Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 28

Chapter 283,163 wordsPublic domain

Grundlage aller dieser Zusammenstellungen ist eine, jedenfalls schon den Chaldäern geläufige Anschauung, auf die bereits ~Philo~, ~Plinius~[2355] und ~Artemidoros~ (135-200)[2356] hindeuten, und die ~Firmicus~, aus hellenistischen Astrologen schöpfend, mit den Worten wiedergibt[2357], Sonne, Mond und Sterne seien Maler, die die ihnen eigenen Farben auch auf jene Dinge und Wesen übertragen, die sie beeinflussen, so daß z. B. ~Saturn~ die dunkelfarbigen und schwarzen Menschen hervorbringe, ~Mars~ die rötlichen, der Mond die hellfarbigen und weißen usf., -- indem die vier Elemente, aus denen Mikro- und Makrokosmos in gleicher Weise bestehen, entsprechende Veränderungen oder Mischungen erfahren[2358]. In völlig gleichem Sinne äußern sich die späteren Überlieferungen: nach des ~Proklos~ Kommentar zu ~Platons~ „Timaeus“ (5. Jahrhundert) lassen die Strahlen der Sonne in der Erde das Gold entstehen, die des Mondes das Silber, die des ~Mars~ das Eisen, die des ~Saturn~ das Blei[2359]; gemäß der arabischen Enzyklopädie der „Lauteren Brüder“ (10. Jahrhundert) erzeugt jeder Planet, seiner Farbe entsprechend und je nach den näheren Verhältnissen seiner Stellung und Bewegung, gewisse gleichfarbige Pflanzen, Mineralien, Metalle usf.[2360]; die Quellen, die dem „Steinbuche des ~Aristoteles~“ zugrunde liegen, teilen „laut ~Aristoteles~ und ~Ptolemaios~“ jedem Planeten „+seinen+ Stein, in +sein+ Metall gefaßt“, zu, bei der richtigen Konstellation mit den richtigen Inschriften und Bildern graviert[2361]; eine unter dem Namen „Causa causarum“ bekannte syrische Enzyklopädie des 11. oder 12. Jahrhunderts meldet, daß sich „den Alten gemäß“ die Natur der Planeten in ihren Strahlen zeige, denen ganz bestimmte Einflüsse zukämen, mit Ausnahme derer des ~Merkur~, weil dieser bereits selbst „gemischter“ (= androgyner) Art sei und sich daher den wechselnden Wirkungen der benachbarten Wandelsterne anpasse[2362]. Sie berichtet ferner[2363], -- und zwar in Übereinstimmung mit anderen Kompilatoren desselben Zeitalters, z. B. ~Maimonides~ (1135 bis 1204) und ~Schahrastani~ (gest. 1153)[2364] --, daß man aus bestimmten, den Planeten entsprechenden Materialien von der richtigen Farbe, z. B. aus Gold, Silber oder Erz (Bronze), auch deren Idole, ferner Bilder und Statuen der Sterngötter, sowie noch andere „Teufelswerke“ anfertige, deren Verehrung und Anbetung schwere Sünde und auch insoferne ganz fruchtlos sei, als die Planeten überhaupt nicht „bewirken“, sondern nur „ankündigen“.

