Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 56

Chapter 563,273 wordsPublic domain

Auf derartigen, etwa seit dem 8. Jahrhundert einsetzenden Vermittlungen beruht nach ~Jolly~ das Aufkommen des „Tötens“ der Metalle und des Röstens mit Schwefel (schon in jüngeren Fassungen der dem ~Susruta~ und ~Caraka~ zugeschriebenen Werke), der „Wiederbelebung“, des „Fixierens“ von Quecksilber, und schließlich des Machens und „Vermehrens“ von Gold und Silber[4783]. Wohl erst von dieser Zeit an begann das den Indern schon längst bekannte Quecksilber die Rolle anzunehmen, die es in der griechischen Alchemie spielt und die bei ~Amarasinha~ (um 1000) in der Gleichsetzung von Quecksilber und „rasa“ schon deutlich hervortritt. Nicht von „alten Heiligen auf Inseln des indischen Ozeans“, sondern von arabischen Meistern dürften auch im 9. und 10. Jahrhundert ~Nagarjuna~, ~Vrinda~ und ihre Zeitgenossen die Künste gelernt haben, als deren Erfinder nachher bald der eine, bald der andere von ihnen hingestellt wurde, nämlich die Sublimation und Destillation, insbesondere des Quecksilbers, die Abscheidung dieses Metalls aus Zinnober, die Darstellung des schwarzen und roten Schwefelquecksilbers aus seinen beiden Bestandteilen, das Töten und Fixieren von Quecksilber, die Gewinnung von Sublimat und Calomel[4784], u. dgl. mehr. Der nämlichen Abkunft ist auch die Bereitung des Elixirs, des „Pulvers der Projektion“, das bei ~Nagarjuna~ schon 10 Millionen Teile unedler Metalle in Gold verwandelt und zugleich Gesundheit, langes Leben, oder gar Unsterblichkeit verleiht, ferner die Bezeichnung des Quecksilbers als Zubehör, ja als Verkörperung eines Gottes und als dessen Samen, und endlich die Betrachtung von Quecksilber und Schwefel[4785] als ausschlaggebende Elemente und Bestandteile der Metalle[4786]. Erreichte auch die Ausbildung dieser Theorien und die Anwendung solcher Kenntnisse ihren Höhepunkt erst im „Quecksilber-Systeme“[4787], in der Iatrochemie, sowie in der alchemistischen Praxis des 13. bis 14. Jahrhunderts, -- wobei dann Gott ~Siva~ (dem ~Hermes~ gleich) als Vater und Lehrer der großen Kunst, die Zeitgenossen (~Yasodhara~ und andere) aber als Erfinder der Sublimation und Destillation, des Sublimats und Calomels, des Projektionspulvers usf. gelten --, so waren sie doch auch vorher schon, zwar nicht allgemein[4788], aber immerhin weit verbreitet und keineswegs nur in einzelnen, engumgrenzten Bezirken Indiens. Dies bestätigen, neben verschiedenen der weiter oben gegebenen Anführungen, namentlich der auf die „Geschichten der 84 Zauberer“ bezüglichen, auch noch die Berichte des ~Marco Polo~, die sich auf Zustände in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts beziehen. Wie ~Polo~ erzählt, erreichen z. B. gewisse, der Sekte der Jainas[4789] angehörige Priester zu Lar im mittleren Südindien das hohe Alter von 150 bis 200 Jahren, indem sie zweimal monatlich einen aus Schwefel und Quecksilber bereiteten Trank genießen[4790]; auch ~Argon~, ein König aus der damals in Persien regierenden mongolischen Dynastie, befragte indische Asketen, worin ihre Kunst der Lebensverlängerung bestehe, und als sie auf ihren Trank aus Schwefel und Quecksilber verwiesen, nahm er diesen ebenfalls acht Monate lang, starb aber dann trotzdem[4791], -- oder eher infolge des Trankes, den man vielleicht wirklich mit aus Schwefel und Quecksilber zusammenbraute, statt aus den unter diesen symbolischen Namen zu verstehenden Bestandteilen. Für die Dauerhaftigkeit und Festigkeit, mit der sich solcherlei abergläubische Vorstellungen unausrottbar erhalten, zeugt ~Pigafetta~, der Begleiter des ~Magelhaës~ auf der ersten Reise um die Erde (1519-1522), der zu melden weiß, daß die Mohammedaner auf gewissen Inseln des ostindischen Meeres einen derartigen Trank genießen, der nicht nur die Krankheiten heilen, sondern auch die Gesundheit dauernd erhalten soll, weshalb Quecksilber und Zinnober daselbst sehr gesucht seien und hoch im Preise stünden[4792].

