Drei Erzählungen für junge Mädchen

Part 8

Chapter 83,895 wordsPublic domain

Weiter konnte Esther mit ihren Gedanken nicht kommen, es kam wieder wie ein Krampf über sie, und leise wimmernd sank sie zusammen. Hätte sie nur wenigstens jemand gehabt, der mit ihr sprechen konnte; aber diese trostlose Einsamkeit, es war zu schrecklich!

Endlich jedoch trat ein Friedensengel zu dem armen, einsamen Kinde. »Und Du wirst ihm doch noch immer lieb und theuer sein, trotz aller neuen Bande! Er wird Deiner bedürfen nach wie vor trotz alles Reichthums und alles Wohlbehagens!« so tönte es in ihrer Brust. »Ich will ihm bleiben, was ich ihm bis jetzt gewesen, seine treue, helfende Freundin, das kann ihm weder Geld noch Gut noch sonst etwas auf der Welt ersetzen. O möchte er nur glücklich werden, möchte diese Susanne ihn lieben! Doch wie sollte sie nicht, wie sollte man Bertel nicht lieben, den schönen, herrlichen Bertel! Aber warum er nur nicht glücklicher schreibt? Ein Unbehagen peinigt ihn und läßt ihn nicht froh werden. Liebt er denn Susanne nicht? Ist es =nur= der Wunsch seiner Mutter, der ihn bestimmte und die Aussicht auf Reichthum und Wohlbehagen? O, das wäre schrecklich! Daß seine Mutter ihn drängt, ist doch sehr unrecht; aber sie meint freilich, Bertels Glück dadurch zu sichern.

Aber das Geld allein ist's wohl nicht, was Tante Ihlefeld zu dem Wunsche treibt, Bertel soll diese Cousine heirathen! Wie schreibt Tante Booland? Adel bleibt Adel! Tante Ihlefeld hat mich ja immer fühlen lassen, daß ich nicht ihresgleichen bin, ich weiß es recht wohl, wenn ich auch nie darüber sprach. Wußte ich ja doch, daß Bertel nicht so stolz war und seine kleine Esther wirklich wie eine Schwester liebte. Und die will ich ihm bleiben! Ach jetzt erst weiß ich ja, daß ich noch andere Wünsche im Herzen für uns Beide hatte; aber er hat wohl an mich nie anders gedacht, als an eine treue Schwester.

»O mein Gott, mein Gott,« rief Esther flehend und hob die Hände zum Himmel empor, »o gieb mir die Kraft und die Selbstüberwindung, ihm auch ferner diese treue Schwester zu bleiben! Ich muß es -- und ich will es!«

Dann setzte sie sich nieder, Bertel einige Zeilen auf seinen Brief zu antworten, wie er gebeten. Es war ein schweres Werk; aber Esther vollendete es mit ihrem starkem Herzen und starken Willen. Sie schrieb Bertel, daß er sie richtig beurtheilt, =sein= Glück sei auch das Ihre, und Gott möge den Schritt segnen, den er thun wolle, oder nun wohl bereits gethan habe. Sie aber verspreche, ihm und seiner Frau ihr ganzes Lebenlang eine treue Schwester und Freundin zu bleiben.

Weiter schrieb sie nichts, sie konnte es nicht. Und nun war ihr, als habe sie ihr Lebensglück in das Grab gelegt, nun war alles, alles vorüber. Eine Müdigkeit und Gleichgültigkeit kam über sie, wie sie nie im Leben noch erfahren. Was kümmerte sie es jetzt, was aus ihr wurde, wohin sie ging, was die nächste Zeit nun bringen würde? Es war ihr alles gleich. Sollte sie hier bleiben oder nach England gehen oder wo sonst hin. Nur jetzt nicht nach Hause, nur nicht sehen, daß Bertel durch den Besitz dieser Susanne glücklich war und andern angehörte, als ihr. Nach Hause in das stille Waldhäuschen, ohne Arbeit und Zerstreuung, in steter Nähe jener grausamen Frau, die ihr Bertel entrissen, durch deren Willen er zu diesem Schritte gedrängt worden -- nein, das war unmöglich! Tante Booland mußte dies einsehen trotz aller ihrer sehnsüchtigen Liebe. Nein, lieber fort unter fremde Menschen, wo sie arbeiten und ihre Gedanken ableiten konnte! -- Hier wollte sie nur noch so lange bleiben, bis die Vollmacht ankam. Dann wollte sie Herrn Richard bitten, das Geld an Frau von Ihlefeld zu senden, sie selbst aber wollte sich direct nach England in die Familie begeben, welche sie mit Ungeduld erwartete.

