Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 29

Chapter 293,303 wordsPublic domain

Die Grundschriften, jedenfalls aber die jetzt vorliegenden Redaktionen der angeblich von ~Clemens Romanus~ herrührenden (Pseudo-)Clementinen und Homilien sind nicht schon gegen 150 verfaßt, wie noch ~Langen~[2446] und ~Soltau~[2447] voraussetzten, sondern nach ~Krüger~[2448], ~Harnack~[2449], ~Heintze~[2450], ~Jülicher~[2451] und ~Bousset~[2452] erst um 250-260, ja was die Homilien betrifft, nach ~Harnack~ vielleicht sogar noch erheblich später. Den vielfach von iranischen Anschauungen beeinflußten Lehren des ~Clemens Romanus~[2453] zufolge ist Gott der Schöpfer der vier οὐσίαι (Usíai) heiß, kalt, trocken, feucht[2454], er hat die πρώτη ὕλη (Urmaterie) vierfältig und nach Gegensätzen gestaltet, durch ihn wird Luft zu Wasser, Wasser zu Erde, Erde zu Feuer (beim Aneinanderschlagen der Steine)[2455], und durch ihn gehen aus den vier Elementen vermöge der μῖξις (Míxis) die verschiedenen Arten der κράσεις (Kráseis, Gemische) hervor[2456], unendlich an der Zahl und doch alle zusammenstimmend, da der gesamte Kosmos „nur als +ein+ großes Tier (Lebewesen) zu betrachten ist“. Ursprünglich glich eben, der Lehre des ~Orpheus~ gemäß, das Chaos einem Ei, das alle Elemente in noch einheitlicher ungeformter Mischung einschloß, aber fähig zur Gestaltung der ganzen Welt, -- geradeso, wie das Ei des Pfauen schon die Anlage zu jeglicher Buntheit des fertigen Vogelgefieders in sich enthält. Unter dem Einflusse des göttlichen Pneumas (πνεῦμα θεῖον) entwickelte sich in jenem Chaos-Ei ein Mannweibliches (ἀρῥενόθηλυ), ~Phanes~ genannt, und stieg in ihm nach oben, während die restliche unverbrauchte Materie in die Tiefe sank und „~Pluton~“ geheißen wird, weil dieser der König der Toten ist[2457]. Sie kann wiederbelebt werden durch das „Wasser des Lebens“, doch darf dieses Mysterium nicht entweiht werden, und das Buch, das darüber berichtet, ist auf das strengste geheim zu halten und nur dem eigenen Sohne zu überliefern[2458].

Zu den merkwürdigsten der höchst abenteuerlichen Begebenheiten, deren Zeuge ~Clemens Romanus~ in Syrien gemeinsam mit dem von ihm aufgesuchten hl. ~Petrus~ gewesen sein will, zählt das Zusammentreffen mit ~Simon Magus~, über dessen dem Christentume feindseliges Auftreten schon die „Apostelgeschichte“ berichtet, der aber erst in etwas späterer Zeit (namentlich bei den Gnostikern) zu einer geradezu führenden Stellung als „Erz-Ketzer und -Zauberer“ und „Vorbild aller Verworfenen und Abtrünnigen“ gelangte[2459]. Mit Hilfe der Magie, die es ihm u. a. ermöglichte, die „Buhlerin“ ~Helena~ in ein weibliches Abbild zu bannen und mit sich zu führen[2460], sich in eine Schlange, eine Ziege, ein Wesen mit zwei Gesichtern und in Gold zu verwandeln (μεταβάλλειν)[2461], unendlichen Reichtum zu gewähren usf., vermochte er auch ein künstliches Menschlein (= homunculus) darzustellen[2462]: zu diesem Zwecke ließ er eine Vorrichtung, einem Schröpfkopfe gleichend, menschliches Pneuma anziehen[2463], führte das Pneuma in Wasser und das Wasser in Blut über, ließ dieses erst gerinnen und dann zu festem Fleische werden[2464], und erhielt so einen Menschen, den er auf dem umgekehrten Wege auch wieder in Luft aufzulösen vermochte.

e) Hermes und die Hermetik.

