Drei Erzählungen für junge Mädchen

Part 3

Chapter 33,759 wordsPublic domain

Trotz dieser Ueberzeugung sprach er in seinen Briefen an Esther doch nicht viel von seinem neuen Freunde. Die Scene aber, welche ihr Brief veranlaßt hatte, berichtete er ihr getreulich, und Esther glühte vor Wonne und Stolz, daß ihr Bertel sich so tapfer gehalten hatte, und tief innen im Herzen regte sich etwas, wie ein Jauchzen, daß =sie= der Anlaß zu diesem ersten Kampfe Bertels gewesen war. Davon sagte sie aber Tante Booland nichts, als sie den Brief vorgelesen, sie wußte selbst nicht warum. Freilich ahnte Esther nicht, daß Bertel gerade in Folge davon, daß sie es war, die jenen Kampf veranlaßt hatte, von jetzt an sorgfältig vermied, wieder von ihr zu sprechen. Er fürchtete abermalige Neckereien seiner Kameraden, die ohnehin nicht ganz ausblieben; denn ab und zu erkundigte man sich nach seiner jungen Freundin, welche für die Knaben durch jene Schlägerei einen geheimnißvollen Reiz erhalten hatte. Bertel gab aber immer verlegene ausweichende Antworten, und wenn er Esther auch nicht völlig verleugnete, so wünschte er doch, die Sache todt zu schweigen, um die Neckereien der Jungens los zu werden. »Mädchen passen einmal nicht in eine Jungenpension, nicht einmal in Gedanken!« entschuldigte er sich heimlich, und wirklich verging jetzt mancher Tag, wo Bertel so von seinen Arbeiten und seinen Kameraden in Anspruch genommen wurde, daß er seiner kleinen Esther gar nicht gedachte. Dann aber fiel ihm sein Unrecht plötzlich wieder schwer auf die Seele, und nun schickte er ihr, wie um vor sich selbst sein Erkalten wieder gut zu machen, einen so herzlichen, kameradschaftlichen Brief, erzählte ihr so getreulich von seinem Lernen und Leben und Treiben, daß Esther voll Entzücken ihres lieben getreuen Kameraden gedachte, der sie unter all' den neuen Verhältnissen nicht vernachlässigte. Sie wollte ihm auch zeigen, daß sie seiner in treuer Anhänglichkeit gedachte, und trotz ihrer Abneigung gegen weibliche Handarbeiten mühte sie sich jetzt häufig ab, um für Bertel irgend etwas anzufertigen. Zum ersten Male im Leben zeigte sie Geduld und Ausdauer bei diesen Arbeiten. Die Knaben in der Pension trugen hellblaue Mützen mit roth und silbernen Bändern, und wenn das Band besonders schön war, so bestanden die silbernen Streifen aus kleinen gestickten Blätterchen. Eine solche Mütze hatte Bertel sich gewünscht, und Esther saß nun mit eiserner Geduld und nähte mit ihren kleinen ungeschickten Fingern unermüdlich Blättchen um Blättchen, so sauer ihr auch die ungewohnte Arbeit wurde. Endlich war das Werk vollendet und zu seinem nächsten Geburtstage prangte die Mütze unter Bertels Geschenken, die ihm nach der Pension gesandt wurden. Ein feuriger Dankesbrief lohnte Esther die gewaltige Mühe, und von nun an war sie immer mit irgend einer Arbeit für ihren kleinen Freund beschäftigt, zur stillen Freude Tante Boolands, die ihr getreulich beistand, wo die Schwierigkeiten gar zu groß wurden. Aber gut war es, daß Esther nicht erfuhr, wie Bertel alle solche Arbeiten vor seinen Schulkameraden verleugnete, um sich nicht neuen Neckereien auszusetzen. Die Mütze machte den Anfang. Als seine Geburtstagsgeschenke bewundert wurden, betrachtete sein neuer Freund Franz mit etwas neidischen Blicken den zierlichen Streifen an der Mütze.