Es waren traurige Tage für die arme Esther, die bis zur Ankunft dieses Briefes vergehen mußten. Sie blieb fast immer zu Hause; denn am Strande fürchtete sie entweder Herrn Richard zu begegnen, oder jener Dame, welche ihr so unsäglich geschadet hatte. Esther begriff nun wohl, hätte Herr Richard sie nicht mit dieser Begleiterin gesehen, so wäre er ihr nicht gleich so mißtrauisch entgegen getreten, sondern würde sie höchstens für ein sehr unerfahrenes Mädchen gehalten haben, aber nicht für eine mögliche Diebin und Betrügerin.

* * * * *

Während für Esther die Tage trübe und langsam dahin schlichen, verlassen wir sie für einige Zeit und kehren zurück nach dem kleinen Waldhause zu Rahmstedt.

Kurze Zeit nach Absendung jenes Briefes von Esther war Bertel der Verlobte von Susanne von Sassen. Die Verlobung sollte jetzt noch ein Geheimniß bleiben, bis Bertel promovirt hatte. Susanne war fast noch ein Kind und auch Bertel noch zu jung für eine Heirath; so traf alles passend zusammen. Bertel ward aber auch jetzt schon als Sohn des Hauses aufgenommen, und das jugendliche Brautpaar lernte sich jetzt im täglichen Beisammensein erst näher kennen. Susanne war eine bildhübsche, kleine Blondine, gut und weichherzig und von fröhlichem Gemüth; aber weder besonders klug noch auch sehr gebildet. Ein hübsches Kleid war ihr tausendmal lieber als ein gutes Buch, und Vergnügen und Tanz ging ihr über alles. Sie hatte ihre sechzehn Lebensjahre in süßem Nichtsthun und steter Fröhlichkeit vertändelt, unter Spielen und Tanzen, Lachen und Schwatzen. Verwöhnt als einziges Kind reicher Eltern kannte sie keinen andern Willen, als den ihren, und kein Wunsch blieb ihr versagt. Daß man auch für Andere leben, sich auch nützlich machen konnte in der Welt, das war ihr ebenso fremd, wie alles, was Ernst oder Arbeit hieß. Aber bei alledem war sie ein gutes, fügsames Kind, und als der Vater ihr sagte, er wünsche, daß sie den hübschen, liebenswürdigen Hubert von Ihlefeld heirathen solle, da war sie nicht unzufrieden damit, obwohl sie eigentlich vor dem klugen, gelehrten jungen Vetter, von dem alle Welt mit so großer Bewunderung sprach, etwas Furcht hatte. Er war oft gar so ernsthaft, und an Tanzen und hübschen Kleidern fand er gar kein Vergnügen. Er sah es gar nicht einmal, wenn sie ein schönes neues Kleid ihm zu Ehren angezogen hatte und unterhielt sich eigentlich immer viel mehr mit ihrem Vater über so schrecklich ernsthafte Sachen, statt daß er mit ihr schwatzte und lachte. Aber er war so ein bildhübscher Junge, und es war eine so große Ehre, mit einem so gelehrten Manne verlobt zu sein; vielleicht lernte er bei ihr noch Lachen und Tanzen und Freude an all' dem, was sie liebte. Nun war sie eine Braut, das klang doch zu hübsch! Wenn sie es nur erst öffentlich wäre! Wie würden ihre Freundinnen sie beneiden! --

Und so tanzte und lachte und spielte sie um Bertel her, wenn dieser bei ihr war und trieb tausend Tollheiten, sobald er versuchte, ein ernstes Wort mit ihr zu sprechen.

