Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
Part 31
Infolge der ungeheuren Wichtigkeit, die dem „dicere et facere mysterium“, d. h. dem Reden und Tun beim Geheimdienste, zugemessen wurde, steigerte sich in gleichem Maße auch die des ausführenden Priesters, und so kann es nicht wundernehmen, daß Ägypten allmählich zur „Hochschule“ der Betrüger, Schwindler und betrogenen Betrüger heranreifte: für die große Menge war der Priester der „Zauberer κατ’ ἐξοχήν“, der ihren Aberglauben in ausreichender Weise zu befriedigen, vor allem jedoch seinen gehörigen persönlichen Einfluß auf die Götter zu bewähren hatte[2631]. Aber auch die Gebildeteren sahen in ihm den Auserwählten, der es verstand, die Gottheiten auf die richtige Weise und mit den richtigen Worten anzurufen, unter Gebrauch der „rechten“ Beschwörungen, Zeichen, Sprüche, Intonationen, Formeln, Buchstaben, Zahlen und vor allem Namen. Die Namen sind wesentliche Bestandteile ihrer Träger, deren Macht jener erlangt, der sie weiß[2632], aber nur die „wahren“ Namen oder Beinamen sind „treffend und verpflichtend“[2633]. Daher betonen schon ~Origenes~ und die „Chaldäischen Orakel“ im 2. Jahrhundert[2634], sowie das dem ~Iamblichos~ (gest. 330) oder seiner Schule angehörende Mysterien-Buch, -- das die Dämonen-Lehre und die Kraft der Zaubermittel „mit wahrhaft scholastischer Gründlichkeit“ abhandelt[2635] --, man habe Namen und magische Worte in der ägyptischen oder chaldäischen +Ursprache+ zu kennen und +allein in dieser+ zu benützen, „da solche fremde Ausdrücke durch jede Übersetzung die Emphase und Kürze des Originals verlieren, das den Göttern auch das gewohntere und angenehmere ist“[2636]. Von dieser Kürze merkt man allerdings nichts, wenn z. B. die „Pistis Sophia“ berichtet, „die 5 großen Archonten, die die ganze Welt als solche kennt, hießen ~Zeus~, ~Aphrodite~, ~Kronos~, ~Hermes~ und ~Ares~, ihre eigentlichen und unvergänglichen (ἄφθαρτοι) Namen lauteten aber ~Chrubal~, ~Chosi~, ~Orimuth~, ~Tarpetanuph~ und ~Munichunaphor~“[2637]. Vermutlich ist anzunehmen, daß die Wirkung dieser, der Gemeinde geläufigen, aber unverständlichen Worte eine ähnliche war, wie noch heutzutage die des Amen, Sela, Hosianna und Halleluja[2638], oder die des Gottesdienstes in ausgestorbenen Sprachen, z. B. Lateinisch oder Sanskrit; auch trug man überhaupt große Scheu, an dem, was einmal für althergebracht galt, irgendwelche Veränderungen vorzunehmen, da schon der geringste Fehler in Wort oder Tat nicht nur die ganze Wirkung des Rituals zu nichte machen, sondern auch statt der gerufenen guten Geister böse (oft sogar noch in verkappter Gestalt) herbeiführen und so schreckliche Gefahren verursachen konnte[2639]. Die typische (auch in den Zauberpapyri erhaltene) Anordnung des priesterlichen Geheimdienstes umfaßt daher neben der πρᾶξις (Praxis) = Zauberhandlung und dem λόγος (Logos) = Zauberspruch stets als dritten Punkt noch die φυλακτήρια (Phylaktéria) = Schutzmittel gegen die Geister[2640], und es ist sehr wahrscheinlich, daß zu diesen auch das Locken, Beschwichtigen und Scheuchen durch tierische Laute, sowie das Schnalzen, Brüllen, Zischen, Pfeifen und Zwitschern seitens der Mysten zählten[2641].
