Drei Erzählungen für junge Mädchen

Part 4

Chapter 43,756 wordsPublic domain

Frau von Ihlefeld umschlang Esther mit einem Schrei der Verzweiflung, und dann brach sie in einen Strom von Thränen aus. Bis dahin hatte das Entsetzen über das furchtbare Schicksal, das sie betroffen, wie eine Felsenlast auf ihr gelegen und sie aller Thränen und aller klaren Gedanken beraubt. Beim Anblick des Kindes aber, das weinend an ihr Herz sank, wich der Bann, der auf ihr lastete, und sie fand erlösende Thränen. Als die arme Frau endlich ruhiger wurde, da schlang Esther ihre Arme um sie und zog sie mit sich hinaus aus den wüsten, unheimlichen Räumen, in denen so Schreckliches über sie gekommen war, und führte sie schweigend nach ihrem eigenen kleinen Hause am Walde.

»Hier ist jetzt Ihre Heimath, liebe Tante Ihlefeld,« sagte Esther freudig. »Bertel hat mich seine Schwester genannt, so habe ich also ein Recht, unsere theure Mutter in meinem Hause zu haben und zu pflegen, denn es ist ja auch das Ihre. Nicht wahr, Tante Ihlefeld, Sie bleiben bei uns?«

Frau von Ihlefeld verbarg ihr Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. »O Kind, Kind,« schluchzte sie, »Gott segne dich, du bist ein braves Mädchen! O, was wird Bertel sagen!« Und wieder brach das unglückliche Weib unter der Last ihres Jammers zusammen. Aber in der jetzigen Umgebung fand sie doch eher Ruhe und Fassung, und Esther, wie auch die gute, einfache Frau Booland verstanden es, ihr das schwere Schicksal zu erleichtern.

Und nun kam Hubert. Man hatte ihm erst nach und nach das schreckliche Schicksal mitgetheilt, das über ihn und seine Mutter hereingebrochen war, und der arme Knabe war wie vernichtet von der Nachricht. Einer seiner Lehrer begleitete ihn nach Rahmstedt, da er den Fassungslosen nicht allein lassen wollte, und es war ihm gelungen, den armen Bertel wenigstens so weit zu beruhigen, daß er der Mutter gegenüber seinen Kummer zu beherrschen versprach, um dieselbe nicht noch unglücklicher zu machen. Esther hatte mit großer Umsicht dafür gesorgt, daß Hubert bei seiner Ankunft den Gutshof gar nicht betrat. In ihrem Häuschen fand das erschütternde Wiedersehen statt zwischen Mutter und Sohn, und hier bereitete Esther auch für Bertel die Wohnung. So klein das Haus war, die unteren Räume genügten für sie und für Tante Booland, die oberen aber gehörten Frau von Ihlefeld und Bertel.

Ein ganz neues Leben begann nun für unsere Esther. Sie hatte die Sorge für zwei geliebte Wesen übernommen, das forderte all' ihre Kräfte heraus sowohl des Geistes als des Körpers. Die Mittel zum täglichen Unterhalt waren sehr beschränkt; denn Frau von Ihlefeld rettete aus den Trümmern ihres Besitzthums nur einen ganz unbedeutenden Rest. Und doch galt es, die arme verwöhnte Frau nicht allzuschmerzlich fühlen zu lassen, was sie alles zu entbehren hatte, vor allem aber galt es, Bertels Pension weiter zu bezahlen, damit er seine Studien nicht unterbrechen mußte. Und doch besaß Esther nur das kleine mütterliche Vermögen, welches gerade für ihre eigenen bescheidnen Bedürfnisse ausreichte. Aber sie blickte mit frohem Muthe all' diesen Schwierigkeiten in das Antlitz. Sie hatte versprochen, für Bertel und dessen Mutter zu sorgen, und nun mußte sie auch die Mittel dazu finden.