Betreff der 7 +Metalle selbst+, sowie ihrer +Zugehörigkeit zu den einzelnen Planeten+ bleiben mannigfache Zweifel bestehen[2365]. Eine der ältesten Aufzählungen scheint die bei ~Pausanias~ zu sein[2366], der gegen 200 n. Chr. eine „Beschreibung von Hellas“ verfaßte, die fast nur aus den Schriften weitaus (oft bis um mehrere Jahrhunderte) früherer Vorgänger zusammengestellt ist, jedoch den Anschein erregen soll, als lägen ihr eigene Reisen und Wahrnehmungen zugrunde; bei der Schilderung der Quelle des Styx in Arkadien und ihres unglaublich kalten und scharfen Wassers erwähnt nun ~Pausanias~, daß dieses u. a. auch alle Metalle auflöse, und nennt als solche Blei, Kupfer, Elektron, Zinn, Eisen, Silber und Gold[2367]. Für das Alter dieses Verzeichnisses spricht namentlich die Erwähnung des Elektrons, das kein einfaches Metall, sondern eine Silber-Gold-Legierung ist und als solche seit langen Jahrhunderten bekannt war, so daß die Einfügung unter die übrigen auf eine Zeit zurückweist, in der sein natürliches Vorkommen noch unvergessen, vielleicht aber auch seine Verwendung (etwa zu kultischen Zwecken?) noch nicht abgekommen war. Der Astrologe ~Vettius Valens~ (2. Jahrhundert) reiht den Planeten ebenfalls Blei, Kupfer, Elektron, Zinn, Eisen, Silber und Gold zu[2368]. Aus diesen nämlichen 7 Metallen (nebst Edelsteinen und Perlen) ließ ~Constantin der Grosse~ den herrlichen Prunktisch in der Sophienkirche anfertigen[2369], aus ihnen bestehen nach einer in der syrischen Übersetzung des ~Zosimos~ erhaltenen Tradition die Tore im „Tempel der 7 Planeten“, die als Tore der 7 Himmel aufzufassen sind[2370], und ebenso führen sie ein alexandrinischer Scholiast zu ~Pindar~, ferner ~Olympiodoros~, sowie auch die Quellen des Buches „Causa causarum“ auf (s. unten).

Was die Zuordnung zu den +einzelnen+ Planeten anbelangt, so gibt Reihe 1 der nachstehenden Tafel sie nach ~Kelsos~ (um 150 n. Chr.) an, dessen christenfeindliche Schrift „Das wahre Wort“ nur durch die ausführliche Widerlegung des ~Origenes~ bekannt, aus dieser aber ziemlich vollständig wieder herstellbar ist[2371]; Reihe 2 nach dem Astrologen ~Vettius Valens~ (2. Jahrhundert)[2372]; Reihe 3 nach einem bei ~Eustathios~ zitierten alexandrinischen Scholiasten zu ~Pindars~ „Isthmischen Siegesgesängen“ (V, 2)[2373]; Reihe 4 nach ~Olympiodoros~, der dabei des ~Proklos~ Kommentar zur „Meteorologie“ (Buch III) des ~Aristoteles~ folgt[2374]; Reihe 5 nach ~Stephanos~ von ~Alexandria~ (7. Jahrhundert)[2375]; Reihe 6 nach dem „Steinbuche des ~Aristoteles~“[2376]; Reihe 7 nach dem syrischen Buche „Causa causarum“[2377]; Reihe 8 nach einer arabischen Aufstellung gegen 900, die Sekte der Ssabier betreffend (s. über diese weiter unten)[2378]; Reihe 9 nach einer späteren, vermutlich arabischen Überlieferung[2379]:

Saturn Jupiter Mars Sonne Venus Merkur Mond φαίνων φαέθων πυρόεις ἥλιος φωσφόρος στίλβων σελήνη -----------------------------------------------------------------------

