Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 54

Chapter 542,913 wordsPublic domain

Im Laufe der Periode zwischen etwa 1000 und 500 v. Chr., jener der „Upanischaden“ (= „Verehrungen“, d. s. im wesentlichen Erläuterungen und Erklärungen der vedischen Texte)[4576], werden anfänglich die 5 Planeten selbst des näheren bekannt, während betreff ihrer Bewegungen noch große Unsicherheit herrscht; weiterhin machen sich, soweit die noch höchst unzureichenden Untersuchungen ersehen lassen, astrologische Vorstellungen über ihre Einflüsse geltend und zwar ganz in Form der auch in Griechenland bekannten spätbabylonischen (chaldäischen)[4577]; schließlich finden sich die Unregelmäßigkeiten der Bahnen gewissen „Formen der Zeit“ genannten, geistigen Wesen zugeschrieben, die die Planeten an Seilen aus Luft hinter sich herziehen[4578]. Als Zahl der Planeten geben diese spätesten Texte 9 an, indem sie den 7 bekannten (u. a. ~Çukra~ = ~Venus~, ’~Cani~ = ~Saturn~) noch ~Rahu~ und ~Ketu~ beifügen, „Kopf und Schwanz des Drachen“, d. s. die (wohl wegen ihrer Rolle bei den Verfinsterungen) materiell gedachten sog. auf- und absteigenden Knoten der Mondbahn[4579]. Von Metallen werden u. a. das rote (rohita) Kupfer und das schwarze (trishna) Eisen genannt, auch zusammen mit dem weißen (çukla) Ton in Gleichnissen aufgeführt[4580]; aber nur vom Golde heißt es, daß sich im Innern der Sonne ein goldener Mann befinde[4581], und daß Gold den Keim des Welteneies bilde, dem sich späterhin auch zwei Schalen aus Gold und Silber zugeschrieben finden[4582]. Sonne und Mond bestehen im übrigen aus Feuer, Wasser und Erde[4583], also aus dreien der fünf Elemente, die man gegen Ende dieser Periode schon ganz allgemein annimmt, und zwar in der Reihenfolge Äther, Wind (Luft), Feuer, Wasser, Erde[4584]. Ein Zusammenhang zwischen der indischen, sehr ausführlichen Elementenlehre[4585] und der griechischen erscheint, entgegen ehemaligen Voraussetzungen, weder nachweisbar noch wahrscheinlich, um so mehr als die griechische Theorie vermutlich bedeutend weiter zurückreicht und auch eine andere Reihenfolge der Elemente einhält, nämlich Äther, Feuer, Luft, Wasser, Erde[4586]; die Frage, ob vielleicht beide Lehren von dritter Seite aus beeinflußt wurden, etwa von persischer[4587], läßt sich derzeit nicht entscheiden. Als ursprüngliches und grundlegendes Element wird der in den Upanischaden oft erwähnte Äther (âkâça) angesehen[4588], zugleich aber auch in vieler Hinsicht mit dem endlosen Raume identifiziert, der „allgegenwärtig“ und „von der feinsten Substanz des Äthers erfüllt ist“[4589]: „Aus dem Âkâça (Äther, Raum) entspringt der Wind, aus ihm das Feuer, aus ihm das Wasser, aus ihm die Erde“[4590]. Dies ist die „fünffache Wesensschar“[4591], die Schar der fünf „grobstofflichen Elemente“ (Mahabhûta), so genannt, weil ihnen oft auch fünf „feinstoffliche“ (Tanmâtra) als Grundsubstanzen von Schall, Gefühl, Farbe, Geruch und Geschmack gegenübergestellt werden[4592] [also eine Art Imponderabilien]; solche genaue Unterscheidungen sind keineswegs gleichgültig, denn nicht minder wie die Gestalt ist auch der Name jeglichen Dinges ein eigentliches und bedeutsames Stück seines Wesens, dessen Realität sich schon in der erfolgreichen Verwendung zu Zwecken der Zauberei sichtlich und ganz offenbar zu erkennen gibt[4593].