Zugunsten des arabischen Ursprunges der indischen Alchemie sprechen endlich noch die Tatsachen, daß das Kupfer bei den indischen Alchemisten einen anderen Namen führt als in der Sanskrit-Litteratur, was für das späte Aufkommen der betreffenden Lehren sehr bezeichnend ist[4793], ferner daß die Vorschriften für das Leben und Verhalten der Alchemisten völlig mit den arabischen (ursprünglich griechischen) übereinstimmen[4794], und endlich daß nicht nur die chemischen Operationen nebst ihren Namen und Bezeichnungen, sondern auch die zur Ausführung vorgeschriebenen Geräte und Apparate durchaus den wohlbekannten arabischen (griechischen) gleichen[4795]. Daß die Inder sie trotzdem für sich selbst in Anspruch zu nehmen und einheimischen Erfindern zuzuschreiben trachten, kann nicht überraschen, aber auch nicht überzeugen, um so mehr als das nämliche Bestreben auch bei anderen Gelegenheiten hervortritt, z. B. beim Versuche, der Kunst, metallisches Zink darzustellen (die, soweit sich übersehen läßt, aus China nach Indien gelangte)[4796], indischen Ursprung zu sichern, wobei dann als Erfinder (wie oben angeführt) die verschiedensten Gelehrten ausgegeben, und mit großer Willkür bald in das 11. oder 12., bald in das 13. oder 14. Jahrhundert versetzt werden[4797].

7. Chemie und Alchemie in China.

Nicht anders wie Ägypten oder Babylonien, Persien oder Indien, so hatte sich zeitweise, namentlich im 18. Jahrhundert, auch China einseitiger Überschätzung und maßloser Bewunderung seitens gewisser europäischer Gelehrter zu erfreuen, die daselbst die Heimat jeglicher Kultur und Wissenschaft, sowie die Entstehungsstätte aller geheimen Weisheit aufgefunden zu haben vermeinten; so sollten die Chinesen auch seit jeher Großes in der Naturwissenschaft geleistet und u. a. schon vor Jahrtausenden eingehende Kenntnis der Chemie und Alchemie besessen und diese letztere in nahe Verbindung mit der Astronomie und der Planeten-Verehrung gebracht haben, -- wie dies alles durch unzählige Zeugnisse einer uralten Litteratur unwiderleglich bewiesen werde. Sämtliche Voraussetzungen solcher Art haben indessen einer näheren Prüfung nicht standzuhalten vermocht.

