Durchs wilde Kurdistan

Part 35

Chapter 353,940 wordsPublic domain

»Trinken?«

»Nein.«

Das Gespräch war zu Ende, aber die duftende Petersilie kam herbeigekrochen, ließ sich in der unmittelbaren Nähe meiner armen Nase häuslich nieder und nahm dann den von mir verschmähten Scherben auf ihren Schoß. Ich sah, daß sie mit allen fünf Fingern der rechten Hand in das geheimnisvolle Amalgam langte und dann den zahnlosen Mund wie eine schwarzlederne Reisetasche auseinanderklappte -- ich schloß die Augen. Eine Zeitlang hörte ich ein mächtiges Geknatsch; sodann vernahm ich jenes sanfte, zärtliche Streichen, welches entsteht, wenn die Zunge als Wischtuch gebraucht wird, und endlich erklang ein langes, zufriedenes Grunzen, welches ganz hörbar aus einer wonnetrunkenen Menschenseele kam. O Petersilie, du Würze des Lebens, warum duftest du nicht draußen im Freien!

Nach langer Zeit erst öffnete ich die Augen wieder. Mein Schirm und Schutz saß noch immer vor mir und hielt die Augen forschend auf mich gerichtet. In diesen Augen schimmerte ein wenig Mitleid und viel Neugierde.

»Wer bist du?« fragte sie mich.

»Weißt du es nicht?« antwortete ich.

»Nein. Du bist ein Moslem?«

»Ich bin ein Christ.«

»Ein Christ und gefangen? Du bist kein Berwari-Kurde?«

»Ich bin ein Christ aus dem fernen Abendlande.«

»Aus dem Abendlande!« rief sie erstaunt. »Wo die Männer mit den Frauen tanzen? Und wo man mit Schaufeln ißt?«

Also der Ruhm unserer abendländischen Kultur war bereits bis zu den Ohren der Petersilie gedrungen: sie hatte von unserer Polka und von unsern Löffeln gehört.

»Ja,« nickte ich.

»Aber was willst du hier in diesem Lande?«

»Ich will sehen, ob hier die Frauen so schön sind, wie die unserigen.«

»Und was hast du gefunden?«

»Sie sind sehr schön.«

»Ja, sie sind schön,« stimmte sie bei, »schöner als in einem andern Lande. Hast du ein Weib?«

»Nein.«

»Ich bedaure dich! Dein Leben gleicht einer Schüssel, in der weder Sarmysak noch Saljanghosch ist!«

Sarmysak und Saljanghosch, Schnecken in Knoblauch? Sollte dies das fürchterliche Gericht sein, welches vorhin in der »Reisetasche« verschwand! Und das hatte die Petersilie ohne »Schaufeln« bewältigt!

»Willst du dir kein Weib nehmen?« erkundigte sie sich weiter.

»Ich möchte vielleicht wohl, aber ich kann nicht.«

»Warum nicht?«

»Kann man es thun, wenn man so gefesselt ist?«

»Du wirst warten, bis du wieder frei geworden bist.«

»Wird man mir die Freiheit wiedergeben?«

»Wir sind Chaldani; wir töten keinen Gefangenen. Was hast du gethan, daß man dich gebunden hat?«

»Das will ich dir erzählen. Ich bin über Mossul und Amadijah in dieses Land gekommen, um -- -- --«

Sie unterbrach mich hastig:

»Ueber Amadijah?«

»Ja.«

»Wann warst du dort?«

»Vor kurzer Zeit.«

»Wie lange bliebst du dort?«

»Einige Tage.«

»Hast du dort vielleicht einen Mann gesehen, der ein Emir und ein Hekim aus dem Abendlande war?«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Beschreibe ihn mir!«

»Er hat ein Mädchen gesund gemacht, welches Gift gegessen hatte.«

»Ist er noch dort?«

»Nein.«

»Wo befindet er sich?«

»Warum fragst du nach ihm?«

»Weil ich gehört habe, daß er in diese Gegend kommen wird.«

Sie sprach mit einer Hast, welche nur von dem lebhaftesten Interesse hervorgebracht sein konnte.

»Er ist bereits in dieser Gegend,« sagte ich.

