Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange

Part 26

Chapter 263,173 wordsPublic domain

Aus der Mannigfaltigkeit dieser Anschauungen über das Pneuma erklärt sich auch die der Auffassungen bei den verschiedenen seitens der Stoa beeinflußten philosophischen und religiösen Schulen und u. a. auch bei ~Paulus~: Manche sehen im Pneuma eine Einheit von Materie und Geist, Manchen dagegen tritt es auseinander in ὕλη (Hýle) = πάσχον = materia als Inbegriff der Elemente, und in οὐσία (Usía) = ποιοῦν = spiritus als Inbegriff der Lógoi spermatikoí, und diese werden dann von der Gottheit oder von ~Hermes~ als Sendboten und Träger ausgesät, um die Hyle und den gesamten Kosmos durch ihre Keimkräfte zur Entwicklung zu bringen[2167]. Einigen ist Pneuma allgemeine Gottheits-Bezeichnung, Innerstes der Gottheit, Kraft des Herzens, immaterieller geistiger Teil (= ψυχή)[2168], Anderen wunderbares Wissen und Vermögen[2169], noch Anderen Gebetsmurmeln und zauberkräftiges Wort[2170], -- insoferne nach den Lehren der ägyptisch-hellenistischen Mystik allein das δοξάζειν, d. i. das „rechte“ Sprechen der Formeln und Anrufungen, zum „Verklärten“ macht[2171]. Die in den Einzeldingen wirkenden Kräfte sind πνεύματα (Pneúmata) und diese wieder bald reine Geisteshauche, bald geistige Gewalten, gute Engel und böse Dämonen, die gleich angenehmen und widerlichen Gerüchen in der Luft wehen und schweben[2172]. Der niedrigsten Klasse der Ungläubigen und Fleischesmenschen (σαρκικοί) übergeordnet ist die der Proselyten und Seelenmenschen (ψυχικοί), und ihr wieder jene der Geweihten (τέλειοι) und Geistesmenschen (πνευματικοί)[2173]; der „Psychikos“, dessen Seele (ψυχή) noch irdischen Stoffes ist, kann der γνῶσις (Gnosis), d. i. der himmlischen Erkenntnis, und des Lichtes der γνῶσις θεοῦ (Gnosis, Erkenntnis der Gottheit) nicht teilhaftig werden[2174], dem „Pneumatikos“ aber, dem von der Last der ψυχή Befreiten und übersinnlichen Geistes Vollen, erschließt sie sich auf dem Wege der Erleuchtung[2175]: einer orientalisch-religiösen Grundvorstellung gemäß gewährt sie ihm Kunde des „wahren Namens“ der Gottheit und dadurch ungeheure Macht[2176], sie ermöglicht es ihm, sich der Gottheit anzugleichen, aus ihren Strahlen Pneuma einzuziehen und dadurch „ihr Teil“ (also selbst Pneuma) zu werden und läßt ihn so zum göttlichen Lichte höherer Sphären aufschweben und sich der „Himmelfahrt“ würdig erweisen[2177].

