Part 36
»Dojan!« rief ich im frohesten Tone.
Ein lautes Bellen und ein menschlicher Ruf war zu vernehmen; dann sauste der Hund durch den Eingang herein, riß die brave »Petersilie« über den Haufen und stürzte sich, vor Freude heulend, über mich her. Und gleich im nächsten Augenblick erschien der drohende Lauf einer Büchse in der Thür, und eine Stimme fragte:
»Sihdi, bist du drin?«
»Ja, Halef!«
»Ist Gefahr?«
»Nein. Du kannst ohne Sorge eintreten!«
Nun schob der kleine Hadschi erst die Büchse, dann seinen zwölfhaarigen Schnurrbart und endlich sich selbst herein.
»Hamdulillah, Sihdi, daß ich dich habe! Wie kommst du an diesen fremden -- -- -- Maschallah, du bist gefangen, du bist gefesselt! Von diesem Weibe? Von diesem Drachen? Fahre zur Dschehennah, du Ausbund aller Häßlichkeit!«
Er riß im höchsten Grimme seinen Dolch heraus.
»Halt, Halef!« gebot ich. »Ich bin zwar gefangen, aber diese Frau ist meine Freundin. Sie hätte mich errettet, auch wenn du nicht gekommen wärst.«
»Dich? Errettet, Sihdi?«
»Ja. Wir hatten uns den Plan bereits besprochen.«
»Und ich wollte sie erstechen!« -- Er wandte sich mit strahlendem Gesichte zu ihr: »Preis sei Allah, der dich erschaffen hat, du schönste der Frauen in Kurdistan! Dein Haar ist wie Seide, deine Haut wie die Verschämtheit der Morgenröte, und dein Auge glänzt wie ein Stern des Himmels. Wisse, du Holde: ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah! Du hast meinen Freund und Gebieter mit der Güte deines Herzens erquickt, und darum -- -- --«
»Halt ein!« unterbrach ich den Fluß seiner Rede. »Diese Frau versteht kein Wort arabisch, sondern nur kurdisch.«
Jetzt suchte er seinen ganzen kurdischen Wortvorrat zusammen, um ihr verständlich zu machen, daß er sie für die schönste und würdigste aller Frauen halte und daß sie sich für alle Tage ihres Lebens auf seine Freundschaft verlassen könne. Ich aber half ihm und ihr aus der Verlegenheit, indem ich ihr erklärte:
»Madana, du sprachst heut von meinem Diener, der dem Vater der Kranken in Amadijah von mir erzählt hatte. Dieser hier ist es! Er hat meine Spur gefunden und bis hierher verfolgt, um mich zu retten.«
»O Herr, was wirst du nun thun? Wirst du fliehen?«
»Sei unbesorgt! Ich werde nichts thun, ohne zuvor mit dir gesprochen zu haben. Setze dich ruhig nieder!«
Unterdessen hatte Halef meine Bande zerschnitten und neben mir Platz genommen. Ich befand mich jetzt in Sicherheit, denn mit ihm und dem Hunde fürchtete ich keinen Nasarah.
»Sihdi, erzähle,« bat er.
