Drei Erzählungen für junge Mädchen

Part 15

Chapter 153,735 wordsPublic domain

»O wie wird mir so wohl, mir ist, als öffne sich mir der Himmel!« sagte sie begeistert und breitete die Arme aus; dann schloß sie die Augen und sank leise zurück. Eine selige Verklärung ruhte auf ihrem Antlitz; der Himmel hatte sich ihr wirklich geöffnet, sie schwebte empor zu der ewigen himmlischen Herrlichkeit.

Der Kummer des einsamen Gatten war so unsäglich tief und ergreifend, daß Agathe den eigenen Schmerz zu bekämpfen suchte, um den unglücklichen Mann trostreich zur Seite stehen zu können. Aber war sie allein, so stürzte Leid und Jammer um so mächtiger über ihr zusammen, und schluchzend kniete sie an der Hülle der lieben Verklärten, die ihr Freundin und Mutter geworden war. »O Gott, mein Gott!« betete sie inbrünstig, »was soll nun aus mir werden! Verlaß Du mich nicht; nimm mich in Deinen treuen Schutz, und führe mich gnädig weiter an Deiner Vaterhand. Allein bin ich nun wieder, allein und obdachlos; o nimm Du dich ferner der armen Waise liebend an!«

Und sie hoffte nicht vergebens. Wohl war jetzt ihres Bleibens nicht mehr in den bisherigen Verhältnissen; denn Herr von Menzel kehrte so schnell als möglich wieder nach der Heimath zurück, um die theure Hülle seiner Gattin in dem dortigen Erbbegräbniß der Familie beisetzen zu lassen. Aber ehe der Sarg der Verklärten geschlossen wurde, ergriff der Trauernde Agathes Hand und sprach mit tiefer Bewegung: »Meine liebe Agathe, Sie sind meiner Gattin theurer gewesen, als Sie glauben können. In Ihnen hat sie bis zu ihrem letzten Augenblicke eine treue Freundin und Tochter besessen. Welchen Trost auch mir Ihre Gegenwart gewährt hat, davon lassen Sie mich schweigen; aber es ist mir ein inniges Herzensbedürfniß, Ihnen zu zeigen, wie dankbar ich Ihnen bin und mein ganzes Leben hindurch sein werde. Ich glaube Ihnen davon einen, wenn auch nur geringen Beweis geben zu können, indem ich Sie bitte, mir die Sorge für Ihre weitere geistige Ausbildung zu überlassen. Sie wünschen sehr, Erzieherin werden zu können, das weiß ich, und Ihre schönen Anlagen befähigen Sie auch völlig dazu. Wollen Sie nun für ein Jahr als Zögling in das treffliche Erziehungsinstitut in Neufchâtel eintreten, um daselbst noch die letzte Ausbildung zu erhalten, so wird es mich freuen, einen Ihrer Wünsche erfüllt zu sehen. Alle Vorbereitungen zu Ihrer Aufnahme sind getroffen, und der Geistliche, Ihr würdiger Freund und Lehrer, wird Sie gern dahin begleiten, sobald Sie es wünschen.«

Agathe war wie in einem Taumel von Glück und Wonne. In demselben Momente, wo wieder alle schönen Hoffnungen entschwanden, und sie abermals angstvoll einer unsichern Zukunft entgegen blickte, stand sie am Ziele ihrer sehnlichsten Wünsche. Sie fand keine Worte, ihren Dank und ihre Freude auszudrücken; aber aus ihrem Auge leuchtete eine bessere Antwort, als der Mund zu geben vermochte. Ueber dem verklärten Antlitz der Entseelten reichte sie ihrem Freunde und Beschützer die Hand, und im stummen Danke zitterten ihre Lippen.

Herr von Menzel war abgereist, und traurig kehrte Agathe an der Seite des Geistlichen von dem Bahnhofe zurück, wo sie dem theuren Manne und seiner stillen, verklärten Begleiterin das letzte Lebewohl gesagt hatte. Der Geistliche hatte ihr gleich nach dem Tode der Kranken in freundlichster Weise angeboten, sein Haus in Genf und seine Familie für's Erste ganz als die ihrige zu betrachten, und Agathe hatte diese Zufluchtsstätte dankbar angenommen, bis sich eine andere Stelle für sie finden würde. Jetzt aber wünschte sie natürlich, sobald als möglich in jenes Pensionat einzutreten, und der Geistliche versprach schon andern Tages mit ihr nach Neufchâtel abzureisen.

