Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 27

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Im weiteren Verlaufe der Kaiserzeit nahm die Astrologie, die zwar, wie ~Tacitus~ hervorhebt[2267], offiziell stets verboten, zugleich aber unter der Hand geduldet, ja gefördert wurde, an Einfluß und Macht immer weiter zu, vor allem am kaiserlichen Hofe selbst[2268]; ihre Vertreter waren meist Asiaten, Griechen und Ägypter, wie z. B. der berüchtigte „in allen chaldäischen Künsten erfahrene“ ~Pammenes~, von dessen Ausweisung 66 n. Chr. unter der Regierung ~Neros~ ~Tacitus~ berichtet[2269]. Einen Begriff davon, wie gänzlich schon im 1. und 2. Jahrhundert alles staatliche und private Wesen von Aberglauben jeglicher Art durchdrungen war, erhält man am besten aus der „Naturgeschichte“ des ~Plinius~ (um 75 n. Chr.), in der ganze Bücher mit Hunderten von Kapiteln über nichts anderes handeln, ferner aus den „Attischen Nächten“ des ~Aulus Gellius~ (113-165) mit ihren langatmigen Darlegungen über die 7 Planeten, die Siebenzahl usf.[2270], sowie aus dem „Buche der Traumdeutungen“ des ~Artemidoros~ (135-200), dem Vorbilde einer endlosen Litteratur, deren letztes Glied das auch heute noch weitverbreitete und immer neu aufgelegte „Große ägyptische Traumbuch“ ist. Die Vorbedeutungen und Wirkungen der Sterne, so heißt es bei ~Artemidoros~, braucht man nur zu erläutern, nicht zu beweisen, „denn für jeden Gebildeten stehen sie ohnehin fest“[2271], -- nämlich getreu dem Grundsatze, den noch 1648 ~Salmasius~ in seinem ebenso gelehrten wie monströs-formlosen Werke über die Astrologie anführt[2272], „aut astra dii sunt, aut nulla est astrologia“, „entweder sind die Sterne Götter, oder es gibt keine Astrologie“!

Weitere Fortschritte machte die abergläubische Bewegung unter den orientalischen oder von Orientalen umgebenen Kaisern des 3. Jahrhunderts, besonders unter den ~Severen~, „deren politische Tat die völlige Orientalisierung der Religion auch im Westen des Reiches war“[2273]. ~Septimius Severus~ (193-211) z. B. besoldete Astrologen von Staats wegen[2274], stellte zuerst zu Rom Altäre der Planetengötter auf, wie sie später u. a. im Circus maximus erwähnt werden[2275], und erbaute ein „Septizonium mit den sieben Planeten- oder Tages-Göttern“, vermutlich ein Planetenhaus, das die Konstellation des vom Fatum für den Thron bestimmten Kaisers versinnlichte[2276]; ~Severus Alexander~ (222-235) befahl, die in Ägypten gesammelten Bücher der geheimen Weisheit in das Grab ~Alexanders des Grossen~ zu legen und in diesem zu verschließen[2277], und reihte unter seine Penaten ~Orpheus~, ~Abraham~, ~Christus~ und ~Apollonius~ von ~Tyana~ ein[2278]. Die Neigung der Astrologen zu Lug und Trug war zwar niemals ein Geheimnis geblieben, -- nennt doch in diesem Sinne schon bei ~Petronius~ (zur Zeit des ~Nero~) der reiche Prasser ~Trimalchio~ einen Weinfälscher „im Zeichen des Wassermannes geboren“, welcher Spott ihn freilich nicht hindert, die Wände seines Hauses mit den 7 Planeten- und 12 Tierkreis-Bildern bemalen zu lassen[2279] --, aber man sah über diese Schattenseite hinweg und ließ der „Wissenschaft der Sterne“ immer freiere Bahn[2280]. Stets neue Anhänger gewann ihr einerseits der Verfall der alten heimischen Kulte, das Aufhören der Orakel, das Verbot der Vögel- und Eingeweide-Schau[2281], andererseits die allgemeine Überzeugung, daß die wahre Quelle neuer religiöser und philosophischer Ideen allein im Oriente fließe[2282], dem nun Frömmler und „Geweihte“ zuströmten, um „am Nil, am Euphrat oder angeblich gar am Ganges in die Schule zu gehen“ und sich in der Magie, Theurgie, Dämonologie, Iatromathematik, in der Lehre von der medizinischen Sympathie und den heilbringenden Wundermitteln u. dgl. mehr zu unterrichten oder doch zu vervollkommnen[2283]. Der zum Teil geradezu gemein- und staatsgefährliche Charakter, den die Gesamtheit dieser „Künste“ allmählich anzunehmen schien, erklärt das von ~Diokletian~ nach der Niederwerfung des ägyptischen Aufstandes im Jahre 296 erlassene allgemeine Verbot[2284]; durchgeführt konnte dieses aber nicht werden, vielmehr erreichte die Astrologie im 4. Jahrhundert ihre größte Macht und Verbreitung, wie sie uns vor allem aus dem zusammenfassenden Werke des ~Firmicus Maternus~ (verfaßt 335-337) und den Schriften ~Hephaistions~ (um 340) und seiner Nachfolger sichtlich entgegentritt[2285]. Als seine Hauptquellen in der „Mathesis“[2286] bezeichnet ~Firmicus Nechepso~, den göttlichen König, und ~Petosiris~, den Oberpriester und weisen Alten[2287], ferner ~Anubis~, ~Aeskulap~ und ~Merkur~[2288], endlich ~Abraham~, ~Achilles~, ~Kritodemos~, ~Orpheus~, die Pythagoräer und Platoniker[2289], während er sich über andere Vielbenützte ausschweigt, z. B. über ~Anubion~, ~Manetho~, ~Manilius~, ~Ptolemaios~, ~Vettius Valens~[2290]. Die Astrologie ist ihm eine göttliche Wissenschaft (divina scientia)[2291] und fordert daher von ihren Vertretern strengste Geheimhaltung, kultische Reinheit der Person und des Lebenswandels, sowie völlige Freiheit von Habsucht, Geldgier und gemeinem Streben[2292]. Die Hauptrolle spielen bei ~Firmicus~ die Planeten, die, je nach ihren Stellungen, Bewegungen und Beziehungen untereinander und zu den Fixsternen, ganz wie schon in den „Astrologúmena“, die menschlichen Lebensschicksale, Neigungen, Berufe, Kenntnisse usf. bis in die kleinsten Einzelheiten bestimmen[2293].

