Drei Erzählungen für junge Mädchen

Part 9

Chapter 93,707 wordsPublic domain

Frau Booland sah dem kindischen Treiben still eine Weile zu und hatte dabei ihre Gedanken. »So, die Schnur drückt dich also ganz abscheulich, mein Püppchen?« sagte sie leise und runzelte die Stirn. »Denkst wohl, ich weiß nicht, welche Fessel du meinst? Und das ist ein Gegenstand zu Possen und Vergnügen? Armer Bertel, gut, daß du es nicht siehst! Nein, nein, das ist nichts für meinen ernsten, lieben Jungen; dies Kind paßt für ihn sicherlich nicht, das glaube ich gern.«

Dann aber schlug sie das Gebüsch zurück und trat auf Susanne zu. »Guten Abend, Fräulein Susanne!« sagte sie mit einem höflichen Knix und ging noch näher auf das junge Mädchen zu. Diese sprang rasch von ihrem schwankenden Sitze herab und riß dabei auch den Papagei von seinem Zweige nieder, der nun kreischend auf ihre Schulter flog und sich dort lebhaft hin und her schaukelte. Susanne lachte laut auf, und indem sie Frau Booland die Hand zum Gruß reichte, rief sie fröhlich: »Gut, daß jemand kommt, mich besser zu unterhalten, als mein dummer Peter. Er will absolut nicht sprechen lernen, ich mag mich noch so viel mit ihm quälen. Er ist gerade so dumm als ich, ich spiele auch lieber, als daß ich lerne.«

»Fräulein Susanne,« sagte Frau Booland jetzt höflich, »hätten Sie wohl ein halbes Stündchen Zeit für mich übrig? Ich möchte gern etwas mit Ihnen sprechen.«

»Ach mein Gott, doch nichts Ernsthaftes?« rief Susanne in komischem Schrecken. »Sie machen ein so feierliches Gesicht, liebe gute Tante Booland, Bertel schickt Sie doch nicht etwa, um mich auszuschelten? Ach lieber Gott, ich bin den ganzen Tag in Angst, daß ich wieder etwas Dummes oder Kindisches gemacht habe. Bertel ist so furchtbar streng, gerade wie unser alter Schulmeister drüben in der Dorfschule, vor dem die Kinder auch solche Furcht haben. Liebe, einzige Tante Booland, sagen Sie doch nur, wollen Sie mich wirklich schelten?«

»Nein, nein, Fräulein Susanne,« lächelte die Alte, »das fällt mir nicht ein. Setzen Sie Ihren Papagei dort auf den Baum, daß er uns nicht mit seinem Geschrei stört, und dann kommen Sie ein Bischen drüben in die Laube; ich habe eine Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, das freut Sie ja immer so, nicht wahr, Kindchen?«

»Ach ja, ja, das ist reizend von Ihnen, Tante Booland!« rief das junge Mädchen und hob den Papagei auf den nächsten Baum, wo sie ihn mit der Schnur festband, indem sie noch mehrmals kosend mit der Hand über seinen Kopf und Rücken fuhr. »So Papchen, nun langweile dich nicht zu sehr,« sagte sie dann fortgehend und nickte dem Vogel noch einmal freundlich zu, dann hing sie sich an Frau Boolands Arm und folgte dieser in die nahestehende Laube. Hier war es schon ziemlich dunkel; aber da plaudert es sich am Besten, sagte Susanne und rückte dicht an die Alte heran, für welche sie eine ganz besondere Zuneigung gefaßt hatte. Frau Booland war jederzeit freundlich, gefällig und nachsichtig gegen das harmlose Kind gewesen und wußte ihr immer allerlei Neues oder auch Altes zu erzählen, was der heiteren Susanne Spaß machte. Heut nun war es freilich keine fröhliche Erzählung, welche die Alte für Susanne bereit hielt. Aber doch hörte diese still zu, ganz gegen ihre Gewohnheit, obwohl Frau Booland lange und ernst sprach, und endlich klang es sogar, wie leises Weinen aus dem Innern der Laube. Aber die Dunkelheit verhinderte zu erkennen, aus wessen Augen die Thränen flossen. Nach langer Zeit traten die beiden Gestalten in den dunkeln Laubgang heraus, die Hände fest in einander geschlungen. Die Alte küßte dann rasch die schöne weiße Stirn des jungen Mädchens und eilte davon, Susanne aber ging zu ihrem Vogel und nahm ohne ihr gewöhnliches Scherzen und Lachen den schreienden Papagei auf die Hand. »Wir wollen die Fessel lösen, nicht wahr, mein Papchen?« sagte sie unterwegs zu dem Vogel, indem sie die Schnur von seinem Fuße knüpfte und ihn streichelte. Still kehrte sie dann in das Haus zurück. Hier setzte sie sich sogleich an ihren Schreibtisch, ergriff Feder und Papier und schrieb folgenden Brief:

