Drei Erzählungen für junge Mädchen

Part 20

Chapter 203,641 wordsPublic domain

Onkel und Tante waren überhaupt von einer Güte und Herzlichkeit gegen das verwöhnte Nichtchen, daß diese es nicht besser hätte wünschen können. Alle die kleinen Thorheiten des jungen Mädchens, das sich für etwas Besseres hielt und Hochmuth und Eitelkeit in Fülle kund gab, wurden von Allen im Hause ohne Empfindlichkeit und Verdruß hingenommen. An den einfachen, frischen Naturen Charlottens und Hannchens glitten Frida's Unliebenswürdigkeiten völlig ab, und bereitwillig spendeten sie der Cousine den Weihrauch, den diese beanspruchte, und bewunderten deren Talente und Kenntnisse, welche die ihren weit übertrafen. Aber wäre Frida weniger von sich eingenommen gewesen, sie hätte schon in den ersten Tagen ihres Landaufenthalts erkannt, was sie später recht wohl einsah: daß sie selbst trotz ihrer glänzenden Eigenschaften an wahrhaft innerer Bildung diesen ihren beiden Cousinen gar sehr nachstand. Je länger sie unter diesen Verwandten lebte, desto mehr dämmerte in ihrem Herzen diese Einsicht empor. Bald empfand sie, wie lächerlich und thöricht es sei, daß sie sich besser dünkte als Alle, und bald fing sie an, bescheidner aufzutreten und sich dem schlichten Wesen ihrer Umgebung mehr anzupassen, der alles fremd war, was Ueberhebung und Eitelkeit hieß. Wußten und verstanden doch ihre einfachen Cousinen tausend Dinge, von denen die kleine Stadtdame keine Idee hatte! Und wie fleißig waren sie und wie pflichttreu, was schafften diese Mädchen alles den Tag über, und wie nützlich waren sie dem Hauswesen, während sie selbst die Hände in den Schooß legte, oder ein Bischen las, schrieb oder musicirte, Dinge, mit denen sie nur sich selbst Nutzen brachte. In diesem Hause vergrub niemand das ihm anvertraute Pfund, sondern ein Jeder verwandte die ihm von Gott gegebenen Kräfte zum Wohle des Ganzen, still, anspruchslos und bescheiden, als etwas, das sich ganz von selbst verstand. Was war und wirkte sie dagegen, die sich so vortrefflich und so hoch über diesen Mädchen stehend erschien? Was hatte sie ihrem vereinsamten Vater, was ihren kleinen Geschwistern genützt, was dem Hause und allem, das ihr anvertraut gewesen? Hatte sie nicht immer nur an sich selbst und an ihr Behagen gedacht? Waren die Pflichten, die freilich allzufrüh auf ihre Schultern gelegt wurden, ihr nicht unerträglich gewesen, und hatte sie sich denselben nicht stets entzogen, so viel sie nur immer konnte? Ach sie mochte gar nicht daran denken, in welchem Zustande alles gewesen war, als ihr Vater die Stiefmutter in das Haus führte, -- was mußte diese von ihr gedacht haben? Und doch, welche Güte, welche Nachsicht hatte Gertrud ihr entgegengebracht; wie hatte sie stets alles zum Besten gekehrt, was Frida Thörichtes gethan, und wie hatte sie ihr diese Liebe gelohnt? -- Immer und immer kamen Frida solche Gedanken, wenn sie die thätigen, liebreichen und demüthigen Menschen beobachtete, von denen sie hier umgeben war. O es sollte anders werden! Auch sie wollte brav und tüchtig und ein brauchbares Glied ihres Hauses sein, wenn sie erst wieder bei den Eltern war, und Gertrud sollte sehen, daß sie auch gut und liebenswürdig sein könnte und dankbar für die ihr erwiesene Liebe.