~Constantin der Grosse~ (323-337), zu dessen Zeit ~Firmicus~ schrieb, blieb astrologischem und anderem Aberglauben zeitlebens ergeben; seine Thermen versah er mit 7 Nischen und 12 Portiken zur Aufnahme der Planeten- und Tierkreis-Bilder[2294], seine Kirchen erhielten 7 Stufen, 7 Tore und 7 Bänke für die Priester[2295], und die der Sophia schmückte er „mit hellenischen Statuen der 12 Zeichen des Tierkreises, des Mondes, der ~Aphrodite~ und der übrigen Planeten“[2296], ohne sich hierin durch seine christlichen Neigungen und Gesinnungen beeinflussen zu lassen, deren Aufrichtigkeit allerdings überhaupt dahinsteht. Die Kirche bekämpfte anfangs, wie die Planetenwoche (s. weiter oben), so auch alle sonstigen mit der Astrologie zusammenhängenden Anschauungen und Einrichtungen, und zwar unter Hinweis auf ihre Engel, Märtyrer und Asketen, an deren Wundertaten auch die hervorragendsten Kirchenschriftsteller nicht minder fest glaubten, als etwa die schärfsten Denker der neuplatonischen Schule an die des ~Pythagoras~ oder anderer ihrer „göttlichen Männer“[2297]. ~Tertullianus~ (um 190) verbietet in seiner Abhandlung „De idolatria“ den Christen, das Gewerbe eines Astrologen oder Magiers auszuüben[2298]. Daher finden sich auch die drei Magier, die dem Sterne bei ~Christi~ Geburt nachziehen, in den ursprünglichen Berichten als Chaldäer, Perser oder Araber bezeichnet, „die die Kunst (τέχνη, Téchne) verstehen“; sie heißen noch beim hl. ~Hieronymus~ (331-420) „docti a daemonibus“ (von Dämonen belehrt), während sie erst im 6. Jahrhundert „Könige“ werden (wobei Stall, Krippe, Ochs usf. hinzutreten, um die Richtigkeit alter Prophezeiungen zu erweisen) und schließlich gar „heilige Könige“, deren Namen indes erst ~Beda Venerabilis~ (672-703) kennt[2299]. Vom 4. Jahrhundert an scheint das Verhalten der Kirche, wenigstens im Westen, zeitweilig ein weniger abweisendes gewesen zu sein, wofür indessen der berühmte „Chronograph von 354“ +nicht+ als Beleg angeführt werden kann, weil dieser römische Kalender, der neben den Abbildungen und astrologischen Charakteristiken der 7 Planetengötter u. a. die älteste Papst-Liste enthält, auch im übrigen keinerlei christliche Einflüsse verrät[2300]. Späterhin wurde aber der alte Standpunkt wieder strenge festgehalten, zum mindesten grundsätzlich; die um 630 verfaßten „Origines“ des hl. ~Isidorus~ (= Isidorus Hispalensis, Erzbischof von Sevilla), ein Sammelwerk, das trotz der völligen Kritiklosigkeit des Autors und seiner Vorliebe für die albernsten Etymologien kulturgeschichtlich außerordentlich wertvoll ist, sprechen von der Astrologie als einem „von den Chaldäern stammenden, vom Teufel begünstigten, von ~Christus~ verworfenen Aberglauben“[2301], erwähnen daher kein Wort über Vorzeichen und Beziehungen, die sich an die 7 Planeten knüpfen, -- auch nicht in dem verlockenden Kapitel „De natis“[2302] --, und führen nur an, daß sich von ihren Namen die der Wochentage ableiten[2303] und daß sich mit ihren Qualitäten auch die der menschlichen Körper verändern[2304]. In seiner kleineren Schrift „De natura rerum“ behauptet ~Isidorus~, die Planeten hießen „errantia“ (Irrsterne), „weil sie uns in die Irre leiten“[2305], im übrigen schweigt er aber auch hier über alles abergläubische[2306] und nur vom ~Saturn~ sagt er an einer Stelle, er sei, wie ~Virgil~ bestätige, „von kalter Natur“[2307] und daher auch auf Erden Kälte erzeugend.