Die Idee von der +Himmelfahrt+ oder +Himmelsreise+ der Seele[2178], die völlig ausgebildet und in Verbindung mit jener von der Seelenwanderung gebracht bei ~Poseidonios~ (135-51 v. Chr.) vorliegt[2179], geht auf Grundlagen verschiedener Herkunft zurück: den Griechen war sie mindestens seit ~Parmenides~ (um 480 v. Chr.) bekannt, der sie wohl der orphisch-pythagoräischen Mystik, indirekt also vielleicht deren orientalischen Quellen entlehnte[2180]; bei den Ägyptern vermittelt schon im 14. Jahrhundert v. Chr. ein Spruch des „vom Gotte ~Thot~ selbst geschriebenen Zauberbuches“ die Kunst, „von der Unterwelt zur Erde und von dieser zum Gotte ~Rê~ in den Himmel zu gelangen“[2181]; nach chaldäischer Lehre endlich ist der oberste oder Fixstern-Himmel die Heimat der Seele, von dort aus steigt sie bei der Geburt des Menschen durch die Milchstraße und die Sphären der 7 Planeten herab und nach seinem Tode kehrt sie auf dem nämlichen Wege und wenn nötig nach Läuterung in der Milchstraße wieder ebendahin zurück[2182], -- in welchem Sinne es noch in dem um 90 n. Chr. verfaßten sog. „4. Buche Esra“ heißt: „Die Verklärten werden glänzen wie Sterne des Himmels“, d. h. sie werden in den Fixsternhimmel gelangen und dort als Unsterbliche weilen[2183]. Da die Perser, als sie sich die Vorstellungen der Chaldäer teilweise anzueignen begannen, deren Planetengötter zu Dämonen herabsetzten, ließen sie die Seele beim Heruntersteigen durch die Sphären „die unseligen Geschenke der 7 Planeten“ (d. s. die 7 Todsünden des Mittelalters) in Empfang nehmen[2184] und sich „aus ihrer Substanz, nach Art von Gewändern, mit den luftartigen pneumatischen Leibeshüllen beschweren“, von denen sie sich dann umgekehrt beim Wiederaufstiege, den die bösartigen Dämonen zu verhindern suchen, zunächst wieder zu befreien haben. In dieser Gestalt kennen den Weg der Seele ἄνω καὶ κάτω (áno kai káto) die späteren Stoïker[2185], die von diesen beeinflußten Neu-Pythagoräer und -Platoniker, Orphiker und Gnostiker[2186], ~Porphyrios~ (232-304?)[2187], die Verehrer des ~Mithras~[2188], die Verfasser der jüngeren Teile des Avesta und der Pehlewi-Tradition aus sassanidischer Zeit (3. Jahrhundert n. Chr.), sowie die der Schrift von der „Himmelfahrt des frommen ~Arda-Viraf~“ (4. Jahrhundert?) durch die ursprünglich 3 (persischen), später 7 (chaldäischen) Himmel[2189], -- wichtig als ein frühes Beispiel der „ekstatischen Vision in einer Art Rauschnarkose“, wie sie bei den Schiiten Persiens noch gegenwärtig im Schwange ist[2190]. Die jüdische Litteratur nimmt den Gedanken der Himmelsreise anscheinend erst in hellenistisch beeinflußten Texten auf[2191]. Das Buch „~Henoch~“ z. B., das in griechischer, äthiopischer und ausführlicher in slavischer (aus dem Griechischen übersetzter) Fassung vorliegt, kennt die Auffahrt ~Henochs~ durch die 7 Himmel[2192], es erwähnt die 7 Sphären mit den 7 Planeten Kronos, Aphrodite, Ares, Sonne, Zeus, Hermes, Mond[2193] und läßt ~Adam~ aus 7 Bestandteilen zusammengesetzt und mit 7 Eigenschaften oder Naturen ausgestattet sein[2194]. Ähnliche Anspielungen enthalten u. a.[2195]: die „Testamente der 12 Patriarchen“, die (stark christlich überarbeitete) „Ascensio ~Jesaiae~“, die griechisch und slavisch bekannte „Apokalypse des ~Baruch~“, die „Himmelfahrt des ~Moses~“, die sog. „Oden ~Salomons~“[2196], die paulinischen Schriften (die aber nur von 3 Himmeln wissen) und christlichen Apokalypsen, die Apokryphen „Leben ~Josef~ des Zimmermannes“ und „Die sieben Aeonen der Finsternis“ usf.[2197]; von mehreren Himmeln spricht ~Origenes~ (185-254), von 7 Himmeln ~Clemens Alexandrinus~ (gest. 216), und auf christliche oder jüdische Überlieferung scheint auch der spätislamische Bericht von ~Muhammeds~ Himmelfahrt zurückzugehen[2198].

