Drei Erzählungen für junge Mädchen
Part 18
Als wir in das Haus eingetreten waren, umarmte Tante Marie mich noch einmal und begrüßte mich als lieben Gast. Auch meine Cousinen kamen jetzt ganz zutraulich herbei und nahmen mir Hut und Mäntelchen ab, mit höchst verwunderten Blicken meine Frisur und Toilette betrachtend, wie ich wohl merkte. Ich kam mir in meinem Anzuge, der doch nur eben modern und gewiß nicht übertrieben elegant ist, hier in dieser grenzenlos einfachen, ja ich möchte sagen, ärmlichen Umgebung aber auch selbst höchst eigenthümlich vor, wie eine Prinzessin im Kreise von schlichten Bürgersleuten. Und doch ist Tante Marie die Schwester meiner Mutter, also bin ich doch gar nicht vornehmer als meine Cousinen, wenn mein Papa auch ein hoher Staatsbeamter ist. Uebrigens sind diese meine Cousinen ganz hübsche Mädchen, nur freilich zu roth und zu gesund aussehend für unsere Cirkel. Das glatt gescheitelte Haar, wie es bekanntlich jetzt nur noch die Engel tragen, bei Charlotte dunkel, bei Hannchen weich und blond, umrahmt angenehme Züge, und die blauen Kornblumenaugen blicken ohne Falsch in die Welt hinein. Aber denke Dir, daß meine Cousinen in dunkeln Kattun gekleidet sind, wie ihn unsere Dienstleute tragen, ohne einen Schatten von Ueberwurf oder Garnierung, und helle, bunte Kattunschürzen liegen darüber zum Schutz dieser kostbaren Gewänder. Und welcher Schnitt von Taille und Aermel! Wahrhaft lächerlich einfach. Der Onkel, der jetzt rasch und laut in das Zimmer trat und uns wie ein rechter Biedermann begrüßte, ist der Typus eines schlichten Landmannes vom Kopf bis zur Zehe. Seine blonden, krausen Haarlocken und das feuerrothe Gesicht, aus dem die hellen, blauen Augen ordentlich spashaft bunt herausleuchten, werden von ein Paar mächtig breiten Schultern getragen, und der ganze prachtvolle Mann steht so fest und sicher mit seinen Füßen in den riesigen Stulpenstiefeln, als gehörte ihm die ganze Welt. Aber wenn Du denkst, das ist nun die ganze Familie, da irrst Du Dich sehr. Jene beiden Cousinen sind nur die Aeltesten einer ganzen Reihe von Kindern. Zuerst präsentirte sich noch ein halbreifer Backfisch in ausgewachsenen Kleidern, mit einem schüchternen Gesicht und linkischem Benehmen; dann ein Bursche von etwa 13 Jahren, der gerade zu den Ferien hier ist, ein richtiger Schlagtodt, und endlich kommen noch ein Mädel und zwei kleine Jungen, der Jüngste etwa 3-1/2 Jahr alt. Und das ist alles roth und dick und kräftig und gesund, bald schwarz wie die Mutter, bald blond wie Papa, und lacht und schwatzt und läuft durcheinander, daß einem der Kopf schwirren möchte. Lieber Gott, wenn ich an meine beiden blassen, stillen Geschwister zu Hause denke, wie wird mir da! Die hätte Papa herschicken sollen, daß sie frisch und gesund hier werden, =ich= mag ja gar nicht solche unverschämt rothen Backen haben, wie Hannchen und Lottchen, das ist ja so schrecklich gewöhnlich. Nun ich denke, ich werde mich wohl davor hüten können. Aber freilich, diese Kost, welche hier täglich genossen wird, ist dazu angethan, den Körper robust und derb zu machen. Was wird hier alles aufgetragen! Von diesen Riesenschinken, diesen armstarken Würsten, diesen mächtigen Fleischstücken, welche hier geräuchert, gekocht und gebraten die Tafel möchten brechen machen, hast Du gar keine Idee. Und diese Butter, dieser Honig, diese Milch und Sahne und diese Fülle von Obst -- ich meine oft, ich bin im Lande Kanaan, und Onkel Bremer lacht immer über sein ganzes, hübsches Gesicht, wenn er mein Staunen über solche Fülle mit ansieht. Welche Ueberwindung kostet es da, nicht frisch drauf los zu schmausen, sondern an seine zierliche Figur zu denken, für welche solche Kost ewiger Ruin wäre. Denke Dir, wenn ich als derbe, plumpe, feuerrothe Landdirne mit dicker Taille und braunem Gesicht und Händen wieder zu Dir käme! Was würde wohl Baron L. dazu sagen? Und wie würde Lieutenant v. F. verächtlich sein bleiches Bärtchen drehen und mit einem hm, hm, ei wie Schade! seinen Augenkneifer eilig wieder herabfallen lassen, durch den er die ehemalige »Rosenknospe« bewundern wollte.