»Ich bin gesund und kann arbeiten, Tante,« sagte sie entschlossen zu Frau Booland, als diese bedenklich hin und her überlegte, wie man sich einzurichten habe. »Bis jetzt habe ich dir und andern überlassen, für mich zu arbeiten, nun will ich selbst mit angreifen, dadurch ersparen wir gewiß manche Ausgabe. Für fremde Hülfe dürfen wir jetzt nichts mehr bezahlen, denn du sollst sehen, deine faule, kleine Esther wird die Hände besser rühren als bisher.«

Wirklich fing das junge Mädchen jetzt mit energischem Entschlusse an, sich des Hauswesens und aller sonstigen Geschäfte anzunehmen. Nur die groben Arbeiten in Haus, Hof und Garten überließ sie einer jungen Magd, bei allen andern Geschäften in Küche und Haus aber und allen Arbeiten der Nadel stand sie der fleißigen Frau Booland jetzt unermüdlich zur Seite. Die frühe Morgenstunde fand Esther schon in voller Thätigkeit; denn früh müßte sie anfangen, wollte sie mit allem fertig werden, was sie übernommen hatte. Mit wahrhaftem Heroismus griff sie in den vor ihr stehenden hochaufgepackten Korb, in dem die Wäsche Bertels und seiner Mutter ihrer ausbessernden Hand wartete, und wenn die ungewohnte Arbeit sie auch manchen Seufzer und manchen Schweistropfen kostete, das brave Kind verlor die Ausdauer nicht. Sie hatte die Pflichten einmal übernommen, so wollte sie auch nicht als Feigling der Fahne wieder entfliehen, der sie Treue gelobt. Die sorglose Esther früherer Tage, welche leichtsinnig alle Mühe des Ordnens und Aufräumens ihrer nachsichtigen Pflegemutter überließ, sie trippelte schon von früh ab geschäftig im Hause herum, für Tante Ihlefeld alles fertig zu machen, was diese bedurfte. Mit dem Morgenkaffee erschien Esthers lachendes Gesichtchen in dem stillen Zimmer ihres Gastes und verscheuchte die traurigen Gedanken, welche auf der gebeugten Frau lasteten. Geschäftig räumte sie die beiden Zimmer auf, welche Frau von Ihlefeld bewohnte; denn es war ihr Stolz, dies selbst zu machen; niemand durfte ihr das abnehmen. Dann half sie derselben bei ihrem Anzuge, kämmte ihr das schöne blonde Haar, das Bertel von der Mutter geerbt, und verrichtete freiwillig und eifrig alle Dienste einer Kammerjungfer bei der verwöhnten Frau, welche nie im Leben selbst dergleichen Dinge gethan hatte. Was Frau Booland einst mit Zorn und Unwillen erfüllte, der Gedanke, daß ihr Goldkind Esther eine dienende Stellung bei Frau von Ihlefeld einnehmen könnte, das war jetzt etwas so Selbstverständliches geworden, daß auch Tante Booland es nur loben konnte. Aber freilich, unter wie andern Verhältnissen geschah es jetzt!

»Es ist wirklich ein Prachtmädel, die Esther!« dachte Frau Booland eines Tages und blickte voll Stolz in das frische, bräunliche Gesicht ihres Lieblings, das von Eifer und Freudigkeit glühte, während es sich über einen feinen Kuchenteig bückte, zu dessen Bereitung ihre Pflegemutter sie angeleitet hatte.

»Wenn sie etwas ordentlich will, dann kann sie es auch. Für sich selbst hätte sie nie einen Finger gerührt und lieber nie einen Bissen Kuchen gegessen, wenn sie ihn hätte selbst backen sollen. Aber wen sie lieb hat, für den thut sie alles und ginge durch's Feuer.«

»Tante Ihlefeld wird einmal staunen, wenn ich ihr morgen früh mit dem Kaffee diesen Lieblingskuchen bringe!« rief Esther fröhlich. »Dem Bertel möchte ich auch davon schicken, er ißt ihn auch so gern, und eine kleine Freude würde ihm jetzt so gut thun, dem armen Jungen. Meinst du nicht auch, Tante?«

»Gewiß, mein Goldkind, thue es nur!« entgegnete Frau Booland. »Aber streiche die Butter nicht gar zu dick darauf, mein Schatz, es ist unnütz und Butter ist theuer.«

