Du Schwert an meiner Linken

Part 18

Chapter 183,719 wordsPublic domain

»Und doch hätten wir all diese Kälte und Freudlosigkeit noch miteinander ertragen,« sagte er endlich, »wenn nicht von einer anderen Seite her die Liebe in unser Leben gekommen wäre, Maxe! ... In ~mein~ Leben! ... Sei unbesorgt ... du hast mein Wort ... Es gibt Dinge, die braucht man nicht auszusprechen ... Aber das war der Stoß ins Herz für mich und unsere Ehe -- die Strafe, weil ich blind gewesen war. Wir verbluten uns hier, in den Vogesen, fern von der Welt, still an einer, die nichts dafür kann -- die das Glück hatte, stärker zu sein als wir -- die über uns ihren Weg weitergegangen ist, zu Glanz und Ehren -- der ich allen Segen und alles Gute für ihren Lebensweg vom Himmel wünsche -- obwohl sie mein Schicksal war und weiß Gott kein gnädiges ... Verzeih mir, Maxe ... und hab' Dank, daß du mich das hast aussprechen lassen! ... Du warst so oft in meinen Gedanken mein lebendes Gewissen ... Nun hab' ich dir das endlich einmal sagen dürfen ... So ... nun ist's vorbei ...«

Sie senkte den Kopf, damit er den feuchten Schimmer in ihren Augen nicht sähe. Sie wagte nicht zu sprechen. Er trat auf sie zu und gab ihr die Hand.

»Gute Nacht, Maxe!« sagte er leise. »Es ist bald Mitternacht. Du wirst schlafen wollen!«

Er sah sie nicht an. So zog er sich zurück. Sie hörte, wie er langsam hinüber in das Krankenzimmer ging. Dort schickte er die Wärterin zur Ruhe, rückte einen Stuhl an das Bett, setzte sich nieder und bewachte, das Kinn in die Hand und den Arm auf das Knie gestützt, still bis zum Morgengrauen den Fieberschlaf seiner Frau.

Frühmorgens kam der Stabsarzt. Er machte ein ernstes Gesicht. Die Krisis war da. Nun frug es sich, wieweit die Kräfte der Kranken standhielten. Den ganzen Vormittag herrschte im Hause die gedämpfte, gequälte Unruhe des Abwartens. Schleichende Schritte, flüsternde Worte. Draußen, auf der gepflasterten Landstraße, lag Stroh. Es wäre kaum nötig gewesen. Heute, am Sonntag, rührte sich nichts in dem stillen Vogesennest. Der Himmel war novembergrau, die Wolken hingen an den Bergflanken tief zu Tal, unten im Grunde brummte und summte vom Städtchen her eine Kirchenglocke durch den weißen Dunst ... sie verstummte -- wieder das Schweigen -- ein Aufhusten aus dem Krankenzimmer -- ein Windstoß, der vereinzelte Strohhalme von der Villa weg über die Felder trieb -- unheimlich -- gerade nach dem fern unter Zypressen dämmernden Kirchhof zu -- dann wieder die Stimme des Doktors, der alle zwei, drei Stunden nachsah.

»Ich bleibe jetzt vorläufig hier! Herr von Logow -- tun Sie mir den einzigen Gefallen und gehen Sie inzwischen wenigstens auf eine halbe Stunde an die frische Luft und erholen Sie sich -- Sie halten mir das sonst nicht mehr aus -- nach dem Dienst am Tag und der Nachtwache hinterher ... Ich bitte gehorsamst: Helfen Sie mir, Exzellenz! ... Oder noch besser ... nehmen Sie ihn einfach mit! Exzellenz sind ja seine Vorgesetzte! Ihnen muß er gehorchen!«

Erich von Logow half seiner Schwägerin schweigend in die Jacke. Und warf sich den Mantel um die Schultern. Sie gingen aus dem Hause, über Wiesen, den Berg hinauf, durch Rebhalden. Keine Seele war weit und breit. Der Boden dampfte feucht. Der Nebel braute um das kahle Geäst der Nußbäume. Er bildete eine weiße, zähe zurückweichende Wand, in die man hineintauchte, die hinter einem zusammenschlug. Man konnte kaum auf zehn, zwanzig Schritte vor sich sehen.

