Du Schwert an meiner Linken

Part 19

Chapter 193,745 wordsPublic domain

Im Hintersaal des Pschorrbräu, wo die einzelnen Regimenter ihre langen, hölzernen Stammtische besaßen, hatte sich der Grenadier mit seinen beiden Vettern, den Söhnen des Generals von Ottersleben, verabredet. Die zwei waren nun auch schon aus Lichterfelde heraus und Offiziere in der Garde-Infanterie -- zwei schlanke, gut aussehende, trotz ihrer bartlosen Gesichter ernste junge Leute. Otto, der Ehemann und Weltmann in Zivil, kam sich unter diesen drei Dächsen sehr groß und gönnerhaft vor.

»Also erschreckt nicht, Kinder -- ich hab' meinen Abschied eingereicht!« sagte er kaltblütig. »Übertritt zur Reserve natürlich. Bis das Gesuch bewilligt ist, hab' ich Urlaub! ... Wir werden uns ankaufen. Mit einer erstklassigen Jagd. Ihr dürft jeder bei mir, wenn ihr kommt, einen Sechserbock schießen. Im Winter sind wir hier in Berlin!«

»Aber wie verfällst du denn auf die Kateridee, den Dienst zu quittieren?«

»Mein Gott, mir war's nachgerade zu bunt! Ich will einmal mein eigener Herr sein! Und nicht immer nach fremder Pfeife tanzen. Wir leben doch nicht mehr zur Zeit Albrechts des Bären! Heutzutage ist der Mensch doch nicht mehr bloß ein Kommißknüppel, sondern eine Persönlichkeit und hat sein Recht ...«

Zu seinem Erstaunen hob sein Vetter Busso, der blutjunge Fant, den Kopf: »Pardon, Otto! Da bin ich ganz anderer Ansicht. Gerade heute soll man dienen ... Leute wie wir ...«

»Warum denn?«

»Ja, wenn jeder so dächte wie du, was machen wir denn dann, wenn es mal losgeht? Einmal kommen die Franzosen oder sonst wer doch wieder! ... Da würden wir was Schönes erleben!«

Und sein Bruder Günter fügte hinzu: »Dazu sind wir da. Die Ottersleben haben immer gedient. Die werden doch alle auch gewußt haben, warum? Ich bilde mir nicht ein, gescheiter zu sein als unsere Vorfahren ...«

»Na ja, ihr seid Musterknaben!« meinte der hübsche Exkürassier mitleidig. »Euer Oberst ist sicher stolz auf euch. Aber kleine Philister seid ihr doch.«

»Nee, gar nicht! Wir amüsieren uns schon! Bloß nicht den ganzen Tag!«

»Und du, Otto, hast jetzt gar nichts mehr zu tun!« fügte Busso, der schroffer als sein Bruder veranlagt war, hinzu. »Und das mißfällt mir!«

»Still, du Dachs!«

»Ich kann gerade so gut reden wie du! ... Mag einer Sekt aus Kübeln saufen und Automobil fahren, so viel er will, das geht mich nichts an. Aber wenn er dann kommt und will mir damit imponieren ...«

»Zum Donnerwetter -- das verbitt' ich mir ...«

»... und protzt damit, daß der Schwiegerpapa Geld hat -- nee, das kann jeder!«

»Das find' ich auch!« ... versetzte der kleine Grenadier Peter, der bisher geschwiegen, mit plötzlicher Entschlossenheit. Auch seine Bewunderung für den älteren Bruder hatte einen Stoß erhalten.

»Kellner, zahlen!«

Otto von Ottersleben stand auf, fuhr in seinen großkarrierten Ulster und drückte sich die Zylinderkrempe in die Stirne.

»Ihr seid altmodische Kerlchen!« sagte er. »Ihr habt ja ganz recht: es muß ja auch Leute wie euch geben! ... Bloß heute abend seid ihr mir ein bißchen zu langstielig. Nehmt mir's nicht krumm! Gute Nacht!«

Er gab ihnen die Hand und ging. Draußen war das Gewimmel der Friedrichstraße. Wie er sich in dem verlor und an das uniformierte Kleeblatt drinnen im Pschorr dachte, kam etwas über ihn -- es war nicht Reue -- kein Drang zur Umkehr -- aber ein eigenes Gefühl der Verlassenheit zwischen den Massen -- der Trennung von der Armee -- der Einsamkeit, und er eilte sich, um in das Hotel und zu seiner Frau zu kommen.

