Drei Erzählungen für junge Mädchen
Part 19
Frida wagte auf diese Worte nichts zu entgegnen, denn sie fühlte wohl, daß es unlautre Gründe waren, welche sie gegen ihre Stiefmutter einnahmen, und daß besonders die Beschränkung ihrer Launen und ihres übermäßig freien Willens sie so dauernd empörte. Sie hatte gehofft, an der Schwester ihrer Mutter eine Bundesgenossin zu finden, welche völlig so eingenommen gegen Gertrud war, als sie selbst. Da sie nun aber sah, wie anders Tante Marie den Schritt des Vaters beurtheilte, nahm sie sich vor, solch Gespräch nie wieder in Anregung zu bringen, sondern ihren Verdruß im Herzen zu verschließen; verstanden wurde sie ja doch nicht. Auch gegen ihre Cousinen mochte sie über diesen Gegenstand nicht sprechen, sie kannten ja die Verhältnisse nicht. Wie anders freilich war das zu Haus, wo sie gegen ihre Freundinnen ihr Herz ausschütten konnte und bei diesen zehnfaches Echo fand! Wie wurde sie von diesen bedauert wegen des Unrechtes, das ihr geschehen, und wie bestärkten sie diese klugen, jungen Mädchen in der Opposition, welche sie der unwillkommnen Stiefmutter entgegen zu bringen entschlossen war. Im Kreise dieser jungen Backfischchen hatte Frida stets neue Nahrung für ihre Gefühle gesucht und gefunden, und wenn Gertruds sanfte, liebevolle Weise oft schon auf Frida's Herz ihren günstigen Einfluß geübt, dann waren es die leidenschaftlichen Rathschläge und Ansichten dieser Freundinnen, und besonders Franziska's, welche alles wieder verdarben. Gertrud ahnte das wohl, denn sie kannte einige dieser jungen Mädchen; aber dennoch wagte sie nicht, Frida den Umgang mit denselben zu verbieten, die Sache wäre dadurch nur schlimmer geworden.
Hier nun im Hause der Tante machte das friedliche Leben bald seine Rechte auf das junge Mädchen geltend, und da jene leidenschaftlichen Empfindungen nirgends Anklang und Nahrung fanden, wurden sie stiller und stiller, und endlich dachte Frida gar nicht mehr mit jener Abneigung an Gertrud, welche sie bis dahin erfüllt hatte. Die Briefe aus der Heimath waren Boten der Freude; das Vaterhaus strahlte aus der Ferne bald wieder in freundlichem Glanze zu ihr herüber, und der Gedanke, bei ihrer Rückkehr wieder in jenes verhaßte Verhältniß zur Stiefmutter einzutreten, nahm mehr und mehr eine andere Färbung an, je länger Frida vom Hause fort war.
Als am ersten Tage gleich früh Morgens alles an die Arbeit eilte, wie es in diesem Hause Sitte war, sagte Tante Marie in ihrer schlichten Weise zu Frida: »Nun, mein liebes Töchterchen, da du ganz als Familienglied und Kind des Hauses bei uns sein sollst, versteht es sich auch, daß wir keine Umstände mit dir machen. Jeder geht an seine Geschäfte wie alle Tage. Charlotte hat heut die Küche unter ihrer Leitung, Hannchen ist seit dem frühen Morgen schon in der Milchwirthschaft beschäftigt, Martha besorgt soeben die Hühner und dann nimmt sie sich der Kleinen an, während ich mit Hermann im Keller Bier auf Flaschen füllen will. Magst du einem von uns Gesellschaft leisten, so soll es uns lieb sein; willst du aber lieber lesen oder musiciren, oder dich im Garten ergehen, so findest du hier Bücher und Noten und manch hübsches Plätzchen draußen im Freien. Ich will dir die Kinder zur Gesellschaft schicken, wenn Martha ihnen Urlaub giebt; denn bei ihr haben sie Schule. Das Mädel ist ein geborner Schulmeister, sage ich dir.«
Frida zog es vor, im Zimmer bei Büchern und Clavier zu bleiben, und so verließ sie die Tante, um den tausend Geschäften nachzugehen, welche ihrer harrten. Das junge Mädchen sah sich nun allein mitten unter all den vielen thätigen Menschen, welche sie umgaben und kam sich unendlich überflüssig in diesem Hause vor. Sie ergriff ein Buch und las ein Wenig; aber ihre Gedanken flogen davon fort, bald zurück in die Heimath, bald den Stimmen nach, welche sie hier und dort hörte. Dann versuchte sie die Noten, welche auf dem Clavier lagen; aber sie fand dieselben altmodisch und langweilig und das Instrument gar zu klanglos. Es war ja ein Jammer, daß sie ihre Uebungen auf solchem »Rumpelkasten« halten sollte; zu Hause hatte sie einen so prachtvollen Flügel von Papa erhalten. Sie stand ärgerlich auf und suchte andere Unterhaltung; aber alles mißfiel ihr. Ein Gefühl von Verdruß überkam sie mehr und mehr, daß niemand sich um sie bekümmerte, gerade als wäre sie gar nicht in der Welt! Und sie war doch Gast hier im Hause und an Vernachlässigungen überdies in keiner Weise gewöhnt. Was in aller Welt sollte sie hier anfangen, wo jeder nur an sich selbst dachte, jeder seiner Arbeit nachging, ohne danach zu fragen, ob sie sich indessen zu Tode langweilte? Das war ja wirklich nicht zu ertragen!