»Wird es dir zu viel mit dem Steigen?« frug er. Sie verneinte stumm. Der Wald nahm sie auf. Sie wanderten den schmalen Pfad dahin: Aus dem Dämmern tauchten zwischen den kahlen Stämmen Trümmerwerk und Gemäuer auf. Eine der unzähligen Burgruinen des Elsaß. An einem klaren Tag hatte man hier wohl einen weiten Rundblick über die Tiefe. Jetzt war da nur ein grauer Schein. Der Hauptmann von Logow schaute, schwindelfrei, hart am Abgrund stehend, gleichgültig hinunter und sagte zwischen den Zähnen: »Bis morgen oder übermorgen weiß ich wenigstens, ob ich ein Witwer werden soll oder nicht ...«

Ein Wort des Trostes lag ihr auf den Lippen. Aber dann fiel ihr etwas Schreckliches ein, wovon er gestern gesprochen, in der Stille der Nacht: Der Tod im Hintergrund ... als Erlöser einer unglücklichen Ehe ... Gewiß: Er hatte nicht seine Frau gemeint ... sondern viel eher sich selbst ... Aber trotzdem ... es überlief sie kalt ... bei dem Gedanken, was alles in einer Menschenbrust möglich war -- was am Ende gar in ihr auch schlummerte und erwacht wäre, wenn es das Schicksal mit ihr nicht so gnädig gemeint hätte. Sie blickte zu Boden, auf den steinigen Steg, und schwieg. Er hatte die Mütze abgenommen und gab, während sie den Rückweg antraten, seinen dunklen, wettergebräunten Kopf dem Herbstwind preis. Nach einer Weile begann er: »Ich hab' dir alles erzählt, Maxe! Und du mir nichts!«

»Was willst du denn von mir wissen?«

»Ich bin ein recht unglücklicher Mensch geworden! ... Ich möchte von dir hören, wie's dir geht.«

»Gut, Erich!«

»Bist du zufrieden?«

»Ja. Die Wünsche, die ich überhaupt noch ans Leben hatte, die haben sich erfüllt. Sogar hundertmal reichlicher und größer, als ich es erwarten durfte und als ich es verdiene.«

»Freilich ... du bist Exzellenz ...«

»Nicht nur dies Äußerliche, Erich! ... Mehr: Ich liebe meinen Mann. Er ist es wert. Er trägt mich auf den Händen. Es ist um mich herum klar und heiter ... Und ich selber bin's auch ...«

Er senkte das Haupt und lächelte bitter. Und sprach kein Wort mehr.

Sie kämpfte mit sich und sagte: »Ich weiß wohl, was du dir jetzt denkst, Erich! ... Aber es ist nicht richtig! Ich hab' dich nicht vergessen ...«

Er schaute rasch auf und beinahe ängstlich in ihr schönes Gesicht, das seine Ruhe bewahrte.

»Vielleicht hab' ich die Pflicht, Erich, gegen dich auch ganz offen zu sein, und weiß, du wirst es nicht mißverstehen ... Am Anfang meines Lebens hast du gestanden. Und wirst für mich in der Erinnerung immer da stehen und, im letzten Sinn, das Bestimmende, das Schicksal für mich gewesen sein. Aber dies Schicksal hat sich eben erfüllt, ohne meine Schuld und ohne mein Zutun. Es liegt hinter mir.«

Sie suchte, während sie durch das stille Nebelland weitergingen, nach den richtigen Worten und schloß: »Was es mich gekostet hat, das ist ein Ding für sich. Das gehört nur mir. Das ändert sich nicht mehr. Es ist mir ein Heiligtum der Vergangenheit. Es hat nichts mehr mit dir jetzt und mit der Gegenwart gemein. Es war mir die höchste Weihe des Lebens -- es war ~mein~ Wunder -- ~mein~ Erlebnis, das nie wiederkehrt. Ich bereue die Schmerzen nicht! ... Durch die bin ich erst ganz Mensch geworden und reif für das, was ich jetzt bin. Aber ich brauche diese Schmerzen und diese Erinnerung mit niemandem zu teilen -- am wenigsten gerade mit dir! ... So -- und nun wollen wir's für immer begraben sein lassen, Erich ...«

Als sie beide wieder im Abendgrauen die Villa erreichten, empfing sie der Stabsarzt. Gottlob, es ging besser. Die Hoffnung stieg. Die Patientin war bei Besinnung. Sie hatte schon nach den Ihren verlangt.