»=Liebe Esther!=

Sie müssen mir schon erlauben, daß ich Sie so nenne, wie wir Alle es hier thun, obwohl Sie uns nicht kennen. Wir aber kennen Sie sehr gut, und besonders ich habe mir so viel von Ihnen erzählen lassen, daß mir ist, als sähe ich Sie vor mir. Daß ich jedoch einen Brief an Sie schreibe, liebe Esther, hat heute einen ganz besonderen Grund; eigentlich bin ich ein sehr faules Mädchen, dem Briefeschreiben eine große Last ist. Ich habe nämlich eine sehr, sehr große Bitte an Sie. Liebe, gute Esther, aber Sie müssen mir nicht böse sein -- bitte, bitte, heirathen Sie doch Bertel an meiner Stelle! -- Wissen Sie, liebe Esther, ich bin ein gar zu dummes, kindisches, kleines Mädchen, über das sich der kluge Bertel seit den wenigen Tagen unserer geheimen Verlobung schon so sehr viel geärgert hat, und ich kann doch wirklich nichts dafür. Wir hätten uns lieber gar nicht mit einander verloben sollen; denn wenn ich Ihnen ganz heimlich etwas sagen darf, (aber verrathen Sie es nicht!) ich fürchte mich vor dem gelehrten, ernsthaften Bertel! Und das ist doch gar nicht hübsch; denn ich traue mich gar nicht mehr zu lachen und vergnügt zu sein, weil Bertel dann immer schilt. Er ist der einzige Mensch, dem ich nicht gefalle, und das ist doch zu ärgerlich für mich! Ich weiß gar nicht, warum Papa es so gern wollte, daß ich Bertels Braut werden sollte, für einen gelehrten Mann passe ich doch gar nicht. Mir gefällt ein hübscher Officier viel tausendmal besser, und der junge Graf Redern, der immer so liebenswürdig zu mir ist und so fröhlich mit mir lacht, sieht viel prächtiger aus in seiner glänzenden Uniform und dem schwarzen Schnurrbart, als Bertel in seinem dunklen Röckchen, obwohl Bertel zehn Mal schöner ist als er. Sehen Sie, liebe, gute Esther, Sie sind so furchtbar klug und gelehrt, Sie gefallen Bertel hundert tausend Mal besser, als ich kleines Gänschen, und Sie haben ihn ja auch so sehr lieb, sonst hätten Sie gewiß nicht alles das für ihn gethan und ertragen, was Tante Booland mir erzählt hat. Ich weiß, Bertel möchte mich jetzt so gern wieder los sein, und mir wäre es auch viel lieber, er heirathete eine Andere, als mich. Ich werde ihm das sagen, sobald er zu mir kommt, und dann müßt Ihr Beide ein Paar werden. O wie ich mich darauf freue! Und nicht wahr, liebe Esther, wir werden dann recht gute Freunde? Denn wenn ich Sie nicht jetzt schon so lieb hätte, gönnte ich Ihnen meinen lieben, schönen, klugen Bertel doch nicht! Kommen Sie recht recht bald zu uns Allen, es erwartet Sie mit offenen Armen

Ihre =Susanne=.