Ein großer Teil der Gedanken, die in der Gnosis zu völliger Ausbildung gelangten, wurzelt, wie zuerst ~Anz~ überzeugend nachwies[2642], in der spätbabylonischen Verfallszeit, namentlich in der Periode, während derer sich chaldäische und persische Anschauungen zu durchdringen begannen[2643]. Demgemäß ist die Welt eine Mischung aus Licht und Finsternis, aus edlem göttlichem Geiste und gemeiner „böser“ Materie, das Machwerk eines untergeordneten, wenn nicht schlechten, so doch schwachen Demiurgen, und wenn nicht geschaffen, so doch mitbeherrscht von den Planeten-Geistern[2644]. Anfänglich scheint (wie noch im „Hirten des ~Hermas~“) jedem Planeten je ein guter und ein böser Geist, „eine Tugend und eine Sünde“, zugeteilt gewesen zu sein[2645], allmählich jedoch erhielten die nach persischer Auffassung zu Dämonen herabgesetzten „niederen Genien“ die Oberhand, die Sterngeister wurden aus guten erst zu „halbbösen“, dann zu bösen Gestalten[2646] und schließlich zu „Göttern des Verderbens“, deren Schuld die mangelhafte Weltordnung ist[2647]. An ihrer Spitze steht ~Jaldabaoth~, ursprünglich die babylonische Gottheit des bösen und vom Vermögen „hinterlistiger Täuschung“ (ἐνέδριον ψεῦδος) erfüllten Planeten ~Saturn~[2648], der daher auch dem ~Kronos~, ~Chronos~, ~Jao~ usf., besonders häufig aber dem Judengotte ~Jehovah~ gleichgesetzt wird[2649]. Die Planetengötter sind Archonten = Herrscher[2650], sie knechten die Welt, berauben die Menschen der Freiheit und befehden sie auf das bitterste[2651]; wie sie, -- schon nach ~Philo~[2652] und ~Porphyrios~ (232-304?)[2653] --, die Bewegungen und Geschwindigkeiten der Planeten störend beeinflussen und diese (nach persischer Auffassung) zur Rückläufigkeit zwingen, indem sie die guten, dem ~Ormuzd~ dienenden Lenker überfallen und einkerkern[2654], so verhalten sie sich auch gegen die Sterblichen. Ihre Schlechtigkeit und Bosheit verkörpert sich im ἀντίμιμον πνεῦμα[2655], dem „Geist des Zuwiderhandelns“, dem „Geist, der stets verneint“, dem Ἀντίθεος (Widersacher), dessen Macht furchtbar ist und selbst durch die Sakramente des „heiligen Wassers“ oder „heiligen Öles“ nur schwierig mit Erfolg bekämpft werden kann; er bringt alles Gute und Edle zu Fall, zieht das Gemeine und Verderbliche an sich und zwingt die Menschen zur Sünde oder verbindet sich doch, gemeinem (ὑλικόν, zur Hýle gehörigen) Kupfer gleichend, in ihrer Seele so mit der dem geläuterten Silber ähnelnden Kraft des himmlischen Lichtes, wie dies das Kupfer mit dem Silber in der Metallmischung der Scheidemünzen tut[2656]. Die Hýle, besonders als gestalts- und qualitätslose ὕλη ἄποιος, als neuplatonische „böse“ Materie, gilt den Gnostikern überhaupt als Symbol der Schlechtigkeit[2657], des niedrigen weiblichen Prinzips (ἡ θήλεια, Théleia) im Gegensatze zum höheren männlichen ὁ ἄρσην, Arsen)[2658], sowie der das Weltganze umfassenden „Finsternis“ und ihres Sinnbildes, der Schlange oder des Drachens, den Schweif im Munde, oder zum Knoten verschlungen[2659].
Wie die Sonne, die schon die Chaldäer eine schlangenförmige Bahn verfolgen und durch ihren Lauf auch den der Gestirne lenken lassen[2660], so sind auch die Planeten, die vom Demiurgos, dem „Herrn der zwei oberen Elemente“ (Luft und Feuer) geschaffenen Wandelsterne[2661], Träger und Erscheinungsformen göttlicher Gewalten, -- daher noch die Namen ὁ τοῦ Κρόνου (der des ~Kronos~) u. dgl. --, und beherrschen so entweder unmittelbar, oder durch Geister, die ihre und der Heimarméne „Diener“ sind, die Welt, die irdischen Dinge, die Menschen und ihre Seelen[2662]. Die Annahme von 7 Sphären und die Herabsetzung der Planetengötter zu bösartigen Dämonen führte hiernach zur Lehre von jener Siebenzahl der an die Planeten gebundenen Übel, die seither in den „7 Todsünden“ fortlebte[2663], sowie zur Vorstellung, daß die Dämonen, als Feinde und Hasser der Menschen, sie durch ihre „zugehörigen“ Übel zu verderben, oder doch zu schädigen trachten.
