Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 53
Die +Alchemie+ geht aus von den vier Elementen und vier Säften, denn aus Wärme, Kälte, Feuchte und Trockenheit schuf Allah zunächst Feuer, Luft, Wasser und Erde, die heiß und trocken, heiß und feucht, kalt und feucht, kalt und trocken sind[4483], und aus denen alle übrigen Dinge bestehen. Die Kunst, Silber und Gold zu machen, ist die Chemie oder „natürliche Magie“[4484]; sie steht in enger Verbindung mit der Astrologie[4485] und ist niedergelegt in den Büchern, die da handeln von den Eigenschaften der Mineralien, Steine und Kräuter, von Zaubereien und Talismanen, Giften und Gegengiften, vom Schneiden und Fassen der Edelsteine, usf.[4486]. Wer sie beherrscht, kann nach dem rechten Rezepte für 10000 Dinare Gold herstellen, ja selbst auf einmal 1000 Drachmen [7½ Pfunde] Silber oder 10 Pfunde Kupfer ohne weiteres in feines Gold verwandeln, wozu er nicht mehr als eine halbe oder ganze Drachme des „gelben Kohols“ [= goldgelben Streupulvers] gebrauchen wird, das auch Scheidepulver oder Elixir heißt[4487]. Man erzählt hierüber, daß auf einer Zauberinsel goldgelbe, nachts leuchtende Blüten wachsen, die bei Sonnenaufgang abfallen, vom Winde unter die Felsen geweht werden und dort zu Elixir eintrocknen, das die Menschen sammeln und zur Kunst des Goldmachens gebrauchen[4488]; diese ist jedoch des Betruges und Schwindels wegen verboten, und die sie betreiben, werden mit dem Tode bestraft[4489]. Manche erklären übrigens, es gebe in Wahrheit nur ein einziges +wirkliches+ Elixir, nämlich +jenes+ flüssige Gold der Weisen, das man in Bechern abmessen könne, den Wein[4490]. Hingegen versichern andere[4491], die eigentlichen alchemistischen Regeln, diese „Wunder der Kunst“, fänden sich samt den Annalen der alten ägyptischen Priester auf Syenittafeln verzeichnet, die nebst Götzenbildern und Figuren, Inschriften, Geräten, Waffen, Schätzen, Vasen voll Edelsteinen, Gefäßen aus Krystall und aus „biegsamem“ [unzerbrechlichem] Glase, Heiltränken usf., im Innern der Pyramiden verborgen seien; der Khalif ~Almamun~ versuchte deshalb (um 810) die größte Pyramide zu öffnen, jedoch ohne Erfolg[4492].
Aus +Kupfer+ bestehen rote, prächtig polierte Palasttüren, Türbeschläge und Türringe[4493], große Schalen und Kochgeschirre[4494], Lampen[4495], Waffen[4496], Zaubergeräte[4497] und Statuen[4498]; aus +Messing+, „gelbem Kupfer“, „goldgleichem Kupfer“, „andalusischem gelbem Kupfer im Werte des Goldes“[4499], Statuen und Löwen[4500], Türen und Türringe[4501], Beschläge von Türen und Fußböden[4502], Gitterfenster und Bänke[4503], Kessel, Schüsseln und Gefäße[4504], Ketten, Ringe, Klappern und Schellen[4505], Stifte, um in Sand, und Federn, um mit Tinte (auch mit azurblauer) zu schreiben[4506], die gurken- und kürbisförmigen Flaschen, in die König ~Salomon~ die bösen Geister verschloß und einsiegelte[4507], sowie die gewaltige sagenhafte „Messing-Stadt“[4508]; aus +Bronze+ Dächer von Pagoden[4509], Gefäße und Krüge[4510], Zauberruten (die man auch aus je einem Vierteil Kupfer, Bronze, Eisen und Stahl zusammensetzt)[4511] und der aus bronzeartigem Mischmetall gegossene Zauberspiegel König ~Salomons~, der dem Hineinblickenden alles zeigt, was sich in den 7 Klimaten der Welt begibt[4512].
