Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 57
Zu den erwähnten verwertbaren Zügen einheimischer Herkunft gehören in erster Linie die mit der Erlangung von Gold und langem Leben zusammenhängenden. Das schon weiter oben angeführte hohe Alter der Unsterblichkeits-Tränke wird auch seitens der chinesischen Medizin bestätigt, deren früheste wirklich zuverlässige Werke, die allerdings, entgegen der üblichen Tradition, nicht aus dem 2. oder gar 3. +vor+christlichen Jahrtausende herrühren, sondern erst aus dem 3. Jahrhundert n. Chr.[4860], bereits von jugend- und lebenserhaltenden Pflanzensäften und Drogen berichten, wie sie die Weisen der fernen Vergangenheit herzustellen verstanden[4861]. Die Ergebnisse dieser inländischen Gelehrten scheinen sich aber nicht ausreichend bewährt zu haben, denn schon gegen 100 v. Chr. soll der Chinese ~Yo-fu-ku~ nach Japan gekommen sein, um +dort+ nach Unsterblichkeitsmitteln zu suchen[4862], und eine andere Überlieferung besagt, daß zu gleichem Zwecke laut ~I-Tsing~ (671-695 n. Chr.) einer seiner Landsleute nach Indien gesandt wurde[4863], -- obwohl ~I-Tsing~ seiner persönlichen Meinung dahin Ausdruck gibt, die wahrhaft wirksamen Mittel zur Verlängerung des Lebens besitze man nur in China selbst, wo man über mehr als 400 Arten heilsamer Pflanzen und auch Steine verfüge[4864]. Daß die vegetabilischen Substanzen seit jeher die an Zahl weitaus überwiegenden waren und dies auch blieben, beweist u. a. das große, 1548-1578 verfaßte, 1597 in 52 Bänden gedruckte Sammelwerk „Pen-tsao“ des ~Li-schi-tschin~, das auf Grund von 800 der wichtigsten alten Schriften (freilich aber auch vieler neuerer und ganz später) nicht weniger als 1892 Medizinen und 11896 Rezepte wiedergibt[4865] und als zu deren Herstellung erforderlich 347 Bestandteile aufführt, unter denen sich nur 43 mineralische befinden[4866]. Auch alte abergläubische Vorstellungen (die sich zum Teil bis zur Gegenwart erhielten) kennen nur ein „Kraut der Unsterblichkeit“[4867]; die spätere Tao-Lehre läßt den Hasen, den die Chinesen im Monde zu erblicken glauben, in einem Mörser die Kräuter zur Gewinnung des Unsterblichkeits-Trankes kleinstoßen[4868]; auch ~Chang-tao-ling~, der um 70 n. Chr. erster „Meister des Himmels“, d. h. erstes eigentliches Oberhaupt der Tao-Hierarchie wurde, soll seinen Trank des ewigen Lebens in einer verborgenen Höhle des Gebirges zubereitet haben[4869], also wohl aus Pflanzenstoffen. Wenn die Sage hinzufügt, die kostspieligen Versuche hätten seine ganze Barschaft verschlungen, so bezieht sich dieses vermutlich auf die seit jeher für ganz besonders wirksam erachteten Zusätze an Perlen und edlen Steinen oder Metallen, betreff derer ein Buch von 1108 schon ausführliche Auszüge aus Werken der Vorzeit gibt[4870]; zu den aus diesen stammenden Mythen gehört u. a. die seitens ~Pfizmaiers~ angeführte vom „Edelsteinfett“, das aus gewissen unzugänglichen Bergen quillt, binnen 10000 Jahren allmählich zerrinnt und dabei schließlich zur Pflanze der Unsterblichkeit wird, die dem glücklichen Besitzer wenn nicht ewiges, so doch wenigstens tausendjähriges Leben gewährleistet[4871].