Die +Vergöttlichung+ der Elemente, wie sie bereits im Orient und frühzeitig bei den Orphikern gebräuchlich war, fand bei den Stoïkern allgemeine Aufnahme[2199], desgleichen die mit ihr in naher Verbindung stehende Anschauung, daß, wie jede Gottheit, so auch jedes Moment ursprünglich +mannweiblicher+ Natur sei[2200]. Den Ägyptern war schon von altersher die Annahme geläufig, das finstere Urwasser ~Nun~ habe männliche und weibliche Keime in sich getragen, aus denen ein Ei hervorging, das Einige als „Weltenei“ durch ~Chnum~ der Göttin ~Neith~ übergeben ließen um es auszutragen, während Andere es mit dem Skarabäus oder dem Geier in Verbindung brachten, die man als zweigeschlechtlich (zuweilen auch als ungeschlechtlich) ansah[2201]; +nicht+ altägyptisch ist hingegen die von ~Seneca~[2202] und ~Iamblichos~ (gest. 330)[2203] erwähnte Lehre, daß jedes der vier Momente einen männlichen und weiblichen Teil enthalte, die man als die acht Elementen-Götter verehre, vielmehr ist diese erst ein Erzeugnis ptolemäischer Zeit und geht wohl auf griechische Überlieferung zurück[2204]. Der Glaube an androgyne Gottheiten war nämlich bereits der älteren griechischen Welt keineswegs fremd[2205], doch nahm er erst gegen 400 v. Chr. und besonders in Athen lebhaften Aufschwung, teils unter dem Einflusse kleinasiatischer und cyprischer Kulte (z. B. des der „bärtigen ~Aphrodite~“, ~Aphrodite~ barbata, geweihten), teils zufolge der Bestrebungen großer Künstler, männliche und weibliche Körperschönheit in der nämlichen Statue harmonisch zu vereinigen, das ἀρῥενόθηλυ in Gestalt von Hermaphroditen darzustellen[2206]; da er zuerst bei Pythagoräern und Orphikern nachweisbar wird, -- es sei nur an das Ei des ~Phanes~ und dessen Zweigeschlechtigkeit erinnert, -- und zum Teil mit unzüchtigen Kultgebräuchen zusammenzuhängen scheint[2207], so ist es sehr wohl möglich, daß es ihnen aus dem Oriente zukam[2208], und tatsächlich ist es eine echt orientalische, in der babylonischen, iranischen und vielleicht auch jüdischen Litteratur nachweisbare Vorstellung[2209], daß das, was zu allem werden, was alles aus sich schaffen und was alles Leben in der Natur hervorbringen kann, die Zeugungskraft beider Geschlechter in sich vereinigen muß[2210]. Die Stoïker, die diese Vorstellung aufgriffen, erweiterten und pantheistisch umdeuteten, nahmen daher eine androgyne höchste Gottheit an[2211], deren männliche und weibliche Teile späterhin auch als ζωὴ καὶ φῶς (Leben und Licht), ψυχὴ καὶ νοῦς (Seele und Geist), Leben (ζωή = Milch oder Trank der Unsterblichkeit, φάρμακον τῆς ἀθανασἰας) und Tod (νοῦς = guter Hirt = Totengott ~Anubis~) allegorisiert werden[2212]. Soweit hellenistische Einflüsse reichen, haben sich auch ähnliche Gedanken erhalten, z. B. in den mannweiblichen Urgottheiten der Gnostiker und Manichäer[2213], den Gestalten zahlreicher gnostischer Erzählungen und Legenden[2214], den (mit den Urgottheiten oft wesensgleichen oder verwandten) Urmenschen phrygischer, iranischer und jüdischer Mythen[2215], den 7 zweigeschlechtlichen Menschen bei ~Poimandres~[2216], den Dämonen der meist im 2. Jahrhundert verfaßten, jedoch zum Teil erst im 3. oder 4. niedergeschriebenen Zauberpapyri[2217] usf. Fraglich bleibt es, ob aus den nämlichen Gesichtspunkten, wie manche wollen, auch die Annahme männlicher und weiblicher Edelsteine, Mineralien und selbst Drogen zu erklären sei, denn da das Vorhandensein männlicher und weiblicher Palmbäume und anderer Gewächse im Orient seit altersher und in Griechenland mindestens seit ~Herodot~ und ~Ktesias~ bekannt war[2218], kann es sich hierbei auch um unmittelbare Analogien anderer Art handeln; jedenfalls sprechen als von etwas Wohlbekanntem schon ~Theophrastos~ und seine späteren Nachfolger, aus deren Werken ~Plinius~ die betreffenden Kapitel der „Naturgeschichte“ kompilierte, von männlichem und weiblichem Carneol (σάρδων), Lasurstein (κύανος), „Luchsstein“ (λυγκούριον), „Adlerstein“ (ἀετίτης), Stimmi (στίμμι = Antimonglanz) usf., wobei die größeren, härteren, dunkleren und glänzenderen Exemplare für die männlichen gelten[2219]; ebenso ist bereits bei ~Hippokrates~ u. a, von männlichen Weihrauchtropfen die Rede[2220], unter denen offenbar gleichfalls die größeren und längeren zu verstehen sind, wie man denn auch bei Sträuchern und Kräutern die höher und kräftiger aufschießenden Varietäten, ja Individuen, kurzweg als „männliche“ zu bezeichnen pflegte.