+Blei+, dessen Scheiben so groß wie Brotlaibe sind[4513], dient zum Vergießen der Fundamente mächtiger Gebäude, z. B. der Pyramiden[4514], zur Anfertigung der todbringenden Pfeile, Fluchtafeln und Wundersiegel, z. B. jener des Königs ~Salomon~[4515], und besitzt die Kraft, Diamanten zu teilen und zu zerbrechen[4516]. -- Weißes Blei oder +Zinn+ findet sich nach den Berichten des Seefahrers ~Sindbad~ [spätestens gegen 800] in den „Blei“-Minen der ostindischen Insel Qalah[4517], gleicht dem Silber, weshalb man auch das Pferdegeschirr verzinnt[4518], Zinn und Messing dem Silber und Gold unterschiebt[4519] und anscheinend übergoldetes Zinn oder Kupfer für echtes Gold ausgibt[4520].
+Eisen+ wird geschmiedet und gegossen, so daß riesige Stadtmauern geschmolzenen Eisenmassen gleichen[4521]; ein wunderbarer Stein, der Magnet, der im indischen Meere einen ganzen Berg bildet, zieht es an und hält es fest[4522]. Das härteste Eisen, das mit dem Feuerstein Funken gibt[4523], ist der Stahl, von dem Indien und China die besten Sorten liefern, namentlich auch den glänzend blanken und den „gewässerten“ [damascierten][4524]; man macht aus ihm Stäbe und Keulen von 1 bis 2½ Zentnern Schwere[4525], Türen und Schlösser[4526], Dolche und Schwerter[4527], Steigbügel[4528] usf.
+Quecksilber+ (zîbak) ist äußerst beweglich, und der hurtige Läufer ~ʿAli Zibak~ trägt daher seinen Namen[4529]; es ist ein gutes Augen-Heilmittel, wirkt [als Sublimat] konservierend[4530] und dient [als Zinnober] zur Herstellung von Malerfarbe und Farbe für rote Schrift[4531].
+Antimon+ oder +Kohol+ [ein feines Pulver aus Antimon- oder Bleiglanz] wird an sehr zahlreichen Stellen zum Umrändern der Augen und als Augenschminke empfohlen, um so mehr als es auch die Sehkraft stärkt und vor dem „bösen Blicke“ schützt[4532], weshalb Vornehme es in einem Silber-Büchschen (nebst dem zum Auftragen dienenden Silberstifte) stets an einer Kette um den Hals zu tragen pflegen[4533]; auch bildlich ist die Rede vom „Kohol des Blickes“; gelber und roter Kohol findet sich ebenfalls erwähnt[4534].
Gelbes +Arsen+ [Auripigment] nebst Kalk dient als zuverlässig wirkendes Enthaarungsmittel[4535].
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Ein Rückblick auf die in den letzten Abschnitten besprochene Litteratur läßt erkennen, daß weder Syrer noch Araber die eigentliche Alchemie auch nur um einen einzigen neuen oder originellen Gedanken bereicherten. Sämtliche angeführten Autoren (denen zweifellos noch viele andere anzureihen wären), mögen sie nun Freunde oder Gegner der Alchemie sein, -- und an diesen hat es schon von Anfang an nicht gefehlt --, zehren ausschließlich von der Hinterlassenschaft ihrer hellenistischen Vorfahren; sie halten fest, was diese überlieferten, verbreitern und vergröbern die verstandenen Ideen, entstellen und verzerren die unverstandenen, erheben sich aber nirgendwo im geringsten über die hergebrachten Dogmen, die ihnen vielmehr, als geheiligt durch die „großen Autoritäten“ der Vergangenheit, unverbrüchlich feststehen. Entgegen früheren Anschauungen ist daher, wie in nicht wenigen anderen Punkten so auch hier, die Rolle der Araber so gut wie ausschließlich eine empfangende und vermittelnde, -- durch welche Einsicht jedoch der Anerkennung ihrer ganz außerordentlichen Wichtigkeit keinerlei Abbruch geschehen soll.
Anhang.
Des Zusammenhanges wegen seien an dieser Stelle noch die Schicksale der Alchemie in einigen dem islamischen Kulturkreise zugehörigen Ländern berührt, jedoch nur in aller Kürze, da nirgendwo neue Gesichtspunkte auftauchen oder Ansätze zu weiterer Entwicklung hervortreten.
