Part 37
»So gehe ich.«
»Ich erwarte dich hier.«
Als ich wieder an die Höhle kam, bückte ich mich nieder, um nach dem Lichte zu fühlen -- es war weggenommen worden. Ich hegte die Ueberzeugung, daß der Geist sich ganz nahe, vielleicht in einer Seitennische, befinde, um jedes Wort hören zu können. Ein anderer hätte nun einfach seine Angelegenheit in akroamatischer Weise vorgetragen und dann sich zurückgezogen; dies aber lag nicht in meiner Absicht. Ich trat zwei Schritte in die Höhle hinein.
»Ruh 'i kulyan!« rief ich halblaut.
Es erfolgte keine Antwort.
»Marah Durimeh!«
Wieder keine Antwort.
»Marah Durimeh, melde dich getrost; ich werde dein Geheimnis nicht verraten. Ich bin der Hekim aus Frankistan, der dein Urenkelkind in Amadijah vom Gifte befreite, und habe augenblicklich sehr notwendig mit dir zu sprechen.«
Ich hatte mich nicht getäuscht -- seitwärts war ein Geräusch zu vernehmen, als ob sich jemand überrascht vom Boden erhebe; dennoch aber vergingen mehrere Sekunden, ehe eine Antwort erfolgte. Dann erklang es:
»Du bist wirklich der Hekim-Emir aus Frankistan?«
»Ja. Vertraue mir! Ich ahnte, daß du selbst der Ruh 'i kulyan bist; ich werde dein Geheimnis bewahren.«
»Es ist deine Stimme, aber ich kann dich nicht sehen.«
»Verlange ein Zeichen von mir!«
»Gut! Was hatte der türkische Hekim in seinem Amulet, mit dem er den Teufel der Krankheit vertreiben wollte?«
»Eine tote Fliege.«
»Emir, du bist es wirklich! Wer hat dir die Höhle gezeigt?«
»Ingdscha, die Tochter von Nedschir-Bey. Sie steht da draußen und erwartet mich.«
»Gehe noch vier Schritte vorwärts!«
Ich that es und fühlte mich dann von einer Hand gefaßt, die mich nach seitwärts in eine Spalte zog, wo sie mich eine Strecke weiter führte.
»Jetzt warte. Ich werde das Licht anzünden.«
Einen Augenblick später brannte die Kerze, und ich sah Marah Durimeh vor mir stehen, eingehüllt in einen weiten Mantel, aus dem ihr hageres Gesicht wie dasjenige eines Totenkopfs mir entgegengrinste. Auch heut hingen ihr die schneeweißen Haarzöpfe bis beinahe zur Erde herab. Sie leuchtete mich an.
»Ja wirklich, du bist es, Emir! Ich danke dir, daß du gekommen bist. Aber du darfst keinem Menschen sagen, wer der Geist der Höhle ist!«
»Ich schweige.«
»Ist es ein Wunsch, der dich zu mir führt?«
»Ja. Aber er betrifft nicht mich, sondern die Chaldani, die einem großen Unglücke entgegengehen, das nur du vielleicht von ihnen abzuwenden vermagst. Hast du Zeit, mich anzuhören?«
»Ja. Komm und setze dich.«
In der Nähe lag ein langer, schmaler Stein, der Raum genug für zwei bot. Er bildete wohl stets die Ruhebank des Höhlengeistes. Wir ließen uns nebeneinander darauf nieder, während das Licht auf einer Steinkante stand. Dann sagte die Alte mit besorgter Miene:
»Deine Worte verkünden Unheil. Rede, Herr!«
»Weißt du schon, daß der Melek von Lizan den Bey von Gumri überfallen und gefangen genommen hat?«
»Heilige Mutter Gottes, ist das wahr?« rief sie, sichtlich im höchsten Grade erschrocken.
