Drei Erzählungen für junge Mädchen

Part 5

Chapter 53,771 wordsPublic domain

Esther suchte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu lenken, denn Frau von Ihlefeld wurde durch solche Erinnerungen stets von Neuem aufgeregt. Im Stillen aber konnte sie den Gedanken an jenen verschwundenen Schuldschein nicht los werden. Fast das ganze Besitzthum der Ihlefeld'schen Familie war in fremde Hände übergegangen. Wenn der Schein in irgend einem Schranke oder Fache verborgen lag, so war er unwiederbringlich für Bertel und dessen Mutter verloren. Und doch welcher Besitz wäre für Bertel eine solche Geldsumme! Aber es war eine Thorheit, sich mit solchen Gedanken abzugeben. Wäre der Schein nur irgendwie zu finden gewesen, so hätte Herr von Ihlefeld in seiner Noth und Verzweiflung sicher alles daran gesetzt, ihn zu entdecken. Das Verschwinden des Scheines war eben ein Unglück wie alles andere, was über die Familie hereingebrochen. Es war das Beste, nicht mehr daran zu denken. --

Jetzt bezog Hubert die Universität, und Esther übergab ihm mit freudigem Stolze ihre so tapfer erworbenen Schätze.

»Du bist und bleibst eben mein bester Kamerad, Esther,« sagte Bertel, die Summe freudig annehmend. »Ich kann dir nicht besser danken, als indem ich alle meine Kräfte opfere, um das schöne Ziel zu erreichen, das mir vorschwebt. Aber nie, und wenn ich hundert Jahr alt werde, will ich vergessen, welche Hand es war, die mir zu dem Ziele verhalf. Ich weiß, mein Glück ist auch das deine, darum nehme ich deine Opfer ohne Zögern an. Gott segne dich für alles, was du an mir thust, Esther!«

Die Einzige, die sich mit all' diesen Arbeiten, Mühen und Opfern Esthers nicht ganz einverstanden erklärte, war Frau Booland. Sonst fand sie immer alles vortrefflich, was ihr Liebling unternahm; aber die jetzige Thätigkeit ging doch etwas gegen ihren Sinn. »Das arme junge Blut quält sich da Tag für Tag mit den wilden Jungens ab, statt ihre Jugend in Ruhe und Freude zu genießen,« sagte sie eines Tages in einer traulichen Stunde zu ihrer jetzigen Freundin, der Pastorin Krause. »Ihre Söhne sind freilich auch dabei, liebe Pastorin, und ich selbst bin wohl mit daran Schuld, daß der Herr Pastor dem braven Kinde das Amt anvertraute; warum lobte ich sie auch immerfort so gegen ihn, besonders nachdem Esther sich um die Stelle bemüht hatte, und er mich über das Kind ausforschte. Aber lügen kann ich einmal nicht und weß das Herz voll ist, deß geht der Mund über. Aber jetzt geht er mir auch wieder über, denn mein Herz ist voll Jammer um das liebe Goldkind, das noch nichts als Arbeit in seinem jungen Leben kennen gelernt hat. Und Gott weiß, ob ihr all' ihre Mühe und Quälerei einmal ordentlich gedankt wird; denn wenn das Unglück die arme Frau von Ihlefeld auch ordentlich gebeugt hat, die gnädige Frau bleibt sie noch immer bis in die kleine Fußzehe hinab, und da habe ich so meine Gedanken. Estherchen ist und bleibt halt eben Bürgerblut, das aber erkennt =die= Frau nie für Ihresgleichen, und wenn das Kind noch tausend Mal mehr für sie thäte.«

»Aber Hubert denkt doch nicht so, liebe Frau Booland, das sollte Sie trösten,« entgegnete die Pastorin.

