Drei Erzählungen für junge Mädchen

Part 7

Chapter 73,780 wordsPublic domain

Mit dem Frühjahr sollte sich ja vielleicht Esthers Hoffen und Harren belohnen, so glaubte sie sicher, und ihr alter Freund hatte ihr versprochen, sobald er Kunde über die Rückkehr Herrn Richard's erhalten könne, wolle er sie sogleich benachrichtigen. Aber Woche um Woche verging abermals, und kein Brief kam. Die warmen Frühlingstage verwandelten sich in heißen Sommer, unter dessen sengender Sonnengluth alles verdorrte und verbrannte, so daß statt der saftigen Fluren eine gelbbraune Decke sich überall ausbreitete, und Menschen und Thiere nach Kühlung schmachteten.

Jetzt bot das eisig kalte Steinhaus, in dem Esther wohnte, allerdings angenehmen Schutz vor der Sonnengluth; aber doch freute sich das junge Mädchen, daß einige Wochen Ferien die Stunden unterbrechen sollten, denn sie fühlte sich oft unendlich müde und angegriffen. Das stete vergebliche Hoffen machte sie nervös und niedergeschlagen, sie sah ja, daß ihr Opfer vergebens sein und sie ohne das Geld nach Hause zurückkehren mußte. Sie hatte gehofft, die Erlangung dieses Schatzes werde ihr die Stellung in England ersparen, und sie könne wieder zurück in ihr Waldhaus. Nun schwand auch diese Freude; denn wenn sie nichts verdiente, litt Bertel Mangel und konnte nicht weiter studiren. So mußte sie also jene Stelle binnen Kurzem antreten; man wollte dort nicht länger warten, wie Pastor Krause ihr schrieb. Schon beabsichtigte Esther, gleich beim Beginn der Ferien nach Hause zurück zu kehren, da schrieb ihr Herr Martin, seine Frau wollte für einige Wochen in das Seebad nach Cette gehen und würde sich freuen, wenn Esther sie begleiten wolle. Er bitte sie, vorher für einige Tage in Nîmes ihr Gast sein zu wollen. Esther zögerte anfangs, dies Anerbieten anzunehmen, ihre angegriffene Gesundheit aber bedurfte allerdings der Stärkung durch Seebäder; denn neue Pflichten erwarteten sie ja, für welche sie eines kräftigen Körpers bedurfte. So nahm sie denn Abschied von ihren liebenswürdigen Pensionsgefährtinnen, die ihr trotz aller Mängel und Fehler herzlich lieb geworden waren, und eilte unter das gastliche Dach ihres guten alten Freundes in Nîmes.

Hier wurde sie mit großer Herzlichkeit aufgenommen und fand eine angenehmere Häuslichkeit, wenn auch ein deutsches Hauswesen diese südlichen Zustände bedeutend an Behagen übertraf. Frau Martin war eine lebendige, liebenswürdige, alte Dame, und die beiden guten Alten machten es sich zur Aufgabe, Esther alle Sehenswürdigkeiten von Stadt und Umgegend zu zeigen.