Zunächst ist daran festzuhalten, daß die chronologisch beglaubigte Geschichte Chinas erst mit dem Jahre 841 v. Chr. beginnt[4798], und daß auch in den ältesten kanonischen Schriften, die ~Confucius~ (~Kung-fu-tze~ = ~Kung~ der Meister, 551-478) abgefaßt haben soll[4799], alle über diese Grenze hinausgehenden Angaben auf Mythe und Phantasie beruhen. Von den echten alten Schriften fand ferner ein sehr großer Teil im Jahre 213 v. Chr. seinen Untergang, als der Kaiser ~Schi-hoang-ti~ zwecks wirksamer Bekämpfung der Neuerer alle ihm erreichbaren Bücher verbrennen ließ, mit Ausnahme derer über Ackerbau, Baumzucht, Wahrsagerei, Medizin und Pharmazie[4800]. Zur Zeit der Han-Dynastie (205 v. Chr. bis 220 n. Chr.), die bald darauf das Zerstörte nach Möglichkeit wieder herzustellen suchte und für die Herbeischaffung alles der Vernichtung Entgangenen hohe Belohnungen gewährte, entwickelte sich dann die Fälschung zu einem ebenso ausgebreiteten wie einträglichen Gewerbe[4801], und obwohl man sie durch vorbeugende Maßregeln einzuschränken suchte[4802], wurde doch die Zahl teils bewußt untergeschobener, teils aus wahren und angeblichen Bruchstücken wieder zusammengesetzter, teils durch nachträgliche Ergänzungen und Zusätze nach Belieben erweiterter Werke alsbald fast unübersehbar[4803]. Weil aber der von den Han-Kaisern hochgehaltene Grundsatz der „Rückkehr zur ruhmreichen Vergangenheit“ auch für die ganze fernere Gestaltung der Litteratur maßgebend blieb, entfaltete sich seither die für den chinesischen Geist so bezeichnende und ihm offenbar ganz besonders zusagende Tätigkeit der Sammler, Herausgeber, Erklärer und Kommentatoren[4804]: in endloser, seit über anderthalb Jahrtausenden niemals abreißender Reihe fügten sie ein Glied der Kette an das andere und schufen ihre immer dickleibiger und vielbändiger werdenden Zusammenstellungen und Enzyklopädien, stets erfüllt von Fleiß und vom Bestreben, alles so vollständig wie tunlich zu bringen und es als so alt wie möglich hinzustellen, dagegen meist gänzlich unbeirrt von Wahrheitsliebe, Gewissenhaftigkeit und Kritik. Boten schon ältere kanonische Texte, z. B. die sog. „Landesbeschreibung“, eine Fülle unerhörter und märchenhafter Wunderdinge[4805], so glaubten spätere Autoren ihrer Erfindungsgabe erst recht freien Lauf lassen zu dürfen; man nahm ferner keinen Anstand, selbst wirklich bessere historische Werke, u. a. das des ~Chu-Hi~ (1130-1200), immer wieder, und zwar bis in das 18. Jahrhundert hinein, „neu herauszugeben“, hierbei im Stillen bis zur Gegenwart herab- und bis in die mythische Urzeit zurückzuführen[4806] und durch willkürliche Zutaten und Ergänzungen zu bereichern, deren späten Ursprung oft nur ganz zufälligerweise irgend ein vereinzelter Zug verrät[4807]. Infolgedessen kann es nicht überraschen, daß gewisse „Fanatiker der Skepsis“[4808] schließlich die Echtheit fast +aller+ chinesischen Litteraturwerke in Zweifel zogen, sogar die des von ~Confucius~ redigierten kanonischen „Schi-king“ und „Schu-king“[4809], deren Inhalt in der Regel als beruhend auf wesentlich echten Überlieferungen des 12. bis 7. Jahrhunderts v. Chr. anerkannt wird[4810], sowie die des „Tao-teh-king“ (= Buch vom Tao) des großen Religionsstifters ~Lao-tze~ („des Meisters ~Lao~“, 604-425 v. Chr.?)[4811], -- wobei ihnen in nicht wenigen Fällen allein entgegen gehalten werden kann, daß es ganz unwahrscheinlich wäre, Fälschern so viel geistige Eigenart und Tiefe, aber auch Gewandtheit und Geschicklichkeit zuzutrauen[4812].