Madame Reutin, die Vorsteherin der Anstalt, war von Agathe's Ankunft bereits unterrichtet und empfing das junge Mädchen mit großer Herzlichkeit. Agathe war eine der ältesten Pensionairinnen, und da Madame Reutin an den Schicksalen ihres neuen Zöglings großen Antheil nahm, und bald bemerkte, welchen Eifer dieselbe besaß, um sich möglichst viel Kenntnisse zu erwerben, so widmete sie ihr ganz besondere Aufmerksamkeit. Sie suchte das stille, sinnige Mädchen viel in ihrer Umgebung zu beschäftigen und zeigte ihr so viel Liebe, daß Agathe bald ihre Schüchternheit verlor und sich in den fremden Verhältnissen ungemein wohl fühlte. Der Unterricht war vortrefflich, und so reifte die begabte Agathe schnell zu einem geistig fein gebildeten Mädchen heran, welches nach Verlauf eines Jahres gar wohl befähigt war, die Stelle einer Erzieherin auszufüllen.

Herr von Menzel, mit dem Agathe in stetem brieflichen Verkehr war, bot ihr an, noch länger in der Anstalt zu bleiben, und Madame Reutin schlug ihr vor, die Stelle einer Hülfslehrerin zu übernehmen, da sie das sanfte Mädchen ungern von sich ließ. So entschloß sich denn Agathe, noch einige Zeit im fremden Lande zu bleiben, obwohl ihr Herz unbeschreiblich nach ihrer treuen Anne verlangte, welche ihr rührend zärtliche Briefe schrieb, zwar auf merkwürdig dickem Papier, und mit heftiger Verschwendung von Dinte, da die Buchstaben groß und gewaltig auftraten, und schwer zu entziffernde Hieroglyphen bildeten, aber nichts desto weniger die innigste Liebe und Anhänglichkeit aussprachen. Auch der Onkel und ihre Freundinnen aus der Pension schrieben Agathen fleißig, und jeder Brief erregte ihr so tiefes, gewaltiges Heimweh, daß nur der Wunsch nach fernerer Ausbildung sie noch von der Rückkehr in die Heimath abhielt. Ja Heimath, hatte sie denn überhaupt eine? Sie wußte ja gar nicht, wohin sie gehen sollte, verließ sie ihren jetzigen Aufenthalt. Dieser Gedanke hing sich immer wie ein Bleigewicht an ihren Wunsch, nach Deutschland zurück zu kehren, und sie hatte deshalb an Anne Sommer wie an ihre Freunde geschrieben, sich nach einer Stelle für sie umzusehen.

Fast zwei volle Jahre waren jetzt seit Agathes Abreise von Leipzig verstrichen, da erhielt sie eines Tages einen Brief von ihrer Freundin Fanny, welcher die frohe Kunde brachte von deren Verlobung mit einem jungen Gutsbesitzer. Mit dieser freudigen Botschaft aber verband sich noch eine zweite, welche Agathen betraf.

»Jetzt zu Dir, meine beste Agathe!« lautete Fanny's fröhlicher Brief. »Mein Bräutigam ist der älteste Sohn einer zahlreichen Familie, und seine beiden jüngsten Schwestern, Mädchen von 10 und 12 Jahren, können meiner Ansicht nach nicht länger ohne specielle Aufsicht bleiben. Auch ihr Schulunterricht scheint mir mehr als mangelhaft, was auf dem Lande freilich kein Wunder ist. Meine gute Schwiegermutter hat durchaus nichts dagegen einzuwenden, die jungen Springinsfelde unter die Zucht einer Erzieherin zu stellen, falls ich ihr eine verschaffen könnte, die, wie sie sagte, nicht gar zu störend in das Familienleben eingriffe. Sie hat etwas sonderbare Vorstellungen von allem, was Erzieherin heißt, und da ich sie von ihrem Vorurtheil gern kuriren möchte, so würde dies allein schon mich bestimmen, Dich, meine gute Agathe, dringend aufzufordern, diese Stelle bei meinen kleinen Schwägerinnen zu übernehmen. Tausend andere Gründe aber drängen sich außerdem noch herbei, um Dich mit Bitten zu bestürmen, vor allem meine grenzenlose Sehnsucht nach meiner liebsten Freundin. Komm, komm, so bald als möglich, meine Agathe; Du wirst von all' meinen Lieben mit offenen Armen erwartet und wirst Dich glücklich unter uns fühlen, dafür bürgt dir deine treuste Fanny.«

