Part 20
Der Hauptmann von Logow stand auf und griff, um sich zu verabschieden, nach seinen Handschuhen, die neben ihm auf dem Stuhl lagen. Plötzlich kam ein unterdrücktes, leidenschaftliches Beben in seine Sprache.
»Ich hab' mir schon mehr gestanden, als ich dir gesagt hab', Maxe! ... Und ich darf dir auch nicht mehr sagen. Denke dir den Rest. Ich geh' jetzt. Ich kann nicht warten, bis dein Mann zurückkommt! Grüß ihn, bitte, von mir und entschuldige mich bei ihm! ... Wir sehen uns jetzt in diesem Augenblick zum letztenmal, Maxe, auf lange, lange Zeit. Vielleicht für immer. Wer kann's wissen? Und da, zwischen Tür und Angel, darf ich's doch sagen: du hast ganz recht! Mit dem Schicksal, das meine Frau mir bereitet, wär' ich schließlich irgendwie fertig geworden! Das hätt' ich getragen und mir gesagt: Man ist nicht zum Vergnügen auf der Welt! ... Aber was ich nicht ertragen kann, was mich verzehrt, was mir das Hierbleiben unmöglich macht -- das ist der Gedanke an dich ... das bist du ... das ist deine Nähe ...«
Er legte die Hand auf die Klinke. Er stand schon halb in der Tür.
»Du, Maxe, treibst mich übers Meer! ... Gott helfe mir: ich kann wirklich nicht mehr anders! Ich muß. Laß es dir gut gehen! Bleib so glücklich, wie du bist! Ich bin froh, daß du wenigstens nicht in die Irre gegangen bist! Leb wohl!« --
Es war am anderen Mittag, drunten im Elsaß. In der kleinen Garnison. Frühlingsblau lugte der Himmel durch die weißen Fenstervorhänge, maigrün der Wasgenwald, ein schräger Sonnenstreif ließ die Stäubchen in der Luft flimmern und vergoldete das Gelb des Kanarienvogels im Käfig. Der schmetterte drauflos. Sonst war kein Laut im Hause. Ulla von Logow saß am Fenster und stickte. Draußen klirrte ein Säbel. Sie wunderte sich, daß ihr Mann so früh vom Dienst zurückkam. Eigentlich wollte sie ihn, als er eintrat, danach fragen. Aber schließlich war es ja gleich. Sie senkte das dunkle Haupt wieder über die Handarbeit. Er sah ihr gleichgültiges, klassisch-lebloses Profil. Er ging ein paarmal unruhig und unschlüssig im Zimmer auf und ab, ohne daß sie irgendwie darauf achtete, und frug dann, stehen bleibend: »Sind Briefe für mich gekommen?«
»Ich weiß nicht.«
Er zuckte die Achseln und trat nebenan an seinen Schreibtisch. Da lag ein ganzer Stoß -- wohl zehnmal so viel als sonst -- eine Depesche aus Berlin -- ein Schreiben mit dem Aufdruck der chilenischen Gesandtschaft, Drucksachen von Firmen, Kataloge von Ausrüstungsgegenständen -- seine Frau hatte wieder gar nicht beachtet, was der Bursche, wahrscheinlich vor ihren Augen, dahin gelegt. Sie träumte wirklich nur noch ihr Sein. Er seufzte. Dann kehrte er entschlossen zu ihr in das Wohnzimmer zurück. Die Sonne umgab ihr Haupt mit einem goldenen Strahlenschein. Es war schön wie immer. Aber ihm, vor dessen Augen noch Maxes blühendes blondes Leben stand, schien es älter geworden, wie von herbstlichen Schatten übertönt, krankhaft in seiner Blässe. Er räusperte sich.
»Da draußen exerzieren sie noch, Ulla!« sagte er. Und wies in der Richtung nach dem Exerzierplatz.
»So?«
»Aber ich bin vor der Zeit weg. Ich hab' meine Kompanie abgegeben. Ich bin beurlaubt.«
»Schon wieder?«
Er unterdrückte einen Verzweiflungsanfall angesichts ihrer Stumpfheit.
»Ja ... schon wieder ...,« versetzte er. »Und diesmal auf längere Zeit. Auf drei Jahre.«
Das fiel selbst seiner Frau auf. Sie hob die schwarzen mandelförmigen Augen und sah ihn fragend an.