Frida's Verstimmung wuchs von Minute zu Minute, bis endlich die Langeweile sie bewog, da man sich nicht um sie bekümmerte, selbst den ersten Schritt zu thun und zu ihren Cousinen zu gehen. Sehr verlockend freilich war es nicht, sie bei ihren Arbeiten aufzusuchen; aber was thut man nicht, um sich die Zeit zu vertreiben! Sie ging in die Kinderstube, wo Martha beschäftigt war, ihren beiden kleinen Geschwistern Lesestunde zu geben, während das dreijährige Brüderchen daneben spielte und sich aus Bausteinen einen Palast erbaute.
Bei Frida's Eintritt blickten die Kinder von ihren Beschäftigungen auf, und die kleine Marie sprang dem jungen Mädchen fröhlich entgegen.
»Wo steckt ihr denn nur alle?« sagte Frida gereizt, »und wo ist Hannchen und Charlotte geblieben?«
»Ich dachte, du wärest bei ihnen, liebe Cousine,« entgegnete Martha etwas schüchtern. »Ich muß die Kinder einige Stunden beschäftigen; Hannchen ist im Milchkeller und Lottchen in der Küche. Sie denken wohl, da ist keine Unterhaltung für dich. Willst du bei uns bleiben?«
»Ich werde Hannchen aufsuchen,« sagte Frida kurz; denn sie fand es schon bei ihren kleinen Geschwistern zu Hause unter ihrer Würde, sich mit diesen abzugeben, wie viel mehr noch diesen kleinen Bauernkindern gegenüber; denn etwas anderes als Bauernkinder waren die dicken, kleinen Posaunenengel doch wirklich nicht.
»Mariechen, lauf und zeige Frida den Milchkeller!« rief Martha der kleinen Schwester zu, und diese ergriff zutraulich die Hand der Cousine und zog sie mit sich fort. Sie hatten den großen Hof zu durchschreiten, den allerlei Federvieh und anderes Gethier belebte. Es hatte in der Nacht geregnet, und in Folge davon war der Hof etwas unsauber, besonders in der Nähe einiger Ställe, an denen sie vorüber schritten.
»O Gott, meine Stiefeln! Ist das ein Koth hier bei euch!« rief Frida und blickte voll Entsetzen auf ihre hellfarbigen, zierlichen Stiefelchen, welche in diesem unvermeidlichen Unrath schon nach wenig Minuten feucht und unsauber geworden waren. »Warte, ich hole dir Holzpantoffeln!« rief Marie und kam sogleich mit einem solchen Paar zurück, während ein zweites lustig an ihren eigenen, kleinen Füßen klapperte. Frida versuchte darin zu gehen, unmöglich! Sie ging wie auf Stelzen und fiel nun erst recht in die Pfützen. Aergerlich erreichte sie endlich ihr Ziel und kroch die Stufen hinab, welche in den Milchkeller führten. Hannchen kam ihr hier fröhlich entgegen, das Kleid aufgeschürzt und in der Hand einen breiten Löffel, mit dem sie soeben die Sahne von den zahllosen Milchschüsseln abrahmte, welche ringsum im Keller standen. Frida trippelte zaghaft näher, denn ihr war sehr unbehaglich zu Muthe. Für ihre dünnen, nassen Stiefelchen war dieser feuchte, von Milch hier und dort getränkte Fußboden noch schlimmer, als draußen der schmutzige Hof; auch umgab sie hier eine so kalte Kellerluft, es roch so unangenehm nach Milch und Molken, sie wäre am liebsten gleich wieder fortgelaufen. Hannchen ging ruhig weiter von Schüssel zu Schüssel, ohne sich in der Arbeit stören zu lassen, und das verdroß Frida auch. Was sollte sie hier, sie war ja nur im Wege und erkältete sich am Ende noch bis auf den Tod. Aber jetzt lächelte Hannchen ihr so freundlich zu und schien so erfreut, sie hier zu sehen, da durfte sie doch nicht gleich wieder davon laufen. So hob sie denn ihr helles, reichgarnirtes Kleid sorgfältig auf und trippelte hinter Hannchen drein von einer Milchsatte zur andern.
