Drei Erzählungen für junge Mädchen

Part 2

Chapter 23,588 wordsPublic domain

Esther blickte den Knaben lachend an und sagte: »Daran, daß =mich= der Hund beißen konnte, habe ich gar nicht gedacht, als ich vom Hause fortgerannt bin. Aber jetzt wird sich Tante Booland schön um mich ängstigen, nun will ich nur schnell wieder nach Haus laufen.« »Nicht eher, als bis der Hund unschädlich gemacht ist!« rief Bertel sie zurückhaltend. Da aber hörte man einen Schuß in der Nähe, und gleich darauf kamen die Leute zurück und erzählten, daß man den Hund getödet habe, der wie betrunken umher getaumelt sei. »Daran ist der Schlag Schuld, den ich ihm mit dem Pfahle gegeben habe,« lachte Esther, und dann lief sie eiligen Schrittes wieder zu Frau Booland zurück, die in Todesangst nach ihr ausschaute. --

So wuchsen die beiden Kinder mit einander auf Jahr um Jahr, und von Liebe umgeben und glücklich durch stetes Beisammensein, vergingen ihnen die sorglos frohen Jugendjahre wie ein heller Sommertag. Während der blonde Bertel zu einem schönen schlanken Burschen emporwuchs, war Esther noch immer das braune Mädchen mit den feurigen Augen und dunklem Haar; aber ihre Gesichtszüge wurden weicher und anmuthiger, und mit ihrem schlanken, graziösen Körperchen war sie ein allerliebstes Mädel geworden. Aber ein Wildfang blieb sie trotz ihrer 13 Jahre, und Frau Booland hatte oft ihre Noth mit ihr; böse freilich konnte niemand ihr sein. Aber auch geistig entwickelten sich beide Kinder sehr zur Zufriedenheit der Ihren, und den »kleinen Professor« besonders, wie man Bertel nannte, war Pastor Wieburg mit unermüdlichem Eifer bestrebt, immer mehr zu fördern, so lange er seiner Leitung anvertraut blieb, denn er war ein selten begabter Knabe. Aber endlich mußte man sich doch zu einer Aenderung entschließen, um so mehr, da Pastor Wieburg anfing zu kränkeln und den Unterricht oft unterbrechen mußte. Das Gymnasium der nächsten Stadt war vortrefflich, und so entschlossen sich Hubert's Eltern schweren Herzens, den Knaben künftige Ostern dorthin zu geben.

Das war das erste große Ereigniß in dem Leben der beiden Kinder. Sie hatten die Trennung, so oft auch davon die Rede war, doch immer in so ferne Zeiten verschoben, daß es wie ein entsetzlicher Donnerschlag über sie kam, als sie erfuhren, daß in wenig Wochen Hubert's Abreise erfolgen sollte.

»Ich gehe mit dir nach H..,« sagte Esther entschlossen und stellte sich an Bertel's Seite. »Vater hat gewiß nichts dagegen; ich werde ja dann studiren wie du, und ohne dich lerne ich hier keine Zeile mehr, das weiß ich. Was sollst du denn ohne mich anfangen, Bertel?«

Hubert sah das kecke Mädchen nachdenklich an.

»Ich glaube, das wird doch nicht gehen, Esther,« sagte er traurig, »denn ich werde ja auf ein Gymnasium kommen, wo lauter Knaben sind, da paßt kein Mädchen hinein.«

»So ziehe ich Knabenkleider an, das ist köstlich, das habe ich mir ja immer gewünscht!« jubelte Esther und klatschte in die Hände.

»Aber deine langen Zöpfe?« sagte Bertel kopfschüttelnd.

»O die schneide ich ab,« rief Esther fröhlich. »Da habe ich doch endlich Ruhe vor Tante Booland, die früh Morgens immer so lange daran kämmt und flicht, daß mir die Geduld oft ausgeht und ich ihr davon laufe. Da sieh', das ist bald geschehen!« Rasch ergriff sie eine Scheere und that einen tiefen Schnitt in ihr prachtvolles Haar. Aber da trat Frau Booland in das Zimmer und riß ihr die Scheere aus der Hand.

»Bist du unklug, Kind? Was treibst du denn wieder?« rief sie heftig.