So übte schon in kurzer Zeit der Segen eines harmonisch schönen, thätigen Familienlebens seinen wohlthätigen Einfluß auf das junge Mädchen aus, und mit Freuden bemerkten ihre Eltern diesen Wechsel, welcher mehr und mehr in den Briefen erkennbar wurde, die Frida in die Heimath sandte. »Laßt mich ja noch eine Weile hier, ich muß noch so viel lernen und es gefällt mir so gut!« so schrieb sie schon nach einigen Wochen nach Hause, und nur zu gern kamen die Eltern diesem Wunsche entgegen.

Und zu lernen hatte Frida allerdings noch so viel in dieser ihr völlig fremden Welt, daß sie noch Jahre hätte da bleiben können. Alles war ihr neu und unbekannt, die kleinen Kinder des Hauses wußten zehn Mal mehr Bescheid als sie, und ihre Unwissenheit, die sie stets offen bekannte, war häufig die Veranlassung zu großer Heiterkeit.

»Marie, kannst du ein Paar schöne Enten gebrauchen, die der Förster geschossen hat?« fragte Onkel Bremer eines Tages seine Frau.

»Geschossen?« rief Frida erstaunt, »warum schießt er denn die Enten vom Hofe weg, Onkel? Das kann er doch bequemer haben.«

Ein schallendes Gelächter vom Onkel war die Antwort; Frida meinte, der Förster habe nicht wilde Enten geschossen, sondern die zahmen des Hofes. Sie hatte in der Stadt ja nie andere gesehen und ebensowenig gegessen.

»O welch eine Menge schöner blauer Blumen!« rief Frida dann wieder, als sie an einem Flachsfelde vorbeiging und war höchst erstaunt, als sie erfuhr, daß ihr Leinenzeug eines Tages in Gestalt ebensolch blauer Blümchen auf dem Felde gestanden habe. Natürlich hatte sie auch keine Idee davon, wie die einzelnen Getreidesorten hießen, welche auf den Feldern standen, und der Onkel, der mit Leib und Seele Landwirth war, entsetzte sich vollständig, wenn Frida einen Spaziergang mit ihm machte, und den schönen Hafer bewunderte, wo sie Gerste vor sich sah, oder ein Roggenfeld für Weizen erklärte, und über die Unmasse schöner Kornblumen und Kornraden jubelte, welche unter dem Getreide standen und den Aerger des Landwirthes ausmachten. Von der Existenz und Anwendung landwirthschaftlicher Geräthschaften hatte sie ebenfalls keine Vorstellung. Eine Egge war für sie ein vollständiges Räthsel, und wie man eigentlich mit einem Pfluge arbeite, war ihr bisher auch noch ein Geheimniß gewesen. Als man Klee schnitt zum Futter für das Vieh, fragte sie ganz erstaunt, warum man die Thiere nicht lieber gleich in das Kleefeld trieb, damit sie sich da satt fressen, es sei doch viel einfacher; und verwundert sah sie zu, wie man den schmutzigen Dünger der Ställe sorgfältig aufbewahrte, statt das häßliche Zeug fortzuwerfen, da es so garstig roch. Das Waschen der Schafe vor der Schur erregte ihr höchstes Erstaunen, das Scheeren selbst aber konnte sie vor Mitleid mit den armen Thieren gar nicht mit ansehen.

