Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 55

Chapter 553,273 wordsPublic domain

Den Höhepunkt seiner Bedeutung als Mittel zur Lebensverlängerung und zugleich zur Metallverwandlung erlangt das Quecksilber indes erst während der um 1300 einsetzenden Oberherrschaft der Iatrochemie, deren Wurzeln aber vermutlich bis in das 12. Jahrhundert zurückreichen[4680]. Aus seinen Vorgängern schöpfend, z. B. aus ~Nandi~, „dem Erfinder der Sublimation“, berichtet ~Somadeva~ (12. oder 13. Jahrhundert?) über Quecksilber und Quecksilber-Präparate, sowie über Darstellung von Gold durch Legieren verschiedener Metalle, darunter Zink, nach bestimmten Gewichtsverhältnissen[4681]. ~Yasodhava~ (13. Jahrhundert?)[4682], „der alle Versuche selbst ausgeführt hat“, entdeckte angeblich „das Metall des Galmeis“ [Zink], „das sich glänzend wie geschmolzenes Blei aus dem Tiegel ergießt“, die Darstellung des Wundermittels Calomel, „dieses Kamphers aus Quecksilber“, und die Bereitung eines Projektionspulvers aus Zinn, Pyrit, Salmiak, Realgar und etwas Blei oder Silber, das 100 Teile gemeine Metalle in Gold verwandelt[4683]. ~Rasakalpa~ (13. Jahrhundert), „der alles selbst erprobt, und nichts aus anderen entlehnt hat“[4684], nennt als „große Mittel“ Quecksilber, auch das mit Salmiak und anderen Salzen „getötete“, das ~Siva~, „der König der Quecksilber-Lehre“, selbst erfand, ferner Schwefel, Arsen und Zinnober, den natürlichen oder den künstlich aus Quecksilber und Schwefel gewonnenen. Sie alle dienen auch dazu, die gemeinen Metalle in Gold und Silber zu verwandeln, oder diese doch zu „vermehren“, denn „Reichtum gewinnt, wer Gold oder Silber, die vermehrt sind, z. B. durch 100 Teile Kupfer, Blei oder Quecksilber-Amalgam, als [vollwertiges] Geld ausgibt“[4685]; zu jenen gemeinen Metallen zählen Kupfer, Eisen, Zinn, Blei, aber auch das Zink, das sechs verschiedene Namen führt, u. a. „Bruder des Silbers“[4686], d. i. das Metall jenes vielverbreiteten Galmeis[4687], der mit Kupfer pittala (Messing) liefert[4688]. Verschiedene andere medizinische Schriften dieses Zeitalters[4689] nennen neben den 6 einfachen Metallen[4690], neben dem „einer besseren Art Blei gleichenden“ Metall aus Antimonglanz [Antimon][4691], dem zinnähnlichen Metall Jasada aus Galmei [Zink][4692], den Legierungen Pittala (aus Kupfer und Zink; Messing), Kâmsya oder Kâmsyaha (aus 8 Teilen Kupfer und 2 Teilen Zinn; Glockenmetall), Vartaloha (= geschichtetes Metall, aus 5 Bestandteilen) usf.[4693], noch folgende „große Mittel“: die Edelsteine, die, je nach Glanz, Farbenspiel und Größe der Krystalle, als männliche, weibliche und Zwitter unterschieden werden[4694], und deren vornehmster, der Diamant, mit Bocksblut bestrichen zu Asche verbrennbar ist[4695]; den Schwefel, das gelbe und rote Arsen [Auripigment, Realgar]; den Antimon- und Bleiglanz, dessen Name „Surma“ einer Sprache der Urbevölkerung entstammen soll[4696]; vor allem aber das Quecksilber, „dessen Kräfte den Arzt, der sie recht versteht, zum Gotte machen“[4697]. Quecksilber ist der „Samen des ~Siva~“, der beim Abtropfen auf die Länder Darada (Dardistan in Kaschmir) und Parada (nicht näher bekannt) deren Boden mit Zinnober (Hingula) erfüllte[4698], als dessen „Wesen“ es bei der Destillation wieder hervorgeht[4699]. Es ist flüssig, läßt sich aber destillieren und mittels Salmiak und anderer Salze auch fixieren[4700], verleiht langes Leben, macht frei von Krankheit und Sünde und ist Wesen und Träger der von ~Siva~ selbst gelehrten Alchemie, der Kunst, Gold und Silber herzustellen[4701]. Zu den Präparaten, mit denen die Metalle zwecks ihrer Umwandlung behandelt werden, zählen die Säuren, und zwar ausschließlich die vegetabilischen[4702], die gold- und silberfarbigen Pyrite, der Blei- und Antimonglanz, die natürlichen Kupfer- und Eisen-Vitriole, der Schwefel, das Auripigment und Realgar, der beim Brennen mit Dung bereiteter Ziegel entstehende Salmiak (Navasara; vom persischen Nûschâdir)[4703] und die verschiedenen Salze und Alaune[4704].