Es traf sich gerade, daß man einen Geburtstag in der kaiserlichen Familie feierte, wozu die ganze Stadt sich mit Fahnen, Guirlanden und Teppichen geschmückt hatte, was den Straßen einen äußerst freundlichen Anblick verlieh. Große Processionen durchzogen die Stadt, Abends war brillantes Feuerwerk und Illumination, das Schönste aber war am andern Tage ein Volksfest in den alten Mauern der Arena, wozu jedermann freien Zutritt hatte. Unser altes Pärchen führte natürlich seinen Gast auch dahin, und mit Staunen und Entzücken sah Esther dieses prächtige Schauspiel mit an. Die vortrefflich erhaltenen Ruinen der einst durch die Römer erbauten Arena waren jetzt von oben bis unten überdeckt von vielen Tausend Menschen, und jedes Plätzchen, so klein oder gefährlich es auch sein mochte, war besetzt. Alle diese Terrassen, Bogen, Arkaden, ja selbst der oberste Rand der Umfassungsmauer, alles stand gedrängt voll Menschen, und da war kein Stein, kein Pfeiler, der nicht seine interessante Gruppe aufwies. Auf einzelnen losgebrochenen Mauerresten standen und hingen kühne Burschen, und während ihre braunen Gesichter vor Vergnügen leuchteten, baumelten sie lustig mit den nackten Beinen über dem Abgrunde und lachten der ängstlichen Rufe und Blicke um sie her. Männer und Weiber, Kinder und Greise, zerrissene Bettler und elegante Damen, alles drängte sich dicht an einander, sitzend, stehend, hängend, kauernd oder liegend, wie es eben ging; aber alles jubelnd, schreiend, lachend und hoch oben darüber der tiefblaue Himmel, wie ihn eben nur der Süden aufzuweisen hat. Während unten in der Arena Seiltänzer und Jongleure ihre Künste zeigten, ein Luftballon emporgelassen wurde und bei laut kreischender Musik allerlei Tänze und Scherze aufgeführt wurden, wanderten auf der untersten Terrasse eine Menge Verkäufer umher, die Zuschauer mit Früchten und Gebäck zu versorgen. Mit wahrhafter Virtuosität schleuderten diese Händler ihre Waaren bis hoch zu den obersten Sitzen hinauf, und gelbe Citronen, goldene Apfelsinen, lange Weißbrode, Feigen, Pfirsiche, Stücke Melonen, alles flog und schwirrte durch die Luft und wurde ebenso geschickt aufgefangen als geschleudert. Verfehlte aber ein unglückliches Gebäck oder eine leckere Frucht einmal ihr Ziel und rollte in ein Gebüsch oder in das lose Steingeröll, dann zitterte die Luft von endlosem Jubel, und tausend Hände und Füße waren in Bewegung, den Schatz zu erobern. Esther war ganz hingerissen von dem Zauber dieses echt südlichen Festes, und feurig und lebendig wie auch ihr Temperament war, jubelte sie mit ihren französischen Nachbarn um die Wette und vergaß es vollständig, daß von allen Seiten der verhaßte Knoblauchgeruch sie einhüllte, und eine Menge höchst uncivilisirter Beine über ihrem Kopfe baumelten.

Nach einigen in Nîmes froh verlebten Tagen reiste Esther in Gesellschaft der alten Frau Martin nach Cette ab, das prächtig am Gestade des Mittelmeeres sich hinzog. Von dort gedachte sie einige Wochen später in die Heimath zurückzukehren, und Frau von Ihlefeld dann selbst die Erlangung jenes Kapitals zu überlassen, da ihr diese Freude nicht vergönnt ward. Der Anblick des Meeres war ein neuer Genuß für Esther, und mit Entzücken badete sie ihre Glieder in dieser herrlichen Fluth. Sie fühlte sich durch die Bäder bald wunderbar gestärkt und belebt, und da auch das Zusammensein mit Frau Martin durchaus angenehm war, so freute sich Esther aus voller Seele dieser schönen Tage. Leider aber war Frau Martin schon nach Kurzem genöthigt, wieder nach Hause zurückzukehren, da ihr Mann heftig erkrankte; da sie aber hoffte, bald wieder nach Cette kommen zu können, blieb Esther zurück, durch die alte Dame den braven Hauswirthen warm empfohlen.

In dieser Zeit war es, wo eine junge Dame Esthers Bekanntschaft erneuerte, welche schon in Nîmes in der Arena neben ihr gesessen und sie mehrfach angesprochen hatte. Esther freute sich, Gesellschaft zu haben, und obwohl sie eigentlich keinen großen Gefallen an der Dame fand, kam sie doch täglich mit derselben zusammen. Sie nannte sich Mademoiselle Lasson, war sehr heiter und gesprächig, und Esther vergaß in ihrer Gesellschaft alle trüben Sehnsuchtsgedanken. Dies veranlaßte sie, häufiger mit Mademoiselle Lasson zusammen zu sein, als sie sonst wohl gethan hätte.