Ich berichtete ihm auf das ausführlichste, was mir widerfahren war, und es versteht sich ganz von selbst, daß ich von ihm häufig durch die lebendigsten Ausrufungen unterbrochen wurde. Endlich sagte er:
»Sihdi, wäre ich ein Pascha, so würde ich Madana belohnen und Ingdscha heiraten. Da ich aber kein Pascha bin und schon meine Hanneh habe, so rate ich dir: Nimm du die >Perle< zur Frau! Sie ist groß und stark -- wie du selbst!«
»Ich werde es mir überlegen,« erwiderte ich lachend. »Nun aber, vor allen Dingen, sage mir, wie es in Lizan steht, und wie du auf meine Spur gekommen bist.«
»O, Sihdi, das hat eine große Verwirrung gegeben. Es geschah, was du gesagt hattest: die Nasarah zogen sich über den Fluß zurück und warteten auf deine Rückkehr. Aber du kamst nicht -- -- --«
»Kam nicht der Haddedihn?«
»Er kam, und als er über die Brücke reiten wollte, wäre er beinahe erschossen worden; doch ich erkannte ihn noch zur rechten Zeit. Er erzählte, daß man unterwegs auf euch geschossen hätte. Sein Pferd war gestreift worden und mit ihm durchgegangen. Es dauerte längere Zeit, bis er es zu zügeln vermochte; dann ritt er zurück und fand mein Pferd, das du geritten hattest, tot am Boden liegen; du aber warst verschwunden.«
»Holte er nicht schnell bei den Kurden Hilfe?«
»O nein, Sihdi. Er glaubte, sie seien euch heimtückisch nachgefolgt, um euch zu töten; denn ihr Anführer, der Kiaja, war ein böser Mann gewesen. Darum eilte der Haddedihn nun schnell nach Lizan, um uns herbeizuholen.«
»Jetzt kamt ihr in Verlegenheit?«
»Ich nicht, Sihdi, aber die andern. Ich wußte, was zu thun sei, und habe es später auch richtig gethan. Sie jedoch hielten einen großen Rat, und es wurde beschlossen, eine Gesandtschaft zu den Kurden zu schicken; sie sollten dich oder deinen Leichnam herausgeben.«
»Gott sei Dank! So weit war es nicht gekommen!«
»Herr, wärest du von ihnen getötet worden; -- bei Allah, ich wäre nicht eher aus diesem Lande fortgegangen, als bis ich alle Berwari nach und nach erschossen hätte! Du weißt es, daß ich dich lieb habe!«
»Ich weiß es, mein braver Halef. Doch weiter!«
»Die Gesandtschaft wurde von den Kurden sehr schlimm aufgenommen --«
»Wer war dabei?«
»Mohammed Emin, zwei Kurden, die mit uns von den Nasarah gefangen wurden, der Schreiber des Melek und ein Nasarah, der arabisch reden kann und den Dolmetscher des Haddedihn machen sollte. Zuerst wollten die Kurden nicht glauben, daß du überfallen worden seist; sie hielten das für eine Hinterlist von dem Melek. Als sie aber das tote Pferd sahen, glaubten sie es. Nun behaupteten sie, die Nasarah hätten dich beseitigt, weil sie keinen Vermittler haben wollten. Es wurden Botschaften hin und her gesandt. Dann kam auch Nedschir-Bey und sagte, du seist von den Berwari-Kurden erschossen worden; er habe es vom andern Ufer aus gesehen -- -- --«
»Der Schuft!«
»Das ist er, Sihdi. Aber er soll seinen Lohn erhalten! So wäre es beinahe zum Kampf gekommen; da aber ging ich zum Melek, der sich grad bei dem Bey von Gumri befand, und bat ihn, sie sollten einen Waffenstillstand abschließen, und ich wolle während dieser Zeit sehen, ob ich dich finden könne. Sie glaubten, das sei unmöglich; aber als ich von unserm Hunde sprach, bekamen sie Hoffnung. Es wurde nun noch eine letzte Gesandtschaft fortgeschickt, mit der ich gehen sollte. Die Berwari zeigten sich einverstanden, daß beide Teile bis morgen mittag auseinander bleiben sollten; bist du dann noch nicht wieder da, so geht der Kampf los.«
»Nun, und du?«
»Wir gingen mit dem Hunde an die Stelle, wo das Pferd liegt. Dojan fand sofort deine Fährte und zog mich fort bis an den Fluß. Es war klar, daß du über das Wasser hinübergeschafft worden warest. Die andern meinten, ich solle erst nach Lizan zurück, um über die Brücke an das andere Ufer zu kommen; ich aber hatte keine Zeit dazu, denn der Abend war schon nahe. Ich zog mich aus, wickelte meine Kleider um den Kopf, legte die Waffen darauf und ging mit dem Hunde allein hinüber.«
»Fandet ihr die Spur sofort?«
»Ja, Sihdi. Wir folgten ihr, nachdem ich mich wieder angekleidet hatte -- und da sind wir nun, Effendi!«
»Halef, das werde ich dir nicht vergessen!«
»Schweig, Herr! Du hättest ganz dasselbe und auch noch mehr für mich gethan!«
»Was sagte der Engländer?«
»Man versteht seine Sprache nicht, aber er ist ganz wütend herumgelaufen und hat ein Gesicht gemacht, wie ein Panther, wenn er gefangen ist.«
»Weiß Nedschir-Bey, daß du mich suchst und den Hund bei dir hast?«
»Nein. Er war schon vorher wieder fort.«
»Sind dir hier Leute begegnet?«
»Niemand. Der Hund führte mich durch eine Gegend, wo kein Mensch zu gehen scheint.«
»Wo befindet sich mein Rappe?«
»Im Hofe des Melek. Ich habe ihn dem Haddedihn übergeben.«
»So ist er in guten Händen.«
Da erschollen leichte Schritte draußen. Halef griff nach seinen Waffen, und Dojan machte sich sprungfertig. Ich beruhigte beide, denn es war Ingdscha, die eintrat.
