Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 32

Chapter 323,187 wordsPublic domain

Die älteste Form des Mithrasdienstes, über die wir bisher Kunde besitzen, scheint aus einer „Mithras-Liturgie“ ersichtlich zu sein, die ~Dieterich~ als Bestandteil des „Pariser Zauberpapyrus“ (ed. ~Wessely~) nachwies[2728]. Niedergeschrieben ist dieser gegen 300, die vorgetragenen Lehren dürften aber bereits seit 200 zur Anfertigung von Zauberbüchern herangezogen, mindestens seit 150 im Kulte benützt, also ungefähr um 100 abgefaßt worden sein[2729]; dementsprechend verraten sie keinen Einfluß des ~Plotinos~ oder ~Porphyrios~, zeigen den Charakter der frühen Gnostik, die eine engere Verbindung mit dem Christentum noch nicht eingegangen war, und räumen letzterem keine bedeutsame Stellung ein, wenngleich sie ~Christus~ zweimal, als „Gott der Juden“ und zusammen mit ~Abraham~, ~Israel~ und ~Jakob~ erwähnen, -- wie dieses auch andere Zauberpapyri des nämlichen Zeitalters tun, die von „~Jesus Ammon~“, „~Jesus Osiris Ammon~“ und anscheinend auch von „~Jesus Anubis~“ sprechen[2730].

Das Heil, das der Dienst des ~Mithras~ den „Söhnen“ oder „Kindern“ des Gottes (d. h. seinen Anhängern)[2731] verheißt, ist im wesentlichen, wie bei den Gnostikern, die Auferstehung, der Aufstieg der Seele nach dem Tode, aber auch die Himmelfahrt und Vereinigung mit der höchsten Gottheit noch während des Lebens, im Zustande der Ekstase[2732], durch die man „wie es alltäglich geschieht, den Grenzen dieser Welt entrückt und ein Teil des Gottes im Himmel wird“[2733]. Der Geheimdienst symbolisiert die Schicksale der Gläubigen, indem er einen Gott sterben und in das Totenreich niederfahren läßt, worauf er beklagt, gesucht und gefunden wird, kraft höherer Macht aufersteht und wieder gen Himmel fährt[2734]; aus den Ähnlichkeiten dieser Formen mit denen anderer analoger Kulte erklären sich gewisse gemeinsame Züge, wie z. B. die Entlehnung des Ausrufes εὑρήκαμεν („er ist gefunden“) aus den ~Osiris~-Mysterien in ihrer späten Gestalt[2735]. Auch die an dem einzelnen Mysten vorgenommenen Zerimonien betreffen Tod und Begräbnis, äußere und innere Reinigung, Wiedergeburt und Auferstehung[2736] und machen seine Seele würdig, später den Weg in den obersten Himmel zu finden, oder schon jetzt den Anblick des ~Mithras~ zu ertragen, der dem in völliger Ekstase Befindlichen als „König“ in scharlachrotem Mantel erscheint[2737].