Ein Postscriptum fehlte dem Briefe nach junger Mädchen Art natürlich auch nicht; es lautete: »Uebrigens wirst Du Dich freuen, ein liebes, bekanntes Gesicht hier in unserer Nähe zu finden. Wem das aber zugehört, sage ich nicht; Du magst selbst kommen, es dir anzusehen.«

Das war denn allerdings eine so wundervolle Kunde, daß Agathe mit glühenden Wangen zu Madame Reutin eilte, ihr alles mitzutheilen und sie um Erlaubniß zur Heimkehr zu bitten.

Freudig willigte die gute Dame sogleich in Agathes Wünsche, und so ungern sie das brave Mädchen von sich ließ, so sehr freute sie sich doch andrerseits über die gute Wendung, welche deren Schicksal abermals genommen. Nicht ohne die tiefste Bewegung schied Agathe kurze Zeit darauf aus der Anstalt, wo ihr so viel Gutes zu Theil geworden, sowie aus dem herrlichen Lande, in dem sie eine reiche, glückliche Zeit verlebt hatte.

Achtes Kapitel.

Die Heimath.

In dem Herrenhause des Dorfes Schönfelde waren die jüngern Glieder der Familie seit dem frühen Morgen in großer Bewegung. Geschäftig liefen sie die breiten Treppen auf und nieder und hielten wichtige Zwiegespräche mit Gärtner und Stubenmädchen, die Kränze und Guirlanden aus den wenigen Blumen des Gartens zusammenwanden, welche die Herbstkälte noch übrig gelassen hatte. Bald thronte über der Hausthür ein mächtiger Kranz, in dessen Mitte das Wort »Willkommen« prangte, und frische Guirlanden umzogen die Thür des Wohnzimmers, in dem einige Kinder in großer Aufregung um ein blühendes, junges Mädchen versammelt waren, das sie mit Fragen bestürmten.

»Nicht wahr, Fanny, sie trägt keine Brille, wie die alte Fräulein Danton, Lucie Bülow's Erzieherin?« rief Marie, ein zwölfjähriges Mädchen.

»Und auch keine Schnupftabaksdose, nicht wahr?« setzte Hannchen hinzu, die jüngere Schwester. »Die Mama behauptet es.«

»Ob sie wohl Pferd mit mir spielen wird, Fanny? Ich will sie auch nicht so derb mit meiner Peitsche schlagen, als gestern den Anton; aber dann muß sie auch nicht heulen, wie der immer gleich thut!« rief der kleine Max und fuhr knallend mit der Peitsche durch die Luft.

»Ihr werdet's ja sehen, Kinder, macht mich doch nur nicht todt mit euren Fragen,« lachte das junge Mädchen. »Aber jetzt adieu; Friedrich fährt eben vor, und ihr wißt, die Pferde stehen nicht ruhig. Seid hübsch artig, daß meine liebe Agathe nicht gleich eine gar zu schlechte Meinung von euch bekommt. Adieu, adieu, ihr lustiges Corps!«

Fort flog der Wagen, in dessen Mitte das junge Mädchen fröhlich lachend thronte, noch lange gefolgt von dem gellenden Hurrah der kleinen Gesellschaft. Einige Stunden vergingen, und sie kehrte zurück, Freude und Glück in den lieblichen Zügen, denn an ihrer Seite saß die Freundin ihrer Jugend, unsere Agathe.