»Nein, =stolz= ist der nicht, das muß wahr sein!« sagte Frau Booland den Kopf erhebend. »Aber, aber, so wie er sollte, ist er doch auch nicht. Alles was Esther für ihn thut, nimmt er ruhig hin, als verstände sich das ganz von selbst so. Danken mag er ihr wohl, denn er ist ein lieber, weicher Junge; aber er hat keine Idee, und frägt auch weiter nicht danach, =was= Esther alles opfert, nur um ihm das Leben leicht zu machen. Das Mädchen ginge mit Freuden für ihn durch das Feuer, und er? Nun ja, wenn er dadurch Nutzen hätte, würde er sie auch ruhig gehen lassen. Lieb hat er sie, das ist gewiß; aber immer nur, wie man einen guten Kameraden lieb hat, und so nennt er sie ja auch immer. Die leidenschaftliche Liebe aber, die meine kleine Esther von Kindesbeinen an schon für den hübschen Jungen gehabt hat, und die jetzt wie ein stilles Feuer das ganze Mädchen durchglüht, davon hat der junge Herr keine Ahnung. Ach ich weiß es nicht, aber mir ist das Herz oft gar zu schwer, denke ich an Esthers Zukunft. So ein Prachtmädchen verdiente ein herrliches Schicksal; aber, aber, wie wird das einmal werden? Ich hörte neulich einige Worte, als Esther dem Bertel das Ersparte mitgab; es war so recht bezeichnend. »Ich weiß, Esther,« sagte Bertel, »mein Glück ist auch das deine, darum nehme ich deine Opfer ruhig an.«

»Nun ja, =mein= Glück ist auch das =deine=! Da liegt's. Aber ob =ihr= Glück auch das =seine= ist? Davon schweigt die Geschichte, und erst die Zukunft kann es lehren.«

»Legen wir alles in Gottes Hände, meine liebe Frau Booland,« sagte die Pastorin tröstend. Die brave Schullehrerswittwe nickte still mit dem Kopfe und eilte ihrem kleinen Waldhause zu, an dessen Thür sie ihr Goldkind, wie gewöhnlich, wenn sie ausgegangen war, freudig erwartete.

Ein Jahr verstrich Esther noch in gewohnter Thätigkeit, da rief sie eines Tages Pastor Krause in sein Studirzimmer. »Meine liebe Tochter,« sagte er freundlich, »Sie haben den Ihnen anvertrauten Posten während der ganzen Zeit mit seltener Treue und Tüchtigkeit ausgefüllt, so daß Sie stolz auf Ihre Schüler sein können. Aber jetzt muß ich das Amt leider aus Ihren Händen nehmen, denn die Knaben sollen auf das Gymnasium in der Stadt, für dessen Oberklassen sie jetzt reif sind. Nun will ich Sie aber trotzdem doch nicht zu Athem kommen lassen, mein liebes Kind. Ich habe eine Aufforderung aus England erhalten, einen jungen Lehrer dorthin zu schicken, welcher in einer vornehmen Familie einige Knaben zu unterrichten versteht. Auf meine Anfrage, ob der Lehrer nicht ein junges Mädchen sein könnte, welches so viel Kenntnisse besitzt, daß sie meine Söhne zum Gymnasium vorbereitet hätte, erhielt ich eine Antwort, welche sich außerordentlich erfreut über solches Anerbieten ausspricht. Eine sehr bedeutende Summe ist der jungen Lehrerin zugesichert, und so ergeht denn die Anfrage an Sie, liebe Esther, ob Sie diese Stelle annehmen wollen. Aber freilich, eine Bedingung ist dabei, welche Ihnen vielleicht Schwierigkeiten machen wird: man wünscht, daß Sie auch fertig französisch sprechen. Doch auch das wird sich einrichten lassen. Die Stelle ist erst in einem halben Jahre anzutreten, bis dahin lernen Sie alles. Die Schwester meiner Frau hat eine französische Pension in Genf und wird Sie mit Freuden als lieben Gast bei sich aufnehmen. Den Ausfall, den Ihre Einnahmen in dieser Zeit erleiden, deckt die Aussicht auf baldige größere Summen, die Ihnen in England zufließen werden. So denke ich, sind die Wege gebahnt, und Sie sind mit mir zufrieden, liebe Esther. Habe ich Recht?«