»Ich gehe mit Bertel auf das Gymnasium nach H., da kann ich die dummen Zöpfe nicht brauchen,« entgegnete Esther, an den Flechten reißend.

»Mit auf's Gymnasium?« sagte Frau Booland lachend. »Nun damit hat es gute Wege, da laß nur deine Zöpfe in Ruhe, mein Kind. Mädchen kommen da nicht hin.«

»Ich gehe auch als Junge mit, versteht sich!« rief Esther rasch. »Tante Ihlefeld giebt mir gewiß von Bertels Kleidern, damit ich gleich mit kommen kann.« Frau Booland fing herzlich an zu lachen über Esthers Pläne, die sie für Scherz hielt. Als sie dann aber sah, daß ihr junger Wildfang wirklich im Ernst solchen Gedanken Raum gab, war sie still und sagte leise vor sich hin: »Im Stande wäre sie's, glaub' ich. Das hat ihr Vater von =der= Erziehung!«

Als sie mit ihrem Schützling dann am Abend allein im Schlafzimmer war, zog sie Esther auf ihre Knie, was sie selten that und sprach mild und freundlich: »Mein liebes Mädchen, ich muß dir einmal etwas sagen. Du bist jetzt schon 13 Jahre alt, da wird es wirklich Zeit, daß du den Jungen ausziehst. Thust du es nicht selbst, so thun es dir andere Leute, und das ist ein schlimmes Ding. Dein Vater hat dich studiren und aufwachsen lassen, wie einen Knaben; aber du bist und bleibst trotz alledem =doch= ein Mädchen. Siehst du, ich bin nur eine einfache Frau; aber das, was sich schickt, besonders für ein junges Mädchen, das du nun bald sein wirst, weiß ich so gut als jede große Dame, da folge mir nur getrost. Bertel geht fort, er ist eben ein Knabe und muß sich für seine zukünftige Laufbahn vorbereiten; aber mit ihm gehen kannst du nicht, denn das schickt sich nicht. Wozu auch? Ein Mädchen hat einen anderen Lebenslauf vor sich, als ein Knabe. Er muß in die Welt, das Mädchen gehört in das Haus. Bis jetzt warst du ein Kind, da paßte sich alles; aber nun wird das anders, das hilft einmal nichts und mußt du dir gefallen lassen. Für junge Mädchen schickt sich vieles nicht, was sich für junge Männer schickt; so will es die Sitte, und ihr müssen wir uns Alle beugen. Ueber kurz oder lang mußten sich eure Wege doch scheiden, das ist so der Lauf der Welt und die Bestimmung des Menschen. Und nun sei verständig und mache Bertel das Herz nicht schwer mit Weinen und Klagen; denn dann wird ihm das Fortgehen noch viel saurer. Nicht wahr, Esther, daran willst du denken, ihm zu lieb?«

Esther hatte schweigend zugehört, denn Tante Booland sprach selten so ernst und zusammenhängend mit ihr. Sie machte zuerst ein finsteres Gesicht, denn ihr Eigenwille bäumte sich arg in ihr empor; nach und nach aber wurde sie nachdenklich, und ein tiefes Roth zog sich ihr über Stirn und Nacken. Sie biß die Lippen fest auf einander, wie sie immer that, wenn sie von einem neuen Gedanken überrascht wurde, sagte aber kein Wort. Auf die letzte Frage von Tante Booland nickte sie rasch und ernst mit dem Kopfe; dann lehnte sie ihre Stirn eine lange Weile still an die Brust ihrer treuen Pflegerin, die ihr leise über das Haar strich. Endlich aber brach sie in einen Strom von Thränen aus und rief jammernd: »Ach Tante Booland, ohne Bertel kann ich ja aber nicht leben!«

»Einmal mußt du es lernen, Kind, es geht nicht anders,« sagte Frau Booland sanft. »Der liebe Gott giebt uns so manches Schwere zu tragen, und du wirst noch manchesmal in deinem Leben sagen: >ich kann es nicht!< Und doch wirst du es lernen; denn der himmlische Vater legt uns keine größere Last auf die Schultern, als wir zu tragen im Stande sind. Dir hat Gott ein starkes Herz gegeben, deshalb wirst du dem armen Bertel die Trennung leicht machen, wozu wärst du sonst seine brave, kleine Esther?«

Das kindliche Mädchen wischte sich entschlossen die Thränen aus den Augen und lächelte zuversichtlich. »Ich will ihm helfen, Tante!« sagte sie fest, und dann legte sie sich still und ergeben in ihr Bettchen. Lange noch bewegten sich ihre Lippen im Gebet und baten um Muth und Kraft für die schwere vor ihr liegende Zeit, dann aber schloß der Schlaf ihr die müden Augen.