Was Fanny verheißen, das fand die Ankommende bestätigt. Offene Arme empfingen die neue Hausgenossin, gute treffliche Menschen hießen sie freudig in ihrer Mitte willkommen. Man kam ihr als der liebsten Freundin der Schwiegertochter mit Vertrauen und Herzlichkeit entgegen und dankte es ihr aufrichtig, daß sie die Erziehung der jüngsten Kinder zu übernehmen versprochen hatte, und so begrüßte man in ihr nicht die gefürchtete Erzieherin, sondern ein liebes, neues Glied der Familie. Agathe war unsäglich glücklich über solche Aufnahme; denn oft hatte ihr Herz gezittert, ob wohl die Erzieherin in dem vornehmen Hause auch gern gesehen und nicht vielleicht als fremder Eindringling behandelt oder gar als eine Art Dienstbote kalt und vornehm aufgenommen sein würde. Aber schon das Willkommen, das ihr von fern so freundlich entgegen leuchtete, sagte ihr, daß sie nichts zu fürchten habe, und all die guten, frohen Gesichter, welche sie umdrängten, sprachen gar wohlthuend zu ihrem zagenden Herzen. Frau von Wedell, die Herrin des Hauses, umarmte sie gleich beim Eintritt, und bald erschien auch der Gutsherr selbst, Agathen in einfach herzlicher Weise willkommen zu heißen.

Bald war die junge Erzieherin in dem Familienkreise heimisch, und nun begann ein Leben voll Lust und freudiger Arbeit. Mit regem Eifer machte sich Agathe an die Aufgabe, die ihr gestellt war, die Erziehung der beiden Mädchen Marie und Hannchen. Aber auch der wilde Max wurde von ihr mit Beschlag belegt, und den Fleiß ihrer Schüler belohnte die fröhliche junge Lehrerin gern damit, daß sie sich an den Spielen betheiligte, welche sowohl Max als die kleinen Mädchen in den Freistunden vornahmen. Ueberhaupt war Agathe jetzt so heiter und frisch, daß man das einst so traurige, blasse Mädchen gar nicht wieder erkannte. Frau von Wedell gestand lachend, daß sie freilich eine ganz andere Vorstellung von einer Erzieherin gehabt habe, da sie sich dieselbe nie anders als keifend und verbissen, und mit den wunderlichen Attributen einer alter Jungfer versehen, habe denken können.

Agathe hatte in der ersten Zeit die Freude, ihre liebe Fanny, die für einige Wochen zum Besuch ihrer Schwiegereltern gekommen war, im Hause zu sehen. Der Bräutigam war ein frischer, liebenswürdiger junger Mann, der im kommenden Jahre ein zweites Gut des Vaters bewirthschaften sollte, und mit Ungeduld dieser Zeit entgegen sah, da er alsdann seine Fanny als junge Frau daselbst einführen wollte.

»Aber das liebe, bekannte Gesicht, von dem du mir geschrieben, Fanny, wo ist das?« sagte Agathe bald nach ihrer Ankunft und spähte suchend überall umher. -- »Du hast doch nicht etwa meine alte Anne hierher entführt, da du weißt, sie schwärmt für Entführungen?« fuhr sie scherzend fort, denn im Stillen hatte sie jetzt keinen größeren Wunsch, als dies treue Wesen wiederzusehen.

»Nein, Agathe, die alte Soldatenfrau holen wir nächstens einmal auf ein paar Wochen zu uns; Leipzig ist ja nur drei Stunden von Schönfelde entfernt,« sagte Fanny, welche sich diese Erlaubniß schon von ihrer Schwiegermutter erbeten hatte, da sie wußte, welche Freude sie dadurch Agathen bereitete.

»Nein, mein Schätzchen, du mußt besser rathen!« fuhr sie neckend fort. »Giebt es denn gar kein liebes Gesicht mehr unter der Sonne, als das alte, verwitterte Antlitz deiner Frau Corporalin? Besinne dich doch!«

Aber Agathe besann sich nicht; sie wußte ja gar nicht, wohin sie ihre Gedanken wenden sollte. Sinnend blickte sie zum Fenster hinaus, das von schönen alten Linden beschattet wurde. Da schrak sie plötzlich zusammen, und ein Ausruf freudiger Ueberraschung kam über ihre Lippen.