»Ja. Ich selbst war dabei als Gast des Bey und wurde gefangen.«
»Ich weiß nichts davon, kein Wort. Ich war während der letzten Tage drüben in Hajschad und Biridschai und bin erst heut über die Berge gekommen.«
»Nun halten die Berwari-Kurden da unten vor Lizan, um morgen den Kampf zu beginnen.«
»O ihr Thoren, die ihr den Haß liebt und die Liebe haßt! Soll sich das Wasser wieder vom Blute röten und das Land vom Scheine der Flammen? Erzähle, Herr, erzähle! Meine Macht ist größer, als du denkst; vielleicht ist es noch nicht zu spät.«
Ich folgte ihrem Gebote, und sie lauschte mit angehaltenem Atem meiner Darstellung. Es war, als hätte ich den Tod neben mir sitzen, und doch hing von diesem skelettartigen, geheimnisvollen Wesen vielleicht das Leben von Hunderten ab. Kein Glied ihres Körpers bewegte sich, und keine Falte ihres Mantels zitterte; aber sofort, als ich geendet hatte, fuhr sie vom Steine empor.
»Emir, noch ist es Zeit. Willst du mir helfen?«
»Gern.«
»Ich weiß, du mußt mir auch von dir erzählen, aber nicht jetzt, nicht jetzt, sondern morgen; jetzt giebt es Nötigeres zu thun. Der Geist der Höhle ist stumm gewesen; noch nie hat ihn jemand sprechen hören; heut aber wird er reden, heut muß er reden. Laß dich von Ingdscha führen, Herr, und eile hinab nach Lizan. Der Melek, der Bey von Gumri und der Raïs von Schohrd sollen sogleich zum Ruh 'i kulyan kommen.«
»Werden sie gehorchen?«
»Sie gehorchen; sie müssen gehorchen, glaube es mir!«
»Aber der Raïs ist nicht zu finden!«
»Emir, wenn ihn niemand findet, so wirst doch du ihn finden; ich kenne dich. Auch er muß kommen, ob gleichzeitig oder ob später als die beiden andern; wenn er nur bis zum Morgen erscheint. Ich werde warten.«
»Sie werden mich fragen, von wem ich den Auftrag erhalten habe. Ich werde antworten: ›Vom Ruh 'i kulyan;‹ weiter kein Wort. Ist es so recht?«
»Ja. Sie brauchen nichts zu wissen, am allerwenigsten aber, wer der Geist der Höhle eigentlich ist.«
»Soll ich wieder mitkommen?«
»Du kannst sie begleiten, aber in die Höhle darfst du nicht mit eintreten. Was ich ihnen zu sagen habe, ist für keines andern Ohr. Sage ihnen, sie sollen sofort in die Höhle treten und darin gradaus fortschreiten, bis sie in einen Raum gelangen, der erleuchtet ist.«
»Kannst du es bewirken, daß ich wieder erhalte, was man mir abgenommen hat?«
»Ja; trage keine Sorge. Aber jetzt gehe; morgen sehen wir uns wieder, und dann kannst du mit Marah Durimeh sprechen, so lange es dir gefällt!«
Ich ging und traf Ingdscha noch an demselben Platze, an dem ich sie verlassen hatte.
»Du warst lange dort, Herr,« sagte sie.
»Desto schneller müssen wir jetzt gehen.«
»Du mußt doch warten, bis das Licht wieder brennt, sonst weißt du nicht, ob dir deine Bitte erfüllt wird.«
»Sie wird erfüllt.«
»Woher weißt du es?«
»Der Geist sagte es!«
»O Herr, hättest du seine Stimme gehört?«
»Ja. Er hat sehr lange mit mir gesprochen.«
»Das ist noch niemals geschehen; du mußt ein sehr großer Emir sein!«
»Ein Geist beurteilt den Menschen nicht nach seinem Stande.«
»Hast du ihn vielleicht gar auch gesehen?«
»Von Angesicht zu Angesicht.«
»Herr, du erschreckst mich! Wie sah er aus?«
»Solche Dinge darf man nicht enthüllen. Komm, du sollst mich führen; ich muß schnell nach Lizan hinab.«
»Was wird da aus Madana, die auf dich wartet?«
»Du bringst mich zuerst auf den rechten Weg, und dann kehrst du zu ihr zurück, um ihr zu sagen, daß sie nicht mehr auf mich warten solle. Ich werde morgen nach Schohrd kommen.«
»Was aber soll sie meinem Vater sagen, wenn er dich von ihr verlangt?«
»Sie soll sagen, daß er sogleich zum Geist der Höhle kommen solle. Auch wenn du deinen Vater triffst, sendest du ihn sofort hinauf zur Höhle. Er muß kommen, er mag vorhaben, was er will. Wenn er nicht auf der Stelle gehorcht, so ist es um ihn geschehen.«
»Herr, mir wird bange. Komm, laß uns gehen!«
Ich nahm den Hund wieder bei der Leine und das Mädchen bei der Hand. So stiegen wir bergab, wobei es natürlich schneller ging, als vorher bergan. Als wir die Einsattelung erreichten, wandten wir uns nun nach rechts hinab anstatt nach links hinüber, und das Mädchen kannte das Terrain so genau und führte mich so sicher, daß wir bereits nach einer starken Viertelstunde den Weg erreichten, der Lizan mit Schohrd verbindet. Hier blieb ich stehen und sagte:
»Nun kenne ich den Pfad; wir müssen uns trennen. Als ich heut hier herabgeschleppt wurde, habe ich mir den Weg genau angesehen. Ich danke dir, Ingdscha. Morgen sehen wir uns wieder. Gute Nacht!«
»Gute Nacht!«
Sie hatte meine Hand ergriffen und einen kaum fühlbaren Kuß darauf gehaucht; dann eilte sie wie ein verscheuchtes Reh in das Dunkel der Nacht hinein. Ich stand eine volle Minute lang bewegungslos, dann schlug ich den Weg nach Lizan ein, während meine Gedanken sich -- rückwärts nach Schohrd bewegten.