Schon weiter oben wurde darauf hingewiesen, daß zu den sonstigen Lehren, die die Stoïker zwar nicht aufbrachten, aber zu tonangebenden ausgestalteten, +erstens+ die von der Umwertung der irdischen Elemente zu Elementen und Grundpfeilern des Himmels zählt, -- die fortan gleichfalls στοιχεῖα (Stoicheía) heißen und namentlich in Gestalt der 7 Planeten als „Herren“ der Tage, Jahre und Zeitperioden, sowie als κοσμοκράτορες (= Weltregenten) das gesamte allgemeine und besondere Geschehen beherrschen und lenken[2221] --, und +zweitens+ die vom Zusammenhange zwischen Planeten und Erzeugnissen der Erde, z. B. Tieren, Pflanzen, Mineralien, Metallen, aber auch Gewürzen, Wohlgerüchen usf.[2222]; da indessen derlei Theorien in engster Verbindung mit den eigentlich astrologischen stehen, so sollen sie im nachfolgenden Absatze gemeinsam mit diesen besprochen werden.

c) Die Astrologie.

Die Astrologie der synkretistischen Zeit ist der Versuch, auf anscheinend untrügliche und zweifellos feststehende (in Wahrheit freilich unverstandene oder mißdeutete) Naturgesetze hin ein einheitliches Weltbild zu gestalten und dabei die Vorgänge im ganzen Kosmos als abhängig von denen am Sternenhimmel zu erweisen[2223]. Grundlagen dieses Versuches waren der alte griechische Volksglauben an die Göttlichkeit der Gestirne, der ältere babylonische Stern- und der jüngere chaldäische[2224] Planetendienst, sowie die griechische Philosophie und Wissenschaft, besonders die der Stoa mit ihren Lehren von der Heimarméne, der allgemeinen Sympathie im Weltall und der Einwirkung des Makro- auf den Mikrokosmos, die nicht selten lebhaft an die Vergleiche moderner Soziologen zwischen Gesellschaft, Staat oder Menschheit und einem großen Organismus, sowie an die Theorien vom Einflusse des sog. Milieu erinnern[2225]. Die Astrologie als Resultierende dieser Komponenten ist entschieden ein Erzeugnis des Hellenismus[2226], unter dessen Einfluß die Griechen Stern-Dienst und -Verehrung allmählich und „nur nach langem Sträuben“ annahmen, zunächst und vorzugsweise in Ägypten[2227]. Unter den Schriften ihrer hervorragenden Astronomen zeigen z. B. noch jene von ~Platons~ Schüler ~Eudoxos~ und die in derlei Hinsicht an Gelegenheiten zur Anknüpfung so überreichen „Sternerscheinungen und Wetterzeichen“ des ~Aratos~ (um 250 v. Chr.) keinerlei Spuren astrologischer Vorstellungen, vielmehr treten solche erst bei ~Hipparchos~ von Alexandria zutage, also um 150 v. Chr.[2228]; zu dieser Zeit waren aber in Ägypten neben dem u. a. auch dem Fälscher ~Bolos~ von ~Mende~ zugeschriebenen Buche über die „Sternzeichen“ (περὶ σημείων)[2229] schon die weiter oben erwähnten „Hermetischen Untersuchungen“ erschienen, sowie das Hauptwerk des ~Petosiris~ und ~Nechepso~, das für Ansehen und Auffassung der Astrologie während der folgenden Jahrhunderte nach jeder Richtung hin ausschlaggebend blieb.