Er fuhr fort: »Und diese Zeit verbringe ich nicht hier und nicht bei dir. Erschrick nicht, Ulla! Wir müssen nun einmal offen miteinander reden und ruhig und herzlich ... Komm ... Gib mir einmal deine beiden Hände ... So ...«
Er hatte sich ihr gegenüber gesetzt und sah ihr ernst in das unbewegte Gesicht.
»Wir müssen uns wie zwei Kameraden betrachten, Ulla, denen es bisher leider Gottes auf ihrer Lebensreise zusammen nicht recht gut gegangen ist. Daraus soll keiner dem anderen einen Vorwurf machen. Es kommt alles, wie es muß. Die Reue hinterher ändert nichts. Sicher ist nur: das Glück hat in unserem Hause nicht gewohnt. Du bist kränklich, meine Karriere ist entzwei, unser Kind haben wir begraben, wir beide verstehen uns nicht und finden keinen Trost ineinander ... So geht das nicht weiter. Man sagt immer: Das Allheilmittel ist die Zeit! ... Ich glaube, das sollten auch wir zwei miteinander versuchen.«
»Du willst weg?« frug sie langsam, wie aus einem Traum erwachend.
»Ich will auf drei Jahre als Instruktor in chilenische Dienste, Ulla! ... Bitte ... höre mich an ... Das soll der Prüfstein sein! Besonders für mich. Vielleicht bin ich allein an allem schuld. Vielleicht weiß ich dich nicht recht zu nehmen. Vielleicht läutert mich das Leben draußen, und ich kehre als ein anderer Mensch zurück, und wir werden doch noch glücklich miteinander. Ich will es am heiligsten Eifer nicht fehlen lassen. Ich habe den besten Willen. Nur Zeit mußt du mir lassen, Ulla! Geduld mußt du haben! ... Und auch selber ein bißchen tapfer sein und die Prüfungszeit überwinden ...«
»Wo denn?«
Er beachtete ihre Frage nicht. Er hielt immer noch ihre wächsernen Hände in den seinen und sprach einfach und eindringlich und herzlich.
»Wir wollen uns recht oft schreiben, Ulla!... Vielleicht klärt das manches in uns -- bringt uns aus der Ferne einander näher. Und wir wollen recht oft aneinander denken ... Und nicht mit Bitterkeit und nicht mit Trotz ... Sondern wir wollen in unseren Gedanken einander verzeihen und Mitleid miteinander haben -- wir sind doch alle arme, schwache, sündige Menschen -- und aus dem Mitleid heraus ein wenig Hoffnung -- ein wenig Liebe! ... Die wollen wir hegen und pflegen! ... Wir wollen das alles groß auffassen ... als ein schweres Schicksal, in dem man sich aber über sich erhebt -- nichts Alltägliches dazwischen -- nichts Niedriges ... Nicht wahr, Ulla -- du versprichst mir, daß du das auch so auffaßt?«
»Wo?«
Er schüttelte den Kopf zu ihrer beharrlichen Frage.
»Das ist ja gleich, wo jeder von uns wieder mit sich ins reine und innerlich mit dem anderen zurechtzukommen sucht. Das steht bei dir! Am besten wohl in Darmstadt bei deiner Mutter ...«
Er kam nicht weiter. Ulla entwand sich seinen Händen. Sie sprang empor und er erschrocken mit ihr. Sie lachte auf. Sie warf den Kopf zurück. Sie war ganz verändert.
»So mußte es kommen!« sagte sie mit funkelnden Augen. »Ich hab's ja gewußt ... das ist das Ende ... Das ist das letzte, was du mir noch antun konntest ...«
»Was hab' ich dir denn getan?«
Sie fuhr auf ihn los. Sie keuchte ihm ins Gesicht.