»O sehr, sehr, lieber, guter Herr Pastor,« rief Esther, welche jetzt wie aus einem Traum erwachte. Hastig ergriff sie die dargebotene Hand Pastor Krauses. »Verzeihen Sie mir nur, daß ich nicht augenblicklich mit Entzücken aufjuble,« sagte sie und eine Thräne glänzte in ihrem Auge. »Aber eine Trennung von meinen Lieben ist mir ein gar zu beängstigender Gedanke. Ich war ja noch nie auch nur einen Tag vom Hause fort, und nun.... Aber haben Sie Geduld mit mir, Herr Pastor! Ich werde schon alles in mir verarbeiten und Ihnen dann Ehre machen, das verspreche ich Ihnen. Jetzt aber muß ich zuerst mit Tante Booland sprechen, früher kann und darf ich nichts bestimmen.«

Aber Frau Booland nahm die Nachricht freudiger auf, als Esther gefürchtet hatte. Muthig bekämpfte das brave Weib allen Jammer ihres Herzens, den eine lange Trennung ihr verursachen mußte, nur um Esther den Abschied leicht zu machen. Die Pastorin Krause hatte schon seit einiger Zeit geheime Besprechungen mit Frau Booland gehabt und ihr alle diese Pläne mitgetheilt, welche ihr Gatte Esther darlegte. So überraschten sie Esthers Mittheilungen denn nicht mehr, sondern fanden schon ein vielfach bearbeitetes Terrain vor sich.

»Ich bin froh, daß du einmal ein Stückchen von Gottes schöner Welt sehen sollst, meine kleine Esther,« sagte Frau Booland heiter. »Hier in unserem Dorfe versauerst du ja ganz und gar, und Arbeit hast du hier wie anderswo. Die Schwester unserer lieben Pastorin freut sich schon auf dich, da wirst du eine schöne, vergnügte Zeit verleben, und was die Sache mit England betrifft, nun, gute Menschen sollen es ja auch sein, zu denen du kommst, sagt der Herr Pastor. Du lernst dort ein Bischen von der großen Welt kennen, das ist auch gut, und für alles andere lassen wir den lieben Gott sorgen. Deine alte Tante Booland wird dir dein Häuschen indessen gut versorgen, daß du jeden Augenblick wieder in dein warmes Nest zurückkommen kannst. Mit bösen Gedanken über die Trennung wollen wir uns das Herz nicht unnütz schwer machen, mein Goldkind; denn wir haben ja alle Beide starke Herzen und sind nicht aus Wachs oder aus Marzipan gemacht.«

Aber Esther hatte noch eine andere Trennung zu überwinden, mit welcher ihr junges Herz noch viel schwerer kämpfte. Ihren Bertel sollte sie verlassen! Und doch war er es ja gerade, der sie hinaustrieb in die Welt; denn für wen sonst hätte sie diese Opfer gebracht, für wen sonst das friedliche Stillleben ihrer Heimath aufgeben mögen? Nur damit ihr junger Freund sorglos und unbekümmert seinen Studien obliegen, noch Jahr für Jahr ungetheilt der Wissenschaft leben konnte, ohne für sein tägliches Brod sorgen zu müssen, unterwarf sie sich all' diesen Dingen freudig und unverdrossen. Deshalb, wie sehr ihr auch das Herz blutete, schrieb sie dennoch einen jubelnden Brief an Bertel, der ihm alle diese Pläne mittheilte. Er durfte ja nicht ahnen, wie schwer ihr das Opfer wurde. Ein letzter Besuch Bertels vor Esthers Abreise war das Einzige, was sie sich von ihm erbat, und in vollen Zügen genossen Beide noch einmal das Glück ihres Beisammenseins.

* * * * *

So sagte denn Esther eines Morgens der lieben, traulichen Heimath Lebewohl, von ihren Freunden im kleinen Waldhause wie von Pastor Krauses bis zur nächsten Stadt begleitet, von wo die Eisenbahn sie gen Süden weiter führte. Sie war einer befreundeten Dame anvertraut worden, die nach der Schweiz reiste, und bald vertrieben die stets neuen Eindrücke, welche Esther auf dieser ersten Reise fast überstürzten, die Schmerzen des Abschiedes.