Esther blickte betroffen auf. »Da ist wohl eigentlich mein ganzer Gedanke unklug gewesen, Tante,« sagte sie nachdenklich. »Kuchenbacken kostet Geld, daran dachte ich nicht, wir müssen ja sparsam sein.«

»Laß nur, Kind,« beruhigte Frau Booland, »du wolltest der gnädigen Frau eine Freude machen und sie mit etwas aufheitern, da sind die paar Groschen keine Verschwendung. Wir wollen sie schon anderweitig wieder ersparen.«

»Tante, was meinst du!« rief Esther, »ich werde mir den Kaffee abgewöhnen, er erhitzt mich doch nur und das ist gleich eine Ersparniß. Was ich bisher an Kaffee und Zucker verbrauchte, bringe ich jetzt Tante Ihlefeld, da kostet es nicht mehr als bisher. Und meine Weißbrodchen können wir auch sparen. Ich trinke ein Glas Milch, wenn's hoch kommt, und dazu schmeckt Schwarzbrod vortrefflich. Besinne dich einmal, was könnte man denn noch weiter sparen. Du hast mich so verwöhnt, liebste Tante, daß ich gar nicht weiß, was entbehren heißt. Und doch wäre es mir eine so große Wonne, für Tante Ihlefeld und Bertel mir =recht= große Entbehrungen aufzuerlegen.«

In dieser Opferfreudigkeit fand sie denn noch tausend kleine Dinge, welche sie als unnütz aufgab; bald die Butter auf dem Vesperbrode, bald Obst oder Honnig oder Fleischwerk. Dann opferte sie auch allerlei überflüssige Kleinigkeiten an ihrer Kleidung, um Ersparungen zu machen: das farbige Band ihres schwarzen Haares und die bunte Schleife am Kragen wurden für festliche Gelegenheiten in den Kasten gelegt, und die seidene Schürze ersetzte jetzt eine von Kattun oder Wolle. Wo sie in ihrer Lebendigkeit sich bisher wenig darum gesorgt hatte, wenn ein Riß ihr Kleid verdarb, oder Schmutzflecke es unbrauchbar machten, da wachte sie jetzt mit ängstlicher Sorgfalt darüber, ihren Anzug zu schonen, damit er um so länger hielt und die Ausgaben für neue Sachen erspart blieben. Was sie aber Schönes oder Zierliches besaß und geschenkt bekam, das trug sie hinauf zu ihrer lieben Tante Ihlefeld, um dieser ein Lächeln oder einen freundlichen Blick zu entlocken. Jeden Morgen stellte sie frische Blumen auf den Tisch des Wohnzimmers, brachte die blühenden Pflanzen, welche ihr Fenster schmückten, hinauf in das Stübchen der Wittwe, und immer fand sie irgend eine kleine Gabe, welche sie mit dem Frühstück auf den Tisch stellte. Den weichen Lehnstuhl ihrer verstorbenen Mutter setzte sie in Frau von Ihlefelds Fenster, und ihren eigenen zierlichen Nähtisch davor. Gestickte Kissen und Fußbänke, ihren kleinen Teppich und ihre feinsten Gardinen, alles brachte sie herbei, die Wohnung freundlich auszuschmücken, und selbst ihr zahmer Kanarienvogel erhielt dort am Fenster sein Plätzchen und zwitscherte der traurigen Frau seine fröhlichen Lieder zu, als wollte er auch helfen ihre trüben Gedanken zu verscheuchen.