Von großer Bedeutung für die Ausbreitung dieser „Wissenschaft“ erwies sich ihre Aufnahme und Förderung durch die jüngeren Stoïker, sowie die Neu-Pythagoräer und -Platoniker, welche letzteren Schulen als eine ihrer Hauptquellen die Schriften des „uralten Dichters und Sehers“ ~Orpheus~ ausgaben, den die Abbildungen nicht selten beim Spielen der Leier in nächtlicher Stunde zum Sternenhimmel aufblickend darstellen. Die sog. „Orphischen Hymnen“, die als Reste der ihm zugeschriebenen mystisch-philosophischen Lehrgedichte vorliegen, stammen indessen ihrer ursprünglichen Gestalt nach erst aus den beiden letzten vorchristlichen Jahrhunderten und unterlagen zudem später oft wiederholten und tiefgreifenden Abänderungen, teils durch Einschiebung stoïsch-pantheistischer Gedanken und popular-philosophischer Wendungen, teils durch Umformung zu Zwecken der Magie und Dämonologie, -- in welcher Form sie dann in die Zauberpapyri des 3. und 4. Jahrhunderts übergingen[2230]. Sie sind also selbstverständlich nicht beweisend für ein Zurückreichen astrologischer Gedanken bis in das mythische Zeitalter und können die Tatsache nicht erschüttern, daß sich der griechische Geist mit den chaldäischen Lehren, namentlich von den 7 Himmeln und den 7 beherrschenden Planetengöttern, erst seit Beginn der hellenistischen Periode zu befreunden begann. Bezeichnend für die verhältnismäßig rasch fortschreitende Durchdringung chaldäischen und griechischen Geistes ist es, daß bereits im 1. vorchristlichen Jahrhundert ~Asklepiades~ von ~Myrleia~ den ~Homer~ astrologisch kommentierte, und daß Siegelsteine (sog. Zylinder) der griechischen Spätzeit die 5 Planetengötter nebst Sonne und Mond eingeschnitten zeigen[2231]. Nach ~Philo~ von Alexandria, der um Beginn unserer Zeitrechnung schrieb, gelten die 7 Planeten als Herrscher von unbeschränkter Gewalt, deren Ruhm und Macht gar nicht genügend gepriesen werden kann[2232], die man in ihren Sinnbildern, z. B. 7 Lichtern, einem siebenarmigen Leuchter, den 7 griechischen Vokalen αεηιυοω usf. zu verehren pflegt[2233], und die im engsten Zusammenhange mit den „göttlichen“ vier Elementen stehen, aus denen sich die gesamte Welt (einschließlich des Menschen) aufbaut[2234], und in die sie auch wieder zerfällt, „da kein Wesen zu nichts wird, sondern sich zu dem auflöst, woraus es entstand“[2235].