An einem herrlichen Sommerabend ging Esther auch wieder mit ihrer neuen Freundin am Meeresstrande spazieren, und mit ihnen noch viele andere Badegäste. Man hatte in der Ferne das Herankommen eines Schiffes gesehen, und das Einlaufen eines solchen in den Hafen war stets ein Vergnügen für die Fremden. Auch Esther freute sich des Anblicks, wie das schöne, stolze Schiff auf den Wellen daher segelte, und als dann die Ankommenden ausstiegen, betrachtete sie dieselben voll natürlicher Neugierde. Da ging einer der angekommenen Herren an ihr vorüber. Mademoiselle Lasson begrüßte denselben und zwar mit so lauten Worten und fröhlichem Lachen, daß Esther etwas scheu zurücktrat. Der Herr blickte auf und schien über die Begrüßung durchaus nicht erfreut; denn mit einem kurzen Seitenblick auf Esther ging er leicht grüßend davon.

»Wer war der Herr, Mademoiselle?« fragte Esther rasch.

»O, ein alter Bekannter von mir, Monsieur Richard; er schien mich nicht recht zu erkennen,« sagte die Dame achselzuckend.

»Herr Richard?« rief Esther freudestrahlend. »Herr Richard aus Nîmes? Der Neffe des Herrn Etienne de Villemaud?«

»Wie seine Verwandten alle heißen, weiß ich wahrlich nicht,« lachte Jene, »ich glaube aber, den Namen gehört zu haben. Er that diesem Herrn hier den Gefallen, zu sterben und ihm sein schönes Geld zu hinterlassen, wenn ich nicht irre. Was wissen Sie denn von diesem Kauz, liebe Kleine?«

Esther war so aufgeregt vor Freude, Glück und Wonne, daß sie zitterte und ihrer Begleiterin in kurzen Worten sagte, daß es für sie von unendlicher Wichtigkeit sei, diesen Herrn zu treffen. »O bitte, wir wollen ihm schnell nacheilen, daß er nicht abreist, ehe ich ihn gesprochen habe!« rief sie glühend und zog Mademoiselle Lasson mit sich fort.

»Halt, liebe Kleine, nicht so hitzig!« lachte diese und machte ein so sonderbares Gesicht, daß Esther verlegen stehen blieb.

»Sie sind ja sehr eilig hinter dem Herrn her, der wenig von uns wissen zu wollen schien. Ich weiß, er kehrt hier bei einem Bekannten ein, da werden Sie ihn zeitig genug treffen auch ohne so große Eile. Aber hingehen wollen wir, da Ihnen so viel daran zu liegen scheint. Ich darf doch mit Ihnen gehen?«

Esther dankte ihrer Begleiterin herzlich, daß sie ihr zur Seite bleiben und sie zu der Wohnung Herrn Richard's führen wollte. Zuerst aber eilte sie nach Hause, das wichtige Papier zu holen, das ihr bisher so viel Angst und Sorge, Hoffnung und Enttäuschung gebracht hatte. Ihre Begleiterin führte sie bis zu dem betreffenden Hause, dann aber verabschiedete sie sich, was Esther im Grunde nicht unlieb war, sollte doch niemand weiter von ihrem Geheimniß erfahren.

Als sie Herrn Richard gegenüber stand, schlug ihr doch das Herz gewaltig vor banger Erwartung, besonders da jener Herr ihr sehr kalt und erstaunt entgegentrat und sie mit wenig freundlichen Blicken anschaute und nach ihrem Begehr fragte. Esther nannte ihren Namen und versicherte sich zuerst, daß sie auch die gesuchte Persönlichkeit vor sich habe; dann aber nahm sie mit zitternder Hand den Schuldschein aus ihrer Brieftasche und sagte: »Mein Herr, wissen Sie von dieser Schuld?«

Herr Richard blickte das Blatt voll Staunen an und sagte: »Der Empfang der Summe ist in den Büchern meines Vetters notirt, aber kein Name. Ich habe bisher umsonst gewartet, daß der Gläubiger sich melden solle. Aber mein Fräulein, wie kommen =Sie= zu dem Schuldscheine?« Und wieder blickte er Esther prüfend in das glühende Gesicht.