»... das ist der Schluß ... man wird einfach bei der Mutter abgestellt wie ein alter Koffer ... da kann man verschimmeln ... Und du amüsierst dich irgendwo da draußen ... Dort braucht ja niemand zu wissen, daß du eine Frau in Deutschland hast ... Deswegen hab' ich dich wohl geheiratet, he? ... Ich möchte wohl wissen, weswegen ich dich geheiratet hab'! Es war so dumm von mir ... So dumm! ... Aus Liebe nicht! ... Das bilde dir nicht ein ...«
»Sei still, Ulla!«
»... sondern ich hab's mir damals lange überlegt ... sogar mit der Maxe zusammen ... dem blonden Schaf ... und hab' mir gesagt: der bringt mich wenigstens unter die Menschen, ins Leben hinaus ... ich bin doch schön! Da soll man's auch sehen! Jawohl ... wie die Eulen haben wir gelebt in Berlin ... Kein Mensch bei uns als die Maxe ...«
»Hör endlich mit der Maxe auf!«
»... dann hierher ... in dies Jammernest ... weil du die Maxe im Kopfe hattest und nicht deinen Dienst ... Das mußt' ~ich~ büßen ... und wieder als Besuch die Maxe, bis ich sie aus dem Haus geschickt hab' ...«
»Laß das jetzt ...«
»Und nun, zu guter Letzt völlig in die Rumpelkammer ... Zu Mama nach Darmstadt ... Und du fährst mit deiner geliebten Maxe im Herzen nach Afrika oder Asien übers Meer ...«
»Hör auf! Rühre mir nicht daran! Oder 's gibt ein Unglück!«
»Und sie rauscht in Darmstadt bei uns herein -- großartig ... als Exzellenz ... zwanzig Menschen hinter ihr ... und du bist der Dumme ... Und ich bin die Dumme ... Und sitze als elende Strohwitwe daneben und werd' noch ausgelacht hinter meinem Rücken, daß mein Mann mir ausgekniffen ist ... Großer Gott ... Wodurch hab' ich das nur verdient? Warum geht's nur der Maxe so gut? Und warum müssen wir beide ewig für sie leiden? ... Ich bin immer der Sündenbock ... Und hab' doch niemandem was getan!«
Ihre Aufwallung war verflogen. Die Tränen kamen wie der Platzregen nach Blitz und Donner. Sie warf sich auf den nächsten Stuhl. Ein Weinkrampf schüttelte sie. Ihr wildes Schluchzen übertönte das unbekümmerte Schmettern des Kanarienvogels. Sie stampfte mit den Füßen auf die Erde. Sie stieß ihren Mann, der sich über sie beugte, mit dem Ellbogen zurück.
»Laß mich!« murmelte sie zwischen den Zähnen und verstärkte ihre Tränen. Es waren seltsame, kindische, ihr sonst ganz fremde Klagelaute, die sich ihren Lippen entrangen. Sie preßte beide Hände an die Ohren, um Erich von Logows Worte nicht zu hören. Sie machte die Augen zu, um ihn nicht sehen zu müssen. Endlich hörte sie auf zu weinen. Sie war erschöpft. Sie wurde ruhiger. Er hatte solange gewartet und in düsteren Gedanken dagestanden. Nun hob er den Kopf und sagte: »Es tut mir leid, daß ich dir solchen Schmerz zufügen muß. Ich habe nicht gedacht, daß es dich so treffen würde ...«
Sie lachte wieder, mit nassen Wangen und feuchten Augen.