Ich mochte vielleicht die Hälfte der Strecke zurückgelegt haben, als ich den Hufschlag eines Pferdes vor mir erschallen hörte. Ich trat zur Seite hinter einen Busch, um nicht gesehen zu werden. Der Reiter kam eilig näher und an mir vorüber -- es war der Raïs. Schon war er vorüber, da rief ich ihn an:
»Nedschir-Bey!«
Er hielt sein Pferd an.
Ich machte Dojan von der Leine frei, um ihn in seinen Bewegungen nicht zu hindern, falls mir sein Beistand nötig würde, und trat dann zu dem Raïs.
»Wer bist du?« fragte er.
»Dein Gefangener,« antwortete ich, sein Pferd beim Maule fassend.
Er beugte sich vor und sah mir in das Gesicht. Dann griff er nach mir; ich aber war schneller und packte seine Faust.
»Nedschir-Bey, höre in Ruhe, was ich dir zu sagen habe. Der Ruh 'i kulyan sendet mich: du sollst sofort zur Höhle kommen.«
»Lügner! Wer hat dich befreit?«
»Wirst du dem Rufe des Geistes folgen oder nicht?«
»Hund, ich töte dich!«
Er langte mit seiner freien Hand nach dem Gürtel, zu gleicher Zeit aber gab ich ihm aus allen Kräften einen plötzlichen Ruck; er wurde bügellos und flog in einem weiten Bogen vom Pferde herab.
»Dojan, faß!«
Der Hund warf sich auf ihn, während ich mir Mühe geben mußte, das Pferd zu beruhigen. Als mir dies gelungen war, sah ich den Raïs bewegungslos am Boden liegen; Dojan stand über ihm und hatte zwischen seinem aufgesperrten Gebiß den Hals des Mannes.
»Nedschir-Bey, die kleinste Bewegung oder das leiseste Wort kostet dir das Leben; dieser Hund ist schlimmer als ein Panther. Ich werde dich binden und dich mit nach Lizan nehmen; rührst du ein Glied falsch, oder sagst du ein lautes Wort gegen meinen Willen, so lasse ich dich zerreißen.«
Er sah den grimmigen Tod vor Augen und wagte nicht den geringsten Widerstand. Zunächst nahm ich ihm seine Waffen ab: -- Flinte und Messer. Dann fesselte ich ihn mit der starken Hundeleine grad in der Weise, wie man mich gefesselt hatte, und endlich stieß ich ihn empor und band ihn an den Steigbügel, grad so, wie man es mir gemacht hatte.
»Erlaube, Nedschir-Bey, daß ich aufsteige; du bist heut lang genug zu Pferde gesessen. Vorwärts!«
Er folgte ohne Widerstand, denn er mußte einsehen, daß derselbe vollständig nutzlos wäre. Es fiel mir nicht ein, meine jetzige vorteilhafte Lage zu benutzen, um den Mann zu verhöhnen, und so verhielt ich mich vollständig schweigsam. Er selbst unterbrach die Stille, aber in einem so vorsichtigen Tone, daß ich die Befürchtung heraushörte, der Hund werde ihn beim ersten Laute packen.