+Für+ die Behauptung, die Bewohner des „Reiches der Mitte“ hätten sich bereits in so weit zurückliegender Ferne eingehender Kenntnisse mineralogischer und chemischer Natur erfreut, fehlen bisher glaubhafte Beweise. +Gegen+ sie spricht es aber, daß die Chinesen, nach so genauen Kennern ihrer älteren und neueren, gelehrten und volkstümlichen pharmakologischen Litteratur wie ~Hanbury~[4872] und ~Hübotter~[4873], zu keiner Zeit über die empirische Handhabung gewisser für die Praxis (namentlich die metallurgische und keramische) brauchbarer Verfahren hinauskamen; sie besaßen weder eigenartige chemische Methoden noch Apparate einheimischer Herkunft, sie verwandten als mineralische „Heilstoffe“ teils völlig unwirksame Substanzen, teils ganz unreine und rohe, und sie gelangten niemals zu einem zureichenden Begriffe von der Notwendigkeit und Art richtiger Dosierung[4874]. Aus der Reihe der in älteren Schriften sowie im „Pen-tsao“ erwähnten und unter Angabe der einheimischen Fundorte[4875] aufgezählten Mineralien seien hier angeführt: die Edel- und Schmucksteine, an deren Spitze der unermeßlich kostbare Yü (Jadeït, Nephrit) steht, hervorgehend durch allmähliche Reifung und Gerinnung der edelsten Teile einer im Erdboden enthaltenen Materie Ki[4876]; die Edelmetalle und Metalle, d. s. Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Blei (das aber zugleich auch Zinn und Zink mit umfaßt) sowie ihre Erze, u. a. das an der Grenze gegen Anam bei Kwang-si in großen Mengen vorkommende Zinkerz [basisches Zinkcarbonat][4877]; die Yu und Pi geheißenen Verdichtungen aus den gemeineren Teilen der Materie Ki, d. s. weibliches gelbes Auripigment und männliches rotes Realgar, aus denen man auch ganze Becher verfertigte, die die Heilkraft der Arzneien außerordentlich erhöhen sollten[4878]; Naoscha [= Nûschâdir, Salmiak], eine Art Salz oder Alaun vulkanischen Ursprunges, das man noch gegenwärtig im Innern Chinas für besonders wirksam ansieht, daher teuer bezahlt und oft mit anderen Salzen verfälscht[4879]; Schwefel, eines der mächtigsten Gegengifte, Zauber- und Schutzmittel, der durch seine Dämpfe die bösen Geister austreibt, sowie die von diesen verursachten Krankheiten heilt, und alle, die am Tage des Drachen-Bootfestes ein wenig in Wein eingerührt trinken, ein Jahr lang vor dem Übelwollen sämtlicher Arten Dämonen schützt[4880]; das Quecksilber, von dem es im fernen Westen ein unterirdisches Meer geben soll[4881], ein Stoff, dem man trotz seiner eigenen Giftigkeit die Fähigkeit zuschreibt, die Wirkungen anderer (namentlich metallischer) Gifte aufzuheben, und der auch sonst für kräftig, heilsam und kalt (daher auch weiblicher Natur) gilt[4882]; der Zinnober, den man wegen seiner roten Farbe, die glückbringend und deshalb den bösen Geistern unerträglich ist, für einen hervorragenden Talisman hielt, für ein die Krankheiten heilendes, die Fieberhitze vertreibendes, die Wunden schließendes, zauberhaftes Mittel, und außerdem für einen nahen Verwandten des gleichfalls roten Goldes[4883]. Daß die enge Beziehung, die zwischen Zinnober und Quecksilber waltet, keineswegs schon in „uralten“ Zeiten bekannt war, beweist eine Bemerkung im Buche des ~Ko-hung~, das man für ein unzweifelhaft echtes Erzeugnis des 4. Jahrhunderts n. Chr. ansehen zu dürfen glaubt[4884]: es heißt daselbst, daß beim „Verbrennen“ von Zinnober Quecksilber entstehe, was den meisten, die hiervon vernehmen, völlig unbegreiflich und auch unglaublich erscheine, da doch weder ein Stein wirklich verbrennen, noch dabei, während er selbst rot gefärbt sei, weißes Quecksilber ergeben könne[4885]; dennoch, versichert ~Ko-hung~, ist dies so, und das gewonnene Quecksilber verleiht ewiges Leben und erhebt die Menschen zum Range von „Siën“ (großen Geistern, Genien), wie das jene richtig beurteilen werden, die die „Lehre“ eingesehen haben [offenbar