1. Blei Bronze Mischmetall Gold Zinn Eisen Silber (Kupfer?) (κρᾶμα)

2. Blei inn Eisen Gold Kupfer Elektron Silber [Queck- silber]

3. Blei Elektron Eisen Gold Kupfer Zinn Silber

4. Blei Elektron Eisen Gold Kupfer Zinn Silber

5. Blei Zinn Eisen Gold Kupfer Queck- Silber silber

6. Blei Messing Eisen Gold -- Elektron Silber (Bronze?)

7. Blei Zinn Eisen Gold Kupfer Elektron Silber [Queck- silber]

8. Blei Zinn Eisen Gold Kupfer -- Silber

9. Blei Zinn Eisen Gold Kupfer Queck- Silber silber

Will man davon absehen, allerlei zwar sehr mögliche, aber nicht mit Bestimmtheit nachweisbare „Irrtümer“ und „Verwechslungen“ vorauszusetzen und durch deren Verbesserung die erwünschte Übereinstimmung herzustellen, so muß man zugestehen, wie dies schon im 17. Jahrhundert ~Borrichius~ tat[2380], daß wohl von Anfang an „keine Einigkeit bei der Verteilung herrschte“. Als „Führer“ dienten jedenfalls die uralten Vergleiche Sonne = Gold, Mond = Silber[2381], denen dann an Allgemeinheit ~Kronos~ = Blei und ~Ares~ = Eisen am nächsten kommen. Die übrigen Zuweisungen schwanken schon bei den angeführten und noch mehr bei einzelnen anderen Angaben[2382] ganz erheblich: für ~Aphrodite~ stehen Zinn und Kupfer (Bronze?) in Frage, für ~Zeus~ neben Kupfer (Bronze?) Zinn, Elektron und Messing (?) auch noch Silber, Erz, Gold und „Mischmetall“, für ~Hermes~ neben Eisen, Elektron, Zinn und Quecksilber auch Kupfer, für ~Ares~ neben Mischmetall auch Kupfer, für den Mond neben Silber auch Krystall oder Glas, -- das ursprünglich (als Rohglas) stets grün war und daher auch mit der grünen Farbe vereinbar ist, die dem Monde zuweilen zugeschrieben wurde (s. oben). Im einzelnen stimmen indessen auch die Farben der Planeten mit denen ihrer Metalle oder Mineralien keineswegs streng überein: kann man allenfalls noch Mond = Stimmi (Schwefelantimon, Grauspießglanzerz) angesichts des schön weißen Glanzes dieses Erzes zulässig finden, so sind doch Gleichsetzungen wie Sonne = Sapphir, ~Jupiter~ = Beryll, ~Saturn~ = Klaudianos (eine in der Regel als goldähnlich beschriebene Legierung)[2383] nicht ohne weiteres begreiflich und ebensowenig die von dem arabischen Astrologen ~Abu Maʿschar~ (9. Jahrhundert) überlieferte ~Merkur~ = Smaragd[2384].

Das „Mischmetall“ (κρᾶμα), das ~Kelsos~ dem ~Ares~ zuschreibt, ist nicht, wie das verschiedentlich geschah, als Elektron zu deuten, vielmehr handelt es sich bei ihm wirklich um eine der aus Gemengen aller sieben oder doch möglichst vieler Metalle zusammengeschmolzenen Legierungen, wie sie besonders bei den Persern dauernd in Gebrauch und Ansehen blieben (s. unten); der Bericht des ~Kelsos~ knüpft aber an den Mithrasdienst an[2385], schöpft also aus persischen Überlieferungen, und sein ~Ares~ ist vermutlich nur der Stellvertreter des persischen Kriegsgottes (?) ~Schahréwar~, der im jüngeren Avesta „Herr der 7 Metalle“ heißt[2386], der nämlichen, die nach einer spätpersischen Legende aus den Gliedern des sterbenden Urmenschen ~Gayomard~ entstehen[2387] und bei der iranisch beeinflußten Sekte der Mandäer (im Tigrisdelta) die 7 Schichten oder (flachen) „Ambosse“ des Erdkörpers bilden[2388].

Das Eisen wurde nach ~Kelsos~ dem ~Hermes~ zugeeignet, weil beide ausdauernd, beharrend und jeder Mühsal gewachsen sind, das Elektron aber nach dem Buche „Causa causarum“, weil es sich, ganz wie der (androgyne) ~Hermes~ den anderen Sternen, so den anderen Metallen anpaßt, sich mit ihnen verbindet und dabei seine und ihre Natur verändert[2389]. ~Abu Maʿschar~ (9. Jahrhundert) will wissen, daß erst die Perser dem ~Hermes~ das Zinn beigaben, das Elektron (διάργυρον) aber dem ~Zeus~[2390]; indessen sind derlei Angaben wenig zuverlässig, wie denn z. B. der syrische Lexikograph ~Bar Bahlul~ (um 950), der meist sehr gute Quellen benützte, bestimmt behauptet, die Verbindung des ~Zeus~ mit dem Zinn stamme schon aus der Zeit des „alten babylonischen Heidentumes“[2391]! In Wirklichkeit dürfte aber die Übertragung des Zinns von ~Hermes~ auf ~Zeus~ mit der Zuteilung des Quecksilbers an ~Hermes~ zusammenhängen, betreff derer hier vorerst nur erwähnt sei, daß sie in weit neuerer Zeit erfolgte[2392], -- nämlich etwa im 4. Jahrhundert, nach Entdeckung der Destillation des Quecksilbers.