Das Mädchen blieb ganz erstaunt am Eingange stehen, als sie den Diener und den Hund erblickte.
»Fürchte dich nicht,« sagte ich; »dieser Mann und dieser Hund sind dir freundlich gesinnt.«
»Wie kommen sie hierher?«
»Sie haben mich aufgesucht, um mich zu befreien.«
»So willst du uns verlassen?«
»Jetzt noch nicht.«
»Bedarfst du noch des Ruh 'i kulyan?«
»Ja. Willst du mich noch zu ihm führen?«
»Gern, Emir. Hier habe ich dir Speise und Trank gebracht. Nun aber wird es nicht ausreichen für zwei und den Hund.«
Sie trug einen großen Binsenkorb, der voll bepackt war. Es hätten fünf Männer sich satt essen können.
»Sorge dich nicht, du Gute,« antwortete ich; »es reicht für mehr als für uns. Du und Madana, ihr beide sollt auch mit zulangen.«
»Herr, wir sind Frauen!«
»In meinem Vaterlande werden die Frauen nicht verachtet. Bei uns sind sie die Zierde und der Stolz des Hauses und nehmen beim Mahle den Ehrenplatz ein.«
»O, Emir, wie glücklich sind eure Frauen!«
»Aber sie müssen mit Schaufeln essen!« fiel die >Petersilie< in sehr mitleidigem Tone ein.
»Das sind keine Schaufeln, sondern kleine, zierliche Werkzeuge von schönem Metall, mit denen es sich ganz vortrefflich und noch viel appetitlicher essen läßt, als mit den nackten Fingern. Wer bei uns sich während des Essens die Hände mit Speise besudelt, der gilt für einen unreinlichen und ungeschickten Menschen. Ich will euch einmal zeigen, wie ein solcher Kaschyk[148] aussieht.«
Während Ingdscha ein mitgebrachtes Tuch auf den Boden breitete, um die Speisen darauf zu legen, nahm ich Halefs Dolchmesser und schnitt mit demselben einen tüchtigen Span aus dem Pfahle, um daraus einen Löffel zu schnitzen. Er war bald fertig und erregte, als ich ihnen den Gebrauch desselben an dem Wassernapfe zeigte, die Bewunderung der beiden einfachen Frauen.
»Nun sage selbst, o Madana, kann man dieses kleine Ding ein Kürek[149] nennen?«
»Nein, Herr,« antwortete sie. »Ihr braucht doch keine so großen Mäuler zu haben, als ich erst dachte.«
»Herr, was wirst du mit diesem Kaschyk thun?« fragte Ingdscha.
»Wegwerfen.«
»O nein, Emir! Magst du mir ihn nicht schenken?«
»Für dich ist er nicht schön genug. Für die Perle von Schohrd müßte er von Silber sein.«
»Herr,« meinte sie errötend, »er ist schön genug! Er ist schöner, als wenn er von Altyn und Gümisch[150] gemacht worden wäre; denn du hast ihn gefertigt. Ich bitte dich, schenke ihn mir, damit ich eine Erinnerung habe, wenn du uns verlassen hast!«
»So behalte ihn! Aber du sollst mich morgen mit Madana in Lizan besuchen und da werde ich euch noch etwas Besseres geben.«
»Wann willst du fort von hier?«
»Das wird der Ruh 'i kulyan bestimmen. Jetzt aber setzt euch herzu. Wir wollen unser Mahl beginnen.«
Ich mußte diese Bitte noch einige Male wiederholen, ehe sie erfüllt wurde. Halef hatte bisher gar nicht gesprochen, sondern nur immer das schöne Mädchen beobachtet.