»Der Schein war seit Jahren verloren, durch einen Zufall kam er in meine Hände,« sagte Esther ruhig, aber unwillkürlich noch tiefer erröthend.

»So, durch einen Zufall? Und Sie wünschen, ich soll das Geld an Sie auszahlen?« entgegnete der Kaufmann scharf.

»Ja, natürlich wünsche ich das,« sagte Esther unbefangen.

»So besitzen Sie eine Vollmacht, welche Sie berechtigt, die Summe von mir zu fordern im Namen des Gläubigers?« entgegnete Herr Richard.

»Eine Vollmacht?« sagte Esther betroffen. »Nein, wozu bedürfte es einer solchen? Herr von Ihlefeld ist todt, seiner Familie aber stehe ich so nahe, daß Sie mir das Geld getrost ohne solche Vollmacht einhändigen können. Ich bin mit dem Sohne des Hauses erzogen und besitze das volle Vertrauen der Mutter, welcher ich mit der Ueberbringung des Geldes eine unerwartete Freude machen will, da sie in sehr dürftigen Umständen lebt. Ich habe ihr die Auffindung des Schuldscheines, den ich in einem Buche fand, welches sie mir geliehen, nicht mitgetheilt, um ihr unnöthige Unruhe zu ersparen. Mein Weg führte mich nach Frankreich, und so nahm ich Gelegenheit, den Erben jenes Herrn Etienne von Villemaud aufzusuchen, um Frau von Ihlefeld bei meiner Heimkehr das Geld statt des Scheines zu überreichen. Schon glaubte ich meine Hoffnungen betrogen, da Sie für unbestimmte Zeit von der Heimath abwesend waren; da führte ein günstiger Zufall mich heute in Ihre Nähe, und so ist der Zweck meines Aufenthaltes in Frankreich doch nicht vergebens.«

Herr Richard hatte Esther's Erzählung mit einiger Ungeduld angehört; jetzt sagte er kalt: »Darf ich um Ihre Legitimation bitten, mein Fräulein?«

»Mein Paß liegt in Nîmes bei Herrn Martin,« sagte Esther unbefangen, »ich glaubte ihn hier nicht zu brauchen.«

»So?« entgegnete der Kaufmann ironisch. »Ich weiß nicht, mein Fräulein, über was ich mich mehr wundern soll: über Ihre Dreistigkeit, ohne jegliche Vollmacht und Legitimation eine solche Forderung zu stellen, oder über die Naivität, mir jenes Märchen zu erzählen, den Schein betreffend. Haben Sie in der That geglaubt, irgend jemand würde Ihnen ohne Sicherheit und ohne Vollmacht jene Summe auszahlen? Wer bürgt denn dafür, daß Sie das Geld auch den Erben bringen, da diese gar nichts davon wissen, daß der Schein gefunden ist?«

»Mein Herr!« fuhr Esther empört auf, »wie können Sie mich so beleidigen? Ich bin die Tochter eines Predigers und keine Diebin.«

»Wenigstens wären Sie eine sehr ungewitzigte Diebin, mein Fräulein,« sagte Jener trocken. »Denn ohne Vollmacht würde Ihnen schwerlich jemand das Geld geben, ich wenigstens bin kein solcher Thor. Aber da Sie glaubten, das Geld werde Ihnen ausgezahlt werden ohne Vorzeigung des Scheines, so entstand diese Hoffnung vielleicht schon bei Erlangung desselben. Gerade daß Sie der Familie so nahe standen, ermöglichte ja die Erwerbung jenes Papieres. Jene Dame, in deren Gesellschaft ich Sie soeben am Strande sah, ist eine sehr schlechte Empfehlung für Ihre Solidität und Ehrlichkeit, mein Fräulein. Sie selbst habe ich nicht die Ehre zu kennen, ich gestehe Ihnen aber ehrlich, daß ich Ihnen gleich mit Mißtrauen entgegen kam, denn Sie werden das Sprichwort kennen: »_Dis-moi que tu hantes, et je te dirai que tu es._«