»Schauen Exzellenz doch einmal zu ihr hinein,« flüsterte er. »Aber nicht viel sprechen! ... Nur einen Augenblick! Nicht wahr?«

Maximiliane von Glümke trat geräuschlos in das verdunkelte Krankenzimmer. Im Schein des Lämpchens sah sie die blassen Züge ihrer Schwester. Die großen dunklen Augen sahen sie erstaunt und ungläubig an. Dann hörte sie Ullas traumbefangene Stimme:

»Bist du das, Maxe?«

»Ja, Ulli!«

»Du bist hier?«

»Seit gestern schon!«

»Warum bist du hier?«

»Um ein bißchen zu helfen. Wir wollen dich doch recht bald wieder gesund pflegen!«

Ein Schatten von Unruhe und Angst glitt über das Antlitz der Leidenden. Ihre Pupillen belebten sich in einem feindseligen Glanz.

»Erich pflegt mich! ... Erich ist gut zu mir! ... Du brauchst mich nicht zu pflegen!«

Sie flüsterte es mit Anstrengung und versuchte sich aufzurichten: »Du brauchst hier nicht zu sein, Maxe ... Ich will nicht, daß du hier im Haus bist! ... Geh ...«

Ein Hustenanfall schüttelte sie. Sie sank erschöpft, von der herbeigeeilten Pflegerin unterstützt, in die Kissen zurück. Von der Tür her mahnte der eingetretene Arzt: »Nur ja keine Aufregung für die Patientin! ... Kommen Sie rasch, Exzellenz ... Kommen Sie! ... Das hab' ich natürlich nicht gewußt, daß Ihr Anblick solch eine Wirkung haben würde!«

Am anderen Morgen packte Maximiliane von Glümke ihren Koffer.

»Das einzig Richtige ist, ich fahre mit dem nächsten Zug!« sagte sie zu ihrer Mutter. »Ulla frägt ja fortwährend, ob ich noch da sei ... Und es geht ihr ja auch viel besser!«

»Außer Gefahr ist sie immer noch nicht ganz!«

»Eben darum muß alles weg, was ihren Zustand wieder verschlimmern könnte. Also auch ich!«

Frau von Ottersleben rang die Hände.

»Ja, was hat sie denn nur gegen dich um Himmels willen?«

»Laß das nur gut sein, Mama!« Die junge Generalin schloß ihr kostbares Necessaire aus Krokodilleder. »Sie ist krank! Weiter nichts!«

Ein paar Stunden darauf reiste sie ab. Erich von Logow brachte sie an die Bahn. Er half ihr in das Abteil erster Klasse und schaute, untenstehend, mit einem schwermütig sehnsüchtigen Lächeln, das plötzlich sein düsteres Antlitz erhellte, zu ihr empor, während sie sich aus dem Fenster herauslehnte und der Zug sich langsam in Bewegung setzte.

»Ach ja ... du mein altes blondes Mädel ...« sagte er. »Du lieber Kamerad von einst ... Weißt du noch? In Berlin? ... Jetzt bist du Exzellenz und eine große Dame! Fahr nur wieder heim in deine Herrlichkeit! Denk nicht mehr an uns hier in dem Nebelloch. Es ist das beste!«

Die Wagen rollten rascher dahin. Maximiliane von Glümke sah zurück. Dort hinten auf dem Bahnsteig war noch ihres Schwagers Gestalt, im roten Mützenrand und hellgrauen Mantel. Er stand und blickte ihr nach und wurde immer kleiner und undeutlicher in der trüben Luft und verschwand.