»Wo? Schnell, sage es!«

»Hier.«

»Hier in Schohrd? Du irrst; ich habe nichts davon gehört!«

»Nicht hier in Schohrd, sondern hier in deiner Hütte.«

»In dieser Hütte? Katera aïssa -- um Jesu willen, dann wärst du's ja!«

»Ich bin der Mann, nach dem du fragst.«

»Herr, kannst du dies beweisen?«

»Ja.«

»Wen trafst du in dem Hause der Kranken, welche Gift gegessen hatte?«

»Ich traf dort Marah Durimeh.«

»Hat sie dir einen Talisman gegeben?«

»Nein; aber sie hat mir gesagt, wenn ich hier in Not kommen werde, so solle ich nach dem Ruh 'i kulyan fragen.«

»Du bist's, du bist's, Herr!« rief sie, indem sie die Hände zusammenschlug. »Du bist der Freund von Marah Durimeh; ich werde dir helfen; ich werde dich beschützen. Erzähle mir, wie du in diese Gefangenschaft geraten bist!«

Dies war heut bereits zum dritten Male, daß ich die wunderbare Wirkung von dem Namen Marah Durimehs erlebte. Welche Macht besaß dieses geheimnisvolle Weib?

»Wer ist Marah Durimeh?« fragte ich.

»Sie ist eine alte Fürstin, deren Nachkommen vom Messias abgefallen und zu Muhammed übergetreten sind. Nun thut sie Buße für sie und wird ruhelos hin und her getrieben.«

»Und wer ist der Ruh 'i kulyan?«

»Das ist ein guter Geist. Die einen sagen, es sei der Engel Gabriel, und andere meinen, daß es der Erzengel Michael sei, der die Gläubigen beschützt. Er hat hier gewisse Orte und gewisse Zeiten, wo und wann man zu ihm kommen kann. Aber erzähle mir vorher, wie du gefangen wurdest!«

Die Erfüllung dieses Wunsches konnte mir nur Nutzen bringen. Ich überwand die Unannehmlichkeit meiner Körperlage und die Beschwerden, welche mir die Armfesseln verursachten, und erzählte meine Erlebnisse von Amadijah bis zur gegenwärtigen Stunde. Die Alte hörte mir mit der größten Aufmerksamkeit zu, und als ich geendet hatte, faßte sie fast zärtlich die eine meiner zusammengeschnürten Hände.

»Herr,« rief sie, »du hast recht vermutet: Nedschir-Bey ist es, der dich gefangen hält. Ich weiß nicht, weshalb er es gethan hat, aber ich liebe ihn nicht; er ist ein gewaltthätiger Mann, und ich werde dich retten.«

»Du willst mir diese Fesseln abnehmen?«

»Herr, das darf ich nicht wagen. Nedschir-Bey wird bald kommen, und dann würde er mich sehr bestrafen.«

»Was willst du sonst thun?«

»Emir, heut ist der Tag, an welchem man um Mitternacht hier zum Ruh 'i kulyan geht. Der Geist wird dich erretten.«

»Willst du bei ihm für mich bitten?«

»Ich kann nicht zu ihm; ich bin sehr alt, und der Weg ist mir zu steil. Aber« -- -- -- sie hielt inne und blickte nachdenklich vor sich nieder; dann blickte sie mich forschend an -- -- »Herr, wirst du mir eine Lüge sagen?«

»Ich sage dir die Wahrheit!«

»Wirst du fliehen, wenn du mir versprichst, es nicht zu thun?«

»Was ich verspreche, das halte ich!«

»Deine Arme schmerzen dich. Wirst du hier bleiben, wenn ich sie dir losbinde?«

»Ich verspreche es.«

»Aber darf ich sie dir auch wieder fesseln, wenn jemand kommt?«

»Auch das.«

»Schwöre es!«

»Die heilige Schrift gebietet: Eure Rede sei ja ja, nein nein; was darüber ist, das ist unrecht. -- Ich schwöre nicht, aber ich verspreche es dir und werde mein Wort halten.«

»Ich glaube dir!«

Sie erhob sich halb und versuchte es, die Riemen in meinem Nacken zu lösen. Ich gestehe reumütig, daß mir in diesem Augenblicke der Duft der guten »Petersilie« nicht im geringsten widerwärtig war. Ihr Vorhaben gelang, und ich streckte die schmerzenden Arme mit Wonne aus und gönnte der so lange eingepreßten Brust einen tiefen Atemzug. Madana aber nahm von jetzt an ihren Platz draußen vor der Hütte, wo sie jeden Nahenden bereits von weitem sehen und hören konnte. Daß unsere Unterhaltung durch die Thüröffnung fortgesetzt werden könne, bewies mir die brave Alte auf der Stelle.