Der Name ~Hermes~ leitet sich nach ~Ed. Meyer~ ursprünglich von ἕρμα (Hérma) ab, dem an Weg und Weide errichteten Stein-Kegel oder -Haufen, der dem Beschützer der Herden und Straßen gilt, später zur Steintafel, und zuletzt, durch Andeutung von Kopf und Geschlechtsteilen, zur Halbstatue, zur Herme wird. Als Hirt ist ~Hermes~ ein Heilkundiger, ein verschlagener und auf Gewinn bedachter Betrüger, ein hurtiger Läufer, gewandt auch im Finsteren und daraufhin ein Herr des Schlafes und der Träume, der auch mit der dunklen Unterwelt in Verbindung steht[2465]. ~Hermes~ ist aber ferner, und vielleicht im Zusammenhange mit dem Amte des Herdenschutzes, ein Wind-, Luft- und Wetter-Gott[2466], und aus diesen seinen Eigenschaften erklären sich unschwer die des Boten und Dieners der Götter, des Diebes und Entführers, des Pfeifers und Sängers, des Leiters der Seelen (auch durch Schlaf und Traum)[2467], des Herrn über Glück und Zufall, sowie über Befruchtung und Zeugung[2468], des Behüters der Wege und Wanderer, des Förderers der Kaufleute und Händler usf. Die meisten dieser Wirksamkeiten kennt schon ~Homer~, was für ihr hohes Alter spricht[2469], während erst eine schon jüngere Zeit den göttlichen Herold in geziemender Weise zum Meister der Rede, Klugheit und Erfindungsgabe stempelt, zum ~Hermes Logios~ (λόγιος). Sein eigentümlicher Stab, das Kerýkeion (κηρύκειον), war nach den einen ursprünglich ein Fetisch[2470], worauf noch der Gebrauch als Wünschelrute hindeuten könnte[2471], nach anderen hingegen wandelte sich der Hirten- und Herolds-Stab, die „virga aurea“, mit der noch ~Horaz~[2472] den Gott die Seelen leiten läßt, nur allmählich zum schlangenumwundenen Abzeichen[2473].

Im Verlaufe der synkretistischen Periode wurde ~Hermes~ zum Krystallisationspunkte vielfältiger, u. a. auch durch orientalische und ägyptische Ideen beeinflußter Götter-Vorstellungen[2474]: schon den jüngeren Stoïkern gilt er als Träger des λόγος σπερματικός (Lógos spermatikós), den Neupythagoräern und Orphikern ist er προφήτης λόγου (Prophet des Logos), Verkünder der Lehre oder des „Wortes“, -- vielleicht infolge Umwandlung der in Arkadien mythischen Genealogie ~Zeus-Hermes-Pan~ zu ~Zeus-Hermes-Logos~, „weil der Gedanken der Vater des Wortes ist“[2475] --, den Neuplatonikern der „Vernunftgeist“ Logos, der als Vereinigung des λόγος (Logos) und νοῦς (Nûs) von Anbeginn her Materie und Sinnenwelt bildete und sich untertan machte[2476], und weiterhin wird er in pantheistischem Sinne zum Weltherrscher und Allgeist (κοσμοκράτωρ, παντοκράτωρ), zum Gebieter aller Pneumata, daher auch der Seelen und Geister, sowie zum Nekromanten = Totenbeschwörer, Zauberer, Magier, sowie zum Herrn aller diesen Geheimwissenschaften Ergebenen[2477]. Die Fülle dieser Wirksamkeiten macht es erklärlich, daß einige der Synkretistiker verschiedene ~Hermes~ annahmen und den Gott schließlich in nicht weniger als 5 Personen gleichen Namens und schwankender Genealogie zerlegten[2478], während Andere wiederum die Einheitlichkeit dadurch zu wahren suchten, daß sie ~Hermes~ mit orientalischen oder ägyptischen Göttern verwandten Charakters identifizierten.