»Was machst du nur eigentlich, Hannchen?« rief sie nach einer Weile, als sie sah, wie jene überall sorgfältig mit dem breiten Löffel die dicke Sahne von der geronnenen Milch abschöpfte. »Du verdirbst ja die ganze saure Milch! Wer soll die denn genießen, wenn du die Sahne herunternimmst?«
Hannchen lachte herzlich und sagte: »Die Schweine, Cousinchen! Etwas bleibt zur Bereitung von Käse, das Uebrige wird Viehfutter. Auf den Tisch kommt solche abgerahmte Milch nicht, habe keine Furcht!«
»Aber wer soll denn all die Sahne essen, die du da sammelst?« fragte Frida weiter.
»Essen? Gott bewahre, das wäre schön!« rief Hannchen. »Daraus soll ja die Butter für's ganze Haus gemacht werden.«
»Die Butter? =Daraus= macht ihr Butter?« fragte Frida verwundert.
»Nun ja, woraus denn sonst?« lachte Hannchen. »Komm und sieh dir das Buttern einmal mit an; du hast es wohl noch nie gesehen?«
Frida folgte der Cousine in den Nebenraum, und hier sah sie mehrere hohe Butterfässer, welche von einigen derben Mägden in Bewegung gesetzt wurden. Das war für die kleine Stadtdame ein völlig neuer Anblick, und erstaunt sah sie dann, daß das Fett der Sahne sich bei der Bewegung im Faß von den Milch- und Wassertheilen trennte und sich zu kleinen Butterklümpchen verwandelte. Hannchen bot ihr ein Glas frischer Buttermilch an, welche aus dem Fasse gegossen wurde, und Frida genoß mit Vergnügen den unbekannten Trank, der ihr sehr mundete.
»Heute Abend kostest du gewiß mit doppeltem Appetit von der Butter, die du hier entstehen sahst,« sagte Hannchen, auf die leckere, weiße Masse zeigend, welche nach und nach aus den Fässern wanderte. »Ueberhaupt denke ich, wenn du erst allerlei hier kennen gelernt hast, wirst du Geschmack an unserm Leben finden. Aber nun soll Mariechen dich ein Bischen umherführen, ich muß zu den Leuten!«
Frida folgte der kleinen Marie etwas zaghaft nach dem Hofe, der ihr als ein äußerst unangenehmer Aufenthalt erschien. Aber die kleine Cousine ruhte nicht, bis sie dem jungen Mädchen all ihre Lieblinge gezeigt hatte, und kroch aus einem Stalle in den andern, bald hier eine Ziege an den Hörnern hervorziehend, bald dort weiße Kaninchen oder ein junges Lämmchen, oder besonders hübsche Hühner und Tauben. Frida kam sich vor wie ein Opferlamm und ließ sich geduldig von einem Stall zum andern, von einer Hütte oder einem Verschlag zum andern führen. Ihre schönen Stiefelchen waren ja doch einmal für ewig verdorben, und in welchen Zustand ihr feines Kleid auf dieser Wanderung gerieth, das sollte sie nicht länger beunruhigen; sie hatte doch wenigstens etwas Unterhaltung bei diesen Streifzügen.
»Aber das Kälbchen von unserer guten Bleß mußt du noch sehen, Frida, es ist zu niedlich!« rief Mariechen, abermals eine Stallthür öffnend und das junge Mädchen hereinziehend.