In der Regel ist indessen Eisen das Metall des ~Ares~, und die Anspielungen hierauf sind zahlreich und alt; schon ~Didymos~, der zu Beginn unserer Zeitrechnung die Ilias kommentierte, nennt ~Ares~ den Stern des Eisens[2393]. Nach neupythagoräischen Anschauungen[2394] steht das dunkle, krieg- und verderbenkündende Eisen auch dem Reiche der Unterwelt nahe, während Gold, Silber und Erz der Höhe, Mitte und Tiefe des Weltalls beizuordnen sind, das Kupfer aber Beziehungen zum „göttlichen Pneuma“ haben soll (weshalb es manche auch dem ~Hermes~ zuteilen). Bei ~Artemidoros~[2395] bedeutet ein Traum vom ~Mars~, daß dem Träumenden eine chirurgische Operation mittels eiserner Instrumente bevorstehe.

Das Blei gilt als Metall des Planeten ~Kronos~ (~Saturn~), und weil dieser nach dem Gotte ~Kronos~ genannt ist, schreibt man auch ihm eine bleiche, kalte, greisenhafte, langsame, mißgünstige, geizige, schädliche und namentlich auch feuchte Natur zu, denn wie schon den Orphikern und daher dem ~Platon~ (im Dialoge „Kratylos“), so ist vor allem den Stoïkern ~Kronos~ der „Herr der ῥεύματα“, d. h. des Nassen und Feuchten[2396]. Wie aber ~Kronos-Chronos~ schon als ταρταροῦχος = Herr der Unterwelt und des Totenreiches, sowie als κακοδαίμων (Kakodaemon)[2397] Unglück und Verderben bringt, so tut dies auch sein Planet, und eben deshalb auch das „saturnische Metall“, das Blei[2398]. Daher fertigt man aus diesem die sog. „Fluchtafeln“ an, die man, beschrieben mit dem Namen des zu Schädigenden, mit dem Übel, das man ihm zufügen will, sowie mit den Namen und Zeichen der Planetengötter oder Dämonen, die den Fluch vollstrecken sollen, in der Erde vergräbt, -- worauf dann die Folge nicht ausbleiben kann[2399], da das dunkle Blei die bösen Geister ebenso heranzieht, wie z. B. das leuchtende Silber oder die glänzende Bronze sie vertreiben[2400]; auf Grund ähnlicher Anschauungen wird auch Saturn mit Nemesis in Verbindung gebracht, während dem ~Jupiter~ Níke (Sieg) zukommt, dem ~Mars~ Tólma (Mut), der Sonne Daímon, der ~Venus Eros~, dem ~Merkur~ Anánke (Notwendigkeit) und dem Monde Týche (Zufall)[2401]. Endlich dient das Blei auch mit zur Bestrafung der sündigen Seelen im Tartaros, wobei sich die Vorstellung von seiner so besonders „kalten“ Natur in höchst bezeichnender Weise geltend macht; während nämlich sonst dem ~Saturn~ als Emblem z. B. eine bleierne Vase zugeschrieben wird, aus der sich ein Strom kalten Wassers ergießt[2402], -- so noch zu Anfang des 5. Jahrhunderts in ~Marcianus Capellas~ Schrift „Hochzeit des ~Merkur~ mit der Philologie“[2403], die ~Diels~ treffend einen „philologischen Karneval“ nennt --, meldet ~Plutarch~ (2. Jahrhundert)[2404], daß sich im Hades drei Seen von +geschmolzenem+ Gold, Eisen und Blei befänden, der letztere von solcher +eisiger Kälte+, daß er die hineingetauchten Frevler gleich Hagelkörnern erstarren macht!