Die wichtigste und älteste dieser Gleichsetzungen, deren Anfänge schon in die frühhellenistische Periode zurückreichen[2479], ist die mit dem (~Platon~ bereits wohlbekannten) ägyptischen ~Thot~ oder ~Tehuti~, welcher Namen eine Dualform ist, anspielend auf den „Doppel-Ibis“, in dessen Gestalt man ~Thot~ in den Flecken des Mondes zu erkennen glaubte[2480]. Den Ägyptern gilt ~Thot~ als Gott der Sternkunde, Zähler und Berechner alles himmlischen und irdischen, Herr über Maß, Gewicht und Ordnung, Verkörperer von Geist und Intellekt, Erfinder der Musik, Rede und Schrift, Schreiber der Götter, Verfasser sämtlicher ägyptischen Schriftwerke und daher Gott der Bibliotheken, Kenner alles wißbaren, insbesondere auch der Geheimwissenschaften, Meister der magischen und mystischen Besprechungen, Beschwörungen und Formeln nebst ihrer medizinischen Anwendung, Beherrscher der Seelen und Geister und Wiedererwecker der Verstorbenen[2481]. In späterer hellenistischer Zeit und unter Anlehnung an die echt ägyptische Vorstellung einer Schöpfung mittels Emanation durch das bloße Wort, der gemäß der „Urgott“ die jüngeren Götter „spricht“[2482], entstand dann die Lehre, daß der Urgott die Welt durch siebenmaliges Lachen hervorbrachte, und daß beim dritten Lachen der νοῦς (Nûs) zum Vorschein kam, „genannt ~Hermes~“, identisch mit ~Thot~, ~Rê~ dem Sonnengott, ~Mithras~ dem Sonnengott, ~Agathodaimon~, ~Iao~ usf.[2483], der Herr des Logos und der Welt[2484], der Beherrscher und Verteiler der Pneumata, der Führer der Seelen und Lenker der Geister, der das All erfüllende Weltgeist, das Bewegungs-Prinzip des gesamten Kosmos (mundi velocior servus)[2485], der „Dreimal-Größte“, ~Hermes Trismegistos~[2486].