»Das glaub' ich! Wann denkst du denn je an mich? Du denkst ja nur an die Maxe ... An die denkst du bei Tag und Nacht ... Wo du gehst und stehst ... Meinst du, ich wüßte das nicht? Da müßtest du dich besser verstellen können ...«
»Ulla ... laß endlich den Namen ... hab' doch ein bißchen Erbarmen mit dir und mir ...«
»Und dann wirfst du mir vor, ich zerstörte unsere Ehe! ... Haha! ... Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre ...«
»Ich hab' das nie behauptet, Ulla! ... Ich hab' mit dir nicht gerechtet! Ich hab' mich nicht in Schutz genommen! ... Ich weiß, daß ich schuldig bin -- nicht in Werken, aber in Gedanken. Das will ich ja eben sühnen ... Da drüben ...«
Er überlegte und setzte nach kurzem Kampf hinzu: »Zurück kann ich nicht mehr, selbst wenn ich wollte. Es ist alles schon abgemacht! ... Ich bin gebunden. Ende der Woche muß ich schon in Hamburg aufs Schiff ...«
»Ja ... beeile dich nur, von mir wegzukommen! ... Jeder Tag ist da zu viel!«
Der Hauptmann von Logow unterdrückte eine Bewegung des Zornes. Er fuhr mit unveränderter Stimme fort: »Aber vielleicht hast du recht mit dem, was du vorhin sagtest: ich hab' kein Recht, dich hier allein zu lassen. Ich will nicht schuld sein, daß du dich unglücklich und verraten fühlst! ... Also komm in Gottes Namen mit mir, Ulla! ... Oder noch besser ... folg mir in ein paar Monaten nach, wenn ich mich drüben ein bißchen eingerichtet habe!«
»Wo?«
»In Chile. Weißt du nicht, wo Chile liegt?«
»Irgendwo da drüben ...« Sie zuckte die Achseln. Ganz klar war es ihr nicht. »Es ist ja auch gleich, wohin wir zusammen vor der Maxe davonlaufen ...«
»Ja ... wenn du's nicht anders auffassen kannst ...«
Er ging finster in dem Zimmer auf und ab. Nach einer Weile wandte er den Kopf zu ihr und frug kurz: »Also du fährst mit?«
»Ist's denn weit von hier?«
»Natürlich ist's weit.«
»Und wo wohnen wir denn da?«
»Das weiß ich nicht!«
»Vielleicht auch wieder in einer ganz wilden, einsamen Gegend?«
»Es kann sein!«
»Und du bist auch wieder den ganzen Tag außer Hause?«
»Freilich hab' ich Dienst! Dort erst recht ...«
»Was sprechen denn da die Leute für eine Sprache?«
»Spanisch!«
»Davon versteh' ich doch kein Wort! ... Da hab' ich ja keine Menschenseele, mit der ich reden kann!... Da bin ich ja erst recht verraten und verkauft ... Wie fange ich's da mit den Dienstboten an? Hier bleiben sie mir ja schon nicht ...«
»Herrgott, sei doch nicht so schlapp!«
»Und was mach' ich denn da, wenn ich wieder krank werde? Vielleicht ist da gar kein Arzt in der Nähe! Da sterb' ich und werd' im Urwald begraben! Dann seid ihr mich los!«
Er bemühte sich immer wieder, geduldig zu bleiben.
»Ich kann die Lebensbedingungen drüben nicht ändern!« sagte er. »Ich kenne sie nicht, aber natürlich werden sie nicht ein Viertel so schlimm sein, wie du dir das einbildest! ... Du mußt nur ein bißchen mehr Mut und Selbstvertrauen haben!«
»Nein. Ich fürchte mich davor!«
»Ulla!«
»Ich fürchte mich vor der Seefahrt ... Und ich fürchte mich vor den Leuten drüben! Ich fürchte mich vor allem auch vor dem Alleinsein mit dir! ... Ich bin ja dort ganz hilflos in deiner Hand! An mir läßt du dann alles aus ...«
»Nein, Ulla -- das versprech' ich dir ...«
»Und dann wird's schlimmer wie je! Und die Maxe ist ja doch immer da!«
»Wenn du das Wort noch einmal aussprichst, verlass' ich das Zimmer!«
»... und ich seh' nicht ein, warum ich mich von der Maxe bis ans Ende der Welt jagen lassen soll, während sie hier herrlich und in Freuden lebt! ... Den Gefallen tu' ich ihr nicht! ... Hier ist's immer noch besser! Hier hab' ich wenigstens Menschen ... Die Mama ... Ich bleibe ...«
Es war eine Pause. Dann sagte er: »Wie du willst! ... Überleg es dir!«
»Nein. Ich bleibe!«
Eigentlich fiel ihm ein Stein vom Herzen. Ihm graute nachträglich bei dem Gedanken, daß sie gemeinsam ihr Elend hätten übers Meer schleppen sollen. Er wartete die nächsten Tage hindurch auf eine Gelegenheit zu einer neuen Aussprache mit seiner Frau. Er hoffte, sie würde ihm von sich aus einen Anlaß dazu geben. Aber Ulla tat nichts dergleichen. Sie war etwas lebhafter als sonst und wirtschaftete mehr im Hause herum. Auf ihren Zügen lag dabei eine kalte Abwehr. Wenn sie mit ihm zusammen war, redete sie hartnäckig kein Wort, sondern starrte an ihm vorbei ins Leere. An einem Morgen hielt er's nicht mehr aus.