Esther war außer sich. »Mein Herr!« rief sie, in Thränen ausbrechend, »Sie beschimpfen ein ehrliches, schutzloses Mädchen! Meine Unerfahrenheit hat mich in eine böse Situation gebracht; aber gerade diese sollte Ihnen dafür bürgen, daß ich unschuldig bin. Jene Dame kenne ich kaum und habe keine Ahnung davon, daß sie für ein ehrliches Mädchen keine passende Gesellschaft ist. Uebrigens verlange ich jetzt, daß Sie augenblicklich an Frau von Ihlefeld schreiben und sich nach Esther Wieburgs Ruf erkundigen; ich selbst werde ein Gleiches thun und die Auffindung des Scheines und alles andere berichten. Sie haben die unbescholtene Tochter eines Predigers tödtlich beleidigt; Gott verzeihe es ihnen.« Dann schrieb sie rasch Frau von Ihlefelds Adresse auf einen Zettel und wandte sich stolz nach der Thür; mit einem kalten Gruß ging sie hinaus. Zu Hause angekommen sank sie weinend auf ihre Knie. Lange schluchzte sie krampfhaft und leidenschaftlich; denn der Gedanke, hier als eine Diebin, als eine schamlose Betrügerin behandelt worden zu sein, war ihr entsetzlich. Wenn auch nach kurzer Zeit der Verdacht von ihr genommen wurde, der Schatten hatte doch auf ihr geruht und ihr war, als sei sie nun für ewig gebrandmarkt. »O Bertel, Bertel, deinetwegen habe ich alles das zu ertragen!« rief sie, das Gesicht in den Händen verbergend.

Aber endlich ermannte sie sich und eilte nach ihrem Schreibtische. Sie mußte Herrn Martin brieflich bitten, ihren Paß ihr zu übersenden, den sie bei ihm deponirt hatte, damit sie sich durch diesen legitimiren konnte. Dann aber schrieb sie an Frau von Ihlefeld, dieser ihr ganzes Wünschen und Hoffen darlegend, und wie sie vergebens durch die Auffindung jenes Schuldscheines und die Erwartung, gleich selbst die Geldsumme erheben zu können, zu der Reise nach Frankreich bestimmt worden sei. Dann erzählte sie ihr die Behandlung, welche sie durch Herrn Richard erlitten und bat dringend um jene wichtige Vollmacht, damit sie das Geld erheben könne, und ihre Ehre wieder hergestellt werde. Als sie das Schreiben fortgetragen, fand sie bei ihrer Rückkehr einen Brief in ihrem Zimmer. Er war aus der Heimath. Welch ein herrlicher Trost in aller Trübsal und Kränkung. Voll Freude öffnete sie das Schreiben, es war ein Brief von Bertel und ein kurzer von Frau Booland. Esther las den kurzen Brief zuerst, er lautete:

»Mein liebes theures Kind!

Heute schreibe ich Dir nicht viel, obwohl mir das Herz zum Zerspringen voll ist. Bertels Brief enthält das Weitere. Ich habe es immer gedacht, so werde es einmal kommen; denn Adel bleibt Adel, und Geld hat einen schönen Klang. Bertel ist ein guter Sohn, er will seine Mutter nicht betrüben, indem er ihrem Willen entgegen ist, er ist ja so leicht zu etwas zu bestimmen. Ob er dadurch freilich den Dolch in =das= Herz stößt, das ihm anhängt mit unerschütterlicher Treue, und dessen dieser Undankbare nie und nimmer würdig war, das kommt nicht in seinen Sinn. Aber genug, mein Herzblatt, ich will meine bittern Thränen still für mich weinen und Dir dein armes Herzchen nicht noch schwerer machen. Nun gehst Du nicht nach England, sondern bleibst bei mir, Deiner ewig und unwandelbar getreusten