Aber ich schreibe alles durcheinander und wollte Dir doch von dem Leben hier noch etwas erzählen. Den nächsten Tag, als Papa noch hier blieb, war das Treiben im Hause noch etwas festlich und aus dem Geleise gebracht, dann aber ging alles wieder seinen regelmäßigen Gang, gerade wie ein Uhrwerk, und da bin ich denn mitten hinein gefallen, ohne daß irgend Jemand sich in seinen täglichen Arbeiten stören läßt oder besondere Notiz von mir nimmt. Jedermann ist herzlich und freundlich gegen mich, wie man denn den ganzen Tag kein böses Wort hört, trotz der vielen Kinder. Aber ich fühle mich doch im höchsten Grade unbehaglich; denn was soll =ich= unter diesen Menschen, die den ganzen Tag vom frühesten Morgengrauen, (o mein Gott, =wie= entsetzlich früh!!) bis in die Nacht hinein nichts thun als arbeiten, arbeiten! Am ersten Tage meinte ich, man habe etwas Besonderes vor, daß alles so unablässig thätig war; aber nun merke ich wohl, man treibt es nie anders. Mir schwindelt ordentlich, wenn ich sehe, wie meine Cousinen immerfort nähen, stricken, kochen, plätten, im Hof und Garten, Küche und Keller wirthschaften, und die Tante an der Spitze; denn sie arbeitet wie ein Mann und hat die Wirthschaft und die Leute in fabelhafter Zucht und Ordnung. Man hat mir einen Einblick gegeben, wie alles im Hause eingetheilt ist und wie jeder seine Arbeit zugewiesen erhält. In dieser Woche hat Hannchen die Küche und Lottchen die Milchwirthschaft und die Nähereien, und selbst Martha, der Backfisch, hat sein Revier meist in der Kinderstube. In nächster Woche wechselt die Eintheilung wieder: Lottchen bekommt Hannchens Arbeit und umgekehrt Hannchen die Lottchens. Tante führt die Oberleitung und steht sogar oft dem Onkel bei; denn sie besitzt Kenntnisse und Verstand wie ein Landwirth. Sogar die kleinen Kinder helfen schon in ihrer Weise, indem sie ihre Sachen selbst aufräumen, sich unter einander beim Anziehen beistehen, im Garten oder der Küche kleine Dienste thun, kurz, wie kleine Sclaven schon ganz wacker ihre Kette nachschleppen. Du kannst denken, wie mir bei solchem Leben zu Muthe ist. Kennt man denn in diesem Hause keine besseren Beschäftigungen? Wo bleibt da Bildung und Sinn für edlere Dinge? Und von irgend welchem Vergnügen ist nie und nimmer die Rede. Heißt das Jugendglück, heißt das Lebensgenuß für ein junges Mädchen? O wie froh bin ich, daß ich anderes kennen gelernt, daß ich anders erzogen und aufgewachsen bin, als meine armen Cousinen, die mir schrecklich Leid thun würden, wenn sie nicht so äußerst zufrieden und froh in die Welt hinein blickten und nichts anderes wünschen. Aber wie ich es hier lange aushalten soll, das mag Gott wissen. Bedaure mich etwas, meine theure Franziska, und schreibe bald
Deiner Frida.«
Was Frida in großen Zügen ihrer Freundin mitgetheilt, das war allerdings Wahrheit. Der Geist, der dieses Haus beherrschte, war der Geist der Arbeit, und Jedermann schien sich dabei äußerst wohl zu fühlen. Frida freilich kam sich in dieser Welt unsäglich überflüssig vor. Ueberall war sie im Wege und fühlte sich einsam mitten unter den vielen Bewohnern des Hauses. Bisher war sie stets die Bewunderte und Tonangebende gewesen; ihre Freundinnen hatten ihr gehuldigt und geschmeichelt, der Vater alles gut und schön gefunden, was sie that, und ihr Wille wurde Gebot für das ganze Haus. Hier war sie ein Glied einer langen Kette, und niemand dachte daran, daß sie im Herzen andere Ansprüche machte. Der Vater hatte sie hergebracht, damit