Drei Erzählungen für junge Mädchen

Part 6

Chapter 63,657 wordsPublic domain

Die Gegend bis Lyon war unendlich schön. Das reizende Thal der Rhone nahm die Reisenden auf, und zu beiden Seiten erhoben sich anmuthige Berge. Schäumend und rauschend schoß das Wasser der Rhone neben der Eisenbahn hin, ihre blauen Wellen wie schwere Atlasfalten auf- und abrollend. Leichte Kettenbrücken schwebten hoch oben darüber, und auf felsigem Ufer, zackige Bergspitzen im Hintergrunde, erhoben sich terrassenförmig unzählige kleine Ortschaften. Es war äußerst malerisch. Lyon, das sie Abends erreichten, interessirte Esther lebhaft, und muthig durcheilte sie am Morgen vor der Weiterreise allein einige Straßen. Prachtvolle Läden fesselten ihr Auge, und schöne Quais, aber auch viel Verfallenheit; doch jedes, auch das verfallenste Häuschen, hatte seinen Balcon und seine Blumen. Von Lyon ab wurde die Landschaft lieblicher: Maulbeerbäume mit ihrem frischen, saftigen Grün deckten die Felder, echte Kastanien standen dazwischen, Weinstöcke rankten ihre Reben am Boden hin, wie es dort Sitte, und dunkle Cypressen erhoben ihre düsteren schlanken Zweige gen Himmel. Große Heerden grauer und schwarzer Schafe weideten zu vielen Tausenden in der Ebene, unzählige Maulesel hoben dazwischen ihre großen Köpfe empor, und abenteuerlich aussehende Hirten mit zottigen Fellen um die Schulter bewachten die Heerden. In der Gegend von Avignon erinnerten zahlreiche Ruinen an die ehemalige Herrlichkeit dieser Gegenden. Esther hätte wohl gewünscht, hier weitere Ausflüge in die Umgegend machen und sich dies interessante Stück Land näher ansehen zu können; aber ihre Begleiterin drängte zur Weiterreise. Sie fuhren den ganzen Tag immer weiter in das Land hinein, bis endlich am Abend Nîmes erreicht war. Wie gern wäre Esther mit dem freundlichen Herrn Martin gegangen, der sich hier von ihnen trennte; ihr Herz klopfte freudig bei dem Gedanken, dem Manne vielleicht ganz nahe zu sein, den sie suchte, und wegen dessen sie eigentlich die ganze Reise unternommen. Aber sie hatte sich Mademoiselle Bertin verpflichtet, und so mußte sie mit ihr weiter. Im Vorbeigehen sah sie die mächtigen Trümmer einer alten römischen Arena in die Luft hinein ragen; die Säulen des berühmten Maisen carée warfen im Mondschein breite Schatten hernieder, und wundervolle Baumgänge umsäumten einen freien Platz, in dessen Mitte hohe Fontainen ihre Wasser im Mondlicht funkeln ließen.

Esther eilte mit ihrer Gefährtin an all' diesem Zauber vorüber, denn ihr Ziel lag noch vor ihnen. Eine lange Postfahrt die Nacht hindurch brachte sie nach dem kleinen Städtchen le Vigan, das sie am Morgen erreichten. Obwohl es schon spät im November war, zeigte doch die warme Nacht, daß man sich im Süden befand, und Esther athmete mit Behagen die angenehme Nachtluft. Mit neugierigen Blicken schaute sie sich dann in dem Orte um, der sie aufnehmen sollte; aber der Anblick dieses Städtchens war äußerst wenig erfreulich. Die Lage des Ortes zwar war höchst romantisch zwischen Felsen und Bergen; aber die Stadt selbst hatte graue, düstere, steinerne Häuser, viele davon elend und verfallen. Schweine und anderes Vieh trieb sich in den Straßen umher, und der Haupteindruck des Ganzen war überall Armuth, Koth und Verfallenheit. Es war Sonntag und die Straßen wenig lebhaft; aber als die Postkutsche hielt, sah Esther, daß eine ganze Schaar junger Mädchen und Kinder den Wagen umringten.