Auch die drei jungen Leute verließen bald darauf das Lokal. Sie hatten sich entschlossen, noch auf ein Stündchen bei ihrem Vater, dem General, im Berliner Westen, vorzusprechen und noch ein Glas Bier bei ihm zu trinken, nachdem das Beisammensein im Pschorr verdorben worden war. Er liebte es, wenn sich die Söhne recht oft freiwillig bei ihm sehen ließen und auch den Vetter von der Turnanstalt mitbrachten. Er saß dann mit ihnen zusammen, rauchte und plauderte, wie ein älterer Kamerad.

Er goß selbst den jungen Leuten Bier ein, ließ sich von ihnen die Geschichte von Ottos Dienstüberdruß und Abschiedsgesuch erzählen, und sagte dann in seiner langsamen und schweren, unerschütterlichen Art: »Der Otto war immer ein Windhund. Der hat nie begriffen, worauf es bei uns ankommt. Wißt ihr, Jungens ... so wie bei St. Privat -- in Reih und Glied ... mit wehenden Fahnen, alle Vorgesetzten vor der Front, die Feldgeistlichen mit dem Kruzifix voraus -- sich für König und Vaterland totschießen lassen, das ist kein Kunststück. Das kann jeder. Das muß jeder. Aber wenn du an 'nem Wintermorgen faul in der Kaserne im Bett liegst, mein Sohn, und weißt, der Hauptmann kommt doch nicht, und die Unteroffiziere fangen unten die Instruktionsstunde auch ohne dich an und bläuen den Rekruten die einzelnen Gewehrteile in die Mostschädel ein -- und du hältst es doch nicht aus und bist Punkt sieben unten in der Mannschaftsstube unter der Petroleumfunzel in dem Gestank -- dann stehst du auf dem richtigen Boden. Das ist die Grundlage der Armee. Das ganze Geheimnis. Das machen sie uns nicht nach: Pflichterfüllung, die keiner sieht! Wenn uns das nicht in Fleisch und Blut übergegangen wäre, dann hätten Moltke und Roon und der alte Herr weiß Gott umsonst gelebt!«

»Und wenn jemand sich vor euch mit seinem Geld aufspielt,« schloß er, »dann schaut nur auf euer Portepee und denkt euch: der Kerl kann alles in Berlin zusammenkaufen, was gut und teuer ist. Aber für alle Schätze der Welt ist das kleine silberne Ding in keinem Laden zu haben! Er kriegt's nicht, und wenn er sich auf den Kopf stellt! Es wird nur verdient und verdient! Und wenn ihr das so auffaßt, Jungens, dann könnt ihr euch getrost reicher vorkommen als irgendeiner.«

15

Um den Platz vor dem Bahnhof staute sich das Volk, von der Schutzmannschaft zurückgedrängt, so daß in der Mitte ein weites Viereck frei blieb. Auf dem hielten seitlings die Wagen. Am Portal war in der Maiensonne alles bunt von Uniformen und Damenkleidern, Roßschweife und Federbüsche wehten im Wind zwischen den farbigen Sonnenschirmen, Leibjäger liefen mit Mänteln, auf dem Bahnsteig stand die Ehrenkompanie unter präsentiertem Gewehr. Die Musik spielte. Die Degen der eingetretenen Offiziere hatten sich gesenkt. Am rechten Flügel hoben die kotoyierenden Vorgesetzten, Generalleutnant von Glümke bis zum Bataillonskommandeur hinab, die Rechte an den Helm. Die Prinzessin, die heute hier ihr Regiment, dessen Inhaberin sie war, besucht hatte, schritt lächelnd die Front ab. Sie war jung und hübsch und trug einen riesigen Federhut schräg auf dem Kopf. Neben ihr ging ihr Mann in Generalsuniform, den großen Hausstern auf der Herzgegend, dann das Gefolge. Alles strömte zu dem an den fälligen Schnellzug angehängten Salonwagen, bis zu dessen Stufen sich ein Teppichläufer unter einem Baldachin erstreckte. Hier harrten die Damen des Regiments und der höheren Chargen. Die junge Hoheit schüttelte liebenswürdig und ununterbrochen Hände. Sie dankte der Kommandeuse, der kleinen Frau von Mensingen, für den freundlichen Empfang. Es war einfach reizend ... die Parade ... das Frühstück ... wirklich alles reizend. Im nächsten Jahr kam sie wieder! ... Dann wandte sie sich noch einmal an die große schlanke blonde Dame, die ganz vorne stand, und hielt heiter deren beide Hände fest: »Adieu, meine liebe Exzellenz von Glümke! Also, ich hab' Ihr Versprechen: Sie besuchen mich den Sommer einmal auf unserem Waldschlößchen! ... Der Herr Gemahl wird Ihnen schon Urlaub bewilligen -- nicht wahr?«