Reichhaltige, sichtlich auf einer Fülle altüberlieferter Beobachtungen beruhende Verzeichnisse aller dieser Mineralien enthalten das um 1300 entstandene „Rasaratna“[4705], vor allem aber das Buch „Raganighantu“ des Arztes ~Narahari~ aus Kaschmir[4706], das nach ~Garbe~ um 1250 verfaßt ist, während ~Rây~ es (ohne genauere Angabe) für ein Werk „aus ziemlich später Zeit“ erklärt[4707], als welche freilich auch 1250 schon gelten kann. Unter den Metallen zählt ~Narahari~ die folgenden auf: Gold, 42 Namen führend, gelblich, gelbrot oder rot, fünferlei Legierungen mit Silber und ein Amalgam mit Quecksilber bildend[4708]; Silber, das mondähnliche Metall oder Metall des Mondes, mit 17 Namen[4709]; Kupfer, rot, das Metall der Sonne, giftig (mit 12 Namen)[4710], aus dem da entsteht das helltönende weiße und das goldähnliche, kurkumafarbige, gelbe und rote Messing (mit zusammen 26 Namen), das Fäden, Blätter, sowie heilsame Asche und Schlacke liefert (mit zusammen 20 Namen)[4711]; Zinn, in Bengalen, wohin es aus Birma kommt, Vanga, im Sanskrit Jaçada geheißen, zu Fäden und Blättern verarbeitbar, mit 10 Namen[4712]; Blei, bläulich, giftig, mit 16 Namen[4713]; Eisen, mit 9 Namen, ergebend den Stahl „Kinaga“ = Chinesischen (mit 15 Namen), den damascierten Stahl (mit 8 Namen), und das Magneteisen (mit 7 Namen)[4714]; Antimon, mit 7 Namen, das Metall des für die Augen wohltätigen „Surma“ [des Antimon- und Bleiglanzes][4715]; Quecksilber, pârada oder rasa, das Metall der Metalle, mit 33 Namen, darunter Çivabîga (= Samen ~Sivas~), Amrita (= Ambrosia), Khekara (= Sublimiertes), Himmlisches, Edelstes usf.[4716]. Quecksilber ist für sich, sei es flüssig oder getötet, gemeinsam mit anderen Substanzen, z. B. mit Magneteisen, vor allem aber zusammen mit Schwefel als „schwarzes Präparat“, ein Mittel von wahrhaft wundertätiger Fähigkeit, eine Vereinigung sämtlicher großer Kräfte, daher Jugend, Gesundheit, langes Leben und alles Heil verleihend[4717]; sein Erz ist der herrliche, aber sehr giftige Zinnober, der 15 Namen trägt[4718]. -- Von sonstigen Mineralien nennt ~Narahari~ u. a.: Schwefel, den weißen, gelben, roten und schwarzen, mit 15 Namen[4719]; Realgar und Auripigment, die goldfarbigen, heilsamen, mit 27 Namen[4720]; Schwefelkies, den gold- und silberfarbigen[4721]; Talk, den gold- und silberfarbigen, auch weißen oder schwarzen, von welchem letzteren es heißt: „Quecksilber und schwarzer Talk entstehen in ~Hara~ (~Siva~) und seiner Gattin ~Gauri~, wenn die Liebe sie vereinigt“[4722]; Mennige und gelben oder roten Oker, mit je 14 Namen[4723]; Eisenvitriol, den grünen und gelben, sowie Kupfervitriol (Tuttha), den blauen (nila), Erbrechen erregenden, mit