Was die chinesische Astronomie anbelangt, so hält es ~Kugler~ für wahrscheinlich, daß der altchinesische Kalender von babylonischem Einflusse zeugt[4813], und ~Bezold~ für gewiß, daß den einigermaßen sicher datierbaren Werken, wie z. B. dem um 100 v. Chr. abgefaßten „Schi-ki“, chaldäische Anschauungen zugrunde liegen[4814], während wieder ~Saussure~ das hohe Alter und den einheimischen Ursprung einer rein wissenschaftlichen, in innigem Verbande mit Religion und Staatswesen stehenden Astronomie nachgewiesen zu haben glaubt[4815]. In Ansehung der Tatsache, daß der chinesische Geist seit jeher und auf sämtlichen Gebieten immer nur allein die praktisch brauchbaren Erfolge als wertvolle anstrebte und als würdige anerkannte, müßte die frühzeitige Ausbildung einer wirklich theoretischen Astronomie wundernehmen; vermutlich kommen daher nicht sowohl astronomische als astrologische Beobachtungen in Frage, zusammenhängend mit dem weitverbreiteten und auch in China sehr alten Volksglauben, „daß die Ereignisse auf Erden irgendwie beeinflußt würden von denen am Himmel“, und das Geschick des Gesamtstaates und seiner Einzelprovinzen „sich widerspiegle im gestirnten Firmament, dieser himmlischen Projektion des irdischen Reiches“[4816]. Zwecks richtiger Deutung der Himmelsbilder unterhielt der Staat eigene Beamte[4817], die sich u. a. im 2. und im 7. Jahrhundert v. Chr. als „Astrologen“ und „Großastrologen“ erwähnt finden[4818], sowie für 671 v. Chr. auch im „Yih-king“[4819], dem kanonischen, wie man glaubt in ziemlich ursprünglicher Gestalt vorliegenden „Buche der Wandlungen“[4820]. In diesem, hauptsächlich von Wahrsagerei handelnden Werke sind die Astrologen etwa gleichwertig den Wahrsagern, Losziehern, Geisterbannern und Traumdeutern, von welchen letzteren auch das Buch „Schi-king“ spricht, wo es die Träume mit den Stellungen der Gestirne am Himmel in Verbindung bringt[4821], während +andere+ Arten des Aberglaubens in ihm, wie auch im „Schu-king“, +keine+ Erwähnung finden[4822]. Daß die großen Ritualwerke „Li-ki“ und „Chou-li“ der Chou-Dynastie (1122-255 v. Chr.) sie +sämtlich+ kennen und als „uralte“ bezeichnen[4823], wäre daher schon an sich auffällig, doch wissen wir zudem, daß z. B. das Buch „Li-ki“ erst in den Jahrhunderten zwischen 200 v. und 200 n. Chr. zusammengestellt wurde, und daher keinerlei Rückschlüsse auf eine entfernte Vergangenheit gestattet[4824]. Daß erst in solchen jungen und zweifelhaften Texten die Planeten besonders erwähnt, zusammen mit Sonne und Mond als „7 Lenker“ und „7 Regenten“ bezeichnet und ebenso wie die zwölf Tierkreisbilder mit gewissen Opfern bedacht werden[4825], spricht für das späte Aufkommen auch dieser, sichtlich aus der Fremde stammenden Vorstellungen[4826]; von einer Verbindung der 7 Wandelsterne mit den 7 Metallen ist übrigens zunächst auch hierbei gar nicht die Rede, vielmehr werden nur die 5 Planeten mit den sog. 5 „Elementen“ der Chinesen in Beziehung gebracht, nämlich Saturn mit Erde, Mars mit Feuer, Merkur mit Wasser, Jupiter mit Holz und Venus mit Metall[4827].