In +Persien+ besaßen und besitzen die eigentlichen Parsen keinerlei Bücher, die der Magie und Zauberei oder deren Nebenzweigen gewidmet wären, da ihre Religion diese durchaus verbietet, und schon ~Zoroaster~ als erbitterter Feind alles derartigen Wesens bezeichnet wird[4536]; zudem ist die Ausübung der Chemie noch besonders untersagt, weil sie eine Verunreinigung des geheiligten Feuers bedingt[4537]. Wenn also ~Zosimos~, ~Synesios~ und andere griechische Autoren, und diesen folgend wieder die Verfasser der syrischen Manuskripte, den ~Zoroaster~ teils allein, teils zusammen mit ~Ostanes~, ~Sophar~, ~Osron~ usf. als alchemistische Autoritäten zitieren und außerdem allerlei „persische“ Schriften, Vorschriften und Präparate anführen, und wenn ~Alnadim~ im Fihrist berichtet, daß einige den Ursprung der Alchemie nach Persien verlegen, so walten hierbei entweder bewußte, gewissen Zwecken dienliche Unterschiebungen ob; oder es werden (aus ähnlichen Gründen) alchemistische Verfahren zusammengeworfen mit metallurgischen, deren die Perser seit altersher manche ganz treffliche besaßen; oder endlich es handelt sich um die so häufige, aber irrtümliche Bezeichnung der Babylonier (Chaldäer) als „Perser“. Diese erklärt sich, wie bereits weiter oben erwähnt, aus den politischen Verhältnissen, bezüglich derer nochmals daran erinnert sei, daß die Perser im babylonischen Reiche, wie nach der ersten Eroberung durch ~Cyrus~ so auch späterhin, stets nur eine ganz dünne Oberschicht bildeten, und zwar die Herrschermacht in Händen hatten, auf Sitten und Gebräuche, Glauben und Aberglauben der großen Masse der Bevölkerung aber keinen maßgebenden Einfluß ausübten und umgekehrt einen solchen auch nur in beschränktem Umfange und sehr allmählich erfuhren. Anfänge alchemistischer Bestrebungen traten daher in Persien wohl erst durch syrische und nestorianische Vermittlung zutage, während alchemistische Schriften nicht vor der Zeit tiefgreifender Umwälzung durch die arabische Eroberung abgefaßt wurden, dann aber, soweit bekannt, ausschließlich seitens arabisch schreibender Perser oder Syrer, also nicht in persischer Sprache, sondern in arabischer.
Dafür aber, daß einige Jahrhunderte genügten, um auch den persischen Geist gänzlich mit alchemistischen und astrologischen Anschauungen zu durchdringen, zeugt das gegen 1000 vollendete persische Nationalepos, das „Königsbuch“ (Schâh-Nâmeh), dessen Verfasser, ~Firdusi~ (= der Paradiesische), übrigens für seine Person dem Aberglauben freien Geistes gegenübersteht. Schon weiter oben wurde angeführt, daß er die Chemie und ihr Elixir erwähnt und daß ihm ein Herz „voll Kîmijâ“ ein Herz „voll Falschheit“ ist; er kennt auch die vier Elemente und sagt von ihnen[4538]:
„Durch Mischung von Feuer, von Wasser, von Erd’ Und von Luft, wird das Antlitz der Welt verklärt.“
„Wer die vier Grundstoffe verband, Nahm mit Mannheit die Welt in die Hand.“
Von den Astrologen und ihren Auslegungen der Planeten-Tafeln und -Kreise, sowie des mit den Bildern der sieben Planeten geschmückten „Weltenbechers“, der Gegenwart und Zukunft anzeigt[4539], hat er jedoch keine günstige Meinung[4540]; es heißt über sie:
„Vor jedem Schâh ein Sterndeuter stand, Voll Gedanken, Sterntafeln zur Hand; Nach dem Geheimnis spähten sie, Wem die Sphär’ ihre Gunst verlieh? Die Sterne schauten zu den Scharen, Und die Sterndeuter ratlos waren[4541],“
und über ihren Auftraggeber, den Schâh:
„Nicht wußt’ er: es ist kein Verlaß auf die Kreise, Der Sterne sind viel, doch Gott nur ist weise[4542].“