Die vielerörterte Benennung „~Trismegistos~“[2487] geht in letzter Linie auf einen alten und stehenden Beinamen des Gottes ~Thot~ zurück, der ursprünglich einfach „der Große“ lautete, in jüngerer Zeit aber auch „der Große, der Große“, ägyptisch āa-āa (so noch in dem erst zur Kaiserzeit vollendeten Tempel zu Denderah), was gemäß der üblichen Phraseologie so viel besagt, als „der Wachsende“[2488]; in wörtlicher Anlehnung werden daher auch für ~Hermes~ die Bezeichnungen „ὁ μέγας“ sowie „μέγας καὶ μέγας“ überliefert, so z. B. in einer Inschrift zu Rosette und noch bei Zosimos[2489]. Der Name τρὶς μέγας oder τρὶς μέγιστος, Trismegistos, findet sich entgegen früheren Annahmen[2490] auch auf ägyptischen Denkmälern und rührt daher, daß man die ägyptischen Worte „der Große, der Große“ noch durch ein sog. determinierendes Zeichen „Wr“ verstärkte, das gleichfalls „groß“ bedeutet, so daß „Trismegistos“ mit „der dreimal Große oder Größte“ zu übersetzen und rein superlativ zu verstehen ist[2491]. Sehr allgemein wird angegeben, „Hermes ille Trismegistus, ... magister omnium physicorum“ (= Herr der ganzen Natur) sei zuerst im 15. Kapitel der Streitschrift des Kirchenvaters ~Tertullianus~ (verfaßt um 210) gegen die gnostischen Valentinianer nachweisbar; indessen beendigt schon ~Martial~[2492] sein Spottgedicht auf einen „allvollendeten“ Gladiator namens ~Hermes~ mit den satirischen Worten[2493]: „Hermes, omnia solus et ter maximus“, „Hermes, der Du allein Alles (zugleich das Eine und das All) bist und der dreimal Größte“, und sollten diese Verse allgemein verstanden werden, so mußte das Attribut „Trismegistos“ den gebildeten Kreisen Roms schon gegen Ende des 1. nachchristlichen Jahrhunderts durchaus geläufig sein[2494], denen Alexandrias also noch weit früher. Tatsächlich heißt denn auch ~Hermes Trismegistos~ schon in einem um 260 abgefaßten Ehrendekret für einen hohen Beamten, das im Papyrus von Hermopolis (in Ägypten) erhalten ist, „der Gott +unserer Väter+“, was auf eine Verehrung seit Generationen zurückweist[2495]; analoge gleichzeitige Schriftstücke, sowie die Zauberpapyri, die meist aus dem 2. Jahrhundert herrühren und uns in Niederschriften aus dem 3. oder 4. vorliegen, sprechen von ~Hermes Trismegistos~ oder ~Trismegistos~ als etwas wohlbekanntem, ohne weitere Erklärung[2496]. Beinamen ähnlicher Art kommen übrigens in der synkretistischen Litteratur nicht selten vor: bei ~Clemens Romanus~ ist τρισεπάπειρος (ter protendens) „ein die göttliche Natur dreimal ins Endlose Verbreitender“[2497], in der „Pistis Sophia“ (um 250) sind τριπνεύματοι „die dreimal von Pneuma Erfüllten“[2498], und ebenda, sowie in anderen Schriften τριδύναμοι oder τριδυνάμεις die Bewohner des obersten Himmels als die „dreimal Gewaltigen“[2499]; in übertriebener Weise nennt diese der Verfasser der „Pistis“ auch παντοδυνάμεις, sozusagen „x-mal Gewaltige“[2500], ähnlich wie ~Zosimos~, für den ~Platon~ schon der τρίσμεγας (trísmegas) ist, folgerichtig den ~Hermes~ als μυριόμεγας (myriómegas, tausendmal-groß) bezeichnen zu müssen glaubt[2501]. ~Zosimos~ behauptet, den Beinamen Trismegistos habe ~Hermes~ empfangen, weil er dem Weltall die Zustände der Kälte, der Wärme und des Flüssigseins, „diese unteilbare Triade“, als Einheit zugrunde legte[2502]; nach ~Lactantius~ (gest. 330), für den ~Hermes Trismegistos~ der würdige Nachkomme des ~Uranos~, ~Saturn~ und ~Merkur~, älter als ~Pythagoras~ und die sieben Weisen und der Meister aller Tugenden und Künste ist, erhielt er ihn wegen seiner Vielseitigkeit; nach ~Stephanos~ von ~Alexandria~ (7. Jahrhundert) „wegen seiner dreifachen Ausübung der Kunst“[2503]; nach ~Isidorus Hispalensis~ (7. Jahrhundert) wegen seiner Kenntnisse in den zahlreichsten Wissenschaften[2504]. Nachdem ~Philosophus Anonymus~ (7. Jahrhundert?), weil er bei dem „großen Werke“ drei Arten Grundsubstanzen (οὐσίαι, usíai) wirken ließ[2505]; endlich nach dem byzantinischen Lexikographen ~Suidas~ (um 1000), weil bereits er in der Trinität +eine+ Gottheit sah[2506], nämlich die zur Dreifaltigkeit des Pneumas verbundenen drei höchsten Gewalten. Da ~Plinius~[2507] angibt, die Magie umfasse drei Teile, nämlich Religion, Medizin und Astronomie, und halte diese mit dreifachem Bande als Dreiheit der Magie zusammen, so hat man auch vermutet, ~Hermes~, als größter Meister in allen drei Teilen, habe mit Recht den Beinamen des „dreifach Größten“ in Anspruch nehmen dürfen, -- und zu dieser Auslegung würde sowohl das stimmen, was er am Schlusse der ihm zugeschriebenen „Tabula Smaragdina“ +selbst+ sagt, als auch das, was ~Stephanos~ über seine dreifache Ausübung der Kunst bemerkt. Da indes, wie angeführt, τρὶς μέγας oder τρὶς μέγιστος unbedingt superlativ zu verstehen ist, so werden derlei Auffassungen hinfällig und ebenso auch verwandte, z. B. die des „Dreigestaltigen, der im Himmel, auf Erden und im Hades der nämliche bleibt“, und des „die drei Würden des Königs, Propheten und Philosophen (oder Arztes) in sich Verbindenden“[2508].