Bis dahin hatte Bertel nur das reizende Kind in ihr gesehen, jetzt erst bemerkte er, wie oberflächlich und unbedeutend sie war. Das Bild Esthers trat unwillkürlich daneben, und Bertel, der wenig Mädchen kennen gelernt, hatte geglaubt, alle müßten so viel wissen und so klug und strebsam sein, als sie. Ein Unbehagen, wie er es neben Esther nie empfunden, kam über ihn, wenn er längere Zeit mit Susanne verkehrte, und obwohl er alles auf die große Jugend seiner Braut schob und von der Zukunft erwartete, daß sie ernster und gediegener werden möchte, so konnte er doch nicht recht froh neben ihr werden. Oft schon hatte er ihr von Esther erzählt, und jetzt that er es noch häufiger in der Hoffnung, Susanne solle fühlen, wie sehr er wünsche, sie möge Esther ähnlich werden. Aber der lustigen Susanne lag nichts ferner, als solcher Wunsch. Sie staunte Esthers Vortrefflichkeiten und Wissen an wie etwas höchst Sonderbares und Merkwürdiges, der Wunsch aber, selbst so zu sein, kam ihr nie, im Gegentheil, ihr graute bei dem Gedanken, so viel lernen und arbeiten zu müssen und so ernsthaft und fleißig zu sein.

Hätte Bertel sich aus Liebe mit ihr verlobt, so würde er Susanne's Fehler kaum bemerkt haben; denn Liebe umgiebt alles mit einem sonnigen Glanze, und selbst kleine Fehler erscheinen an einem geliebten Wesen als etwas Anziehendes. Jetzt aber, ohne eine so innige Neigung traten ihm Susannes Mängel mit jedem Tage unangenehmer entgegen; die Folge davon aber war, daß auch er seiner leichtherzigen jungen Braut weniger gefiel, die immer daran gewöhnt war, daß alles ihr huldigte und schmeichelte. Daß aber ihr Bräutigam dies nicht nur unterließ, sondern sie sogar zuweilen tadelte, das war dem verwöhnten Kinde höchst empfindlich. Schon in den ersten Tagen ihres Brautstandes schmollte ihr hübscher kleiner Mund mehrfach, und warf sie das blonde Köpfchen ärgerlich in den Nacken. Ein solch' kindisches Benehmen war Bertel aber etwas ganz Fremdes und mißfiel ihm in hohem Grade; Esther war ja nie launisch gewesen.

So waren die ersten Tage von Bertels Brautstand vergangen. Seine Mutter überhäufte ihn mit Liebkosungen und Zärtlichkeit, denn sie war ihm innig dankbar, daß er sich ihrem Willen so bald gefügt trotz seines ersten Widerstrebens. Aber Frau Booland, die alte treue Freundin aus Bertels Kinderjahren, sie hatte jetzt kein gutes Wort und keinen freundlichen Blick mehr für ihren einstigen Liebling. Finster schaute sie drein, wenn Bertel bei ihr eintrat, wie er gewöhnt war, und bei all' seinen Schmeichelworten und Erzählungen blieb ihr sonst so gesprächiger Mund fest verschlossen.

»Tante Booland, du bist mir sehr böse, sage es nur,« rief Bertel endlich, nachdem er mehrmals vergebens versucht, ihr einen freundlichen Blick abzuschmeicheln. »Gönnst du deinem armen Bertel wirklich gar kein Wort mehr?«

»Wer mir keins gönnt verdient es nicht besser!« entgegnete Frau Booland kurz. »Die Zeiten sind vorbei, wo man Tante Booland noch um Rath fragte. Jetzt ist sie für gewisse Leute gar nicht mehr in der Welt. O Undank, Undank!« Dann aber seufzte sie tief auf und schwieg beharrlich, und Bertel versuchte umsonst, seine alte Freundin milder zu stimmen, es ging nicht. Aber ihre rothgeweinten Augen gaben ihm viel zu denken und vermehrten das Unbehagen, das auf seinem Gemüthe lastete.