Jetzt stieß mein kleiner Diener einen Seufzer aus und meinte in arabischer Sprache:
»Sihdi, du hast recht!«
»Womit?«
»Selbst wenn ich ein Pascha wäre, ich paßte nicht zu ihr. Nimm du sie, Sihdi! Sie ist schöner als alle, die ich gesehen habe.«
»Es wird hier schon ein Jüngling sein, den sie lieb hat.«
»Frage sie einmal!«
»Das geht nicht, mein kleiner Hadschi Halef; das würde sehr unhöflich und zudringlich sein.«
Ingdscha hatte wohl bemerkt, daß von ihr die Rede war; darum sagte ich zu ihr:
»Dieser Mann ist bereits ein guter Bekannter von dir.«
»Wie meinst du das, Emir?«
»Es ist der Diener, von dem dir Marah Durimeh erzählt hat. Die andern haben alle geglaubt, daß ich ermordet worden sei, und nur er allein hat es gewagt, mir nachzufolgen.«
»Er ist ein kleiner, aber ein treuer und mutiger Mann,« meinte sie mit einem Blick der Anerkennung auf ihn.
»Was sagte sie von mir?« fragte er, da er diesen Blick ganz wohl bemerkt hatte.
»Sie sagte, du seist ein sehr treuer und mutiger Mann.«
»Sage ihr, sie sei ein sehr schönes und gutes Mädchen, und es sei sehr schade, daß ich so klein und kein Pascha bin.«
Während ich seine Worte verdolmetschte, reichte er ihr die Hand entgegen, und sie schlug lachend ein. Dabei strahlte ihr Angesicht so lieb und gut, daß mich ein aufrichtiges und warmes Bedauern überkam, indem ich an das einförmige, freudenlose Leben dachte, das ihrer in diesem Lande wartete.
»Hast du nicht einen Wunsch, den ich dir erfüllen könnte?« fragte ich sie infolge dieser freundschaftlichen Aufwallung.
Sie blickte mir einige Sekunden lang nachdenklich in das Gesicht und antwortete dann:
»Ja, Herr, ich habe einen Wunsch.«
»Sage ihn!«
»Emir, ich werde sehr viel an dich denken. Wirst du dich auch zuweilen an uns erinnern?«
»Oft, sehr oft!«
»Scheint der Mond bei euch auch so wie bei uns?«
»Ganz so.«
»Herr, blicke am Abend eines jeden Vollmondes zu ihm empor; dann werden sich da oben unsere Augen treffen!«
Jetzt war ich es, der ihr die Hand hinüber reichte.
»Ich werde es thun -- und ich werde auch an andern Abenden deiner gedenken, wenn der Mond am Himmel steht. So oft du ihn erblickst, so denke, daß er dir meine Grüße bringen soll.«
»Und er dir die unsrigen!«
Jetzt stockte die Unterhaltung; wir waren ins Elegische geraten. Doch kehrte während des weiteren Verlaufs des Mahles die vorige Stimmung wieder zurück. Ingdscha war sogar die erste, die das Wort von neuem ergriff:
»Wird dein Diener mit zur Höhle gehen, Herr?«
»Nein. Er wird jetzt nach Lizan zurückkehren, um meine Gefährten zu beruhigen.«
»Das mag er thun, denn ihnen droht Gefahr.«
»Welche?« fragte ich anscheinend ruhig.