»Herr, wer hat dich befreit?«
»Das hörst du später.«
»Wohin bringst du mich?«
»Das wirst du sehen.«
»Ich werde Madana peitschen lassen!« grollte er.
»Das wirst du bleiben lassen! Wo hast du meine Waffen und die andern Sachen?«
»Ich habe sie nicht.«
»Sie werden sich finden. Höre, Nedschir-Bey, hast du kein besseres Pferd als dieses?«
»Ich habe Pferde genug!«
»Das ist mir lieb. Ich werde sie mir morgen ansehen und mir eins derselben auswählen für das, das du mir heut erschießen ließest.«
»Der Scheïtan wird dir eins geben. Morgen um diese Zeit bist du wieder gefangen!«
»Wollen sehen!«
Jetzt trat wieder Stille ein. Er trabte gezwungener Weise nebenher, der Hund hart an seinen Fersen, und bald sahen wir Lizan vor uns liegen.
Der Ort hatte sich während meiner Abwesenheit in ein Heerlager verwandelt. Drüben auf dem rechten Ufer des Zab herrschte vollständige Dunkelheit, hüben aber brannte Feuer an Feuer, an welchen zahlreiche Männergruppen lagen oder standen. Das größte Feuer brannte vor dem Hause des Melek, wie ich schon von weitem bemerkte. Um jeden unnützen Aufenthalt zu vermeiden, setzte ich mein Pferd in Trab; der Gefangene mußte gleichfalls traben. Dennoch erkannte man mich allenthalben.
»Der Fremde, der Fremde!« erscholl es, wo ich vorüber kam. Oder es ertönte der Ruf: »Nedschir-Bey! Und gefangen!«
Wir hatten bald ein zahlreiches Gefolge hinter uns, das sich Mühe gab, mit uns Schritt zu halten. So gelangten wir zum Hause des Melek. Hier waren wenigstens sechzig Bewaffnete versammelt. Der erste, den ich erblickte, war -- Sir David Lindsay, welcher behaglich an der Mauer lehnte. Als er mich sah, ging mit seinem gelangweilten Gesichte eine gewaltige Veränderung vor: -- die Stirn schob sich empor, und das Kinn fiel tief herunter, als sei es in Ohnmacht gesunken; der Mund öffnete sich, als solle ein ganzer Fowling-bull verschlungen werden, und die Nase richtete sich auf, wie der Hals eines Gemsbockes, wenn etwas Verdächtiges in den Wind kommt. Dann that der lange David einen herkulischen Sprung auf mich zu und fing mich, der ich soeben vom Pferde springen wollte, in seinen geöffneten Armen auf.
»Master, Sir!« brüllte er. »Wieder da? +Heighday-+heisa! +Huzza! Welcome! Hail, hail, hail!+«
»Na, erdrückt mich nicht, Sir David! Andere Leute wollen auch etwas von mir übrig behalten!«
»+Eh! Oh! Ah!+ Wo habt Ihr gesteckt? Wo gewesen? Wie gegangen, he? Selbst befreit? +Lack-a-day+, Gefangenen mitgebracht! Wunderbar! Unbegreiflich! +Yes!+«
Da aber wurde ich bereits von der andern Seite gefaßt.
»Allah illa allah! Da bist du ja, Effendi! Allah und dem Propheten sei Dank! Nun sollst du erzählen!«
Es war Mohammed Emin. Und Amad el Ghandur, sein Sohn, der neben ihm stand, rief:
»Wallahi, das hat Gott geschickt! Nun hat die Not ein Ende. Sihdi, reiche uns deine Hand!«
Und dort seitwärts stand der kleine brave Hadschi Halef Omar. Er sagte kein Wort, aber in seinen treuen Augen funkelten zwei große Freudentropfen. Ich reichte auch ihm die Hand:
»Halef, das habe ich zum großen Teile dir zu danken!«
»Rede nicht, Sihdi!« antwortete er. »Was bin ich gegen dich? Eine schmutzige Ratte, ein häßlicher Igel, ein Hund, der froh ist, wenn ihn dein Auge mit einem Blick beglückt!«
»Wo ist der Melek?«
»Im Hause.«
»Und der Bey?«
»In der verborgensten Stube, weil er die Geisel ist.«
»Laßt uns hineingehen!«
Es hatte sich eine große Menschenmenge um uns versammelt. Ich schnürte den Raïs vom Bügel los und bedeutete ihm, mit mir in das Haus zu treten.