Die ursprüngliche Identifikation des ~Hermes~ mit ~Thot~ war bereits vergessen zur Zeit der Abfassung der sog. „Hermetischen Schriften“, in denen ~Hermes~ für den Vater des ~Thot~ gilt, zuweilen aber auch (als ein „zweiter Hermes“?) für den des ~Agathodaimon~[2509], mit dem zusammen er dann wieder, schon vom 1. Jahrhundert n. Chr. ab, als Lehrer des ~Pythagoras~ und ~Platon~ auftritt[2510]. Da das ältere Ägypten jeden „weisen Priester“ als Inkarnation des ~Thot~ ansah und nach seinem Hinscheiden als „~Thot~“ verehrte, die ganze stets anonym verbleibende Priester-Litteratur aber als alleiniges Erzeugnis, des ~Thot~ betrachtete[2511], so kann es nicht wundernehmen, daß dem ~Hermes Trismegistos~ „als alleinigen Erben und Besitzer der gesamten uralten Weisheit Ägyptens“[2512] nach ~Iamblichos~ 20000 Werke zugeschrieben wurden[2513], ja auf einen angeblichen Bericht ~Manethos~ (um 280 v. Chr.) hin sogar 36525, -- wobei zu bemerken ist, daß diese Zahl (25 × 1461) 25 jener Sothis- (Hundsstern-) Perioden umfaßt, nach deren Ablauf jedesmal eine völlige Erneuerung der Welt erfolgen soll[2514]. In welchem Verhältnisse diese Werke zu einem bei ~Clemens Alexandrinus~ (gest. 216) erwähnten angeblichen „Auszuge in 42 Büchern“ stehen, (26 engeren philosophischen, 4 astrologischen, 6 medizinischen, 6 sonstigen Inhaltes?), ist nicht bekannt, jedenfalls knüpft aber an sie die „Fabrikation“[2515] der eigentlichen hermetischen Schriften an, von denen mehr als zwanzig bis auf unsere Tage gelangten.

Nach ~Zeller~ waren „Hermetische Schriften“, meist älteren, aus verschiedenen pythagoräischen und platonischen Quellen stammenden Werken nachgebildet, bereits um 100 n. Chr. vorhanden[2516], ihre jetzt noch vorliegende Gestalt empfingen sie jedoch erst gegen 300 in Ägypten[2517], und zwar zur Zeit unglücklicher, ja verzweifelter Zustände des Landes[2518]; daß Einkleidung und Erklärung auf Verteidigung der ägyptischen Religion abzielen und die „für Minoritäten charakteristische strenge Geheimhaltung“ gefordert wird, spricht nach ~Zeller~ für ägyptische Priester als Verfasser[2519]. Auch ~Reitzenstein~ nimmt an, daß solche im 1. Jahrhundert in vorwiegend theologischem, noch von griechisch-wissenschaftlichen Elementen getragenem Sinne tätig waren, im 2. Jahrhundert aber den orphischen, magischen und mystischen Einflüssen die Oberhand ließen[2520], während christliche fehlen, und neuplatonische nicht für die Entstehung, wohl aber für das Fortleben bis in das 6. Jahrhundert hinein von Bedeutung waren[2521]. ~Otto~[2522], ~Zielinski~[2523], ~Kroll~[2524] und ~E. Kroll~[2525] vertreten hingegen die Ansicht, daß ägyptische Priester als Verfasser nicht bewiesen sind, wie denn überhaupt der „weise ägyptische Priester“ ein bloßer litterarischer Typus und zu keiner Zeit bezeugt ist, am wenigsten aber zur hellenistischen, während derer das Priestertum auch nicht +eine+ wissenschaftliche Leistung von Bedeutung hervorgebracht hat[2526]. Die hermetische Litteratur ist zwar, zum Teil seit ~Philo~, zum Teil seit ~Numenios~ (um 150 n. Chr.), in Ägypten entstanden, zeigt aber wenige für dieses Land charakteristische Züge. Ägyptisch ist noch am ehesten ihre +Form+, z. B. wenn ~Hermes~ den ~Asklepios~ (der = ~Thot~ oder ~Tat~ „einer blutlosen Verdoppelung des Thot“ und = ~Imuthes~ oder ~Imhotep~ sein soll) über die vorgeblichen Offenbarungen des ~Agathodaimon~ belehrt, also die Geheimwissenschaft in mündlicher Überlieferung „vom Vater zum Sohne“ weitergibt[2527]; da aber griechische profane Kreise eine große theologisch-philosophische Litteratur hervorbrachten, die den Zweck verfolgte, ägyptische und griechische Religion auf dem Boden der Philosophie einander zu nähern, so könnte auch jene +Form+ von Nicht-Ägyptern nachgeahmt sein[2528], um so mehr, als weder die Schilderung der Götter, noch die Art des Vortrages dem eigentlichen ägyptischen Herkommen ausreichend und mehr als ganz äußerlich entspricht[2529]. Der +Inhalt+ der Schriften hingegen, ihr eigentlicher Ideenkreis, ist (von einzelnem abgesehen) weder ägyptisch, noch ägyptisch beeinflußt, schließt sich vielmehr seinem ganzen Wesen nach der großen Gedankenwelt des Hellenismus an, der auch das aus der Fremde Entlehnte unter Anknüpfung an altgriechisches Gut in geeigneter Weise eingegliedert wird[2530]. Soweit dieses Fremde dem Orient entstammt, ist sein wichtigster Vermittler ~Poseidonios~; die bei ihm zusammenfließenden Elemente peripatetischer, platonischer, stoïscher, orphisch-pythagoräischer und syrischer Herkunft bleiben allerdings nur selten rein bewahrt (wie z. B. der berühmte Gedanke einer dauernden Verbindung des Menschen mit der Gottheit durch Betrachtung der Schönheit der Welt und des gestirnten Himmels), erleiden vielmehr zumeist Verzerrungen in magischem, mystischem und allegorischem Sinne[2531]: zu solchen gehören u. a. die Ausführungen über die Rolle der Zahlen, „die noch über den (platonischen) Ideen stehen“, über die Urmonas, „die alles weitere samenhaft in sich enthält“, über die „Eins, als die Oberste“, über gewisse an das Hexen-Einmaleins erinnernde Zahlenrätsel u. dgl. mehr[2532]. Ein weiterer Vermittler, besonders für jüdische Vorstellungen, ist ~Philo~, ferner machen sich zahlreiche Anklänge an die von den Neupythagoräern wiederbelebte Orphik bemerklich, und einige auch an die Neuplatoniker, aber nicht mehr an ~Plotinos~[2533], was für einen Abschluß der betreffenden Schriften um 200 spricht[2534]; die Forderung der „Geheimhaltung“ wäre dann nicht, nach ~Zeller~, äußeren Umständen zuzuschreiben, sondern erwiese sich als der orphischen (und auch ägyptischen) Mystik entlehnt[2535]. Spuren frühgnostischer Gedanken sind nur spärlich nachweisbar, solche christlich-gnostischer und rein christlicher ursprünglich gar nicht, doch mögen später einige leise Umformungen stattgefunden haben, vielleicht gelegentlich der vielfachen Benützungen der hermetischen Schriften durch christliche Autoren[2536]; die rein ethischen Betrachtungen, die gewisse, angeblich bloß in arabischer Übersetzung erhaltene Abhandlungen gänzlich erfüllen, z. B. die „An die menschliche Seele“[2537], erklären sich daraus, daß deren Verfasser in Wirklichkeit erst im 11. bis 13. Jahrhundert schrieben und die hermetische Art nur mit mehr oder weniger Geschick nachahmten[2538].