Da kam Esthers Brief an mit der Erzählung dessen, was sie nach Frankreich getrieben und was sie um dieses Schuldscheines willen hatte ertragen müssen. Auch Herrn Richards Brief mit der Anfrage, welche Bewandniß es mit Esthers Erzählung habe, folgte gleich darauf. Welch' eine Nachricht war das!

Frau von Ihlefeld überreichte Bertel Esthers Brief mit zitternder Hand, als dieser in das Zimmer trat. Die Thränen perlten über ihr bleiches Gesicht, und mit leiser Stimme sagte sie nichts als: »Lies, Bertel!« Dieser blickte seine Mutter überrascht an und durchflog Esthers Zeilen. Dann sank er auf einen Stuhl und bedeckte schweigend sein Gesicht mit den Händen. Auch Frau von Ihlefeld schwieg, aber sie weinte leise in ihr Tuch. Endlich stand sie auf, trat zu ihrem Sohne heran und legte ihre Arme um seinen Hals.

»Mein lieber, lieber Sohn!« sagte sie weich und küßte seine Stirn, auf der dicke Schweistropfen standen. Bertel aber erwiederte ihre Zärtlichkeit nicht, sondern ließ die Hände schlaff herabsinken und schaute düster vor sich nieder. »Rede doch, Bertel, sprich mit mir!« flehte die Mutter, aber Bertel hörte sie kaum. Es arbeitete furchtbar in seiner Brust; endlich stand er rasch auf und eilte zur Thüre. »Wo willst du hin, Bertel?« rief Frau von Ihlefeld angstvoll.

»Laß mich, Mutter, ich muß allein sein!« stöhnte er leise und schob die Mutter zur Seite. Dann stürzte er zum Zimmer hinaus.

Frau von Ihlefeld blickte ihm bestürzt nach, wie er schnellen Schrittes in den Wald hinein eilte. Dann aber nahm sie Esthers Brief und den des Herrn Richard und ging zu Frau Booland hinab. Diese staunte nicht wenig über den seltenen Besuch; denn seitdem Bertel mit Susanne verlobt war, hatte sich Frau von Ihlefeld mehr von ihr zurückgezogen und wieder ihren ehemaligen hochmüthigen Ton gegen sie angeschlagen. Und nun kam sie sogar zu ihr herab und hatte Thränen im Auge. Als dann aber Frau Booland Esthers Brief gelesen, da brachen die Wellen der Erregung über der alten treuen Pflegerin zusammen, und sie zitterte und flog wie ein Blatt im Winde, während sie weinend und schluchzend in ihren Stuhl zurücksank.

»O das Kind, das Kind!« stöhnte sie immerfort schluchzend, weiter aber konnte sie nichts hervor bringen. Frau von Ihlefeld versuchte, mit der erschütterten alten Frau zu reden; denn ihr Herz war ihr zum Zerspringen voll. Aber Frau Booland schwieg bei allen ihren Reden und schien sie kaum zu hören, und so verließ Jene nach einiger Zeit das Zimmer, müde der vergeblichen Versuche. »Sie wird wahrlich stumpf und alt,« murmelte Frau von Ihlefeld verdrießlich, »zu reden ist gar nicht mehr mit der armen Person.«

Frau Booland saß noch eine lange Weile still und in sich versunken am Fenster und schaute in das flammende Abendroth, das den Himmel in seltener Pracht überzog. Ihr Zimmerchen lag nach dem Walde hinaus, und die verschwindende Sonnengluth tauchte die Wipfel der Bäume in wundervolle Farbentöne. Die Abendluft zog weich und würzig zum Fenster herein und spielte um die faltige Stirn der Matrone, welche das weiße Haar mild und freundlich umrahmte. Ihr Auge schweifte wehmüthig in die Ferne, als wollte es den Raum durchdringen, der sie von ihrem lieben Kinde trennte. Banger und banger legte die Sehnsucht sich um ihr altes Herz, und endlich konnte sie es im Zimmer nicht länger aushalten. Dort drüben im Walde stand eine kleine Bank, da hatte sie so oft mit ihrer Esther gesessen, da zog es sie hin, als könnte sie ihren Liebling dort wieder finden, wie früher.