_P. S._ Ich habe gehört, daß Sie tief brünett sind, das paßt herrlich zu dem blonden Bertel! Ich meine, ein blonder Mann muß immer eine brünette Frau haben und umgekehrt. Ich bin ein Blondkopf, also? -- --«

Nun siegelte das junge Mädchen den Brief rasch, schrieb die Adresse darauf und steckte ihn in die Postmappe, welche jeden Abend nach der nächsten Poststation getragen wurde. Als sie dies Geschäft beendet, seufzte sie tief auf, strich sich die blonden Löckchen aus der Stirn, die bei der ungewohnten Anstrengung herabgefallen waren, und sah in den Mond, der eben über den Bäumen des Parkes heraufstieg. Aber ihre Gedanken wurden schnell durch das Rollen eines Wagens abgezogen. Herr von Sassen und seine Cousine kehrten zurück. Susanne lauschte, bis ihr Vater in seinem Zimmer war, dann trippelte sie eilig zu ihm. Als sie bei ihm eintrat, nahm sie eine sehr ernsthafte Miene an, und indem sie ihre zierliche kleine Figur so hoch aufrichtete, als ihr überhaupt möglich war, stellte sie sich vor ihren Vater.

»Papa, ich habe etwas sehr Ernsthaftes mit dir zu sprechen!« sagte sie feierlich und zog das weiche Kindergesichtchen in ernste Falten.

»Wie? Etwas Ernsthaftes, meine lustige, kleine Lachtaube?« sagte Herr von Sassen fröhlich. »Da bin ich aber wirklich neugierig zu hören, was das sein mag.« Dabei nahm er den Lockenkopf seines hübschen Töchterchens zwischen beide Hände und sah ihr lustig in die braunen Rehaugen. Susanne entzog sich aber den Liebkosungen des Vaters und sagte schmollend: »Papa, du denkst immer, ich kann niemals ernsthaft sein. Aber ich bin wirklich kein kleines Kind mehr, und damit du siehst, ich kann auch einmal etwas ganz Ernsthaftes denken, so will ich dir nur sagen, daß ich mir überlegt habe, ich will Bertel lieber nicht heirathen.«

Herr von Sassen fuhr überrascht auf. »Und das nennst du ernsthaft sprechen, kleine Suse?« lachte er, blickte dabei aber sein Töchterchen doch etwas schärfer an; denn sie sah allerdings nicht aus, als scherze sie. Sie stand mit gesenkten Augen vor ihm, und als sie dieselben aufschlug, waren sie voll Thränen.

»Suschen, mein Herzenskind, was ist denn vorgefallen?« rief Herr von Sassen erschrocken; denn Thränen in des fröhlichen Kindes Augen, das war etwas ganz Unerhörtes. Susanne fiel dem Vater plötzlich um den Hals, und ihr blondes Köpfchen in den dunklen Vollbart desselben schmiegend schluchzte sie bitterlich.

»O Papa, Papa!« rief sie endlich flehend, »erlaube doch nur, daß ich Bertel nicht heirathe! Wir Beiden passen wirklich nicht zusammen. Wenn du deine kleine Susanne lieb hast, Papa, zwinge mich nicht, und sei mein guter, lieber kleiner Papa, der du immer gewesen bist!«

Und nun schlang sie ihre vollen weichen Arme von Neuem zärtlich um seinen Hals und küßte seinen Mund und seine Augen so stürmisch, daß er gar nicht im Stande war, sogleich zu antworten. Endlich aber machte er sich frei und blickte sein Kind kopfschüttelnd an.