Kaum hatte Madame Bertin den Fuß an die Erde gesetzt, so wurde sie mit lautem Jubel von dieser Schaar begrüßt, und es war gar kein Ende zu finden mit Küssen und Umarmungen. Esther stand still zur Seite und betrachtete sich voll Staunen diese Welt, in die sie eintreten sollte; denn es waren in der That die Pensionairinnen Madame Bertin's, die sie hier vor sich sah. Aber welch ein Anblick! Welch ein Schmutz und welch ein Gelumpe unter diesen jungen Mädchen, und das sogar am Sonntage! Ueber großen Reifröcken elende, schmutzige Kleider, zerrissene Schuhe an den Füßen, die im Straßenkothe umherhüpften, daß das Wasser hoch aufspritzte, und auf dem schwarzen, wirren Haar wunderliche Mützchen von unaussprechlicher Unsauberkeit. Dabei aber die niedlichsten Gesichterchen mit feurigen schwarzen Augen, lachenden Mäulerchen und blendend weißen Zähnen, und alle graziös und zierlich, vergnügt und glückselig, als feierten sie das herrlichste aller Feste.

Esther wurde nun vorgestellt und gleich mitten im Straßenkoth von all' den schmutzigen jungen Wesen so herzlich umarmt und geküßt, als wäre sie eine liebe, alte Bekannte. Es kostete Esther eine wahrhafte Ueberwindung, die Arme dieser kleinen, unsauberen Mädchen und diese schmutzigen Hände mit den schwarzen Nägeln nicht von sich zu stoßen, und lächelnd mußte sie ihrer guten Tante Booland gedenken, welcher ein einziger Riß oder Schmutzfleck in Esthers Kleidern schon so großes Entsetzen erregt hatte. Was würde sie wohl zu dieser jungen Schaar sagen! Aber trotz alledem mußte man diesen lustigen, gutherzigen Kindern gut sein, und getrosten Muthes folgte ihnen Esther nach der Wohnung Madame Bertin's.

Aber auch hier war der Eindruck: Schmutz und Verfall wohin man blickte. Hinter einer zerbröckelten Mauer versteckte sich ein altes steinernes Gebäude, in dessen unteren Räumen die Pensionsanstalt sich befand. Steinerne von Schmutz bedeckte Fußböden in allen Zimmern, finstere verwahrloste Kamine, Spinneweben an den lichtlosen Fenstern, und unbehaglich düstere Möbel überall -- das war der Anblick, der sich Esther beim Eintritt in das Haus darbot. Nur der sogenannte Salon war mit rothseidenen Sophas und Fauteuils ausstaffirt, welche aber auch von Staub überzogen waren und sich überhaupt wohl wundern mochten, wie sie in diese Räume gerathen konnten. Esthers eigenes kleines Zimmer bestand in einem Raum, der einen Durchgang bildete für die ganze Pensionsgesellschaft, und außerdem vollgepfropft war von allem möglichen Hausgeräth, so daß es einen unsäglich unbehaglichen Aufenthalt bildete. Das waren denn nun freilich keine schönen Aussichten für Esther, die an ein behagliches Leben gewöhnt war, und das Herz schlug dem armen Kinde etwas bange in dieser Umgebung. Aber war es nicht ihr Bertel, für den sie alles zu ertragen hatte? Wie leicht wurde bei diesem Gedanken jede Last! Ihr frischer Jugendmuth erhielt bald wieder die Oberhand, und ihr Humor regte sich und half ihr über die tausend Unannehmlichkeiten fort, die sich ihr sonst noch entgegenstellten.