»Wie Hoheit befehlen!« versetzte Olaf von Glümke dienstlich. Er sah, wie er sich dabei leicht und ritterlich in seiner goldgestickten Generalspracht verbeugte, jugendlich schlanker aus als alle seine Brigade- und Regimentskommandeure um ihn herum. Die Prinzessin sprach weiter mit seiner Frau. Sie hatte Maximiliane in ihr Herz geschlossen. Wenn das auch die erste Dame der Garnison war -- sie zeichnete sie doch auffallend aus. Die Abfahrtszeit war schon überschritten, ohne daß sie darauf achtete. Der Prinz selbst drängte sie mit einem Blick auf den unruhig strammstehenden, ordengeschmückten Stationsvorsteher zum Einsteigen. Aus dem Fenster winkte die hübsche junge Hoheit noch einmal vergnüglich der schönen jungen Exzellenz und den anderen Damen zu. Die sanken in einer letzten tiefen Verbeugung zusammen. Der Zug fuhr ab. Das große Ereignis war vorüber und löste sich in ein Gewimmel aufgeregter, plaudernder, ordensfroher Menschheit auf.

Während der Abschiedsfeierlichkeit waren die Türen des inzwischen in entgegengesetzter Richtung eingelaufenen Schnellzugs geschlossen geblieben. Niemand konnte ihn vorläufig verlassen. Die Reisenden standen neugierig, zum Teil ironisch lächelnd, an den Scheiben und beobachteten die kleine höfisch-militärische Idylle. In einem Abteil zweiter Klasse war ein Herr allein. Er trug graues Reisezivil, einen weichen grauen Filz auf dem vom Felddienst gebräunten Kopf. Er hielt sich halb in dem Schatten des Fenstervorhangs, so daß Maximiliane von Glümke, selbst wenn ihr Blick in dem angeregten Gespräch mit der Hoheit durch Zufall hier herübergeglitten wäre, ihn nicht hätte bemerken können. Aber seine Augen hingen unverändert an ihr. Ein trübes, bitteres Lächeln lag unter dem dunklen Schnurrbart um seine Lippen: Die da drüben, die Exzellenz an der Spitze ihres halbhundertköpfigen Stabs von Offiziersdamen, die Generalin, mit der die Prinzessin vertraulich wie mit ihresgleichen plaudert -- die hatte in ihrem Leben nur die eine große, unerfüllt gebliebene Sehnsucht gehabt, eine einfache Frau Leutnant oder Frau Hauptmann zu werden ... seine Frau ...

Erich von Logow wartete, bis das Getümmel auf dem Bahnhof sich verlaufen hatte. Dann erst verließ auch er die Halle. Draußen erinnerte nur noch der Fahnenschmuck der Straßen an den fürstlichen Besuch. Die Wagen waren abgefahren, die Ehrenkompanie mit klingendem Spiel heimmarschiert -- es war wieder ein Maitag wie sonst. Er schritt durch die sonnenheißen Straßen dahin und ließ sich von einer ihm begegnenden Ordonnanz den Weg nach der Wohnung des Divisionskommandeurs weisen. Das große Gebäude war nicht zu verfehlen. Ein Schilderhaus stand davor. Der Posten schlenderte mit Gewehr über auf und ab und sah in müßigem Erstaunen dem Zivilisten nach, der die breiten Steinstufen emporstieg, oben schellte und seine Karte hineinschickte.