»Wer hat dies gestickt, Bertel?« fragte er neugierig. Bertel wurde roth und wandte sich ab. »Deine Mutter?« forschte Franz weiter. »Ja!« sagte Bertel kurz und fing ein anderes Gespräch an. Aber die Lüge brannte wie Feuer auf seiner Seele, und er schalt sich selbst wegen seiner Feigheit, die ihm nicht erlaubte, dem Spotte der Mitschüler zu trotzen. »Sie würden mir nimmer Ruhe lassen, und ich könnte die Mütze nie tragen ohne gefoppt zu werden!« rechtfertigte er sich vor sich selbst; aber gegen Esther hätte er diese Untreue nie eingestehen mögen. Aber freilich folgten diesem ersten Verleugnen bald andere, bis er sich schließlich gar kein Gewissen mehr daraus machte, alle Geschenke Esthers vor seinen Kameraden zu verheimlichen, nur um Ruhe zu haben.

* * * * *

Esther war seit Bertels Fortgang viel stiller und ernster geworden. »Die wilde Hummel,« wie man sie im Hause nannte, saß jetzt oft stundenlang bei Tante Booland, ihr vorlesend oder auch wohl bei einer kleinen häuslichen Beschäftigung helfend. Nur manchmal sprang sie plötzlich rasch auf, rannte durch Hof und Garten oder hinüber nach dem Gutshofe, und dann kam sie mit roth geweinten Augen zurück. Aber selten nur sprach sie es aus, wie unsäglich Bertel ihr fehle, und wenn irgend jemand sie fragte, ob sie den Kameraden nicht sehr vermisse, dann zuckten ihre dunkeln Augenbrauen leise und sie sagte stolz: »Ein Junge kann nicht ewig mit Mädchen spielen, er muß fort und lernen, wenn er ein Gelehrter werden will.«

Am liebsten hörte sie es, wenn ihr Vater über Bertel sprach. Jetzt, nachdem sein Schüler ihn verlassen, wagte der Prediger erst es auszusprechen, wie große Erwartungen er von Bertel hege, und was er für ein kluger, talentvoller Knabe sei. Seine Eltern lobten den Sohn zwar auch in unbegrenzter Weise, aber das hatten sie auch bisher schon gethan. Von Pastor Wieburg aber, dem strengen, schweigsamen Manne fiel ein Lob viel schwerer in die Wagschaale, als von allen anderen Menschen. Ihre eigenen Lehrstunden hatten für Esther allen Reiz verloren, seit sie allein lernte, und sie sah es nicht ungern, daß ihr Vater, durch körperliche Leiden belästigt, diese Stunden jetzt sehr beschränkte. Nur wenn sie dem Vater bei seinen Arbeiten helfen konnte, wozu die gelehrte Erziehung, welche sie erhalten, sie wohl befähigte, dann war sie eifrig und fleißig; und so verging ihr manche Stunde mit Vorlesen griechischer oder lateinischer Bücher, mit Nachschlagen oder Abschreiben, oder mit Niederschreiben von Dictaten, da der Vater seine schwachen Augen in dieser Weise gern schonte. Immerhin aber blieb für Esther jetzt viel mehr freie Zeit übrig als früher.

»Nun wird das kleine Ding wohl endlich einmal ein Frauenzimmer werden!« sagte Frau Booland oft still für sich, wenn sie ihres Zöglings häufige Musestunden mit Behagen bemerkte. »Jetzt kann man doch mit gutem Gewissen noch andere Dinge von ihr verlangen.« Aber der Geschmack an diesen anderen Dingen wollte bei Esther noch gar nicht kommen trotz dieser freieren Zeit, und Frau Booland sah nun wohl, daß ein Kind in späteren Jahren schwer etwas lernt, wozu es nicht von früh auf angehalten wurde. Esther lag trotz ihrer 13 Jahre mit der Ordnung und Sauberkeit noch immer in ewiger Fehde, und alles andere war ihr lieber, als stricken und nähen oder sonstige weibliche Beschäftigungen; die Arbeit für Bertel ausgenommen. Hart konnte Tante Booland unmöglich zu ihrem Herzblättchen sein, und so that sie selbst lieber nach wie vor alle die Dinge, die Esther zukamen, um nur das arme Kind nicht allzusehr zu quälen. »Sie wird es schon von selbst machen, wenn sie einmal verständiger ist,« tröstete sie sich selbst, »ich kann ihr die liebe Jugend unmöglich dadurch verbittern.« Und so blieb alles so ziemlich beim Alten.