Die endgültige wissenschaftliche Darstellung der Astrologie auf Grund der pythagoräischen, peripatetischen und stoïschen Lehren liegt in dem gegen 160 n. Chr. verfaßten „Tetrabiblos“ des ~Ptolemaios~ vor, welcher Forscher, ebenso wie sein größerer Fachgenosse ~Kepler~, neben der Astronomie auch die Astrologie zu betreiben geneigt oder genötigt war. Dieses Werk faßt in eingehender, oft fast haarspalterisch eindringlicher Weise die Ansichten sämtlicher Vorgänger zusammen, und zwar so vollständig und in seiner Art so vollendet, daß es fortan das dauernd maßgebende und überhaupt das letzte selbständige der ganzen Gattung blieb, zu dem alle späteren sich nur als Auslegungen und Kommentare verhalten[2236]. Der Umfang dieser erklärenden und ergänzenden Litteratur ist erstaunlich, da zur Zeit allein an griechischen Handschriften mindestens 170 bekannt, wenn auch in dem großen Sammelwerke „Catalogus codicum astrologorum graecorum“[2237] nur zum geringsten Teile und auszugsweise veröffentlicht sind[2238]. Die Planeten spielen bei ~Ptolemaios~ eine ganz hervorragende Rolle, doch ist zu bemerken, daß er, abgesehen von dem für apokryph zu erachtenden Schlußkapitel, stets nur von fünfen spricht[2239], neben denen Sonne und Mond stehen; die Gestalt, in der die Sonnengottheit auftritt, ist, wenngleich sie noch nicht mit dem betreffenden +Worte+ bezeichnet wird, schon völlig die des „+Königs+ Helios“ und beeinflußt als solche die gesamte spätere Literatur und die malerische und plastische Darstellung, auch noch die mittelalterliche[2240]. Als trocken und daher männlich sieht ~Ptolemaios~ ~Ares~, ~Zeus~ und ~Kronos~ an, als feucht und daher weiblich ~Selene~, ~Aphrodite~ und auch ~Hermes~, der sonst meist für mannweiblich gilt[2241]; die männlichen sind tages- und lichtfroh und freuen sich (χαίρουσιν), zusammen mit der Sonne auf- oder unterzugehen[2242]. ~Kronos~ bezeichnet er als aschgrau, ~Zeus~ als weiß, ~Ares~ als rot, ~Aphrodite~ als gelb oder blond und ~Hermes~ als bunt oder wechselnd, doch stimmen die Handschriften und die Überlieferungen bei den Scholiasten nicht genügend überein, und die näheren Angaben letzterer lauten völlig verwirrt[2243].

Von den Abänderungen der ptolemaeischen Theorien ist nur eine einzige als bedeutsam zu bezeichnen; unter der üblichen Berufung auf ~Pythagoras~ und ~Platon~ und in Anlehnung an gewisse Vorstellungen des platonischen „Timaeus“ lehrten nämlich die Neuplatoniker, daß die Sterne, insbesondere die Planeten, die Geschehnisse im Weltall zwar nicht selbst +bewirken+, sie jedoch +anzeigen+[2244]: mit Recht beobachteten daher die „Weisen“ des platonischen Staates, die in den Augen der Neuplatoniker Astrologen waren, die Stellungen und Bewegungen der Gestirne, denn diese gestatteten ihnen wichtige Rückschlüsse z. B. betreff der „richtigen“ Zeiten für Ehe, Konzeption, Entwicklung des Fötus usf.[2245]; die Entscheidung über das, was in der Welt zu geschehen hat, geht freilich von der Gottheit aus, aber vermittelt, angezeigt und ausgeführt werden ihre Befehle durch die demiurgischen Wesen, vor allem durch die Dämonen, „die an Zahl den Mikroben gleichen, allerorten gegenwärtig sind und überall ihre Hand im Spiele haben“[2246], -- weshalb auch die Dämonologie, die Kunst des Rufens, Erkennens, Unterscheidens, Verehrens und Bannens der Geister eine der umfangreichsten und wichtigsten Seiten des neuplatonischen Systemes bildet[2247]. Indem dieses jedoch das +Wirken+ der Gottheit vorbehielt, die von Dämonen gelenkten Planeten aber für bloße +Anzeiger+ des göttlichen Willens erklärte, machte es die Astrologie vereinbar mit sämtlichen Religionen, auch den streng monotheistischen, und hierin besteht die Wichtigkeit der besprochenen Umdeutung[2248]; allgemein angenommen oder folgerichtig durchgeführt wurde sie übrigens keineswegs, und als im Kampfe des von griechischen, ägyptischen, chaldäischen und jüdischen Einflüssen durchtränkten Neuplatonismus mit Mithrasdienst, Manichäismus und Christentum das letztere Sieger und „Universalerbe“ geblieben war[2249], erhielt der ptolemaeische Gedanke sogar allmählich wieder die Oberhand, trotzdem er in unlösbarem Widerspruche mit christlichen Grundwahrheiten stand.