Die großen Städte, in denen sie übernachteten, erregten ihr Staunen und ihre Neugierde; als sich aber endlich die hohe Kette der Alpen vor ihren Blicken ausbreitete mit ihren majestätischen Häuptern, auf denen Eis und Schnee lagerte, während saftig grüne Matten und Wälder die Vorberge deckten, und unzählige Ortschaften wie Spielzeug auf der Ebene verstreut lagen, da jubelte Esther auf vor Wonne und Entzücken, und ihr junges Herz gab sich rückhaltlos den Eindrücken hin, die sie bestürmten. Und nun gar der herrliche Genfersee, der schimmernd blau zu ihren Füßen ruhte, rings umkränzt von köstlichen Bergen, grünen Fluren und lachenden Dörfern, hoch oben alles überragend, aber die Jungfrau mit ihren ewigen Eisfeldern und der leichten Wolke, welche fast immer ihren höchsten Gipfel krönt. Es war so namenlos herrlich, daß Esther fromm ihre Hände in einander legte und thränenden Auges Gott dankte, der sie in diese Wunderwelt geleitet. Denn hier am Fuße dieser herrlichen Jungfrau, am Rande dieses köstlichen Sees sollte sie ja leben und Tag für Tag diese Wunder vor Augen haben! Welch eine Aussicht war dies, und wie schlug ihr das Herz bei diesem Gedanken voll Freude und Wonne.

Genf selbst freilich, die alte Stadt mit ihren vielen engen Straßen gefiel Esther weniger; aber das Haus Madame Gautier's lag vor dem Thore mitten in einem hübschen Garten, da hatte man die schönste Aussicht gleich vom Fenster aus vor sich. Man empfing Esther mit großer Freundlichkeit, und besonders Madame Gautier war so herzlich und gut, als sei die neue Hausgenossin die Tochter ihrer Schwester. Eine Menge fröhlicher junger Mädchen umgab sie früh und spät, und diese schienen sich förmlich den Rang streitig zu machen, ihr Angenehmes zu erzeigen.

So fühlte sich Esther denn wie in eine neue herrliche Welt versetzt und ihre Briefe, die sie nach Hause schickte, athmeten nichts als Glück und Behagen.

Esther war bereits einige Monate im Hause Madame Gautier's und ihr eifriges Bestreben war, die französische Sprache möglichst schnell und gründlich zu erlernen. Sie machte auch bald die besten Fortschritte, hatte ja doch Frau von Ihlefeld schon vortrefflich vorgearbeitet, als sie Esther Unterricht ertheilte, dem das junge Mädchen freilich wegen ihrer anderweitigen Beschäftigungen wenig Zeit hatte widmen können. Frau von Ihlefeld hatte Esther einige französische Bücher zur Lectüre mitgegeben, welche sie aus ihrem einstigen Besitzthum mit sich genommen, und Esther war erfreut, so gute Fortschritte zu machen, daß sie diese Bücher bald selbständig lesen konnte. Eines Tages wagte sie sich sogar an Gedichte und griff nach einem Buche, das längst schon ihr lebhaftes Interesse erweckt hatte. Es war sehr elegant eingebunden und von ziemlich großem Format, auf dem inneren Deckel aber standen die Worte: »_A son cousin Oscar de Ihlefeld Etienne de Villemaud. Auteur._«

Esther kam beim Anblick dieses Namens das Gespräch wieder in den Sinn, das sie mit Frau von Ihlefeld gehabt hatte, und die Erinnerung an jenen unglücklichen verschwundenen Schuldschein. Jener Etienne war also Dichter und hatte dies sein Werk dem Vetter als Geschenk hinterlassen. Zerstreut ließ Esther die Blätter des Buches durch ihre Finger gleiten und überblickte die Ueberschriften der Gedichte. Dabei schob sich ein zusammengefaltetes Papier aus dem Buche, und Esther schlug es gleichgültig auseinander, irgend ein abgeschriebenes Gedicht vermuthend. Aber wer beschreibt ihre Ueberraschung -- das zusammengefaltete Papier war der verloren geglaubte Schuldschein!