Die Theorien der jüngsten, nachvedischen Periode (etwa von 500 v. Chr. bis 1500 n. Chr.)[4594] verbreiten sich ausführlich über die gegenseitigen Umwandlungen der Elemente, vom Äther bis zur Erde bei Bildung und Entstehung, von der Erde bis zum Äther bei Vernichtung und Auflösung der Welt[4595], sowie über das Hervorgehen der Einzeldinge und Lebewesen aus den Elementen[4596]. Aber auch andere, von den vedischen unabhängige Schulen, die in ihren Anfängen zum Teil bis in die vorhergehende Periode zurückreichen mögen und sich später gleichzeitig und nebeneinander weiterentwickeln, halten an der Lehre von den Elementen fest[4597]. Die „rationelle“ Sâmkhya-Philosophie (Sâmkhya = Zahl), als deren angeblicher Begründer der völlig mythische ~Kapila~ gilt[4598], und die nach ~Oldenberg~, entgegen ~Deussen~[4599], schon vorbuddhistischen Ursprunges ist[4600], setzt seit jeher die 5 Elemente Äther (âkâça), Feuer, Luft, Wasser und Erde voraus[4601]. Den zahlreichen Kommentaren gemäß, deren letzte erst dem 16. Jahrhundert angehören[4602], nimmt sie eine Urmaterie an, die zwar einheitlich und unteilbar ist, zugleich aber „so wie der einheitliche Wald aus Bäumen“ aus drei Komponenten besteht und sich so lange nicht verändert, als alle drei in ursprünglichem Gleichgewichte verharren; sobald dieses aber „durch magnetartige, Erschütterung bewirkende Triebe“ gestört wird, bilden sich in erster Linie die fünf „groben“ Elemente und sodann, indem diese sich nach verschiedenen Mengen und Arten mischen, die sämtlichen Einzelstoffe der Welt[4603], ungefähr ebenso, wie aus dem gelben Farbstoffe der „gelben Wurzel“ [Kurkuma] durch Einwirkung von Kalk ein neuer roter hervorgeht[4604]. -- Bei den Buddhisten und schon bei ~Buddha~ selbst, der um 480 v. Chr. starb, ist von den 4 Elementen die Rede[4605], zuweilen auch von 5, wobei der Äther, oder von 6, wobei das Bewußtsein mit eingeschlossen ist[4606], niemals aber, wie man wohl behauptet hat, von 7, die angeblich in Zusammenhang mit den 7 Planeten und Metallen stehen sollten; die Siebenzahl als solche ist jedoch ~Buddha~ nicht unbekannt, wie z. B. die Gleichnisrede von den 7 Arten der Frauen bezeugt[4607]. -- Auch in den Systemen der Jainas[4608], des ~Gotama~ [4609] und vieler anderer[4610], spielen die Elemente eine wichtige Rolle, und zur einfachen Theorie der Elemente gesellt sich die der Atome und Atom-Aggregate, die der Sâmkhya-Philosophie noch fehlt[4611], den jüngeren Buddhisten und Jainas bereits geläufig ist[4612], ihre ausführliche Entwicklung aber erst im „Vaiçeshikam-System“ fand, dessen Urheber der im übrigen gänzlich unbekannte ~Kanada~ sein soll[4613]. Der eingehenden Darstellung zufolge, die ~Anambhatta~ zwar erst im 17. Jahrhundert, jedoch auf Grund der besten und ältesten Quellen gab[4614], treten nach ~Kanada~ zwar nicht der alldurchdringende Äther, der durchaus einheitlich, unendlich, ewig und sinnlich unwahrnehmbar ist, wohl aber Luft, Feuer, Wasser, Erde (einzeln oder zueinander gesellt), in Form veränderlicher und vergänglicher Aggregate auf, -- so z. B. ist das Gold nach einigen reines, nach anderen mit Erde vermischtes, festgewordenes Feuer[4615] --, in letzter Linie bestehen sie aber aus ewigen und unvergänglichen Atomen (paramânu). Abweichend von jenen der griechischen Philosophie sind diese sämtlich kugelförmig, gleich groß, nämlich sechsmal kleiner als das kleinste wahrnehmbare Sonnenstäubchen, mit bestimmten Qualitäten behaftet, sowie mit der Fähigkeit ausgestattet, sich zu je zweien aneinander zu lagern und hierdurch kleine Aggregate zu bilden, die sich dann weiter zu größeren und ganz großen vereinigen können[4616]. Diese Lehre von den doppelten, dreifachen, vierfachen Atomen usf. ist schon bei ~Kanada~ eine keineswegs leicht verständliche[4617], wird aber in späterer Zeit und durch die jüngeren Schulen auf äußerst verwickelte Voraussetzungen hin noch weiter ausgebaut; sie schwankt dann oft in gänzlich unklarer Weise zwischen eigentlich atomistischen und mehr korpuskularen Anschauungen hin und her[4618].