»Aber hier riecht es ja so schrecklich und ist zu fürchterlich schmutzig,« sagte Frida und blieb zögernd in der Thür des Kuhstalles stehen, ängstliche Blicke auf die Kühe heftend, welche brummend die dicken Köpfe nach ihr umdrehten. Sie mochte es nicht gestehen, daß sie sich vor den Thieren fürchtete, in deren nächster Nähe sie noch niemals gewesen war. »Sie werden dich stoßen, Mariechen, nimm dich in Acht!« rief Frida ängstlich, als sie sah, wie das kleine Mädchen furchtlos zwischen den schrecklichen Thieren umherkroch und sie mit ihren kleinen Händen zur Seite schob, um sich Platz zu dem Kälbchen zu machen, das neben einer hellbraunen Kuh in der Ecke am Boden lag.
»Mich stoßen?« lachte die Kleine. »Das wäre schön, alte Bleß, nicht wahr? Wir kennen uns besser. Alle Kühe in den Ställen kennen mich, Frida, sie sind nicht böse. Komm doch einmal her und sieh dir das Kälbchen an; es hat einen weißen Stern auf der Stirn, gerade wie seine Mutter, die Bleß.«
Aber Frida blieb ängstlich in der Thür stehen; sie hätte sich um die Welt nicht zwischen diesen Ungeheuern durchgedrängt, die sie alle mit ihren Hörnern zu bedrohen schienen.
»Nein nein, es riecht so sehr schlecht im Stalle,« sagte sie und wollte eben zurücktreten, da wurde sie von außenher hineingedrängt.
»O der Duft vom Kuhstall ist sehr gesund, Cousinchen, nur immer hinein und zier dich nicht!« rief eine etwas rauhe Stimme, und Frida sah Hermann neben sich, welcher, ein Paar hohe Stulpenstiefeln an den Füßen, sich an ihr vorbei drängte. Dann ging er pfeifend die Reihe entlang und klopfte bald dies, bald jenes der Thiere auf den glatten Schenkel, sie liebkosend und beim Namen nennend, und ein leises Brummen war die Antwort der gehörnten Freunde. Zögernd folgte Frida, indem sie sich ängstlich von den Thieren fern hielt, und sie seufzte froh auf, als sie die andere Seite erreicht hatte und durch die Thür hinausschlüpfen konnte.
»Hast du unsere Ferkel schon gesehen, Cousinchen?« sagte Hermann jetzt.
»Schweine?« rief Frida entsetzt. »Pfui, in den Schweinestall soll ich doch nicht etwa auch kriechen?«
»Hoho,« lachte Hermann, »da ist nicht pfui zu sagen! Unsere Schweine wohnen höchst appetitlich; komm nur mit, es ist da eine ganz prächtige Gesellschaft beisammen.«
Frida verzog den Mund spöttisch, folgte aber doch dem etwas ungalanten Vetter, der sie zu seinen Schützlingen führte. Aber sich abwendend hielt sie sich hier schnell das Tuch vor's Gesicht und wollte davon laufen. Hermann ergriff jedoch rasch ihre Hand und zog sie vorwärts. »Narrenspossen, ich lasse dich nicht fort, die Ferkelchen mußt du sehen, sie sind zu prachtvoll!« rief er eifrig. Dabei öffnete er einen der Bretterverschläge, und sogleich kamen eine ganze Menge kleiner, weißer Schweinchen herausgesprungen, welche quiekend um Frida herumliefen. Diese schrie laut auf vor Schrecken und Angst und klammerte sich mit den Händen an Hermanns Arm, besonders als das alte Mutterschwein jetzt grunzend mit seiner Schnauze ihre Füße berührte und sich nach ihren muntern Sprößlingen umschaute. Hermann lachte aus vollem Halse über Frida's Angst, und der alten Sau einen Tritt gebend, daß sie zur Seite fuhr, rief er lustig: »Bist du aber ein Hasenfuß, Cousinchen! Die Thiere thun dir alle nichts, das sind keine Löwen und Tiger. Sieh dir nur einmal die schmucken Ferkelchen an, hast du so was Niedliches dein Lebtag schon gesehen? Sind sie nicht weiß und lecker wie kleine Leberwürstchen? Und sieh nur, was sie für possirliche Sprünge machen und für allerliebste Schwänzchen haben! So ein Ferkelschwänzchen könntest du als Cravatte um den Hals tragen; so niedlich und zierlich kannst du keinen Knoten schlingen, sieh nur einmal!« Und rasch fing er eins der glatten, flinken Thiere und legte es Frida auf die Arme, das zierlich zu einer Schleife gewundene Schwänzchen hoch emporhebend.