»Du bringst mich nicht hinein!« knirschte er.
»Dojan, paß auf!«
Dieser Ruf genügte. Ich ging voran, das Ende der Schnur in der Hand haltend, und der Gefangene folgte ohne Zögern. Als die Thür geschlossen war, erhob sich draußen ein tosendes, hundertstimmiges Murmeln: die Menge suchte sich den für sie noch geheimnisvollen Vorgang zu erklären. Drinnen trat uns der Melek entgegen. Als er mich erblickte, stieß er einen Ruf der lebhaftesten Freude aus und streckte mir beide Hände entgegen.
»Emir, was sehe ich! Du bist wieder zurück? Heil und unverletzt? Und hier -- -- ah, Nedschir-Bey! Gefangen!«
»Ja. Kommt herein, und laßt euch erklären!«
Wir traten in den größten Raum des Erdgeschosses, wo Platz für uns alle war. Hier ließen sie sich erwartungsvoll auf die Matten nieder, während der Raïs stehen mußte; seine Leine hatte der Hund zwischen den Zähnen, der bei der geringsten Bewegung des Gefangenen ein drohendes Knurren ausstieß.
»Wie ich in die Hände des Raïs von Schohrd geraten bin, und wie man mich behandelt hat, das hat euch wohl hier Halef ausführlich erzählt?« fragte ich.
»Ja,« erklang es im Kreise.
»So brauche ich es nicht zu wiederholen und -- -- --«
»O doch, Emir, erzähle es noch einmal selbst!« unterbrach mich der Melek.
»Später. Jetzt haben wir keine Zeit dazu, denn es giebt sehr Notwendiges zu thun.«
»Wie wurdest du frei, und wie ward der Raïs selbst dein Gefangener?«
»Auch das sollt ihr später ausführlich hören. Der Raïs hat die ganze Gegend aufgestachelt, sich morgen früh auf die Berwari zu werfen. Das wäre das Verderben der Chaldani -- --«
»Nein!« ließ sich eine Stimme vernehmen.
»Streiten wir uns nicht! Es gab nur einen, der hier helfen konnte, nämlich der Ruh 'i kulyan -- -- --«
»Der Ruh 'i kulyan!« erscholl es erstaunt und erschrocken.
»Ja, und ich ging zu ihm.«
»Wußtest du seine Höhle?« fragte der Melek.
»Ich fand sie und erzählte ihm alles, was geschehen war. Er hörte mir ruhig zu und sagte mir, ich solle -- --«
»Er hat mit dir gesprochen? Du hast seine Stimme gehört? -- Emir, das ist noch keinem Sterblichen widerfahren,« rief einer der vornehmen Chaldäer, die mit uns eingetreten waren. »Du bist ein Liebling Gottes, und auf deine Stimme müssen wir hören!«
»Thut es, ihr Männer; das wird zu eurem Heile gereichen!«
»Was sagte der Geist der Höhle?«
»Er sagte, ich solle sofort nach Lizan gehen und den Melek, den Bey von Gumri und den Raïs von Schohrd zu ihm bringen.«
Ein lautes »Ah!« der Verwunderung ging durch die Versammlung, und ich fuhr fort:
»Ich eilte herab und begegnete dem Raïs. Ich sagte ihm, daß er zu dem Ruh 'i kulyan kommen solle, und da er dem Rufe des Geistes nicht gehorchen wollte, so nahm ich ihn gefangen und brachte ihn hierher. Holt den Bey herbei, damit er es erfährt!«
Der Melek erhob sich.
»Emir, du scherzest nicht?« fragte er.
»Diese Sache ist zu ernst zum Scherze!«
»So müssen wir gehorchen. Aber ist es nicht gefährlich, den Bey mitzunehmen? Wenn er uns entflieht, so sind wir ohne Geisel.«
»Er muß uns versprechen, nicht zu entfliehen, und er wird sein Wort halten.«
»Ich hole ihn.«
Er ging und brachte nach wenigen Augenblicken den Bey mit sich herein.
Als der Herrscher von Gumri mich erblickte, eilte er auf mich zu.