»Herrjeses!« tönte gleich darauf von innen langgezogen die Stimme des Generals von Glümke. Er kam selbst mit ein paar Laufsprüngen auf den Flur, packte den Schwager an den Schultern, rückte ihn ins Licht und blitzte ihn halb lachend, halb zweifelnd aus seinen feurigen blauen, von feinen Krähenfüßen umrahmten Augen ins Gesicht. »Na -- nu hört die Weltgeschichte auf! ... Erich ... bist du das wirklich oder dein Geist? ... Maxe! ... Maxe! ...« Er verstärkte seine stählerne Stimme, als kommandierte er eine Divisionsschwenkung. Es schmetterte durch die ganze weite Wohnung bis in die letzten Ecken. »Maxe! ... Es geschehen Zeichen und Wunder! ... Der Logow hat auf einmal den Weg zu uns gefunden! ... Famos! ... Na ... tritt mal ein! Meine Frau pellt sich offenbar gerade aus ihrer Staatsrobe ... Durchläuchtings waren hier ... eben erst abgegessen und in Gottes Namen expediert ... Wird gleich kommen! ... Setze dich, mein Sohn! ... Rauche!«

In Olaf von Glümkes stürmischem Temperament hafteten Erinnerungen unter dem Einfluß eines neuen Eindrucks nicht lange. Er trug nichts nach. Mochte sich der Schwager damals im Elsaß auch komisch benommen haben, indem er gar nicht zum Vorschein kam -- na -- da saß er nun -- reuig wie der verlorene Sohn -- und es war gut. Und da erschien auch die Maxe! ... Famos ... sie tat auch, als sei nichts geschehen! ... Sie war eben eine Frau, wie man sie sich nur wünschen konnte ... wie die Prinzessin vorher zu ihm gesagt hatte: Auf Ihre Heirat, Herr von Glümke, trifft wirklich das Sprichwort zu: Was lange währt, wird gut! ... Sie lachte und reichte Erich von Logow so unbefangen die Hand, als hätten sie den hereingeschneiten Gast schon lange erwartet. Der selber war der einzige von den dreien, der ernst, fast gedrückt blieb.

»Wie's Ulla geht?« sagte er. »O, danke! ... Ganz gut! ... Es macht sich wenigstens! ... Und wo ich selber herkomm'? ... Aus Berlin! ... Da dacht' ich, ich überspringe hier auf der Rückfahrt einmal einen Zug, um euch zu sehen. Um sechs Uhr siebzehn muß ich weiter ...«

»Du wirst den Abend hübsch bei uns bleiben!« erklärte Olaf von Glümke mit großer Bestimmtheit. »Ich lade noch ein paar Leute ein! Für Damen bist du nicht, du oller Kopfhänger! ... Also ein Männertrunk! ... Aber der gehörig! Still! ... Abgemacht! ... Keine Widerrede! ... Was hast du denn in Berlin vorgehabt? ... Dich mal wieder ein bißchen beim Großen Generalstab in Erinnerung gebracht? ... Sehr recht!«

»Nein. Das hab' ich nicht!«

»Du warst bei keinem von den Herren? ... Auch nicht bei Onkel Bruno? ... Der kennt doch den Königsplatz wie der Fuchs seinen Bau! ... Erich ... nimm mir's nicht übel: du bist verrückt! Glaubst du denn, sie werden dich auf den Händen aus deinem Vogesennest dorthin zurücktragen?«

»Sie haben mich aus dem Generalstab 'rausgesetzt,« sagte Erich von Logow leidenschaftslos und hart. »Aber sie haben recht gehabt.«

Der General von Glümke warf seiner Frau einen ratlosen Blick zu. Was war nur mit dem Logow los? Freute sich der noch, daß er eigentlich ein wenig Schiffbruch gelitten hatte?