Höchst fremdartig und unangenehm war ihr vor allem auch die südfranzösische Kost. Gleich am ersten Morgen sah Esther mit Staunen, daß das Frühstück der jungen Mädchen aus nichts bestand, als aus einer Scheibe harten grauen Brodes, das Einige sich am Heerdfeuer rösteten, und einigen Zwiebeln, Salatblättern oder Kohlrabistücken. Für Esther hatte man rücksichtsvoll ein unaussprechliches Gebräu aus einer Art Kaffee bereitet, und seufzend weichte sie ihre Scheibe gerösteten Brodes darin auf, zufrieden, daß sie wenigstens mit dem Genuß jener Zwiebeln und Kohlrabi verschont blieb. Aber beim Mittagsessen konnte sie sich auch diesen Freuden nicht entziehen. Einer steifen Suppe von Brod und Kohlrabi folgte eine Art Salat von dicken Zwiebelstücken, und Hammelfleisch, das außen verkohlt, innen aber ganz roh war, und mit dem Esther sich durchaus nicht befreunden konnte trotz ihres jugendlichen Appetits. Ein Beigeschmack von Knoblauch und ranzigem Oel umschwebte alle Gerichte; denn bekanntlich wird im Süden das Oel statt der Butter zur Bereitung der Speisen benutzt, und so wohlschmeckend solches Oel in frischem Zustande ist, so widerlich wird es in etwas verdorbenem, wie man es hier benutzte. In einer Pension nimmt man nicht immer das Beste und darf eben nicht sehr wählerisch sein.