Die hier und wiederholt auch schon im Vorhergehenden berührte Idee der +Abhängigkeit irdischer Erzeugnisse+ von den +Gestirnen+, sowie ihrer +Zusammengehörigkeit+ mit bestimmten Fixsternen und Planeten, zählt zu den eigentümlichsten und wichtigsten auf astrologischem Gebiete und rechtfertigt daher eine nähere Erörterung.

Wie die ganze Lehre von den 7 Himmeln mit den 7 weltbeherrschenden Planeten-Gottheiten, so ist auch deren Ausgestaltung betreff der Einflüsse von Bewegung, Stellung, Auf- und Untergang, Farbe, Glanz und „Natur“ der einzelnen Gestirne eine spätbabylonische, also chaldäische[2308]. Den u. a. bei dem Astrologen ~Vettius Valens~ (2. Jahrhundert n. Chr.) ziemlich ausführlich erhaltenen Überlieferungen gemäß, geht sie von der Grundvorstellung aus, daß jeder Stern seine „Natur“ und „Kraft“ nach außen „emaniere“ und daher alles das, was seine Strahlen treffen, auch seinem eigenen Wesen entsprechend beeinflusse und gestalte[2309]. In Ägypten verschmolz diese Vorstellung mit der dort heimischen, daß gute Gaben, Segnungen u. dgl., Ausflüsse (ἀπόρῥοιαι) aus dem Leibe der Götter seien, wonach es einleuchtend erschien, daß solche auch den Sterngöttern zukämen, sowie den Sternen, deren Herren diese sind[2310]; gefördert wurde sie ferner durch die Theorie von der allgemeinen Sympathie, die derartige Beeinflussungen erklärlich machte, ja selbst erwarten ließ. So ruft denn schon bei ~Philo~ jedes Sternbild des Tierkreises die ihm eigene Färbung auch in Luft, Wasser und Erde, bei allen Vorgängen in diesen Elementen, sowie bei allen Arten Gewächsen und Lebewesen hervor[2311]; auf dem Zodiakus (Tierkreis) von Denderah, der aus dem Anfange der Kaiserzeit stammt, sind den Namen der Planeten die von Mineralien und Metallen beigefügt[2312]; ~Ptolemaios~ stellt die Planeten nach ihrer Farbe mit den Metallen zusammen[2313]; die Neuplatoniker opfern ihnen die „zugehörigen“ Steine, Kräuter und Tiere[2314] und verbinden sie, auf oft lächerliche Spitzfindigkeiten hin, mit seelischen Eigenschaften, körperlichen Teilen, gesunden und kranken Säften (χυμοί), Tieren, Pflanzen, Mineralien, Edelsteinen, Metallen, Farbstoffen, Gerüchen, Gewürzen, Tönen, Vokalen usf.[2315]; der „göttliche“ ~Iamblichos~ (gest. 330?) bezeichnet in dem, wenn nicht von ihm, so doch von seiner Schule herrührenden „Buche der Mysterien“ die Planeten als „sichtbare Götter“ (θεοὶ φανεροί, ὁρατοί)[2316] und läßt sie auf das Weltall, das „nur ein großes Tier (= Lebewesen) ist“ (ἕν ζῶον ἐστί τὸ πᾶν), vermöge der Sympathie, nach ihren Qualitäten, Farben und Strahlen Wirkungen ausüben[2317]. Ähnlich urteilen auch die gleichzeitigen Papyri, z. B. der Papyrus ~Mimaut~ (3. Jahrhundert)[2318], ferner die bei ~Proklos~ angeführten Autoren[2319], sowie die späteren Gnostiker und Hermetiker, deren Ansichten schließlich in den sog. „Kyraniden“ eine letzte Ausgestaltung in der Richtung unsinnigsten Aberglaubens erfahren[2320].