In altem, wenn auch nicht (nach ~Jeremias~)[2405] bis in die babylonische Frühzeit zurückreichendem Zusammenhange mit den Metallen der Planeten scheint deren Verbindung mit den +Weltaltern+ zu stehen. Die Lehre von 7 aufeinander folgenden, von ~Saturn~ anfangend durch je einen der Planeten beherrschten und durch deren Metalle charakterisierten Zeitaltern[2406] dürfte einer Verquickung chaldäischer und iranischer Ideen entsprungen sein. Nach einer persischen, noch in einem der apokryphen „~Henoch~“-Bücher (s. unten) erhaltenen Überlieferung werden die aus sechs verschiedenen Metallen bestehenden „Berge der Erde“ zuletzt vor der Macht und Herrlichkeit des „Auserwählten“ dahinschmelzen, d. h. die sechs ersten Weltreiche dem siebenten eines Messias Platz machen[2407], und bei dem durch einen feurigen Kometen herbeigeführten Weltenende sollen die „Metalle der Erde“ in der Glut zerfließen und durch ihre Ströme die Sünder verzehren, „den Frommen aber nicht anders, denn laue Milch erscheinen“[2408]. Derlei Gedanken sind seit den letzten Jahrhunderten des Altertums weit verbreitet: die Mandäer zählen 7 planetarische Weltperioden; die „Sibyllinischen Schriften“ sprechen von den nach den Metallen benannten Weltreichen, die von 7 Sonnen in den entsprechenden Farben erleuchtet werden; 7 „Regenten“ kennt die „Apokalypse ~Johannis~“; in einer spätpersischen Apokryphe des 5. oder 6. Jahrhunderts dient als Symbol der Weltentwicklung ein Baum mit 7 Zweigen aus Gold, Silber, Kupfer, Erz (nach Anderen Eisen), Blei (nach Anderen Stahl), Zinn und Mischmetall[2409]; endlich erwähnt auch der ~Virgil~-Kommentar des ~Servius~ (5. Jahrhundert) sechs nach ihren Metallen bezeichnete Zeitalter, die er die Cumäische Sibylle verkünden läßt[2410]. Ist „Sibylle“ wirklich vom babylonischen Worte Sibiltu (Subultu) abzuleiten, das ursprünglich „Ähre“ geheißen haben soll und späterhin auch das Sternbild der „Jungfrau“ bedeutete, welche hochwichtige babylonische Göttin mit einer Ähre in der Hand abgebildet wurde[2411], so hätte dieser Name eine deutliche Spur der orientalischen Herkunft des ganzen Anschauungskreises bewahrt.

Da der Mikrokosmos keinen anderen Gesetzen als der Makrokosmos unterliegen kann, ergaben sich in Parallele mit den 7 Zeitaltern die von den Planeten beherrschten 7 menschlichen Lebensstufen[2412]. Reichen auch die Hauptlehren über den Einfluß der Planeten auf „alles Menschliche“, auf Alter und Lebensjahre, auf Leib und Seele, ja auf alle einzelnen Körperteile und Glieder, bis auf ~Petosiris~ und ~Nechepso~ zurück[2413], so sind doch einzelne Ausgestaltungen erst späthellenistisch, so z. B. die auf Triebe und Vermögen, die auf Empfindungen und Geschmäcke[2414], vor allem aber die auf die sog. Stufenjahre bezüglichen[2415]; das Wichtigste unter diesen war das 63. Lebensjahr, das für ganz besonders bedeutsam und bedenklich galt, da die schon an sich sehr „ominösen“ Zahlen 7 und 9 offenbar ein in noch weit höherem Grade verdächtiges Produkt liefern mußten.

d) Apokryphen und Pseudepigraphen.