Da fuhr der fort, so unparteiisch, als spräche er nicht von sich, sondern von einem beliebigen Dritten: »Ich bin mit mir ins Gericht gegangen ... Was hilft es, sich Schwachheiten einbilden? Die trüben nur den Blick. Und da hab' ich gefunden: Ja. Ich hab' den Anforderungen nicht entsprochen, die man an mich stellen konnte, und die ich unter anderen Umständen auch erfüllt hätte. Also mußte ich fort und einem Besseren Platz machen. Da bin ich viel zu sehr Soldat, um das nicht einzusehen! Da beklage ich mich mit keinem Wort darüber ...«

»Na -- das macht dir ja alle Ehre ...« meinte der General zweifelnd. Er wußte nicht: sollte er weiter fragen, was das eigentlich für hemmende Einflüsse gewesen? Nee -- lieber nicht! Hand von so Geschichten! Ein Kind konnte sich ja auch sagen, was der einzige und alleinige Grund war: die unglückliche Ehe mit der Ulla, der unseligen Schlafmütze! Herr von Glümke lächelte zufrieden und dankbar: Gottlob! Seine Maxe war anders! ... Die brach nicht ihren Mann! ... Im Gegenteil: die gab einem Halt. Die hob einen. Gab Zuversicht und Lebensfreude! Vorwärts -- nur immer vorwärts! ... Deubel ja ... was machte im Gegensatz dazu der junge Hauptmann vor ihm für ein ernstes und resigniertes Gesicht! Klug wurde man aus ihm nicht ...

Der Divisionsadjutant hatte sich melden lassen. Olaf von Glümke stellte die Herren einander vor und erhob sich.

»Du mußt mich eine Stunde entschuldigen, Erich! Hier der Major Gutgesell, mein chronischer Tyrann, mahnt an die Pflicht. Wir haben ein paar Herren aus Berlin und vom Generalkommando hier. Besprechung wegen der Kaisermanöver. Du weißt, sie werden dies Jahr besonders großartig. Eine ganze Armeeabteilung operiert zwischen Neckar und Main. Alles, was in Südwestdeutschland Beine hat, kommt mit. Ihr Elsässer auch. Und wir natürlich erst recht! ... Na ... ich werde sehen, daß ich es möglichst kurz mache! ... Maxe leistet dir unterdessen Gesellschaft! ... Schau zu, Schatz, daß er bei uns ein bißchen fideler wird ... auf Wiedersehen!«

Er eilte elastisch hinaus. Die beiden hörten, wie er im Flur seinen Generalstabshauptmann begrüßte: »Tag, mein Teuerster! ... Haben Sie den ganzen Schwamm beisammen in Ihrer Mappe? Schön! ... Dann man dalli! ...« Das Sporenklirren verlor sich gegen die Treppe hin. Maximiliane drückte in dem Schweigen, das zwischen ihr und Logow eingetreten war, auf den Knopf der elektrischen Klingel und beorderte den eintretenden Diener.

»Ich bin jetzt nicht zu Hause!«

Dann wandte sie sich an ihren Gast: »Sonst werden wir nämlich alle Fingerlang gestört. Das geht hier zu wie in einem Taubenschlag!«

Sie fühlte, daß Erich von Logow einen besonderen Grund haben müsse, um so plötzlich bei ihnen zu erscheinen. Aus seinem Gesicht ließ sich nichts erraten. Das war wie gewöhnlich, undurchdringlich in seinem harten Ernst. Und auch, was er sprach, waren zunächst keine großen Neuigkeiten. Er erzählte, daß er in Darmstadt gewesen und die verwitwete Frau von Ottersleben besucht hatte.

»Mama freut sich schon sehr auf dich! Sie sagt, du kämst im Herbst während des Manövers zu ihr ...«

»Ja. Es gibt ja einen Riesenrummel! ... In Darmstadt noch nicht so sehr. Der Kaiser wohnt in Mainz und dann in Frankfurt. Wo mein Mann mit seiner Division hingerät, wissen wir nicht! ... Es wird alles ganz kriegsmäßig. Es entscheidet sich immer nur von einem Tag zum anderen. Aber jedenfalls bin ich dann in seiner Nähe ...«

Der Hauptmann von Logow nickte zerstreut.

»Bei meiner Schwester in Kassel war ich auch!« versetzte er. »Deinen Bruder Otto hab' ich zufällig in Berlin auf der Straße getroffen. Schon als angehenden Agrarier. Er will jetzt im Frühjahr ernstlich auf die Gütersuche.«

»Da hast du ja die reinste Vetternreise im Lande gemacht?«

»Gott ... ich hab' eben überall Abschied genommen!«

Seine Stimme klang gleichgültig. Er wollte nach seiner Art um keinen Preis, auch nicht mit dem Zucken der Wimper, irgendeine Erregung zeigen. Maximiliane von Glümke zog erstaunt die blonden Brauen hoch.