Esther zitterten die Kniee von dem freudigen Schreck, und lange wollte sie ihren Augen nicht trauen. Aber da stand ja alles, wie Frau von Ihlefeld es ihr mitgetheilt: Oscar von Ihlefeld, Besitzer vom Rittergut Rahmstedt, hatte am 6. Mai 18.... an Etienne de Villemaud eine Summe von fünfzehntausend Thalern übergeben; die Zinsen sollten zum Kapital geschlagen werden. Unterzeichnet war der Schein von den beiden Vettern und alles in voller Ordnung und Richtigkeit.

Wahrscheinlich lag das Buch als Geschenk Etienne's auf dem Tische, und Herr von Ihlefeld hatte in Gedanken den Schein da hinein gelegt, als er ihn in sein Zimmer trug; denn Frau von Ihlefeld sagte ja, die Sache sei in ihrer Gegenwart und ihrem Zimmer verhandelt worden.

O welch ein Fund war das! Und wie gut, daß der Schuldschein bis jetzt verborgen gewesen, sonst wäre das Geld sicher auch noch verloren gegangen wie alles andere. Nun hatte ja alle Noth und Sorge ein Ende! Nun konnte Bertel studiren und reisen nach Herzenslust, wie er so sehnlich wünschte, und die arme Frau von Ihlefeld sah nun wieder bessere Tage. Esther schwindelte der Kopf von der Fülle der Gedanken, und lange saß sie sinnend und Pläne schmiedend an ihrem Fenster. Zum erstenmale schaute ihr Auge theilnahmlos auf die wunderschöne Welt, die sich vor ihr ausbreitete, und ihr Herz jubelte nicht auf über die Pracht und Herrlichkeit, in welcher die Abendsonne das stolze Haupt der Jungfrau umkleidete, deren Gipfel in Gluth getaucht in den glänzenden Abendhimmel hinein ragte, während der See zu Füßen des Berges wie ein rosiger Spiegel blitzte und schimmerte.

»Und du, was willst du denn nun noch länger im fremden Lande, fern von deinen Lieben?« dachte Esther mit leuchtenden Blicken. »Nun ist es ja nicht mehr nöthig, Geld zu verdienen; denn nun hat Bertel ja mehr, als du in deinem ganzen Leben für ihn zusammenscharren könntest. Ade Freunde, ade Schweiz und England, nun geht's wieder heim in mein kleines Waldhaus, dem schönsten Orte der Welt trotz Alpen und Gletscher und Seen.«

Eben wollte sich Esther an den Schreibtisch setzen, um einen jubelnden Brief nach Hause zu senden mit der herrlichen Botschaft, da trat Frau von Gautier in ihr Zimmer.

»Meine liebe Esther,« sagte sie dann freundlich, »obwohl Sie mir ein gar lieber Gast sind, und ich Sie ungern wieder fort lassen möchte, so gebietet mir doch die Rücksicht auf Ihre Verhältnisse, von denen meine Schwester mir einiges mitgetheilt hat, Ihnen ein Anerbieten zu machen, welches soeben an mich gerichtet ist. Die Vorsteherin eines Pensionates in Süd-Frankreich, in le Vigan bei Nîmes, wünscht eine junge Dame für ihr Institut zu engagiren und bietet ihr sehr annehmbare Bedingungen. Wollen Sie diese Stelle annehmen, so erreichen Sie Ihren Zweck, französisch zu lernen, dort ebensogut, verdienen in dieser Zeit noch nebenbei etwas und lernen ein neues Land und andere Verhältnisse kennen, was immer ein Vortheil ist für jedermann. Aber besinnen freilich dürfen Sie sich nicht lange; denn schon übermorgen will Mademoiselle Bertin wieder abreisen und Sie dann natürlich gleich mitnehmen, denn für ein junges Mädchen ist eine so weite Reise allein nicht sehr rathsam.«