»Ulla -- so können wir nicht auseinandergehen ... Wir müssen noch zusammen über die Zukunft einig werden! ... Ich schreibe dir vielleicht am besten von drüben, wie alles ist, und du kannst dir dann immer noch überlegen, was du tust!«
Sie erwiderte nichts. Nach einer Weile erhob sie sich und verließ das Zimmer. Nun gab er es auch auf. Den Rest des Tages verbrachten beide stumm in der kleinen Villa, in der schon überall halbgepackte Koffer, geöffnete Schubladen, gähnende Schränke die nahe Auflösung des Haushalts verrieten.
Am Abend war Abschiedsessen im Kasino. Erich von Logow war im Regiment nie so recht warm geworden. Er hatte, in der trüben Unruhe, die ihn seit Jahr und Tag erfüllte, nicht viel Verkehr mit den Kameraden gesucht, und in diesem Grenztruppenteil wieder, der hier wie ein Vorposten die Wacht am Ende des Reiches hielt, hatte man nie erwartet, daß er lange bleiben würde. Er stammte aus dem Generalstab. Er war ein Springer. Er kam und ging. So hatte die Feier nicht das Herzliche wie sonst in der großen Familie eines Regiments, wo man den Scheidenden seit so und so viel Sommern und Wintern als Kameraden kannte. Aber sie war trotzdem würdig und nett verlaufen. Der Oberst hatte gesprochen und den neuen Militärinstruktor ermahnt, auch da drüben in Südamerika den preußischen Waffenruhm in Ehren zu halten und die Chilenen auf die Höhe des alten Landsknechtsspruchs zu bringen:
»Wer im Krieg will Unglück ha'n, Der fang' ihn mit den Deutschen an!«
und der Hauptmann von Logow hatte gedankt und gelobt, sein Bestes zu tun, und sein Glas bis auf die Nagelprobe auf das Wohl des Regiments geleert.
Sonst hatte er, nach seiner Gewohnheit, nur ganz wenig getrunken. Sein Kopf war frei, während er von dem Liebesmahl durch die stockdunkle Nacht nach seinem Hause vor der Stadt schritt. Der Wind pfiff über das weite Feld, die Pappeln rauschten rechts und links am Wege. Man mußte den genau kennen, um ihn nicht in der Finsternis zu verfehlen. Ein schwacher Lichtschein da drüben wies die Richtung. Dort brannte eine Kerze im Flur. Erich von Logow trat ein, legte Helm, Säbel und Mantel ab, und öffnete leise die Tür zum Schlafgemach. Es war schon spät. Er wollte Ulla nicht wecken. Aber das Zimmer war leer! Sollte sie aufgeblieben sein, um ihn zu erwarten? Das war doch sonst nicht ihre Art. Er ging hinüber in den Wohnraum. Auch da niemand. Aber nebenan, auf seinem Schreibtisch, lag im hellen, gelben Strahlenkreis der Lampe ein geschlossener Brief. Ohne Aufschrift. Offenbar von ihr. Er riß ihn auf. Es waren die Schriftzüge seiner Frau. Er las:
»Wenn wir uns schon trennen sollen, weil es Dir so beliebt, so will ich wenigstens nicht die sein, die zu Schimpf und Spott in dem leeren Haus sitzen gelassen wird. Dann will ich es wenigstens sein, die Dich verläßt und die zuerst das Haus verläßt, und Du magst dann selber den Schlüssel abziehen. Gib ihn bitte an Frau Hauptmann von Japorski. Sie hebt ihn schon auf und sieht in der Wohnung nach dem Rechten. Sie soll so gut sein und tüchtig lüften, damit die Nordseite nicht muffelt! Sonst habe ich mit dem Hauswirt Ärger, wenn ich zum Umzug zurückkomme. Vorläufig gehe ich zu Mama nach Darmstadt und bleibe, bis Du unterwegs bist. Ich fahre jetzt, während Du im Kasino bist, zum Abendzug auf den Bahnhof. Das habe ich mir schon seit Tagen überlegt. Weiter habe ich Dir jetzt nichts zu sagen. Du willst ja auch von mir nichts wissen. Also leb vorläufig wohl!