»Abschied?«

Und nun sagte er, immer in derselben fast geringschätzigen Ruhe: »Deswegen war ich in Berlin. Die Geschichte ist von langer Hand vorbereitet und hat sich nun ganz plötzlich entschieden. Unter den Militärinstruktoren, die wir nach Chile geschickt haben, ist eine Stelle frei geworden. Die Wahl ist auf mich gefallen. Ich hab' mich schon dem chilenischen Gesandten in Berlin vorgestellt. Die Sache selbst geht telegraphisch durch das Auswärtige Amt und das Militärkabinett. Ich muß sofort hinaus. Heute über acht Tage schwimm' ich schon!«

Er sprach von der Fahrt über das Weltmeer so gelassen und obenhin, wie sie vorher von ihrer Spritztour als Manöverwitwe in die Rheinebene. Eine Sekunde war tiefe Stille zwischen ihnen. Dann frug die junge Frau mit leise zitternder Stimme: »Wie lange bleibst du denn da draußen?«

»Vorläufig drei Jahre! Es kann aber nach deren Ablauf auch verlängert werden. Gefällt's mir da drüben -- finde ich den Wirkungskreis, den ich suche, so bleib' ich vielleicht dauernd dort und komme wenigstens endlich zur Ruhe!«

Er wurde lebhafter. Er hob den energischen dunkeln Kopf.

»Hier hab' ich die Ruhe nicht, Maxe, und werde sie nie haben! ... Der Karren ist nun einmal verfahren ... Ich fühl' es zu deutlich ... Gründlich verfahren ... Nach jeder Richtung. Ich hab' früher gedacht, es müsse, wenn ein Mensch nur ordentlich wollte, ihm alles im Leben nach Wunsch gehen! ... Jetzt hab' ich erkannt: das hängt alles von Dingen ab, über die wir zum guten Teil gar keine Macht haben ... Von Entschlüssen, die wir plötzlich fassen und hinterher gar nicht mehr verstehen ... Von Stimmungen ... die schwinden ... Aber ihre Wirkung bleibt ... es ist eine Macht über einem ... na ... kurz ... ich bin bescheiden geworden, Maxe ... Ich will mich gerade nur noch bei den Chilenen nützlich machen ..., weil es hier bei den Preußen nicht mehr recht geht ...«

Die Unruhe übermannte ihn. Er stand auf und schritt im Zimmer auf und nieder.

»Wenn einer von Haus aus ein Esel ist,« sagte er, »und hat nichts dazu gelernt -- na gut -- verbraucht muß der Kerl werden -- er verschwindet eben schließlich geräuschlos in der Versenkung. Aber denk nur, was man von mir erwartet hat! Und mit Recht. Ich kann es leisten. Ich könnte es jetzt noch ... Ohne die Bleigewichte, die an einem hängen ... Ach ... das drückt einen nieder, das macht alles Mühen vergeblich ... Ich muß heraus aus allem ... ich muß fort ...«

»Ja, und was sagt denn Ulla dazu?«

»Ulla ...«

Er zuckte die Achseln und setzte sich wieder. Er wurde mit einem Schlage müde.

»Ulla weiß noch von gar nichts!« versetzte er. »Heute nacht bin ich daheim. Morgen vormittag sage ich es ihr ...«

»Später als mir und den anderen?«

»Ja, es ist vielleicht nicht recht von mir! ... Aber es ist der Instinkt der Selbsterhaltung. Einmal wenigstens im Leben wollte ich mir die Kraft zum Handeln nicht durch ihre Mattigkeit und ihre Teilnahmlosigkeit lähmen lassen ...«

»Du mußt denken, sie ist krank ... oder wenigstens nie ganz gesund, Erich!«

Er überhörte es. Ein bitteres Lächeln spielte um seine Lippen.