»Du bist wieder da, Herr!« rief er. »Alochhem d'Allah -- Gott sei Dank, der dich mir wiedergegeben hat! Ich habe die Kunde von deinem Verschwinden mit großer Betrübnis vernommen, denn ich wußte, daß meine Hoffnung nur auf dich allein zu setzen sei.«
»Auch ich habe an dich mit banger Sorge gedacht, o Bey,« antwortete ich ihm. »Ich wußte, daß du wünschest, mich frei zu sehen, und Allah, der immer gütig ist, hat mich aus der Gewalt des Feindes errettet und mich wieder zu dir geführt.«
»Wer war der Feind? Dieser hier?«
Er deutete bei diesen Worten auf Nedschir-Bey.
»Ja,« antwortete ich ihm.
»Allah verderbe ihn und seine Kinder nebst den Kindern seiner Kinder! Bist du nicht der Freund dieser Leute gewesen, so wie du der meinige gewesen bist? Hast du nicht gesprochen und gehandelt, wie es zu ihrem Besten diente? Und dafür hat er dich überfallen und gefangen genommen! Siehst du nun, was du von der Freundschaft eines Nasarah zu erwarten hast?«
»Es giebt überall gute und böse Leute, unter den Muselmännern und unter den Christen, o Bey; darum soll der Freund nicht mit dem Feinde leiden.«
»Emir,« entgegnete er, »ich liebe dich. Du hattest mein Herz erweicht, daß es Gedanken des Friedens hegte gegen diese Leute. Nun aber haben sie sich an dir vergriffen, und darum mag das Messer zwischen mir und ihnen reden.«
»Bedenke, daß du ihr Gefangener bist!« warf ich ein.
»Meine Berwari werden kommen und mich befreien,« antwortete er stolz.
»Sie sind ja bereits da, aber sie sind zu schwach an Zahl.«
»Es sind noch viele Tausend hinter ihnen.«
»Wenn diese kommen, so ist es um dich geschehen. Sie würden dich nur als Leiche finden. Du bist als Geisel hier und wirst den Angriff deiner Leute mit dem Leben bezahlen müssen.«
»So sterbe ich. Allah hat alles im Buche verzeichnet, was dem Gläubigen geschehen soll. Kein Mensch kann sein Kismét[153] ändern.«
»Bedenke, daß der Melek mein Gastfreund ist! Er hat nicht gewollt, daß mir Uebles geschehe, und nur der Raïs ist es gewesen, der ohne Wissen der übrigen feindlich gegen uns gehandelt hat.«
»Wie bist du entkommen, Herr?«
»Frage den Ruh 'i kulyan!«
»Den Ruh 'i kulyan?« rief er verwundert. »War er bei dir?«
»Nein, ich war bei ihm, und er wünscht, daß auch du zu ihm kommst.«
»Ich? Wann?« erkundigte er sich fast bestürzt.
»Sofort.«
»Herr, du scherzest! Der Ruh 'i kulyan ist ein gewaltiger, mächtiger Geist, und ich bin nichts als ein armer Oelidschi[154], der vor dem Unsichtbaren zittern muß.«
»Er ist nicht unsichtbar.«
»Hast du ihn gesehen?«
»Ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen.«
»Und du bist nicht sofort gestorben?«
»Wie du siehst, lebe ich noch.«
»Ja, ihr Emire aus Frankistan wißt, wie man mit Geistern zu verkehren hat!«
»Giebt es hier nicht viele Leute, die bei dem Ruh 'i kulyan gewesen sind, ohne darauf sterben zu müssen?«
»Sie haben zu ihm gesprochen, aber sie haben ihn nicht gesehen.«
»Ich habe dir nicht gesagt, daß du ihn sehen wirst. Er hat befohlen, daß der Melek, du und Nedschir-Bey sofort zur Höhle kommen sollt. Willst du diesem Befehl ungehorsam sein? Auch der Melek wird dahin kommen!«
»Dann gehe auch ich mit.«
»Das wußte ich. Aber wirst du dabei nicht vergessen, daß du der Gefangene des Melek bist?«
»Glaubt er, daß ich ihm entfliehe?«
»Er muß vorsichtig sein. Willst du ihm versprechen, keinen Fluchtversuch zu machen, und giebst du ihm dein Wort, freiwillig wieder hierher zurückzukehren?«
»Ich gebe ihm mein Wort.«
»Reiche ihm die Hand!«
Er that dies, und der Melek versicherte ihm:
»Bey, ich vertraue dir und werde dich nicht bewachen, obgleich mir der Besitz deiner Person jetzt wichtiger ist, als große Schätze. Wir werden nicht gehen, sondern reiten, und du sollst frei auf deinem Pferde sein.«
»Reiten?« fragte ich. »Ist dies nicht unmöglich bei diesem Wege?«
»Es giebt einen Umweg,« antwortete er, »der zwar länger ist, auf dem wir aber zu Pferde die Höhle eher erreichen, als wenn wir die Höhen mühsam erklettern. Du reitest mit, Herr?«
»Ja, obgleich ich nicht mit zum Geiste gehen werde.«
»Was aber soll mit Nedschir-Bey geschehen?«
Der Genannte wartete meine Antwort gar nicht ab, sondern sagte tückisch:
»Ich gehe nicht mit; ich bleibe hier!«
»Du hast gehört, daß dich der Ruh 'i kulyan verlangt,« warnte ihn der Melek mit ernster Stimme.