Frau von Ihlefeld dankte Esther für diese liebende Sorge mit wehmüthigem Lächeln und thränendem Auge. In der ersten Zeit, welche ihrem Unglück folgte, war sie wie betäubt von dem entsetzlichen Schlage und unfähig, für sich selbst zu denken und zu sorgen. So wurde Esthers Liebe für sie ein doppelter Segen. Nach und nach aber begann sie, selbst zu sorgen und zu überlegen, in welcher Weise sich ihre und ihres Sohnes Zukunft gestalten sollte. Ihr Gatte hatte ihr stets alles fern gehalten, was die Sorge für das tägliche Leben betraf, und hatte der zarten Frau nie Einblick in seine Geschäfte und Unternehmungen gestattet, um sie nicht zu beunruhigen. So stand sie denn doppelt hülflos ihrem Schicksale gegenüber. Nahe Verwandte besaß sie selbst nicht, und denen ihres Gatten hatte sie stets ziemlich fern gestanden. Jetzt jedoch wandte sie sich an dieselben, Hülfe und Rath von ihnen erbittend. Nun aber erfuhr sie erst, daß auch diese Verwandten durch den Ruin ihres Gatten bedeutende Verluste erlitten hatten und in Folge davon wenig geneigt waren, noch weitere Opfer zu bringen. Frau von Ihlefelds Stolz sträubte sich unter diesen Verhältnissen auch dagegen, von denen Hülfe anzunehmen, welche ihrem Gatten zürnen mußten, und so legte sie allein Gott ihre und ihres Sohnes Zukunft an das Herz. Von Esther Opfer anzunehmen, kränkte sie nicht; denn sie fühlte nur zu sehr, daß es einzig Liebe und Dankbarkeit war, welche diese zu allem antrieb, und so war und blieb das junge Mädchen nach wie vor die einzige Versorgerin der einst so stolzen Frau.

Das Verhältniß zwischen Esther und Frau von Ihlefeld gestaltete sich mehr und mehr so herzlich und innig, als es unter den früheren Umständen nie der Fall gewesen wäre, und auch die brave Frau Booland hatte jetzt keinen Grund mehr, sich über den Stolz der gnädigen Frau zu beklagen.

Um Esther doch auch etwas Freundliches zu erzeigen, unterwies Frau von Ihlefeld dieselbe jetzt im Französischen, was Esther bei ihrem Vater nicht gelernt hatte. »Man kann nicht wissen, wozu du es im Leben noch brauchst, mein Kind,« sagte sie, und Esther lernte mit Freuden, schon um ihrer Lehrerin willen.

So ging die Zeit hin und auch diese Wunden schlossen sich nach und nach. Bertel war seit dem Unglücksfalle stiller und ernster geworden und hatte sich mit doppeltem Eifer dem Studium gewidmet. »Ich habe jetzt keine anderen Hülfsquellen mehr im Leben,« sagte er zu Esther, als diese eines Tages seine bleichen Wangen sorgenvoll ansah und ihm wegen des zu großen Fleißes Vorwürfe machte. »Aber Gott weiß,« fügte er düster hinzu, »ob ich überhaupt einmal studiren kann, ich habe ja kein Geld dazu!« Da fuhr Esther angstvoll empor und blickte Bertel in das Gesicht. »Es =muß= dazu da sein, Bertel,« entgegnete sie fest. Bertel sah gedankenvoll vor sich nieder. »Esther,« sagte er tonlos, »meine Mutter und ich nehmen jetzt schon zu viel von dir an, ich weiß, du entbehrst selbst dabei. Aber zum Studiren reicht es doch nicht.«

»Es =muß= aber geschafft werden, Bertel, denn studiren mußt du,« rief Esther abermals entschieden. »Und was meine sonstigen Ausgaben betrifft, darüber mache dir nur keine Gedanken. Bin ich nicht deine Schwester, Bertel? Und würdest du nicht dasselbe für mich thun?«

Bertel nickte stumm mit dem Kopfe. »Du hast recht,« sagte er nach einer Pause, »von niemand anderm würde ich solche Opfer annehmen, von dir thue ich es mit Freuden.«

Esther blickte ihren jungen Freund mit glücklichem Stolze in das feine Gesicht. »Leider bin ich ja kein Junge wie du,« sagte sie nachdenklich, »und kann nicht mit dir studiren; da mußt du es nun für uns Beide thun. Damit ich mein Schärflein aber auch beitrage, arbeite ich nun für dich, dann habe ich doch auch meinen Antheil an deinem Ruhme. Und habe nur keine Angst, ich werde schon die Mittel finden, wenn die Zeit da ist, wo du studiren sollst.«