»Ich begreife dich nicht, Susanne,« sagte er ernst. »Den braven, schönen Bertel, auf den jedes Mädchen stolz sein würde, willst du nicht haben? Ich denke, du bist die glücklichste Braut unter der Sonne? Aus euch Mädchen werde ein Anderer klug! Und das jetzt so wie aus der Pistole geschossen? Weiß denn Bertel, daß du andern Sinnes geworden bist? Wie kränkend ist das für ihn. Und ich freute mich so, einen so ausgezeichneten Schwiegersohn zu bekommen. Ich begreife dich wirklich nicht, Susanne.«

Das junge Mädchen zog den Vater zum Sopha, und sich dicht an ihn schmiegend sagte sie leise: »Papa, komm, ich will dir alles erzählen!« Und dann legte sie ihren Kopf an seine Schulter, nahm seine große Hand zärtlich zwischen ihre kleinen, feinen Fingerchen und erzählte ihm die Geschichte, die sie soeben in der dunklen Laube im Garten gehört hatte.

Als sie zu Ende war, saß Herr von Sassen noch eine lange Weile schweigend neben seiner Tochter. Endlich küßte er ihre Stirn und sagte sanft: »Und du, kleine Susanne, an dich selbst denkst du gar nicht dabei?«

»O Papa,« rief das junge Mädchen lebhaft, »an mich denke ich wohl. Soll ich es dir gestehen? Mir ist zu Muthe, wie meinem Papagei vorhin. Nachdem ich die Schnur abgelöst, die ich um sein Bein gebunden, um ihn fest zu halten, schlug er fröhlich mit den Flügeln und war so vergnügt, wieder frei zu sein. Mich hat meine Fessel schon in den paar Tagen so gedrückt, daß ich gar nicht mehr recht lustig sein konnte. Bertel ist so schön und gut, das ist wahr; aber er ist dabei so furchtbar klug und gelehrt -- und das Papa, das paßt nicht für mich, und ich passe nicht für ihn. Es ist mir ein wahrer Trost, daß ich es jetzt weiß, er wird froh sein, wenn ich ihm sein Wort zurückgebe. Nun kann ich doch auch wieder lachen und jubeln wie früher, ich glaube, bei Bertel hätte ich das ganz und gar verlernt.«

»Wenn es so steht, mein Kind, und nicht der Edelmuth allein dich bestimmt, so ist es freilich besser, wir lösen das Band,« sagte Herr von Sassen ernst, Susanne aber blickte ihn lachend an und rief: »Nein Papa, zu einer Tugendheldin ist deine kleine Suse verdorben. Hätte ich Bertel wirklich lieb, so wie ich denke, daß man seinen Bräutigam lieb haben =muß=, dann hätten tausend Esthers kommen können, ich wäre nicht zurückgetreten.«

»Ich will gleich einige Worte an Bertel schreiben, das sind wir ihm schuldig,« sagte Herr von Sassen aufstehend.

»Ja, ja, thue das, Papa,« rief Susanne und küßte den Vater noch einmal herzlich, dann hüpfte sie fröhlich trällernd zur Thür hinaus. Herr von Sassen blickte ihr sinnend nach, dann stützte er den Kopf in die Hand und seufzte. »Sie mag recht haben, dies Kind ist nicht für Hubert geschaffen,« sagte er traurig. »=Mir= geht es an das Herz, diesen lieben Jungen nicht Sohn nennen zu können, =sie= jubelt und singt, daß sie ihn los ist. O ihr Mädchen, was seid ihr für ein wunderlich Volk!« Dann griff er zur Feder und schrieb:

»=Lieber Hubert!=

Soeben macht mir meine kleine Susanne das Geständniß, daß sie trotz aller Liebe und Bewunderung, die sie für Dich hege, doch nicht deine Frau werden wolle und mich bitte, Dir das mitzutheilen. Sie behauptet, Ihr Beiden paßtet nicht für einander, und da ich mein einzig Kind nicht zu einem Bunde zwingen will, dem ihr Herz widerspricht, so bitte ich Dich, sie frei zu geben. Ein inniger Wunsch meines Herzens geht freilich damit zu Grabe; denn ich hätte Dich so gern meinen Sohn genannt! Aber, lieber Bertel, wenn auch meine wunderliche kleine Tochter anderen Sinnes geworden ist, mir wirst Du immer so lieb sein und bleiben, als wärest Du mein Sohn. Sieh' auch ferner noch mein Haus als das Deine an, und wie sich auch Deine Zukunft gestalten möge, Du wirst jederzeit einen treuen, väterlichen Freund besitzen in

Deinem =Adolph von Sassen=.«

Diesen Brief in der Hand stürzte Hubert in das Zimmer seiner alten Freundin, Frau Booland.

»Das ist dein Werk, Du Zauberin, sieh' hier!« rief er und warf das Blatt Papier der Alten in den Schooß; dann umschlang er sie mit beiden Armen und erdrückte sie fast vor ungestümer Freude.

»Ich bin ja frei, Tante, frei wie der Vogel in der Luft. O Dank, Dank! Nicht wahr, du bist es, die mich gerettet hat?«

Die Alte schob den Ungestümen sanft von sich, um den Brief zu lesen, der so verhängnißvolle Worte enthielt. Dann nickte sie mit dem Kopfe und sagte bewegt: »Braves, liebes Kind! Sie hätte es sicher auch gethan, selbst wenn sie dich lieb gehabt hätte! O Bertel, dies liebe Herz ist besser als du denkst! In diesem leichtherzigen, sorglosen Kinde ruht ein tief gefühlvolles, edles Gemüth. Du hast sie nicht geliebt, sonst hättest du den Schatz wohl erkannt, und sie hätte sich an deiner Seite herrlich entwickelt; Gott gebe ihr ein anderes Herz, das es versteht, sie glücklich zu machen; denn wahrlich sie verdient es!«