Nun thronen, spätpersischer Voraussetzung folgend, im obersten über den 7 Sphären gewölbten Himmel ein höchster, in synkretistischer Redeweise als „unbekannter Vater“ bezeichneter Gott, der θεὸς ὕψιστος, sowie eine analoge Göttin, für welche beide auch, in nicht ganz folgerichtiger Weise, die „Besseren der Sieben“, nämlich Sonne und Mond, als Symbole gelten[2664]. Die Göttin, offenbar Nachfolgerin der chaldäischen Himmelskönigin ~Istar~[2665], wird bald ~Sophia~ genannt, bald ~Barbelo~, d. i. ein verstümmeltes παρθένος (Parthénos, Jungfrau), bald μήτηρ (Mutter), oder ἡ ἄνο μήτηρ (Mutter in der Höhe), und nähert sich dem Typus der uralten vorderasiatischen „Magna Mater“, d. h. sie ist bald Jungfrau (πνεῦμα παρθενικόν), bald Mutter, bald ausschweifende Liebesgöttin und Buhlerin im Sinne der „~Helena~“ des ~Simon Magus~[2666]. So wie der Mond (im Griechischen weiblich σελήνη Selene = Helene) ist auch sie Herrin der Gestirne und der 7 Planeten, umgeben von männlichen und weiblichen Sterngottheiten niedrigeren Ranges, von Engeln, Lichtjungfrauen, Schicksalsfrauen und Geistern jener 7 Sphären, die den 7 übereinander liegenden Gewändern der ~Istar~ gleichen[2667], -- kurz von ursprünglich durchaus guten Genien, die erst allmählich, unter persischem Einflusse, zunächst zweifelhaften Charakter annehmen, schließlich aber das Wesen verworfener und hinterlistiger Dämonen. Der obere Himmel, die Wohnstätte des höchsten Gottes und der ~Sophia~, ist aber auch die eigentliche Heimat der Seelen, die von ihm herab in die Welt der Materie nur gelangen können, indem sie die trennenden Gewölbe der 7 Sphären durchwandern; hierbei lauern ihnen die Archonten auf und geben ihnen beim Abstiege ein jeder seine „niedrigen Eigenschaften“ mit auf den Weg, so daß sie von diesen sündigen Anlagen wie von 7 Kleidern oder Hüllen umgeben und so schon von vornherein dem Unglücke geweiht, auf Erden anlangen[2668]. Noch schlimmer aber ergeht es den Seelen, wenn sie nach der Trennung von den Leibern den Rückweg in das himmlische Heim einzuschlagen versuchen[2669]: die heimtückischen Archonten, als „Türhüter der Sphären“, stellen sich ihnen in den Weg, wehren ihnen den Einlaß, hindern sie durch Drohung und durch Gewalt die Pforten der 7 Himmel zu durchschreiten und stoßen sie erbarmungslos in die Finsternis des Abgrundes zurück[2670]. Hier bewährt sich nun an den sonst Verlorenen die Macht der Gnosis: denn +sie+ verriet ihren Anhängern die wahren Namen der Archonten, +sie+ gab ihnen Kunde von den richtigen Losungsworten und +sie+ erschloß ihnen die rechte Art der Aussprache; an solchem überirdischen Wissen bricht sich der Trotz der „Hüter“, sie sehen sich gezwungen, ihren Widerstand aufzugeben und den Seelen die Himmel zu erschließen. Was sonst +nur+ der erlösende Mittler zwischen Gott und Welt vermag, der kraft seiner zauberischen Macht durch die Reiche der Dämonen herabfährt, sie niederkämpft und wieder gen Himmel aufsteigt[2671], das leistet die Gnosis für ihre Gläubigen und erfüllt hierdurch ihre wesentlichste, wenn auch nicht alleinige Verheißung[2672]. Ein gnostisches Evangelium (verfaßt um 150 n. Chr.) schildert ausführlich die Wanderung der Seele durch die 7 Sphären in den obersten Himmel[2673], und eine späte, in der „Legenda aurea“ des ~Jacobus a Voragine~ (Bischofs von Genua, 1230-1298) erhaltene Tradition preist die oft kaum einen Augenblick währende Himmelfahrt der Gläubigen als ganz besonderes Wunder, weil im Gewöhnlichen zur Durchwanderung jeder Sphäre und jedes Himmels 5 Jahrhunderte, zur Erreichung der Himmelswölbung also 7500 Jahre erforderlich sein sollen, -- „ob das aber wirklich so zutrifft, das weiß Gott allein“, fügt der Verfasser vorsichtigerweise hinzu[2674].