Während der Pariser Zauberpapyrus die ekstatische Himmelfahrt in einer Weise beschreibt, die der älteren persischen Auffassung, die nur drei Himmel kennt, noch nähersteht[2738], lassen jüngere Berichte, die uns hauptsächlich in des ~Kelsos~ Schrift „Das wahre Wort“ (verfaßt um 150) erhalten sind[2739], sie in 7 Stufen vor sich gehen und verknüpfen sie auf das engste mit der Lehre von den 7 Planeten. „Daß es einen Weg der Seelen zur Erde und von der Erde hinweg gibt, -- so sagt ~Kelsos~[2740] --, bezeugen ~Platon~ und die Mysterien des ~Mithras~ bei den Persern.... Ihr Sinnbild ist wie folgt beschaffen: eine Leiter (κλῖμαξ, Klímax) mit 7 hohen Toren, darüber aber ein achtes; die Tore sind aus Blei, Zinn, Erz, Eisen, Mischmetall, Silber und Gold, zugeschrieben dem ~Kronos~ (weil das Blei die Langsamkeit dieses Sternes anzeigt), der ~Aphrodite~ (weil man mit ihr die Helle und Weiße des Zinns vergleicht), dem ~Zeus~ (weil das Erz stark ist und der Palast des ~Zeus~ χαλκοβατής heißt, d. i. mit erzener Schwelle versehen)[2741], dem ~Hermes~ (weil sich das Eisen, gleich ihm, betriebsam, arbeitsselig und alle Mühen ertragend zeigt), dem ~Ares~ (weil das Mischmetall wechselnd und mannigfaltig ist wie er), der ~Selene~ und dem ~Helios~ (weil Silber und Gold ihre Färbungen nachahmen).“ Dieser κλῖμαξ ἑπτάπυλος (7toriger Klimax), dessen Toren ursprünglich wohl nur die +Farben+ der 7 Planeten und ihrer Sphären und erst späterhin die diesen Farben entsprechenden +Metalle+ zugeschrieben wurden[2742], ist offenbar eine Nachbildung des babylonischen Stufenturmes[2743], der schon der Vision des Patriarchen ~Jakob~ von der Himmelsleiter zugrunde liegt[2744], und gilt als Sinnbild der stufenweisen Erhebung der Seele zum „Höchstthronenden“[2745], dem großen ~Mithras~, dem Allgotte, dessen Name in der Schreibweise Μείθρας auch den Zahlenwert 40 + 5 + 10 + 9 + 100 + 1 + 200 = 365 besitzt[2746]. An den 7 Toren stoßen die aufsteigenden Seelen der „Guten“ auf die „göttlich-dämonischen“ Gestalten der 7 „Hüter“[2747], geben sich ihnen durch den rechten Vortrag der erlernten Formeln und Worte als „Geweihte“ zu erkennen, legen die beim Abstiege in Empfang genommenen schlechten Hüllen wieder ab, durchschreiten die Tore (wie das auch die zuerst um 180 verfaßten „Oracula chaldaica“ schildern)[2748] und schweben schließlich als „sublimierte Monaden“ zum Empyreum empor[2749]. Dieser Wichtigkeit der Sphären gemäß erscheinen den Gläubigen schon während des Geheimdienstes, neben den 7 himmlischen Schicksals-Göttern und -Jungfrauen und den 7 Bewahrern der Weltachse, -- diese sind wohl nach persischer Anschauung die Sterne des großen und kleinen Bären --, die „7 unsterblichen Gottheiten der Welt“, d. s. die 7 Planetengötter, für die in den Mithräen 7 Nischen und 7 Tore bereitstanden[2750]. Ihnen entsprechen die 7 Grade der Eingeweihten, die in späterer Zeit zufolge der allgemeinen Verbreitung der Mithrasverehrung im römischen Heere zugleich als eine Art militärischer Rangordnung der „~Mithras~-Armee“ gedacht waren[2751], ursprünglich aber besondere, zum Teil dem Tierreiche entnommene Geheimnamen führten, aus denen sich auch das Brüllen, Heulen, Pfeifen und Schnalzen der Mysten erklärt[2752]. Für die Anrufung der Planetengötter, die am erfolgreichsten an den ihnen zugehörigen Wochentagen geschah[2753], bestand ein ausführliches und verwickeltes Ritual, das auch hier wieder den Priestern eine hervorragende Bedeutung als „Mittler“ zwischen Mensch und Gottheit sicherte[2754]. Die Rolle des ~Mithras~ selbst war dabei zwar nicht ganz einheitlich, indem er bald als Weltherrscher und Allgott gefeiert wurde, bald nur als dessen „erste Emanation“, als Logos, himmlisches Pneuma, Inbegriff der (bei den Persern seit altersher göttlich verehrten) Elemente und Demiurgos, der in höherem Auftrage die Welt schuf und gestaltete, sie regiert und über sie wacht[2755], -- aber derlei Widersprüche beschwichtigte die Überlegung, daß im Grunde doch „Alles nur Eines“ und der Oberherr mit seiner Emanation identisch sei.