Nun hatten die Beiden noch eine lange Unterredung, und die Folge derselben war ein äußerst geschäftiges Kramen und Gehen und Bedenken von Seiten unserer guten alten Dame Booland, die einen riesenhaften Entschluß gefaßt hatte. Am andern Morgen wanderte sie schon in früher Stunde eilig durch das Dorf, dem Pfarrhause zu, um ihrer lieben Pastorin das volle Herz auszuschütten, während Hubert indessen eine wichtige Zwischensprache mit seiner Mutter hielt. Frau von Ihlefelds Herz hatten in der ganzen letztvergangenen Zeit tausend widerstreitende Gefühle und Gedanken bestürmt; denn wenn bisher einerseits ihr sehnlichstes Wünschen und Hoffen dahin gerichtet war, ihrem Sohne durch die Verbindung mit der Familie von Sassen den Weg zu Reichthum und Wohlbehagen zu bahnen, so fühlte sie andererseits doch gar wohl, welches Unrecht sie dadurch an der großherzigen Esther beging, und mit welchem Undank sie die Opfer dieses edlen Mädchens lohnte, deren Liebe zu Bertel ihrem scharfsichtigen Frauenauge nicht entgangen war. Aber Hubert schien Esther nicht zu lieben, sonst hätte er sich schwerlich den Bitten seiner Mutter gefügt. Das war für Frau von Ihlefeld eine große Beruhigung; jetzt mußte man suchen, sich Esther auf irgend eine Weise dankbar zu erzeigen für alles, was sie gethan hatte. Die Mittel dazu mußten sich finden, es konnte nicht allzu schwer sein; denn Esther war ja ein einfaches, anspruchsloses Mädchen. Aber als jetzt nach Ankunft von Esthers letztem Briefe ihr Sohn so aufgeregt davon stürmte, da schlug auch Frau von Ihlefelds Herz unruhiger. Was hatte Bertels Gemüth so heftig bewegt, als er diesen Brief las? Ahnte er Esthers Liebe zu ihm, die ja nicht mehr zu verkennen war? Jetzt aber war ja die Brücke abgebrochen, an Esther durfte er nicht mehr denken! Wie gut, daß dieser Brief erst jetzt kam, nachdem alles fertig und Bertels Zukunft gesichert war; wäre er früher gekommen, Hubert wäre schwerlich auf ihre Pläne eingegangen! Während Frau von Ihlefeld noch ihren Gedanken nachhing, trat ihr Sohn mit dem Briefe Herrn von Sassens zu ihr, freilich ohne zu gestehen, wer diese Wandlung in Susannes Seele hervorgerufen. Da aber erwachte der ganze Stolz in dem Herzen der noch immer vornehmen Frau; zornig fuhr sie auf und rief heftig: »Wie? Das bietet man uns? O wahrlich, in früheren Tagen hätte man das nicht gewagt! Erst weiß man nicht Wege genug, dich heran zu ziehen, und jetzt wirft man dich wieder fort, wie ein Spielzeug, das der albernen kleinen Prinzessin nicht mehr gefällt! Und der schwache Vater leidet solche Thorheit? O sie ist deiner gar nicht werth, das leichtsinnige Ding! Dich so zu behandeln, es ist ja empörend. Gut denn, laß sie laufen, sie verdient es nicht besser! Gott sei Dank, wir haben jetzt nicht mehr nöthig, durch andere unsre Lage zu verbessern. Wenn es auch kein großes Vermögen ist, das wir erhalten, so genügt es doch, bis du einmal eine Anstellung bekommst. Und weißt du, was du jetzt thun solltest, Bertel, gerade um der hochmüthigen Susanne zu zeigen, daß du dir aus ihrem Korbe nichts machst? Verlobe dich mit unserer Esther! Sie liebt dich, dessen bin ich sicher, und wenn ich es recht bedenke, kannst du eigentlich nie ein Mädchen finden, das besser zu dir paßt. Freilich, sie ist nur ein Bürgerkind, und unser alter Adel wird arg dadurch geschädigt; -- aber lieber Gott, wir sind dem guten Mädchen doch sehr viel Dank schuldig, und sie wird dich und mich sicher stets mehr in Ehren halten, als es jene leichtfertige Susanne gethan hätte.«

Hubert hatte seine Mutter ruhig ausreden lassen; denn das Herz war ihm so übervoll, daß er jeden Augenblick in Gefahr war, sein Geheimniß zu verrathen. Seine Mutter aber durfte nicht ahnen, daß er selbst die Hand zu dem Bruche mit Susanne geboten, sie hätte ihm das nie vergeben. Rastlos schritt er während ihrer Rede in dem kleinen Zimmer auf und nieder. Als aber Frau von Ihlefeld von dem neuen Verlobungsplane sprach, da trat er rasch an das Fenster, seine Bewegung zu verbergen. So freudig überrascht er auch war, von seiner Mutter selbst eine Aufforderung zu erhalten, von der er sich gefürchtet hatte, ihr zu sprechen, so verletzte es ihn doch, daß sie glauben konnte, sein Herz sei so rascher Wandelung fähig. Wie, wenn er nun Susanne wirklich geliebt hätte, wie sie geglaubt? Konnte er dann augenblicklich eine Andere an ihre Stelle setzen? Und seine Mutter gestand jetzt, sie habe gewußt, daß Esther ihn liebte; trotz alledem überredete sie ihn zu der Verbindung mit Susanne! In Huberts Seele stritten tausend Gedanken mit einander, und er fühlte, daß sein Herz mehr und mehr von bittren Gefühlen gegen seine Mutter erfüllt wurde, in deren Händen er wie Wachs bald so bald so geformt werden sollte, gerade wie es ihren Zwecken entsprach. Aber endlich verwandelte sich diese Bitterkeit in Zorn gegen sein eigenes, schwaches Gemüth, das diesen Anmuthungen so wenig eigene Willenskraft entgegengesetzt hatte. Seine Mutter, so wenig er auch deren Handlungsweise billigen konnte, war doch nur durch die Liebe zu ihrem Sohne dazu getrieben worden; ihr durfte er nicht zürnen. So gab er denn keinem jener bittern Gedanken Worte, sondern sich zu seiner Mutter wendend, sagte er weich: »Liebe Mutter, es ist mir lieb, daß Susanne mir ihr Wort zurückgegeben. Ich hätte sie nie glücklich machen können; denn seit der Ankunft von Esthers Brief weiß ich erst, wie sehr ich Esther liebe und immer geliebt habe. Ich danke Gott für diese Lösung, und ich bin glücklich, daß dein Wunsch mit dem meinen zusammentrifft. Eine bessere Tochter, als Esther könnte ich dir nie zuführen.« Dann küßte Hubert mit Innigkeit seiner Mutter, die ihn betroffen anblickte, die Hand; aber Beide schwiegen, denn sie fühlten wohl, daß es besser sei, alles Weitere unerörtert zu lassen.