Am andern Tage war mit Esther sichtlich eine Veränderung vorgegangen. Sie war bleicher und ruhiger als sonst, und auf ihrem Gesicht lag ein nachdenklicher Zug. Als Hubert zum Unterricht kam, und Esther ihm im Garten entgegen lief, geschah es mit etwas zögernden Schritten, und ein brennendes Roth flog einen Augenblick über ihre Stirn. Dann aber rief sie in ihrer alten muntern Weise: »Ach Bertel, unsere schönen Pläne werden doch zu Wasser, mit dir ziehen kann ich nicht. Die andern Jungens würden doch merken, daß ich ein Mädchen bin, und dann bissen sie mich sicher zum Neste hinaus, wo ich mich einschleichen wollte, wie's neulich die Schwalben mit dem Spatz machten, weißt du wohl noch?«

Hubert sah sehr bleich aus. Er nickte still mit dem Kopfe und sagte: »Ich wußte es gleich und wollte es dir nur nicht sagen, Esther. Aber ich glaube, ich komme bald wieder; denn so allein ohne dich und ohne euch alle, -- ich =kann= es nicht ertragen!«

Mit einem lauten Stöhnen warf er sich auf eine Bank nieder und weinte so ungestüm und leidenschaftlich, wie Esther es noch nie von ihm gesehen hatte. Erschrocken setzte sie sich zu ihm und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Dicke Thränen rollten auch über ihr Gesicht, und ihre Brust arbeitete heftig. Aber entschlossen richtete sie sich bald empor, preßte die Hände fest aufeinander und sagte leise: »Bertel, sei ruhig, einmal mußtest du ja fort, hier auf unserem Dorfe kannst du ja doch kein großer Gelehrter werden. Aber das sollst du, denn ich will stolz auf dich sein, und alle sollen es.« Und nun malte sie dem Knaben in heiterer Weise aus, wie schön es sein müsse, wenn er nun zu den Ferien nach Hause kommen und ihnen erzählen werde, wie er dort in der Stadt lebe, wie viel er jetzt lerne und studire, und welches seine Kameraden sein würden. Bertel hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt und schluchzte leise.

»Kameraden?« rief er jetzt heftig. »Sprich mir nicht von Kameraden! Bis jetzt habe ich noch keinen Jungen gefunden, der mir zugesagt hätte, und ich werde sicher auch keinen finden. Du bist mein liebster und einziger Kamerad, Esther, und du sollst es mir bleiben, das gelobe ich dir, wenn auch tausend andere um mich sein werden; dich ersetzt mir keiner!«

Er ergriff Esthers Hand und blickte finster vor sich nieder, Esther aber saß strahlenden Auges neben ihm. Ihre Lippen zitterten, aber sie sprach nicht. Sie sah ihren blonden Bertel im Geiste unter der Schaar anderer Knaben, und wie viel schöner er sein würde, als alle anderen, und wie viel klüger. Und doch war und blieb er =ihr= Bertel, ihr Kamerad wie bisher. Nun wollte sie auch nicht mehr daran denken, wie allein, ach so trostlos allein sie sein würde!

Esther hatte in Gedanken einen Zweig des Fliederbusches herabgezogen, unter dem sie saßen und dessen Büschel noch kahl und ohne Knospen standen.

»Wenn die blühen, bist du wieder hier, Bertel,« rief sie plötzlich und schüttelte den Zweig. »Ostern ist in diesem Jahr so früh, gerade zu Pfingsten wird dann alles blühen, Flieder, Goldregen, Schneeballen, alles, alles. Und die ersten Veilchen schicke ich dir in die Stadt, Bertel, denn da kannst du gewiß keine pflücken. Von den Erdbeeren aber und den Stachel- und Himbeeren in unserem Garten soll kein Mensch etwas bekommen, die schicke ich dir auch alle oder hebe sie dir auf, und auch die Haselnüsse unten am Wasser. Komm, wir wollen geschwind einmal nachsehen, Bertel, am Ende sind unten am Wasser schon Veilchen heraus, oder _Primula veris_. Weißt du auch noch, wie die braune Pflanze heißt, die zuerst im Frühjahr auf der Wiese blüht?«