Bei den Dichtern der Folgezeit sind chemische, alchemistische und astrologische Anspielungen etwas Alltägliches und geradezu Unentbehrliches, daher offenbar auch dem Leserkreise durchaus Geläufiges; so sagt schon ~ʿOmar Alkhajjam~ (um 1100, der berühmte Mathematiker)[4543]:
„Die Traube kann mit ihrem Saft Der Weisen Zweifel widerlegen: Sie ist’s, die reines Gold, -- Heil ihr und Segen! --, Aus dieses Lebens schlechtem Kupfer schafft.“
„Der Traube Saft wird Deine Unruh’ bändigen, Und den Streit der Weisen beendigen: Trink +einen+ Krug dieser Alchemie[4544], +Tausend+ Gebrechen heilet sie,“
und bei ~Saʿdi~ (1184-1286) finden sich in einem „Alchemie“ überschriebenen Gedichte des „Bostan“ (Fruchtgartens) folgende Verse:
„Du hast ja wohl gehört, daß vormals Staub und Sand Zu Gold und Silber ward in eines Frommen Hand[4545].“
„Willst Du erreichen, hab’ zum Suchen Kraft Wie der Adept, der rastlos hoffend schafft Und Haufen Goldes wandelt um in Erde, Daß ihm, aus Erde, Golds ein Körnlein werde[4546].“
Ferner:
„Schwarzes Metall, mit Gold überfangen, Zum Tiegel der Schmelze gebracht, Wird anders daraus hervorgelangen, Als die Leute gedacht[4547].“
„Bist Du ein heller Edelstein, so sei Doch härter nicht als Diamanten: So hart sie sind, sie fügen sich dem Blei, Das weich ist und doch abschleift ihre Kanten[4548].“
Bei dem tiefsinnigen Mystiker ~Dschelaleddin Rumi~ (1204-1273) ist „Kîmijâ“ das Elixir, das, wie unedle Metalle in edle, so Unwissenheit, Unglauben und Empörung des Menschenherzens in Weisheit, Glauben und Gehorsam umsetzt und dem Frommen durch Gottes Gnade zu Teil wird:
„An Gottes Zauberkraft reicht die der Menschen nie, Noch ihre Alchemie an seine Alchemie[4549].“
„Gottergebnen wird aus Staub lautres Gold gewährt, Sündern aber sich zu Staub lautres Gold verkehrt. Falsches Gold auch gibt oft Gott; soll echt sich’s weisen In der Flamme Glut, so bleibt nur schwarzes Eisen[4550].“
Ein ungenannter Dichter der nämlichen Zeit schreibt:
„Gott goß in Dich Vernunft als Leitung zu den Sternen, Wie in das Feuer Licht und in den Moschus Duft; Willst Du die Wissenschaft, den Glauben kennen lernen, So hör’ die Stimme, die aus sieben Minen ruft: Der Kopf sei heller Stahl, das Herz sei Gold gediegen, Sitz’ fest wie schweres Blei, die Brust sei glänzend Erz, Zur Lende soll sich Zinn, zum Fuß Quecksilber schmiegen, Und silbern sei die Hand des Manns von Kopf und Herz[4551].“
Die Hofpoeten preisen den Schâh[4552], „der als Himmelsschreiber den Merkur bestellt hat“, der Blei in Gold zu verwandeln und den Stein der Weisen zu bereiten weiß, während ~Ibn Jamin~ (gest. 1344) diesen nicht durch das Tun des Fürsten verwirklicht sieht, sondern durch das des Ackerbauers[4553]:
„Das, was Du sätest, blüht Dir auch empor: Der Stein der Weisen ist kein Werk der Kunst, Zur Erde wirf’ Dich, birgt ihn doch +ihr+ Flor.“
„Alchemie, das Werk der Nacht, leitet ins Verderben, Weil es mehr verlieren macht, als es macht erwerben. Willst Du wahre Alchemie, deren ganzen Segen Reicht kein irdisches Genie würdig zu erwägen: Bauer sei und schlichten Sinns pflüge Deine Erde, Daß, was Fülle des Gewinns, offenbar Dir werde. Welchem Grund, wie ihr, entspringt Überfluß, der wundert? Wo, wie in der Erde, bringt +Eines+ siebenhundert?“
~Hafis~ (gest. 1389) verkündigt:
„Sieh’, der Chemiker der Liebe wird des Körpers Staub behandeln, Wird ihn, wär’ er noch so bleiern, doch in reines Gold verwandeln[4554].“
„Freue Dich des Weines! Dieser Alchemist Macht, daß gleich dem König reich der Bettler ist[4555].“
„Dem Dürft’gen gilt oft schon allein Die Bitte für des Weisen Stein[4556].“
„Dein Glück wird jeder, der Dich kennt, gar höchlich preisen: Du hast in Dir das Element des Steins der Weisen[4557],“