»Wenn jemand kommt, werde ich dich einstweilen wieder binden,« sagte sie; »und dann -- dann -- -- dann -- -- -- o Herr, würdest du wiederkommen, wenn ich dir erlaube, einmal fortzugehen?«

»Ja. Wohin aber soll ich gehen?«

»Hinüber auf den Berg, zum Ruh 'i kulyan.«

Ich horchte erstaunt auf. Das war ja ein Abenteuer, wie mir noch selten eines geboten worden war. Ich sollte heimlich aus meiner Gefangenschaft beurlaubt werden, um den geheimnisvollen »Geist der Höhle« kennen zu lernen.

»Ich gehe, und du kannst dich darauf verlassen, daß ich ganz sicher wiederkomme!« versprach ich Madana mit Freuden. »Aber ich kenne den Weg ja nicht!«

»Ich rufe Ingdscha, welche dich führen wird.«

Ingdscha heißt »Perle«. Dieser Name war vielversprechend.

»Wer ist Ingdscha?« erkundigte ich mich neugierig.

»Eine der Töchter von Nedschir-Bey.«

»Von diesem?« fragte ich überrascht.

»Die Tochter ist anders als der Vater, Herr.«

»Aber wird sie mich auf den Weg führen, da sie weiß, daß es ihrem Vater gilt?«

»Sie wird. Sie ist der Liebling Marah Durimehs, und ich habe mit ihr gesprochen von dem fremden Emir, welcher das Gift besiegt und dessen Waffen niemand widerstehen kann.«

Also war mein Ruf als Wunderdoktor selbst bis hierher gedrungen. Erstaunt fragte ich:

»Wer sagte das?«

»Dein Diener hat es in Amadijah dem Vater der Kranken erzählt, und Marah Durimeh hat es Ingdscha wiedergesagt. Sie ist begierig, einen Emir aus Frankistan zu sehen. Soll ich sie rufen, Herr?«

»Ja, wenn es nicht viel gewagt ist.«

»Dann aber muß ich dich vorher binden, doch bloß bis ich wiederkomme.«

»So thue es!«

Ich ließ mich unter diesen Umständen ganz gern wieder fesseln, und als dies geschehen war, verließ die Alte die Hütte. Bald kehrte sie zurück und meldete, daß Ingdscha kommen würde. Sie entfesselte mir die Hände, und ich fragte, ob sie im Dorfe gewesen sei, und äußerte die Besorgnis:

»Aber wenn man dich gesehen hat? Du sollst mich doch bewachen!«

»O, die Männer sind nicht daheim, und die Frauen, welche mich ja gesehen haben können, werden mich nicht verraten.«

»Wo sind die Männer?«

»Sie sind gen Lizan gegangen.«

»Was thun sie dort?«

»Ich habe nicht gefragt. Was geht mich das Treiben der Männer an! Wenn Ingdscha kommt, wird sie es dir vielleicht sagen.«

Die Alte setzte sich wieder vor die Thür. Nach einiger Zeit aber stand sie eilig auf und lief einer sich nahenden Person entgegen. Ich hörte vor der Hütte ein leises Geflüster, und dann verdunkelte sich der Eingang, um die »Perle« einzulassen.

Gleich der erste Blick auf die Eingetretene sagte mir, daß der Name Ingdscha hier ganz an seinem Platze sei. Das Mädchen mochte neunzehn Jahre zählen, war hoch gebaut und von so kräftigen Körperformen, daß sie ohne Bedenken die Frau eines Flügelmannes aus der alten, preußischen Riesengarde hätte werden können. Dennoch war das Gesicht ein mädchenhaft weiches und hatte jetzt, dem Fremden gegenüber, sogar einen sehr bemerkbaren Anflug von Schüchternheit.

»Sallam, Emir!« grüßte sie mit fast leiser Stimme.