Frau von Ihlefeld wandte das Gespräch auf den Brief, den sie soeben im Begriff war, sowohl an Esther, als auch an Herrn Richard zu schreiben, um Esther aus der peinlichen Situation zu erlösen, in welcher das brave Kind sich befand.

»Nur an Herrn Richard schreibe sogleich, liebe Mutter; alles andere übernehme ich selbst,« sagte Hubert freudig erröthend. »Morgen früh reise ich selbst zu Esther.«

Frau von Ihlefeld blickte erstaunt auf ihren Sohn, dessen rasches entschlossenes Wesen ihr etwas ganz Neues war. Sein Gesicht war plötzlich so strahlend schön geworden, von Wonne und Glückseligkeit, daß sie ihr Auge fast erschrocken auf ihm ruhen ließ; denn jetzt erst erkannte sie, was in ihrem Sohne vorging. »Bertel, mein liebes, theures Kind!« rief sie unwillkürlich und streckte ihm die Arme entgegen, und mit dem jubelnden Ruf: »O meine Mutter!« hielt der Sohn seine Mutter umschlungen.

Für Esther war indessen die Zeit mit bleiernem Flügelschlage dahingeflogen. Ein unsägliches Weh erfüllte ihre Brust; sie hätte sich am liebsten nieder gelegt, um nie wieder aufzustehen; denn was sollte sie noch hier auf Erden, wo Glück und Freude für sie verschwunden waren. Müde und gleichgültig saß sie eines Abends am Fenster ihres Zimmerchens und schaute in die fast unheimliche Gluth, welche die sinkende Sonne über Himmel und Meer verbreitete, als solle die ganze Erde von dem glühenden Feuer verzehrt werden. Endlich verblichen die brennenden Tinten; kalte Abendschatten legten sich über Land und Meer, und der Zauber von Licht und Glanz, der soeben noch die Welt in wonniger Pracht erstrahlen ließ, er war geschwunden; graue Nebel stiegen empor, und erloschen war aller Reiz und alle Schönheit.

»Wie mein Leben!« seufzte Esther, die trüben Blicke über das Meer hinübersendend. »Seine Liebe war die Sonne, in deren goldnem Scheine mein armes Leben in wunderbarer Herrlichkeit lachte -- nun ist meine Sonne erloschen, mein Leben todt und reizlos und von grauen Nebeln umhüllt!«

Sie legte ihren Kopf gegen die kalten Scheiben des Fensters, denn ihre Stirn brannte und suchte Kühlung. Da wurde an die Thür geklopft. »Ein Brief, mein Fräulein!« Hastig griff Esther nach demselben. Er war auf der Heimath, aber die Schrift kannte sie nicht. Mit fliegender Hand riß sie ihn auf; es war Susannes Brief.