Bertel's trübes Gesicht war unter dem Plaudern Esthers wieder hell geworden; jetzt lachte er und sagte: »Ach was, Botanik ist einmal nicht mein Steckenpferd, ich kann mir das Zeug nicht merken. Verrathe mich aber nicht bei deinem Vater.«

»So komm, ich will dein Mentor sein, _Tussilago_ heißt das Pflänzchen, mein kluger Herr,« rief Esther lustig und zog ihn mit sich fort; denn was sie gewollt, hatte sie durch ihr Plaudern erreicht, Bertel vergaß seine trüben Gedanken. Und in dieser Weise gelang es ihr von jetzt an stets, ihren Kameraden zu erheitern, ob ihr selbst auch oft das arme junge Herz zerspringen wollte vor Weh. Bertel durfte nicht sehen, wie schwer ihr die Trennung wurde, sonst wäre er mit noch traurigerem Herzen von ihnen gegangen. Und wie gut hatte sie es doch im Vergleich mit ihm: Sie blieb zurück in ihrem schönen Garten und traulichen Hause, hatte Vater und Tante Booland um sich, und dort drüben den Gutshof mit Onkel und Tante Ihlefeld. Alles, ihre Blumen und Bücher, ihre Hühner, Hunde, Katzen, die Ziegen und Kaninchen im Stall und die Vögel im Walde draußen, alles blieb ihr, während der arme Bertel alles verlassen und allein hinaus mußte unter lauter fremde Menschen. War es da nicht ihre Pflicht, heiter zu sein und ihm das Herz nicht auch noch schwer zu machen? O Tante Booland hatte recht, =sie= durfte Bertel nichts vorklagen!

Aber trotz alledem wurden ihre Wangen immer blässer, und ihre Augen blickten immer angstvoller um sich, je näher der Tag der Abreise kam. Endlich hatten die beiden Kinder den letzten Unterricht beim Vater gehabt, und Bertel hatte Abschied genommen. In einigen Stunden fuhren seine Eltern mit ihm nach der Stadt. Esther hatte mitfahren sollen; aber Frau Booland meinte, für Bertel sei es besser, sie thäte es nicht, und so blieb sie zurück, willig und sanft, wie sonst nie, wenn etwas gegen ihren Willen war. Sie setzte sich mit einem Buche in die Fliederlaube, in der sie neulich mit Bertel gesessen, ihre Augen waren aber so roth, als sie dann zum Essen in das Zimmer kam, daß Frau Booland sie mit innigem Mitleiden anblickte. Vor ihrem Vater aber verbarg Esther, daß sie geweint, denn er konnte »weinerliche Frauenzimmer« nicht leiden. Es war gut, daß er viel von der Schule und den Lehrern sprach, wo Bertel jetzt Unterricht haben werde, da bemerkte er doch Esthers Kummer nicht, von dessen Größe er keine Idee hatte. Die einfache Frau Booland wußte das besser, als der gelehrte Herr Pastor.

Es waren traurige Tage für Esther, diese ersten nach Bertel's Abreise. Wohl hatte sie sich alles vorgeführt, was sie an Glück vor Bertel voraus habe, da sie zu Hause blieb, während er unter fremde Menschen und Verhältnisse kam; aber jetzt, nachdem er fort war, fühlte sie erst, =was= sie verloren. Wie im wachen Traume ging sie daher, sie meinte immer, jetzt müsse jemand kommen und sie wecken. War denn die Sonne nicht mehr am Himmel, daß so wenig Glanz über Garten und Wiese lag? Und waren denn das ihre lieben Blumen, die so wenig Farbe und Duft hatten, das ihre lustigen Thiere, die mit ihr sonst so fröhlich durch den Hof und Garten sprangen? Und ihre Bücher, wie langweilig sahen diese Buchstaben sie an, das Lernen war ja eine Strafe statt wie bisher eine Lust. Und wie endlos war so ein Tag! Sonst kamen die Mittag- und Abendstunden, wo sie zum Essen gerufen wurde, immer viel zu früh, jetzt sah sie fort und fort nach der Uhr, ob denn die Stunden noch immer nicht rascher davongehen wollten. Nach dem Stege aber, auf dem Bertel jeden Morgen gekommen war, konnte sie vor Jammer gar nicht mehr hinsehen, und nach dem Gutshofe zog sie jetzt so wenig. Onkel und Tante Ihlefeld waren zwar sehr gut und lieb zu ihr, wie bisher; aber es war so öde in dem Hause und Hofe, und auch Bertel's Neufundländer sah so traurig aus und heulte laut auf, wenn Esther ihn streichelte und leise sagte: »Ach Hektor, unser Bertel ist fort!«