zusammen 23 Namen[4724]; Alaun, den die Farben festigenden, und Alaunschiefer (?), mit 8 und 14 Namen[4725]. Ihnen schließen sich noch an: Bergkrystall, Sonnen- und Mond-Stein [Adular-Arten][4726], Lasur und Türkis (blauer und grünlicher)[4727], sowie die Edelsteine, „die dem, der sie trägt, die Planeten günstig machen“[4728]. Es gehören nämlich zu: Rubin (15 Namen) der Sonne[4729]; Perle (25 Namen) und der ähnliche Tabaschir aus Bambusrohr [die aus Kieselsäure bestehende Ausscheidung der Halmknoten] dem Monde[4730]; Smaragd (11 Namen) dem ~Merkur~[4731]; Diamant (14 Namen; die fehlerhaften heißen weibliche) der ~Venus~[4732]; Koralle (8 Namen) dem ~Mars~[4733]; Topas (8 Namen) dem ~Jupiter~[4734]; Sapphir (8 Namen) dem ~Saturn~[4735]; Hyazinth (6 Namen) und Katzenauge (6 und 10 Namen) dem ~Rahu~ und ~Ketu~, d. i. dem auf- und absteigenden Knoten der Mondbahn[4736].

Weitere, besonders die Metalle betreffende Angaben hat ~G. Oppert~ aus einer Anzahl indischer Werke beigebracht[4737]; da er indes ihr Alter, das er meist unerörtert läßt, in verschiedenen Fällen sichtlich weitaus überschätzt, zudem ihren gesamten Inhalt stets als aus der nämlichen Zeit herrührend behandelt und endlich chemisch-technische Sachkunde merklich vermissen läßt, so sind sie nur mit aller Vorsicht zu benützen. Einige jener Schriften sprechen von „7 in den Bergen entstehenden Metallen“, Gold, Silber, Kupfer, Zinn (oder Zink?), Quecksilber, Blei und Eisen, nebst den Gemischen Bronze (aus Kupfer und Zinn) und Messing (yasoda aus Kupfer und kupya, d. i. Galmei; oder pârada aus Kupfer und Quecksilber); andere von „8 Metallen göttlichen Ursprunges“, Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Quecksilber, Blei, wobei aber die letzteren zum Teil auch durch Messing, Bronze, Stahl, Magneteisen oder Zink vertreten werden, und die Namen von Blei, Zinn und Zink oft zusammenfallen (wie im Tamulischen bei „nâga“); noch andere von 9 Metallen, Gold, Silber, Messing, Blei, Kupfer, Zinn (oder Zink), Eisen (oder Stahl), Bronze und Magneteisen. Für ihre Namen gibt schon das Wörterbuch „Vaijayanti“, das aus dem 11. Jahrhundert herrühren soll, mannigfaltige Synonyma an: so z. B. ist Kupfer Tâmram und Tâmba (woher Tombak); Zinn Vanga, Vangam, Nâgam, Kastirâm; Blei Sîm [persisch: Silber], Trapu; Messing „das weiße, rote oder goldgelbe Metall“, aus dem, in Legierung mit Gold, Silber, Eisen, Zinn und Quecksilber (!) die Reliquienkästchen ~Buddhas~ und ähnliche kunstvolle Arbeiten bestehen; Bronze „das künstliche Metall“ oder „Glockenmetall“, das Glockenton besitzende; Pañcaloham, „Fünfmetall“, eine Legierung von Gold, Silber, Kupfer, Blei und Zinn (oder Zink), u. dgl. mehr.