Ulla.«
Der Hauptmann von Logow faltete langsam den Brief zusammen. Das Frösteln der Einsamkeit überlief ihn. Draußen schwieg die Nacht. Das Haus lag still und verlassen und blieb es, bis er am nächsten Abend mit einem schweren Aufatmen das Flurtor hinter sich ins Schloß drückte. Am Vormittag hatte er sich überall abgemeldet. Eigentlich sollte er erst am kommenden Morgen fahren. Aber er wollte nicht die Kameraden an der Bahn haben, kein lärmendes Abschiednehmen vor allen, keine erstaunten und neugierigen Fragen nach seiner Frau, deren Fehlen verriet dann im letzten Augenblick manches, was sonst hier allen für immer ein Geheimnis blieb. So hatte er eben an den Regimentsadjutanten ein paar flüchtige Zeilen mit der Bitte um Entschuldigung gesandt, daß er so plötzlich ohne Abschied abreise, um sich mit seiner schon vorausgefahrenen besseren Hälfte bei deren Mutter zu treffen. Er stand vor dem Hause mit den geschlossenen Fensterläden, aus dem seine Frau schon vor ihm gegangen war; er blickte hinüber nach dem Kirchhof, wo sein Kind begraben lag -- alles hier war eine große Trümmerstätte von Hoffnung und Glück. Er drehte ihr den Rücken und schritt dem Bahnhof zu. Die Abendsonne sank hinter den Vogesen und wies ihm in geheimnisvollem Leuchten den Weg gen Westen, übers Meer, in das neue Land.
Achtundvierzig Stunden später stand er an Bord des großen gelben Hamburger Dampfers, der langsam die Elbe hinabfuhr. Der Hafen lag schon hinter ihnen. Rechts glitten die Höhenzüge vorbei, die Parks und Schlösser, Flottbeck, die Teufelsbrücke, Blankenese mit seinem hohen Wartturm. Links ragte aus der weiten Ebene der Fischermastenwald, die niederen Dächer von Finkenwerder. Und breiter und breiter ward der Strom. Er weitete sich zum Haff. Dort, schon in der Ferne, über der unruhig gewordenen See, lag Cuxhaven. Ein paar Ozeanriesen der Hamburg-Amerika-Linie davor.
»Das ist die alte Liebe!« sagte jemand neben ihm und erklärte, so heiße dort der Pier -- der äußerste des Festlandes -- die Abfahrtsstelle über das große Wasser. In Erich von Logow klang das Wort nach: Alte Liebe ... ja ... das war der letzte Ruf aus der Ferne -- das war es, was ihn in die Weite trieb. Darin war alles beschlossen -- des Lebens Rätsel und des Lebens Qual. Er schaute zurück, und es lag stumm auf seinen Lippen: Du alte Liebe ... du ewig neue ...
Nun war der Küstenstreifen schon beinahe ganz verdämmert. Europa versank. Der Wind pfiff stärker und knarrte im Takelwerk. Die Möwen kreisten und schrieen. Das Schiff schwankte, und so weit das Auge reichte, rauschte grauzerpflügt das Meer ...
16
»Morgen marschieren wir, Ade -- ade -- ade -- ade! Morgen marschieren wir -- Ade -- ade -- ade ... Wie schön schlug heut' die Nachtigall Vor meiner Liebsten Haus ...«
Hunderte von rauhen Kehlen sangen, die Gewehre starrten kreuz und quer über den regennassen Helmen, es ging ohne Tritt mitten durch die Straßen von Darmstadt. Kriegsgemäß. Es war Manöver. Kaisermanöver. Dort im Süden, gegen den Neckar zu, stand der Feind.