Die Lehre von diesen 5 Elementen wird allerdings als eine schon in der Zeit der Einwanderung der „hundert Familien“ (= des Volkes) in China[4828], mindestens aber in jener der mythischen Kaiser ~Ki~ (um 2200 v. Chr.) oder gar ~Hoang-hi~ (um 2700 v. Chr.) wohlbekannte vorausgesetzt[4829], gehört jedoch in der Tat erst einer weit späteren Periode an, die indessen vorerst noch nicht genau abgegrenzt werden kann. Von wirklich hohem, vermutlich weit über das der kanonischen Schriften hinausreichende Alter ist nur die Theorie von dem „allgegenwärtigen Dualismus“ der beiden einander entgegengesetzten kosmischen Urkräfte Yang und Yin, durch deren Zusammenwirken und Kreislauf schon das Buch „Yih-king“ alle überhaupt vorhandenen Einzeldinge körperlicher und geistiger Natur aus dem chaotischen Anfangszustande der Welt hervorgehen und sich sodann weiter entwickeln läßt[4830]. Unter diesen Kräften gilt seit jeher Yang als die lichte, männliche, zeugende, herrschende, aktive, den geraden Linien und ungeraden (vornehmeren) Zahlen entsprechende, Yin aber als die dunkle, weibliche, empfangende, dienende, passive, den gebrochenen Linien und geraden (gemeineren) Zahlen zugehörende[4831]; weiterhin wurde dann Yang mit der roten Farbe, der Sonne, den guten Geistern, und in der Pharmakologie mit dem Heißen, Trockenen, Heilsamen, in Verbindung gebracht, Yin aber mit der schwarzen Farbe, dem Monde, den bösen Geistern, und in der Pharmakologie mit dem Kalten, Feuchten, Schädlichen[4832]. Nach der Lehre des ~Lao-tze~ sind Yang und Yin mit in seinem „Tao“ (= „Weg“ und auch „Vernunft“) enthalten, weil dieses Prinzip, als höchstes und umfassendstes, -- in mancher Hinsicht dem griechischen Logos vergleichbares[4833] --, wie die ganze übrige Welt so auch „jene beiden Wagenlenker der schaffenden Kräfte“ in sich schließen muß[4834]. Hierbei bleibt jedoch ihr völliger Gegensatz unverändert bestehen, und ihn nach monistischer Weise in eine höhere Einheit aufzulösen versuchte erst ~Chou-tze~ (~Chou~ der Meister), dessen Lebenszeit in die Jahre 1017-1073 fällt[4835]: bei ihm erzeugt das ewige und einzige Urprinzip „Tai-kih“ durch seine Bewegung den Yang, und durch seine Ruhe am Ziele der Bewegung den Yin, und diese erst gesellen sich und bringen dadurch die 5 Elemente Wasser, Feuer, Erde, Holz, Metall hervor, „jedes von seiner eigenen Beschaffenheit, jedes von seiner eigenen Natur“, so daß man im Tai-kih bereits Yang und Yin als enthalten anzusehen hat, und in diesen beiden wiederum die 5 Elemente[4836]. In den folgenden Jahrhunderten und namentlich unter dem Einflusse der rasch zu andauernder und kaum glaublicher Bedeutung gelangenden sog. Wissenschaft „Feng-Schui“, einer Art vom gröbsten (namentlich auch astrologischen) Aberglauben erfüllten Geomantie[4837], erfolgte dann zum Teil eine Erweiterung, zum Teil eine Neuschöpfung und systematische Ausgestaltung der Lehre von den Beziehungen der 5 Elemente zu allem nur Möglichen und Unmöglichen, u. a. zu den 5 Planeten[4838], zu den 5 Farben (grün, gelb, rot, weiß, blau)[4839], zu den Tieren, Pflanzen, Mineralien und Metallen, sowie zu deren Gottheiten[4840], zu den verschiedenen Teilen der Länder, der Erdoberfläche, des Erdinneren usf.[4841].