Als Gottheiten, die teils nur als Begleiter des ~Mithras~ aufgefaßt, teils aber auch (mehr oder minder weitgehend) ihm gleichgesetzt wurden, sind zu erwähnen[2756]: ~Schahrewar~, der persische Kriegsgott(?) und „Beherrscher aller Metalle[2757], -- aus welcher Eigenschaft sich vermutlich die Zuteilung des „Mischmetalles“ an ~Ares~ erklärt --, und der Gott der unendlichen Zeit, ~Zervan~ = ~Chronos~ = ~Kronos~ = ~Saturn~. Er ist ein löwenköpfiges Ungeheuer in Menschengestalt, von Schlangen umwunden und mit den Abzeichen der Planeten geschmückt, gilt als Vater sämtlicher Götter, die er erzeugt und deren Kräfte er in sich vereint enthält, und ist Herr und Führer der vier Elemente, aus denen die ganze Welt besteht, und daher auch Schaffer und Zerstörer alles Vorhandenen. Als ~Kronos-Mithras~ wird er auch abgebildet mit dem schon der Antike wohlbekannten Attribute des Himmelsschlüssels, mittels dessen er den Geweihten die Tore der 7 Himmelsstufen erschließt, und dessen Besitz ihm auch gewisse Pseudepigraphen zuschreiben, als deren Verfasser ~Ostanes~ und der „Prophet und Himmelswanderer“ ~Krates~ [= ~Chrat~, Beinamen des ägyptischen ~Horus~] genannt werden; κλείς = Schlüssel, im Sinne von „Wunderschlüssel“, ist daher, wie schon weiter oben erwähnt, auch ein beliebter Titel magischer und astrologischer Zauberbücher, ja die koptischen Gnostiker verstehen nicht selten unter κλείς ~Christus~, der übrigens schon im Evangelium des ~Lukas~[2758] κλείς γνώσεως = „Schlüssel der Erkenntnis“ genannt wird[2759].

h) Die Ssâbier und Mandäer.

Unter dem Namen der +Ssâbier+[2760] bergen sich die Harrânier, d. s. die Bewohner der Stadt Harrân (= Karrhae), die sich im nördlichen Mesopotamien unweit Edessa erhob, nach alter (irrtümlicher) Überlieferung etwa an der Stelle des babylonischen und als Heimat ~Abrahams~ auch biblischen Ur[2761]. Harrân bildete seit frühester Zeit einen wichtigen Mittelpunkt ost-westlichen Verkehrs und Handels, -- schon der Prophet ~Ezechiel~ (6. Jahrhundert v. Chr.) zählt es unter den „Krämern von Tyrus“ auf[2762] --, war dem Monde geweiht und seiner Gestalt gemäß (halbmondförmig) erbaut[2763] und in babylonischer, assyrischer, syrischer, römischer, christlicher und arabischer Zeit hochberühmt als Sitz uralter Heiligtümer und vor allem als Kultstätte des Mondes, der daselbst als ~Sin~, ~Selene~, und androgyner ~Deus Lunus~ verehrt wurde[2764].