auch verspricht er den Berufenen die Schätze der Sphären:
„Dient Saturn Dir doch, der Neger, Und der Himmel ist Dein Sklave,“
wobei Saturn „Neger“ heißt, weil er auch ein schwarzer böser Dämon ~Zuhal~ ist und als solcher der Schutzherr aller Räuber, Betrüger, Schatzgräber und ähnlicher zweifelhafter Gestalten[4558]. Unter diesem Namen erwähnt ihn auch ~Dschami~ (1414-1492) gelegentlich der Himmelfahrt ~Muhammeds~ durch die sieben Sphären in „~Jusuf~ und ~Suleikha~“[4559], wo er auch sagt[4560]:
„Was frommt’s, daß +Der+ ein Alchemiste heißt, Kann er vergolden nicht den +eignen+ Geist?“
„Mache, daß Dein Blick einmal mich Armen auch berühre, Deines Blickes Elixir mich zum Reichtum führe.“
Daß ~Dschami~ der 7, in den Farben der 7 Planeten prangenden, für je einen Tag der Woche bestimmten Paläste gedenkt[4561], ist schon weiter oben angeführt worden; oft spricht er auch von den 4 Elementen, deren Beinamen geradezu unzählige sind, z. B. die 4 Arten, Badeöfen, Drachen, Fußdecken, Geier, Genossen, Gewölbe, Kinder, Lastträger, Lehrer, Mütter, Nägel, Perlen, Pfeiler, Polster, Saiten, Säulen, Schnüre, Steuermänner, Wurzeln[4562].
Im eigentlichen +Arabien+ blieb, wie die Angaben ~Snouck-Hurgronjes~ aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts zeigen[4563], die Alchemie während des ganzen Mittelalters bis in die neueste Zeit hinein lebendig, und zwar in ziemlich unveränderter Gestalt[4564]; das nämliche gilt für +Ägypten+, wo ~Vansleb~ noch 1700 in Siut an 360 Derwische antraf, bemüht, durch Magie die Metalle zu transmutieren, besonders mittels Quecksilbers, das sie als „Substanz“ bei sich zu führen pflegten, und überzeugt, daß in den Pyramiden ungeheure Schätze verborgen seien[4565]. Auch in den Küstenländern Nord- und Nordwest-Afrikas (Maghrebs), unter denen +Marokko+ seine Blüte zur Zeit der Almohaden (etwa 1150-1200) erlangte, und in die schon die Erzählungen „1001 Nacht“ die gefährlichsten Zauberer und mächtigsten Magier versetzen, erfreute sich die Alchemie fast seit Beginn der arabischen Eroberung unausgesetzter und eifriger Pflege. Der aus Tunis gebürtige ~Ibn Khaldun~ (1332-1406) eiferte zwar, wie weiter oben berichtet wurde, nach Kräften gegen die Schwindeleien und Betrügereien der Alchemisten, die er namentlich auch der Münzfälschung beschuldigte, aber seine Stimme verhallte ungehört, und noch anderthalb Jahrhunderte später erzählt der sog. ~Leo Africanus~ (gest. 1526) in seiner „Beschreibung Afrikas“[4566]: „In der Stadt Fez gibt es eine Unmenge Alchemisten, die sich ganz ungeheuer um diese eitelste aller Künste bemühen; es sind das völlig verdummte Menschen, die sich mit Schwefel und anderen stinkenden Sachen zu tun machen; des Abends pflegen sie regelmäßig in einer Moschee auf einer Anhöhe zusammen zu kommen und über ihre unsinnigen Lehren zu disputieren.... Es gibt ihrer zwei Arten, die einen suchen nämlich nach dem Elixir, das Kupfer und Metalle tingieren soll, die anderen aber betreiben die ‚Vermehrung‘ (multiplicatio) der Metalle vermöge geeigneter Vermischungen. Gewöhnlich läuft alles auf Falschmünzerei hinaus, daher sieht man in Fez die meisten dieser Leute mit [zur Strafe] abgehauener Hand herumlaufen.“
Über das Treiben der Alchemisten in Fez und Tanger zu Beginn des 17. Jahrhunderts berichtet der englische Kapitän ~Parry~[4567], und ausgestorben ist die Alchemie in Nord- und Nordwest-Afrika auch während der seither vergangenen drei Jahrhunderte nicht; „noch heute, -- so sagt ~Doutté~ mit Recht[4568] --, beherrscht der Zauberglaube der ausgehenden Antike die gesamte islamische Welt“.