Da brachte der Winter ein schweres Leid über die Bewohner des Pfarrhauses. Pastor Wieburg wurde von einem Schlagfluß zur Hälfte gelähmt und war unfähig, sich zu bewegen, ja fast zu sprechen und zu denken. Nun aber zeigte die wilde Esther plötzlich, daß ein braver Kern in ihr verborgen lag, und sie auch still und geduldig sein konnte. Vereint mit Frau Booland pflegte und versorgte sie unermüdlich den hülflosen Vater und übernahm Geschäfte, welche ihr bis dahin unerträglich oder langweilig gewesen waren. Stundenlang konnte sie still an dem Bette des Kranken sitzen, oder alles um ihn her ordnen und zurechtmachen, ohne ungeduldig zu werden, und oft stand sie selbst am Heerdfeuer, um ein Gericht zu überwachen, das sie ihm nach Frau Boolands Anweisung bereitete. Die wilden Sprünge und das ungestüme Davonstürmen vertauschte sie mit leisem Tritt und vorsichtigen Bewegungen, und wer die besonnene, sanfte Esther hier am Bette des Vaters sah, der hätte das wilde Kind aus Wald und Wiese nicht wieder erkannt. Frau Booland stand oft mit gefaltenen Händen still neben dem Lager und beobachtete ihren jungen Liebling, und eine Thräne stahl sich dann in ihr gutes Auge. »Gott segne und schütze das arme Herzchen!« sagte sie leise und seufzte tief auf, denn unwillkürlich schweiften ihre sorgenden Gedanken in die Zukunft.

Und nur zu bald sollten diese Sorgen Begründung finden. Statt der Genesung nahte ein sanfter Tod dem Erkrankten, und Esther weinte schon nach wenig Wochen am Sarge ihres geliebten Vaters. Das früh verwaiste Mädchen schmiegte sich in ihrem Kummer jetzt mit doppelter Innigkeit an das treue Herz, das ihre Kindheit behütet und bewahrt hatte.

»O Tante Booland,« rief sie weinend, als sie an der Seite dieser braven Frau vom Friedhofe zurückkehrte und das einsame Pfarrhaus wieder betrat, aus dem man ihren Vater zur ewigen Ruhe hinweggetragen, »nicht wahr, du verläßt mich nicht auch, sondern bleibst bei deiner armen kleinen Esther?«

»Nein, mein liebes Herzenskind, ich verlasse dich nicht, wenn's der liebe Gott nicht anders bestimmt,« sagte Frau Booland sanft und streichelte die Wange des Mädchens. Dabei aber flogen ihre Blicke unruhig und sorgenvoll hinüber nach dem Gutshofe, und eine erwartungsvolle Spannung trieb sie rastlos umher, so daß sie zum ersten Male im Leben selbst bei ihrer Näharbeit keine Ruhe fand. Rasch fuhr sie oft empor, als höre sie jemand kommen, und immer wieder blickte sie nach dem Wege hinaus, der durch das Dorf führte.

Endlich steigerte sich die Erwartung der braven Frau bis zum Aeußersten; denn sie hörte draußen im Hofe Schritte und sah gleich darauf Frau von Ihlefelds schlanke Gestalt in das Haus eintreten.

Herr und Frau von Ihlefeld hatten mit dem Pfarrhause stets freundlichen Verkehr gepflogen, so lange Pastor Wieburg Pfarrer ihres Dorfes Rahmstadt gewesen, und die Freundschaft der Kinder hatte die beiden Häuser in mannigfache Verbindung gebracht. Der ernste, abgeschlossene Pfarrer besuchte den Gutshof zwar nur selten; aber er war jederzeit dort ein geehrter und lieber Gast. Herr von Ihlefeld besaß wirkliche Hochachtung für ihn und auch die Gutsherrin, obwohl sie vor dem ernsten Manne eine kleine Scheu nicht überwinden konnte, ehrte in demselben den würdigen Geistlichen und langjährigen Freund. Beide Gatten aber waren vom tiefsten Danke beseelt für die treue Liebe und Hingebung, mit welcher Pastor Wieburg jahrelang ihren einzigen Sohn unterrichtete und ihm der sorgsamste Lehrer und liebevollste Erzieher gewesen war.