Esther hatte bei den ersten Worten Madame Gautier's gleich sagen wollen, daß es mit ihren Plänen jetzt überhaupt ein Ende habe und sie so bald als möglich wieder nach Hause reisen werde. Aber als sie hörte, wohin sie mit jener Dame gehen sollte, da schwieg sie plötzlich betroffen. Das war ja wie eine Sendung vom Himmel gerade im entscheidenden Momente! Süd-Frankreich, Nîmes, dahin sollte sie? Und war es nicht gerade dort, wo jener Herr Richard wohnte, der Erbe jenes Etienne und jener Schuld? Wie, wenn sie diesem Winke folgte und in dem Orte selbst diesen Mann aufsuchte? Eine Reihe von Jahren war seit jener Zeit verstrichen, wenn nun der Mann nicht mehr dort lebte? Eine schriftliche Erfahrung konnte große Schwierigkeiten bereiten, während man an Ort und Stelle sicher leicht zum Ziele gelangte. Und wie, wenn auch dieser Mann vielleicht todt war und man wieder neue Personen vor sich hatte? Wie viel Zeit und Mühe war vielleicht nöthig, um an's Ziel zu kommen, wo persönliches Eingreifen rasch alles in Ordnung bringen konnte! Und besser, sie sagte erst gar nichts von der Auffindung des Scheines, sondern trat ihren Freunden gleich mit dem glücklichen Resultate entgegen. Warum ihnen erst vorher so unruhige Stunden bereiten, ehe sie ihr Ziel erreichen konnte? Nein, rasch ohne Besinnen und Zögern wollte sie mit dieser Französin reisen, rasch dort in Frankreich diesen Herrn Richard oder seine Erben aufsuchen und erst dann mit der vollen, glücklichen Lösung hervortreten. Zeit zum Fragen, ob sie reisen sollte, hatte sie ja auch gar nicht, d'rum lieber ganz schweigen, bis alles glücklich erreicht war. Dann war die Freude voll und ungetheilt, und wie im Triumphe wollte sie dann wieder nach der Heimath ziehen, beladen mit Schätzen für ihren geliebten Bertel.

Ein so unerfahrenes junges Mädchen, als Esther war, konnte wohl solchen Plan schmieden und auf dessen glückliche Ausführung rechnen. Welches nun aber die Erfolge ihrer Bemühungen waren, das wollen wir weiter sehen.

Ueber den Quai de Bergue eilten in Genf zwei Tage darauf eine ältliche und eine junge Dame der Messagerie zu, von wo aus die Posten nach Frankreich abfahren. Es war Mademoiselle Bertin und unsere Esther. Schon von Weitem sahen sie das hochgebaute und hochbepackte gelbe Gebäude, Postwagen genannt, das sie über die Grenze führen sollte. Die Französin traf bei der Post einen alten Herrn, Monsieur Martin, welcher mit ihnen reiste. Eben wollte dieser im Innern des Wagens Platz nehmen, als Mademoiselle plötzlich mit Schrecken bemerkte, daß ihre Postbillets aus Versehen Plätze auf der »Banquette« bezeichneten. Mit aller Lebendigkeit einer Südländerin fuhr sie auf den sie begleitenden Diener los, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, dieser sagte aber ganz phlegmatisch: »Mademoiselle wollte doch absolument heute reisen, andere Plätze aber gab's nicht mehr.« La banquette war allerdings für eine ältliche Dame ein etwas bedenklicher Sitz, denn er befand sich in höchster Höhe der ohnehin schon himmelhohen Kutsche. Ihrer Verzweiflung machte jedoch ihr alter Freund bald ein Ende; denn sehr froh, seinen heißen Innenplatz mit dem luftigen auf der Banquette zu vertauschen, kroch er vergnügt wieder aus dem Wagen heraus und überließ der Dame sein Billet. Nun brachte der Knecht eine hohe Leiter herbei, und leicht wie ein Eichkätzchen kletterte Esther die Sprossen empor, ihrer ehemaligen Turnkünste sich erinnernd. Langsamer folgte ihr alter Nachbar, und während Esther auf der schmalen Banquette sich's möglichst behaglich zu machen suchte, bestieg der alte Herr einen bequemeren Sitz zur Seite, eine Art Lehnstuhl. Vergnügt hüllte er sich in einen weichen Schafpelz, der auf dem Sitze lag, und der ihm bei der rauhen Herbstluft sehr willkommen war; er freute sich seines köstlichen Platzes. Eben wollten die sechs starkknochigen Pferde ihr beschwerliches Tagewerk beginnen, da klimmte noch ein Passagier zur Banquette empor. »_Oh, à la bonheur_,« rief er, sich zu dem alten Herrn wendend, »Monsieur wollen den Hemmschuh führen?« »Was Hemmschuh?« rief dieser verwundert. »Nun ja, das ist der Platz für denjenigen, der dies Geschäft übernimmt,« sagte der Conducteur lachend und zeigte auf die Schraube, welche der Alte ganz gemüthlich als Stütze für seine Arme benutzt hatte. Mit sehr saurer Miene wickelte sich dieser nun aus seinem warmen Schafpelze heraus und kletterte auf die Banquette zu Esther, die ihm herzlich lachend neben sich Platz machte. Dies kleine Ereigniß hatte die ganze Gesellschaft der Außenkutsche einander näher gebracht; denn auch der Postillion auf seinem Sitz zu Füßen Esthers nahm an der allgemeinen Heiterkeit Theil, und unter Lachen und Scherzen fuhr man über Genf's holpriges Straßenpflaster und überschritt endlich die französische Grenze. Esther war kindlich vergnügt, von ihrem hohen Sitz aus die herrliche Gegend gemächlich überschauen zu können, und ihr alter Nachbar stimmte herzlich in diese Freude mit ein, denn auch er war ein großer Naturfreund. Bald erzählte er Esther, er sei eigentlich ein geborener Deutscher, lebe aber nun schon seit vielen Jahren in Nîmes.