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Auf Grund seiner eigenen Untersuchungen und verschiedener der im vorstehenden wiedergegebenen, freilich noch sehr unvollständigen Mitteilungen gelangt ~Rây~ zum Schlusse, eine wahre Alchemie sei auf indischem Boden durchaus selbständig und ohne jede fremde Vermittlung erwachsen[4738], und diese Ansicht hält er fest, wenngleich er an +einer+ Stelle aufrichtigerweise selbst zugesteht, daß in der so schwierigen Frage das letzte Wort noch zu sprechen und die endgültige Aufklärung abzuwarten bleibe[4739].

Völlige Eigenart zeigt nach ~Rây~ die indische Alchemie darin, daß sie keinen Zusammenhang zwischen den Planeten und den 7 Metallen annimmt, -- obwohl Kupfer und Silber nicht selten Sonnen- und Mond-Metall benannt werden --, und auch überhaupt nur 6 Metalle kennt[4740]; erst ~Sangadhara~, der um 1363 schrieb, soll von 7, oder einschließlich Bronze und Messing von 9 Metallen reden, die den 7 oder 9 Planeten entsprechen[4741], und sein Kommentator ~Adhamalla~ verbindet dann Kupfer und Sonne, Silber und Mond, Bronze und ~Mars~, Eisen und ~Saturn~, Gold und ~Jupiter~, Zinn und ~Venus~, Blei und ~Merkur~, Kâmsya (Glockenmetall) und ~Rahu~, Vartaloha (Messing) und ~Ketu~, während Quecksilber als „~Siva~“ oder „Samen des ~Siva~“ abseits stehen bleibt[4742]. Indessen ist daran zu erinnern, daß schon ~Nagarjuna~ 8 Metalle aufzählt, die daher, nach ~Râys~ Datierung dieses Autors, bereits im 2. Jahrhundert bekannt gewesen sein müssen[4743], und daß ~Narahari~ um 1250 Listen der Zugehörigkeit der Edelsteine zu den Planeten anführt, die er, wie alle seine sonstigen Angaben, aus weitaus älteren Quellen schöpfte.

Während sich, ~Rây~ zufolge, die Alchemie im nördlichen Indien bis etwa in das 6. oder 7. Jahrhundert hinein der eifrigsten Pflege erfreute, die die tibetanischen Übersetzungen des 6. bis 8. Jahrhunderts in ihren Berichten über Quecksilber-Panaceen und Metall-Verwandlungen widerspiegeln[4744], soll sie seit der Zurückdrängung des Buddhismus, die er erst in das 8. Jahrhundert versetzt, vernachlässigt und schließlich ganz vergessen worden sein; erst um 1350 sei sie aus Tibet, und zwar in ihrer alten, fast unverändert erhalten gebliebenen Gestalt, wieder nach Indien zurückgewandert, und daher hätten dort, zugleich mit dem damals neu (?) auftauchenden Opium, auch Quecksilber und Quecksilber-Präparate abermals weitgehenden Einfluß zu erlangen begonnen[4745]. -- Diese Behauptungen lassen sich nicht leicht mit den an anderer Stelle überlieferten vereinbaren, denen gemäß Alchemie und Tantra-Mystik [diese doch erst gegen 1100 beginnend!] vorzugsweise in dem jedem fremden Einfluß entrückten Zentral-Indien zur Entwicklung gekommen und von da aus wie nach Südindien so auch über Magadha nach Tibet gelangt wären[4746]. Auch ermangeln sie insoferne des Beweises, als die belangreiche Rolle, die eine mit dem Buddhismus enge verknüpfte Alchemie +vor+ dessen Zurückdrängung in Nordindien gespielt haben soll, durch die Tatsachen nicht bestätigt wird. Ganz besondere Wichtigkeit besitzen in