14

»Nein, mein Lieber, du warst das Karnickel!« sagte der Generalmajor Bruno von Ottersleben in seiner Wohnung im Westen Berlins zu seinem Gegenschwager, dem Freiherrn von Koninck. »Du hast seinerzeit den Otto bei den Kürassieren untergebracht!«

Er legte die Depesche, die er in der Hand hielt, auf den Tisch. Der ruhige, klug und wohlwollend blickende Mann, dessen stattliche Schwerfälligkeit überhaupt nicht zu altern schien, trug in seinem beinahe maschinenmäßig schnellen Aufrücken auf der Stufenleiter der Armee jetzt schon die Scharlachbeinstreifen der Generalität. Er kommandierte die siebente Gardeinfanteriebrigade. Herr von Koninck ihm gegenüber prangte immer noch im Blau des Attila, der seinen stattlichen Korpus viel zu eng umspannt hielt und hinten eine beträchtliche, wie ausgepolstert wirkende Rückseite den Blicken preisgab. Er war inzwischen auch um einen Stern in den Achselstücken -- bis zum Oberstleutnant vorgerückt. Aber nur zum Oberstleutnant zur Disposition. Sein Frontdienst war zu Ende. Er gehörte dem Heer nur noch als Pferdevormusterungskommissar an. Er schüttelte nachdenklich das weinrote Gesicht und überlas murmelnd das Telegramm: »Kommt womöglich hierher und helft. Otto hat schon wieder Krach. Bin in tausend Ängsten. Adda Ottersleben.«

»Ja -- da müssen wir wohl fahren!« meinte der Husar.

Auf dem Bahnhof des kleinen holsteinschen Fleckens, in dem nur eine einzige Schwadron der zwölften Kürassiere lag, erwartete sein Neffe Otto die Ankunft der beiden Oheime. Der hübsche junge Mensch, der immer noch mit seinem schwarzen Haar, seinen großen dunklen Augen, seinem hohen, schlanken Wuchs an die Schönheit seiner ältesten Schwester Ulla erinnerte, war sehr erregt. Er sprach hastig im Gehen.

»Zwei Jahre und länger sind wir nun Kürassiere!« sagte er. »Und vom ersten Tag ab hatten wir die Geschichten! Das ist nun schon die dritte Schwadron, die mir blüht! Schön sind doch diese kleinen Lausenester von Schwadronen nicht! ... Mit den Spießern im Städtchen kann man nicht umgehen. Landadel gibt's nicht in der Nähe -- nur dickköpfige Großbauern. Man ist also ganz auf den Verkehr im Regiment angewiesen ... Die Adda und ich haben uns solche Mühe gegeben, nett zu sein ... Aber ich weiß nicht ... wir mögen tun, was wir wollen -- wir machen es nun einmal nicht recht!«

»Und was ist denn nun jetzt passiert?«

»Eine dumme Affäre ...« Otto von Ottersleben hatte mit seinem Rittmeister Baron Ostrach im Dienst einen Zusammenstoß gehabt. Es schien, daß er dem Eskadronchef öfter und nachlässiger geantwortet hatte, als nötig. Jedenfalls hatte ihn der dem Regiment gemeldet. Da lag die Sache nun. An sich eine Kleinigkeit. Aber es war schon das dritte oder vierte Mal. Der Kommandeur, Graf Hundsfeldt, hatte schon früher Äußerungen fallen lassen von Versetzung, wenn derlei sich noch einmal wiederholen würde. Und wo man dann hinkam ... Sie, die Otterslebens, verzehrten sich vor Sorge, in ein minderes Regiment verschlagen zu werden! ... Womöglich wieder aus der Kavallerie heraus! ... Da konnte nur der Onkel nutzen! Wenn der ein gutes Wort einlegte, renkte sich die Geschichte noch einmal ein ...

»Deswegen hättet ihr mich wirklich nicht aus Berlin herzusprengen brauchen!« versetzte der Generalmajor mißmutig und trat mit seinem Neffen in dessen Haus am Marktplatz. Es war das größte des ganzen Fleckens, hochgiebelig, aber doch ein alter Kasten, zu dessen Äußerem der verschwenderische Luxus der ganz modernen Berliner Inneneinrichtung wie die Faust aufs Auge paßte. Ein glattrasierter Diener öffnete mit einer tiefen Verbeugung die Tür. Man schritt durch eine ganze Flucht von Gemächern. Ölgemälde, Palmen, Marmorwerke füllten das dämmerige, gelangweilte Schweigen, in dem sich Herr von Ottersleben mit seiner spartanischen Nüchternheit kopfschüttelnd umsah. Ihm ahnte nun schon, wo eigentlich das ganze Übel steckte. In dem letzten der Gemächer, einem blauseidenen Boudoir, saß die kleine Frau Adda und empfing schluchzend die Verwandten.