In ganz entschiedener Feindschaft aber lebte sie tagtäglich mit dem Rindvieh, das ihr gleich in den ersten Tagen solche Furcht erregte, und doch war es an jenem Tage im Stalle angebunden. Welcher Schrecken aber war es für das arme Stadtkind, wenn sie mitten durch eine Wiese schreiten mußte, auf der Kühe und Ochsen frei weideten. Allein und ohne ihre Cousinen hätte sie es nie gewagt; aber auch in Begleitung richtete sie verzweifelte Blicke auf die gehörnten Ungeheuer, welche gar nicht daran dachten, sie zu belästigen, sondern ruhig grasend die dicken Köpfe auf und ab senkten. Wenn am Abend die Heerden in das Dorf hereinzogen, ein wahres Fest für die ganze Dorfjugend, da flüchtete Frida gewöhnlich furchtsam in's Innere des Hauses, damit nur ja keiner ihrer persönlichen Feinde etwa einen Angriff auf sie wagte. Alle Neckereien des Onkels und der Cousinen, aller Spott des ungalanten Hermann, nichts konnte sie bewegen, ihre Furcht abzulegen, und als sie nun gar einmal die Bekanntschaft eines Stieres gemacht hatte, der seiner Heerde dumpf brüllend vorauf schritt, den mächtig breiten Kopf tief zur Erde gesenkt, und mit den blutunterlaufenen Augen böse und drohend zur Seite blickend, da war es vollends aus mit ihrer Herzhaftigkeit. Sie behauptete, lieber einem Löwen allein im Felde begegnen zu wollen, als solchem Ungeheuer, und der kleine Hirtenbube, der dies furchtbare Geschöpf mit seinem langen Stock regierte, war für sie ein größerer Held, als Blücher oder Ziethen.

Der Onkel nahm Frida häufig mit sich hinaus auf''s Feld oder in Wald und Wiese, um ihre bodenlose Unkenntniß in allen landwirthschaftlichen Dingen einigermaßen zu heben. Da lernte sie denn nach und nach nicht nur die Früchte des Feldes, dessen Art der Bestellung und dergleichen mehr kennen, wovon ein Stadtkind in seinem Häusermeer keine Ahnung bekommt, sondern bald auch die einzelnen Bäume des Waldes, die Stimmen und die Gestalt der Vögel, die Insecten und Würmchen, welche Wald und Wiese beleben, und alle die tausend herrlichen Einzelheiten, welche sich dem beobachtenden Auge so unendlich mannigfaltig darstellen und den Genuß und die Freude an der schönen Gotteswelt erst ganz und voll machen. Es war ordentlich, als ob Frida jetzt erst recht sehen lernte, und der Onkel war ein trefflicher Lehrer, der mit Liebe und Sorgfalt beobachtete. Die Natur war seine Freundin gewesen von Kindheit an, und wenn er einerseits als tüchtiger Landwirth sich ihr praktisch in Dienst gestellt hatte, so versäumte er darüber doch nicht, auch für ihre schönen und idealen Seiten das Auge offen zu halten. Besonders für den Wald gewann Frida eine immer größere Vorliebe, je mehr sie an der Bildung von Stamm und Blättern die einzelnen Bäume von einander unterscheiden lernte. Buche und Eiche, Birke und Pappel, Erle und Esche, das alles waren für Frida bisher Bäume, von denen sie freilich gehört, und die sie auch wohl gesehen und gezeichnet hatte, die rechte Gestalt und Eigenthümlichkeit aber eines jeden Baumes, und wodurch man ihn schon von fern erkennen konnte, das lernte sie jetzt erst. Ihr Tannenbaum am Weihnachtsabend, der, wie sie jetzt lernte, eine Rothtanne oder Fichte war; da seine Nadeln nicht nach den Seiten, sondern rund um den Zweig herum standen, dieser war ihr fast allein der Bote aus dem fernen Walde gewesen. Wenn Frida sonst ja einmal in Gesellschaft ihrer Freundinnen eine Spazierfahrt in der Umgegend ihrer Stadt gemacht hatte und ein Stündchen in dem dortigen, schmalen Waldstrich verweilte, so gab es dann immer so viel mit den Freundinnen zu plaudern, so große Aufmerksamkeit auf ihre elegante Toilette zu verwenden, oder zierliche Gesellschaftsspiele vorzunehmen, daß sie über diesen Dingen alles andere vergaß, und es ihr gar nicht aufgefallen war, wie schön so ein Wald doch eigentlich sei. Sie begriff jetzt nicht, wie sie in der Stadt mitten unter lauter Häusern ohne ihre lieben Bäume und Wiesen und Felder sich so wohl befinden konnte, und Charlottes Worte am ersten Abend, worin sie das Landleben als das Schönste hingestellt hatte, was sie sich denken konnte, fing jetzt an, ihr verständlich zu werden.