Bertel war von jeher so daran gewöhnt, Esther in allen praktischen Dingen für sich eingreifen zu lassen, daß er auch jetzt sich vertrauensvoll aller weiteren Sorgen entschlug. Schon als kleines Mädchen hatte sie dem Knaben alles abgenommen, was ihm unbequem oder lästig war; denn dem kleinen Gelehrten hatten alle praktischen Dinge von jeher schon Schwierigkeiten bereitet, und die rührige Esther griff überall zu. War für die Stunden ein Buch zu heften, oder Tafelstifte zu spitzen, Tinte einzugießen oder Linien zu ziehen, immer war Esther die geschäftige Martha. Und wenn sie dann beim Spiel in Wasser oder Koth gerathen waren, oder beim Klettern und Haselnüssesuchen sich das Haar zerzausten, so wußte Esther immer rasch dem Uebel abzuhelfen. Denn wenn sie selbst auch an Tante Booland eine gar nachsichtige Erzieherin hatte, so fand doch Bertel mit beschmutzten Kleidern oder wüstem Aussehen weniger gute Aufnahme bei seiner Mutter. »Esther wird schon helfen,« das war Bertels Trostspruch in allen Verlegenheiten seiner Kindertage, und »Esther wird schon helfen,« so hieß es auch jetzt, das verstand sich ganz von selbst, darüber brauchte Bertel sich keine Sorgen zu machen.

* * * * *

Esther stand nach diesem letzten Gespräch lange am Fenster und war in tiefe Gedanken verloren. Als Kind hatte sie nie viel Worte darum gemacht, wenn sie Bertel die kleinen Sorgen abnahm, sondern eben einfach zugegriffen. Auch jetzt galt es, nicht erst lange mit ihm zu überlegen, wie sie ihm helfen sollte. Genug, daß sie es versprochen hatte. Es war Dämmerstunde und die Abendglocke läutete im Dorfe. Esther trat mit Hut und Tuch unter die Hausthüre und sagte zu Frau Booland, welche erstaunt fragte, wohin sie denn gehe: »Ich will der Frau Pastorin eine Probe des neuen Gestrickes bringen, Tante, ich komme bald wieder.« Und rasch eilte sie die Dorfstraße hinab dem Pfarrhause zu.

Der neue Prediger von Rahmstedt war ein freundlicher, leutseliger Mann, der sich Esthers sowohl, als der unglücklichen Frau von Ihlefeld sehr thätig angenommen hatte. Auch seine Frau war herzlich und liebevoll zu Esther, und mit Frau Booland hatte sie sogar innige Freundschaft geschlossen. Gern weilte das junge Mädchen denn auch jetzt noch in dem ihr so theuren Pfarrhause. Auch die Kinder Pastor Krauses, zwei Knaben und ein Mädchen, hingen mit großer Liebe an Esther und empfingen dieselbe immer mit lautem Jubel; denn das junge, heitere Mädchen verschmähte es nicht, sich ihnen in Garten und Wald zu lustigen Spielen anzuschließen.

Als Esther heute Abend das Pfarrhaus betrat, sagte sie der Frau Pastorin und den Kindern nur flüchtig guten Abend und eilte auf das Studirzimmer des Pfarrers. Die kleine Studirlampe brannte schon auf dem Schreibtische, der Geistliche aber ging in Gedanken verloren in seinem Zimmer auf und ab.

»Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie störe, Herr Pastor,« sagte Esther eintretend, »aber ich möchte Ihnen heute eine große Bitte vortragen, die ich nicht aufschieben darf.«

»Bitte, meine liebe Esther, sprechen Sie, Sie stören mich nicht,« entgegnete der Pfarrer freundlich, indem er des jungen Mädchens Hand ergriff und sie nach dem Sopha führte, wo er sich erwartungsvoll neben sie setzte.

»Lieber Herr Pastor,« sagte nun Esther etwas zaghaft, »Sie sagten mir, daß Sie bald einige Knaben erwarten, die Sie mit Ihren Söhnen erziehen und unterrichten lassen wollen. Haben Sie für diese schon einen Lehrer engagirt?«

»Nein Esther, noch nicht bestimmt, ich bin noch in Unterhandlung mit einem jungen Manne. Aber warum? Wollten Sie mir vielleicht einen vorschlagen?« entgegnete der Pfarrer.

»Ja, Herr Pastor, das wollte ich allerdings und zwar mich selbst!« sagte Esther erröthend.