die Tao-Lehre in ihrer späteren Gestalt]. Nach gewissen „Meistern“ des 4. und 5. Jahrhunderts, die ihre Studien in den Gebirgen des Südens betrieben, angeblich weil sie daselbst mehr Zinnober vorfinden, soll dieser, indem er beim Erhitzen Quecksilber ergibt, selbst „Leben bekommen“, und daher auch wieder geeignet sein, andere mit Leben und Unsterblichkeit zu erfüllen[4886]; solche und ähnliche allegorische Auslegungen sind indessen vermutlich erst späteren Ursprunges, während es sich anfangs nur um rein abergläubische Vorstellungen, sowie um Zauberkünste zur Überführung ohnehin schon goldfarbiger Mineralien, z. B. Zinnober, Realgar, oder Auripigment, in wirkliches Gold gehandelt haben mag. Wird doch schon vom Kaiser ~Wu-ti~ (140-87 v. Chr.) berichtet, er habe den Tau des Himmels in einer Schale gesammelt, die eine vor seinem Palaste errichtete Statue in Händen hielt, und aus ihm durch Einrühren feingepulverten Yüs (Jadeïts, Nephrits) einen Unsterblichkeits-Trank bereitet[4887]; auch ein Prinz seines Hauses beschrieb sowohl die Entstehung des Goldes in der Erde durch allmähliche (1500 Jahre dauernde) Umwandlung feinster, dem Himmel entstammender Teilchen, als auch die Darstellung des Unsterblichkeits-Trankes, und soll, nachdem er ihn gekostet, alsbald gen Himmel emporgefahren sein, wohin ihm sein Hund nachfolgte, der einige vergossene Tropfen aufgeleckt hatte[4888]. Dem nämlichen Kaiser ~Wu-ti~ riet ein Zauberer, er möge kraft bestimmter Opfer gewisse mächtige Geister bannen, sie Zinnober in Gold verwandeln lassen und aus derlei Goldgeschirr essen und trinken: dadurch werde er nicht nur das Gold erlangen, sondern auch langes Leben, den Anblick der „Genien der fernen Inseln“ und durch diese schließlich Unsterblichkeit[4889]. Die großen Gaben, Reichtum und langes Leben, gehen hier aus dem „Kin-tan“ (= Gold-Rot) genannten Zinnober hervor, und zwar ausschließlich durch Zauberei; falls also die Quellen wirklich berichten, „unter der Regierung des Kaisers ~Wu-ti~ habe man zuerst den ‚Stein der Weisen‘ besessen“[4890], so müssen mindestens diese Worte auf Einschiebung aus späterer Zeit beruhen, in der die eigentliche Alchemie schon bekannt geworden und zu jener Vereinigung mit der entstellten Tao-Lehre gelangt war, die Anlaß zur Entstehung einer ausgebreiteten, an Umfang reichen, an Inhalt armen, okkultistischen Litteratur gab[4891].
In dieser treten dann, wie leicht begreiflich, die Analogien hervor, die u. a. ~Grube~ auffielen und ihn zu dem Ausspruche veranlaßten, die chinesische und die mittelalterliche Alchemie zeigten eine Reihe merkwürdig verwandter Züge[4892], während andere Forscher sogar aus ihnen folgern wollten, die Araber hätten die Idee vom „Stein der Weisen“ und überhaupt die ganze Alchemie aus China geholt[4893]. Tatsächlich begannen dort erst seit etwa dem 8. Jahrhundert einige aus dem Westen übermittelte chemische Kenntnisse, sowie die alchemistischen Ideen, Boden zu fassen. Der „Einsiedler in der Abgeschiedenheit des Gebirges“ muß nun kultische Reinheit beobachten, den Lebenswandel eines Geweihten führen, die rechte Jahreszeit und die richtige Stellung der Gestirne wahrnehmen[4894], die Beziehungen zwischen den fünf Planeten und dem Gold, Silber, Kupfer, Eisen und Blei (oder Zinn und Zink) berücksichtigen[4895], mit dem Blei als „Mutter“ und dem Quecksilber als „Seele“ der Metalle Bescheid wissen[4896], das allmähliche Heranreifen des aus den Erddünsten zuerst niedergeschlagenen Bleies zu den edleren Metallen und schließlich zu Gold nachahmen[4897], und mit Fleiß und Geduld die äußerst schwierige und mühevolle Transmutation betreiben, die eine mystische Ähnlichkeit mit der 9 Monate währenden Entwicklung des Fötus zeigt, 9 Umwandlungen erfordert und 9 Monate in Anspruch nimmt, -- ist doch 9 auch eine „heilige Zahl“ der Tao-Lehre[4898]. Zahl und