»Sallam!« antwortete ich. »Du bist Ingdscha, die Tochter des Raïs von Schohrd?«

»Ja, Herr.«

»Verzeihe, daß ich mich nicht erhebe, um dich zu begrüßen. Ich bin an diesen Pfahl gebunden.«

»Ich denke, Madana hat dich einstweilen frei gemacht?«

»Nur die Hände.«

»Warum nicht auch das übrige?«

Sie bog sich sofort zu mir nieder, um mir die Stricke zu lösen, ich aber wehrte ab:

»Ich danke dir, du Gute! Aber ich bitte dich dennoch, es nicht zu thun, da wir zu lange Zeit brauchen, um mich wieder zu binden, wenn jemand kommt.«

»Madana hat mir alles erzählt,« erwiderte sie. »Herr, ich werde nicht leiden, daß du hier am Boden liegst, du, ein Emir aus dem Abendlande, der alle Länder der Erde bereist, um Abenteuer zu erleben!«

Aha, das waren die Folgen von der Aufschneiderei meines kleinen Hadschi Halef Omar. Das Mädchen hielt mich für einen abendländischen Harun al Raschid, welcher Jagd auf Abenteuer machte.

»Du wirst es aus Vorsicht dennoch leiden müssen,« antwortete ich. »Komm, laß dich an meiner Seite nieder und erlaube, daß ich dir einige Fragen vorlege!«

»Herr, deine Güte ist zu groß. Ich bin ein armes, geringes Mädchen, dessen Vater dich noch dazu tödlich beleidigt hat.«

»Vielleicht verzeihe ich ihm um deinetwillen.«

»Nicht um meinet-, sondern um meiner Mutter willen, Herr. Er ist nicht mein rechter Vater; der erste Mann meiner Mutter ist gestorben.«

»Armes Kind! Und der zweite Mann deiner Mutter ist wohl streng und grausam mit dir?«

Ihr Auge leuchtete auf.

»Streng und grausam? Herr, das sollte er nicht wagen! Nein, aber er verachtet sein Weib und seine Töchter; er sieht und hört nicht, daß sie sich in seinem Hause befinden; er will nicht haben, daß wir ihn lieben, und darum -- darum ist es keine Sünde, wenn ich dich zum Ruh 'i kulyan geleite.«

»Wann wird dies geschehen?«

»Grad um Mitternacht muß man auf dem Berge sein.«

»Er befindet sich in einer Höhle?«

»Ja. Allemal um Mitternacht am ersten Tage der zweiten Woche.«

»Aber wie merkt man, daß er zugegen ist?«

»An dem Lichte, welches man mitbringen muß. Man setzt ein Licht vor den Eingang der Höhle und zieht sich zurück. Brennt es fort, so ist der Geist nicht da; verlöscht es aber, so ist er zugegen. Dann tritt man wieder hinzu, geht drei Schritte weit in die Höhle hinein und sagt, was man will.«

»In welchen Angelegenheiten darf man mit dem Geiste sprechen?«

»In allen. Man kann ihn um etwas bitten; man kann einen andern verklagen; man kann sich auch nach etwas erkundigen.«

»Aber ich denke, der Geist spricht nicht! Wie erhält man seine Antwort?«

»Wenn man den Wunsch gesagt hat, so geht man bis an das Bild zurück und wartet kurze Zeit. Beginnt das Licht wieder zu brennen, so ist die Bitte erfüllt, und nach kurzer Zeit, oft schon in der ersten Nacht noch erhält man auf irgend eine Weise die Nachricht, welche man erwartet hat.«

»Was ist das für ein Bild, von dem du redest?«

»Es ist ein hoher Pfahl, an welchem das Bild der heiligen Mutter Gottes befestigt ist.«

Das überraschte mich, da ich wußte, daß die Chaldani lehren, die heilige Maria sei nicht die Mutter Gottes, sondern nur die Mutter des Menschen Jesus. Der geheimnisvolle Ruh 'i kulyan schien sonach ein guter Katholik zu sein.

»Wie lange bereits steht dieses Bild?« fragte ich.