Da die στοιχεῖα (Stoicheía) als +Gestirne+ und +Elemente+ Bestandteile der +Welt+, als +Buchstaben+ aber auch solche der +Worte+ sind, ergeben sich geheimnisvolle Beziehungen zwischen den Namen oder Bezeichnungen der Dinge, den Buchstaben, aus denen diese Namen bestehen, und den Zahlenwerten, die diesen Buchstaben entsprechen[2675]; da derlei Betrachtungen in den älteren magischen und koptischen Texten vom +griechischen+ Alphabet ausgehen, „dessen Zeichen kraftvoller sind“, so gelangten sie nach Ägypten wohl über griechische Gebiete[2676], denen selbst sie wieder aus dem Oriente zukamen, der alten Heimstätte der Buchstaben-Mystik[2677]. Indem deren Lehren sich mit jenen von den 7 Planeten vereinigten[2678], entstand die bereits den Neupythagoräern, dem ~Philo~[2679] und dem ~Plutarch~ (48-125)[2680] völlig geläufige Vorstellung, daß die Töne, die schon ~Platon~ die sternlenkenden „Sirenen“ hervorbringen läßt, keine anderen seien, als die 7 griechischen Vokale α, ε, η, ι, υ, ο, ω, die sich als „Mysterien der 7 φωναί (Klänge)“ zum Heptachord der Sphärenharmonie vereinen und in Beziehung stehen zu den 7 Saiten, Farben, Tagen, Himmeln, Sphären und Stufen der Erlösung[2681]. Umgekehrt rief man daher die Planetengötter durch Intonieren und Psalmodieren der 7 Vokale in allen möglichen Variationen an, -- s. das spanische insalmar = impsalmare = zaubern[2682] --, legte den aus 7 Buchstaben gebildeten, „die Sphären und ihre 7 Vokale“ umfassenden Götternamen besondere Macht bei[2683] und verfertigte auch spielerische Bilder solcher Zusammenstellungen, z. B. in Gestalt eines Eies, Herzens, Täubchens, Quadrates, oder des als Amulett u. dgl. ganz besonders wirksamen „Flügels des ~Hermes~“ (Ἑερμοῦ πτέρυξ)[2684]:
ω ω ο ο ω υ υ ω ο ι ι ο ω υ η η υ ω ο ι ε ε ι ο ω υ η α η υ ω ο ι ε ε ι ο ω υ η η υ ω ο ι ι ο ω υ υ ω ο ο ω ω
Weil aber im Griechischen die Zahlen mit Hilfe der Buchstaben ausgedrückt und geschrieben werden:
{ 1 2 3 4 5 6 7 8 9 { α β γ δ ε ϛ (Stigma) ζ η θ
{ 10 20 30 40 50 60 70 80 90 { ι κ λ μ ν ξ ο π ϙ (Koppa)
{100 200 300 400 500 600 700 800 900 { ρ σ τ υ φ χ ψ ω ϡ (Sampi),
ergaben sich Betrachtungen über die „Ziffernsummen der Worte“ fast von selbst[2685], und solche, die gewisse wichtige Zahlenwerte darstellten, mußten erhöhte Bedeutung gewinnen[2686].