Als Frau Booland langsamen Schrittes in die Nähe dieser Lieblingsbank kam, sah sie, daß schon jemand dort saß. Ihre alten Augen konnten aus der Ferne nicht erkennen, wer es war, und so trat sie unbemerkt näher heran. Es war Bertel. Er hatte den Kopf in beide Hände gestützt und das Gesicht verhüllt und schien so in sich versunken, daß er die Herantretende nicht bemerkte, selbst als sie dicht vor ihm stand.

»Bertel, du bist's?« rief Frau Booland verwundert, und erschrocken fuhr der junge Mann bei dieser Anrede empor. Nun sah die alte Frau, daß Bertels Gesicht ganz verstört war und von Thränen überfluthet. Kaum erkannte er die vor ihm Stehende, als er laut weinend an ihre Brust sank.

»O Tante Booland, was hab' ich gethan!« rief er ganz außer sich und schluchzte wie ein Kind. Die große, stattliche Alte schlang ihre Arme fest und zärtlich um die schlanke Gestalt, als sei es wieder der kleine Bertel, den sie in früheren Jahren so oft beruhigt und getröstet, wenn ein kindliches Leid ihn zu ihr geführt. Liebevoll strich sie wie ehemals über sein weiches, blondes Haar und gab ihm sanfte Schmeichelworte, um ihn zu beruhigen. Bertel ließ sich alles gefallen; es war ihm ein Trost, sich an dieser treuen Brust ausweinen zu können. Frau Booland setzte sich endlich auf die Bank, und Bertel ließ sich neben ihr nieder, den Kopf immer noch an ihre breite Schulter lehnend, denn ihm war so wohl im Schutze dieser alten treuen Freundin. Die Alte sah bewegt in ihres Lieblings schönes Gesicht, und indem sie ihm die prachtvollen Haarlocken von der Stirn strich, die in wilder Unordnung darüber gefallen waren, sagte sie mild: »Nun, mein armer Junge, was quält dich denn so? Sprich dich doch aus, du weißt, ich meinte es immer gut mit dir.«

»Ja, ich weiß es!« rief Bertel und küßte die breite, derbe Hand, die so zärtlich um ihn bemüht war. »O Tante Booland, aber auch du kannst mir nicht mehr helfen, es ist ja zu spät. O mein Gott, mein Gott, welch' ein Thor bin ich gewesen, welch' ein verblendeter Narr!« Und in wildem Grimm ballte er die Hände und schlug sich damit vor die Stirn. Frau Booland schüttelte den Kopf, und die Hände ihm vom Gesicht herab ziehend sagte sie ernst: »Mit Klagen und Jammern hat noch nie jemand einen Grashalm bewegt, laß das jetzt, Bertel. Was bereust du denn und was erkennst du jetzt erst?«

»Was ich erkenne?« rief Bertel heftig, »daß ich nicht werth bin, Esther die Füße zu küssen! O =was= hat sie gethan, was ertragen für mich und um meinetwillen! O Tante Booland, sage mir nur das Eine, nicht wahr, Esther liebt mich?«

»Esther hat dich geliebt, seit ihr zusammen als kleine Kinder gespielt habt,« entgegnete Frau Booland und eine Thräne rollte über ihre gefurchte Wange.

»O das meine ich nicht, Tante,« rief Bertel, »nicht wie eine Schwester und nicht als mein lieber bester Kamerad, wie ich sie immer nannte. Ich meine, glaubst du, daß sie mich noch lieber hat, -- o so lieb, wie =ich= sie habe? So unsäglich, so unaussprechlich lieb, daß ich für sie sterben könnte, wenn ich wüßte, sie würde glücklich dadurch!«

»Wie Bertel? Du liebst Esther, und doch willst du eine Andere heirathen?« sagte Frau Booland tief verletzt und blickte voll Erstaunen in Bertels erregtes Gesicht.