»Ich weiß es nicht; es steht schon länger als ich lebe.«

»Und hat noch kein Kurde oder Chaldani gesagt, daß es fort müsse?«

»Nein, denn dann würde der Ruh 'i kulyan für immer verschwunden sein.«

»Und dies wünscht niemand?«

»Niemand, Herr. Der Geist thut Wohlthat über Wohlthat in der ganzen Gegend. Er beglückt die Armen und beratet die Reichen; er beschützt die Schwachen und bedroht die Mächtigen; der Gute hofft auf ihn, und der Böse zittert vor ihm. Wenn ich den Vater bitte, dich frei zu geben, so verlacht er mich; wenn es ihm aber der Geist gebietet, so wird er gehorchen.«

»Warst auch du einmal des Nachts oben bei der Höhle?«

»Mehrere Male. Ich habe für meine Mutter und Schwester gebeten.«

»Wurde deine Bitte erfüllt?«

»Ja.«

»Wer brachte dir die Erfüllung?«

»Die ersten Male kam es des Nachts, und ich konnte nichts sehen; beim letzten Male aber war es Marah Durimeh. Der Geist war ihr erschienen und hatte sie zu mir gesandt.«

»So kennst du Marah Durimeh?«

»Ich kenne sie, seit ich lebe.«

»Sie ist wohl oft bei euch?«

»Ja, Herr. Und dann gehe ich mit ihr auf die Berge, um Kräuter zu sammeln, oder wir besuchen die Kranken, welche ihrer Hilfe bedürfen.«

»Wo wohnet sie?«

»Niemand weiß es. Vielleicht hat sie nirgends eine Wohnung, aber sie ist in jedem Hause willkommen, in das sie kommt.«

»Woher stammt sie?«

»Darüber wird sehr verschieden gesprochen. Die meisten erzählen, daß sie eine Fürstin aus dem alten Geschlechte der Könige von Lizan sei. Das war ein gar mächtiges Geschlecht, und ganz Tijari und Tkhoma war ihm unterthan. Sie aßen und tranken aus goldenen Gefäßen, und alles andere war von Silber und Metall gemacht. Da aber wandten sie sich dem Propheten von Medina zu, und der Herr schüttelte die Wolken seines Zornes über sie aus; sie wurden verstreut in alle Lande. Nur Marah Durimeh war ihrem Gott treu geblieben, und er hat sie gesegnet mit einem hohen Alter, mit einem weisen Herzen und mit großen Reichtümern.«

»Wo hat sie diese Reichtümer, da sie doch keine Wohnung besitzt?«

»Niemand weiß es. Einige sagen, sie habe ihr Gold in der Erde vergraben. Viele aber behaupten, sie habe Macht über die Geister der Tiefe, welche ihr so viel Geld bringen müssen, als sie brauche.«

»Also sie hat dir von mir erzählt?«

»Ja, alles, was dein Diener in Amadijah von dir berichtet hat. Sie hat mir befohlen, sobald ich höre, daß du in diese Gegend gekommen seist, solle ich hinauf zur Höhle gehen, um den Ruh 'i kulyan zu bitten, dich vor allem Unfall zu behüten. Nun aber wirst du dies selbst thun.«

»Du gehst nicht ganz mit zur Höhle?«

»Nein. Wenn du selbst kommst, so kann ich fern bleiben. Hast du nicht Hunger, Herr? Madana sagte mir, daß du ihr erlaubt habest, dein Mahl zu verzehren.«

»Wer hatte dieses Mahl bereitet?«

»Sie selbst. Der Vater hat es bei ihr bestellt.«

»Warum nicht bei euch?«

»Weil wir nicht wissen sollen, daß er einen Gefangenen verbirgt. Der Mann Madanas ist sein bester Gefährte, und darum hat sie den Befehl erhalten, dich zu bewachen.«

»Wo sind die Männer eures Dorfes?«

»Sie werden sich in der Gegend von Lizan befinden.«

»Was thun sie dort?«

»Ich weiß es nicht.«

»Kannst du es nicht erfahren?«

»Vielleicht. Doch sage, Herr, ob du essen willst!«

Ich antwortete ausweichend:

»Ich verschmähte das Gericht, weil ich nicht gewohnt bin, Schnecken mit Knoblauch zu essen.«

»O, Emir, ich werde dir etwas anderes bringen. In einer Stunde ist es Nacht; ich eile, und dann komme ich wieder, um dir von allem zu bringen, was wir haben!«

Sie erhob sich eilig, und ich bat:

»Erkundige dich auch, was eure Männer thun!«

Sie ging, und es war dies just zur rechten Zeit geschehen; denn noch waren kaum zehn Minuten vergangen, so trat Madana, welche das Mädchen begleitet hatte, in höchster Eile herein.