Esther aß stets mit heftigem Widerwillen, und in ihrem ersten Briefe an Frau Booland ergötzte sie sich damit, dieser einen südfranzösischen Speisezettel mit einigen für eine Deutsche grauenvollen Gerichten zur Disposition zu stellen. -- »Zuerst also, liebe Tante,« schrieb sie, »erscheint eine dicke Suppe von Weinbergschnecken mit einem Zusatz von Knoblauch, Oel und Brod. Dann als _entre-met_, den Appetit zu reizen, giebt es rohe Zwiebeln, als Fleischspeise ein Ragout von Kaninchen mit Cichoriensalat, und zum Dessert rohe Saubohnen und ein Dutzend großer, lebender Schnecken. Was meinst du zu diesen Delikatessen, mein Tantelchen? Wie sehne ich mich unter diesen Knoblauch- und Oelgerichten nach meiner lieben deutschen Kost, zu welcher ihrerseits aber die jungen Französinnen die Köpfe schütteln, erzähle ich ihnen davon. Ueberhaupt komme ich mir hier, liebe Tante Booland, vor, wie verbannt, und oft ist mir, als ob ich in Afrika unter den Wilden wäre, denn ich lerne die wunderbarsten Zustände hier kennen. Die kleine Schaar hier ist so unreinlich, so ungebildet, so wild und fremdartig, wie ich mir nie junge Mädchen gedacht hätte. Freilich sind hier in dieser Pension keine Kinder aus feinen Häusern; in vornehmeren Erziehungsanstalten mag es ganz anders sein, und ich bedauere, daß ich so schlimm ankommen mußte. Bei uns hier sind meist Töchter von Bürgern, Handwerkern und Weinbauern, die alle keine Ansprüche an eine Erziehung machen, wie wir sie gewöhnt sind, denn wie viel wohlerzogener und gebildeter sind Mädchen solchen Standes bei uns in Deutschland. Ich weiß oft nicht, über was ich mehr staunen soll: ob über diese verwahrlosten Kinder oder über diejenigen, die sie erziehen und belehren; denn deren Bildung und Lebensweise läßt eben auch gar viel zu wünschen übrig. Die ganze Mädchenschaar von einigen 30 solcher lebendigen, plappernden, schwarzbraunen und unsauberen Geschöpfchen sehr verschiedenen Alters, hat meist in einer einzigen Klasse Unterricht, jedoch in zwei Abtheilungen, und da kannst Du Dir nun eine Vorstellung von diesem Unterricht machen! Auf einer Seite des Saales spreche ich auf die kleinen, unruhigen Geister ein, auf der andern ein Lehrer; aber wie wenig da wirklich verstanden und gelernt wird, ist begreiflich. Es kommt aber hierauf auch herzlich wenig an, wie mir scheint; über Elementarkenntnisse kommen diese Kinder sicher nie weit heraus, man verlangt das aber auch gar nicht. Sobald sie die Pension verlassen und nach Hause zurückkehren, arrangirt man eine Heirath für sie, und wozu nützen dann noch die Kenntnisse? Das Wissen scheint einer solchen kleinen Französin erstaunlich unnützer Ballast für das Leben. Wenn sie nur recht munter zu plaudern und zu lachen versteht und sich recht graziös und zierlich bewegt, mehr verlangt niemand von ihr. Aber freilich, von dieser Anmuth und Grazie der Bewegungen, dieser steten verbindlichen Freundlichkeit, dieser ewigen und unverwüstlichen Heiterkeit haben wir steifen, groben, ernsthaften Norddeutschen keinen Begriff, und so sehr mein Herz sich oft empört über diese unbeschreiblichen Zustände, immer wieder versöhnt mich die hinreißende Liebenswürdigkeit dieser Kinder des südlichen Frankreichs. Du solltest nur einmal sehen, liebste Tante, mit welcher unnachahmlichen Grazie unsere doch schon ältliche Mademoiselle Bertin bei dem Dîner an der Spitze der Tafel präsidirt. Für Jeden hat sie ein Lächeln, ein verbindliches Wort, eine gefällige Handreichung. Anmuthig erfaßt sie mit ihren höchst unsaubern Fingern ihr Glas, noch anmuthiger führt sie es an den ewig lächelnden, ewig freundlich plaudernden Mund, und mit reizender Grazie reicht sie hier einem Kinde süß lächelnd ein Stück des schauerlich harten Brodes, dort einem andern einen winzigen Bissen verkohlten Cotteletts, als seien es seltene Kostbarkeiten. Am Ende des wundervollen Mittagmahles säubert sie voll lächelnder Anmuth mit ihren Lippen Gabel, Messer und Löffel, die sie alsdann in ihre Serviette einwickelt; die ganze Tischgesellschaft thut das Gleiche, und bei der nächsten Mahlzeit benutzt man diese also gereinigten Geräthschaften von Neuem, ohne jemals eine andere Säuberung für nothwendig zu halten! -- Und wie spaßhaft sehen alle diese jungen Mädchen aus mit ihren großen weißen oder schwarzen Mützen auf dem Kopfe! Sie sind nämlich viel zu träge, sich täglich ihr Haar zu kämmen und zu flechten, das geschieht höchstens ein Mal in der Woche; die übrigen Tage steckt man die wirren schwarzen Flechten und Locken unter eine solche Mütze, die deckt alles. Aber wie sieht die aus! Würdig des ganzen Anzuges! Als ich mir am ersten Morgen Gesicht und Nacken in frischem Wasser badete, sah meine junge Stubengenossin mich ganz erstaunt an und sagte: »Waschen Sie sich immer so, Mademoiselle?« »Natürlich, Louison,« erwiederte ich, »thun Sie es denn nicht auch?« »_O mon dieu non!_« rief sie ganz entsetzt aus, »ich würde sicher den Tod davon haben!« Und wirklich sah ich nun, daß sie nur eben die Zipfel eines Tuches in's Wasser tauchte und sich die Augen damit anfeuchtete, das war die ganze Wäsche. Daß man sich auch Mund und Zähne reinigt, daß Nagel- und Kleiderbürsten existiren und benutzt werden, daß Seife schmutzigen Händen ein Bedürfniß ist, alles das sind Dinge, welche nicht zur Kenntniß dieser jungen Mädchen gehören. Und doch wäre in diesem Lande, wo der Sommer so heiß und lang ist, Reinlichkeit ein doppeltes Bedürfniß. Ich sehne mich ordentlich danach, einmal einen Blick in andere Pensionen und andere Häuser zu thun; denn unmöglich kann doch solche Unsauberkeit allgemein verbreitet sein. Was ich jedoch hier in dem kleinen Orte sehe, gleicht freilich alles mehr oder weniger unserer theuren Pensionsanstalt! Aber wenn ich nun an den Menschen und deren Sitten auch vieles anders wünsche, wie köstlich ist dafür die Natur, die mich umgiebt! Ein so entzückend schönes Thal, wie das ist, in dem unser altes kleines Städtchen liegt, kann man so bald nicht wieder finden. Von den Bergen rauschen frische Quellen hernieder und bilden tausend kleine Cascaden; das üppigste Grün, durchzogen von blühenden Büschen und Bäumen, deckt trotz der Nähe des Winters noch überall Höhen und Tiefen, und von einzelnen nackten Felsspitzen schauen prächtig zerfallene Ruinen herab in das Thal, von ehemaliger Größe und Herrlichkeit erzählend. Pflanzen, von denen wir kleine Zweige zu Hause als kostbare Schätze im Fenster stehen haben, blühen und wuchern hier als riesige Büsche und Sträucher, und was üppiger Pflanzenwuchs ist, davon habe ich jetzt erst einen Begriff bekommen. Wie würdest Du, beste Tante, die Du die Blumen so liebst, Dein Herz erfreuen an all' den köstlichen Gewächsen, welche mich hier umgeben und welche die Verfallenheit und Unsauberkeit so reizend verhüllen, daß man beinahe mit derselben ausgesöhnt wird.« --