Aber trotz dieses freundschaftlichen Verkehrs und trotz der steten Freundlichkeit, welche Esther im Gutshofe genoß, konnte man doch bemerken, daß Herr und Frau von Ihlefeld jederzeit etwas Zurückhaltendes im Umgang mit den Gliedern des Pfarrhauses behielten. Sie waren und blieben stets die adlige Herrschaft von Rahmstedt, und ihre Freundlichkeit glich nur zu häufig der Gunstbezeugung eines Höheren gegen Niedriggestellte. Besonders die einfache Frau Booland hatte oft von dem Stolze der Gutsherrin zu leiden; aber in ihrer Demuth klagte sie nie über derartige Kränkungen. Der Pfarrer bemerkte dergleichen Schwächen bei seinen Freunden kaum, oder lächelte nur im Stillen darüber, Esther aber war viel zu sehr sorgloses Kind, um dergleichen zu empfinden.

Bei der Erkrankung des Pfarrers aber hatten sich Herr und Frau von Ihlefeld theilnehmend und wahrhaft freundschaftlich bewiesen, und mehr als einmal hatte die Gutsherrin, wenn sie auf den leider zu erwartenden Trauerfall Bezug nahm, mit inniger Theilnahme zu Frau Booland gesagt: »Um Esthers Zukunft soll der Kranke keine Sorge haben, dieses lieben Kindes werden wir uns annehmen, das versteht sich von selbst.« Aber in welcher Weise dies geschehen würde, darüber sprach sie sich nie weiter aus, und so war es natürlich, daß Frau Booland der jetzigen Entscheidung mit lebhafter Unruhe entgegensah. Drohte der braven Pflegerin ja doch die Trennung von ihrem Lieblinge, der sie mit wirklich mütterlicher Liebe anhing. Und doch wagte sie nicht zu klagen und solche Gedanken laut werden zu lassen; denn was konnte es für Esther's Zukunft denn Besseres geben, als im Hause von Bertels Eltern liebevolle Aufnahme zu finden? Ihre Phantasie wob dann in reger Geschäftigkeit weiter an den herrlichen Zukunftsträumen für ihren jungen Pflegling, und wenn ihr auch die hellen Thränen dabei über das ehrliche Gesicht tropften, dachte sie an die Trennung und an ihr eigenes einsames Leben, so schalt sie sich doch immer wieder selbst über solchen Egoismus, der noch an das eigene Glück neben dem der geliebten Esther denken konnte.