Von der in den vorstehenden Abschnitten erörterten Geistesrichtung erfüllt erweisen sich auch zahlreiche der Apokryphen und Pseudepigraphen des alten und neuen Testamentes, sowie einige ihnen dem Herkommen nach nicht beigezählte, jedoch inhaltlich nahestehende Schriften; nur auf einige der wichtigsten soll an dieser Stelle hingewiesen werden.

Das „Buch ~Henoch~“, das zum Teil in griechischer und altslavischer Sprache, am vollständigsten und ausführlichsten jedoch in äthiopischer vorliegt[2416] und zuerst wohl während der Zeit zwischen 167-64 v. Chr. verfaßt, in das Äthiopische aber erst im 5. Jahrhundert n. Chr. übersetzt wurde, beschäftigt sich mit dem „Propheten“ ~Henoch~, einem der (nach ursprünglich +nicht+-israelitischer Tradition) vorsündflutlichen Patriarchen, der als Erfinder von Sternkunde und Geheimwissenschaft, Schrift und Rechenkunst gilt, ferner als Kenner und Beherrscher aller Verborgenheiten der irdischen und himmlischen Welt, sowie als Weiser und Verkünder aus grauer Urzeit[2417]. In diesen Eigenschaften feiern ihn auch das aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. stammende „Buch der Jubiläen“[2418], sowie das zuerst gegen 50 v. Chr. niedergeschriebene, dann aber um 90 n. Chr. stark umgearbeitete sog. „4. Buch ~Esra~“[2419]. Der Titel „Schreiber des Wissens des Höchsten“, den er in letzterem führt, erinnert an den in den Visionen ~Ezechiels~ vorkommenden „Schreiberengel in der Mitte der sechs übrigen“, der kein anderer ist, als der babylonische ~Nabu~, der als Gott des Wissens und der Schreibkunst „das Schreibrohr hält“ und tatsächlich in der Aufzählung der Götter „~Samas~, ~Sin~, ~Nergal~, ~Nabu~, ~Marduk~, ~Istar~, ~Ninib~“ die Mittelstellung einnimmt[2420]. Da indessen das Buch ~Ezechiel~ zwar aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert herrührt, jedoch zahlreiche, zum Teil bis in späte Zeiten herabreichende Abänderungen und Einschiebungen aufweist, so können Vergleiche überhaupt nur unter allem Vorbehalt gezogen werden, besonders aber solche, die auch die äthiopische Übersetzung des ~Henoch~ betreffen sollen, da diese erst gegen 500 angefertigt und nur in Handschriften des ausgehenden 15. Jahrhunderts erhalten ist.

Eingehende Kenntnis der chaldäischen und persischen Anschauungen über Sternkunde verrät jedenfalls der ganze „astronomische Abschnitt“ des äthiopischen ~Henoch~[2421], die Erwähnung der 7 Planeten und ihrer „Führer“[2422], die Vergleichung der 7 Planeten mit großen brennenden Bergen (in babylonischem Sinne = bösen Geistern)[2423] sowie die Vision von den „im Himmel verborgenen“ Bergen aus sechs Metallen, „die schmelzen und vor dem Gerechten gleich Wachs sein werden“. Als Namen der Metalle führt eine Stelle an: Eisen, Kupfer, Silber, Gold, weiches Metall, Blei[2424], eine zweite: Eisen, Kupfer, Silber, Gold, Zinn, Blei[2425], und eine dritte: Gold, Silber, Zinn, Eisen, weiches Metall[2426]; die letztere zeigt, daß unter dem „weichen Metall“ nicht Zinn verstanden sein kann, da sie beide nebeneinander aufzählt, doch gibt auch die Übersetzung „Tropfmetall“[2427] keinen genügenden Aufschluß, um so mehr, als die Deutung auf das schon an sich flüssige Quecksilber keine Wahrscheinlichkeit bietet. Angesichts der über allen Einzelheiten schwebenden chronologischen Unsicherheit kann man die ganze Stelle nicht, wie das wohl geschehen ist, als die älteste auffassen, die Weltalter und Planeten-Metalle in Zusammenhang bringt.