Bei solchen Spaziergängen, sowie bei dem Umhertreiben in Hof und Garten war Frida im steten Kampfe mit ihrer eleganten, zierlichen Toilette, welche für solches Landleben, wie sie es hier führte, vollständiger Unsinn war. An jeder Hecke blieb sie mit den dünnen Falbeln ihres Kleides hängen; jeder Busch trug ein Zeichen, wenn die elegante, junge Dame mit ihren Spitzen und Frangen und Stickereien hindurch gekrochen war, und nie kam sie nach Hause, ohne sich irgend etwas zerrissen, beschmutzt oder sonst verdorben zu haben. Die Cousinen schlüpften in ihren kurzen, einfachen Kleidern rasch und unbehindert überall durch, ohne den geringsten Schaden zu leiden, während Frida mit ihrer langen Schleppe und den dünnen, bauschigen Stoffen unsäglichen Aerger und tausend Mühe und Beschwerde hatte. Brachte sie dann solch schmutziges oder zerrissenes Kleid nach Hause, da hing sie es, wie sie immer gewöhnt war, ruhig fort, ohne daran zu denken, daß es wieder sauber und ganz werden mußte. Mit Verwunderung sah sie dann, daß Tante Marie oder eine der Cousinen sich des armen Kleidungstückes annahm und es bürstete und plättete, stopfte und nähte, bis es wieder in Ordnung war. Und nun gar die dünnen Waschkleider, die sie so gern im warmen Sommer trug! Zu Hause hatte die Wäscherin der jungen Dame solch zierlich Kunstwerk stets fix und fertig überliefert, und die Jungfer sorgte für die tägliche Herstellung des Anzuges. Hier aber waren es wieder die Hände von Tante und Cousinen, welche diese Aufgabe übernahmen und oft einen halben Vormittag damit zubrachten, eine einzige dieser luftigen Hüllen auf dem Plättbrete wieder in Stand zu setzen, und diese zierlichen Falbeln und Striche, diese Ueberwürfe und Frisuren zu plätten und zu kniffen, welche Frida oft binnen einer einzigen Stunde in unbrauchbaren Zustand versetzt hatte. Ein Gefühl von Scham, wie es das verzogne Kind nie gekannt, kam bei solchem Anblick über Frida. Sie wollte den Cousinen die Arbeit abnehmen; aber sie hatte ja keine Ahnung weder vom Waschen, noch Plätten, noch sonst einer der häuslichen Arbeiten, in denen diese jungen Mädchen Meisterinnen waren. Bei Frida's Entschuldigungen lachten sie und behaupteten, es sei ein großes Vergnügen, solche allerliebste Sachen unter den Händen zu haben, so gut sei es ihnen noch niemals geworden. Aber jetzt wünschte Frida nichts sehnlicher, als einfache, derbe Kleidung, mit der sie unbehindert umherlaufen konnte, ohne ihrer Umgebung so viel unnütze Arbeit zu bereiten. Eines Morgens hatte sie einen ganzen Koffer mit ihren unpraktischen, eleganten Kleidern gefüllt und bat den Onkel, den nach Hause zu senden. Die Mutter aber flehte sie an, ihr so schnell als möglich einige recht einfache, derbe Kleider zu schicken, sowie auch feste Lederstiefeln; denn ihr zierliches Stadtschuhwerk sei schon nach einigen Wochen in völlig unbrauchbarem Zustande.