Als Ssâbier bezeichneten sich die Harrânier nicht schon zur Zeit der arabischen Eroberung (639)[2765], vielmehr legten sie sich diesen Namen erst um 830 unter dem Khalifen ~Almaʿmun~ bei, der ihnen als „ungläubigen Heiden“ völlige Ausrottung ankündigte. Den von solcher Gefahr Bedrohten erteilte ein schlauer muslimischer Rechtsgelehrter gegen schwere Bezahlung den Rat, sie sollten sich als jene Ssâbier ausgeben, über die niemand mehr irgend Genaueres wisse, denen jedoch der Koran an drei Stellen Duldung zugesagt habe; dies geschah seinerzeit jedenfalls, weil man ihre Sekte, die der mesopotamischen Elkesaïten (die zwar verwandt, aber nicht identisch sind mit den Mendaïten, Mandäern oder „Johannes-Christen“, deren dürftige Reste sich bis auf den heutigen Tag erhielten), trotz des starken Einschlages heidnischer Elemente für eine christliche ansah[2766]. Der Name Ssâbier ist syrischen Ursprunges und bedeutet die sich (zu kultischen Zwecken) „Waschenden“, vielleicht auch „Taufenden“[2767]. Tatsächlich sind auch die Ssâbier Reste echt syrischer Heiden und in vieler Hinsicht Bewahrer der alten heidnischen Religion und des alten, durch chaldäische und persische Einflüsse abgeänderten Sterndienstes, wie er etwa bei der spätbabylonischen Landbevölkerung üblich gewesen sein mag[2768]. Verhältnismäßig früh wurden sie mit hellenistischer Litteratur und Philosophie vertraut, nahmen sodann hermetische, gnostische und neuplatonische Lehren auf[2769], und während ihr Schrifttum und ihre Übersetzungen auch weiterhin syrisch blieben, fühlten sie sich einerseits als Zugehörige des ererbten Glaubens mit seinen noch die babylonischen Namen tragenden Göttern, Tempeln und Kultgebräuchen, andererseits als Träger hellenistischer, namentlich hermetischer und gnostischer Überlieferungen, sowie als Pfleger des hermetischen und gnostischen Gemeinde-Wesens[2770]. In dieser Mischform, die für die Überlieferung zahlreicher alter Traditionen von +größter Bedeutung+ ist, da sie unter dem leichten monotheistischen Firnis neuplatonischer und hermetischer Ideen das rein Heidnische zumeist fast unverändert bewahrte[2771], war das Ssâbiertum spätestens schon im 3. Jahrhundert vorhanden[2772] und machte Harrân zu einem Hauptorte der Fälschung philosophischer, religiöser und mystisch-magischer Schriften, als deren Verfasser u. a. galten: die Propheten und Weisen ~Pythagoras~, ~Platon~, ~Aristoteles~, ~Hermes~ „der Fürst der Leute von Harrân“ und sein großer Schüler (oder Lehrer) ~Agathodaimon~, ~Hermes Trismegistos~, „der König, Philosoph, Prophet und Patron der untergeschobenen Bücher“[2773], der große Zauberer ~Ostanes~[2774], usf. Die Eroberung durch die Araber, die in Harrân die erste Bekanntschaft mit dieser ganzen Art der Litteratur gemacht haben dürften, änderte nichts an den bestehenden Verhältnissen, um so mehr als die Ssâbier sich als sehr anpassungsfähig erwiesen und eine ganze Anzahl arabisch schreibender Gelehrter hervorbrachten, u. a. den berühmten ~Thabit ben Qorrah~ (826-901), sowie den Astronomen ~Albattani~. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts berichten über die Ssâbier und ihren Glauben recht zutreffend ~Alnadim~ im „Fihrist“[2775], der Geograph ~Ibn Hauqal~, sowie der hochgelehrte ~Albiruni~. Nach ~Ibn Hauqal~ ist Harrân die Stadt der Ssâbier, bewohnt von 14 Hütern ihrer Tempel, dessen größter erbaut ist von ~Abraham~[2776], der schon nach dem „Buche der Jubiläen“ (2. Jahrhundert v. Chr.) daselbst „die Zeichen der Sonne, des Mondes und der Planeten beobachtete“[2777]. ~Albiruni~ meldet, daß die Ssâbier in Harrân, die verschieden von den +wahren+ Ssâbiern im Irâk sind, gleich den alten persischen Königen vor ~Zoroaster~ Sonne, Mond, Planeten und Elemente verehren, deren Idolen und Kultbildern in den Tempeln gewisse Feste feiern, über die er nicht ausreichend unterrichtet sei, und zahlreiche Propheten und Philosophen besäßen, u. a. ~Agathodaimon~ und ~Hermes~, der auch dem ~Henoch~, ~Idris~ und ~Buddha~ gleichgesetzt werde[2778]. Der „große Tempel“ zu Harrân, d. i. der Mond-Tempel, „in dem ~Selene~ begraben liegt“[2779], war gegen 1050 noch wohlerhalten; entweder in dieser Zeit, gelegentlich eines Krieges mit den Ägyptern, oder im 13. Jahrhundert anläßlich des Mongolen-Einbruches, wurde er gänzlich zerstört und zugleich mit ihm verschwinden auch die Ssâbier spurlos aus der Geschichte[2780].