»Sie hätte es schon lange merken können -- wenn sie eben nicht sie wäre! Schau mal: du warst im vorigen November noch nicht zwei Stunden bei uns im Haus, da frugst du mich: ›Was sollen denn die spanischen Vokabeln auf deinem Schreibtisch?‹ Ulla sieht sie seit Jahr und Tag daliegen! ... Glaubst du, das wäre ihr je aufgefallen? Sie hätte sich je mit einer Silbe erkundigt, wozu ich die brauche? ... Es ist ihr total gleichgültig! Alles ist ihr gleichgültig ... Nee ... Maxe ... Ich kann nicht mehr ... Ich ersticke einfach ... Ich muß ein Ende machen ...«

»Und was wird aus ihr?«

»Deswegen war ich ja bei deiner Mutter in Darmstadt. Mama wohnt da sehr nett -- im Grünen, wie eigentlich die ganze Stadt liegt -- gegen die Rosenhöhe hin ... in einer Villa ... Ulla ist bei ihr sehr gut aufgehoben. Beide sind dann nicht mehr allein ...«

Er lachte kurz und gezwungen.

»Ich weiß wohl, was du denkst, Maxe: Man schiebt nicht seine Frau so in einen Winkel und geht heidi über alle Berge. Ja -- wenn es bei mir Leichtsinn wäre oder Abenteurerlust -- aber es ist Notwehr ... blanke Notwehr ...«

»Ich sorge ja für sie, so gut ich kann!« setzte er halblaut hinzu, sich wie hilfesuchend gegen die junge Generalin vorbeugend. »Ich lasse ihr selbstverständlich die Zinsen meines ganzen Vermögens. Ich schicke ihr regelmäßig meinen Gehaltsüberschuß aus Chile herüber. Ich habe mir eine Lebensversicherung zu ihren Gunsten erwirkt. Was auch kommt, sie ist reichlich vor jeder materiellen Sorge geschützt. Sie hat ihre Mutter um sich, ihren Verkehr. Sie findet sich ja nach ihrer passiven Art in alles. Sie wird sich dort viel wohler fühlen als jetzt, wo wir uns direkt aneinander aufreiben. Und ich bin frei! ... Frei ... Ich kann dir nicht sagen, Maxe, was für eine Erlösung in dem Wort für mich liegt!«

»... Du denkst eben nur an dich ...«

»... Wenn ich's tue, geschieht es nur, weil man noch von mir etwas verlangt ... Weil ich selber die Verpflichtung in mir fühle, noch etwas zu leisten! Herrgott ... ich bin doch eben erst über die Mitte der Dreißig! Das Leben ist doch noch so lang. Ich will es mir doch nicht ganz zwischen den Fingern klein krümeln lassen. Aber deswegen muß ich einen Strich unter alles machen! ... Unter alles ... unter alles!«

Es klopfte. Der Diener trat ein. Maximiliane furchte die Stirne.

»Ich hab' doch befohlen, nicht zu stören!«

»Verzeihen Exzellenz! Es ist eine Nachricht von Exzellenz!«

Sie nickte, entließ den Mann und überflog das Blatt.

»Mein Mann wird länger aufgehalten, als er dachte. Er schreibt: ›Halt mir ja den Erich bis zum Abend fest, da wir ihn einmal haben, damit er uns nicht entwischt!‹«

Sie zerriß den Zettel, warf ihn in den Papierkorb und sagte ernst: »Wenn du meine Meinung hören willst -- die darf ich doch aussprechen, nachdem du mir das alles erzählt hast -- du hast kein Recht, deine Frau zu verlassen! Ob deine Ehe glücklich oder unglücklich ist -- ob Ulla gesund ist oder krank -- es ist deine Frau! Du hast ihr vor dem Altar die Lebensgemeinschaft zugeschworen, und sie hat dir geschworen, dir zu folgen. Wenn du sie mit hinübernähmst, das wäre etwas anderes ...«

»Nein ... um Gottes willen ...«

»Aber sich einfach von ihr loszusagen, weil nicht alles so gekommen ist, wie man dachte ... ja ... das muß man eben tragen, Erich ... ich bin doch auch damit fertig geworden ... Und du bist ein Mann ... Gehört sich's denn für einen Mann, vor dem Schicksal zu fliehen und gerade, wenn dies Schicksal seine eigene Frau heißt? Gesteh es dir einmal selber ... Kannst. du das verantworten?«