»Fanny, ist das nicht unser Lehrer, Herr Lobner?« rief sie, auf einen Herren deutend, der eben in einiger Entfernung an dem Hause vorüber ging.

»Nun ja, erkennst du ihn wirklich?« lachte Fanny fröhlich. »Ich dachte schon, du hättest deine besten Freunde vergessen, du leichtsinniges Kind!«

»Aber wie kommt der hierher, liebste Fanny?« rief Agathe, freudig erglühend.

»Um deinetwillen nicht, mein Töchterchen, denn er hat von deinem Hiersein keine Ahnung,« neckte Fanny. »Er ist wohlbestallter Prediger im Pfarrdorf Schönfelde, und wird die Ehre haben, Seelsorger seiner einstigen, liebsten Schülerin von nun an zu werden. Wie gefällt dir das, Schätzchen?«

»Fanny, ist das wahr? Ist unser lieber, lieber Herr Lobner wirklich hier Prediger?« rief Agathe jetzt strahlend vor Freude und ergriff Fanny's Hand.

»Meinst du, er tauge nicht dazu? Nun dann geh morgen in die Kirche, und überzeuge dich selbst. Es ist Sonntag; um 9 Uhr hält er die Predigt,« sagte Fanny.

»Aber das ist ja herrlich!« jubelte Agathe, Fanny umarmend. »Wie ist das denn nur gekommen? Wer hat ihn denn hierher gezogen?«

»Nun Papa Wedell, dem er so gefiel, als er sich um die Stelle bewarb, daß er ihn auch ohne meine Fürsprache in die leerstehende Pfarre eingesetzt hätte,« rief Fanny. »Aber wie gesagt, daß er hier seine kleine, blasse Freundin aus der Pension ebenfalls in Amt und Würden finden sollte, davon hat er bis jetzt keine Ahnung. Der Anblick dieser Ueberraschung soll mein Lohn für all die Mühe sein, die ich mir um euch alle Beide gemacht habe.«

Wessen Freude über das Wiedersehen größer war, ob die Agathes oder die ihres einstigen Lehrers, wäre freilich schwer zu entscheiden gewesen. Die schelmische Fanny, der Herr Lobner seine Stelle verdankte, hatte demselben wirklich Agathes Ankunft verheimlicht, und kaum traute dieser seinen Augen, als ihm das junge Mädchen an der Seite ihrer Freundin entgegen kam.

Es war ein frohes Wiedersehen, und doch voll tief innerlicher Bewegung; denn an Agathe's Seele zog all das vorüber, was sie in der Zeit erlebt, welche zwischen jenem Abschiede in dem Zimmer des theuren Lehrers und dem jetzigen Augenblicke lag.

»Gott hat seine Hand wunderbar über Ihnen gehalten, liebe Agathe!« sagte der junge Geistliche freundlich, als das junge Mädchen ihm ihre Schicksale mitgetheilt hatte. »Ich hätte nicht geglaubt, daß mir so bald die Freude werden würde, Sie wieder zu sehen, und nun gar unter so erfreulichen Verhältnissen. Irre ich nicht, so haben Sie wie ich, Ihren jetzigen Wirkungskreis Ihrer gütigen Freundin zu danken, durch deren Fürsprache auch ich meine Stelle erhalten.«

Fanny wies allen Dank von sich und behauptete, sie habe nur aus purem Eigennutz sich für ihre alten Freunde verwendet; denn da sie selbst nun bald in der Nähe residiren werde, so wollte sie doch im Voraus schon für freundliche Nachbarschaft sorgen.