Hubert war jetzt unter eine ziemlich große Zahl von Pensionairen aufgenommen, welche bei einem der Professoren des Gymnasiums wohnten. Der zarte, scheue Knabe fühlte sich anfangs unsäglich unbehaglich unter all' den fremden Gesichtern, und das laute Treiben seiner Stubengenossen war ihm sehr zuwider. Auch in der Klasse, unter deren Schülern er einer der jüngsten war, kam er sich wie verloren vor; denn niemand achtete weiter auf ihn, und die Lehrer hatten ihre Aufmerksamkeit der ganzen Klasse zu schenken. Wie anders war das, als bisher bei seinem Lehrer! Aber eigentlich lernte es sich gut in Gemeinschaft mit so vielen, die alle dasselbe Ziel verfolgten. Und hier waren einige so kluge, eifrige Mitschüler in der Klasse, da galt es fleißig sein, wenn er es ihnen gleich thun wollte! Und das wollte und mußte er, das war ohne Frage.

So lernte er denn mit unverdrossenem Eifer und vergaß dabei, wie einsam er unter den vielen Mitschülern dastand, denen er sich, wie es seine Neigung war und wie er Esther versprochen, nicht anschließen mochte. Aber dieses Abschließen reizte die andren Knaben zu Neckereien und Spottreden und bereitete ihm bald manchen Verdruß. Man gab ihm allerlei Spitznamen, nannte ihn Jungfer Bertel, Muttersöhnchen, Blondel, Mehlweißchen und suchte ihn zu Zank und Streit aufzustacheln. Bertel that, als merke er nichts und kämpfte seinen Aerger tapfer nieder; denn ihm war aller wüste Zank und Lärm in der Seele verhaßt. Das reizte seine Kameraden doppelt, die solche Selbstüberwindung für Feigheit hielten. Mit einem Feigling aber meinte man sich ungestraft alles erlauben zu können. Nun erhielt Bertel eines Tages einen langen Brief von Esther. Zwei seiner Stubenkameraden, die dabei zugegen waren, sahen, wie freudig er denselben las.

»Von wem ist der Brief?« fragte Franz Reichard.

»Von Esther!« entgegnete Bertel zerstreut und las eifrig weiter.

»Esther? Wer ist Esther?« forschte Franz weiter. »Ist das eine Schwester von dir?«

»Nein doch, laß mich in Ruh'! Esther ist -- nun Esther ist Esther!« sagte Bertel kurz abweisend und kehrte Franz den Rücken.

»Esther ist Esther! Eine schöne Erklärung!« rief dieser spöttisch. »Du, Walter,« fuhr er dann lachend fort und winkte seinem Kameraden verständnißvoll zu, »weißt du schon, Jungfer Bertel ist mit einer alttestamentarischen Freundschaft behaftet. Königin Esther heißt seine Coeurdame.«

»I was tausend, Mehlweißchen!« rief Walter. »Du bist ja ein Mordskerl! Und ein Jüdchen hast du zur Freundin? Da heißt's wohl:

Ihrer Augen schwarze Kohlen Haben mir das Herz gestohlen?