»Was dieser Fremde sagt, brauche ich nicht zu beachten!«
»So willst du dem Geiste nicht gehorchen?«
»Ich gehorche ihm, aber nicht, wenn er mir diesen Franken schickt!«
»Aber ich befehle es dir!«
»Melek, ich bin Nedschir-Bey, der Raïs von Schohrd; du hast mir nichts zu befehlen!«
Der Melek sah mich fragend an, darum wandte ich mich zu meinem kleinen Hadschi Halef Omar:
»Halef, hast du gesehen, ob es hier Stricke giebt?«
»Siehe, dort im Winkel liegen genug, Herr,« antwortete er.
»Nimm davon und komm!«
Der kleine Hadschi merkte, was geschehen solle. Er versetzte dem Raïs, der ihm in der Richtung stand, einen nicht sehr freundschaftlichen Rippenstoß und nahm dann die aus Leff[155] gearbeitete Stricke vom Boden auf. Ich aber erklärte dem Melek:
»Will er nicht mit, so wird er gezwungen. Wir binden ihn auf das Pferd, so daß er sich nicht bewegen kann.«
»Versucht es,« drohte der Raïs. »Wer mir nahe kommt, dem thue ich so, wie du es mit dem Manne Madanas gemacht hast!«
»Was meint er?« fragte Halef.
»Er soll auf das Pferd gebunden werden, will aber einen jeden niedertreten, der es wagt, sich ihm zu nahen.«
»Maschallah, der Mensch ist verrückt!«
Bei diesen Worten that der kleine Mann einen Sprung, und im nächsten Augenblick lag der riesige Chaldani, der allerdings an den Händen gefesselt war, auf der Erde. Eine halbe Minute später waren ihm die Beine so fest und eng zusammengebunden, daß seine ganze Gestalt so unbeweglich war, als ob sie in einem Futterale stäke.
»Aber, Halef, er soll ja auf dem Pferde sitzen?« erinnerte ich.
»Ist nicht nötig, Sihdi,« antwortete er. »Wir legen diesen Dschadd[156] mit dem Bauch auf das Pferd; so kann er schwimmen lernen.«
»Wohl; schaffe ihn hinaus!«
Der Kleine faßte den Großen beim Kragen des Gewandes, hob ihn halb empor, drehte sich um, so daß Rücken auf Rücken kam, und schleifte ihn hinaus. Die anderen folgten. Jetzt trat Lindsay zu mir heran.
»Master,« sagte er. »Habe nichts verstanden, +nothing-not+, weniger als nichts. Wohin geht Ihr?«
»Zum Höhlengeist.«
»Höhlengeist? +Thunder-storm!+ Darf ich mit?«
»Hm! eigentlich nicht.«
»Pshaw! Werde diesen Geist nicht aufessen!«
»Glaube es!«
»Wo wohnt er?«
»Droben in den Felsen.«
»Felsen? Giebt's da Ruinen?«
»Weiß nicht. Es war dunkel oben während meiner Anwesenheit.«
»Felsen! Höhlen! Ruinen! Geister! Vielleicht auch Fowling-bulls?«
»Ich glaube nicht.«
»Und dennoch gehe ich mit! War hier so lange allein; kein Mensch versteht mich. Bin froh, daß ich Euch wieder habe. Nehmt mich mit!«
»Nun wohl; aber zu sehen werdet Ihr wohl nichts bekommen.«