Und so wie Frida sich in diesen Dingen immer mehr ihrer Umgebung anpaßte, so auch in vielen andern. Manches, was ihr zu Hause als etwas Entwürdigendes erschienen war, und was man eben den Dienstboten überließ, das machte sie jetzt mit ihren eigenen, feinen Händchen selbst, ohne einen Anstoß daran zu nehmen; denn Charlotte und Hannchen, Martha und vor allem die Tante selbst, alle thaten ohne Zögern derartige Dinge. Wenn Frida sich das Kleid beschmutzt, Bänder und Haken abgerissen, oder die Schuhe bestäubt hatte, so litt sie es bald nicht mehr, daß Tante Marie Bürste oder Nadel für sie ergriff, oder Hannchen herbeieilte, die Schäden auszubessern. Fröhlich ließ sie selbst ihre Nadel durch die Stoffe fliegen und die Bürste über Schuhe und Kleider, ohne ihre Umgebung wie bisher zu bemühen, und bald fand sie auch Gefallen an allerlei häuslichen Arbeiten, in denen sie sich von den Cousinen unterweisen ließ. Zuweilen betrachtete sie dann wohl mit etwas sorglicher Miene ihre feinen Fingerchen, welche beim Kochen oder Plätten oder Früchte schälen bedenkliche Farben annahmen und rauhe Stellen zeigten. Aber lachend trösteten sie dann die Cousinen, und Frida selbst spottete endlich über ihre Eitelkeit, von der sie bisher tyrannisirt worden war, und in deren Banne sie gelegen hatte. Die Zeiten waren glücklich vorüber, in denen sie in Furcht und Angst vor der kräftigen Kost des Hauses gelebt hatte. Jetzt dachte sie nicht mehr daran, ob sie auch von den nahrhaften Gerichten, unter denen die Tische seufzten, wohl eine plumpe Taille oder zu gesunde Farben erhalten könne; ob auch ihre Hände verbrennen oder der Taint verderben werde, wenn sie ohne Handschuh hinauslief und sogar oft den schützenden Hut verschmähte. Tante Marie mußte sie jetzt sogar manchmal daran erinnern, sich der Sonne doch nicht zu sehr auszusetzen; denn Frida selbst vergaß häufig solche Sorgen, wenn sie sich auf der Wiese im frischen Heu lagerte, oder im Walde auf weichem Moosteppiche behaglich ihre Glieder streckte.

»Papa wird mich gar nicht wieder erkennen!« rief sie oft lachend, wenn sie ihr frisches Gesicht im Spiegel sah, das jetzt seine kränkliche Blässe und die bläulichen Ringe unter den Augen verloren hatte. Was aber ihre zierlichen Freundinnen dazu sagen, und ob sie vielleicht die Näschen über die einst so elegante Frida rümpfen würden, wenn sie zurück kam, kräftig und blühend wie eine volle, rothe Rose, das kümmerte das junge Mädchen wenig mehr; denn von diesen Thorheiten war sie so ziemlich geheilt. Auch überflüssig fühlte sie sich jetzt nicht mehr im Hause, wie im Anfange; denn sie half, wo sie konnte: bald in Küche und Garten, bald in der Schul- oder Kinderstube, wie sie es von ihren Cousinen sah, und der Segen der Arbeit machte ihr Gemüth heiter und sorglos. Ist man ja doch nie glücklicher, als wenn man mit sich selbst zufrieden sein kann, und das konnte Frida jetzt wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Eine große Befriedigung gewährte es ihr, daß sie Martha einigen Unterricht ertheilen konnte. Dies strebsame, junge Mädchen hatte große Lust am Lernen und doch im Dorfe selbst nicht viel Gelegenheit, und so unterrichtete Frida sie in neueren Sprachen, Musik und Zeichnen, worin diese vortreffliche Unterweisung erhalten hatte. Auch Hannchen und Charlotte nahmen Theil an diesem Unterricht, so viel ihre Zeit es eben erlaubte, und besonders die Musik vertrieb ihnen gemeinsam manche Stunde; denn die jungen Mädchen hatten helle, frische Stimmen, welche sich unter Frida's Anleitung ganz allerliebst entwickelten.