Was die eigentliche, wesentlich theologische +Lehre+ der Hermetiker betrifft, so geht sie verschiedentlich zunächst von peripatetischen Vorstellungen aus, z. B. vom νοῦς (Nûs) = ~Hermes~ dem Hirtengotte[2539], formt diese in platonischem Sinne um, so daß sie z. B. das „Böse“ (das, einem Stoffe gleich, von selbst entsteht, wie der Grünspan am Kupfer und der Schmutz am Körper)[2540] als durch die Hyle und samt dieser als durch das Planetensystem bedingt ansieht[2541], und sucht endlich den platonischen Dualismus mit dem stoïschen Pantheismus zu vereinigen[2542]: ~Hermes~ ist als Demiurgos der die Welt schaffende und als Nûs der sie durchdringende Allgeist[2543], er wird identifiziert mit dem Logos, der sich ihm ursprünglich nur offenbarte, und tritt schließlich an dessen Stelle als Mittler zwischen Gott und Welt, als der Erlöser, der die Menschheit befreit vom Zwange der Heimarméne, der Herrschaft der Planeten (στοιχεῖα, Stoicheía), die mit Ausnahme der Sonne sämtlich verderbliche und bösartige Dämonen sind. Die erlösten Auserwählten sind τέλειοι, (Vollendete), sie trinken ἀμβρόσιον ὕδως (ambrosisches Wasser = Unsterblichkeitstrank der Ägypter und Orphiker), und ihre Seelen sind würdig der παλιγγενεσία (Palingenesía, Wiedergeburt der Orphiker) und der Himmelsreise[2544].