Die Ansicht ~Berthelots~, die älteste Anspielung (oder doch eine der ältesten) auf die Zusammengehörigkeit der 7 Planeten mit den Metallen u. dgl. enthalte die zur ptolemaeischen Frühzeit abgefaßte ägyptische Erzählung von dem in 7 Kisten eingeschlossenen Zauberbuche des Gottes ~Thot~[2321], ist gänzlich irrtümlich; erstens stammt nämlich diese Erzählung aus dem 14. +vor+christlichen Jahrhundert[2322] und zweitens spricht sie anscheinend nur von sechs Kisten, die aus Eisen, Bronze, Palm- (oder Zimt-) Holz, Ebenholz und Elfenbein (schwarz-weiß), Silber, und Gold bestehen[2323]; auch eine Liste der Malerfarben Schwarz (kême), Dunkelblau, Rot, Hellblau, Grün, Gelb, Weiß hat nichts mit den 7 Planeten zu tun, gibt vielmehr, abgesehen vom Schwarz, diese Farben in der nämlichen Reihenfolge wieder, die für Aufzählung der kostbaren Mineralien und Steine (Lasur, Rubin, Türkis?, Smaragd, Topas, Bergkristall) die althergebrachte war[2324]. Daß Inschriften aus dem alten oder mittleren Reiche den Gott ~Ptah~ „Gießer des goldenen Sonnenkäfers“ nennen und die „Sonne mit den goldgelben Strahlen“, die „Sonne, die da goldene Strahlen hat“ preisen[2325], bezeugt nichts weiter, als daß auch die Ägypter, wie die verschiedensten Völker zum Teil ganz fernliegender Kulturkreise, schon frühzeitig den naheliegenden Vergleich zwischen Sonne und Gold, Mond und Silber zogen. Unbegründet ist endlich auch die Vermutung ~Berthelots~[2326], Listen von bloß fünf Metallen und Planeten (ohne Sonne und Mond), wie sie u. a. das Pariser Manuskript 2327 bietet, deuteten auf spezifisch ägyptischen Ursprung hin, -- denn eine Sonderstellung von Sonne und Mond ist nicht nur u. a. zur Zeit der Verschmelzung chaldäischer und persischer Religions-Vorstellungen nachweisbar, sondern auch bei späteren hellenistischen Autoren, z. B. bei ~Ptolemaios~.

Über Entstehung und Ausbildung der Lehre von der Verbindung zwischen +Planeten+, +Farben+ und +Metallen+ bei den Chaldäern selbst[2327] liegen bisher nur äußerst dürftige unmittelbare Nachrichten vor, so daß wir hauptsächlich auf spätere Überlieferungen angewiesen sind, die zum Teil aus weder zuverlässigen, noch lauteren Quellen stammen, in vielen Einzelheiten stark auseinander gehen und Rückschlüsse nur mit aller Vorsicht zu ziehen gestatten.