dieser Hinsicht die Berichte der chinesischen Pilger ~Fa-hien~ (399-414)[4747], ~Hiuen-Thsang~ (verfaßt 629)[4748] und ~I-Tsing~ (671-695)[4749], die sich, um den Buddhismus an seiner Quelle kennen zu lernen, viele Jahre, ja jahrzehntelang in Nordindien aufhielten und über Glauben, Anschauungen und Sitten der Einwohner sehr ausführliche Beschreibungen hinterließen. Keiner von ihnen bringt auch nur mit einem Worte den Buddhismus mit der Alchemie in Verbindung, oder tut überhaupt der Metallverwandlung Erwähnung; ~Fa-hien~ spricht keineswegs, älteren Angaben gemäß, von den 7 Metallen und der Verehrung der 7 Planeten, sondern zählt die 7 kostbaren oder heiligen Substanzen (Saptaratna) auf, die man zur Ausstattung der Tempel und zur Anfertigung der ~Buddha~-Statuen gebraucht, nämlich Gold, Silber, Lasurstein, Bergkrystall, Rubin, Diamant (oder Smaragd) und Achat[4750]; ~Hiuen-Thsang~ gedenkt bei ähnlichem Anlasse nur des roten und gelben Kupfers (Messings)[4751] und außerdem vorübergehend des Zinns und des gelben Arsens (Auripigments)[4752]. Am ehesten wäre nähere Nachricht gelegentlich der ziemlich ausführlichen Beschreibung zu erwarten, die ~I-Tsing~ von der indischen Medizin gibt[4753], und zwar zum Teil auf Grund „der acht Bücher des durch ganz Indien verbreiteten Ayur-Veda“[4754], zum Teil buddhistischen Theorien folgend. Was die im 8. Buche des Ayur-Veda behandelte „Verlängerung des Lebens“ betrifft, so bestanden die vorgeschriebenen Tränke zur Zeit des ~I-Tsing~ fast ausschließlich aus Pflanzensäften[4755] und nicht, wie erst spätere Autoren überliefern, aus metallischen Präparaten[4756]; die eigentlich wirksamen Mittel zur Verlängerung des Lebens soll es nach ihm freilich nur in China geben, wo man über 400 Arten heilsamer Pflanzen und auch Steine besitze[4757], aber die von der indischen Medizin als „râsayâna“ bezeichneten streben immerhin ähnliche Ziele an[4758]. Nach buddhistischer Lehre, die bereits ~Buddha~ selbst verkündet haben soll[4759], hängen Gesundheit, Wachstum usf. von den vier „großen Elementen“ (Mâhabhûta) Feuer, Wasser, Luft und Erde ab, sowie von einem gewissen Gleichgewicht, in dem sie innerhalb der Säfte des Körpers stehen sollen, und dementsprechend hat man die zur Behebung von Störungen oder zur Erreichung bestimmter Zwecke erforderlichen Arzneien zu bemessen[4760]. Unter diesen erwähnt ~I-Tsing~ den Tah-Shih = roten Stein, d. i. den Zinnober, und warnt vor ihm, da das „Verschlucken“ gefährlich sei und schon so manchem das Leben gekostet habe[4761]. Im übrigen ist bei ~I-Tsing~, wie schon die sichtlich griechischen Einflüsse betreff der Elementen- und Humoral-Theorie erwarten lassen, von Zinnober, Quecksilber, oder anderen metallischen Präparaten nicht weiter die Rede[4762], auch findet sich zwar der Schwefel besprochen[4763], aber nicht mit Quecksilber in Verbindung gebracht, und Anspielungen auf Goldmachen und Alchemie fehlen völlig, -- denn der bei vielen Völkern bekannte Vergleich der Weltentwicklung aus dem Chaos mit der Entstehung des Vogels im Ei[4764] ist nicht als solche anzusehen.