Was die Frage nach dem Auftauchen einer eigentlichen Alchemie betrifft, so hat man sich im Bereiche der chinesischen Kultur nicht minder als in dem der indischen davor zu hüten, daß man zwischen einheimischen Gedanken oder Vorstellungen und irgendwie ähnlichen, aus der griechischen Alchemie her bekannten, statt einer gewissen Analogie kurzweg Identität voraussetze und dieser durch unmittelbare Anwendung der überlieferten hellenistischen Schlagworte auch schon eine ausreichende Stütze gesichert zu haben glaube. Der Wunsch z. B., ein langes Leben in Gesundheit und Wohlstand hinzubringen, ist ein so tief in der menschlichen Natur begründeter, daß es nicht überraschen darf, ihn bei den verschiedensten Völkern der alten und neuen Welt auftauchen und sich allerorten der Meinung verbinden zu sehen, das erstrebte Ziel sei entweder durch Frömmigkeit und Gebete oder durch Zauberkraft und magische Kunst in mehr oder weniger vollkommener Weise erreichbar. So zweifelten die alten Mexikaner nicht an der Wirksamkeit ihres Unsterblichkeits-Trankes[4842]; bei innerafrikanischen Negerstämmen begegnete ~Schweinfurth~ dem Glauben, man vermöge mittels gewisser Pflanzensäfte Gold zu erzeugen oder die ewige Jugend zu gewinnen[4843]; sowohl südamerikanische wie südasiatische Völker hielten sich für überzeugt, daß bestimmte Pflanzen, besonders die vermeintlich der Sonne oder dem Monde zugehörigen, nicht nur verborgene Schätze finden ließen, sondern auch selbst Gold oder Silber hervorbrächten, während wieder bestimmte andere (z. B. solche, die Erschöpfte stärken, Kranke heilen, weiße Haare schwarz färben) auch Jugend, Gesundheit, Zeugungsfähigkeit, langes Leben, ja Unsterblichkeit verliehen[4844]. Es kann daher nicht wundernehmen, auch bei den alten Chinesen schon frühzeitig auf verwandte Anschauungen zu stoßen, die sich hauptsächlich an ihre „großen drei Glücksgüter“ (San-fuh) knüpften, d. s. langes Leben, Kindersegen und Reichtum[4845].

Bereits im 4. vorchristlichen Jahrhundert ist eine an den Mythus von der Atlantis anklingende Sage lebendig, von fabelhaften, inmitten des fernen östlichen Ozeans liegenden, für die jetzigen Menschen nicht mehr erreichbaren Inseln, deren Einwohner Paläste und Tore aus Gold und Silber, sowie den Trank des langen Lebens und der Unsterblichkeit besäßen, bereitet aus der Pflanze Ling-chi-tsao[4846]; noch im 3. Jahrhundert v. Chr. rüstete deshalb der Kaiser ~Schi-hoang-ti~ eine Flotte zur Aufsuchung dieser Inseln aus, die jedoch, obwohl sie unter der Leitung eines besonders hervorragenden „Zauberers“ stand, ihre Aufgabe nicht zu lösen vermochte[4847]. In China selbst soll den Unsterblichkeits-Trank zuerst ~Chung-li-küan~ „erlangt“ haben, von dem man nur weiß, daß er noch zur Zeit der Chou-Dynastie (also spätestens 255 v. Chr.) lebte, zu den „acht großen Siën“ gehörte, d. h. zu den Genien und Obermeistern aller magischen und geheimen Wissenschaften, und diesen auch die Kenntnis der neuen Errungenschaft übermittelte „in der Verborgenheit der tiefsten Wildnis seiner heimatlichen Berge“[4848]. Hiernach wird man annehmen dürfen, daß ~Chung-li-küans~ Trank hauptsächlich aus Pflanzensäften bestand, und daß er selbst zu jenen Einsiedlern gehörte, deren Erscheinung den während der letzten vorchristlichen Jahrhunderte dem Aberglauben ganz besonders ergebenen Chinesen etwas völlig Neues und höchst Erstaunliches war, und denen man daher übernatürliche Kräfte aller Art zutraute, z. B. Fliegen durch die Luft, willkürliches Trennen der Seele vom Körper, Verlängern des Lebens, Überwinden des Todes, usf.[4849]. Es ist sehr wahrscheinlich, daß das Auftauchen dieses dem eigentlichen chinesischen Geiste ganz fern liegenden Einsiedlertumes und alles sich daran Knüpfenden mit dem Eindringen des Buddhismus zusammenhängt[4850], dessen Verbreitung in China, entgegen früheren Annahmen, schon im 3. Jahrhundert v. Chr. begann und im 2. bereits eine ziemlich ausgedehnte war[4851].