sie wie eine Tochter des Hauses in der Familie leben sollte, und wie eine solche wurde sie in dem Kreise aufgenommen und gehalten, gerade so und nicht anders, nur daß man eben keine Arbeiten von ihr verlangte. Aber Umstände machte man freilich auch nicht mit ihr. Ihr Zimmerchen lag neben dem von Charlotte und Hannchen. Es war eben so einfach, wie alles sonst im Hause, und Frida meinte zuerst, hier =könne= sie es nicht aushalten. Das verzärtelte Kind setzte zu Haus den Fuß auf weiche Teppiche, sowie sie das Bett verließ, und tausend zierliche und üppige Bequemlichkeiten umgaben sie, welche sie von jeher als etwas Selbstverständliches betrachtet hatte. Mit flinker Hand stand die Jungfer schon beim ersten Erwachen des jungen Dämchens bereit, ihre Dienste anzubieten, und ohne daß sie selbst es wußte war Frida ein unsäglich verwöhntes und verzärteltes Prinzeßchen geworden. Was Wunder, wenn ihr die so äußerst einfachen Zustände in dem Pächterhause als abschreckend und unerträglich vorkamen. Am ersten Abend hatten die Cousinen bereitwillig ihre Dienste angeboten, als Frida sich auskleidete; war es ja doch für die einfachen Mädchen ein wahres Fest, Frida's zierliche und elegante Toilette so Stück für Stück in der Hand mustern und bewundern zu können. Achtlos warf Frida all die kostbaren Dinge auf Stühlen und Fußboden umher, denn sie war nicht daran gewöhnt, selbst etwas aufzuräumen. Die Cousinen flogen eilfertig hierhin und dorthin zu ihrer Bedienung, räumten und ordneten, falteten und glätteten mit geschäftigen Händen, und Frida nahm ruhig alles hin, als gehöre sich das so. Endlich löste sie ihr reiches, blondes Haar auf, das die Jungfer ihr vor dem Schlafengehen stets sorgfältig kämmte und bürstete. Beim Losstecken desselben fielen einige Locken und Toupé's zur Erde, welche den hohen modernen Aufbau der Frisur noch höher und reicher gemacht hatten, wie es bei den jungen Modedamen so Sitte ist. Laut auflachend hob Hannchen diese Trophäen der Eitelkeit empor und hielt sie staunend in den Händen.
»Aber Frida, warum packst du dir denn solch' falsches Zeug auf deinen Kopf?« rief sie verwundert. »Du hast ja so schönes Haar; das fremde möchte ich nicht tragen, wer weiß, wer das auf dem Kopfe gehabt hat!« Frida nahm ihr die Dinge verdrießlich aus der Hand und sagte: »Das verstehst du nicht; in der Stadt kleidet man sich eben wie die Mode es fordert. Mein eigenes Haar ist mir oft sogar im Wege, fremdes frisirt sich viel besser. Aber hier freilich scheint es mir unnütz, denn wer soll mich hier frisiren?« Aergerlich griff sie bei diesen Worten zum Kamm und fuhr sich hastig und ungeschickt durch das lange, dichte Haar, da sie in Abwesenheit ihrer Jungfer dies Geschäft selbst machen mußte. Da es ihr aber nicht gelang, warf sie den Kamm verdrießlich wieder hin und wollte das Haar ungekämmt aufstecken. Sie verfitzte es dabei jedoch so arg, daß Lottchen endlich zugriff und rief: »O das schöne Haar! Warum verwirrst du es denn so? Soll ich es dir auskämmen, Cousinchen?«
Und flink huschte der Kamm bei den Worten schon durch das weiche Haar, was das junge Mädchen ruhig geschehen ließ.
»Mein Gott, warum Papa nur nicht wollte, daß ich meine Jungfer mitnahm!« klagte Frida verstimmt, »wie soll ich denn mit meiner Toilette allein fertig werden?«
»O wir helfen dir, liebe Cousine,« riefen die jungen Mädchen.
»Aber habt ihr denn keine Jungfer, die euch anzieht?« fragte Frida erstaunt, und ein schallendes Gelächter antwortete ihr.