»Es waren vorhin zwei Männer hier. Der eine ritt zu dir, und der andere blieb im Dorfe zurück. Mit diesem habe ich gesprochen. Er sollte niemand etwas sagen, aber er hat mir doch genug verraten, was ich dir erzählen muß. Du glaubst, daß der Streit bis morgen mittag ruhen soll?«
»Ich hoffe es.«
»Es giebt viele Leute, die dies nicht wünschen, und diese Männer haben sich meinen Vater zum Anführer gewählt. Er hat Eilboten nach Murghi, Minijanisch und Aschitha, auch das Thal abwärts bis nach Biridschai und Ghiffa gesandt, um alle waffenfähigen Männer herbeizurufen. Sie werden sich noch während der Nacht versammeln und dann am Morgen über die Berwari herfallen.«
»Welche Unvorsichtigkeit! Dein Vater wird das ganze Thal unglücklich machen!«
»Glaubst du, daß die Berwari uns überlegen sind?«
»An Kriegstüchtigkeit, ja, wenn auch heute noch nicht an Zahl. Aber wenn einmal der Kampf entbrannt ist, so wird er an allen Orten auflodern, und dann sind die Kurden euch hundertfach überlegen; denn die Chaldani sind von den Stämmen der Kurden auf allen Seiten eingeschlossen.«
»O Gott, wenn du recht hättest!«
»Ich habe recht, das darfst du mir glauben! Wenn es heut und morgen nicht gelingt, einen Frieden zu stande zu bringen, so brechen noch viel schlimmere Zeiten über euch herein, als zur Zeit von Beder-Khan und Nur-Ullah-Bey. Es ist dann sehr wahrscheinlich, daß die Chaldani mit Weib und Kind vollständig ausgerottet werden.«
»Ist dies wirklich dein Ernst, Emir?«
»Wirklich und wahrhaftig!«
»O Jesus, was sollen wir thun?«
»Weißt du, wo dein Vater die Streitsüchtigen versammeln will?«
»Nein; das konnte ich nicht erfahren.«
»Weißt du auch nicht, wo er sich jetzt befindet?«
»Er reitet von einem Orte zum andern, um die Männer zum Kampfe aufzumuntern.«
»So kann uns nur vielleicht der Ruh 'i kulyan helfen. Bis dahin aber muß ich Vorbereitungen treffen.«
»Thue es, Herr, und alle Friedfertigen werden dein Andenken segnen, wenn du längst nicht mehr bei uns bist!«
Das Mahl war beendet, und daher fragte ich Halef:
»Wirst du den Weg nach Lizan finden können, doch so, daß dich unterwegs niemand bemerkt?«
Er nickte, und ich fuhr fort:
»Du gehst zum Melek und zum Bey von Gumri und sagst ihnen, wie und wo du mich gefunden hast.«
»Soll ich sagen, wer dich überfallen hat?«
»Ja. Nedschir-Bey hat mich gefangen genommen, damit ich den Frieden nicht vermitteln könne. Er verlangt für meine Freiheit mein Pferd, mein Eigentum und alles, was meine Gefährten bei sich tragen.«
»Der Scheïtan soll's ihm geben!«
»Du siehst, daß man mir bereits alles genommen hat. Laß mir deine Pistolen und dein Messer hier. Auch den Hund behalte ich da.«
»Nimm die Flinte dazu, Sihdi! Ich komme auch ohne Waffen nach Lizan zurück.«
»Die Flinte könnte mir hinderlich sein. Erzähle dann dem Bey und dem Melek, daß der Raïs von Schohrd Boten gesandt hat in alle Orte auf- und abwärts von Lizan, um die Einwohner zum Kampfe aufzuwiegeln. Sie sollen sich während der Nacht an einem Orte versammeln, den ich leider nicht kenne, und dann wollen sie über die Berwari herfallen. Auch der Raïs selbst reitet überall herum; und ich lasse dem Melek sagen, daß er ihn sofort festnehmen soll, sobald er ihn erwischen kann.«
»Sihdi, ich wollte, ich träfe diesen Menschen jetzt unterwegs; ich habe ihn mir genau gemerkt und würde ihn unschädlich machen.«
»Du allein? Das laß bleiben! Du bist ihm nicht gewachsen; er ist zu stark für dich.«
Der kleine Mann erhob sich mit der Miene eines Beleidigten, reckte seine geschmeidigen Glieder und rief:
»Zu stark für mich? Was denkst du, Sihdi, und wo ist dein weises Urteil auf einmal hingeraten! Habe ich nicht Abu Seif besiegt? Habe ich nicht noch viele andere große Thaten verrichtet? Was ist dieser Nedschir-Bey gegen den berühmten Hadschi Halef Omar? Ein blinder Frosch, eine lahme Kröte, die ich zertreten werde, sobald ich sie erblicke. Du bist Emir Kara Ben Nemsi, der Held aus Frankistan; soll ich, dein Freund und Beschützer, mich vor einem zerlumpten Chaldani fürchten? O Sihdi, wie wundere ich mich über dich!«
»Wundere dich meinetwegen, aber sei vorsichtig. Es kommt jetzt alles darauf an, daß du glücklich Lizan erreichst.«
»Und wenn sie nun fragen, wann du mir nachfolgen wirst; was soll ich ihnen antworten?«
»Sage ihnen, daß ich wohl bis zum Morgen bei ihnen sein werde.«
»So nimm hier die Pistolen und den Dolch, auch hier den Kugelsack, und Allah behüte dich!«
Dann trat er zu Ingdscha und reichte ihr die Hand:
»Lebe wohl, du schönste unter den Schönen! Wir sehen uns wohl wieder.«
Auch der guten >Petersilie< reichte er die Hand:
»Lebe wohl, auch du, liebliche Mutter der Chaldani! Meine Augenblicke bei dir waren süß, und wenn du dir auch einen Löffel wünschest, so werde ich dir sehr gern einen schnitzen, damit du denken kannst an deinen Freund, der von dir geht. Sallam, du Kluge, du Treue, Sallam!«
Sie verstanden zwar beide nicht, was er sagte, aber sie nahmen seine Worte freundlich auf, und Madana verließ sogar mit ihm die Hütte, um ihn eine Strecke zu begleiten.