»Wie, Sie selbst, liebe Esther? Wie soll ich das verstehen?« erwiederte Jener lächelnd.

»Sie wissen vielleicht, daß mein Vater mich im Lateinischen und Griechischen, sowie in den Wissenschaften sehr sorgfältig unterrichtet hat,« sagte Esther nun muthig aufschauend. »Ich bin genöthigt, mir jetzt Geld zu verdienen, und durch Unterricht vermöchte ich das doch wohl am besten. Aber bei Mädchen könnte ich nicht Erzieherin oder Lehrerin werden; alte Sprachen lernen diese nicht, neue Sprachen aber sind mir fremd, und diese werden von einer Erzieherin gefordert. Knaben jedoch kann ich das lehren, was ich gelernt habe. Deshalb kam mir der Gedanke, mich Ihnen als Lehrerin anzubieten, vielleicht versuchen Sie es mit mir. Geht es nicht, so ist ein Wechsel ja bald gemacht. Sie würden mich unendlich glücklich machen, wollten Sie den Versuch wagen, Herr Pastor.«

Pastor Krause blickte ganz erstaunt in Esthers brennend rothes Gesichtchen, das sich ihm erwartungsvoll zuwandte. »Mein liebes Kind,« sagte er sanft, »es ist eine Riesenaufgabe, für welche Sie, ein Mädchen, sich melden. Abgesehen davon, daß ich bezweifle, Ihre Kenntnisse würden ausreichen, so ist so ein Rudel wilder Jungen kein Spaß; ein zartes Mädchen ist dem nicht gewachsen.«

»Ich bin kein zartes Mädchen, Herr Pastor,« sagte Esther lachend, »mein Vater hat mich nicht nur im Unterricht wie einen Jungen erzogen. Ich bin eigentlich immer ein wilder Bursche gewesen und würde mit den Jungens sicher auskommen.«

Der Prediger sah von Neuem überrascht in Esthers flammendes Auge, und zum ersten Male fiel ihm der feste, energische Zug auf, der auf ihren Lippen ruhte. Er schüttelte nun lächelnd den Kopf und sagte: »Ja, liebe Esther, ein solcher Lehrer muß sich aber erst einer Prüfung unterziehen.«

»Natürlich, ich bitte dringend darum,« entgegnete Esther rasch.

»Gut, so mag es gleich geschehen, liebes Kind,« rief Pastor Krause und holte Bücher und Schreibzeug herbei, denn die Sache fing an, ihn aufs Aeußerste zu interessiren. Er ließ nun Esther lesen und übersetzen, richtete eine lange Reihe Kreuz- und Querfragen an sie, ließ sich kleine Vorträge über allerlei wissenschaftliche Gegenstände halten, und schließlich gab er ihr einige schriftliche Aufgaben, welche sie zu Hause ausarbeiten sollte. Sein Gesicht nahm während dieser Prüfung mehr und mehr den Ausdruck freudigen Staunens an, und als er endlich Esther entließ, reichte er ihr die Hand und sagte ernst: »Sie haben mich wahrhaft überrascht, Esther. Ich weiß nicht, was ich mehr anstaunen soll: Ihre trefflichen Kenntnisse oder Ihren verehrten Lehrer. Jedenfalls kann ich wegen Ihres =Wissens= die Knaben Ihnen überantworten; aber wir wollen uns Beide die Sache doch noch weiter überlegen. Wenn Sie mir die Arbeiten bringen, sprechen wir weiter davon.«

Aber als Esther einige Tage darauf das Studirzimmer mit ihren Ausarbeitungen wieder betrat, kam ihr Pastor Krause äußerst herzlich entgegen und sagte: »Esther, ich glaube, ich engagire Sie auf der Stelle. Ich habe noch viel über Sie nachgedacht und ich meine, Sie sind der Sache gewachsen. Alles, was ich über Sie gehört, zeigt mir, daß Sie ein Mädchen sind, stark an Seele und Geist, und ein solcher Lehrer ist einer Schaar Knaben wohl gewachsen. Sie werden schon mit den Bürschchen fertig werden, und im Uebrigen stehe ich Ihnen ja zur Seite.«