Unter diesen nimmt die erste Stelle der Name ~Abraxas~ ein, der 7 Buchstaben zählt und die Zahlensumme 3α + β + ρ + ξ + σ = 3 + 2 + 100 + 60 + 200 = 365 ergibt; dies ist der Geheimname des obersten, die Macht der 7 Planeten in sich vereinenden Beherrschers der 7 Sphären und der 365 das Pleroma erfüllenden Engel, Teilgötter, göttlichen Kräfte oder göttlichen Erscheinungsformen, die nach gnostischer Lehre durch Emanation aus ihnen hervorgingen[2687]. Schon dem Kirchenvater ~Irenaeus~, der um 202 als Bischof von Lyon starb, ist dieser Name und seine Bedeutung = 365 wohlbekannt[2688], und an ~Abraxas~ scheint sich auch das berühmte Zauberwort „Abracadabra“ zu knüpfen, das aus der bereits im 1. Jahrhundert sehr entwickelten medizinischen Magie stammt und zuerst bei ~Sammonicus~ (gest. 211) nachgewiesen ist[2689], seinen hohen Ruf aber in den Kreisen der Abergläubischen bis auf den heutigen Tag unverändert bewahrt hat[2690]. Der „Urgott“ ~Abraxas~ gilt u. a. als wesensgleich mit dem Logos, mit ~Hermes~ und mit ~Thot~, besitzt die „pneumatischen Kräfte des ~Thot~“, vor allem die der Wiederbelebung Abgeschiedener (σῶμα νεκροῦ), und ist „Beherrscher des heiligen Pneumas“, aus dem die vier Stoffe der Weltordnung hervorgehen, d. s. die zu je zweien entgegengesetzten Elemente, von denen Wasser und Erde mehr körperlicher, Luft und Feuer aber mehr körperloser Natur sind[2691]; er wird ferner identifiziert mit ~Anubis~, ~Serapis~, ~Mithras~, ~Jao~, ~Zebaoth~, ~Pan~ usf., und findet sich, mit diesen Namen bezeichnet und den Sinnbildern von Schlange, Löwe, Sphinx, Affe, Käfer, Hahn u. dgl. zugesellt, auf den gnostischen Gemmen und Amuletten, deren eine sehr große Zahl auf unsere Zeit gekommen ist[2692]. Aus der Beziehung zum Sonnengott ~Mithras~ und zum Hahn als „Sonnenvogel“ erklärt es sich auch, daß man in ~Abraxas~ den hahnenköpfigen Leger des +Welteneies+ erblickte[2693]. Schon weiter oben wurde einiger hierher gehöriger Legenden gedacht, der babylonischen vom Urei, aus dem ~Ea~ = ~Oannes~, der Bringer des Lebenswassers, hervorging[2694], der vorderasiatischen vom Ei der syrischen ~Aphrodite~, das aus dem Himmel in den Euphrat fiel[2695], der ägyptischen vom Ei = Chaos[2696] und der (aus diesen entsprungenen?) orphischen vom Ei des ~Phanes~, das infolge des Umschwunges des Chaos = Chronos = Aither entstand[2697]. Sie alle flossen zusammen in der gnostischen Anschauung vom Weltenei „in den Wassern“ oder „im Schoße des Alls“, aus dem sich Himmel und Erde, ja der ganze Kosmos gestaltet[2698], und das man daher, -- der Gewohnheit der Zeit folgend, und nicht etwa auf eigene Kenntnis des ~Heraklit~ oder ~Xenophanes~ hin --, auch als ἓν καὶ πᾶν (Hen kai pan) und (nach der falschen Etymologie πᾶν = Πάν) als Symbol des Gottes ~Pan~ ansah[2699]. Besonders beliebt war der Vergleich des von ~Abraxas~ gelegten Welteneies mit dem Ei des Pfauen, das ebenfalls nur „Eines“ ist, trotz dessen aber die Anlage zu „allen 365 Farben“ und damit „zu den mannigfaltigsten, vielgestaltigen und buntesten Bildungen“ schon in sich enthält[2700].
