der (ältere) Münchener Codex größtenteils noch gar nicht enthält[5138]; wie neu der Salpeter zur Zeit ihrer Abfassung noch war, geht aus der Tatsache hervor, daß der Autor glaubt, zunächst erklären zu müssen, was Salpeter eigentlich ist: „Sal petrosum est minera terrae ..., reperitur in scrophulis contra lapides“, „Salpeter ist ein Mineral aus dem Erdboden, ... wird aber auch als Ausschwitzung an den Mauern gefunden“.
Als jüngere, aber allerdings nicht genau zu datierende Interpolationen sind auch die Vorschriften des Münchener Codex über Destillation anzusehen[5139]. Vom Terpentin (terebentinum) wird gesagt[5140], daß man es bei gelindem Kohlenfeuer in Gestalt einer wasserhellen und wasserklaren Flüssigkeit so wie Rosenwasser destillieren könne, wobei jedoch große Vorsicht geboten sei, wegen des „etor et incendium“; ~Berthelot~ übersetzt dies mit „odeur et risque d’incendie“[5141], gemeint ist aber „+Dunst+ und Feuersgefahr“, und im Sinne eines „subtilen Dunstes“ findet sich das Wort auch anderweitig schon frühzeitig gebraucht, z. B. in der (gelegentlich von ~Berthelot~ selbst zitierten) um 1200 verfaßten lateinischen Übersetzung eines alchemistischen Traktates des ~Pseudo-Platon~, woselbst es heißt: „Ether est substantia lucis, vacua accidentibus“, „Äther ist die Substanz des Lichtes und frei von jeder Beimischung“[5142]. Durch Destillation wird ferner das [von den arabischen Ärzten seit jeher als besonders heilkräftig gerühmte] „Oleum laterinum“ (Ziegelöl) bereitet, das man durch Zersetzung von Lein-, Nuß- oder Hanföl an glühenden Ziegelbrocken und durch Übertreiben der entstehenden aromatischen Produkte gewinnt[5143]. Nur im Anhange des Codex beigeschrieben findet sich endlich ein Rezept zur Darstellung des Weingeistes, das nahe verwandt, aber nicht identisch mit dem des Pariser Manuskriptes Nr. 7156 ist[5144].