Wie zahlreichen Völkern der alten und neuen Welt, so schwebte auch den Indern als höchstes Gut ein langes Leben in Gesundheit und Wohlstand vor, und demgemäß fehlte es auch bei ihnen niemals an Leuten, die da versicherten, den rechten Weg zu diesem schönen Ziele weisen zu können und, -- sei es vermöge Frömmigkeit oder Zauberei --, in Besitz der zu seiner Erreichung erforderlichen Mittel gelangt zu sein. Daß als solche eigentlich alchemistische und auch nach bekannten alchemistischen Methoden dargestellte Elixire in Frage kämen, und daß diese schon in den frühesten medizinischen Werken Indiens abgehandelt würden, hat sich indessen als eine vollkommen unhaltbare Behauptung erwiesen, deren Aufstellung nur infolge des Dunkels erklärlich scheint, das noch bis vor kurzem über den Anfängen der indischen Medizin und den Abfassungszeiten ihrer „klassischen“ Schriften lag, gegenwärtig aber, wenn nicht gänzlich behoben, so doch in ausreichender Weise aufgehellt ist[4619].

Als ältestes Dokument indischer Medizin, das uns in zweifellos unverändertem Zustande vorliegt, hat man das sog. ~Bower~-Manuskript anzusehen, das eine Sammlung um etwa 350-375 n. Chr. auf Birkenbast geschriebener Texte enthält und in Chinesisch-Turkestan im Inneren eines buddhistischen Denkmals (sog. Stupa) aufgefunden wurde[4620]; es erwähnt u. a. als Heilmittel natürliche Soda und Pflanzenasche, Kupfer- und Eisen-Vitriol, Blei- und Antimonglanz, Realgar, Kupferrost, ferner Gold, Silber, Kupfer, Eisen[4621] und an einer Stelle auch das in den alten Schriften sehr selten vorkommende Quecksilber[4622], kennt dagegen kein Calcinieren der Metalle[4623], versteht auch unter „Râsa“ (= Saft) nicht ein Elixir, sondern den Chylus des menschlichen Körpers[4624], und führt zwar einen wunderwirkenden Trank an, der „tausendjährige Lebensdauer“ verleiht[4625], bringt ihn aber mit keinerlei alchemistischer Vorstellung in Verbindung. -- Was die „große Dreiheit“ der Ärzte, ~Susruta~, ~Caraka~ (~Charaka~) und ~Vaghbata~ betrifft, so dürfte ~Susruta~ der älteste (schon vorchristliche?), und sein Werk eine Hauptvorlage für ~Caraka~ und ~Vaghbata~ gewesen sein[4626]; die Form aber, in der wir es gegenwärtig besitzen, ist das Ergebnis sehr zahlreicher, noch während des 7. bis 11. Jahrhunderts oft erneuerter, tiefgreifender Umarbeitungen und läßt bestimmte Schlüsse auf seine Urgestalt nur in recht beschränktem Maße zu[4627]. ~Caraka~ scheint seine (nicht ganz vollendete) Schrift auf Grund älterer Quellen im 2. Jahrhundert n. Chr. abgefaßt zu haben, doch kennen wir sie nur in gänzlich abgeänderter, erst aus dem 8. Jahrhundert herrührender Gestalt[4628]; ~Vaghbatas~ Kompendium endlich mag zuerst frühestens im 6. oder 7. Jahrhundert abgeschlossen worden sein[4629]. Die Heilmittel aller drei Autoren sind in ihrer großen Mehrzahl vegetabilischer Herkunft[4630], doch bereitet ~Susruta~ u. a. auch reine natürliche Soda und Pflanzenasche durch wiederholte Auslaugung, macht