Die sehr weitgehenden gegenseitigen Beeinflussungen und Anpassungen der älteren chinesischen Religionen und des Buddhismus erstreckten sich insbesondere auch auf die Lehre des ~Lao-tze~, dessen philosophische Betrachtungen über das Tao der großen Menge ohnehin seit jeher vielerlei Schwierigkeiten geboten hatten. Schon im Laufe des 2. vorchristlichen Jahrhunderts zerfiel daher die Tao-Lehre in zwei Richtungen, deren eine die Grundlagen des reinen und lauteren Aufwärtsstrebens festhielt, während in der anderen das Tao vom Prinzipe höchsten Gutes und vollkommenster Einsicht zu dem des Wundertuns und Zauberns herabsank, das den Gläubigen vor allem Erfüllung ihrer irdischen Wünsche in Aussicht stellte, u. a. derer nach langem Leben und Reichtum[4852]. Die letztere Richtung daraufhin von vornherein als „alchemistische“ zu bezeichnen[4853], liegt indessen keine Berechtigung vor, denn auch in seiner Entstellung bleibt das Tao zunächst nichts weiter als ein geistiges Symbol ungeheurer geheimer Macht: „dem, der es erlangt hat, ist nichts unmöglich“, daher vermag er sogar den Tod zu überwinden und sich durch seine Kunst Gold zu verschaffen[4854]. Natürlicherweise wurden diese Fähigkeiten in besonders hohem Grade schon dem ~Lao-tze~ selbst zugeschrieben: Einer der großen „Siën“ unterrichtete ihn in allen zauberkräftigen und geheimen Wissenschaften, und er selbst vervollkommnete sich in diesen dermaßen, daß er unendliche Schätze an Gold zu gewinnen verstand, -- weshalb ihn die chinesischen Alchemisten noch heutzutage als Schutzpatron verehren --, und sein Leben bis 1040 n. Chr. zu verlängern wußte, in welchem Jahre er auf einem mit blauen Ochsen bespannten Wagen nach dem Abendlande zu entschwand, um in Indien als ein Buddha wiedergeboren zu werden[4855].

Diese Überlieferungen gehören indessen, wie schon die genannte Jahreszahl zur Genüge zeigt, einem weitaus späteren Zeitalter an, in dessen Verlaufe die Chinesen andauernde und tiefgehende, nach ihren Einzelheiten noch durchaus ungenügend erforschte Beeinflussungen von Westen her erfahren hatten: in Chinesisch-Turkestan vollzog sich u. a. die Berührung mit manichäischen und nestorianischen Lehren, deren Träger zum Teil auch ostiranische Sogdier waren[4856], 635 erreichten die Nestorianer von Indien aus auf dem Seewege China[4857], und 714 erschienen die ersten arabischen Schiffe in dem 700 den fremden Völkern geöffneten Hafen von Kanton, worauf sich der Handelsverkehr alsbald mit überraschender Schnelligkeit zu fast unglaublicher Höhe emporschwang[4858]. Nach der Überzeugung, die sich einer der größten Kenner Chinas und der chinesischen Litteratur, ~v. Richthofen~, im Laufe jahrzehntelanger Forschungen bildete[4859], gelangten die Chinesen erst seit dieser Periode, also etwa seit dem 8. Jahrhunderte, zur Kenntnis einer wirklichen Alchemie, nämlich der von den Arabern übermittelten hellenistischen, gliederten deren Gesamtbilde ein, was sie selbst an irgend passenden, oder unter einiger Umänderung verwertbaren Zügen besaßen, und suchten sodann, gemäß der unbeschränkten Eitelkeit, die eine Haupteigenschaft ihres Nationalcharakters bildet, das Ganze als ihre eigene, selbstverständlich uralte Erfindung hinzustellen. Wie auf anderen Gebieten, so nahm man auch auf diesem keinen Anstand, die fehlenden Beweise nachträglich zu beschaffen, und dem Sachkenner muß sich, nach ~Richthofen~, je gründlicher er sich mit dem Problem beschäftigt, desto überzeugender die Ansicht aufdrängen, daß jenseits des 8. Jahrhunderts, sobald Alchemie in Frage kommt, sowohl einzelne litterarische Zeugnisse wie ganze Werke durchwegs entweder späterer betrügerischer Einschiebungen oder gänzlicher Fälschung verdächtig sind.