»Papa hat mir nichts gesagt ... Mama hat mir nichts gesagt ... der Otto hat mir nichts gesagt ... huhu ... Ich hab' nicht wissen können, daß ich bei den Damen hier das fünfte Rad am Wagen sein würde ... es sind lauter Adelige im Regiment ...«

»Nun -- du bist doch auch eine Frau von Ottersleben!«

»Das hilft nichts ... huhu ... das rechnen sie nicht für voll ... ich soll eine geborene ›von‹ sein ... huhu ... sie sind's alle, schon seit dem fünfzehnten Jahrhundert ... und ich kann doch nichts dafür, daß der Papa mit Baumwolle ... huhuhu ...«

»Das ist ja auch nichts Schlimmes, Kind ...«

»Doch! Doch, Onkel! Hier wohl ... Huhu ... immer lassen sie mich's fühlen ... und sagen Sachen, die mich ärgern ... und halten zusammen wie die Kletten ... huhu ... und der Otto hilft mir auch nicht, sondern reizt nur die Vorgesetzten und macht's noch schlimmer ... huhuhu ...«

Der Generalmajor mußte wider Willen lachen.

»Bleib du mal hier bei den unseligen Leutchen!« sagte er zu seinem Schwager. »Ich fahre jetzt gleich ins Stabsquartier und sehe, was der Kommandeur zu der welterschütternden Geschichte meint.«

Eine Stunde darauf saß er dem grauköpfigen hageren Grafen Hundsfeldt gegenüber. Der zog die Schultern hoch und meinte in seiner trockenen Art: »Ganz richtig: an sich ist die Sache ja ohne Bedeutung, Herr General! Der Rittmeister von Ostrach ist ein guter Kerl. Man muß ihn nur kennen. Er ist ein Bullrian! ... Er geht drauf los ... Er meint es nicht bös. Niemand hier. Ich will nur das Beste mit Ihrem Neffen. Wir alle. Ich hab' ihn mit Absicht in das ganz miteinander vervetterte und verschwägerte Regiment genommen, um ein bißchen frisches Blut hineinzubringen. Ich hatte mich auf unseren gemeinsamen Verwandten Koninck verlassen. Der Wilderich ist gut im Sattel und hinter der Pulle und sieht 'nem Pferd Mauke und Spat auf hundert Schritte an, aber zu so was hat er eben nicht den Grips!«

»Woran läßt es denn nun mein Neffe fehlen?«

»Sehen Sie, Herr General, ich hab' vier Söhne in der Armee. Da langt es bei mir zu Tisch nur zu saurem Mosel. Wir sind alle hier im Regiment mit Glücksgütern nicht übermäßig gesegnet. Anständig zum Leben -- ja. Aber dann Schluß. Nu kommt Herr von Ottersleben ... Daß er Geld hatte, wußt' ich ja ... Aber dieser Train ... Automobil ... Kammerdiener ... Wohnung von zwanzig Zimmern ... Diners von zehn Gängen ... die Gattin für drei Rittergüter Schmuck am Leibe ... ja, wir kennen doch die Luxuserlasse Seiner Majestät! Wie soll ich denn das verantworten? Und wie sollen denn die anderen Familien im Regiment solch eine Geselligkeit erwidern? Sie vermögen's nicht! Also zogen sie sich zurück. Nun hielten sich die Otterslebens für isoliert und merkten nicht, daß sie nur selber daran schuld waren!«