Im Mittelpunkte der ssâbischen Lehren, über die allein der Araber ~Almusabbihi~ ein Buch von 6000 Seiten geschrieben haben soll[2781], steht der Sterndienst[2782], der aber erst einem älteren und nichtsemitischen Kultus eingegliedert worden zu sein scheint. Betreff des letzteren haben sich nur spärliche und späte Andeutungen erhalten, z. B. bei dem ganz unzuverlässigen ~Ibn Alwahschijah~ (um 900) und bei ~Maimonides~ (1135-1204)[2783], denen zufolge der „Prophet“ ~Tammuz~, der zuerst zur Verehrung der 7 Planeten und 12 Tierkreiszeichen aufforderte, deshalb auf Befehl des Königs von Babylon getötet worden sei[2784]. In der frühesten überlieferten Form der Lehren geben sich diese als wesentlich dem Neuplatonismus entsprungen zu erkennen, wenn auch einem vielfach umgestalteten und erweiterten, so daß Theorien über Pantheismus, Weltseele, Väter und Mütter, tätige und leidende oder männliche und weibliche Prinzipien, Zusammenhalten aller Naturerscheinungen durch geistige Kräfte und Wesen, sympathetische Verbindungen und Einflüsse u. dgl. stark vorwiegen, ferner den Formeln, Zerimonien, Zauberkünsten, theurgischen oder magischen Praktiken, die Einwirkung oder Zwang auf die geistigen Wesen ermöglichen, besondere Bedeutung zugemessen wird[2785]. Die Erhabenheit der Gottheit über die Materie und alles auch nur teilweise Materielle, sowie die Schwäche des Menschen erfordert Vermittler rein geistiger Natur, die in ähnlicher Weise Emanationen der Gottheit sind, wie die Lichtstrahlen solche der Leuchte[2786]; zu ihnen zählen u. a., ganz im Sinne ~Philos~, der den λόγος (Lógos) und die δυνάμεις (Dynámeis) schon „Werkzeuge und Diener Gottes“ nannte[2787], die „oberste Ursache“ (= πρῶτον αἴτιον des ~Iamblichos~), die „oberste Vernunft“ (= πρῶτος νοῦς des ~Iamblichos~)[2788], die Notwendigkeit, die Weltordnung, die Seele und verschiedene andere[2789]. Die wichtigsten unter diesen geistigen Wesen und Vermittlern sind aber die Leiter der 7 Planeten, die als „7 Glieder Gottes“ die Welt gestalten, lenken und beeinflussen[2790], als „Väter“ die Elemente hervorbringen, die dann wieder die „Mütter“ aller Einzeldinge sind[2791], und für Aller Augen in den 7 Planeten hervortreten. Den Planeten-Geistern, die teils männlich und weiblich (oder wie ~Sin~, der Mond, androgyn), teils gut und böse, teils glück- und unglückbringend[2792] sind, sowie den „intellektuellen Substanzen“, weihten die Harrânier ihre Tempel, deren älteste und prächtigste ~Abraham~ erbaute[2793]; sie bergen als Repräsentanten der unsichtbaren Geister und der nicht stets sichtbaren Planeten deren Idole und Götzen, die daher entsprechend den jenen zugehörigen Formen, Gestalten, Farben, Stoffen und Zahlen anzufertigen sind, da allein unter dieser Voraussetzung die „Kräfte ihrer Sterne“ sich auch wirklich über sie ergießen[2794].