Ich blickte durch den Eingang, um an dem Stand der Sterne die Zeit zu bemessen; denn auch die Uhr war mir abgenommen worden. Es mochte vielleicht zehn Uhr sein.
»Es ist zwei Stunden vor Mitternacht. Wann gehen wir?« fragte ich das Mädchen.
»In einer Stunde.«
»Meine Zeit ist sehr kostbar. Kann man mit dem Geist der Höhle nicht eher sprechen?«
»Die rechte Zeit ist genau um Mitternacht. Er wird zornig, wenn man eher kommt.«
»Bei mir wird er nicht zornig werden.«
»Weißt du das gewiß?«
»Ganz gewiß.«
»So laß uns gehen, sobald Madana zurückgekehrt ist.«
»Haben wir ein Licht?«
Sie zeigte mir schweigend einige kurze Binsenflechten, die mit Hammeltalg getränkt waren. Auch Feuerzeug hatte sie bei sich. Dann fragte sie:
»Herr, ich habe eine Bitte.«
»Sprich!«
»Wirst du meinem Vater verzeihen?«
»Ja; um deinetwillen.«
»Aber der Melek wird ihm zürnen!«
»Ich werde ihn besänftigen.«
»Ich danke dir!«
»Hast du nicht erfahren, wer meine Waffen erhalten hat und die anderen Sachen, die man mir abgenommen hat?«
»Nein. Der Vater wird sie wohl haben.«
»Wo pflegt er solche Dinge aufzubewahren?«
»Nach Hause hat er nichts gebracht; ich hätte es bemerkt.«
Jetzt kam Madana wieder.
»Herr,« sagte sie mit stolzer Miene, »dein Diener ist ein sehr verständiger und höflicher Mann.«
»Woraus schließest du dies?«
»Er hat mir etwas gegeben, was ich seit langer Zeit nicht mehr erhalten habe: -- einen Oepüsch[151], einen großen Oepüsch.«
Ich glaube, ich habe bei diesem naiv-stolzen Bekenntnisse ein sehr verdutztes Gesicht gemacht. Halef einen Kuß? Dieser alten, guten, duftigen >Petersilie<? Einen Kuß auf die >Reisetasche<, in deren Oeffnung die Schnecken mit Knoblauch verschwunden waren? Das war mir schier unglaublich. Daher fragte ich:
»Einen Oepüsch? Wohin?«
Sie spreizte mir die braunglasierten, dürren Finger der Rechten entgegen.
»Hierher, auf diese Hand. Es war ein Elöpüsch[152], wie man ihn nur einem vornehmen, jungen Mädchen giebt. Dein Diener ist ein Mann, dessen Höflichkeit man rühmen muß.«
Also ein Handkuß nur! Aber trotzdem eine Heldenthat meines wackern Halef, zu der ihm jedenfalls nur seine Liebe zu mir die Ueberwindung gegeben hatte.