»Ich muß dich fesseln!« rief sie. »Mein Mann kommt, gesandt von Nedschir-Bey. Er darf nicht wissen, daß wir miteinander gesprochen haben. Verrate mich nicht!«

Sie band mir die Arme wieder empor und hockte sich dann neben dem Eingang nieder. Ihr altes, runzeliges Gesicht nahm dabei einen unnahbaren, feindseligen Ausdruck an.

Bereits nach wenigen Sekunden erscholl der Hufschlag eines Pferdes. Ein Reiter hielt vor der Hütte an, stieg ab und trat herein. Es war ein alter, hagerer Kerl, welcher jedenfalls nicht seinem Innern, wohl aber ganz gut seinem Aeußern nach zu meiner braven »Petersilie« paßte. Er trat ohne Gruß zu mir und untersuchte meine Fesseln; als er diese in Ordnung fand, wandte er sich barsch an sein Weib:

»Gehe hinaus und horche nicht!«

Sie verließ lautlos die Hütte, und er kauerte sich mir gegenüber auf dem Boden nieder. Ich war wirklich neugierig, was mir dieser Petersilius zu sagen habe, dessen Kleidern der bereits beschriebene Duft seiner Madana im Superlativ entströmte.

»Wie heißest du?« herrschte er mich an.

Natürlich antwortete ich ihm nicht.

»Bist du taub? Ich will deinen Namen wissen.«

Wieder erfolgte das, was der Musiker +tacet+ nennt.

»Mensch, wirst du antworten!«

Bei diesem Befehle versetzte er mir einen Tritt in die Seite. Mit den Händen konnte ich ihn nicht fassen, aber die Beine konnte ich wenigstens so weit bewegen, als nötig war, ihm meine Ansicht von der Sache ohne alle theoretische Auseinandersetzungen beizubringen; ich zog die zusammengefesselten Kniee empor, stieß sie wieder aus und schnellte mittels dieser Bewegung den Mann vom Erdboden empor, daß er, wie von einer Katapulte geschleudert, an die Mauer flog. Sein Knochengerüst mußte von einer ganz vorzüglichen Dauerhaftigkeit sein; er besah sich zwar zunächst von allen Seiten, meinte aber dann im besten Wohlsein:

»Mensch, das wage nicht wieder!«

»Rede höflich, so antworte ich höflich!« entgegnete ich nun.

»Wer bist du?«

»Spare solche Fragen! Wer ich bin, das weißt du schon längst.«

»Was wolltest du in Lizan?«

»Das geht dich nichts an.«

»Was wolltest du bei den Berwari-Kurden?«

»Auch dies geht dich nichts an.«

»Wo hast du dein schwarzes Pferd?«

»Es ist sehr gut aufgehoben.«

»Wo hast du deine Sachen?«

»Da, wo du sie nicht bekommen wirst.«

»Bist du reich? Kannst du ein Lösegeld bezahlen?«

»Tritt näher, wenn du es haben willst. Merke dir einmal, Mann: ich bin ein Emir, und du bist ein Untergebener deines Raïs. Nur ich allein habe zu fragen, und du hast zu antworten. Glaube nicht, daß ich mich von dir ausforschen lasse!«

Er schien es doch für das Klügste zu halten, auf meine Ansicht einzugehen; denn er meinte nach kurzem Ueberlegen:

»So frage du!«

»Wo ist Nedschir-Bey?«

»Warum fragst du nach ihm?«

»Weil er es ist, der mich überfallen ließ.«

»Du irrst!«

»Lüge nicht!«

»Und doch irrst du. Du weißt ja gar nicht, wo du dich befindest!«

»Meinst du wirklich, daß ein Emir aus Frankistan zu täuschen ist? Wenn ich von hier aus das Thal herniedersteige, komme ich nach Schohrd. Rechts davon liegt Lizan, links Raola, und da oben auf dem Berge ist die Höhle des Ruh 'i kulyan.«

Er konnte eine Bewegung des Erstaunens nicht verbergen.

»Was weißt du von dem Geiste der Höhle, Fremdling?«

»Mehr wie du, mehr wie alle, die in diesem Thale wohnen!«

Wieder war es Marah Durimeh, welche mich zum Herrn der Situation machte. Der Nasarah wußte offenbar nicht, ob er sich nun des ihm gewordenen Auftrags werde entledigen können.

»Sage, was du weißt,« meinte er.