»Eine Jungfer? Wir?« rief Lottchen belustigt. »Ja was sollten wir denn mit der? Wir machen alles selbst, und ich wüßte gar nicht wie spaßig ich mich dabei anstellen würde, wenn ich mich sollte in allen Stücken bedienen lassen. Seit wir erwachsen sind, Hannchen und ich, haben wir der Mutter alles abgenommen, im Hause und in der Wirthschaft. Vater hat einen sehr hohen Pachtzins zu zahlen, da müssen wir alle sparen helfen, und Gott hat uns ja gesunde Glieder gegeben, die arbeiten können. Unnütze Dienstleute kosten Geld; so haben wir jetzt auch für die Milchwirthschaft keine Mamsell mehr, sondern besorgen diese Geschäfte abwechselnd. Diese Woche bin ich an der Reihe, und wenn ich morgen früh um 3 Uhr aufstehe, um in den Kuhstall zu gehen, so erschrick nicht über die Störung; beim Melken muß ich dabei sein.«
»Was, um drei willst du aufstehen?« rief Frida entsetzt. »Das ist ja fürchterlich! Bist du denn da nicht den ganzen Tag nervös und müde?«
»Nervös niemals, ich weiß gar nicht, was das ist,« sagte Lottchen. »Müde jedoch bin ich natürlich oft rechtschaffen; aber das schadet nichts, da schläft sich's um so schöner. Und wenn man seine Arbeit hat, vergißt man die Müdigkeit. Ich denke, du wirst schon Gefallen am Landleben bekommen, und ich freue mich darauf, dir unsere sauberen Ställe zu zeigen mit dem schmucken Vieh; die schönen Milchkeller mit den vielen Milchschüsseln und Butterfässern und dann die anderen Wirthschaftsräume alle -- o ich sage dir, es ist eine wahre Lust, darin thätig zu sein. Um keinen Preis möchte ich unser Leben mit einem in der Stadt vertauschen, obwohl ich gar keine rechte Vorstellung habe, was ihr in der Stadt eigentlich treibt ohne Vieh und ohne Landwirthschaft.«
Frida verzog bei diesen Worten ihr Mündchen etwas höhnisch und zuckte mit den Schultern. »Jeder lobt sich seine Existenz als die Beste,« sagte sie herbe. »Für ein Leben, wie ihr es führt, müßte ich meinerseits nun wieder danken. Ich stürbe in den ersten acht Tagen dabei.«
Die Cousinen lachten herzlich und versicherten, es käme nur auf Gewöhnung an; Frida aber ließ sich innerlich schaudernd über solche Gewöhnung von Lottchen das gestickte Nachthemd überwerfen, und die Bewunderung über dies Kleidungsstück, das den jungen Mädchen etwas ganz Neues war, führte die Gedanken wieder auf andere Dinge. Das zierliche Nachthäubchen barg die vollen Flechten kaum, welche Hannchen bewundernd darunter schob, und die feinen, seidenen Pantöffelchen brachten Lottchen ganz in Ekstase.
»Du bist wie eine kleine Prinzessin im Märchen,« rief sie entzückt. »Solche reizenden Sachen habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen! Aber ich möchte sie nicht an mir haben; ich würde mich immer ängstigen, etwas davon zu zerreißen.«
»Nun was schadet das?« sagte Frida müde, »ewig kann man das Zeug doch nicht tragen, dann kauft man anderes.«
»Wir können das nicht, wir müssen sparsam sein und unsere Sachen lange tragen, sagt die Mutter,« erwiederte Hannchen. »Viel Kinder kosten Geld, für unsere Garderobe darf nicht viel ausgegeben werden. Aber bei unserm Leben hier auf dem Lande denkt auch niemand an Putz und Staat, das entbehren wir nie.«
»Aber kommt ihr denn nie in Gesellschaft oder auf Bälle und in Concerte?« sagte Frida.