Beschaffenheit der zur Darstellung des Elixirs erforderlichen Ausgangsstoffe werden verschieden angegeben, in der Regel sind es Schwefel, Quecksilber, Zinnober, gelbes und rotes Arsen, alkalische Salze, Alaun, Kalkstein, Seifenstein, Kaolin, Talk (= Perlmutter?) und ein Mineral namens Kung-tsing[4899]; das aus ihnen hervorgehende Präparat, Tan (= Rotes), Tan-sha (roter Sand), Kin-tan (Goldrot), später auch Gold-Elixir, Metallsaft, Metallösung, Trank der Siën usf. geheißen, verwandelt 200 Teile Blei oder Quecksilber in Gold; es heilt alle Krankheiten, indem es die Dämonen austreibt, den Körper reinigt und ihm seine und des lauteren Goldes Beständigkeit und Unvergänglichkeit mitteilt; es macht alles Zerbrochene und Verdorbene wieder ganz und heil und verleiht langes Leben und Unsterblichkeit[4900]. Schwefel und Quecksilber beginnen seit der angegebenen Zeit auch in China die maßgebende Rolle zu spielen, desgleichen kommen Quecksilber-Verbindungen wie Sublimat und Calomel in Gebrauch, -- zu deren Darstellung man aber fast bis zur Gegenwart (gleichwie in Indien und in Japan) nur die unvollkommensten, den alten arabischen nachgebildeten Apparate besaß und beibehielt[4901], -- und die „heilbringenden“ Elixire werden gemeingefährlich, sei es, daß sie allzu lange in Berührung mit giftigen Substanzen blieben, sei es, daß man Zusätze von wirklichem Quecksilber, Schwefel u. dgl. an Stelle der mit diesen allegorischen Namen gemeinten Beigaben treten ließ; so z. B. starben allein in den Jahren 801 bis 860 nicht weniger als vier Kaiser der Tang-Dynastie infolge fortgesetzten oder übermäßigen Genusses der für sie „aus Schwefel und Quecksilber“ hergestellten und auch noch mit Perlen und Edelsteinen „verstärkten“ Lebens- und Unsterblichkeits-Tränke[4902]. Mag die Erlangung solcher ehemals das Hauptbestreben der Zauberer, und ihr gegenüber die des Goldes „weniger ein Ziel als ein Mittel“ gewesen sein[4903], -- seit der Berührung mit den Arabern änderte sich dieses jedenfalls gänzlich[4904], und während der Jahrhunderte des Mittelalters erscheinen Alchemie und Alchemisten Chinas und Europas durchaus im nämlichen Lichte. Schon in dem Sammelwerke „Wundergeschichten aus alter und neuer Zeit“, dessen jetzt vorliegende Form etwa dem 15. Jahrhundert angehören soll, das aber auf weit älteren Quellen fußt, schildert z. B. eine Novelle „mit wahrhaft drastischem Humor den Gimpelfang durch die Alchemisten“, die seit jeher sämtlich nichts anderes waren als Schwindler, Lügner, Betrüger und geschickte Ausnützer von Leichtgläubigkeit und Dummheit der großen Menge[4905]: da kennt der schlaue Gauner die „Geheimnisse der 9 Umwandlungen“, er bereitet aus Schwefel nebst Quecksilber (= Zinnober) ein Streupulver, von dem schon eine Fingerspitze voll das richtig geläuterte Zinn oder Quecksilber sogleich in reines Silber oder Gold verwandelt, er unterstützt diese Transmutation, indem er etwas Silber oder Gold als „Muttermetall“ hinzusetzt, „je mehr, desto besser“, und prellt so auf bekannte Weise und mit bekanntem Erfolge seine Opfer. -- Auch die von ~Pfizmaier~ benützten, leider jedoch nicht kritisch gesichteten, ihrem Alter nach aber meist weitaus überschätzten Schriften erzählen von „den Leuten vom Weißen und Gelben“, von den „Bereitern der Arzneien“ [= medicinae, phármaka], die Blei und Zinn mittels solcher Arzneien oder „Blüten“ in Silber und Gold verwandeln, -- was ihnen aber freilich nicht immer, oder doch nicht so gelingt, daß die Erzeugnisse das Schmelzfeuer aushalten[4906] --, die ferner aus „geläutertem“ oder nebst gewissen „Arzneien“ in einer Röhre verbranntem Quecksilber bald einen das Leben über 100 Jahre hinaus fristenden Trank, bald edle Metalle bereiten[4907] und endlich aus diesen „weiße und gelbe Eßgeräte“ herstellen, durch deren tägliche Benützung der Besitzer Unsterblichkeit erlangt[4908].