»In Nîmes?« rief Esther hoch erfreut aus. »O kennen Sie da vielleicht einen Herrn Richard?«

»Richard?« sagte Herr Martin nachdenklich. »Welchen Richard, mein Fräulein? Es giebt deren eine ganze Menge in Nîmes.«

»Ich meine den Neffen eines Herrn Etienne de Villemaud, der vor einigen Jahren gestorben ist,« entgegnete Esther.

»Hm, da kann ich wirklich nicht dienen,« sagte der Alte kopfschüttelnd. »Haben Sie eine Empfehlung an ihn, so bin ich gern bereit, Ihnen behülflich zu sein, den richtigen Richard aufsuchen zu helfen.«

»O Sie sind sehr gütig,« rief Esther erfreut, »das wäre mir in der That sehr lieb, denn ich habe allerdings ein Anliegen an ihn.«

»Ich werde Ihnen die nähere Adresse des Herrn schreiben, mein Fräulein, wenn Sie es mir erlauben,« sagte Herr Martin verbindlich. Esther sprach nochmals ihre Dankbarkeit aus und fühlte ihr Herz sehr erleichtert, daß sie gleich im ersten Augenblick eine Hand gefunden hatte, die ihr den Weg zu bahnen versprach. Voll froher Hoffnungen schaute sie dem Gelingen ihres Unternehmens entgegen und genoß nun mit doppeltem Vergnügen die so mannigfachen Freuden, welche diese interessante Reise ihr darbot.

Ueberall, wo während der Postfahrt der Wagen hielt, umdrängte eine Schaar bettelnder elender Kinder die Reisenden, ihre zerfetzten Hüte hinhaltend mit dem Rufe: »_Charité, s'il vous plaît, charité!_« Esther mußte bei diesem Elend immer an die sauberen Schweizer Dörfer zurückdenken, die sie jetzt gesehen, und an ihr eignes freundliches Dorf Rahmstedt, in dem solche Armuth etwas Unbekanntes war.

Der schwerfällige Postwagen brachte seine Passagiere bis zu der Eisenbahnstation Seyßel, und von da aus flog Esther auf Dampfesflügeln ihrem Ziele zu, zur Rechten die Berge des Jura, links Savoyen mit seinen wilden, romantischen Landschaften und verfallenen Dörfern.