Fraglos ist es, daß die Babylonier, vor allem die Chaldäer und die von ihnen beeinflußten jüngeren Perser, Götzenbilder aus Holz, Stein und Metall besaßen, u. a. aus Gold, Silber, Kupfer, Bronze (Erz) und Eisen; daß diese schon bei den alten Babyloniern solche der Planetengötter waren[2328], ist natürlich ausgeschlossen, und die oft angeführten Berichte des späten und stark iranisch beeinflußten Buches ~Daniel~ (verfaßt von 170 v. Chr. an)[2329] und des noch weit späteren Buches ~Baruch~ (verfaßt zwischen 100 und 250 n. Chr.)[2330] lassen Folgerungen hinsichtlich der fernen Vergangenheit nicht zu. Eine annähernde Vorstellung betreff der neueren Periode mag die von dem byzantinischen Chronisten ~Kedrenos~ (um 1050) wiedergegebene Erzählung gewähren, der gemäß Kaiser ~Heraklius~ (603-641) im Tempel der armenischen Stadt Gazakos, die er während des persischen Feldzuges eroberte, prächtige, vom Könige ~Chosroës~ von Persien (532-579) gestiftete Götzenbilder vorfand, „in der Kuppel wie im Himmel sitzend, umgeben von Sonne, Mond und Sternen, denen ~Chosroës~ als Göttern diente“[2331]. Ob durch Schriftsteller des 11. und 12. Jahrhunderts bewahrte Überlieferungen zutreffen, nach denen die chaldäischen Priester Fingerringe aus den verschiedenen Metallen trugen[2332], bleibe dahingestellt, denn vielleicht handelt es sich hierbei nur um Erneuerung einer Nachricht, die das gegen 215 von ~Philostratos~ verfaßte Leben des vielberufenen ~Apollonius~ von ~Tyana~ enthält; dieser Wundermann, „neben ~Moses~ und ~Hermes Trismegistos~ der einzige wahrhaft göttliche“[2333], soll nämlich gelegentlich seiner in Indien betriebenen Studien der „über die menschliche Natur hinausgehenden Kunst Astrologie“ vom Brahmanen ~Jarchas~ 7 Ringe erhalten haben, die die Namen der 7 Planeten trugen (und aus deren Metallen bestanden?), und die er an den entsprechenden Wochentagen abwechselnd ansteckte[2334].

Über die +Farben+, die die Chaldäer den einzelnen Planeten zuschrieben und daraufhin in Gestalt von Platten aus den „zugehörigen“ Metallen oder aus entsprechend glasierten Steinen auch bei ihren Tempelbauten in Anwendung gebracht zu haben scheinen, herrscht (wie schon weiter oben angeführt) keine ausreichende Gewißheit, und die verschiedenen vorliegenden Angaben lassen sich ohne willkürliche Abänderungen nicht in Übereinstimmung bringen[2335]. Im Abendlande dürfte, -- da so naheliegende Zusammenstellungen wie z. B. die von Gold und Sonne bei ~Pindar~ (5. Jahrhundert v. Chr.) nicht wohl in Betracht kommen können --, die erste einschlägige Anspielung, wie schon gegen 1800 der hochgelehrte ~Beckmann~ erkannte[2336], in ~Platons~ Dialoge „Kritias“ zu finden sein, woselbst (sichtlich nach persischen Vorbildern, die dem Verfasser vor Augen schwebten) über die Hauptstadt der Insel Atlantis berichtet wird, ihre äußere Mauer sei mit Kupfer belegt, ihre innere mit Zinn und die Schloßmauer mit Gold. Im Orient bleiben ähnliche Vorstellungen anscheinend viel länger lebendig, doch liegen sie meist nur in späten Überlieferungen vor, aus denen sich bestimmte Schlüsse nicht ableiten lassen. So z. B. erwähnt der arabische Kosmographe ~Aldimeschqi~ (1256-1327), der meist aus sehr alten und guten Quellen schöpfte, die Stadt Jerusalem und ebenso die Peterskirche zu Rom seien von 7 Mauern aus Feuer (= feuerfarbigem Metall oder Stein?), Gold, Marmor, ...gestein, Silber, Eisen und Kupfer umgeben gewesen[2337]; der 7 „jenen Ekbatanas gleichenden“ Mauern der Stadt Ganzakh tut der armenische Historiker ~Moses~ von ~Chorene~ (5. Jahrhundert) Erwähnung, derer des Palastes des sassanidischen Königs ~Vahraran~ V. (= ~Bahram Gur~) der persische Dichter ~Nizami~ (gest. 1198)[2338]; ferner schildert sein Landsmann ~Dschami~ (1414-1492) in „~Jussuf~ und ~Suleikha~“ den Bau eines Schlosses, das, gleich jenen der Könige ~Chosrau~ (= ~Chosroës~), ~Kei Kawus~ und ~Bahram Gur~, aus „7 voneinander umgebenen“ Palästen bestand, für die 7 Tage der Woche bestimmt, in 7 Farben prangend und unter dem Einflusse der 7 Planeten stehend, -- wobei jedoch nur vom siebenten bemerkt wird, daß er in Gold erstrahlte[2339]. Auch in den Erzählungen „Tausendundeine Nacht“, die zum Teil bis in das 8. Jahrhundert zurückgehen, ist die Rede von 7 solchen Palästen aus Kristall, Marmor, chinesischem Stahl, Edelstein, Porzellan, Silber und Gold[2340], und von der Kuppel des Pharus zu Alexandria melden die „Arabischen Wundergeschichten“, vermutlich einer hellenistischen Tradition folgend, daß sie an jedem der 7 Wochentage in einer anderen, jedenfalls dem betreffenden Planeten entsprechenden Farbe erglänzte[2341].