Nach ~Reitzenstein~ wurden diese Lehren in ihren verschiedenen Entwicklungs-Zuständen unter entsprechenden Kulthandlungen innerhalb eigener Gemeinden gepflegt, zu deren Mitgliedern u. a. auch ~Zosimos~ gehörte, und die sich etwa vom 1. vor- bis zum 3. nachchristlichen Jahrhundert erhielten[2545]; nach ~Cumont~ und ~Kroll~ ist hingegen ein Kult nicht bewiesen und in den „Schriften“ nicht vorausgesetzt, die Hermetik muß vielmehr als eine rein litterarische Bewegung angesehen werden, die die griechische Philosophie in ähnlicher (sehr wechselnder) Weise ebenso mit ägyptischen und orientalischen Traditionen zu vereinigen suchte, wie jene, die in den „Chaldäischen Orakeln“ des 2. oder 3. Jahrhunderts ihren Ausdruck fand, mit chaldäischen[2546]. Erst die gnostisch beeinflußten Gemeinden der Ssabier (s. unten) kennen einen Kult des ~Hermes~, berufen sich auf Offenbarungen durch ihn und ~Agathodaimon~ und schätzen sich im Besitze der „heiligen Bücher“ beider; von ihnen gingen die einschlägigen Anschauungen auf die Araber über[2547], und durch Übersetzungen arabischer Werke ins Lateinische gelangten sie frühzeitig auch zur Kenntnis des Westens: schon bei ~Albertus Magnus~ (12. Jahrhundert) ist ~Hermes Trismegistos~ einer der großen „Weisen der Vorzeit“[2548], und in diesem Sinne übergibt er in dem 1488 durch ~Giovanni~ ausgeführten Fußboden-Mosaik im Hauptschiffe des Domes zu Siena dem Heiden- und Christentume ein Buch mit der Inschrift „Suscipe, o, litteras et leges Aegyptii“ (Empfange hier Weisheit und Gesetzgebung des Ägypters)[2549].

Bruchstücke der ältesten hermetischen Lehren enthält die sog. „Straßburger Kosmogonie“[2550], der gemäß ~Hermes~ den Himmel als Halbkugel formt; an ihm bildet er die 7 Zonen (Sphären) mit den die Schicksale bestimmenden Planetengeistern, den 7 ἄρχοντες (Archontes, Gebietern) oder κοσμοκράτορες (Kosmokrátores, Weltherrschern)[2551], die auch mit den 7 Gewändern der Isis im Kult der phrygischen Naassener (vom 1. Jahrhundert vor bis zum 2. nach Chr.) verglichen werden[2552]. Einer schon etwas späteren Zeit scheint der „Poimandres“ anzugehören, der aus 18 sehr verschiedenen und nicht streng zusammengehörigen Abhandlungen besteht. Der Name ~Poimandres~, der sich schon bei ~Zosimos~ findet und wohl auf neuplatonische Quellen zurückgeht, bedeutet wörtlich einen „Hirten“ und spielt demnach auf das wichtige Bild an, dessen sich schon ägyptisch-demotische Schriften und ausführlicher ~Philo~ bedienen[2553]. Die Eigenschaft, in der ~Poimandres~ auftritt, ist indessen die einer höchsten Gottheit[2554], eines zweiten demiurgischen Gottes[2555], eines Sohnes Gottes, der entstanden ist aus dem Nûs und dem ewigen Licht, als Inbegriff aller δυνάμεις (Kräfte) Gottes, als Logos. Indessen ist unter diesem Logos nicht der rein geistige des ~Heraklit~ und der Stoa zu verstehen, sondern der des ~Philo~, d. h. die vernünftig wirkende Kraft, die Einheit aller einzelnen Vernunftkräfte oder das vollbringende Schöpferwort Gottes, verkörpert durch den Demiurgen, den Mittler zwischen Gott und Menschheit, den Sohn Gottes[2556]; mit der Materie zeugt dieser 7 zweigeschlechtliche Menschen, die erst in der nächsten Weltperiode in je zwei Hälften getrennt werden, und ein Zusatz besagt, daß dies geschah, weil er bei der Herabfahrt durch die 7 Sphären die Naturen der 7 Planeten in sich aufgenommen hatte[2557].