Wahrhaftig, du bist ja ganz vernarrt in ihren Brief, laß doch 'mal sehen, was die schwarzhaarige Schöne dir schreibt!« Und dabei blickte er frech in Esthers Brief, als wollte er ihn lesen. Bertel wurde dunkelroth vor Aerger, bekämpfte seinen Verdruß aber und sagte nur, sich rasch abwendend: »Ach Unsinn, Esther ist eine Predigertochter und keine Jüdin.« Unwillkürlich aber blickten ihn dabei seiner Freundin schwarze Augen aus dem Briefe an, die allerdings einer kleinen Jüdin alle Ehre gemacht hätten, und er achtete bei diesem Gedankengange so wenig auf seine Umgebung, daß er nicht bemerkte, wie Franz sich herbeischlich und plötzlich einen raschen Griff nach dem Briefe that. Bertel jedoch hielt fest, und so bekam der Brief einen großen Riß. Nun aber war Huberts Geduld zu Ende. Mit dem Rufe: »Wart', das sollst du büßen!« flog er wie ein Pfeil auf den schlechten Kameraden los, faßte ihn um den Leib und warf ihn zu Boden. Franz war einer der stärksten Burschen der Stube, und nachdem er sich von der ersten Ueberraschung erholt hatte, fing er an mit Bertel zu ringen. Ein heißer Kampf entspann sich, denn Franz war stärker als sein Angreifer; Bertel aber besaß trotz seines zarten, schlanken Körpers eine große Zähigkeit und Gewandtheit, und mit Vorsicht wußte er sich stets gegen alle Angriffe zu decken. Er hatte zu Hause viel geturnt und oft mit den Dorfkindern gerungen, denn sein Vater pflegte zu sagen, ohne richtige Balgerei wird keiner ein rechter Junge. So gelang es ihm endlich, den Gegner zu bezwingen und ihm das Knie auf die Brust zu setzen.

»Jetzt versprichst du mir, mich ungeschoren zu lassen!« rief er mit funkelnden Augen. »Ich dulde eure Flegeleien nicht länger, daß ihr es nur wißt. Wer mich nicht in Ruhe läßt, dem zeige ich, daß ich Fäuste habe.« Und damit schlug er auf den großen Burschen so tapfer los, daß es schallte, und Walter ganz verblüfft daneben stand. Franz knirschte vor Aerger, konnte sich aber nicht rühren, und da er ein weicher Junge war trotz seiner groben Glieder, so bat er schließlich himmelhoch, Bertel möchte ihn loslassen, er verspräche auch alles, was er verlange. Hubert sprang auf und ließ ihn frei, Franz aber schüttelte sich, strich sich die Haare glatt und dann trat er zu seinem Gegner heran. »Du hast mich gut verarbeitet, Bertel,« sagte er stöhnend und reckte seine langen Glieder. »Bis jetzt dachte ich, du wärst feige, weil du dir alles gefallen ließest; aber nun habe ich Respect vor dir. Wer Courage hat, den lasse ich in Ruhe. Wollen wir Frieden schließen?«

Hubert sah dem ehrlichen Burschen ganz erstaunt in das feuerrothe Gesicht; es war ein guter Zug darin, und Bertel ergriff ohne Zögern die dargebotene Hand. »Recht gern, Franz«, sagte er herzlich, »mir soll's recht sein; ich bin kein Freund von Zank und Streit.«

So hatte die Schlägerei ein gutes Ende und in ihren Folgen trug sie vortreffliche Früchte. »Bertel hat den Franz gezwungen!« hieß es bald in der ganzen Anstalt, und das war wie ein Orden; denn Franz war für einen tüchtigen Raufer bekannt und also nicht gut mit ihm anzubinden. Niemand hielt den blonden Bertel ferner für einen Feigling und wagte ihn böswillig zu foppen; hatte derselbe doch auch jetzt an dem älteren Franz einen Kameraden zur Seite, der sich des jüngeren in allen Dingen annahm, denn er hing dem neuen Schüler mit immer wachsender Freundschaft an. Hubert war diese Freundschaft zwar ganz angenehm und schmeichelhaft, eigentlich aber wagte er nicht recht, dieselbe anzunehmen; hatte er nicht Esther gelobt, sie allein solle sein Kamerad sein und bleiben? Und war es nicht Wortbruch, wenn er hier nun doch eine neue Freundschaft schloß? Lange aber hielten solche Gedanken nicht vor; es war doch eben gar zu angenehm, nicht allein dazustehen unter so viel Schülern, und Esther selbst hatte sicher nichts dagegen. Sie konnte doch einmal nicht bei ihm sein, warum sollte er sich da nicht an jemand aus seiner jetzigen Umgebung anschließen? Esther blieb ihm ja doch immer so lieb, als sie ihm je gewesen war, das verstand sich von selbst. --