Wollen nun Menschen von den Gottheiten etwas erbitten, so muß dies durch die Priester geschehen, denn diese allein besitzen die zu einer wirksamen Anrufung erforderlichen Kenntnisse der astrologischen und magischen Eigenschaften der Gestirne, sowie die der chaldäischen, persischen, altgriechischen, romaeischen (= neugriechischen), arabischen und indischen Namen oder Worte, die man stets +sämtlich+ auszusprechen hat, damit die jeweilig „angenehmsten“ keinesfalls übergangen werden[2795]. Die Priester wenden sich an +die+ Götzen und durch sie an +die+ Sterngeister, unter deren Einfluß das Erwünschte steht[2796], allenfalls aber auch an solche, die jenen gut befreundet sind, -- man kann z. B. ~Aphrodite~ um das angehen, was man von ~Ares~ verlangt, und sie bei ihm, dessen Gunst wegen seiner großen Macht und Schädlichkeit ohnehin ganz besonders zu suchen ist, Fürbitte einlegen lassen[2797]. Am aussichtsvollsten ist es, wenn man +den+ Planeten anrufen kann, unter dem man geboren ist; aber auch hierbei bleibt es für den Bittsteller wie für den Priester Vorbedingung, daß sie der Gottheit innerlich und äußerlich gereinigt nahen, mit lauterer Seele, ohne niedrige und selbstsüchtige Gedanken, ferner zur richtigen und angenehmen Zeit, z. B. jedem Sterne womöglich an seinem Tage, zu seiner Stunde (der ersten des Tages)[2798], während seiner Kulmination, bei guter Stellung und Nachbarschaft[2799], und endlich unter den richtigen Zerimonien, Gebeten, Anrufungen, Beschwörungen und Gebärden, sowie unter den richtigen, zugehörigen und „angenehmen“ Opfern, bei denen nicht nur die Art und Farbe der Kleider, Räucherwerke, Tiere, Pflanzen, Metalle usf. in Frage kommt, sondern auch die passende Zahl[2800]. Je nachdem man 7 Sphären annimmt oder 9 (z. B. einschließlich derer der Erde und Luft)[2801], hat man daher den Planeten Opfer von 7 oder 9 Lämmern, Schafen, Böcken u. dgl. darzubringen[2802] und sich dabei zu überzeugen, daß die Altäre der Idole die erforderliche Zahl Stufen besitzen, drei für den Mond, vier für ~Merkur~, fünf für ~Venus~, sechs für die Sonne, sieben für ~Mars~, acht für ~Jupiter~ und neun für ~Saturn~[2803]. Betreff der drei wichtigen oberen Planeten, ~Saturn~, ~Jupiter~, ~Mars~, gelten nach dem „Ghâjat“ die Vorschriften: Kleidung schwarz, weiß, und gelb-rot; Ring aus Eisen, Bergkrystall(?), Kupfer; Räucherpfanne aus Eisen, --, Kupfer; Opfertier schwarzer Bock, weißes Schaf, --[2804]. Indessen gehen die Meinungen nach manchen Richtungen auseinander, so z. B. schreiben einige dem ~Mars~ nicht das Kupfer zu, sondern das Eisen, nebst den Leuten, die es bearbeiten und gebrauchen, dem ~Jupiter~ aber das Edelmetall und die Leute, die es aus den Gesteinen abscheiden[2805]. Die Berichte wiederum, die ~Aldimeschqi~ (1256-1327) in seiner „Kosmologie“ anführt[2806], und die sichtlich aus sehr guten alten Quellen geschöpft sind, geben für die 7 Planeten[2807] Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond an: Farben der Tempel schwarz, grün, rot, gelb, blau, bunt, weiß; Farben der Kleider schwarz, grün, blutrot, gelb, weiß(?)