die Lösung mit gebranntem Kalk ätzend und kocht sie in eisernen Kesseln ein[4631]; ferner verwendet er „getötete“ und geröstete Metalle[4632], führt aber als solche nur an einer Stelle Zinn, Blei, Kupfer, Silber, Gold, Eisen (loha)[4633] und in sehr unbestimmter Weise auch Quecksilber an[4634]. ~Caraka~ erwähnt neben Gold auch Silber, Kupfer, Blei, Zinn und Eisen, nebst ihren „Unreinigkeiten“ (Kalken?); ferner Kupfer- und Eisen-Rost, mit Schwefel geröstetes Silber, Kupfer und Eisen; sodann natürlichen Kupfer- und Eisen-Vitriol, Pyrit, Antimonglanz, Schwefel, Auripigment und Realgar, Salz; endlich natürliche Soda, Pflanzenasche (auch durch Ausziehen mit Wasser gereinigte), Kalk, Lasur und allerlei Edelsteine[4635]. Bei ~Vaghbata~ wird außerdem Quecksilber genannt, z. B. als Bestandteil einer auch noch Blei, Schwefelblei und Kampher enthaltenden Augensalbe[4636]. Weder bei diesen der „großen Dreiheit“ Zugehörigen, noch bei ~Vaghbatas~ angeblichem Zeitgenossen ~Varamihira~, -- der u. a. von Glockenmetall, Bronze, Eisen als Tonikum, sowie Quecksilber als Aphrodisiakum spricht[4637] --, noch bei sonstigen Ärzten des 6. (?) Jahrhunderts, die auf „festes“ (fixiertes?) Quecksilber anspielen sollen[4638], werden jedoch die wunderbaren Wirkungen der Edel-Metalle und -Steine, des Quecksilbers usf., mit alchemistischen Vorstellungen in Verbindung gebracht. Da nun z. B. selbst bei ~Susruta~ „rasa“ noch = „Saft“ ist, und nicht = Quecksilber[4639], so bleibt es unberechtigt und irreführend, den Namen der Wissenschaft von den Säften, „Rasâyana“, mit „Alchemie“ zu übersetzen und daraufhin wieder die bei ~Susruta~, ~Caraka~ und anderen vorkommenden Wundertränke, die Gesundheit, Heilung, langes Leben usw. bewirken sollen, ohne weiteres als Elixire, Panaceen und Essenzen im bekannten alchemistischen Sinne zu bezeichnen. Ein Lehrer dieser Rasâyana war u. a. schon in vorchristlicher Zeit, nach den einen im 2., nach den anderen im 4. Jahrhundert, ~Patañjali~[4640], dessen Werk zwar noch erhalten ist, aber nur in einer aus unbestimmbar später Periode stammenden Überarbeitung[4641]; von ihr spricht auch ~Albiruni~, der, nach mehrjährigem Aufenthalte in Nordindien gelegentlich der Eroberungszüge des Sultans ~Mahmud~ von ~Ghazna~, im Jahre 1031 sein so außerordentlich wichtiges Werk über Indien verfaßte. Wie er in diesem berichtet[4642], beschäftigten sich [wenigstens in den von ihm besuchten Gegenden] die Inder noch zu seiner Zeit nicht, oder doch so wenig mit Alchemie, daß er Näheres hierüber und namentlich betreff der etwa benützten mineralischen Substanzen nicht in Erfahrung bringen konnte; dagegen besitzen sie eine sehr alte, ganz besondere, ihnen eigentümliche Wissenschaft „Rasâyana“[4643], die bestimmte Methoden zur Darstellung merkwürdiger, aus allerlei Drogen und pflanzlichen Substanzen zusammengesetzter Arzneien und Tränke lehrt, die dem sie Genießenden Gesundheit, Jugend und langes Leben gewährleisten[4644].