In grauen Strähnen strömte der Herbstregen herunter. Der Boden war ein zäher Brei, aufgeweicht von Nagelstiefeln, Rossehufen und Kanonenrädern der endlos von Frankfurt her durchrückenden Kolonnen, die Bürgersteige, die Fenster und Balkons schwarz von Menschen. Undurchdringliche Schilddächer von Regenschirmen säumten die Wegkreuzungen ein. Über ihnen sah man nur die Pferdeköpfe und die Oberkörper der berittenen Offiziere vorbeigleiten. Maximiliane von Glümke versuchte, vom Darmstädter Bahnhof kommend, seit zehn Minuten vergeblich, den Schnittpunkt der Rhein- und der Neckarstraße am Zivilkasino zu überschreiten, nachdem ihr Suchen nach einem Wagen heute vergeblich gewesen war. Sie stak, das Reisetäschchen in der Hand, ihre Jungfer neben sich, mitten in der Masse. Vor ihr zog es immer weiter vorüber: Generale mit ihrem Stab -- Lanzenwälder, Pausen, in denen nur das dumpfe Poltern auf dem Pflaster verriet, daß Artillerie durchpassierte, und wieder schwere, schulternde Infanteriemassen. Es war ohne Anfang, ohne Ende. Es schien das achtzehnte Armeekorps zu sein. Maximiliane erkannte durch die Lücken der Menschenmauern zuweilen die Uniformen der nassauischen und kurhessischen Regimenter -- das Artillerieregiment Oranien -- die Wiesbadener und Homburger Füsiliere. Jetzt eben entstand im Vorbeimarsch der Einundachtziger, der Frankfurter, ein Halt. Sie benutzte die Gelegenheit und ging mit der Sicherheit einer Soldatenfrau zwischen den Sektionen hindurch. Auf der anderen Seite der breiten Rheinstraße war auch noch alles voll von Menschen, die ganze Stadt in festlich verregneter Stimmung, aber man kam doch vorwärts. Beim weißen Turm trat die junge Generalin in einen Blumenladen ein und kaufte einen Strauß zur Begrüßung für ihre Mutter, zu der sie heute für einige Zeit auf Manöverbesuch kam. Während sie auf das Binden wartete, schaute sie durch die regenblinden Scheiben ins Freie hinaus. Soldaten ... immer wieder Soldaten ... auch hier ... nicht die gewohnten Truppenteile, die man im Frieden sah, sondern ganz sonderbare Formationen aus der probeweisen Mobilmachung eines Armeekorps mit kriegsstarkem Train -- lange ernste Munitionskolonnen, rauchende Feldbäckereien auf Rädern, Reservehufschmieden, Ambulanzen mit dem roten Genfer Kreuz, fauchende Lastautomobile, dann, von Pionieren bewacht, eine Karrenreihe mit großen, darauf verpackten Trögen, ein Pontonbrückentrain, rechts, um die grauen Massen des Schlosses herum, am Theater vorbei bis in die Altstadt hinein, Hunderte von stillhaltenden Leiterwagen mit Heu und Stroh, von Odenwälder Bauern mit Vorspannpferden geführt -- ein Bild wie aus dem Dreißigjährigen Krieg. Die junge Frau riß plötzlich die Glastür auf und rief: »Dorle ... Dorle ...!«
Eine kleine rundliche Dame und ein zwei Köpfe größerer, knochiger Herr in Zivil drehten sich um. Jawohl: sie waren es ...! Dorle Grotjan stieß einen Schrei des Entzückens aus und flog ihrer schönen Schwester entgegen. Ihr Gatte, der nun schon Hauptmann bei seinen dreißigsten Pionieren in Thorn war, küßte ihr, der Exzellenz, respektvoll die Hand.
»Ja ... unsere Festungsübungen an der Weichsel waren vorgestern zu Ende. Da sind wir rasch mal hier zu Muttern 'rüber!« sagte er ganz aufgeregt auf ihre Frage. »So was sieht unsereins nicht alle Tage ... Schau nur die Brückentrains ... der Neckar wird morgen an fünf Stellen zugleich von fünfzigtausend Mann überschritten! Großartig! ... was?«
»Ach, das ist noch nichts!« rief Dorle dazwischen. »Von der Rosenhöhe aus solltest du einmal sehen! ... Die ganze Rheinebene, bis Frankfurt hin -- alle Straßen schwarz!«
Und ihr Mann ergänzte begeistert: »Das ist das elfte Korps. Und heute nacht ist das ganze bayerische Armeekorps mit Sack und Pack, Pferden ... allem ... in achtzig Zügen von München hier herüber. Sie schiffen sich eben zwischen Aschaffenburg und Frankfurt aus ...«