Und nun war der Augenblick gekommen, der ihr die Kunde bringen mußte, daß Esther jetzt mit Frau von Ihlefeld gehen und sie allein zurücklassen sollte! Die brave Frau Booland hatte all' ihre Kraft zusammen zu nehmen, um Frau von Ihlefeld ruhig und mit der gewöhnlichen höflichen Ergebenheit entgegen zu gehen. Die Gutsherrin war ein seltener Gast in dem Pfarrhause, nur während der Krankheit Pastor Wieburgs hatte sie dasselbe häufiger besucht, um Esther ihre Theilnahme zu beweisen; der Kranke selbst erkannte sie kaum noch. Hubert begleitete heute seine Mutter; denn zur Beerdigung seines theuren Lehrers war er auf einige Tage aus der Pension nach Hause gekommen. Während die beiden Kinder nun in Esthers Stübchen beisammen waren, und Bertel seine junge Freundin zu trösten und zu zerstreuen suchte, saß im Wohnzimmer Frau von Ihlefeld der erregten Frau Booland gegenüber und sagte nach einer kleinen Pause, während welcher das Herz der ehemaligen Frau Schulmeisterin fast hörbar klopfte: »Meine gute Frau Booland, ich habe Ihnen schon mehrfach angedeutet, daß nach Herrn Pastor Wieburgs Tode die Sorge für dessen Tochter mein und meines Mannes Sache sein wird; das sind wir demjenigen schuldig, der unserem Sohne ein so treuer, väterlicher Freund gewesen ist. Wir haben vielfach nachgedacht, was für Esther wohl das Beste sein möchte. Wollten wir sie zur Lehrerin ausbilden lassen, so müßte sie noch lange Zeit in eine Pensionsanstalt gehen; denn sonderbarer Weise hat sie gerade die Dinge, welche eine Erzieherin wissen muß, nicht gelernt trotz aller Gelehrsamkeit. Moderne Sprachen kann sie nicht und mit Musik und Zeichnen ist es auch nicht viel geworden. Aber bei der Eigenthümlichkeit Esthers würde sie ein solcher Aufenthalt sehr unglücklich machen, denke ich mir. Das Einfachste wäre, sie zu uns in das Haus zu nehmen. Aber auch dagegen spricht vieles. Esther ist ein armes Mädchen, eines schlichten Landpredigers Tochter, angewiesen auf eine Zukunft voll bescheidener Aussichten und einfacher Lebensstellung. In unserem Hause aber würde sie sehr verwöhnt werden, würde Ansprüche lernen, welche für ein Mädchen bürgerlicher Herkunft und ohne Vermögen nicht passend wären. Und doch würde es, glaube ich, kränkend für sie sein, wollte ich, um diese Uebelstände zu vermeiden, ihr eine untergeordnete Stellung in unserem Hause zuweisen.

So haben wir denn beschlossen, ihr ein kleines Eigenthum zu schenken, in dem sie mit dem mütterlichen Vermögen, welches ihr geblieben ist, eine bescheidene selbständige Existenz finden kann. Sie, meine brave Frau Booland, würden ein gutes Werk thun, wenn Sie Esther zur Seite blieben, wie bisher. Das kleine Haus, das neben der Försterei liegt, und ein Stückchen Garten und Feld soll Esthers Eigenthum werden. Ich denke, das wird ihr lieb sein, besonders wenn sie hört, daß es Bertels Idee war, ihr dies zu schenken; er glaubt, der nahe Wald wird für Esther einen besonderen Reiz haben. Er ist immer so sinnig und gut, unser braver Sohn, und möchte jedem eine Freude machen, und wir kommen seinen Wünschen immer gern nach, wenn es möglich ist. Ich denke, Esther wird sich gegen uns und gegen Hubert auch stets dankbar beweisen, denn sie ist ja ein liebes, bescheidnes Mädchen und wird es hoffentlich auch stets bleiben. Nun aber rufen Sie mir Esther, liebe Booland, damit ich mit ihr über diese Sachen sprechen kann.

Frau Booland war froh, daß sie einen Grund hatte, hinaus zu gehen; denn in ihr jagten und überstürzten sich tausend Gedanken und Gefühle, und doch wagte die bescheidene Frau nicht, dieselben gegen die stolze Gutsherrin auszusprechen. Mit einer leichten Verbeugung erhob sie sich vom Stuhle und schritt dann rasch zum Zimmer hinaus.