So verstand es Esther, die Augen für das Schöne zu öffnen, das sie umgab, und für die unerquickliche Existenz, in welche das Schicksal sie geführt, sich möglichst reiche Entschädigung zu suchen. Ihr heiterer Sinn erfreute sich mehr und mehr an der Liebenswürdigkeit ihrer Umgebung, und die lustige junge Schaar hing bald mit feuriger Verehrung an der neuen Lehrerin.

Mit sehnsüchtiger Erwartung hoffte Esther von Tag zu Tag auf eine Nachricht von Herrn Martin aus Nîmes; aber Woche auf Woche verging und noch immer kam kein Brief. Esther glaubte, der alte Herr werde sein Versprechen wohl vergessen haben, und es werde ihr nichts übrig bleiben, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Dazu aber mußte sie das Weihnachtsfest abwarten, wo einige Tage Ferien den täglichen Unterricht unterbrachen und ihr eine Reise nach Nîmes ermöglichten. Da aber brachte der Briefträger ihr eines Morgens doch noch den sehnlich erwarteten Brief, und erwartungsvoll öffnete Esther denselben. Ihr alter Freund schrieb ihr sehr verbindlich und freundlich und bat um Verzeihung, daß er sie so lange auf Nachricht habe warten lassen; aber er sei durch Krankheit verhindert worden, sein Versprechen zu erfüllen. Nun freue er sich, ihr über den betreffenden Herrn Richard Bescheid sagen zu können. Derselbe sei Kaufmann und habe vor Jahr und Tag eine überseeische Reise angetreten. Wann er von derselben zurückkommen werde, sei ungewiß, wahrscheinlich im kommenden Frühjahr. Da der Herr unverheirathet sei und auch keine sonstigen Anverwandten in Nîmes habe, bedauere Herr Martin, nichts Genaueres weiter über ihn erfahren zu können.