Frida warf das völlig haarlose, fette, kleine Wesen voll Grauen zur Erde und rief beleidigt: »Behalte dein Viehzeug für dich, ich danke bestens! Pfui, wie ich nun rieche und aussehe!«
Hermann schlug mit seiner Reitpeitsche, die er in der Hand hielt, lachend unter die kleinen, quiekenden Thiere, daß sie über einander sprangen und sich kugelnd umher wälzten wie Gummibälle. »Bist du aber zimperlich!« rief er spottend. »Ihr Stadtleute seid komisches Volk. Einen Schweinsbraten, oder einen leckeren Schinken und frische Wurst verachtet ihr doch wahrlich nicht, obwohl es von diesen armen Thieren herstammt. Aber die Narrenspossen wirst du schon verlernen, hoffe ich, Fridelchen, ich werde dafür sorgen; dann nimmst du so ein Ferkel mit Entzücken in deine Arme und herzt es wie ein Schooßhündchen, das sollst du sehen.«
Frida hatte jetzt aber genug. Sie war dem ungalanten Vetter böse und wandte ihm rasch davongehend, den Rücken. Dieser pfiff lustig hinter ihr drein in echter Jungensweise; dann sang er in äußerst unmelodischen Tönen und mit der Reitpeitsche in der Luft umherfuchtelnd: »Hans mit den Pluderhosen sprang über'n Kachelofen -- wutsch! war er weg.« Darauf verschwand er wieder in den Ställen, die zimperliche Cousine sich selbst überlassend.
Frida wollte eben ihr Zimmer aufsuchen, um sich von allem Schmutz dieser ersten ländlichen Inspectionsreise zu befreien, da kam Charlotte vom Hause her und sagte: »Ich will meine Glucken besuchen, Frida, kommst du mit mir? Vier habe ich gesetzt, wir wollen einmal sehen, was sie machen.«
Frida verstand von dieser Rede eben nur, daß die Reise nach dem Hühnerstalle gehen sollte, und da Federvieh ihr noch das Liebste von all dem Gethier auf dem Hofe war und ihr auch am wenigsten Furcht erregte, so begleitete sie Charlotten, denn schmutziger konnte sie ja doch jetzt nicht mehr werden, als sie nach diesen vorhergehenden Besuchen schon war.
»Hier sind nur einige von unsern Glucken,« sagte Charlotte, einen engen, dunklen Stall betretend, in dem einige Hennen still in Körben saßen, die mit Stroh ausgefüllt waren. »Der eigentliche Brütstall steht unter Mutters Leitung, du mußt dich einmal von ihr mit dahin nehmen lassen. Das hier ist mein Privatbesitz; die Hennen schenkte mir der Herr Pastor an meinem Geburtstage, und er soll nun auch die ersten Küken davon haben.«
Vorsichtig hob Charlotte nun eine Henne nach der andern empor und untersuchte die unter ihr liegenden Eier. »Die gelbe Kronenhenne sitzt am längsten, unter ihr scheint es mir lebendig zu werden,« sagte sie mit leuchtenden Augen und kniete neben derselben nieder »Sieh da, zwei Kleine sind glücklich an's Tageslicht gekommen!« rief sie freudig und zog Frida zu dem Korbe herab, von dem sie die laut gackernde Glucke an den Flügeln empor gehoben hatte. Zwei kleine Küken krabbelten da vergnüglich im Stroh herum, und das Eine hatte noch ein Stück Eierschale auf dem Kopfe.
»Faß einmal das Ei da an, Frida, aber vorsichtig,« sagte Charlotte, auf eines der im Neste liegenden Eier zeigend. Frida blickte hin und nahm das Ei zögernd in die Hand, legte es aber sogleich wieder hin, einen leisen Ruf der Ueberraschung ausstoßend. Aus der Schale des Eies sah nämlich ein kleiner, spitzer Schnabel hervor, dem gleich darauf ein dunkles Köpfchen folgte, das sich durch die Eierschale hindurch arbeitete.