Wie das Weltall, so besitzt auch das Ei ein Oben, eine Mitte und ein Unten und ferner mehrere den Sphären entsprechende Hüllen und Schichten, deren innerste von dem in Schlangenform eindringenden „Geist“ (oft auch von einem bösen) befruchtet wird[2701]. In allem diesem zeigen beide die auffälligste Analogie mit dem +Mutterschoße+, der geradezu ein Abbild des Kosmos, seiner Ordnung und seiner Entstehung darstellt[2702] und als „Gefilde der Entstehung“ zu bezeichnen ist, in dem die pythagoräische heilige Vierzahl herrscht, nämlich die der vier Elemente[2703]. Das Weltall ist in der Tiefe erfüllt vom Dunkel „schrecklichen Wassers“, in der Höhe von Licht, in der Mitte aber von Pneuma; Licht und Pneuma trachten, das Dunkel nach oben zu drängen, es emporzuheben „wie auf Fittigen des Adlers“, damit das Schlechte zum Guten hinstrebe, gleich der indischen Naphtha zum Feuer[2704]. Ganz ebenso enthält die Matrix in der Tiefe dunkles Wasser, in der Höhe das lichte Feuer des Lebens (den lebenden Embryo), dazwischen aber Pneuma, das die einen als Spiegelbild des Lichtes im Wasser auffassen (entsprechend dem der Außenwelt im dunklen Wasser des Auges)[2705], die anderen als den leisen Wind, der dem befruchtenden Schlängelchen gleich säuselt und dabei im Wasser „Wellen“ erregt, die Anstoß zu Bewegung und Entwicklung geben[2706]. So ordnen sich die Elemente und es entsteht, falls keine „Fehlgeburt“ störend eingreift[2707], im „Wasser“ und aus dem Wasser der Matrix das Kind[2708]; seine „Begierde“ zu entstehen nimmt aber ihren Ausgang vom Feuer, das im Blute des Mannes und Weibes zu Samen und Milch wird, -- durch μεταβολή (Metabolé) der ποιότης (Poiótes, Qualität), +nicht+ der οὐσία (Usía, Substanz) --, und sich so anfangs zur Materie und weiterhin zur Nahrung des neuen Wesens umgestaltet[2709].
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Auf die spätere, eigentlich christliche Gnosis, braucht an dieser Stelle nicht mehr eingegangen zu werden; die „phantastische Mischung“ aus paulinischen Ideen, platonisierender Religions-Philosophie, Mysterien-Praxis und orientalischer Kultweisheit ist in ihr fast unentwirrbar[2710], und das Bestreben, πίστις (Pístis, Glauben) in γνῶσις (Gnósis, Erkenntnis) zu verwandeln, führt zu bedenklichen Versuchen „spekulierender Phantasten“, die Dogmen des Christentums vorgefaßten Meinungen gemäß umzudeuten und seine Lehre zum Rahmen neuplatonischer, chaldäischer und anderer orientalischer Lehren zu modeln[2711]. Durch das Zugeständnis, daß der auch von der Gnosis verkündete Erlöser kein anderer sei als ~Christus~, sowie durch die Bemühungen, die gnostische Offenbarung durch apokryphe und pseudepigraphe Akten, Dokumente und Evangelien zu legitimieren, konnte das erhoffte Ergebnis nicht erzielt werden, da die Machwerke der Theosophen und Mystagogen allzusehr gegenüber den Schriften abfielen, in denen sich die christliche Idee mit der Weltmacht griechisch-philosophischer Gedanken edelster Art vereinigte[2712]. So verblieb denn auf diesem Gebiete nach ~Deussen~ nur eine einzige dauernde Nachwirkung, die der unwiderleglichen Behauptung der Gnostiker, daß es in einer Welt, die das Werk eines allgültigen, allweisen und allmächtigen Gottes wäre, einer Erlösung nicht bedürfte[2713].
g) Der Mithrasdienst.