»Gott sei Dank, daß ich fort konnte!« sagte sie tief aufathmend und legte die große Hand wie beruhigend auf ihr weißes Brusttuch. »Ist das eine Welt! Sind das Menschen! Hochmuth, Hochmuth und nichts als Hochmuth! Ja, sorgen wollen sie für das arme, herzige Kindchen; aber mit welcher Miene, welcher beleidigenden Art und Weise! Die Füße soll sie ihnen wo möglich dafür küssen, und daß sie sich nur ja nicht etwa untersteht, sich jemals ihres Gleichen zu dünken! Und da muß Bertel erst noch kommen und ihnen den Weg zeigen, und eigentlich ist's nur, um ihm einen Wunsch zu erfüllen, sonst hätten sie es sicher gar nicht gethan. Nun Gott sei Dank, daß es so gekommen ist, da kann ich doch bei meinem Herzblättchen bleiben! Mir konnte ja kein größeres Glück passiren. Aber für Esther! Nein, nein, auch für Esther ist es besser so, als um Gotteswillen in einer Familie zu leben, die ihr hochmüthig das Bürgerblut vorwirft und sie wohl gar zum Hauspudel herabwürdigen möchte. Was? Meine Esther, dies kluge, liebreizende Geschöpfchen, meine Wonne und mein Augentrost, die Gespielin des braven Bertel, soll die etwa Kammerjungfer der gnädigen Frau werden, damit sie nur nicht vergißt, daß sie kein =von= vor ihrem Namen hat und also nicht werth ist, in Gemeinschaft mit solchen hochgebornen Leuten die Füße unter den Tisch zu stecken? Nein, mein Goldkind, das litte ich nun und nimmer, da wollte ich mir lieber die Hände abarbeiten, um dich vor solcher Existenz zu bewahren. Aber so sind sie nun, diese vornehmen Leute! Den Sohn herzuschicken Tag für Tag, daß er von unserem Herrn Pastor die schönsten gelehrtesten Dinge lernt, von denen sie sich alle zusammen kein Tütelchen können träumen lassen, dazu sind sie nicht zu vornehm, das nehmen sie von dem armen bürgerlichen Pfarrer recht gern an Jahr für Jahr. Aber der Dank dafür, wenn er auch schließlich gegeben wird, hat einen gar unangenehmen Beigeschmack. Nun Estherchen soll's aber nicht merken, das liebe unschuldige Herz; sie soll nur die Freude von dem Geschenk haben, mir zähen Alten kann der Beigeschmack doch nichts mehr schaden.«

Unter derartigen Worten und Gedanken hatte Frau Booland das Zimmer erreicht, in dem Hubert und Esther beisammen saßen. Bertel hatte seiner kleinen Freundin bereits den Plan mitgetheilt, den seine Mutter Frau Booland eröffnete; aber freilich in sehr anderer Weise, als Frau von Ihlefeld es gethan. So fand denn Tante Booland ihren jungen Liebling mit freudig strahlenden Augen und glühenden Wangen an Bertels Seite sitzend, und voll Entzücken flog sie ihrer braven Pflegemutter entgegen und verkündete ihr die erfreuliche Neuigkeit. Frau Booland lachte mit ihr durch ihre Thränen hindurch, dann aber führte sie beide Kinder zu Frau von Ihlefeld hinab. Hier hatte sie die Genugthuung, zu bemerken, daß Hubert, als seine Mutter anfing, auch gegen Esther von der bescheidenen Lebensstellung und Herkunft zu sprechen, an welche sie allein Ansprüche machen könne, plötzlich feuerroth wurde und heftig sagte: »Mama, laß doch, das ist ja alles ganz egal. Ich bin Esthers Bruder, und also ist Esther ebensoviel als ich. Sie hat mir versprochen, sie will als meine Schwester alles von mir annehmen, wenn sie etwas braucht, und als erstes Geschenk gebe ich ihr das hübsche kleine Haus, niemand anders, nicht wahr? So hast du's mir wenigstens versprochen, Mama. Esther hat sich auch schon bei mir bedankt; aber eigentlich braucht sie das gar nicht, da sie meine Schwester ist.«

Frau von Ihlefeld war sehr roth geworden bei dem kindischen Gespräch ihres Sohnes; doch lächelte sie und sagte ausweichend: »Schon gut, lieber Bertel! Esther wird sich hoffentlich recht wohl in der neuen Heimath fühlen und ihr Vaterhaus nicht zu schmerzlich entbehren. Wir aber, mein liebes Kind, wollen dir auch ferner treu zur Seite stehen, das verspreche ich dir.«

Dabei küßte sie das junge Mädchen liebevoll, und Esther weinte bald, bald lachte sie wieder, innig aber dankte sie für alle Liebe und Güte, die ihr zu Theil wurde. Und wie viel Grund hatte sie zu Glück und Freude! Der Gedanke, ihr liebes Dorf nicht verlassen zu müssen, in der Nähe von Bertel und dessen Eltern zu bleiben, und bei der Pflegerin ihrer Kindheit, der treuen Tante Booland, ferner leben zu können -- es war eine schöne, beglückende Aussicht mitten in ihrer Trübsal, und sie gab sich diesem Glücke mit vollem Herzen hin.