Von eigentlichen chemischen Kenntnissen in wissenschaftlichem Sinne, wie sie das europäische Mittelalter allmählich ausbildete, kann aber im chinesischen gar nicht die Rede sein, auch fehlten solche noch zur Zeit der ersten Erschließung Chinas im 16. Jahrhundert daselbst vollkommen. Nach ~Klaproth~, dessen Vermutungen von 1807 ~Guareschi~ neuerdings wiedererwähnte[4909], kannten allerdings die Chinesen schon im 8. Jahrhundert den Sauerstoff als „Yin der Luft“, als durch Feuer austreibbare Substanz verschiedener Steine, z. B. des Salpeters, sowie als Bestandteil des Wassers, „das sie demnach als zusammengesetzt ansahen“; sie wußten auch, daß der Yin aus Luft, aus Wasser, oder aus Alaun [?], das Kupfer in Grünspan [?] verwandle; ferner, daß der Yin sich nur mit dem Golde nicht verbinde, weshalb dieses auch nie anders als gediegen vorkomme, während er die anderen Metalle angreife und dabei deren Oxyde ergebe, z. B. das seit uralter Zeit zum Färben des Porzellans benützte, aber streng geheim gehaltene Antimonoxyd[4910], usf. usf. Alle diese Voraussetzungen sind indessen hinfällig, oder beruhen nur auf Auslegungen in vorgefaßtem Sinne: Yin und Yang, die beide, wie schon weiter oben erwähnt, als kosmische Urstoffe gelten, sind freilich überall und in allem vorhanden[4911], daher auch in Luft und Wasser; sie bilden auch die 5 Elemente, und ihr richtiges Verhältnis verleiht dem menschlichen Körper, dessen Säfte sie samt Blut und Atemluft erfüllen, Gesundheit[4912] und der Erdoberfläche sowie dem Erdinnern Fruchtbarkeit, gute Beschaffenheit usf.[4913]; aber nicht der geringste Anhaltspunkt liegt +dafür+ vor, daß man sie jemals als „Bestandteile“ in chemischem Sinne betrachtete, den Yin, der doch das minderwertige und passive Prinzip ist, mit dem Sauerstoff identifizierte, oder diesen seiner elementaren Natur und seiner Verbindungsfähigkeit nach richtig erkannte. Die angeführten, ohnehin sehr verworrenen chemischen Einzelheiten stammen sichtlich erst aus später Zeit; auf eine solche weist auch die Bemerkung hin, daß in die Zusammensetzung der Metalle, mit Ausnahme des reinen und vollkommenen Goldes, also vom Silber abwärts, steigende Mengen Schwefel mit eingehen sollen[4914], und ebenso die Angabe betreff des Porzellans, da dessen Herstellung, früheren Annahmen entgegen, in China keineswegs uralt ist, vielmehr erst gegen Ende des 6. Jahrhunderts n. Chr. einen gewissen, aber immerhin noch bescheidenen Grad der Vollkommenheit erreichte[4915].
Die weiter oben geschilderten Vorstellungen, wie sie im 7. und 8. Jahrhundert in China herrschten, gelangten im Laufe des 8. Jahrhunderts auch nach +Japan+; das Doppelprinzip des Yin und Yang, sowie die Theorie von den 5 Elementen, deren Zahl aber unter buddhistischem Einflusse alsbald wieder auf 4 (Feuer, Wasser, Erde, Luft) beschränkt wurde, blieben, namentlich in der für Japan fast allein in Betracht kommenden medizinischen Richtung, bis in das 16. und 17. Jahrhundert hinein völlig alleinherrschend[4916]. Beweise dafür, daß während des Mittelalters, außer einigen unvollkommenen, trotzdem aber stets unverändert beibehaltenen Verfahren und Apparaten, auch eigentlich chemische Kenntnisse in Japan vorhanden gewesen, oder aus China dahin gelangt seien, haben sich bisher nicht erbringen lassen, und so bestätigt auch dieser Umstand wieder die Überzeugung, daß die Chinesen solche selbst nicht besaßen; die völlige Haltlosigkeit aller entgegengesetzten Behauptungen, sowie deren Ursprung aus den zu gewissen Zwecken absichtlich entstellten Berichten der jesuitischen Missionäre deckte übrigens schon 1773 ~De Pauw~ auf[4917], indem er nachwies, daß noch zur genannten Zeit den Chinesen weder mineralische Säuren bekannt waren, noch eigentliche Destillationsapparate, noch irgendwelche neuere Vorrichtungen, Verfahren oder Präparate, noch endlich auch nur die Begriffe Chemie und Chemiker.