Diese Nachricht war für Esther sehr betrübend. Alle ihre schönen Pläne, Hoffnungen und Wünsche schienen für jetzt scheitern zu sollen; denn wenn derjenige, von dem Esther die Schuld einfordern wollte, fern war, und niemand weder seinen Aufenthalt noch die Zeit seiner Rückkehr angeben konnte, so war ja alles vergebens. Selbst wenn sie Frau von Ihlefeld von der Auffindung des Scheines sagen wollte, erreichte sie damit weiter nichts, als diese unnöthig aufzuregen, denn in der Ferne hätte dieselbe ja noch weniger wirken können. Esthers hatte doch wenigstens noch immer die Hoffnung, daß Herr Richard während ihres Aufenthaltes in Frankreich zurückkommen würde. Sie prüfte lange, was das Beste sein möchte, und sehnlichst wünschte sie, sich mit jemand berathen zu können. Nach reiflicher Ueberlegung war sie entschlossen, ruhig in ihrer jetzigen Stellung zu bleiben und ihr Geheimniß wie bisher für sich zu behalten, bis sie dennoch vielleicht bald mit dem glücklichen Resultat vor ihre Lieben hintreten konnte. Das Opfer, welches sie brachte, war groß; denn die Existenz, in der sie auszuharren beschloß, wurde mit dem herankommenden Winter immer unerfreulicher. Frühe Kälte und sogar Schnee kamen Mitte December über die Berge gezogen und machten sich in dem kleinen hochgelegenen Städtchen, das im Sommer seiner kühlern Temperatur wegen als angenehmer Aufenthalt besucht wurde, ziemlich unangenehm fühlbar. Und man litt in diesen Gegenden vielmehr durch die Kälte, als im Norden, wo man sich dagegen zu schützen versteht. Aber hier besonders, in dieser wüsten Pensionsanstalt, wurde der Aufenthalt durch Kälte und Schnee fast unerträglich. Die steinernen Fußböden, durch keinen Teppich geschützt, waren ohnehin schon kalt wie Eis; aber mit ihren dicken Holzschuhen, Sabots genannt und wie kleine Kähne gestaltet, trugen die unruhigen Füße der quecksilberigen jungen Schaar unablässig alle Nässe und allen Schnee von Hof und Straße mit herein, so daß der Fußboden sich binnen Kurzem in einen wahren Sumpf verwandelte. Keine Thüre schloß und kein Fenster hielt Wind und Kälte ab, und wenn es dem schwarzen Kamin auch wirklich endlich gelungen war, nach unsäglichem Rauchen und Qualmen etwas Wärme um sich her zu verbreiten, der erste Windstoß warf diese oder jene Thür wieder auf, und aus dem offenen Hausflur strömte dann die ganze Winterkälte wie im Triumphe herein, denn niemand beeilte sich, ihr den Eingang wieder abzuschneiden. Besonders wenn der Mistrâl wehte, ein Wind, der dort heimisch und von markdurchdringender Schärfe und Intensität ist, wußte man sich mitten im Zimmer und selbst im Bett kaum zu retten vor Zugluft und Unbehagen. Dieser Wind dauert stets mehrere Tage, der Himmel ist dabei tiefblau und die Sonne blitzend, aber die Luft von einer Schärfe, daß nichts vor ihrem Eindringen schützt, und Thüren und Fensterrahmen Spalten bekommen, so trocknet der Wind sie aus.

Aber so sehr Esther durch diese Zustände litt, die muntern Französinnen ließen sich dadurch wenig aus ihrer guten Laune bringen, und wenn der Wind recht eisig durch Thür und Fenster pfiff, dann trappelten sie desto lustiger mit ihren hölzernen Sabots auf dem steinernen Fußboden umher, daß man meinen konnte, eine Schwadron Cürassire komme über das Steinpflaster geritten. Es war ein unaussprechlicher Spectakel; aber den lebendigen Kindern machte das gerade Vergnügen. Gut, daß Esthers Nerven von solider Stärke waren, sonst hätte sie diesen Lärm und dieses Treiben nicht lange ertragen. -- So kam das Weihnachtsfest heran, und Esther's Herz übermannte jetzt eine so unsägliche Sehnsucht, daß sie all' ihrer tapfern Entschlossenheit bedurfte, um nicht die Flinte in das Korn zu werfen und auf und davon zu gehen, der lieben Heimath wieder zu, mit den Ihren das schönste aller Feste zu feiern. Hier in Frankreich hatte man keine Idee von der Feier des Weihnachtsfestes, wie Esther es kannte; Geschenke gab man sich am Neujahrstage, aber ohne besondere Festlichkeit.