Wie aus der oben angeführten Stelle des ~Albiruni~ hervorgeht, war in den von ihm bereisten Gegenden des nördlichen Indiens auch noch etwa 500 Jahre +nach+ der Zeit dieser chinesischen Buddha-Pilger von Alchemie nichts, oder so gut wie nichts bekannt, was ~Rây~ allerdings daraus erklären will, daß die große Kunst inzwischen in Indien ausgestorben sei, und ihr Leben nur mehr in Tibet weiter zu fristen vermochte. Daß es dort bereits im 6. bis 8. Jahrhundert Übersetzungen eigentlich alchemistischer indischer Schriften gegeben habe, ist aber bisher ebenso unbewiesen, wie das Vorhandensein der jedenfalls doch +noch+ älteren indischen Originale selbst; auch die medizinischen Schriften Tibets lassen einschlägige Spuren nicht erkennen, halten vielmehr nach ~Laufer~ den aus Indien überlieferten Stand, der so ziemlich dem von ~I-Tsing~ geschilderten entspricht, noch lange mit großer Beharrlichkeit fest[4765]. Betreff der Zeit vor und gegen 1350, zu der nach ~Rây~ die Alchemie wieder nach Indien zurückgebracht worden sein soll, fehlt es leider noch an ausreichenden Forschungen und besonders an Übersetzungen aus dem Tibetanischen, indessen hat ~Grünwedel~ neuerdings wenigstens +eines+ der ausführlichsten und kulturgeschichtlich wichtigsten Werke dieser Periode, die „Geschichte der 84 Zauberer“, ins Deutsche übertragen, und diesem lassen sich eine ganze Anzahl beachtenswerter Anhaltspunkte entnehmen. Den öfters erwähnten Trank des langen oder ewigen Lebens[4766], der auch „Amrita“ zubenannt wird [d. i. die gleichfalls Unsterblichkeit gewährende Ambrosia der Götter], bereitet u. a. ein Zauberer „mitten im dichten Walde“, woselbst er die erforderlichen Zutaten sammelt, unter denen hier also offenbar vegetabilische verstanden sind[4767]. An späterer Stelle[4768] sucht jedoch der „begüterte Brahmane ~Vyali~“ die Amrita aus Quecksilber und aus dem Pulver vieler, nach der Vorschrift eines Rezeptbuches zusammengekaufter Drogen darzustellen, was ihm trotz dreizehnjähriger Arbeit, die sein Vermögen aufzehrt und ihn zum Bettler macht, nicht glückt, da ihm +ein+ Bestandteil fehlt, die „rote Myrobalane“; erst nach langer Zeit wird diese zufälligerweise durch einen Tropfen Blut ersetzt, der dem Finger einer badenden Hetäre entquillt, und nun gelingt der Trank so vortrefflich, daß er nicht nur der Hetäre und dem Brahmanen Unsterblichkeit verleiht, sondern sogar dessen Pferde, das ihn gekostet hat. Da es aber von dem Brahmanen schließlich heißt, „er sei besessen gewesen vom Sündenleben, das am Gold hängt“, so handelt es sich in dieser Erzählung anscheinend um ein wahres, sowohl Gesundheit und langes Leben spendendes, als auch die Metalle verwandelndes Elixir; ein solches muß auch ein anderer Zauberer besitzen, der sich entschließt, die Umwandlung eines Berges, der bereits erst zu Eisen und dann zu Kupfer geworden ist, lieber nicht bis zum Endzustande des Goldes fortzusetzen, weil er hiervon schreckliche Folgen für das Wohl der Allgemeinheit befürchtet[4769]. Wieder in einer anderen Erzählung ist sogar ausdrücklich vom „Steine der Weisen“ die Rede[4770], und in noch anderen wird der Gewinnung der Goldtinktur und der Amrita mit Hilfe von Urin und Kot gedacht[4771], sowie der Tatsache, daß die nämlichen Mittel bald Gifte und bald Bestandteile der Medizinen sein können, so daß nur der Kundige Entscheidung zu treffen weiß[4772].

Nun ist aber die „Geschichte der 84 Zauberer“ kein tibetanisches Originalwerk, sondern die Übersetzung einer indischen Schrift, deren Verfasser und Alter zwar bisher nicht ermittelt ist[4773], die jedoch sichtlich nur eine Zusammenfassung mannigfaltiger, viel älterer Überlieferungen darstellt und die Tantra-Zeit als auf voller Höhe stehend und auf eine lange Entwicklung zurückblickend, durchaus voraussetzt[4774], also dem 12. oder 13. Jahrhundert angehören dürfte. In dieser Periode war demnach, entgegen ~Rây~, in Indien, auch in Nordindien, die Alchemie keineswegs gänzlich vergessen; was von ihr berichtet wird, trägt aber nicht indische Züge, sondern ausgeprägt griechische.