So lebte Frida behaglich, fleißig und glücklich von Tag zu Tage und von Woche zu Woche, und je länger sie hier im Hause verweilte, desto lieber war sie dort. Die große Welt, in die sie wieder eintreten sollte, kehrte sie nach Hause zurück, und von der sie mit so schwerem Seufzer geschieden, sie hatte kaum halb noch den Reiz, den sie früher auf das Gemüth Frida's ausgeübt, und wirkliche Sehnsucht fühlte sie nur oft nach ihrem Vater und den Geschwistern, ja, sie gestand es sich kaum selbst, auch nach Gertrud. Nach ihr freilich mit dem immer lebhafteren Wunsche, wieder gut zu machen, was sie einst Thörichtes gethan, und zu zeigen, daß sie auch brav und gut sein könne und nicht nur das eitle, hochfahrende Mädchen von ehemals.

Im Laufe der Zeit hatte Frida auch die andern Familien kennen gelernt, welche den Umgang der Familie Bremer bildeten, und wir kehren noch einmal zu den ersten Tagen zurück, welche Frida im Hause des Onkels verlebte und treten mit ihr in diesen Freundeskreis ein. Eines Morgens erschien in dem Wohnzimmer eine große, mächtige Männergestalt, deren frisches Gesicht von dichtem, weißen Haar umgeben war, und den man als den Herrn Pastor äußerst freudig begrüßte. Die kleinen Kinder hingen sich an seine langen Rockschöße, Hannchen schob ihm gleich Vaters großen Lehnstuhl herbei, und Onkel Bremer schüttelte ihm so gewaltig die große, breite Hand, daß sie ordentlich in ihren Gelenken krachte. Pastor Werder hatte ein breites, offnes Gesicht mit freundlichen, grauen Augen, und seine Art und Weise war so fröhlich, und mit jedem hatte er so viel Scherz und Neckereien, daß Frida ganz verwundert drein schaute; einen Landprediger hatte sie sich so ganz anders vorgestellt. Auch mit ihr fing er gleich ein heitres Gespräch an, und war so zutraulich und herzlich, als kenne er das junge Mädchen schon seit Jahren.

»Nun, Kinderchen,« sagte er dann zu Hannchen und Charlotte, »Sonntag Nachmittag kommt mein Justus, da bitte ich mir aus, daß ihr euch hübsch macht und die Pfarre von oben bis unten umkehrt. Mein Lenchen hat schon alle Blumen im Garten zu riesigen Sträußen und Kränzen gebunden, und die Mutter eine Unmasse Kuchen gebacken, alle Tische liegen voll davon. Meine morgende Predigt rettete ich gerade vom Untergange, als sie eben zu Butterpapier benutzt und unter einen prächtigen Zuckerkuchen gebreitet werden sollte. Ich glaube, der Just bringt seine beiden Zöglinge und einen Freund mit, da soll's um so vergnügter werden. Ich denke ja, die Hermsbacher werden auch alle kommen und wohl noch der oder jener aus der Nachbarschaft. Da sieht unser schönes, kleines Mamsellchen hier doch auch einmal, daß man auf dem Dorfe vergnügt sein kann; denn Kinder, das bitte ich mir aus, bringt euch alle Taschen voll Fröhlichkeit mit zur Pfarre.«