»In Gesellschaft? O ja, zuweilen,« rief Lottchen stolz. »Pastor Werders und unsere Nachbarn in Hermsbach besuchen wir häufig, besonders an Festtagen, und das ist dann prachtvoll. Ich freue mich schon darauf, dich ihnen vorzustellen. Manchmal wird dann auch wohl ein Tänzchen gemacht, besonders wenn die Söhne in den Ferien da sind, jedoch wir Mädchen tanzen auch unter einander. Am schönsten aber ist's, wenn wir Geschwister unter uns sind, und Vater seine drei alten Tänze aufspielt, nach denen wir in der großen Unterstube tanzen. Du sollst nur einmal dies Vergnügen der Kinder mit ansehen; sogar unsere Mutter dreht sich da mit uns herum, wir lassen ihr keine Ruhe. Und nun kommt bald Kirmes, da tanzt das ganze Dorf und die ganze Umgegend unter unsern Linden. Das ist ein Fest, sage ich dir, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst. Unser Großknecht ist ein prachtvoller Tänzer; du sollst sehen, mit ihm tanzt sich's so schön, wie mit deinem trefflichsten Cavalier im Tanzsaal.«
»Ich soll mit euren Knechten tanzen?« rief Frida erschrocken, »thut ihr denn das?«
»Nun natürlich, das ist ja eine Ehre, die wir den Leuten nicht abschlagen dürfen,« entgegnete Hannchen. »Wir würden es aber auch selbst gar nicht entbehren mögen; denn auf den Kirmestanz freuen wir uns schon das ganze Jahr, es ist gar zu lustig.«
Frida schüttelte ungläubig den Kopf und war im Herzen außerordentlich indignirt über den Geschmack ihrer Cousinen. Mit den Knechten aber je zu tanzen, dazu sollte sie sicher nichts bewegen. Es wäre ja eine Schmach für das feine Fräulein, das sich bisher nur in aristokratischen Kreisen bewegt hatte. Aber sie behielt ihre Gedanken für sich und sagte ihren Cousinen gute Nacht, denn sie war müde von all dem Neuen, was sie umgab.
Als sie am andern Tage erwachte, hörte sie schon viel reges Leben im Hause, und doch war es für Frida noch eine so frühe Stunde, daß sie im Vaterhause sich noch ruhig auf die andere Seite gelegt hätte, um weiter zu schlafen. Hier jedoch fing der Tag früher an, wie sie merkte, und seufzend wickelte sie sich aus dem schweren Federbett heraus, das sie am Abend aufgenommen hatte. Aber mit welchem Seufzer dachte sie nun daran, daß sie sich ganz allein anziehen müsse und keine helfende Jungfer zur Seite habe. Jetzt erst merkte sie, wie verwöhnt sie war, und wie Recht ihre Stiefmutter hatte, welche ihr freundlich gerathen, ihren Anzug möglichst selbst zu besorgen und sich nicht von Anderen abhängig zu machen, was oft sehr unbequem werden könne. Ach jetzt =war= es entsetzlich unbequem, sie sah es wohl ein; denn fast weinend vor Verdruß gerieth sie mit Kämmen und Bürsten, Bändern und Haken und allen andern Gegenständen der Toilette in Krieg und Feindschaft. Endlich schaute Hannchens frisches Gesicht zur Thür herein.
»Gut geschlafen, Cousinchen?« rief sie fröhlich.
»Danke, leidlich,« erwiederte Frida verstimmt.
»Ich will dir bei der Toilette ein Bischen helfen, wenn du erlaubst,« fuhr Hannchen freundlich fort und griff gleich nach all den Gegenständen, welchen Frida Urfehde geschworen hatte. Aber freilich die Toilette einer eleganten Stadtdame war für Hannchen ein Buch mit sieben Siegeln. Fragend hob sie bald dies, bald jenes empor, dessen Zweck ihr fremd war, vor allem aber wußte sie mit den Chignons und Locken, welche Frida's Haarputz vervollständigen sollten, absolut nichts anzufangen.
»Wirf die Dinger in den Kasten, was willst du hier damit!« rief sie endlich, und Frida wußte auch keinen andern Rath. Dann schlang Hannchen das schöne Haar ihrer Cousine in zwei lange, glatte Flechten, wand dieselben einfach um deren Kopf und führte Frida nun triumphirend vor den Spiegel.
»Du siehst zum Verlieben hübsch aus mit diesem glatten Köpfchen!« rief Hannchen bewundernd; Frida aber mochte ihr Spiegelbild kaum eines Blickes würdigen, denn sie fand sich abscheulich. Was kam hier jedoch darauf an, wie sie aussah? Für diese altmodische, einfache Familie war sie gut genug, und selbst im Morgenrock noch zu elegant, und von ihren städtischen Bekannten sah sie ja zum Glück niemand in solchem Aufzuge.
Mit wahrem Hohn dachte sie jetzt an all die zierlichen, eleganten Anzüge, welche ihre hohen Koffer bargen, und die sie gar nicht auspacken mochte. Die waren freilich hier von Ueberfluß, das wußte sie jetzt und bedachte dies mit stillem Seufzen. Sie wählte unter all den schönen Dingen ein einfaches Kleid aus, das freilich immer noch viel zu elegant für dies Haus war, und folgte dann Hannchen zu den übrigen Gliedern der Familie.