»O das ist ja eben das Entsetzliche!« rief Bertel in Verzweiflung und verhüllte wieder sein Gesicht. »Kannst du es denn glauben, daß mir soeben erst die Binde von den Augen gefallen ist? Daß es soeben erst, als ich Esthers Brief an meine Mutter gelesen, wie ein Blitz durch meine Seele ging und mir die Tiefen meines eigenen Herzens enthüllte? O niemand, niemand wohnt ja in diesem Herzen, als meine Esther, dies theure, geliebte Mädchen, die all' ihr Glück und all' ihre Ruhe hingegeben seit ich denken kann, nur damit ich glücklich sein konnte. O das muß ja Liebe sein, ja sie =muß= mich lieben! Und ich Thor habe diese Liebe hingenommen wie etwas, das sich von selbst versteht, o und jetzt, jetzt -- habe ich ihre Liebe verrathen!«

Frau Booland saß schweigend neben dem unglücklichen Jüngling; denn auch sie wußte ja nicht zu rathen und zu helfen!

»Meine Mutter hat die Schuld!« sprach Bertel weiter. »Sie hat mir keine Ruhe gelassen, bis ich auf ihren Plan einging, und jetzt weiß ich erst, was es war, das mich zurückhielt und mir immer zurief: »Thu' es nicht, thu' es nicht!« Aber wenn eine Mutter bittet und fleht, dann giebt der Sohn doch endlich nach, ich wenigstens konnte nicht anders! Und ich deckte ja mir den Abgrund selbst zu mit so herrlichen Blumen, sagte mir immer wieder, welche Vortheile aus dieser Heirath entstehen würden, so daß ich wirklich zuletzt selbst daran glaubte. Aber jetzt ist mir die Binde von den Augen gerissen, und ich sehe erst ganz, was ich gethan! Mich selbst habe ich unglücklich gemacht, o und was noch viel tausend Mal schlimmer ist, auch Esther! Das ist der Dank für alle ihre Liebe, alle ihre jahrelangen Opfer! Und für wen opferte ich dieses herrliche Mädchen? Für eine leichtfertige, eitle Puppe, die mich ewig unglücklich machen wird und ich sie; denn wir werden nie zu einander passen, o nie, nie!«

»Aber mein Gott, Bertel, =so= sprichst du von deiner schönen Braut!« rief Frau Booland in höchstem Erstaunen.

»Ja, es ist nicht anders, ich sehe es mit jeder Stunde deutlicher, es war ein entsetzlicher Irrthum, mich mit ihr zu verloben!« sagte Bertel vor sich hin brütend. »Aber es ist einmal geschehen; meine Ehre verlangt, daß ich das Wort einlöse, das ich gegeben, denn ich gab es freiwillig. O es ist entsetzlich!«

Wieder brach Bertel unter der Last seines Jammers zusammen, und Frau Booland stützte sinnend den Kopf auf ihre Hand; ihre Lippen schlossen sich immer fester und energischer auf einander, und ihre Augen wurden immer lebendiger. »Bertel,« sagte sie endlich und legte ihre Hand auf des jungen Mannes Schulter, »höre mich einmal an. Ich bin eine alte Frau und habe auf der ganzen Welt kein anderes Glück, als das meiner Esther und auch deines, mein lieber Sohn. Was es mir für ein Kummer gewesen ist, als ich sah, wie man dich zu diesem Bunde zu bestimmen suchte, das hat der liebe Gott allein erfahren. Wußte ich ja doch, daß meiner Esther Glück und Leben damit zu Grunde ging. Denn Bertel, das sage ich dir jetzt: du magst Esther sehr lieb haben; aber was Esther für dich fühlt, davon hast du doch keine Idee. Die Liebe zu dir ist der Lebensodem des Kindes; nimm ihr diese, und du nimmst ihr auch das Leben, oder wenigstens das beste Theil davon; denn der schale Rest, der dann noch übrig bleibt, ist meine herrliche Esther nicht mehr. Aber auch dein Unglück geht mir nahe, mein armer Junge. Freilich hast du dein Wort gegeben, das ist richtig, und ehrenvoll wäre es nicht, nun zurückzutreten, gerade jetzt, wo du selbst Geld hast und das Ihre nicht mehr brauchst. Aber daß darum drei junge Herzen unglücklich werden sollen, -- denn die arme kleine Susanne thut mir auch leid, sie ist ein gutes kleines Herze, für dich aber scheint sie freilich keine Frau zu sein, -- ja, warum ihr alle zusammen unglücklich werden sollt, das sehe ich denn doch auch nicht ein. »Bist du es zufrieden, Bertel, wenn ich für dich eintrete, und die Sache in die Hand nehme? Ein leichtes Werk wird es wohl nicht sein, das sage ich mir; aber was wäre mir für meine Esther zu schwer? Und im schlimmsten Falle, wenn meine Versuche mißglücken, kräht kein Hahn darum, daß die alte Frau sich blamirt hat mit ihren Vorschlägen. Nun also, Bertel, sage, ist dir's recht, soll ich mein Heil versuchen?«