Die Federchen lagen feucht und zusammengeklebt auf dem runden Köpfchen, die Aeugelchen blickten aber ganz vergnügt daraus hervor. Nach einer Weile hatte sich das ganze Körperchen aus der Schale herausgearbeitet und zappelte mit den Resten seines kleinen Gefängnisses in Gesellschaft der andern Kükel im Stroh umher. An einem daneben liegenden andern Ei war auch schon ein großer Sprung; man hörte leise picken und sah, wie von innen ein spitzes Schnäbelchen an der Umhüllung bohrte, um sie zu durchbrechen. Frida war außer sich vor Entzücken und wollte gar nicht fort von dem Korbe, denn so etwas Reizendes war ihr noch nie vorgekommen. Charlotte aber nahm die Küken heraus und setzte dann die Glucke vorsichtig wieder auf den Korb. »Länger darf ich das Nest nicht unzugedeckt lassen, die Eier werden sonst kalt,« sagte sie. »Die Kükel aber thun wir hier in den Federtopf, daß die Alte sie nicht zertritt, bis alle heraus sind.«
Frida war glücklich wie ein Kind, als Charlotte ihr die kleinen Hühnchen in die Hand gab, damit sie dieselben in den Federtopf tragen sollte. Als Charlotte ihr aber sogar versprach, die Kükel der nächsten Glucke wollte sie ihr schenken, diese ersten müsse der Herr Pastor haben, da sprang sie jubelnd in dem engen Stalle umher und umarmte und küßte Charlotte vor Wonne. Kein kostbarer Schmuck und kein neues Kleid hätte dem jungen Mädchen eben jetzt solche Freude machen können, als der Besitz solch kleiner, spashafter Küken, wie diese, die leise piepsend in dem Federtopfe über einander kugelten.
»Wann kommen denn wieder welche aus, Lottchen?« rief sie ungeduldig und lief von einem Brütkorbe zum andern.
»In den nächsten Tagen, hoffe ich,« sagte Charlotte, »sie sitzen fast alle schon drei Wochen.«
»Was, so lange muß solch arme Henne sitzen?« rief Frida, die Hände zusammenschlagend. »Das ist ja ganz schrecklich! Muß =die= sich langweilen!«
Charlotte lachte herzlich. »Ja, und denke nur, das arme Thier frißt und säuft nicht einmal zu ihrer Unterhaltung, während sie brütet. Früh Morgens kommt sie vom Nest herunter und frißt sich satt, und dann fastet sie den ganzen übrigen Tag. Es ist keine Kleinigkeit für eine gute Glucke, ihre Eierchen sich auszubrüten.«
Frida blickte ordentlich mit Respect nach den treuen, pflichteifrigen Hennen -- der Hühnerstall hatte ihr Herz gewonnen. Das war der erste Schritt zu ihrer Aussöhnung mit dem ihr so schrecklich erscheinenden Landleben, und täglich folgte sie Charlotten oder Tante Marie zu dem Federvieh, dessen Leben und Treiben ihr bald ganz bekannt war, und das sie mit regstem Interesse verfolgte. Die jungen, frisch aus dem Ei gekommenen Kükel aus dem Federtopf zu nehmen, sie dann auf den Tisch zu setzen und mit klein gehacktem Ei oder Hirse zu füttern, war ihre liebste Unterhaltung. Wenn dann die täppischen, kleinen Wesen ungeschickt über einander kugelten und vorn überfallend das Gleichgewicht verloren, sobald sie die Körnchen aufpicken wollten, dann jubelte Frida laut auf vor Vergnügen und konnte sich keine hübschere Unterhaltung denken. Und um Hühner- oder Enteneier zu suchen und einzusammeln, scheute sie bald keinen Stallgeruch und keine unsauberen Winkel mehr; ja selbst enge Treppen und Leitern kletterte sie eifrig hinauf, wenn sie irgend ein Huhn dort gackern hörte und es in Verdacht hatte, seine Eier verschleppt zu haben.
»Unser Fridchen wird noch eine ganz leidenschaftliche Landwirthin werden, gebt Acht!« rief Onkel Bremer oft vergnügt, wenn er die hübsche Nichte in ihrem Eifer beobachtete, und Tante Marie behauptete ganz ernsthaft, noch nie solch reichen Eiersegen gehabt zu haben, als seitdem Frida die Hühner unter ihren Schutz genommen; sie besitze gewiß ein Geheimmittel, womit sie die Hühner bezaubere.