Der alte Kürassier bot seinem Besucher eine neue Zigarre an und fuhr fort: »Rennurlaub? ... Kriegt bei mir jeder von den Herren! ... Jagdurlaub? ... Soweit möglich, mit großem Vergnügen! ... Urlaub auf die Güter? ... Auch ganz gerne! ... Aber Urlaub nach Berlin, wie ihn sich Herr und Frau von Ottersleben in ihrer Vereinsamung nun allmählich so wöchentlich angewöhnten -- dort 'rumbummeln ... im Esplanade oder bei Adlon schlampampen -- nee ... da schob ich 'nen Riegel vor und hab' ihn zu dem Ostrach in meine strammste Schwadron gesteckt. Und hilft das nicht, so zieh' ich noch ganz andere Saiten auf. Ich lasse mir den Geist meines Regiments nicht verderben! Ich hoffe, Sie werden mir das nicht verargen, Herr General, ob es sich nun um Ihren Neffen handelt oder wen sonst!«

»Im Dienst habe ich keine Söhne und keine Neffen! Sie haben völlig recht, Herr Graf!« sagte der Brigadekommandeur, und die beiden drückten sich, als sie sich nach einem längeren Gespräch trennten, kräftig die Hand. Herr von Ottersleben begab sich wieder in die Garnison seines Neffen. Dort hatte er mit ihm eine ernste Unterredung.

»Ich fahre jetzt gleich nach Berlin zurück!« schloß er. »Ich kann dir hier nicht helfen! Nur du dir selber! Du bist auf dem Holzweg, mein lieber Otto! Glaub mir! Gerade wie der Logow! ... Euch beiden sitzt der Hochmutsteufel zu sehr im Genick. Dir der gesellschaftliche, überall die erste Rolle zu spielen, deinem Schwager Logow, der mehr taugt als du, der militärische Ehrgeiz, um jeden Preis Karriere zu machen! Ja ... und nun? Er sitzt in den Vogesen -- du hier ... Beide seid ihr nicht zufrieden ... Eure Frauen auch nicht ... Die Ulla heult und deine baut daneben scheint's auch schon wieder ans Wasser ... Komm, Schwager! Wir sind hier überflüssig!«

Otto von Ottersleben kehrte in gedrückter Stimmung vom Bahnhof heim. Er war überzeugt, daß ihm bitteres Unrecht geschah. Seine Frau weinte immer noch und klagte: Was hatte man hier vom Leben? Sie war doch stets in Berlin gewesen als Mädchen, oder in Bremen. Unter Menschen. Sie hatte sich nicht träumen lassen, daß sie als Frau würde in der Einsamkeit verkümmern müssen. Dort in den Schränken hingen die schönsten Toiletten, zum Teil noch von der Aussteuer her. Sie waren unmodern geworden, ohne daß sie je recht Gelegenheit gefunden, sie zu tragen. Ihre Hüte auch! Was sollte man hier, am Ende der Welt, mit Reihern und Federn? ... Da hatte sie ihren Schmuck! Wenn sie den anlegte, freute das keinen Menschen, sondern sie kriegte noch eins auf den Kopf. Mitten in ihren Jeremiaden erschien der Diener und meldete lispelnd: »Herr Leutnant von Le Simonnier de St. Jean!«

Das war der Regimentsadjutant. Trotz seines Refugiénamens baumlang, weißblond, mit schmalen Schultern, vom pommerisch-schwedischen Typus. Er trug Dienstuniform. Der Hausherr empfing ihn allein mit umwölkter Stirne. Er wußte schon, woran er war: Acht Tage Stubenarrest vom Regiment, wegen ungehörigen Verhaltens im Dienst gegen einen Vorgesetzten! Er wartete das: »Darf ich um Ihren Degen bitten?« des Adjutanten nicht erst ab, sondern reichte ihn ihm und sah finster zu, wie jener ihn unter seinen Mantel nahm und draußen damit in den harrenden Krümperwagen stieg. Dann ging er finster in Litewka und Hausschuhen, die Hände in den Hosentaschen, die Zigarette im Mundwinkel, die lange Flucht der Wohnzimmer auf und ab. Eine zu dumme Situation! Er konnte sich doch nicht ins Bett legen und krank stellen vor den Dienstboten! Und tat man das nicht, so merkte der Bursche natürlich, was los war. Er erzählte es den anderen. Es sprach sich herum, daß man eingesperrt war. Man wurde zum Kinderspott im ganzen Städtchen. Der Käsekrämer und die Fischweiber grinsten hinter einem her, wenn man sich endlich wieder im Helm im Freien zeigte, um sich wie ein armer Sünder bei den Vorgesetzten zu melden. Es war doch solch ein demokratischer Geist hier im Volke. Kein Respekt vor dem Höheren!