Nach der zwischen 100 und 50 v. Chr. verfaßten „Weisheit ~Salomonis~“[2428] besaß König ~Salomon~ Einsicht in „das System der Welt und die Kraft der Elemente“, von denen Feuer und Wasser, Luft und Wind, neben Himmel und Sternen Vielen als Götter gelten[2429]. Das System der Welt aber schuf Gott aus dem gestaltlosen (Ur-)Stoffe, alles ordnend nach Maß, Zahl und Gewicht[2430], denn durch die verschiedenartige Vereinigung der Elemente (στοιχεῖα, Stoicheía) brachte er das Mannigfaltigste ganz ebenso hervor, wie die Musen aus den wenigen Klängen des Saitenspieles die Gesamtheit der wechselvollsten Melodien zusammenfügen[2431]. -- Im nämlichen Sinne berichten auch die christlichen Abschnitte der „Sibyllinen“ (um 150 n. Chr.), daß bei der Schöpfung alle Elemente, dem Befehle Gottes folgend, ebenso sich sammelten und vereinigten, wie sie am Ende der Tage sich wieder verlieren und die Welt öde zurücklassen werden[2432]; im „Hirten des ~Hermas~“ heißt es desgleichen, die Welt sei zusammengefügt aus den vier Elementen und stehe auf ihnen fest, wie eine Bank auf ihren vier Beinen[2433].

In den sog. „Oden ~Salomons~“, die aus jüdisch-mystischen Kreisen etwa zwischen 50 und 67 n. Chr. hervorgingen und um 100 n. Chr. eine Umarbeitung in christlichem Sinne (aber noch ohne gnostische Einflüsse) erfuhren[2434], wird die Welt geschildert als bestehend aus oberen und unteren Orten, Höhen und Niederungen, in deren Mitte sich die Dinge befinden[2435]; im tiefsten Grunde liegt das finstere Chaos, in dieses sinken die schwerlastenden Materien (Hýlai) wie Blei hinab[2436], sammeln sich dort an, werden zwecks Erneuerung aufgelöst und durch das „Wasser des Herrn“ wiederbelebt und schweben dann geläutert zum Licht, d. h. nach oben, so daß auch τὰ κάτω (die unteren Dinge) τὰ ἄνω (zu oberen) werden und schließlich „alles oben ist“, d. h. bei Gott oder im Herrn[2437]. So wird also die ganze Welt zur Vernichtung geführt, um sie aufzulösen, zu erneuern und das Tote aufzuwecken durch das „lebendige, unsterbliche Wasser des Herrn“[2438]; auch die Seelen steigen hierbei aus der Finsternis der Hölle und dem Rachen des Todes empor zu Licht und Leben, aus dem Rauche des Abgrundes „durch den Tau des Herrn“ zur Wolke des Friedens[2439].

Das schon weiter oben erwähnte Werk des ~Kelsos~, „Das wahre Wort“ (um 150), bezeichnet als den ehrwürdigsten und machtvollsten Teil des Himmels Sonne, Mond, Wandel- und Fixsterne, deren göttliche Natur sie zu himmlischen Boten, zu sichtlichen Herolden der oberen Dinge geeignet erweist[2440]; die 7 Planeten schweben in den 7 Himmeln, geleitet und beherrscht von guten und bösen Engeln, welche letzteren die Gestalten von Löwe, Stier, Drache, Adler, Bär, Hund und Esel besitzen[2441]. -- In ähnlicher Weise sprechen von den 7 Himmeln die Erzählungen „Testamente der 12 Patriarchen“ und „Leben ~Adams~ und ~Evas~“ (1. bis 2. Jahrhundert)[2442], das „Martyrium ~Jesaias~“ (2. Jahrhundert)[2443] und die „Apokalypse des ~Baruch~“ (griechisch und syrisch, 2. Jahrhundert)[2444], in der auch von den Himmeln und ihren Toren aus Eisen, Erz usf. die Rede ist[2445].