~Albiruni~ zufolge lebte im 9. Jahrhundert der gelehrte ~Nagarjuna~, der die Darstellung des [anfangs] schwarzen Schwefel-Quecksilbers entdeckt haben soll[4645], die indessen andere auch dem ~Vrinda~ (um 950) oder dem ~Chakrapani~ (um 1050) zuschreiben[4646]. ~Rây~ versetzt jedoch den ~Nagarjuna~ in die Mitte des 2. Jahrhunderts und preist ihn als großen Philosophen und als „wichtigste Gestalt der indischen Alchemie“, sowie als Erfinder der Sublimation und Destillation[4647]; sein hoher Ruhm mache es begreiflich, daß seine Biographie schon bald nach 400 ins Chinesische übersetzt wurde, daß der chinesische Pilger ~Hiuen-Thsang~ (629-645 in Indien) ihn als „Sonne der Welt“ rühmt[4648], und daß auch einheimische Schriften des 7. (?) Jahrhunderts ihn als einen Zauberer, Magier, Astrologen und Alchemisten kennen und von ihm zu erzählen wissen, daß er die große Kunst „von einem alten Heiligen auf einer Insel des indischen Ozeans erlernte“[4649]. Den Bruchstücken seines Werkes „Rasaratnâkara“ ist zu entnehmen, daß der „Meister der Kunst“ seine alchemistischen Kenntnisse in Traumvisionen[4650] empfing und zum Teil in Dialogform niederlegte, daß er u. a. durch Destillation des Zinnobers (darada) dessen Wesen oder Essenz, das Quecksilber, darzustellen, es mittels Salz und Salmiak zu fixieren und mit den „acht Metallen“ zu amalgamieren lehrte[4651], daß er durch 1 Teil seines „Projektions-Pulvers“ 10 Millionen Teile gemeiner Metalle in Gold verwandelte[4652], Gold ferner noch durch Rösten von Silber mit Schwefel oder Zinnober, sowie von Kupfer mit Galmei (rasaka) gewann[4653], und aus diesem letzteren auch metallisches Zink abzuscheiden wußte[4654]. Alle diese fast ausnahmslos wohlbekannten und keinerlei indisches Gepräge tragenden Züge und Kenntnisse sprechen entschieden gegen die Entstehung des Werkes im 2. oder überhaupt in einem frühmittelalterlichen Jahrhunderte[4655], und der offenbare Irrtum ~Râys~ rührt nach ~Sêal~ daher, daß er ohne zureichende Gründe den obigen ~Nagarjuna~ mit dem gleichnamigen (buddhistischen) Begründer der Mâdhyamika-Philosophie identifiziert[4656], dem Bearbeiter des ~Susruta~ und Herausgeber von Schriften über Metallgewinnung und Alchemie, der aber einer um sieben oder mehr Jahrhunderte späteren Periode angehört, wie dies schon seine Vertrautheit mit dem Quecksilber und den Quecksilber-Präparaten beweist[4657].

Obwohl nämlich das Quecksilber den Indern schon frühzeitig bekannt war, so wird es doch, wie bereits erwähnt, in den wirklich alten Schriften nur sehr selten genannt, und wenn man von solchen zweifelhafter Echtheit absieht, so finden sich genauere Angaben über das Metall selbst, und vollends über seine Derivate, erst in jenen, die dem Zeitalter der arabischen Eroberungszüge angehören, also dem Ende des ersten Jahrtausends. Der Lexikograph ~Amarasinha~ z. B. (um 1000) kennt das Quecksilber (pârada, chapala, suta) schon unter dem Namen rasa = Saft, Flüssigkeit, aber auch Schweiß[4658]; ~Govinda~ (etwa im 11. Jahrhundert)[4659] weiß es durch Destillation von beigemengtem Blei oder Zinn zu befreien und durch Schwefelarsen oder andere Sulfide in einen Stoff „rot wie Lack der Cochenille“ [also Zinnober] überzuführen[4660]; auch im Wörterbuche „Vaijayanti“ (11. Jahrhundert?) ist von verschiedenen Quecksilber-Amalgamen die Rede[4661]. In den Werken aus der etwa um 1100 einsetzenden „Zeit der Tantras“ (= Traktate, Abhandlungen) beginnt das Quecksilber eine maßgebende Rolle zu spielen: in der sehr wichtigen „Rasârnara“ (= Quecksilber-See) z. B. heißt es pârada oder rasa (= Schweiß, weshalb es den Körper, aus dem es kommt, auch wieder schützt)[4662]; es wird durch siebenmalige Destillation von dem zwecks Verfälschung zugesetzten Blei und Zinn befreit[4663], mit Alaun, Salz und grünem Vitriol „getötet“ und in Sublimat oder Calomel übergeführt[4664], und durch zahlreiche (18 und mehr) besondere Verfahren der Alchemie (Vasasiddha) fixiert und in verschiedene Präparate verwandelt, z. B. in Zinnober[4665]. Mit Schwefel werden jedoch, so wie Quecksilber, auch die übrigen Metalle geröstet, d. s. Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei[4666], sowie jene „aktive Grundmaterie“ oder „Essenz“, die aus dem nämlichen Rasaka [Galmei], das mit Kupfer Gold [goldgelbes Messing] gibt[4667], beim Erhitzen mit pflanzlichen [Kohle liefernden] Zutaten, mit Pflanzenasche, oder mit Borax [Alkali] hervorgeht und wie Zinn aussieht [metallisches Zink][4668]. Aber allein das Quecksilber verleiht Gesundheit und Unsterblichkeit; es besteht aus allen fünf Elementen, stellt eine Verkörperung des Gottes ~Siva~ dar, und ist 1188 dem Lexikographen ~Mahesvara~ bereits unter dem Namen „Haravija“ (= Samen des ~Hara~ = ~Siva~) bekannt[4669].