Und die arme Adda mopste sich erst recht. Zu der einzigen Dame am Ort, Frau von Ostrach, konnte sie doch nicht gehen. Man verkehrte mit Rittmeisters nur noch dienstlich. Und der zweite Leutnant war unverheiratet. Da unten schmetterten eben die Trompeten um die Ecke und klapperten die Hufe auf dem Markt und flogen die weiß-schwarzen Fähnchen. Die Schwadron rückte aus. Voran Baron Ostrach -- breitschultrig und riesenhaft, auf ebenso mächtigem Gaul. Der junge Kürassier durchmaß mit langen Schritten seine Räume. Zu lächerlich! Er wollte Dienst tun und schwitzen und Staub schlucken -- und durfte nicht ... Andere dankten ihrem Schöpfer, wenn sie nicht krank waren. Er mußte hier Hexenschuß oder Influenza heucheln. Er redete sich immer mehr in eine stille Wut hinein: Was tat er eigentlich in dem Nest hier, in dem sich höchstens die Flundern wohlfühlten? Wozu hatte er's nötig, sich schlecht behandeln zu lassen -- er, ein Ottersleben und mit dem Einkommen eines Millionärs? Weshalb sollte er sich denn aufdrängen, wenn man ihn nicht haben wollte? Schön. Da konnte er ja gehen! Tränen weinten sie ihm hier nicht nach. Das wußte er.

Er stand gerade vor einem großen Wandspiegel. Er erschien sich in seiner dunklen, schmucklosen Litewka wie ein Strafgefangener. Draußen blinzelte sacht die Sonne über Land und See. Es war ein erster ahnender Vorfrühlingstag. Er riß das Fenster auf. Lauer Märzwind wehte herein, gleich einem Gruß vom Süden. Er brachte einen Hauch von Leben mit sich ... vom großen Leben draußen ... der bunten, lockenden Welt ... die stand einem offen ... man rutschte im eigenen Auto nach Rom -- man fuhr mit seiner kleinen Frau nach Paris ... man badete sich im Winter im neuberlinisch-amerikanischen Gesellschaftsleben, man ritt im Sommer als Großgrundbesitzer über seine eigene Scholle irgendwo drüben in der Ostmark -- war ein ganz anderer Kerl als hier der kleine, in Stubenarrest gesteckte Leutnant Ottersleben! ...

Eigentlich war man doch ein Esel, wenn man es nicht tat! ... Adieu Küraß und Koller -- Pallasch und Helm! ... Die Armee hielt keinen, der gehen wollte. Im Gegenteil, sie schickte alljährlich Hunderte in das Schattenreich des Zivils, die um ihr Leben gern noch weiter gedient hätten ... Otto von Ottersleben preßte die Lippen zusammen. Er dachte: Wenn mein Vater noch da wäre, dürfte ich es nicht. Der würde es mir nie verzeihen! Onkel Bruno auch nicht. Keiner von den anderen. Aber schließlich ist sich jeder selbst der Nächste. Diesen verfluchten Stubenarrest hier sitzt auch kein Fremder für mich ab. So stand er und sann und sann, ohne zu einem Entschluß zu kommen, und die Dämmerung senkte sich hernieder.

Eine Woche später riß gegen Abend auf der Friedrichstraße zu Berlin der kleine Leutnant Peter von Ottersleben, der zurzeit aus seiner schlesischen Grenadiergarnison zur Zentralturnanstalt kommandiert war, erstaunt die Augen auf. Er erkannte seinen Bruder Otto, der da in modischem englischem Frühjahrszivil flanierte, einen spiegelnden Zylinderhut auf dem Kopf, Gamaschen über den Lackstiefeln, auf die die Bügelfalte fiel.

»Wo ich herkomm', Peter?« sagte er nachlässig. »Das werd' ich dir gleich erzählen! Wo gehst du denn hin? Ins Pschorr! ... Schön!«