Jetzt begann eine so reiche, wundervolle Zeit für Agathe, daß diese Gott nicht genug dafür danken konnte, der sie in dies Haus geführt hatte. Ihr Wirkungskreis befriedigte sie täglich mehr und mehr; die etwas verwilderten Zöglinge gewannen unter Agathes milder und kluger Leitung sichtlich an gutem Betragen wie an Kenntnissen, und alle Bewohner des Hauses betrachteten die junge Erzieherin als liebes Familienglied. Mehrere Abende der Woche verbrachte Herr Lobner in der Familie des Gutsherrn, und diese Stunden waren für Agathe unschätzbar. Ihr einstiger Lehrer war ihr jetzt ein treuer Freund geworden, der ihr als kluger und besonnener Rathgeber in allen den schwierigen Fragen zur Seite stand, über welche ein so junges, unerfahrenes Mädchen bei der Erziehung verschiedenartiger Kinder zweifelhaft sein mußte.

Bald kam denn nun auch die alte, treue Anne Sommer in das Herrenhaus, und das war ein Fest nicht nur für Agathe, sondern auch für die ganze übrige Familie; denn jeder gewann die brave, wunderliche Alte lieb, und ergötzte sich an der Soldatensprache, wie an den handfesten Manieren derselben. Die Kinder besonders hingen wie die Kletten an ihrem rothen Frießrock und konnten nie müde werden, die prächtigen Geschichten anzuhören, die sie ihnen erzählte, und die stets von Krieg und Soldatenwesen handelten.

An ihrem Goldkinde Agathe hing die Alte, wenn es möglich war, noch viel zärtlicher, als früher, und die Freude über deren blühendes Aussehen, wie über das Glück, das aus ihren schönen Zügen sprach, machte sie ordentlich wieder jung. »Hätte das nur ihre arme Mutter noch erlebt,« sagte sie oft leise vor sich hin, »dann wäre sie ruhiger zum großen Appell gegangen, zu dem sie der große Kriegsherr im Himmel so zeitig abgerufen, die liebe Seele! Aber ihr Segen ruht auf dem Kinde, das ist sicher!«

Die Alte kehrte nach einigen Wochen wieder nach Leipzig zurück, doch blieb sie ein häufig wiederkehrender und immer gern gesehener Gast in Schönfelde. Die Nachrichten, die sie Agathen aus dem Hause des Onkels brachte, zeigten, daß dort noch alles seinen ehemaligen, stillen Fortgang hatte, bis auf eine große, erschütternde Begebenheit -- Bello war gestorben! -- Auf seinen rothseidnen Kissen lag er eines Morgens kalt und todt, und keine heiße Thräne seiner trostlosen Herrin konnte den geliebten Freund wieder ins Leben zurück rufen. Ein kleines Grab, von Blumen überdeckt, bezeichnete im Garten einer Freundin die Stelle, an welcher die geliebte Hülle ruhte. Noch vermochte kein Nachfolger seine Stelle zu ersetzen, und Agathe dachte mit Freuden daran, daß die alte, gute Cousine dadurch für einige Zeit eine lästige Arbeit weniger hatte.

In angenehmer Weise vergingen Agathen die langen Wintertage, und wieder schaute endlich der fröhliche Lenz zum Fenster herein und verkündigte seine Ankunft durch weiche Luft und duftende Blumenglocken, welche unter dem schmelzenden Schnee zum Vorschein kamen.

Aber mit der überall erwachenden Fröhlichkeit zog abermals eine Fülle neuer Freuden in das Herz unserer Agathe. Werfen wir einen Blick zum Fenster hinaus, und sehen wir die lange Kastanienallee hinab, in welcher die Baumzweige schon große, braune Knospen tragen, so zeigen sich uns zwei Personen, die still und schweigend neben einander gehen. Ihr Mund ist jetzt stumm, aber was er soeben gesprochen, das leuchtet noch wunderbar in den Augen der Beiden, welche mit unaussprechlicher Liebe auf einander blicken. Agathe ist soeben die Braut ihres Freundes und Lehrers, des braven Pfarrers Lobner geworden. Was damals schon die Seelen Beider verband, als Lobner von Agathe Abschied nahm und als einziges Andenken das kleine Schreibebuch von der Schülerin erbat, das war fort und fort lebendig in ihnen geblieben, und hatte nun, da sie sich auf ihrem Lebenswege so bald wieder begegneten, feste, dauernde Gestalt erhalten. Längst schon ahnten Beide, daß sie einander theuer waren; jetzt wußten sie es, jetzt gehörten sie einander für das Leben.