Welches diese Farben waren, bleibt zweifelhaft, denn schon die Angaben bei ~Ptolemaios~ und seinen Kommentatoren schwanken, und in noch höherem Grade gilt dies von jenen der späteren Schriftsteller und Enzyklopädisten, die oft auch nur die zugehörigen, nicht immer bestimmt zu deutenden Mineralien betreffen. In der nachstehenden Tabelle gibt Reihe 1 die (nicht immer sicher zu benennenden) Farben nach ~Ptolemaios~ (um 150) an[2342], 2 nach ~Vettius Valens~ (2. Jahrhundert) und einigen Zeitgenossen[2343], 3 nach ~Firmicus~ (um 335), 4 nach ~Pseudo-Kallisthenes~ (4. bis 5. Jahrhundert)[2344], 5 nach der arabischen Enzyklopädie der „Treuen (richtiger: lauteren) Brüder“ (10. Jahrhundert)[2345], 6 nach einer in ~Ruskas~ Ausgabe des „Steinbuches des ~Aristoteles~“ erwähnten Quelle[2346], 7 nach dem persischen Dichter ~Nizami~ (12. Jahrhundert)[2347], 8 nach der arabischen Enzyklopädie des ~Aldimeschqi~ (1256-1337)[2348]:

Saturn Jupiter Mars Sonne Venus Merkur Mond φαίνων φαέθων πυρόεις ἥλιος φωσφόρος στίλβων σελήνη ---------------------------------------------------------------------- 1. aschgrau weiß rot golden gelb verschieden silbern (blond) (bunt)

2. schwarz weiß rot (gold)- bunt gelb grünlich glänzend

3. schwarz -- rot golden -- -- weiß

4. Ophit Aerit Hämatit Berg- Sapphir Smaragd Diamant (schwarz) (grün) (rot) kristall (blau) (grün)

5. schwarz grün rot golden blau bunt silbern

6. Sabh Berg- Hämatit Berg- -- Magnet- Onyx (schwarz?) kristall kristall? stein

7. schwarz sandarach rot golden weiß azur grün (gelbrot)

8. schwarz sandarach rot golden blau braun? grün

Wiederum abweichende Farben führt, nach ~Salmasius~[2349], ~Porphyrius~ (3. Jahrhundert) an und vergleicht sie mit denen der bunten Gewänder (vermutlich der 7 bunten Gewänder der ~Isis~ bei den Naassenern)[2350], während +einige+ Autoren auf Beziehungen zu gewissen „irdischen Sternen“, d. i. Blumen, verweisen (die aber nicht stets die +heute+ so benannten sind)[2351], z. B. des ~Saturn~ zur Hyazinthe (dunkel), des ~Jupiter~ zur Lilie (weiß), des ~Mars~ zur Viole (rot), der Sonne zur Rose (rot; gelb), der ~Venus~ zur Anagallis (gelbrot; rot; blau), des ~Merkur~ zum Krapp (gelbrot), des Mondes zur Narzisse (grünlich), +andere+ Schriftsteller aber auf solche zu gewissen Tieren, z. B. des ~Saturn~ zum Esel (aschgrau)[2352], des ~Jupiter~ zum Adler (weiß, gelblich)[2353], des ~Mars~ zum Wolf (rot), der Sonne zum Löwen (gelb), der ~Venus~ zur Taube (weiß), des ~Merkur~ zur Schlange (bunt), des Mondes zum Rind (weiß); hierbei mögen indes noch andere, rein mythologische Zusammenhänge obwalten, wenngleich auch bei ~Kelsos~ (um 150) die 7 bösen „archontischen“ Engel in Gestalt von Esel, Adler, Hund, Löwe, Bär, Drache (= Schlange) und Stier erscheinen[2354].