6. Die Alchemie in Indien und Tibet.
+Noch+ weniger weit als die Erforschung der naturwissenschaftlichen arabischen Litteratur ist die der indischen fortgeschritten, auch bestehen auf diesem Gebiete ganz eigenartige Schwierigkeiten allgemeiner und besonderer Natur, die bisher nur zum kleinsten Teile behoben werden konnten. Die erste ist der dem indischen Geiste eingeborene völlige Mangel an chronologischem Sinne, der u. a. auch in dem fast gänzlichen Fehlen einheimischer Geschichtschreiber oder Annalisten zutage tritt. Die zweite die eigentümliche Art der Abfassung indischer Werke, die, um einen der Botanik entlehnten Ausdruck zu gebrauchen, durch Intussuszeption wachsen, d. h. neue Materialien ohne weiteres und immer wieder mit in ihren alten Bestand aufnehmen oder einlagern, wodurch dann unübersichtliche und unentwirrbare Gebilde entstehen, wahre Ineinander-Schachtelungen der mannigfaltigsten, oft um ein halbes Jahrtausend und mehr an Alter verschiedenen Einzelheiten. Die dritte endlich die Neigung, das Alter der vorhandenen Schriften und ihres gesamten Inhaltes in eine möglichst entlegene Vergangenheit hinaufzurücken, -- ein Bestreben, das bei den einheimischen Autoren begreiflich und verzeihlich sein mag[4569], dem aber, selbst noch neuestens, auch europäische Gelehrte (z. B. ~G. Oppert~) stattgaben, namentlich auf dem ihnen häufig nicht genügend vertrauten naturwissenschaftlichen Gebiete. Infolge dieser Umstände bleibt es bei vielen Quellenschriften dahingestellt, ob sie überhaupt zur angenommenen Zeit verfaßt wurden, ob sie, wenn dies zutrifft, seither frei von weitgehenden Einschiebungen blieben, und ob, wenn auch dies der Fall ist, die vorausgesetzte Bedeutung der Fachworte als richtige und mit der ursprünglichen noch übereinstimmende angesehen werden darf. Diese Fragen vermag die Wissenschaft derzeit in vielen Fällen gar nicht, in anderen nur mit großer Zurückhaltung zu beantworten, und demgemäß ist auch der Wert der im nachstehenden gegebenen Darlegungen nach mehr als einer Richtung hin nur mit aller Vorsicht einzuschätzen.
Die früher weitverbreitete Ansicht, die nach dem Süden einwandernden Inder hätten schon zur Zeit der Entstehung ihrer heiligen Gesänge, der Veden (etwa zwischen 1600 und 1000 v. Chr.), die Planeten verehrt und ihre Siebenzahl mit der der Metalle in Verbindung gebracht, hat sich längst als vollkommen irrtümlich erwiesen. In den +älteren+ Teilen der Veden werden zwar Sonne und Mond oft zusammen genannt, auch gemeinsam mit den Sternen als himmlische Feuer bezeichnet, besondere Erwähnungen der Planeten und einer Gesamtheit von 5 Wandelsternen oder 7 Planeten fehlen jedoch[4570]; von Siebenheiten, z. B. der großen Götter, der Jungfrauen, der Töne, der Ströme, der Schritte usf. ist zwar zuweilen die Rede[4571], doch haftet diesem Begriffe, der einem festen Rahmen gleich benützt und ausgefüllt wird, sichtlich etwas Fremdes an, so daß er wohl von außen übernommen wurde und vermutlich, ebenso wie gewisse Spuren im vedischen Kalender, auf babylonische Einflüsse hinweist[4572]. Was die Metalle anbelangt, so gilt allein das Gold, -- wie aus naheliegenden Gründen bei so vielen Völkern der ganzen Erde --, als Symbol der Sonne, ferner auch als wesensgleich mit dem Gotte des Feuers ~Agni~ und als entstanden aus dessen Samen, der sich, in die Wässer ergossen, zu dem Golde umwandelte, das die Flüsse mit sich führen[4573]. Erst in +jüngeren+ Abteilungen der Veden, besonders im Atharva-Veda, lassen sich manche Stellen, wenngleich keineswegs mit Sicherheit, als Hinweise auf 5 oder 7 Planeten auffassen[4574], und zu den unzähligen (zum Teil auf sehr alte Grundlagen zurückgehenden) abergläubischen Bemerkungen, die daselbst vorgetragen werden, zählen auch die, daß Gold ein kräftiges Amulett sei und das Leben verlängere, Blei aber vor der Macht der Zauberei schütze[4575].