Wie im Osten, so faßte die Sterndeuterei, gefördert durch die jüngere Stoa und ganz besonders durch ~Poseidonios~, auch im Westen Boden, so daß in Italien schon 139 v. Chr. von einer ersten Austreibung der „Chaldäer“ als gemeingefährlicher Lügner und Betrüger berichtet wird[2250]. Diese blieb aber nicht nur ohne jeden dauernden Erfolg, sondern der „chaldäische Geist“ erwies sich als geradezu unüberwindlich, erfaßte mit staunenswerter Raschheit immer weitere Kreise und hatte schon zur Zeit ~Ciceros~ die gesamte prosaische und poetische Litteratur derart durchdrungen, daß er sich bei allen, auch bei den sonst freiesten und aufgeklärtesten Schriftstellern der klassischen Periode, geschweige denn bei ihren späteren Nachfolgern, als etwas völlig selbstverständliches, einer Begründung gar nicht erst bedürftiges geltend macht[2251]. Nicht wenig scheint hierzu die immer engere Berührung mit Ägypten beigetragen zu haben, woselbst zu Beginn unserer Zeitrechnung die Astrologen Alexandrias eine Gewerbesteuer („Narrensteuer“ genannt) zahlten[2252], und der berühmte Zodiakus (Tierkreis) von Denderah ~Jupiter~ und ~Mars~ sperberköpfig abgebildet zeigt, ~Saturn~ stierköpfig, ~Merkur~ menschenköpfig, ~Venus~ aber doppelköpfig, -- wohl eine Nachwirkung ihrer beiden Formen als Morgen- und Abendstern, ~Istar~ und ~Belit~[2253].

Unter der Regierung des ~Augustus~ war die Astrologie nicht nur zur Mode und zum Bedürfnisse der feinen Gesellschaft geworden, sondern fand geradezu Aufnahme von Staats wegen[2254]: rühmte doch ~Augustus~ selbst sich gewisser Wunderzeichen, die bewiesen, daß das Fatum (= die Heimarméne) ihn zur Herrschaft berufen habe[2255]. Vermutlich höfischen Anregungen folgend verfaßte ~Manilius~ damals sein Lehrgedicht „Astronomica“, dessen Gesänge, soweit sie vollendet wurden, in schönen Versen und edler Sprache eine Übersicht der gesamten Astrologie bieten, jedoch unter planmäßigem Ausschluß aller rein ägyptischen Gottheiten und rein chaldäischen Lehren, daher auch der meisten die Planeten betreffenden[2256]. Die Schicksale, Lebensberufe usf. des Menschen, der ein Mikrokosmos ist[2257], gehen nach ~Manilius~ nicht, wie Chaldäer und Ägypter behaupten, von den Planeten aus (die er meist, aber nicht immer, „astra“ oder „stellae“ nennt), sondern, wie der Kyllenier, d. i. ~Hermes~, verkündigte[2258], von den Fixsternen (meist, aber nicht immer, „sidera“ geheißen), und zwar von jenen des Tierkreises, wenngleich die Planeten nicht ganz ohne Belang sind, da sie und die Fixsterne sich gegenseitig beeinflussen können[2259]. Von den 7 Planeten, die mit den 7 Mündungen des Nils zu vergleichen sind[2260], werden Sonne und Mond stets zusammen genannt und den fünf übrigen in der Anordnung des ~Poseidonios~ aufgezählten Wandelsternen gegenübergestellt[2261], als deren Anführer der Mond gilt, der zugleich auch (durch Ebbe und Flut) die Tiefe des Meeresgrundes beherrscht[2262]. ~Merkur~ ist nur als Morgen- und Abendstern sichtbar, ebenso ~Venus~, für die an Stelle der alten Namen ἐωσφόρος (Eosphóros) und ἕσπερος (Hésperos) auch der neue φωσφόρος (Phosphóros = Lucifer = Lichtträger) tritt[2263]; ~Saturn~ wird als schätze-sammelnder und -hütender Alter bezeichnet[2264]. Das Geschlecht der Planeten ist verschieden, ebenso wie das der Sterne im Tierkreise[2265], unter denen merkwürdigerweise der Stier (taurus) als weiblich auftritt, weil ~Jo~ in ein Rind verwandelt wurde[2266].