~Rây~ ist der Ansicht, schon um 400 n. Chr. habe die Verschmelzung des alten ~Siva~-Kultes mit der nördlichen Form des Buddhismus begonnen[4670] und Anlaß zur Entwicklung der buddhistischen „Tantras“ gegeben, die sich unter Miteinfluß entstellter Lehren anderer Systeme (besonders des Yoga-Systems) vielfach mit Zauberei, Magie, Wunderwirkungen, Unsterblichkeitstränken und Alchemie beschäftigen[4671]. Daß sie bereits im 5. und 6. Jahrhundert vorhanden waren[4672], sollen tibetanische Übersetzungen aus dem 6.-8. Jahrhundert bezeugen, die vom Quecksilber sprechen, „das den Körper stärkt, alle Krankheiten austreibt, ... und die gemeinen Metalle in Gold überführt“[4673] und die auch erwähnen, daß die betreffenden Tantras eigenhändige Werke des ~Siva~ seien, dessen Samen, pârada = Quecksilber, sechsmal „getötet“ und mit Schwefel geröstet usf., ein Präparat liefere, das Kupfer in Gold verwandelt[4674]. Aus den Anschauungen dieser Tantras, so meint ~Rây~, seien dann im Laufe des 12. Jahrhunderts die des obengenannten „Rasârnara“ hervorgegangen[4675] und im Laufe des 13. jene, die weiteren wichtigen Schriften zugrunde liegen, z. B. dem „Rasaratna“ (um 1300)[4676], sowie dem sog. „Quecksilber-System“[4677]. In der Darstellung des ~Madhara~ (um 1350) über die sechzehn großen philosophischen Systeme der Inder nimmt „Raseçvara“, das Quecksilber-System, die neunte Stelle ein[4678]; gestützt auf die irrtümliche Etymologie pârada = pâra-da = „das jenseitige Ufer verheißend“, verspricht es „Rettung aus dem Strom der Seelenwanderung an das andere Ufer“, „Erlösung schon bei Lebzeiten“, „Gewinnung und Erhaltung eines göttlichen Leibes“ u. dgl. mehr, und empfiehlt zu diesem Zwecke das Einnehmen eines von den mächtigsten Zauberern empfohlenen Wundertrankes, der aus Quecksilber besteht, oder aus Quecksilber und „Talk“ (entstanden aus dem Gotte ~Hara~ = ~Siva~ und der Göttin ~Gauri~, seiner Gemahlin). Das Quecksilber ist flüssig, kann aber sowohl luftförmig werden, als auch (durch „Töten“ und „Ersterben“) fest [fixiert], wobei es dann in verschiedenen Farben schillert und, obwohl selbst „tot“, dennoch belebend und die Krankheiten austreibend wirkt. Voraussetzung hierfür ist aber die genaueste und sorgfältigste Zubereitung durch achtzehnerlei „Werke“, nämlich Schwitzen [Destillieren?], Zerreiben, Starrmachen, Fixieren, Absetzenlassen, Einzwängen [?], Pressen, Glühen, Dämpfen, Abmessen, Pulvern, Bedecken, Schmelzen (inneres und äußeres), Ätzen, Fließenlassen (in Farben), Vermengen, Durchmischen, Einnehmen; nur bei peinlicher Einhaltung aller dieser Vorschriften bewährt sich das Quecksilber „als das Wesen, das Blut und Leib durchdringt“ und von dem es heißt:

„Es ist der Säfte Fürst, denn es verleiht Dem Leib Nichtaltern und Unsterblichkeit.“[4679]