»Du kannst stolz darauf sein,« antwortete ich. »Das Herz des Hadschi Halef Omar schlägt dir voll Dankbarkeit entgegen, weil du dich so freundlich meiner angenommen hast. Auch ich werde dir dankbar sein, Madana« -- hierbei machte sie unwillkürlich eine Bewegung, als wolle sie mir die Finger zum Handkusse entgegenstrecken, und daher fügte ich sehr eilig hinzu: -- »nur mußt du warten, bis ich wieder in Lizan bin.«
»Ich werde warten, Herr!«
»Jetzt werde ich mit Ingdscha zur Höhle gehen. Was wirst du thun, wenn jemand unterdessen kommt, um nach mir zu sehen?«
»Emir, rate mir!«
»Bleibst du hier, so trifft dich der Zorn des Betreffenden. Daher ist es besser, du versteckst dich, bis wir zurückkehren.«
»Ich werde deinen Rat befolgen und an einen Ort gehen, wo ich die Hütte beobachten und auch eure Rückkehr bemerken kann.«
»So wollen wir aufbrechen, Ingdscha.«
Ich steckte die Waffen zu mir und nahm den Hund an die Leine.
Die Jungfrau schritt voran, und ich folgte ihr.
Wir gingen eine Strecke weit den Weg zurück, auf dem ich zur Hütte gebracht worden war; dann stiegen wir rechts aufwärts und verfolgten diese Richtung, bis wir die Höhe erklommen hatten. Dieselbe war mit Laubwald bestanden, so daß wir eng nebeneinander gehen mußten, um uns nicht zu verlieren.
Nach einiger Zeit lichtete sich die Holzung wieder, und wir hatten einen schmalen Felsensattel zu überschreiten, der zu einer steilen Falte des Berges führte.
»Nimm dich in acht, Herr,« warnte das Mädchen. »Von jetzt an wird der Weg sehr beschwerlich.«
»Das ist nicht gut für alte Leute, die zu dem Geist der Höhle wollen. Hier können nur junge Füße steigen.«
»O, auch die Alten können empor, nur müssen sie einen Umweg machen. Von jenseits führt ein ganz guter Pfad bis in die Nähe der Höhle.«
Indem wir einander gegenseitig stützten, kletterten wir Hand in Hand empor und gelangten schließlich in ein Gewirr von großen Steinblöcken, zwischen denen ich das Ziel unserer Wanderung vermutete, die bis jetzt über eine halbe Stunde gedauert hatte.
Jetzt bildeten die Blöcke eine Art offenen Gang, in dessen Hintergrunde sich eine dunkle Wand erhob. Ingdscha blieb stehen.
»Dort ist es,« sagte sie, auf das Dunkel deutend. »Du gehst gradaus und wirst am Fuße jener Wand eine Oeffnung sehen, in die du das Licht setzest, nachdem du es angezündet hast. Dann kehrst du zu mir zurück. Ich warte hier auf dich.«
»Kann man das Licht hier sehen?«
»Ja. Aber es wird jetzt vergebens brennen, denn es ist noch lange nicht Mitternacht.«
»Ich werde es doch versuchen. Hier ist die Leine; halte einstweilen den Hund und lege ihm die Hand auf den Kopf.«
Ich nahm die Kerzen und schritt vorwärts. Es war ein Gefühl außerordentlicher Spannung, das mich jetzt beherrschte, und dies war gar kein Wunder; sollte ich doch in das Geheimnis eindringen, das den »Geist der Höhle« umhüllte. Freilich, den eigentlichen Kern dieses Geheimnisses ahnte ich bereits.
Ich langte vor der Felsenwand an und bemerkte die Höhle, deren Eingang gerade so hoch und breit war, daß ein Mann in aufrechter Haltung Zutritt nehmen konnte. Ich lauschte einige Augenblicke, hörte aber nicht das mindeste, und brannte dann eine der Kerzen an, die ich auf den Boden der Höhle niederstellte. Das ging sehr leicht, da die Kerze unten eine genügende Breite besaß.
Nun kehrte ich wieder zurück. Ich sagte mir, daß für einen nicht Unbefangenen schon ein gut Teil Mut dazu gehöre, in der Stunde der Mitternacht den Berg zu besteigen, um mit einem Geiste in Verkehr zu treten.
»Das Licht brennt. Nun warte, ob es verlöschen wird,« sagte Ingdscha.
»Es geht nicht der leiseste Lufthauch; wenn das Licht verlöscht, so ist es also ein sicheres Zeichen, daß der Ruh zugegen ist.«
»Sieh!« meinte das Mädchen, mich hastig am Arme fassend. »Es ist verlöscht!«