Fünfter Abschnitt.
Die Alchemie im Okzident.
1. Die Alchemie des europäischen Mittelalters bis 1300.
Die Wege, auf denen nach den Stürmen der Völkerwanderung die chemischen und chemisch-technologischen Kenntnisse des späten Altertums aufs neue zum Gemeingute des Abendlandes wurden, sind im einzelnen noch bei weitem nicht genügend erforscht und aufgeklärt. Betreffs ihrer Gesamtrichtung meint zwar ~Berthelot~, als erster die ganz neue und höchst wichtige Tatsache entdeckt zu haben, daß neben und vor der arabischen, hauptsächlich von Spanien her wirksamen Tradition, auch eine unmittelbare, auf byzantinische Überlieferung zurückweisende bestanden habe, -- doch schreibt er sich hierbei, wie auch in anderen Fällen, Verdienste zu, die ihm in Wirklichkeit keineswegs gebühren. Daß nämlich mit dem Ende des Altertums, also mit dem Falle des weströmischen Reiches im Jahre 476, plötzlich die gänzliche und endgültige Vernichtung alles Bestehenden eingetreten sei, und eine spätere Zeit auf sämtlichen Gebieten wieder völlig von neuem zu beginnen und die leer gewischten Tafeln allein aus eigenen Kräften allmählich neu zu beschreiben gehabt hätte, war allerdings ehemals eine weitverbreitete Vorstellung; sie ist jedoch längst der besseren Einsicht gewichen, daß wie zwischen Mittelalter und Neuzeit so auch zwischen Altertum und Mittelalter Verbindungen und Übergänge nirgendwo gefehlt haben, und daß insbesondere das geistige Band auf keinem Gebiete jemals vollkommen gerissen ist. Auf wenigen Feldern hat sich diese Überzeugung so frühzeitig aufgedrängt und gefestigt als auf dem des Kunstgewerbes und der Kunsttechnik, und es ist daher sehr auffällig, daß ~Berthelot~, der sich ihr im übrigen nicht verschließt[4918], gerade auf diesem seine Entdeckung gemacht zu haben glaubt; um die Selbsttäuschung begreiflich zu finden, müßte man annehmen, daß ihm nicht nur die älteren und neueren Forschungen hervorragender französischer Philologen und Kunsthistoriker unbekannt blieben, sondern auch die Spezialwerke von ~Eastlake~[4919] und ~Merrifield~[4920], die Abhandlungen und Kommentare der Herausgeber in der großen als „Wiener Quellenschriften“ bezeichneten Sammlung[4921], usf. Da aber einige seiner zuweilen nicht ganz an der Oberfläche liegenden Anführungen ersehen lassen, daß ihm diese Veröffentlichungen durchaus nicht entgangen waren, so muß es genügen, die Tatsache festzustellen, daß bereits die genannten Autoren, sobald sie auf den fraglichen Zusammenhang zu sprechen kommen, ihn als einen +im allgemeinen+ ganz offenkundigen voraussetzen; sie betrachten ihn als einen angesichts der politischen und kulturgeschichtlichen Beziehungen zwischen dem oströmischen Reiche und Italien gar keinem Zweifel unterliegenden und beziehen sich hierbei u. a. auf die nämlichen frühesten Werke des Mittelalters, von denen auch ~Berthelots~ Darlegungen ihren Ausgang nehmen, d. s. hauptsächlich die „Compositiones ad tingenda musiva“ und die „Mappae clavicula de efficiendo auro“. Hingegen befanden sie sich, da ihnen der Wortlaut der chemischen Texte griechischer und byzantinischer Herkunft gar nicht oder nur sehr unvollkommen, der Inhalt demnach fast nur aus den spärlichen Berichten zweiter oder dritter Hand bekannt war, nicht in der Lage, auch +im einzelnen+ Ähnlichkeiten und Analogien zu erkennen und nachzuweisen, und in dieser Hinsicht bleibt die Leistung ~Berthelots~, deren wahre Vorzüge nicht verkleinert werden sollen, selbstverständlich die weitaus überlegene.