Friederike Booland.«

Mit zitternder Hand faltete nun Esther Bertels Brief von einander. Was konnte er enthalten, daß Tante Booland so gegen ihn erzürnte? Die Buchstaben schwammen vor ihren Augen, lange Zeit konnte sie die geliebten Schriftzüge nicht festhalten. Endlich aber las sie, was Bertel schrieb. Nach einigen unwichtigeren Notizen erzählte er ihr, daß er seit einiger Zeit ein häufiger Gast in seinem einstigen Vaterhause in Rahmstedt sei, das jetzt in den Besitz eines entfernten Anverwandten, eines Herrn von Sassen, übergegangen sei. Die Frau sei todt, eine ältliche Cousine vertrete ihre Stelle im Hause. Er sei hier mit großer Freundlichkeit aufgenommen worden, und auch seine Mutter sei, nachdem sie den ersten Schmerz überwunden, in das Haus wieder eingetreten, wo sie so Schreckliches erlebt. Nun verkehrten sie Beide häufig mit diesen Verwandten, welche früher im Auslande lebten, und es habe sich ein sehr inniges Verhältniß zwischen beiden Familien gebildet. Die höchst anmuthige junge Tochter Susanne, das einzige Kind des Onkels, sei ihm wie eine Schwester entgegengekommen, und er sei dem hübschen Kinde herzlich zugethan. Mit Esther freilich dürfe er sie nicht vergleichen, aber wer käme dieser überhaupt gleich? -- Seine Mutter habe ihm nun vor einigen Stunden gesagt, daß der Onkel eine Verbindung ihrer beiden Familien sehr wünsche, und Bertel ihm trotz seiner Armuth einst ein willkommner Gatte für sein Kind sein werde. Frau von Ihlefeld habe keinen höhern Wunsch, als daß ihr Sohn zu diesem Plane die Hand reiche, und auch Susanne werde sich sicher damit einverstanden erklären, das dürfe er erwarten; denn sie sei ein gutes, fügsames Kind, das dem Willen des Vaters schwerlich entgegen sein würde. »Der Reichthum des Onkels,« schrieb Bertel weiter, »sichert meiner Mutter eine sorgenfreie Zukunft, und für mich selbst erschließt sich eine neue Welt. Mein einstiges Vaterhaus nimmt mich wieder auf als Sohn und Erben, und der Besitz dieses lieben Mädchens giebt mir zugleich die Mittel in die Hand, die Träume meiner Jugend zu verwirklichen und im Dienste meiner Wissenschaft Reisen zu machen. Ein Archäolog, zu dem ich mich bilden will, ist nichts ohne Reisen, und so verschafft dieser Bund allen Theilen Glück und Vortheil. Aber so sehr ich entschlossen bin, einen so wichtigen Schritt zu thun,« schrieb Hubert weiter, »so muß ich doch wissen, wie Du darüber denkst, meine gute Esther. Schreibe es mir ganz ehrlich; denn einen bessern Freund als Dich habe ich ja nie besessen, und nie im Leben habe ich etwas Wichtiges ohne Deinen Rath und Deine Billigung unternommen. Wohl weiß ich es, meine liebe theure Schwester, mein Glück ist auch immer das Deine gewesen, das hast Du mir bewiesen, seit wir als kleine Kinder schon alles Leid und alle Freuden mit einander getheilt haben. Doch ich möchte ein Wort von Deiner lieben Hand sehen, möchte von Dir selbst hören, daß Du mein Vorhaben billigst, sonst kann ich meines Glückes nicht froh werden. Lange war ich unschlüssig, ob ich mich in dieser Weise binden sollte; aber meine Mutter drängt, und ich sehe ja selbst ein, daß diese Verbindung große Vortheile für uns hat. Aber dennoch -- ach Esther, mein lieber, getreuer Kamerad, sage auch Du, daß ich recht thue, daß Du es vernünftig und gut findest, und daß Du auch ferner meine liebe, treue Schwester bleiben willst. Dann erst bin ich ruhig darüber, daß ich dem Drängen meiner Mutter nachgegeben und will das innere Unbehagen überwinden, das mich peinigt, ich weiß selbst nicht, weshalb. Ohne Dich bin ich ja immer nur ein halber Mensch, immer stützest und ergänzest Du mich, Du mein besseres Ich, der Schutzengel meines Lebens!«

Esther saß nach Beendigung dieses Briefes bleich und still auf ihrem Sessel. Die Hände waren in ihren Schoos gesunken und hielten den Brief noch fest, ihre Augen waren geschlossen und die Lippen zitterten leise. Endlich entrang sich ein Ton ihrer Brust, die angstvoll athmete. Es war wie der Schrei eines Versinkenden. Heftig warf sie plötzlich beide Arme empor und sprang vom Sitze auf. Eine furchtbare Angst trieb sie umher, und wie verzweifelt durcheilte sie fort und fort ihr Zimmer, die Hände fest in einander gekrampft und leise stöhnend. Aber keine Thräne kam in die heißen Augen und erleichterte ihrer gepreßten Brust den entsetzlichen Kampf, den sie zu bestehen hatte.