Soweit daher zur Zeit ein Urteil über die Entwicklung der Alchemie in Indien überhaupt möglich und zulässig ist, dürfte folgender Sachverhalt der wahrscheinlichste sein: Eine „Râsâyana“ genannte „Lehre von den Säften“ (râsa), zuweilen die Säfte des menschlichen Körpers betreffend, hauptsächlich aber die der Pflanzen (einschließlich der Lösungen vegetabilischer Mittel und Drogen), ist in Indien nicht minder alt wie in vielen anderen Ländern, befaßt sich aber ursprünglich nur mit der Erlangung von Gesundheit und langem Leben und hat nichts mit Metallverwandlung und Alchemie zu tun; neben verschiedenen, natürlich vorkommenden mineralischen Substanzen sind auch Zinnober und Quecksilber in Indien frühzeitig bekannt und werden (zunächst ohne Ahnung ihrer nahen Verwandtschaft) gleich den übrigen äußerlich, vielleicht auch innerlich, als Heilmittel angewandt[4775]; wann, woraufhin, und wie dies zuerst geschah, bleibt vorerst ungewiß. Das ~Bower~-Manuskript (4. Jahrhundert) erwähnt an einer Stelle zwar den Wundertrank, der tausendjährige Lebensdauer verheißt, und an einer anderen das Quecksilber, weiß aber von keiner Verbindung beider; unter den chinesischen Buddha-Pilgern führt nur ~I-Tsing~ den Zinnober an und warnt vor seinem Gebrauche[4776]; die Ärzte der „großen Dreiheit“ sprechen von Quecksilber nicht oder nur vorübergehend, „râsa“ gilt ihnen = Saft, und das nämliche ist noch einige Jahrhunderte später bei den Gewährsmännern des ~Albiruni~ der Fall, die nur von pflanzlichen Substanzen und Drogen als Bestandteilen des Unsterblichkeits-Trankes berichten. Da auch die sonstigen, von ~Rây~ ohne ausreichende Unterlagen in das 6.-8. Jahrhundert versetzten Texte[4777] sowie ihre angeblich wenig jüngeren tibetanischen Übersetzungen nicht in Betracht kommen können, so fehlt bisher jeder genügende Beweis für die Behauptung, die Inder hätten sich bereits zu so früher Zeit mit Alchemie beschäftigt und unter Anwendung von Quecksilber oder Quecksilber-Präparaten eigentliche Metall-verwandelnde und Leben-verlängernde Elixire bereitet[4778].

Die Annahme, die ersten Nachrichten über Alchemie seien schon gegen Ende des 2. oder zu Anfang des 3. Jahrhunderts aus Ägypten nach Indien gedrungen, erscheint zwar angesichts der damaligen regen Handelsbeziehungen beider Länder nicht an sich unmöglich, aber allen näheren Umständen nach wenig glaubhaft und jedenfalls durch keinerlei Tatsache belegbar. Wahrscheinlicher klingt die Vermutung, anfängliche Verkündiger seien die Nestorianer gewesen, die, im 5. Jahrhundert als Ketzer aus dem oströmischen Reiche ausgetrieben, u. a. in Persien festen Fuß gefaßt hatten und insbesondere die maßgebende Rolle an der medizinischen Schule zu Gondisapûr im Tigris-Delta spielten; diese Schule, eines der wichtigsten Bindeglieder für die Übermittlung antiker Bildung und Wissenschaft an den Orient, stand aber um jene Zeit seit langem in enger Verbindung mit Indien, wo überdies die Nestorianer bereits so verbreitet waren, daß z. B. der Reisende ~Kosmas Indikopleustes~ um 530 selbst in Malabar ganze Gemeinden antraf[4779]. Immerhin liegen aber bestimmte Zeugnisse auch in dieser Richtung nicht vor[4780], und es spricht daher vieles für die Voraussetzung, daß maßgebend für die Verbreitung der Alchemie, wie in zahlreichen anderen Ländern so auch hier, erst die Araber waren[4781], die mit Indien schon seit dem 7.-8. Jahrhundert in sehr lebhaftem Verkehr zu Wasser und seit dem 8.-9. auch zu Land standen, während ihre großen planmäßigen Eroberungszüge erst gegen Ende des 10. begannen[4782].