»Pah! Ihr seid nicht wert, von dem Geiste der Höhle zu hören. Was willst du bei mir? Weshalb habt ihr mich überfallen und gefangen genommen?«

»Wir wollen von dir zunächst dein Pferd.«

»Weiter.«

»Deine Waffen.«

»Weiter!«

»Alle deine Sachen.«

»Weiter!«

»Und alles, was deine Begleiter bei sich haben.«

»O Mann, du bist bescheiden!«

»Dann werden wir dich freilassen.«

»Glaubst du? Ich glaube es nicht, denn ihr wollt noch mehr.«

»Nichts weiter, als daß du dem Melek von Lizan befiehlst, den Bey von Gumri nicht loszugeben.«

»Befiehlst? Bist du verrückt, Alter? Du meinst, ich könne dem Könige von Lizan Befehle erteilen, und wagst es doch, mir Vorschriften zu machen, du, ein Wurm, den ich mit Füßen trete!«

»Herr, schimpfe nicht!«

»Ich schimpfe nicht; ich sage die Wahrheit. Schäme dich, Mensch! Du nennst dich einen Christen und bist doch ein ganz gemeiner Dieb und Räuber. Auch ich bin ein Christ und werde überall erzählen, daß die Chaldani schlimmer sind, als die kurdischen Wegelagerer. Die Berwari haben mich, den Christen, mit Freuden aufgenommen; die Nasarah und Dschohrd aber haben mich hinterrücks überfallen und mich ausgeraubt.«

»Du wirst nichts erzählen, denn wenn du nicht thust, was ich dir sage, so wirst du niemals wieder ohne Fesseln sein.«

»Das wird sich finden, denn der Melek von Lizan wird mich von euch fordern.«

»Wir fürchten ihn nicht; er hat uns nicht zu befehlen, und wir werden noch heut sehr mächtige Verbündete erhalten. Wirst du thun, was ich gefordert habe?«

»Niemals!«

»So wisse, daß ich erst morgen wiederkomme. Du bekommst niemand zu sehen, als nur mich und deine Wärterin, welche dir kein Essen mehr bringen darf. Der Hunger wird dich gefügig machen! Und da du mich mit den Füßen getreten hast, so sollst du zur Strafe auch dürsten müssen.«

Er schüttete das Wasser aus dem Napfe, machte noch eine verächtliche Gebärde gegen mich und trat dann hinaus in das Freie. Da hörte ich ihn einige Zeit lang in befehlendem Tone mit seinem Weib reden, dann stieg er aufs Pferd und ritt davon.

Ich wußte nun, warum man sich meiner bemächtigt hatte. Dem Raïs von Dschohrd war an einem Kampfe mit den Kurden gelegen, und daher sollte ich als Vermittler unschädlich gemacht werden; nebenbei konnte man sich dann auch mein Eigentum aneignen. Der angebliche Bote des Melek war von dem Raïs geschickt worden, um sich zu überzeugen, wo ich mich befände.

Nach einiger Zeit trat Madana ein.

»Hat er dich beleidigt, Herr?« war ihre erste Frage.

»Laß es gut sein!«

»Emir, zürne ihm nicht! Der Raïs hat es ihm geboten. Aber er war sehr zornig auf dich. Ich soll kein Wort mit dir sprechen und darf dir weder Essen noch Trinken geben.«

»Wann kommt er wieder?«

»Erst morgen, sagte er. Er muß noch in der Nacht nach Murghi reiten.«

»Kommen unterdessen andere Männer herbei?«

»Ich glaube es nicht. Es dürfen nur wenige wissen, wo du dich befindest. Er hat dir das Wasser ausgeschüttet; ich werde an die Quelle gehen, um dir anderes zu holen.«

Sie that es und brachte auch einen Bündel Kienspäne herbei, um die Hütte zu erleuchten; denn es begann bereits stark zu dunkeln. Eben hatte sie den ersten brennenden Span in eine Mauerlücke gesteckt, als von draußen Schritte erschollen. Zum Glück war ich noch nicht entfesselt worden. Aber was war das? Diese hastigen Lungentöne gehörten sicher einem Hunde, der mit aller Gewalt an der Leine vorwärts strebte -- jetzt ein kurzer scharfer Laut -- o, diesen kannte ich, denn ich hatte ihn oft genug gehört.