»Was willst du denn thun, Tante Booland?« sagte Bertel zerstreut und theilnahmlos.

»Das laß mein Geheimniß sein!« entgegnete die Alte aufstehend. »Wenn mein Plan gelingt, wirst du schon zufrieden sein, gelingt er nicht -- nun dann ist's überhaupt einerlei. Aber deine Zustimmung muß ich haben, sonst kann ich nicht handeln. Willst du sie mir geben?«

»Meinetwegen alles, was du willst, Tante,« sagte der junge Mann trübe, »Hoffnung habe ich für mich keine mehr auf der Welt. Ich habe mein Glück mit eigenen Füßen zertreten, nun muß ich die Folgen tragen. O wenn nur =sie= nicht auch dadurch leiden müßte; das ist der Fluch, der mich zu Boden drückt!«

»Nur Muth und Gottvertrauen, mein Junge! Es wird vielleicht noch alles gut,« tröstete Frau Booland, noch einmal liebevoll über Bertels Backen streichend. Dann ging sie nach dem Hause zurück, setzte sich ihre Sonntagshaube auf und nahm ihr bestes Umschlagetuch um die Schultern. Mit ihren großen, festen Schritten durcheilte die rüstige Alte alsdann die Dorfstraße, und nach einiger Zeit betrat sie den Gutshof.

Die Sonne war bereits untergegangen, und matte Dämmerung lag auf Haus und Garten, als Frau Booland die breite Terrasse überschritt und den herbeieilenden Diener fragte, ob sie das gnädige Fräulein sprechen könne. Fräulein Susanne war im Garten, die übrige Herrschaft jedoch ausgefahren. Frau Booland sagte, sie wolle das Fräulein selbst aufsuchen, und so durchwanderte sie den schon leise dunkelnden Park, bis sie endlich Susannes helles Kleid erblickte, das rasch hier und dort zwischen dem Gebüsch auftauchte. Fröhliches Gelächter und Gekreisch drang bis zu Frau Booland, welche lauschend näher trat.

Nun sah sie, wie sich die leichte Gestalt Susannes soeben auf einem niedern Baumstamme schaukelte, während über ihr auf einem Zweige ein bunter Papagei saß und heftig kreischend mit den Flügeln schlug. Mit dem Schnabel hackte er wüthend in die Schnur, die um seinen Fuß geschlungen war und welche Susanne in ihrer Hand hielt. Das Geschrei und der Aerger des Vogels schienen des jungen Mädchens Heiterkeit immer mehr zu erregen, und sie rief lustig, indem sie die Schnur bald fester, bald loser hielt: »Peterchen, Papchen, kleiner Trotzkopf, ärgere dich doch nicht so, los lasse ich dich doch nicht. Mußt auch fühlen, wie's thut, einen Faden um's Bein zu haben, an dem immerfort gezogen und gezerrt wird; 's ist abscheulich, nicht wahr, Papchen? O ganz abscheulich!« Und wieder zerrte sie und lachte und schwang sich auf dem Aste hin und her, während der Papagei aus Leibeskräften schrie und flatterte.