Ihr Vater saß ganz behaglich mit Onkel Bremer in der Sophaecke und rauchte sein Pfeifchen, und Frida hörte voll Staunen, daß er schon seit zwei Stunden in Feld und Wald mit dem Schwager umhergestrichen war. Lächelnd nickte er seinem Töchterchen zu und rief: »Sieh da, Frida, wie schmuck und nett du heut aussiehst. Diese glatten Zöpfe sind hübscher als deine hohe städtische Frisur, das gefällt mir gut.«
Frida erröthete und Hannchen blickte triumphirend auf ihr Werk. Dann gingen die jungen Mädchen zum Frühstück, mit dem man auf Frida gewartet hatte, und alles begrüßte das neue Glied des Hauses mit einem fröhlichen »guten Morgen!«
Es war ein guter Geist, der in diesem Hause lebte, das sah und empfand Frida gar bald, und trotz allem, was ihr hier unerträglich erschien, fühlte sie sich durch den Zauber dieses Geistes schon in kurzer Zeit gefesselt. Wie lebendig und laut es auch oft um sie her war, nie hörte sie unfreundliche oder lieblose Worte, und selbst die unbändigen, kleinen Knaben gehorchten schnell und ohne Murren, wenn die Eltern oder die älteren Geschwister sie zurechtwiesen. Besonders schön aber war das Verhältniß zwischen den erwachsenen Töchtern und ihrer Mutter, und mit tiefer Beschämung gedachte Frida ihres Betragens im Vaterhause, wenn sie sah, mit welcher Verehrung und Liebe, welcher dienstfertigen Aufmerksamkeit Charlotte und Hannchen den Wünschen der Mutter entgegen kamen, und wie dankbar sie jede kleine Zurechtweisung aufnahmen. »Ja, es ist ihre rechte Mutter, mit einer Stiefmutter wäre es gewiß auch anders,« seufzte Frida wohl im Stillen, um sich selbst zu entschuldigen; daß sie sich aber auch gegen ihren Vater oft unartig und launisch betrug, obwohl es ihr »rechter Vater« war, das mochte sie sich kaum eingestehen.
Schon kurze Zeit nach ihrem Eintritte in das Haus ihrer Verwandten beklagte sich Frida bitter gegen Tante Marie über das Leid, das Papa ihr angethan, indem er wieder geheirathet hatte. Aber voll Verwunderung hörte sie, daß Tante Marie diesen Schritt des Schwagers vollständig billigte.
»Aber Tante, meine Mutter war ja doch deine Schwester; wie kannst du dich freuen, daß ihre Stelle durch eine Andere ersetzt worden ist?« rief Frida verletzt.
»Gerade weil ich meine Schwester so innig liebte!« entgegnete Tante Marie. »Könntest du deine theure Mutter selbst fragen, meine liebe Frida, so würdest du hören, wie glücklich es sie machte, ihren Mann wieder ruhig und zufrieden, ihre armen, kleinen Kinder in treuer Obhut, und ihre heranwachsende Tochter an der Seite einer erfahrenen, liebevollen Freundin zu wissen. Ich bin keine sentimentale Natur, mein liebes Kind, welche sich nur unpraktischen Wünschen und Gefühlen hingiebt, und obwohl ich recht wohl weiß, daß einem Manne nichts in der Welt die erste Jugendliebe ersetzen kann, und die Wunde, welche der Tod ihm da schlägt, ewig bluten wird, so bin ich doch der Ansicht, es ist sowohl für ihn selbst wie für seine jungen Kinder ein Glück, wenn er ein treues, weibliches Wesen findet, das ihm in Herz und Haus wieder Glück und Frieden bringt. Und wie ich deine zweite Mutter kenne, so ist sie ganz dazu geschaffen, das schöne Amt, das Gott ihr anvertraut, treu zu erfüllen. Und auch du, meine liebe Frida, wirst dich mit dem Gedanken aussöhnen, das weiß ich sicher, so traurig du auch jetzt den Kopf dazu schüttelst. Wäre Gertrud jung und unerfahren, so würde ich um deinetwillen die Wahl deines Vaters mißbilligt haben; denn einer fast erwachsenen Tochter muß der Vater keine junge Stiefmutter bringen, das thut nimmer gut aus tausend Gründen. Aber Gertrud könnte den Jahren nach ja deine eigne Mutter sein, und sie hat so viel Trübes im Leben erfahren, daß sie gereiften und ernsten Sinnes zu euch kommt. Vertraue ihr nur getrost, mein liebes Kind; du kannst keine bessere Freundin erhalten, als dein Vater dir in dieser zweiten Mutter gegeben hat.«