O was ging in diesem jungen Herzen vor, während ihr Fuß angstvoll im Zimmer auf und nieder eilte! Ihr war, als hätte eine grausame Hand mit einem Wurfe plötzlich alles in Trümmer geschlagen, was das Wesen ihres ganzen Lebens ausgemacht hatte; als hätte sie bis jetzt in süßen Träumen gelegen, und nun sei sie mit einemmale geweckt worden zu einem Dasein, so furchtbar, so grauenvoll, daß das Herz ihr davor erbebte. Was war es nur, das man ihr zertrümmert? Was war es, das man ihr so plötzlich entrissen? War es das Herz in ihrer Brust oder ihr Fühlen, ihr Denken? Ein Schmerz durchdrang sie so entsetzlich, wie sie ihn noch nie im Leben empfunden, und doch wußte sie nicht, war es der Körper oder der Geist, der so grausam litt. »O Bertel, Bertel!« rief sie endlich verzweifelt und schlug die Hände vor das Gesicht, und jetzt brach ein Strom Thränen hervor, so leidenschaftlich und überwältigend, als wollte sich ihr ganzer Körper in Thränen auflösen.

Schwach und gebrochen ruhte Esther endlich im Lehnstuhle, und ihre Augen blickten hinauf zum Himmel, von woher Hülfe und Trost allein noch kommen konnte. Ihre Gedanken waren klarer geworden, und jetzt erst wußte sie, was ihr zertrümmert worden. Es war der Traum ihrer Zukunft. Ohne daß sie sich je davon Rechenschaft gegeben, hatte sie ihr Leben mit all' seinem Hoffen und Wünschen, Denken und Fühlen so völlig mit dem ihres geliebten Bertel zusammengeschmolzen, daß es für sie eben eine Unmöglichkeit war, sich ihre Existenz von der ihres Spielgefährten getrennt zu denken. Vom ersten Tage ihres Zusammenseins an hatte sie nur an ihn gedacht und für ihn gelebt und gesorgt, und so war es geblieben bis zu dieser Stunde. Was fragte sie je nach ihrem eigenen Wohlbehagen, ihren eigenen Bedürfnissen, wenn nur Bertel zufrieden war! Wie sie als kleines Mädchen nur um seinetwillen gelernt, nur an den Spielen Freude hatte, die ihm lieb waren, und für alles gesorgt hatte, was er bedurfte, so war es bis heute noch geblieben. Für wen mühte sie sich Tag für Tag mit den Schülern bei Pastor Krause? Für wen hatte sie sich die Schmerzen der Trennung auferlegt und wollte in England Erzieherin werden, und für wen war sie endlich hier nach Frankreich gegangen, hatte alles Ungemach in jener Pension und heute selbst Schmähungen und Verdächtigungen ertragen? Ach für ihn, für ihn allein, der ihr Gedanke war früh und spät, und dem sie den Weg bahnen wollte zu Glück und Ehre und Ruhm. O und welcher Jubel hatte ihr Herz erfüllt beim Auffinden des Scheines! Nun ward er ja wohlhabend und die Sorgen hatten ein Ende, und sie, sie hatte es ihm verschafft! Aber nun war alles aus! Nun bedurfte er ihrer nicht mehr und ihrer Arbeit und Mühe; nun gaben ihm Andere mit vollen Händen, was er brauchte und mehr als er brauchte. Aber nun gehörte er auch diesen Anderen, und sie hatte keine Rechte mehr an ihn. Sie war allein, allein mit ihrem Herzen, das er verschmäht hatte, eine Andere trat nun an diese Stelle!