»Also das wäre mir geglückt!« rief Fanny, voll Freude in die Hände schlagend, als sie die Verlobung ihrer beiden Freunde erfuhr. »Ich bitte mir die Ehre der Anerkennung aus; mir kommt das Verdienst zu, euch Beide zusammen gebracht zu haben. Denn, meine liebe Agathe, nimm mir's nicht übel, allen Respect vor deinen Talenten in der Erziehungskunst, aber wahrlich, es war mir viel mehr darum zu thun, dich wieder in die Nähe unseres lieben Freundes Lobner zu bringen, als meinen kleinen Rangen von Schwägerinnen eine Erzieherin zu verschaffen. Deshalb hätte ich dich nicht so knall und fall aus der Schweiz hercitirt. Aber Gelegenheit macht Diebe. Mit meiner Pfarrerwahl war mir's so trefflich gelungen, nun fehlte nur noch eine nette, kleine Pfarrfrau dazu. Und wen hätte ich meinen neuen Herrn Pastor, sowie mir selbst besser dazu wählen können, als die Verfasserin jenes kleinen, ominösen Schreibebuchs, das in der Bibel unseres sehr ehrenwerthen Herrn Pastor Lobner seinen Platz erhielt, als das Heiligste, was besagter Herr im Besitz hat?«

Der glückliche Pfarrer zog seine erglühende Braut an das Herz; der schelmischen Fanny aber drohte er mit dem Finger und sagte lachend: »Warten Sie nur, Sie Schelm; das ist gewiß die Rache dafür, daß die schöne Tasse nicht mehr lebt, die eine leichtsinnige Schülerin mir einst als Andenken schenkte. Aber nur Geduld, jetzt werde ich die Scherben all' wieder zusammen suchen, und als ewige Erinnerung sollen diese Reste unter dem Bilde der Freundin aufgestellt werden, welches einst über dem Nähtischchen der jungen Frau Pastorin Lobner hängen wird«.

* * * * *

Wieder blühten die Rosen und Lilien in den Gärten, und die Linden neigten ihre vollen Blüthenbüschel zur Erde herab, gerade wie an jenem Tage, an dem einst Agathe verlassen und einsam in den Baumgängen Leipzigs dahinschritt, bis sie von den Armen ihrer treuen Anne umfangen wurde, und neue Freude und Hoffnung in ihr Herz einzog. Auch heute schaute das alte Gesicht der Soldatenfrau in die glänzenden Augen ihres Lieblings, und ihre rauhe Hand strich schmeichelnd über die zarte Wange des Mädchens. Aber Muth und Trost brauchte die alte, treue Seele ihrem Goldkinde heute nicht zuzusprechen, denn das reinste Glück spiegelte sich auf dem holden Gesicht derselben. Die blühende Myrthe schmückte Agathes dunkle Locken, und Brautkleid und Schleier verkündeten, daß der schönste Tag ihres Lebens gekommen war.

Man feierte in Schönfelde heut eine Doppelhochzeit; Fanny sowohl als Agathe sollten als junge Frauen in die neue Heimath einziehen, welche die Liebe ihnen bereitete. Es war ein schönes Fest, das die Familie feierte; denn trat Fanny jetzt als wirkliche Tochter in das Haus ihrer neuen Eltern, so zählte man auch Agathe durch die innigsten Herzensbande zu den Kindern des Hauses und freute sich, sie als die Frau des braven Predigers im Orte zu behalten.

Fanny hatte die Freude, von ihrer Mutter, welche ihre Tage in der Nähe der einzigen Tochter zu beschließen gedachte, an den Traualtar begleitet zu werden; aber auch Agathe stand nicht einsam. Der Onkel Niedrer war der Einladung Agathes gefolgt und führte die geliebte Nichte ihrem Gatten zu, und zu Agathes unaussprechlicher Freude gehörte auch Herr von Menzel zu den Hochzeitgästen, die Schönfelde beherbergte. Die Tante Niedrer freilich konnte es nicht über sich gewinnen, ihren Gatten zu begleiten; aber einige schöne Geschenke, welche sie Agathen schickte, zeigten doch, daß sie ihr vergeben hatte.