Wie die durch ~Winckler~ zu Boghazkiöi in Kleinasien aufgefundenen hethitischen Inschriften aus der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrtausendes ersehen lassen, gehörte ~Mithra~, neben ~Varuna~ und ~Indra~, schon in dieser Zeit der ältesten datierbaren Zeugnisse iranischer Sprache und Religion zu den wichtigsten Göttern uralter, noch vorzoroastrischer Herkunft[2714]. Ursprünglich galt ~Mithras~ anscheinend als Herr der himmlischen Tageshelle und so, als ein bloßer Lichtgott, an sich keineswegs für ebenbürtig dem Weltherrscher ~Ahuramazda~ (~Ormuzd~ = ~Zeus~) und dem Gotte der unendlichen Zeit ~Zervan~ (= ~Chronos~ = ~Kronos~ = ~Aion~), vielmehr beruhte seine hervorragende Bedeutung darauf, daß der Lichtgott auch Luftgott war und als solcher der „Mittler“ zwischen Himmel und Unterwelt, ~Ormuzd~ und ~Ahriman~[2715]. Im System ~Zoroasters~ ist er ein guter Genius, ein „Erlöser“, da er u. a. die Gerechten gegen die Dämonen schützt und sie in das Paradies geleitet[2716]. Die Periode der chaldäisch-persischen Verquickung identifiziert ihn mit ~Samas~, dem Sonnengotte und Beherrscher der 7 Planeten, und erhebt ihn hierdurch zwar nicht zur obersten Gottheit, aber zu einer der hauptsächlichsten und den obersten verbündeten[2717]; seine Verehrung, bis dahin immer noch eine heterodoxe Abzweigung der iranischen Religion, nimmt aber erst beim Übergange in den Okzident den Charakter eines Mysterien-Kultes an[2718].
In die eigentliche griechische Welt hatte ~Mithras~ niemals Eingang gefunden; erst die späthellenistische betrachtete ihn zunächst als Vater des ~Helios~ und dann, „da Vater und Sohn Eines sind“, als ~Mithras-Helios~ oder als ~Helios~ (Sonne) selbst, als den allmächtigen unüberwindlichen Sonnengott (Ἥλιος ἀνίκητος; Sol invictus)[2719], identisch mit ~Apollon~, aber auch mit ~Hermes~, ~Jahweh~, ~Jao~ und anderen Gottheiten der synkretistischen Zeit[2720]. Seinen Dienst verband sie teils mit den älteren griechischen Lehren von den Sternen als gottbeseelten Wesen, teils mit den jüngeren neupythagoräischen vom heiligen Lichte als Sinnbilde der unsichtbaren Gottheit[2721] und knüpfte ihn an wiedererweckte uralte Riten, wie Abhaltung in Höhlen, Benützung tierischer Masken und Laute, gefährliche Prüfungen und geheime Weihen, u. dgl. mehr[2722]. Diesen ausgesprochenen Charakter eines fremdländischen Geheimkultes behielt der Mithrasdienst unentwegt mit nachdrücklicher Schärfe bei; da sich ihm aber infolgedessen das ganze Gebiet des gebildeten Hellenismus verschloß, blieben seine Anhänger allezeit eine „kulturlose Sekte“, die sich nur aus den untersten Volksschichten ergänzte[2723]. Einen außerordentlichen Aufschwung nahm er in Ägypten und im Orient zur Zeit der großen römischen Annexionen in Kleinasien, also gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr., und zwar hauptsächlich unter den römischen Soldaten und niedrigen Beamten[2724], die ihn seither mit erstaunlicher Geschwindigkeit durch fast das ganze römische Weltreich ausbreiteten. Das meiste hierzu trug die Huld der Kaiser im 3. Jahrhundert bei, die wie ~Septimius Severus~ (193-211), ~Heliogabalus~ (218-222), ~Severus Alexander~ (222-235) und schließlich ~Aurelianus~ (270-275) den „Sol invictus“ in die römische Staatsreligion aufnahmen[2725] und die völlige Umwandlung des von ~Augustus~ nach römischem Begriffe geschaffenen „Principates“ in die absolute Monarchie „von Gottes Gnaden“ nach orientalischem Geiste vollzogen[2726]: für sie war die Sonne der Regent der das Schicksal bestimmenden Sterne, daher das königliche Gestirn, das die Auserwählten zu Herrschern erhebt, sie an seiner eigenen Gottheit teilhaben und als deren Emanation ihre Stellvertretung auf Erden übernehmen läßt, endlich ihnen auch das Recht verleiht, sich die „Strahlenkrone“ auf das Haupt zu setzen, wie sie im Orient bereits der ptolemäische und seleukidische König getragen hatte, und in Rom zuerst ~Nero~[2727].