Der Arzt der Pension, dessen Frau eine Deutsche war, hatte sich sehr freundlich gegen Esther bewiesen und das junge Mädchen durfte diese Familie zuweilen besuchen. O wie athmete sie hier auf in dieser sauberen, geordneten Häuslichkeit, und hier fühlte sie erst, wie leicht man bei verständiger Vorsorge den dortigen Winter ertragen konnte, der trotz Mistrâl doch unendlich viel milder war als ein deutscher. Von dieser Familie wurde Esther eingeladen, das Weihnachtsfest mit ihnen zu feiern, und freudig folgte das junge Mädchen dieser Aufforderung. Am Nachmittage schon machte sie sich auf den Weg, und bei köstlich warmem Sonnenschein, wie er in der Heimath etwa im Mai die Erde wärmt, durcheilte sie die Straßen. Ihr Weg führte sie durch einen großen öffentlichen Garten, auf dessen Terrassen eine Menge Frauen bei ihrer Spindel saßen, gerade wie im Sommer, die Kinder zu ihren Füßen spielend.

Aber wie köstlich war auch noch alles grün trotz Winter und Schnee! Ueppiges Moos deckte überall die ruinenhaften Mauern, saftig grüne Wiesen zogen sich weithin, Cypressen und Lorbeer und immergrüne Eichen standen mit vollem Laube in dichten Gruppen, Oliven mit ihrem matten Grün breiteten sich dazwischen aus. Eine Menge wundervoller fremdartiger Bäume wölbten ihr Laubdach über Esther, von denen besonders einer mit brennend rothen Früchten ihr Auge entzückte, man nannte ihn Arbousier. Dichte Hecken von hohem Oleander und in weißen Dolden blühenden Gewächsen zogen sich ringsum, üppige Schlingpflanzen rankten sich hernieder, und überall blühte die Monatsrose in Fülle, von Veilchen, Narcissen, Tazetten und tausend anderen Blumen umringt. Es war eine Pracht und ein Reichthum in der Natur, daß Esthers Herz laut jubelte und sie sich nicht satt sehen konnte an all' dem Schönen. Wie herrlich mußte diese Natur erst im Frühjahr sein, wenn am Weihnachtsabend, mitten im Winter, schon alles in dieser Weise blühte und duftete!

Die Doktorin empfing Esther mit großer Herzlichkeit, und das junge Mädchen verlebte den Abend so angenehm, daß ihr Heimweh fast gänzlich Abschied nahm. Mit Jubel begrüßte sie eine schöne grüne Tanne, den lieben nordischen Weihnachtsbaum, der in vollem Lichterglanze ihr entgegenlachte, als wäre sie zu Hause in ihrem trauten Waldhause. Man hatte den Baum in eine riesige Vase gepflanzt, und statt der Aepfel lachten goldene Apfelsinen aus dem grünen Laube. Eine dicke Guirlande von frischen rothen Rosen, die man am Morgen im Weinberge gepflückt, zog sich um den Rand der Vase; hohe silberne Candelaber waren mit Gewinden von Lorbeer und Oleander umschlungen und durch Rosenketten verbunden, und an diesen Guirlanden wie an dem Tannenbaum hing eine Menge buntes Zuckerwerk und silberne und goldene Kugeln. Es war ein reizender Anblick. Für Esther lagen einige hübsche Geschenke unter dem Baume, und als beste Gabe ein dicker Brief aus der Heimath, den der Doktor heimlich dem Briefträger abgenommen hatte. Esthers Dank und Freude war namenlos, einen so herrlichen Weihnachtsabend hätte sie nimmer in der Fremde erwartet, und diese Freude stärkte sie wieder für all' die vielen unangenehmen Tage, welche noch vor ihr lagen.

Unter wenig erfreulichen Verhältnissen, in welche Esther ihr Geschick geführt, verging der Winter, und ein Frühjahr kam herbei, so warm und wonnig und so reich an Blüthen und Düften ringsum, daß Esther alles Ungemach vergaß und mit vollem Herzen diese Zauberwelt genoß. Sie schrieb glückselige Briefe an ihre Lieben in der Heimath, bei denen der Winter noch mit all' seinen rauhen Lüften und mit Kälte und Schnee regierte, während es rings um Esther schon blühte und duftete.

Als dann aber auch in Deutschland das Frühjahr gekommen war, da brannte die Sonne schon so heiß und sengend auf die Fluren hernieder, in denen Esther umherwanderte, daß sich diese gar oft ihren nordischen Himmel herbei wünschte.