* * * * *

So sehen wir denn mit dem beginnenden Frühjahr unsere kleine Esther als Bewohnerin eines hübschen, freundlichen Häuschens, das rings von einem netten Gärtchen umgeben ist. Unmittelbar hinter dem Hause erhebt sich der dichte Laubwald, und in einiger Entfernung davon liegen die Häuser des Dorfes und der Gutshof. In nächster Nachbarschaft steht das Haus des Försters, und Esther sowohl als ihre treue Tante Booland sind hier wie im ganzen Dorfe liebe, gern gesehene Gäste. Ein harmlos glückliches, friedliches Dasein erblühte für Esther in dieser traulichen Häuslichkeit, sie selbst aber wuchs heran zu einem frischen, schönen, fröhlichen Mädchen, das alle Menschen lieb hatten.

Mehr als ein Jahr war so vergangen, da durchlief eine schreckliche Kunde das Dorf Rahmstedt. Oft schon hatte man sonderbare Gestalten auf dem Gutshofe ein- und ausgehen sehen, schäbig gekleidete, jüdische Männer. Man sprach vom Verkauf des Gutes und von großen Verlusten, welche Herr von Ihlefeld gehabt habe, eines Morgens aber fand man den unglücklichen Gutsherrn erschossen in seinem Zimmer. Ein Brief an seine Gattin sagte dieser, daß sie am Bettelstabe wären in Folge unglücklicher Speculationen, in welche er sich eingelassen habe, und daß er nicht im Stande sei, diesen Schlag zu überleben. Auch sie und seinen armen Sohn habe er durch seinen Leichtsinn unglücklich gemacht, das könne er nicht mit ansehen. Dem Todten würden sie eher verzeihen als dem Lebenden, darum scheide er lieber von ihnen.

Es war ein furchtbarer Schlag für die unglückliche Frau. Sie, die so stolz und erhaben über all' denen gestanden hatte, welche sie umgaben, sie mußte es nun ertragen, daß man sie von ihrer Höhe stürzte und sie hinausstieß in die Welt, arm und hülflos wie das ärmste Weib ihres Dorfes. Das ganze prachtvolle Gut ging in andere Hände über, und die arme Frau rettete von der ganzen Habe kaum so viel, sich vor der bittersten Noth zu schützen. Wie verzweifelt irrte sie durch die wüsten Zimmer des schönen Hauses, nicht wissend, wohin sie sich wenden sollte in ihrem grenzenlosen Elend; denn erbarmungslos achteten die hartherzigen Gläubiger wenig ihres Kummers. Suchte doch jeder so schnell wie möglich sich für seine Verluste an dem hinterlassenen Besitzthum schadlos zu halten, und obwohl der Todte noch nicht bestattet, wühlten doch schon fremde Hände in seinen Papieren und versiegelten die ganze Hinterlassenschaft. Da flogen hastige Schritte die Stufen der Freitreppe hinauf, und an das Herz der trostlosen Wittwe schmiegte sich weinend und zärtlich ein schlankes Mädchen. Es war Esther. Noch zitterte das Entsetzen über die fürchterliche Nachricht in allen ihren Gliedern; aber der unglücklichen Frau gedenkend kämpfte sie alle andern Gefühle nieder und gab nur dem einen Raum: der Mutter Bertels Hülfe und Trost zu bringen so viel in ihren Kräften stand. Und sie konnte es ja, dem Himmel sei Dank, konnte es durch die einstige Güte derer, denen sie nun helfen wollte. Jetzt war sie ja die Reiche ihren ehemaligen Wohlthätern gegenüber und konnte ihnen den Zins abtragen für so viele Güte und Liebe. O wie glücklich machte sie der Gedanke, und mit welchem Entzücken erfüllte sie diese Aussicht!