So trat Esther denn wenig Wochen darauf ihr neues Amt im Pfarrhause an. Drei fremde Knaben waren mit den beiden Söhnen des Pastors ihre Schüler, und der Unterricht ging vortrefflich. Pastor Krause hatte einige Stunden übernommen, die übrigen aber gab Esther. Die Knaben machten zwar Anfangs große Augen zu ihrer jugendlichen Lehrmeisterin, bald aber bekamen sie den höchsten Respect vor ihr; denn nicht nur, daß sie im Unterricht eifrig und tüchtig war, sie verstand auch, die oft unbändigen, übermüthigen Burschen vortrefflich im Zaume zu halten. Gerade daß sie selbst der tollen und wilden Streiche eine solche Menge gemacht hatte, schärfte ihren Blick für die Streiche ihrer Zöglinge, die oft ganz verblüfft waren, wie schnell Esther ihre Pläne und Absichten durchschaute. Für sie selbst aber erschloß sich eine reiche Quelle der Freude durch diese Thätigkeit, und lehrend lernte sie selbst alles das wieder, was im Laufe der Jahre ihrem Gedächtnisse entschlüpft war.

Und mit welch' freudigem Stolze empfing sie dann die Einnahmen, die ihr aus ihrer Lehrerthätigkeit erwuchsen! Mit leuchtenden Blicken zeigte sie eines Tages Frau von Ihlefeld ihren kleinen Schatz, den sie in Jahresfrist für Bertel gesammelt hatte.

»Du gutes Kind, welche Opfer bringst du!« seufzte die Wittwe traurig. »Wenn ich selbst doch nur nicht so gänzlich aller Mittel beraubt wäre! Immer habe ich noch gehofft, eine alte Schuld, die mein armer Mann ausstehen hatte, würde noch einmal einlaufen; aber auch diese Hoffnung ist sicher vergebens.«

»Eine Schuld, liebe Tante?« fragte Esther erstaunt. »Warum fordern Sie dieselbe denn nicht ein? Wer ist denn der Schuldner?«

»Das ist ja eben das Unglück,« entgegnete Frau von Ihlefeld klagend. »Der Schuldner ist todt, und durch ein unbegreifliches Versehen ist der Schein verschwunden, der die Schuld bestätigt. Ein Vetter meines Mannes, der uns vor einigen Jahren besuchte, bedurfte zu einem Unternehmen eines Kapitals, das mein Mann ihm vorschoß. Ich selbst war dabei, als sie es in meinem Zimmer besprachen und ich sah, wie der Vetter die Schuldverschreibung aufsetzte. Wo dies Papier dann aber hingekommen ist, weiß ich nicht; mein Mann suchte oft danach, besonders nachdem die Nachricht vom plötzlichen Tode des Vetters eintraf. O mein Gott, jenes Kapital von 15 Tausend Thalern hätte meinen unglücklichen Mann vielleicht gerettet! Aber da der Schuldschein verschwunden war, hat er nicht gewagt, von dem Erben des Vetters jene Summe zu fordern. Und so ist alles Wünschen vergebens, das Geld ist und bleibt verloren.«

»Wer ist denn der Erbe dieses Vetters, Tante?« fragte Esther. »Ein Kaufmann in Südfrankreich, in Nîmes glaube ich,« entgegnete Frau von Ihlefeld. »Er heißt Richard und ist ein Neffe unseres Vetters Etienne de Villemaud.«

»Und Sie glauben, er wisse nichts von der Schuld?« forschte Esther.

»Augenscheinlich hat der Vetter die Summe nicht als Schuld verzeichnet, und sein schneller Tod hat alle Mittheilungen über seine Verhältnisse unmöglich gemacht,« sagte Frau von Ihlefeld niedergeschlagen. »Herrn Richard kann niemand die Summe abfordern, der den Schuldschein nicht vorzeigt. Aber während wir im Wohlstand lebten, sorgte ich mich wegen solchen Verlustes wenig, und mein Mann hat mir bis zum letzten Augenblick alles verborgen gehalten, was ihn bekümmerte. Ich ahnte ja nie, daß mit dem unseligen Gelde so viel Glück und Frieden zu Grunde gehen könne.«