[2808], bunt, weiß; Metalle der Idole Blei, Zinn, Eisen, Gold, Kupfer, Mischmetall nebst einem Porzellangefäß voll Quecksilber, Silber; Tag der Verehrung Samstag, Donnerstag, Dienstag, Sonntag, Freitag, Mittwoch, Montag[2809]. Das Quecksilber und ebenso das Gefäß aus Porzellan, einem Material, das im westlichen Asien erst während des 8. Jahrhunderts näher bekannt wurde, sind indessen hier offenbar Einschiebsel einer erst späteren Zeit. In der Liste, die, ssâbischen Ansichten folgend, ~Ibn Alwahschijah~ (um 900) betreff der Planeten, ihrer üblichen und auch auf den „Planeten-Siegeln“ enthaltenen Zeichen und ihrer Metalle überliefert, fehlt das Quecksilber[2810], und ~Aldimeschqi~ selbst sagt gelegentlich, daß Andere als siebentes Metall das „Châr Ssînî“ betrachten, d. i., wie schon der Name anzeigt, eine aus China stammende Legierung, vielleicht eine Art sehr heller Bronze[2811]. Möglicherweise ersetzte sie zunächst das anfänglich dem Jupiter zugeteilte Elektron (Gold-Silber-Legierung), denn die Behauptung des syrischen Lexikographen ~Bar Bahlul~ (um 950)[2812], die Verbindung zwischen Jupiter und Zinn stamme schon aus sehr alter, wenn auch nicht ältester Zeit babylonischen Heidentumes, ist nachweislich ganz unrichtig. Die zwischen Metallen, Edelsteinen usf. und Planeten erklären aber die Ssâbier daraus, daß die Sterne durch ihre Stellungen, Bewegungen und Kräfte, vor allem aber durch ihre Farben und Lichtstrahlen, alles Bestehende in entsprechender Weise beeinflussen, daher denn die Sonne, das leuchtende gelbe Gestirn, das Gold hervorbringt, ~Saturn~, „dieser in Weisheit und Geheimwissenschaft erfahrene indische (= schwarze) Alte“ das Blei, usw.[2813].

Über die +Stifter+ der ssâbischen Religion besitzen wir Berichte einer großen Anzahl hervorragender arabischer Gelehrter, Historiker und Geographen, u. a. solche des ~Alkindi~ (starb nach 870), ~Ibn Khordadhbeh~ (gest. 912), ~Almasʿudi~ (gest. 958), ~Alkindi Altudschibi~ (gest. um 970), der Verfasser der „Schriften der treuen Brüder“ (10. Jahrhundert), des ~Schahristani~ (gest. 1153), ~Alqifti~ (gest. 1248), ~Ibn Saʿid~ (gest. 1274), ~Abuʿlfaradsch~ (gest. 1286), ~Aldimeschki~ (gest. 1327), ~Makrizi~ (gest. 1441), die auch bei diesen letzteren Autoren häufig auf sehr frühe und zuverlässige Quellen zurückgehen. Vielfach herrscht die Überzeugung vor, die ssâbische Religion sei die älteste aller, und bei den Chaldäern, Persern, Arabern, Indern, Chinesen, Türken, Griechen, Römern und sämtlichen „fremden und heidnischen“ Völkern entweder die ursprüngliche oder die seitens der Chaldäer bei ihnen eingeführte[2814], -- doch fehlt es gegenüber derartigen Einbildungen auch nicht an Zweifeln, wie denn z. B. ~Aldimeschqi~ ohne weiteres zugesteht[2815], „daß viele Angaben und Erzählungen der Ssâbier auf lügnerischen Erfindungen dieses heidnischen Volkes beruhen“.

Als Begründer der ssâbischen Religion werden neben ~Orpheus~, ~Solon~, ~Homer~, dem Astronomen ~Aratos~[2816], den Verfassern einiger hermetischer Schriften[2817] und ~Abraham~[2818] hauptsächlich angeführt ~Hermes~ = ~Henoch~, sowie ~Agathodaimon~ = ~Seth~, die sich auch mit ~Orpheus~ I. und II. identifiziert finden[2819]. Vermittelt wurden diese Gleichsetzungen wohl durch die Syrer, bei denen Synkretismus und neuplatonische Mystik, namentlich seit der Einwanderung der von den „rechtgläubigen“ byzantinischen Kaisern ausgetriebenen Nestorianer[2820] überraschend schnell Boden faßten[2821]; doch ist es nicht ganz ausgeschlossen, daß sie ganz oder teilweise auch erst aus der Zeit nach der arabischen Eroberung herrühren, die nicht nur späthellenistische Pseudepigraphen aller Art mit kritikloser Gläubigkeit aufnahm, sondern sie alsbald auch mit Eifer und Geschick nachzuahmen verstand[2822].