Diese Nachricht erregte große Freude. Justus war ebensosehr der Liebling aller, wie es sein Vater war, und ein Nachmittag im Pastorhause schien für jedermann ein Fest zu sein. Ein Sonntag auf dem Dorfe hat etwas gar Feierliches und Stilles, und als Frida am Vormittage ihre Cousinen und Onkel und Tante in die Kirche begleitete, stimmte die ganze Umgebung sie so festlich, wie es ihr an den Sonntagen im Vaterhause nie geschehen. Sie war ganz erstaunt, von dem alten, fröhlichen Geistlichen nun eine so gehaltvolle, schöne Predigt zu hören, welche tief zum Herzen sprach. Auch bemerkte sie, mit welch großer Andacht und Innigkeit die bäuerliche Gemeinde zu ihrem weißhaarigen Prediger emporblickte, und wie er von Jung und Alt geliebt und geehrt wurde. In der Stadt war Frida keine sehr eifrige Kirchgängerin gewesen; nur die Zeit ihrer Einsegnung machte eine Ausnahme. Aber auch von dieser schönen Zeit ward ein großer Theil durch Eitelkeiten und Thorheiten ausgefüllt, wie sie nur in so jungen Mädchenköpfen hausen können, denen keine ernste, liebevolle Mutter oder Freundin zur Seite steht, welche die Schlacken von dem edlen Metall sondert, das gerade in diesen ernsten Zeiten in die empfänglichen jungen Gemüther gelegt wird. Frida hatte eben niemand zur Seite, und so dachte sie bei den Vorbereitungen zu ihrer Confirmation eben so viel an den modernen Schnitt ihres neuen Kleides, an den schönen Schmuck und den Sammetpaletot, den Papa ihr geschenkt, und der die ihrer Freundinnen an Eleganz noch übertraf, als an die ernste, schöne Feier selbst. Diese bewegte dann ihr empfängliches Gemüth nichts desto weniger tief und innig und rief eine Fülle edler und guter Gedanken und Vorsätze in ihrer Seele wach. Kaum aber war diese ernste Zeit vorüber, so schlugen die Wellen des täglichen Lebens über ihrem Kopfe wieder zusammen; Rührung und gute Vorsätze klangen nur noch in leisen Accorden zu ihr herüber, und ohne gerade tadelnswerther zu sein, als hundert Andere ihres Alters, konnte man Frida doch durchaus kein musterhaftes junges Mädchen nennen. Aber als sie jetzt hier in der stillen Dorfkirche den Worten des alten Geistlichen lauschte, da zogen diese ernsten Gedanken auf's Neue durch ihre Seele. Eine Ahnung von dem, was ihr bisher gefehlt, schlich sich leise und unmerkbar in ihre Brust, und als sie die frommen, seelenvollen Blicke sah, mit denen ihre Cousinen an dem Antlitz ihres Seelsorgers hingen, da wußte sie, daß in diesen Gemüthern anderer Ernst und andere Frömmigkeit lebte, als jemals in ihrem eigenen. Aber noch lagen Herz und Sinn zu sehr in den Banden ihres bisherigen Lebens gefangen; noch mancher Tag gehörte dazu, ehe diese Einsicht ganz und voll in ihr wurde und noch manche Stunde stiller Andacht zu den Füßen des würdigen Geistlichen. Aber sie kam doch, und mit ihr eine Demuth und Bescheidenheit, wie man sie früher nie an dem jungen Mädchen gekannt hatte.

»O Tante,« sagte sie eines Tages leise, als sie neben dieser das Gotteshaus verließ, »o warum bin ich nicht früher zu euch gekommen, ich wäre ein besseres Mädchen geworden!«

Tante Marie drückte Frida's Hand voll Innigkeit und erwiederte sanft: »Zum Gutsein ist es keinen Tag zu spät, mein liebes Kind; wolle es nur ernstlich, dann kannst du's auch, dazu ist man nie zu alt.«

»Ja Tante, wenn du mir hilfst und ihr Alle!« sagte Frida bewegt. Die Tante aber nickte ihr ernst lächelnd zu, und von dem Tage an war ohne weitere Worte ein Bund zwischen Frida und der Tante geschlossen, dessen Segen dem jungen Mädchen immer fühlbarer wurde, je länger sie in diesem Hause lebte.